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Kategorie: Little Miss Itchy Feet

Bist du bereit? Ein Monat Volunteering in Uganda

„Bist du bereit?“ – Seit einer gefühlten Ewigkeit hat mir die so betitelte Datei vom Download-Ordner meines Macs entgegen gestarrt. Ab und an habe ich sie angeklickt, fast schon schüchtern die…

„Bist du bereit?“ – Seit einer gefühlten Ewigkeit hat mir die so betitelte Datei vom Download-Ordner meines Macs entgegen gestarrt. Ab und an habe ich sie angeklickt, fast schon schüchtern die Zeilen gelesen. Beinahe so, als hätte ich Angst gehabt, dass mir dort die Antwort ins Gesicht springen und höhnisch schreien würde: „Bereit, du? Dass ich nicht lache!“

Dabei sind sie gar nicht da, um mich zu prüfen. Die Zeilen sollten mich vielmehr auf mein nächstes Abenteuer, mein nächstes Projekt vorbereiten: Ein Monat in Uganda. Ziel sind weder die Nebelberge noch die Safari zu den wilden „Big 5“, nicht der Nil-Ursprung oder die verrufen gefährlichen Motortaxis in der Hauptstadt Kampala. Obwohl ich all das vielleicht auch sehen und erleben werde. Mein Ziel ist ein kleines Dorf im Bezirk Luweero im Zentrum des Landes, wo ich für die Organisation Karmalaya der ehemaligen österreichischen Reisejournalistin Tina Eder tätig sein werde.

Schwer fällt es mir, darüber zu schreiben, was ich dort tatsächlich ein Monat lang tun werde. Noch schwerer fiel es mir bisher, die neugierigen Fragen meiner Freunde, Familie und Bekannten zu beantworten. Irgendwie kam nur kryptisches Gestotters heraus. Dabei habe ich mich doch nicht leichtfertig darauf eingelassen, habe ja das Voluntourismus-Projekt Karmalaya schon seit Jahren im Visier. In Nepal haben sie schon zahlreiche Freiwilligen-Projekte auf die Beine gestellt – und seit diesem Jahr sind sie auch in Uganda tätig.

So komplex ihre Projekte auch sind, so einfach sind die Eckdaten meiner Tätigkeit: Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen (Kommen welche? Afrika ist ja derzeit – Ebola und Unwissenheit sei Dank – nicht auf der Reise-Bucket-List von Herrn und Frau Österreicher) baue ich für die nächsten zwei Wochen ein Lehmhaus für Sarah und ihre acht Kinder. Dass Sarah HIV-infiziert ist, das habe ich anfangs wohl aus Selbstschutz überlesen: Meine Tante ist vor Jahren in Österreich dem AIDS-Virus erlegen, und allein der Gedanke an die Krankheit ist für mich seit jeher Tabu und altbekannt Vertrautes zugleich. Immer wieder kriechen die Gefühle in mir hoch, wenn ich mich daran erinnere, wie meine – hochintelligente – Tante zum Schluss nur noch wirres Zeug von sich geben konnte. Ihren körperlichen Verfall hab ich kaum erlebt, die Szenen, wie meine Eltern sie völlig verstört aus der verdreckten Wohnung, in der sie sich verbarrikadiert hat, holen mussten, habe ich nicht live miterlebt. Auch sonst haben mich Mama und Papa in meiner damaligen Teenagerzeit vor der Konfrontation geschützt. Manchmal wünschte ich mir, sie hätten es nicht getan. Vielleicht wäre ich dann besser auf das vorbereitet, was mich jetzt in Uganda erwartet. Sarah ist bettlägerig, es geht ihr schlecht… sie wird wohl nicht die Einzige sein, die mir das Thema ins Gesicht drücken wird.

KALiARE FEE Lydia_shorter

Nach den zwei Wochen Arbeit und nach einigen Tagen auf Safari (Yeah!) werde ich noch bei anderen Projekten von Karmalaya in Luweero mithelfen: Dort haben Tina und ihr Mann Matthias gemeinsam mit der ugandischen Partner-NGO „Hope“ nämlich einiges vor. Im November haben sie in einem TEDx-Talk ihre Produktlinie KALiARE – empowerment products gelauncht. Derzeit sind schon die erste Reihe von zwei Halsketten in der limitierten Auflage von insgesamt 1.000 Stück auf dem Markt. Benannt nach den ersten Frauen, die dadurch unterstützt werden: Margret und Lydia. Zwei Frauen, die ich wohl in Uganda kennen lernen werde. Ihnen bringt der Verkauf nicht nur für ein Jahr ein Einkommen, er ermöglicht auch, das Projekt weiter voranzubringen, mehr Frauen zu fördern. Die Einnahmen fließen zu 100 Prozent in die integrierte Initiative. Langfristig soll sie sehr vielen Frauen in Entwicklungsländern eine Zukunft geben, so der Plan von Karmalaya. Neben fairen Löhnen, Rücklagen und einem dreijährigen Bildungsprogramm wird durch den Verkauf der Halsketten unter anderem auch ein Child Care Center und der Bau eines Community-Centers  in Uganda finanziert. All das liegt nah beieinander, ist Teil eines Ganzen – und all das ist im nächsten Monat meine Welt.

 „Reise lieber mit der aufgeschlossenen Haltung, dass du im Land bist, um zu lernen, als engstirnig zu denken, dass du „nur“ gekommen bist, um zu helfen.“

Dieser Satz steht im Verhaltenskodex für Volunteers, den mir Karmalaya ebenfalls geschickt hat und den ich unterschrieben habe. Ich muss ihn mir gar nicht oft vor Augen halten. Mir ist klar, dass ich zwar finanziell – die Mittel meiner Reise fließen in den Hausbau und die anderen Projekte – und auch manuell unterstützen werde, aber märtyrerartiger Gutmensch bin ich keiner. Immer wieder fallen mir Sätze von ehemaligen Fachkräften ein, die von meiner früheren Arbeitsstätte HORIZONT3000 in Länder des Südens geschickt wurden, um „Entwicklungszusammenarbeit“ zu leisten. Sie alle haben uni Sono erzählt, dass die ersten Wochen, ja, Monate nur aus Zuschauen, Beobachten, Abwarten, Ideen-Aufschreiben und wieder Verwerfen bestanden haben. Dass das die wichtigste Zeit war, weil sie dabei so viel gelernt haben – vor allem gelernt haben, ihre vorgefassten Meinungen und die unterschwellig in uns liegenden Bilder vom „allwissenden WestlerIn“ über Bord zu werfen. Genau das wünsche ich mir. Genau danach sehne ich mich gerade jetzt. Dass ich durchlässig und offen bin, ehrlich genug, mich erfolgreich diesem Wirrwarr aus Angst, Traurigkeit, Freude, Hoffnung und Enttäuschung zu stellen und das Lernen daraus mitzunehmen. Dass ich einfach Mensch sein kann, dem andere begegnen und der anderen begegnet – auf Augenhöhe.

Bin ich bereit? Ich merke deutlich, wie jeder Versuch, meine Antwort in Worte zu fassen, scheitert. Scheitern muss. Denn sie wird wohl jede Minute anders ausfallen. Nicht nur in Uganda, schon jetzt, während ich so mit gepacktem Koffer auf dem Flughafen Wien sitze und auf meinen Flieger warte. Bereit oder nicht, mein Abenteuer hat schon längst begonnen.

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Reisen, die Sehnsucht nach dem Leben

„Ich habe noch ein Zimmer frei.“ In manchen Situationen hören sich diese Worte wie eine Zauberformel an. Eine, die das Glück verspricht. Eine, die die Rettung bringt. Ich befinde mich…

„Ich habe noch ein Zimmer frei.“ In manchen Situationen hören sich diese Worte wie eine Zauberformel an. Eine, die das Glück verspricht. Eine, die die Rettung bringt. Ich befinde mich gerade in einer solchen Situation. Es ist sechs Uhr morgens. Ich bin mit dem Nachtbus aus der brasilianischen Stadt Salvador ins abgelegene Vale Do Capão gereist, um im Nationalpark Chapada Diamantina zu der Ruhe zu finden, die man in Brasilien zur Zeit des Karnevals besonders suchen muss. Hier bin ich wohl richtig: Die Straßen sind menschenleer, nur ein paar Hunde streunen an mir vorbei über die Schotterwege. Mich zieht es schnurstracks zu der Herberge, in der ich ein Bett reserviert habe. Allein vom Besitzer fehlt jede Spur. Ich klopfe an sämtliche Türen, frage halb wache Gäste um Rat und klingele die Nachbarin aus dem Bett. „Er wird noch schlafen.“, so die lapidare Erklärung. Die hilft mir aber im Moment wenig. Ich möchte nach fünf Stunden mühsamer, holpriger Busfahrt nur in ein Bett.

Da kommen diese magischen Worte gerade recht. Wie in Trance steige ich zum bärtigen Brillenträger mit grauem Kraushaar, schlabbrigem Spagettihemd und kurzer Trainingshose in den verbeulten Kleinwagen. „Wohin geht’s denn?“, frage ich noch, schon ruckeln wir über die Sandstraße auf einen kleinen Hügel. Die Überraschung ist groß: Ein Zimmer ist frei? Nein, kein Zimmer, ein gemütliches, kleines Lehmhaus – eines von mittlerweile neun, das der gebürtige Salvadorianer Zeu, so heißt der Bärtige, in den Hügeln über Capão gebaut hat.

Als ich wenige Minuten später im Bett meines temporären Zuhauses liege, strömen eine Wärme und satte Zufriedenheit durch meinen Körper. Ich bin angekommen! Es sind Momente und Erlebnisse wie diese, in denen ich spüre, im Fluss zu sein. In denen ich darauf vertraue, vom Leben getragen zu werden. In denen ich merke, dass alles einen Sinn ergibt und die Dinge passieren, die passieren sollen. Momente und Erlebnisse wie diese sind ein Grund, warum ich reise.

„Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben.“, beschreibt der deutsche Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky treffsicher meinen Drang, den ich mit 5,4 Millionen Österreicherinnen und Österreichern teile. 76,2 Prozent der Bevölkerung sind 2012 zumindest einmal im In- oder Ausland unterwegs gewesen und somit dieser Sehnsucht gefolgt, die 1336 zum ersten Mal literarisch erwähnt wurde. Damals berichtete Francesco Petrarca von einer Besteigung des Mont-Ventoux und traf damit buchstäblich ins Schwarze, ist das Wort „reisen“ doch mit dem Althochdeutschen „risan“ und dem englischen Verb „to rise“ verwandt, was soviel heißt wie: Sich erheben oder aufstehen.

Es ist eine Bewegung, die eine gewisse Anstrengung bereits in sich trägt. Wie viel Energie es kostet, eine gewohnte, gemütliche Position zu verlassen, den Allerwertesten hochzukriegen und aufzustehen, das merken wir Tag für Tag. Morgens nämlich, wenn der Wecker klingelt und wir die Wärme des Betts gegen die Hektik des Alltags eintauschen (müssen). Nicht anders ist es beim Reisen, verlangt doch ein Ortswechsel neben dem nötigen Kleingeld und der Zeit eine gehörige Portion Überwindung. Von der ersten Idee über die Vorbereitung, das Packen bis zum tatsächlichen Unterwegssein, ja, selbst das Heimkommen – bei allem müssen wir planen, tun, machen, aktiv sein.

Und doch hat schon vor über zweitausend Jahren die bürgerliche Elite des alten Roms die Mühe auf sich genommen, sich aufzumachen ins Unbekannte, dort eine Zeit zu verweilen und schließlich wieder in die Heimat zurück zu kehren. Soviel sich seither auch verändert hat, zuhause bleiben möchten die meisten von uns noch immer nicht. Im Gegenteil: Tourismus hat sich zum drittgrößten Wirtschaftszweig der Welt entwickelt. Wachsenden Freizeitbudgets, finanziellen Ressourcen, internationalen Verkehrsanbindungen sowie Reiseanbietern sei dank. Reisen gehört mittlerweile zum guten Ton, vor allem für diejenigen, die es zu Hause so schön haben „wie im Urlaub“. Anders als in unterentwickelten Ländern reisen wir in Europa, Nordamerika, Australien oder Japan meist nicht, weil wir müssen, sondern weil wir können. Da lautet die Frage weniger, ob man unterwegs ist, sondern eher wohin es diesmal geht. Je weiter, je exotischer, je ungewöhnlicher, desto besser. In der Ferne locken die Vorstellungen von günstigen Preisen, freundlicherem Menschen, sonnigerem Klima – und überhaupt ist im Ausland alles besser als das, was wir im Alltag finden. Doch es sind nicht diese Reize, die uns in die Ferne ziehen, behauptete der Gesellschaftskritiker Hans Magnus Enzensberger 1958 in seiner „Theorie zum Tourismus“, wir fliehen vor der Unerträglichkeit unserer eigenen Lebensumstände. Die boomenden Last-Minute-Angebote scheinen ihm auch heute – über 60 Jahre später – teilweise recht zu geben: Wohin es geht, ist nicht wichtig. Wir folgen der Sehnsucht, „raus“ zu kommen – aus unserem Alltag, aus unserer Routine.

„Im Reisen befriedigen wir unseren Drang, der Gewohnheit zu entfliehen. Sie birgt die Gefahr, das Außergewöhnliche mit der Zeit für selbstverständlich zu nehmen.“, beantwortet der Philosoph und Schriftsteller Alain de Botton in seinem Buch „Kunst des Reisens“ die Frage nach dem Sinn des Unterwegs seins, die Kritiker seit Beginn des Massentourismus beschäftigt. „Der erste Kuss, das erste Mal Autofahren – dieses unfassbare Gefühl von Freiheit – , die erste eigene Wohnung – die Gewöhnung an die Wunder des Alltags macht das Wunder selbst ordinär. Daher bietet das Reisen die Kehrseite unseres all zu vorhersehbaren Daseins auf dieser Welt.“ Wie recht er hat, das weiß jeder, der schon einmal unterwegs war. Auch wenn die Zeit der abenteuerlichen Entdeckungsreisen vorbei ist und selbst die abgeschiedensten Ureinwohner-Völker im Amazonas bereits besucht werden können, ist Reisen heute ebenfalls nichts anderes als ständig über Neues zu staunen, sich an die Außergewöhnlichkeit vieler Dinge zu erinnern und unzählige erste Male zu erleben. Die erste Nacht im fremden Bett. Das erste Probieren der lokalen Speisen. Der erste Spaziergang durch unbekannte Straßen – Premieren wie diese verändern unsere Wahrnehmungen, fordern uns heraus, alt eingesessene Bilder durch unsere – subjektive – Wahrheit zu ersetzen. Sie lassen neue Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen entstehen und ein Lernen stattfinden. Oder um es mit Anatole France zu sagen: „Was ist Reisen? Ein Ortswechsel? Keineswegs! Beim Reisen wechselt man seine Meinungen und Vorurteile.“ Vorausgesetzt, wir sind wachsam. Vorausgesetzt, wir lassen es zu. Vorausgesetzt, wir lassen uns darauf ein.

Letzteres ist die große Herausforderung von heute. In keiner anderen Zeit waren wir so viel unterwegs, in keiner anderen Zeit war die Welt so klein wie heutzutage. Wir haben konkrete Vorstellungen von Ländern und Völkern. Wir glauben, sie zu kennen, weil wir wissen, wo sie liegen und wie sie heißen. Weil die USA via Fernseher näher sind als so mancher Nachbar und weil der Chat mit dem thailändischen Bekannten schneller initiiert ist als ein Gespräch mit dem eigenen Partner. Wir machen es uns mit den Abziehbildern und Beschreibungen anderer bequem, buchen Pauschalreisen sowie Cluburlaube und trotten lieber einem deutschsprachigen Reiseleiter hinterher, als uns mit Händen und Füßen verständigen zu müssen und vielleicht vom Weg abzukommen. „Ein Problem des modernen Reisens ist, dass der Gedanke an eine spontane Entdeckung stark gefährdet ist, weil man alles auf einer Webcam oder in einer Broschüre sehen kann, bevor man überhaupt dort hinfährt.“, meint de Botton und zeigt damit ein Paradoxon auf: Ja, wir wollen Aufregung, aber bitte nicht zu viel davon. Wir wollen Fantastisches finden, aber geplant und kalkuliert auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Wir wollen die Welt erkunden, aber ohne auf das Bekannte zu verzichten. Dann suchen wir Schutz in unserer eigenen Sprache, dem heimischen Essen und der eigenen Bräuche wie sie bei geführten Reisen oft zu finden sind. „Statt sich im Unbekannten zu finden, zahlen Urlauber Geld, um Überraschungen aus dem Weg zu gehen“, formulierte es der Bestsellerautor Ilija Trojanow plakativ, „der Sinn des Reisens ist auf den Kopf gestellt: anstatt sich der Fremde und den Fragen in der Fremde auszusetzen, zahlt man Geld, um ihr aus dem Weg zu gehen. So bleibt das Gefühl der Befremdung auf der Strecke, das Gefühl, sich zu verlieren, das Gefühl, nicht zu verstehen, das Gefühl, nackt zu sein. Es entschwindet die existentielle Überraschung“, meint Trojanow.

Doch so gut wir planen, so geschickt wir unsere eigenen Unsicherheiten austricksen wollen – es wird auf Reisen passieren: Das Unerwartete, das Überraschende, das, nach dem wir uns oft unbewusst so sehnen. Es geschieht in Form eines Busses, der nicht kommt und einen zwingt, seine Pläne über den Haufen zu werfen. Es geschieht, wenn man die vorgefertigten Routen aus dem Reiseführer verlässt und sich in den Gassen der Stadt verirrt. Es geschieht, wenn man – wie ich – der Einladung eines Fremden folgt und in einem Lehmhaus mitten im brasilianischen Tal de Capão landet, das einem die Ruhe bietet, von der man geträumt hat. „Es ist das Unerwartete, das betört“, beschreibt Trojanow diese Momente, die sich in unsere Herzen brennen und von denen wir noch lange zehren, „die meisten Reisenden kehren mit eigenwilligen Schätzen heim – mit scheinbaren Nebensächlichkeiten. Und plötzlich ist ein Zauber spürbar, den keine Planung und kein Angebot bereithalten können.“

Sich treiben lassen nennen einige diese Differenz zwischen Plan und Wirklichkeit nach der wir uns so sehnen. Freiheit nennen es andere und meinen damit eine Freiheit, die alles Bekannte auf den Kopf stellt und umwirft, was man für selbstverständlich hält. Es ist eine Freiheit, die wir in All-Inclusive-Clubs nie finden werden und die in engen Zeitplänen zwischen Job und Haushalt, Schwiegereltern und Kindern oft keinen Platz hat. Es ist aber auch eine Freiheit, die anstrengt, weil sie von uns verlangt, immer wachsam und aufmerksam zu bleiben. Um sich zurecht zu finden, um in der Fremde nicht über den Tisch gezogen zu werden, um die Eindrücke zu verarbeiten. „Das ist nicht selten eine Herausforderung und nicht immer angenehm“, sagt de Botton in einem Interview, „doch eine echte Reise muss wirken, muss beschäftigen und zum Nachdenken über Gott und die Welt anregen. Sie soll keine Erholung bringen, nicht beruhigen und einlullen. Einer der fantastischen Aspekte des Reisens besteht für mich darin, dass die eigenen Klischees infrage gestellt oder zumindest nuanciert oder ergänzt werden.“

Es sind nicht nur die Meinungen über die Außenwelt, über die Anderen, die wir auf Reisen über Bord werfen dürfen. „Der kürzeste Weg zu sich selbst
 führt um die Welt herum.“, lautet ein Zitat von Hermann Keyserling und beschreibt ein großes, wenn auch oft unbewusstes Ziel der meisten Reisen: Man fährt eine Woche irgendwo hin, kommt zurück und alles ist anders. Man selbst ist anders. Tatsächlich birgt jede Reise die Chance, inne zu halten, sich selbst zu beobachten und so ein Stück weiter bei sich anzukommen. Unterwegs (er)leben wir alles intensiver, Glück und Unglück sind oft nur Sekunden voneinander getrennt: Da stehen wir in einem Moment staunend vor einem Weltwunder wie dem Taj Mahal und sehen kurz darauf halbnackte Bettler, die Essensreste von der Straße klauben. Wie reagieren wir, wenn in Bolivien wieder einmal kein heißes Wasser vorhanden ist oder der Strom stundenlang ausfällt? Wie gehen wir mit dem Müll um, den die Beduinen in der jordanischen Wüste zurück lassen? Wie fühlen wir uns, wenn uns in Indien jede noch so arme Familie zu sich nach Hause einlädt? Erlebnisse wie diese lassen uns demütig werden und konfrontieren uns mit unseren Grenzen. Je mehr wir sehen und erleben, desto eher wissen wir, wer wir sind, was wir vom Leben wollen, was uns wichtig ist und was wir brauchen, um glücklich zu sein. Und doch wäre es ein Trugschluss, zu glauben, dass jedes Unterwegssein automatisch verändert. Ganz im Gegenteil: „Reisen garantiert keine innere Wandlung, und ich denke, das ist eins der Paradoxe des Reisens“, bringt es de Botton auf den Punkt, „mitunter trifft man Menschen, die nicht viel gereist sind. Aber was sie dabei gesehen haben, hat sie sehr verändert. Im Gegensatz dazu gibt es auch weit gereiste Menschen, die in ihren Beobachtungen fremder Orte und Menschen völlig banal sind.“

Dabei ist es eine der wichtigsten Aufgaben eines jeden Reisenden, seine Erfahrungen mit nach Hause zu nehmen. Ich spreche dabei nicht von denen, die wegfahren, um sich zu bestätigen, dass es zu Hause ja doch am Schönsten sei und sowieso alles besser funktioniere, pünktlicher und sauberer sei. Auch nicht von den „achtzig Prozent aller Reisenden“, für die „Rückkehr das glücklichste Erlebnis des gesamten Urlaubs“ ist, wie es Dietmar Bittrich sarkastisch in seinem Buch „Dann fahr doch gleich nach Haus! – Wie man auf Reisen glücklich wird“ beschreibt. Aber reisen wir nicht alle, um auch wieder heimzukehren? Gestärkt mit neuer Energie, prall gefüllt mit neuem Wissen und Eindrücken, voller inspirierender Momenten und Geschichten wie die von meiner Begegnung mit Zeu im brasilianischen Vale de Capão. Es sind diese Erlebnisse, die uns im Alltag bereichern, die wir in Gesprächen weitergeben können und die uns nähren – so lange, bis uns die Sehnsucht nach der Ferne, nach dem Leben, wieder ruft!

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Ode an die Natur

Es ist eine ungewohnte Bewegung. Mit der Ferse berühre ich zuerst den knochigen Untergrund, versuche mein Gewicht zu spüren, rolle dann achtsam bis zu den Zehen vor, damit schließlich die…

Es ist eine ungewohnte Bewegung. Mit der Ferse berühre ich zuerst den knochigen Untergrund, versuche mein Gewicht zu spüren, rolle dann achtsam bis zu den Zehen vor, damit schließlich die gesamte Fußsohle auf dem Boden aufliegt. Ausatmen nicht vergessen, muss ich mich tatsächlich erinnern, während ich langsam einen Fuß vor den anderen setze.

Hinter mir höre ich Trekkingstöcke, mit denen vorbeiziehende Wanderer in den Waldboden schlagen. In wenigen Sekunden werden sie mich überholen. Halte ich sie auf? Was die wohl von mir halten? „Stell dich der Herausforderung, alles rund um dich geschehen zu lassen und bei dir zu bleiben“, hat mir und den anderen fünf, die auf diese entschleunigte Art den Hügel erklimmen, Mag.a Andrea Mayr mit auf den Weg gegeben. Die diplomierte Lebens- und Sozialberaterin ist heute unser Guide. Nicht nur durch die Waldpfade hier im Anninger-Gebiet, vor allem in unser Innerstes. Viermal im Jahr, zum Wechsel der Jahreszeiten, führt Mayr eine Gruppe zu Wanderungen nach draußen. „Ich habe in meiner Ausbildung am eigenen Leib erlebt, wie gut es tut, bewusst Übungen in der Natur zu machen“, erzählt sie, während unsere Blicke über die Weinberge schweifen, „das ist eine große Bereicherung für mein Leben, die ich gerne an andere Menschen weitergeben möchte.“

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Dieser Meditationsschritt ist unsere erste Übung. Es ist ein bewusstes Ankommen und gleichzeitig ein Loslassen des hektischen Alltags. So einfach es klingt, birgt das achtsame Gehen nicht nur für mich ungeahnte Herausforderungen. „Ich bin es nicht gewohnt, langsam unterwegs zu sein“, spricht eine der Teilnehmerinnen in der anschließenden Reflexions-Runde allen aus der Seele. Doch genau darum geht es heute: Uns einmal nicht auf die Überholspur zu katapultieren, sondern auf unser natürliches Tempo abzubremsen. Einmal nicht Hape Kerkelings berüchtigtes „Ich bin dann mal weg“ zu rufen, sondern uns der Herausforderung zu stellen, völlig da zu sein im Hier und Jetzt.

Zur Entschleunigung gehört auch etwas Anderes. „Ich lade euch ein, eure Handys auszuschalten“, fordert uns Andrea Mayr auf, „seid einmal nicht erreichbar.“ Eine Einladung, die mir nicht unbekannt ist: Seitdem ich bei meinem ersten 10-tägigen Meditationsseminar den mobilen Off-Schalter gedrückt habe, begebe ich mich immer wieder in diese Situation. Um buchstäblich abzuschalten. Um frei zu sein für die Reise nach innen. Noch nie ist in dieser Zeit der Unerreichbarkeit Schlimmes passiert, und doch jagt sie mir immer wieder leichte Schauer über den Rücken. Selbst wenn sie – wie heute – nur einen Nachmittag dauert. Den Preis zahle ich gern, weiß ich doch, dass jedes Mal eine neue Freiheit auf mich wartet. Eine, an die wir uns erst langsam gewöhnen müssen. „Wie weiß ich, wann 45 Minuten vorüber sind?“, so lautet die unsichere Frage einer Mitgeherin, als Andrea uns bei der nächsten Übung für eine dreiviertel Stunde allein in den Wald schickt. Uhr, Wecker, Notizblock, Kontaktliste, Kalender – wie abhängig wir uns von unseren elektronischen Geräten machen, wird uns in Situationen wie diesen in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Völlig umsonst, wie dieser Nachmittag zeigt: Nach 45 Minuten nämlich sind alle wie durch ein Wunder – und ohne den vereinbarten „Warnpfiff“ – wieder um Andrea versammelt.

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„Versucht, miteinander in Einklang zu kommen“, das ist nicht der Beginn einer weiteren Übung, mit diesen Worten führt uns Ranger Peter im Nationalpark Donauauen in die Kunst des Ruderns ein. Dass ich auf meine natürlichen Instinkte vertrauen und einfach in der Natur sein darf, erlebe ich nämlich nicht nur bei Ritualwanderungen, sondern bei jedem „gewöhnlichen“ Ausflug ins Grün. Auch wenn ich meinen Partner Simon bis vor ein paar Minuten noch nicht einmal gekannt habe, stechen wir jetzt überraschend gleichmäßig unsere Ruder ins klare Wasser. Eintauchen, zurückziehen – unser Rhythmus hat sich wie selbstverständlich aneinander angepasst, und wir können uns auf die Erzählungen von Peter konzentrieren. Er lenkt nicht nur unsere zusammengewürfelte Gruppe im Schlauchboot, sondern auch unsere Blicke. An die Nähe von Wien und Bratislava erinnern hier nur die vorbeiziehenden Schiffe. Für mich liegt die Stadt unendlich weit weg. Wir befinden uns jetzt in Peters Welt, in der über 60 Fischarten und unzählige Insekten ihren Lebensraum haben. Dort, wo abgenagte Äste und Höhlen am Ufer an die zig Biber erinnern, die hier zuhause sind.

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„Wir möchten den Menschen nicht aus der Au ausschließen, sondern er soll alles erleben und allem begegnen können“, erklärt uns Peter bei der späteren Wanderung die Philosophie und rettet dabei behutsam eine Nacktschnecke vom Weg ins schützende Gras. Abgesehen von ihr und ein paar Libellen lassen sich heute keine Tiere blicken. Die Biber geben uns genauso wenig die Ehre wie die Seeadler, die gestern noch über den Booten ihre Kreise zogen. Muss auch nicht sein. Während wir über einen struppigen Seitenweg aufs Schotterufer der Orther Inseln kommen, schwappt in mir eine Welle der Dankbarkeit hoch. Ich lege mich auf eine Stelle mit warmem, weichen Sand und will jetzt eigentlich nur noch eines: Der Sonne beim Untergehen zuschauen. Einfach bleiben. Einfach sein. Lächeln und mich darüber freuen, dass es so schöne Flecken auf unserer Erde gibt. Orte, an denen ich einfach durchatmen, den Off-Button auf meinem Handy drücken und bewusst sagen kann: Ich bin dann mal hier!

 

MEHR ZU Andrea Mayr’s Naturwanderungen erfährst du telefonisch unter +43/681-204 21 477 oder per Email: senora_maya@yahoo.com

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Fünf Spartipps: Luxemburg für die schmale Börse

„Das kannst du dir leisten?“ Fragen wie diese erntest du nicht nur, wenn du nach Zürich fährst. Fragen wie diese werden dir auch gestellt, wenn du Luxemburg als Reiseziel angibst (vorausgesetzt,…

„Das kannst du dir leisten?“ Fragen wie diese erntest du nicht nur, wenn du nach Zürich fährst. Fragen wie diese werden dir auch gestellt, wenn du Luxemburg als Reiseziel angibst (vorausgesetzt, dein Gegenüber weiß, wo der Kleinstaat liegt). Jedenfalls kommt die Frage nicht von ungefähr. Schließlich ist das zweitkleinste Land des Kontinents – wenn überhaupt – vor allem für zwei Dinge bekannt: Als Stützpunkt sowie Gründungsmitglied der Europäischen Union und als bedeutendes Finanzzentrum. Luxemburg hat das zweithöchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt und ist der weltweit zweitstärkste Geldumlaufplatz. Fakten, bei denen selbst der freigiebigste Spendierhosenträger vor einer Reise seine Münzen zu zählen beginnt.

Doch bevor du jetzt zur Geldbörse greifst oder mit dem Lottospielen beginnst: Es geht auch anders – mit diesen Tipps für den smarten Schmalspurreisenden.

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Luxemburg Card – eine Stadt, ein Land

Manchmal hat Klein-Sein durchaus Vorteile. Zumindest für Touristen. Denn wo man in „normalen“ Ländern einen klassischen City Pass erhält, ist die Luxemburg Card im ganzen Land gültig und einsetzbar. Mit der Vorteilskarte kommt man kostenlos in mehr als 60 Museen und Sehenswürdigkeiten. Noch genialer – gerade für diejenigen, die über die Hauptstadt-Grenzen hinaus wollen – ist aber die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel: Denn diese ist mit der Luxemburg Card gratis!

Mehr Infos, Preise und wie man die Luxemburg Card bekommt, findet ihr hier >> 

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Essen gehen

Ja, tatsächlich, das ist ein Spartipp. Damit meine ich vor allem, dass man nur einmal pro Tag in Luxemburg Essen gehen muss. Die Portionen sind riesig. Und wenn ich riesig schreibe, meine ich riesig. „Französische Küche, deutsche Portionen“, so wird mir die Logik erklärt, nach der sich die Teller unter den Unmengen an Essen biegen. Gut, ich lasse das mal so stehen und schlucke die nächste Gabel Köstlichkeiten herunter.

Empfehlenswerte, weil getestete Lokale (Achtung: Veganer- und VegetarierInnen sollten ihren Wunsch vorab bekannt geben, sonst finden sich nämlich leider nur ein bis zwei Gerichte auf der Speisekarte):

Chocolate House: Vis à vis vom Palais Grand-Ducal, nicht nur für Süßes ein Top-Tipp.

Mudam Café: Perfekter Treffpunkt zum Brunch – und dann reicht’s auch für den Tag.

Weinkellereie Caves St. Martin: 53, route de Stadtbredimus in Remich. Am Sonntag setzen sich die Luxemburger zum Mittagessen in den herrlichen Garten dieser Weinkellerei direkt am Wasser und bleiben Stunden. Wir machen es ihnen natürlich nach. Außerdem braucht man ohnehin die Zeit, um die riesigen Portionen zu verdauen.

Jugendherberge Luxemburg City/Melting Pot: Nicht nur die Lage dieser Jugendherberge in der Hauptstadt ist phänomenal (Blick über die ganze Stadt), auch das Essen lässt sich durchaus genießen. Vollpension gibt es nur für Gäste, luxemburgische Spezialitäten und vegetarische Menüs, Snacks und Getränke in der Caféteria oder der Terrasse sind für alle offen. Im Sommer werden außerdem Grill-Abende für Gruppen organisiert.

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Wie man sich bettet

Apropos Jugendherberge Luxemburg City/Melting Pot – die ist auch in Sachen Schlafgelegenheit unschlagbar. Okay, fast unschlagbar: Nur diejenigen, die bei den doch überraschend zahlreichen Couchsurfern gratis unterkommen, betten sich in Luxemburg wohl günstiger.

Aber Achtung: Die Schnäppchen-Gelegenheit hat sich herumgesprochen, nicht nur in den Hochsaisonen ist mittlerweile reservieren unbedingt notwendig.

Hier geht es zu den Preisen >>

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Self-made-Tour(ist)

„MigraTouren“ nennen sie sich, die Audio- und Papier-Guides für die vier Städte Luxemburg, Metz, Saarbrücken und Trier. Als QuattroPole-Städte haben sie sich zusammengeschlossen, um gemeinsam bessere touristische Angebote zu schnüren. Eines davon sind MigraTouren, geführte Stadtrundgänge, die man entweder für Gruppen buchen oder individuell mit Hilfe eines Audioguides entdecken kann. Letztere sind völlig kostenlos – und dabei durchaus spannend. Bei den MigraTouren begibt man sich nämlich auf die Spuren der Einwanderung durch die QuattroPole-Städte und lernt so andere Seiten der Städte kennen.

Hier geht es zur MigraTour durch Luxemburg >>

„Der Rundgang beginnt am Hauptbahnhof. Im Viertel „Gare-Hollerich“ wohnen 82 Prozent Ausländer, noch mehr als im Durchschnitt der Stadt, der mit 65 Prozent schon bemerkenswert hoch ist. Die Vielfalt des Stadtteils erklärt sich vor allem aus der früheren Funktion als Industriestandort.“ MigraTour

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Kunst ist überall

Wie sonst überall kostet der Eintritt zu Museen nicht gerade wenig, da ist auch Luxemburg keine Ausnahme. Klar kann man erwähnen, dass zum Beispiel im MUDAM, dem Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, jeden Mittwoch zwischen 18.00 und 20.00 Uhr der Eintritt kostenlos ist. Nett, aber vielleicht kein Spartipp.

Doch Luxemburg hat eine andere Besonderheit: Ganz viele Kunstwerke befinden sich nämlich auf der Straße, Kunst ist einfach überall. Als wir dort waren, hatte es sich gerade die Piano-open-Air-Exhibition und Installation „Play Me, I am yours“ in den Gassen, Plätzen und Straßen bequem gemacht. Überall drang Musik durch eben diese. Doch auch sonst ist man in Luxemburg von Kunst umgeben: Von den ambitionierten architektonischen Werken im Stadtviertel Kirchberg, das derzeit Schritt für Schritt von einer Baustelle zu einem Gesamt-Kunstwerk wird. Oder auf den Plätzen des alten Stadtviertels Grund – einfach mit offenen Augen und Ohren durchspazieren, ich bin sicher, auch du wirst Kunst entdecken!

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Wer noch mehr Tipps benötigt, riskiert am besten auch einen Blick auf Visit Luxembourg: Da gibt’s zwar keine Spartipps, aber du kannst ein paar Pauschalangebote entdecken. Und manchmal, ja manchmal sind da sogar richtige Schnäppchen darunter!

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Lokal-Kontakt in Luxemburg

„Schön, dass Sie es geschafft haben.“, der bärtige Mann um die 40 wird herzlich von unserem Guide begrüßt. Unauffällig sieht er aus, in seiner hellen Stoffhose und dem blauen Sommerhemd….

„Schön, dass Sie es geschafft haben.“, der bärtige Mann um die 40 wird herzlich von unserem Guide begrüßt. Unauffällig sieht er aus, in seiner hellen Stoffhose und dem blauen Sommerhemd. Nur seine weißen Zähne stechen beim breiten Grinsen, das auf seinem Gesicht erstrahlt, heraus. „Herr Minister, Herr Minister?“ – okay, er ist wohl doch kein so unauffälliger Mensch. Tatsächlich handelt es sich bei unserem „Neuzugang“ um den aktuellen Minister für Wirtschaft, Innere Sicherheit und Verteidigung des kleinen europäischen Staats Luxemburg, Etienne Schneider. Er hat es sich nicht nehmen lassen, uns – eine Truppe internationaler Journalisten – in der Hauptstadt des 600.000 Einwohner Staates zu begrüßen. Nicht in seinem Büro, sondern in einer Käsethek, in der wir uns gerade die Nasen an den blankgeputzten Auslagen platt drücken und den starken Geruch der Köstlichkeiten in eben diese aufsaugen. Ungefähr zehn Minuten dauert Schneiders Ausflug – Foto mit uns inklusive. Lang ist das nicht, das liegt aber weniger am dichten Zeitplan des Ministers als an unserem – wir müssen schließlich noch weiter durch die City.

E. Schneider imge

Zum Beispiel zum bescheidenen Laden der Starköchin Léa Linster. Sie ist die einzige Frau, die mit dem renommierten Gourmetpreis Bocuse d’Or ausgezeichnet wurde – nicht nur von Luxemburg, sondern der Welt. „Da fährt sie auch schon vor.“, erklärt mir ein Kollege und deutet auf den Wagen, der gerade an uns vorbeibraust. Dass ich die blonde Lady nicht kenne, ist mir einige Minuten peinlich, bis mich der deutsche Bekannte beruhigt: Linster ist vor allem in Luxemburg sowie Deutschland berühmt und bei begeisterten Verfolgern von Kochshows – danke, jetzt ist mir meine Unwissenheit klar. Zurück zu Léa: Die ist in der Zwischenzeit in der Küche des Lokals verschwunden, taucht ein paar Minuten später wieder auf und serviert uns auf einem Tablett ihre „Geheimwaffe“, handgemachte Makronen. Tatsächlich, die schmelzen im Mund nur so dahin und verbreiten Gaumenfreuden, dass ich fast ins Jubeln und Jauchzen ausgebrochen wäre. So abgelenkt bekomme ich nur am Rande mit, dass sich meine amerikanischen Kollegen bereits mit einer Schwarzafrikanerin unterhalten, die in den gepolsterten Kaffeehaus-Sesseln Platz genommen hat. Hätte ich doch besser aufgepasst und mich weniger auf die süßen Leckereien gestürzt: Die Kundin ist nämlich niemand Geringerer als die Stiefschwester des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Und die sitzt einfach so, mitten in Luxemburg, in einem Café und unterhält sich mit den Gästen.

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Als mir dann noch unsere BegleiterInnen vom Tourismus-Amt erzählen, dass beinahe jeder Luxemburger bereits dem Großherzog, dem luxemburgischen Staatsoberhaupt, die Hand geschüttelt hat, wird mir der Kleinstaat irgendwie ein bisschen unheimlich. Klar, wem nachhaltiges Reisen wichtig ist, der tritt mit Einheimischen in Kontakt und sucht die Kommunikation ganz bewusst. Aber das ist in Luxemburg gar nicht notwendig: Da kommt man vielmehr gar nicht drum herum. Sympathisch, diese Vorteile eines Staates, in dem (fast) jeder (fast) jeden kennt, denke ich, und ertappe mich im Laufe meines Aufenthalts immer mehr dabei, jedem Gesicht in der Menge zuzulächeln und in meinen Begegnungen noch eine Spur freundlicher zu sein. Man kann ja nicht wissen, mit wem man hier auf Du und Du geht!

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Soweit die ersten Eindrücke von Luxemburg. Demnächst gibt’s Tipps, wie du durch den zweitreichsten Staat der Welt kommst und deine Börse schmal hältst.

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Der Weg ist das Ziel: Von Wien nach Oslo – ohne Flugzeug

Manchmal stelle ich schon meine eigene Zurechnungsfähigkeit in Frage. Heute ist wieder so ein Tag. Es ist 7:50 Uhr, ich komme wie gerädert am Bahnhof in Hamburg an. Die letzte Nacht…

Manchmal stelle ich schon meine eigene Zurechnungsfähigkeit in Frage. Heute ist wieder so ein Tag. Es ist 7:50 Uhr, ich komme wie gerädert am Bahnhof in Hamburg an. Die letzte Nacht habe ich im Liegewagen auf dem Weg von Wien in die deutsche Hansestadt verbracht. Eigentlich fahre ich ja gerne über Nacht mit dem Zug. Die Theorie klingt ja auch wirklich klug. Man steigt abends zuhause in die Bahn, erspart sich eine Hotelnacht und kommt am nächsten Morgen entspannt an seinem Zielort an.

Genau, die Betonung liegt auf „Theorie“. Denn in letzter Zeit habe ich einfach zu oft Pech gehabt. So wie in dieser Nacht, in der ich um 20 Uhr bereits meinen Schlafplatz – einen 6er Liegewagen – betreten hatte. Meine Mit-SchläferInnen: Eine kurzhaarige Deutsche, die – wie sich später herausstellte – nicht nur dank ihrer zehn Jahre in Wien mehr Meidlinger „L“ hatte als Mundl höchstpersönlich, sondern auch jeden noch so anstrengenden Menschen geduldig lächelnd zum Tratschen ermunterte. Kinderkrankenschwester, ich verstehe! Da war dann noch eine ältere Deutsche, die sich am nächsten Morgen um 5 Uhr früh vor allem dadurch auszeichnen sollte, dass sie keine Ahnung hatte, wie ihr Handy-Wecker auszustellen war. Und dann noch dieser dickleibige Bahn-Pendler, der jede Einladung für ein Gespräch mit Freuden (und einem endlosen Gesprächsfluss) wahrnahm – besonders wenn es um sein Lieblingsthema ging: Wie kann die Bahn nur den Autozug einstellen wollen, also wirklich! Ja, und dieser wohlbeleibte Herr, der bereits seit 40 Jahren in Deutschland lebt, hat in dieser Nacht wohl den einen oder anderen Regenwald ausgerottet. Was er dem Wald an Bäumen weggesägt hat, das hat er mir an Schlaf geraubt. Herzlichen Dank!

Ich sag’s ja, manchmal zweifle ich schon an mir. Oder vielmehr an meinen Entscheidungen. Die Reise ist nämlich nach der zwölfstündigen Zugfahrt von Wien nach Hamburg noch längst nicht zu Ende, vielmehr geht’s jetzt erst richtig los!

Wo, ähm, wie geht’s hier nach Oslo?

Zurück zum Anfang. Als Teil einer Reiseblogger-Vereinigung bin ich eingeladen worden, um mit der DFDS Seaways von Kopenhagen nach Oslo und wieder zurück zu schippern. Dass es dabei nicht nur um die Fahrt auf der Luxus-Fähre geht, sondern Austausch, Kennenlernen und gemeinsames Projekte-Schmieden unter den Bloggern im Vordergrund stehen, ist klar. Und natürlich der Spaß, aber der ist bei den Destination – vor allem aber dem Weg dorthin – ohnehin inkludiert.

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Apropos Weg: Freilich, Flüge von Wien nach Kopenhagen sind leicht gefunden, günstig und schnell, schließlich dauert die Reise von Gate zu Gate weniger als 1,35 Stunden.  Aber irgendwie wäre das ja zu einfach – und schon gar nicht umweltfreundlich, also versuche ich es einmal auf andere Art und Weise. Per Bahn und Boot. Ein Abenteuer, bei dem der altbekannte Spruch „Der Weg ist das Ziel“ nicht nur wegen der langen Reise kaum treffender sein könnte. Auf so einem Weg gibt es so einiges zu erleben.

Unterwegs

20 Uhr Zugabfahrt Wien – 7:50 Uhr Ankunft Hamburg
9: 28 Uhr ICE Hamburg nach Kopenhagen – 14:24 Uhr Ankunft
Per Straßenbahn (gratis, denn das Ticket ist in der Zugfahrt inkludiert) zur Anlegestelle der DFDS Seaways
16:15 Uhr Abfahrt mit der Fähre – Ankunft 9:45 Uhr in Oslo

Soweit so gut!

„Wie, wir fahren mit dem ICE Fähre?“ – bei der Frage merkt man wieder, wie gut ich mich auf die Reise vorbereitet hatte. Tatsächlich, so erklärt mir mein lieber Mitreisender und Bahn-Freak Gerhard (er ist natürlich bestens informiert) bringt der ICE TD mit Dieselantrieb der Deutschen Bahn Reisende täglich entlang der „Vogelfluglinie“ von Hamburg nach Kopenhagen. Und das ist nur möglich durch eine 45-minütige Überfahrt über den Fehmarn Belt in Puttgarden, da fährt der Zug direkt in den Bauch einer Scandlines Fähre, die ihn dann zum Fährhafen in Rødby bringt. Hört sich spannend an, oder? Tatsächlich ist das Ganze dann weniger aufregend: Man steigt auf der Fähre aus dem Zug aus, holt sich einen Café im riesigen Bistro der Fähre und genießt den am besten auf dem Freidach, Fahrtwind inklusive. Kurz vor der Ankunft setzt man sich dann wieder auf seinen Platz in den Zug – und weiter geht die Fahrt Richtung Oslo. Das Video der Deutschen Bahn ist zwar Werbung pur, aber ja, so sieht die Überfahrt aus.

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So eine Fähre wünsch‘ ich mir

Wer jetzt denkt, nach der Fährenfahrt nach Kopenhagen sei er vorbereitet auf die Fahrt mit der DFDS Seaways, der liegt falsch. Fähre?! Ja, tatsächlich nennt sich die DFDS Crown und ihr Schwesterschiff, die DFDS Pearl, mit der es später zurück von Oslo nach Kopenhagen gehen sollte, „Fährschiff“. Aber eines mit elf Stockwerken, zahlreichen Restaurants – von der Gourmet-Pizzeria bis zum All-You-Can-Eat-Buffet -, Bars mit Livemusik, Clubs, Spa, Konferenzräumen, und sogar einer Ausnüchterungszelle.

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Dass Letztere durchaus ab und an gebraucht wird, das wird auf der Überfahrt klar, nutzen doch ein paar Gäste die Luxus-Überfahrt als eine Art „Schulausflug für Erwachsene“. „I just want to tell you, whoever wants to have sex with me tonight, you can find me…“, wo man den ziemlich angetrunkenen Enddreißiger finden könne, das geht im Lallen und Brabbeln desselben unter. Leicht genervt wird er von seinen nicht minder beschwipsten Freunden weggezerrt – nur um wenige Minuten später wieder aufzutauchen. Erst als er irgendwann merkt, dass sein Angebot auf eher verhaltenes, bis nicht vorhandenes Interesse stößt, zieht er weiter. Wohin, bleibt unbekannt, nur soviel: Die Ausnüchterungszelle blieb in dieser Nacht leer…

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Anders das Schiff am nächsten Morgen: Da wuselten die Menschen in den Gängen, hielten ihre Fotoapparate griffbereit und drängten sich zu den besten Aussichtspunkten. Die gab es zugegebenermaßen fast überall – und das ist gut so, ist doch die Anfahrt auf Oslo mit seinen Fjorden, Seemöwen, kleinen, bunten Häusern tatsächlich ein Erlebnis. Eines, wegen dem allein sich die langsame Anreise-Variante auf die norwegische Hauptstadt lohnt!

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Der Vergleich in Zahlen

Fluglos von Wien nach Oslo und retour:               Mit Flug (Vergleichsdaten via checkfelix.com):

142 Stunden (Hin, ebenso viele retour)                 Rund 10 Stunden

435,5 Euro                                                        130 bis 140 Euro

Den CO2-Ausstoß hätte ich gern verglichen, bloß die dazugehörigen Zahlen konnte man mir leider nicht liefern. 

Für mich steht fest: Die langsame Reise mit Bahn und Boot mag zeit- und kostenfeindlicher, dafür aber vermutlich etwas umweltfreundlicher sein. Erlebnisreicher ist sie allemal!

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Irgendwo simma alle Einheimische auf Zeit

„Bei all unseren Erlebnissen geht es um Beziehungen.“ Als Christian Hlade, Gründer des steirischen Wanderreiseveranstalters Weltweitwandern, mit diesen  Worten unser gemeinsames Wochenende einläutet, spricht er nicht nur von seinem Kerngeschäft, dem Reisen. Um…

„Bei all unseren Erlebnissen geht es um Beziehungen.“ Als Christian Hlade, Gründer des steirischen Wanderreiseveranstalters Weltweitwandern, mit diesen  Worten unser gemeinsames Wochenende einläutet, spricht er nicht nur von seinem Kerngeschäft, dem Reisen. Um Beziehungen drehen sich auch die nächsten drei Tage hier im kärntnerischen Knappenberg.

Die Guides "aufgefädelt". Foto: Doris

Neben Christian sitzen Abdellah und Abdelmalek aus Marokko, Sonam Sherpa aus Nepal und Tsewang aus dem indischen Ladakh aufgefädelt wie die Zinnsoldaten auf ihren Stühlen. Alle vier haben eines gemeinsam: Als Fremden- und Bergführer für das CSR zertifizierte Weltweitwandern führen sie Reisende, Interessierte, Wanderer durch ihre Heimat und bauen Brücken zwischen den Gästen und Einheimischen. Die letzten Wochen wurde der Spieß umgedreht: Die vier waren zu Gast in Österreich.

Bespaßung, darin sind die marokkanischen Guides Experten. Foto: Doris

Seit Jahren laden der ehemalige Architekt Hlade und sein Team die Weltweitwandern-Guides von der Mongolei über Madeira bis Madagaskar zu Schulungs- und Trainings-Zwecken nach Europa. Hier verbessern die Männer und Frauen nicht nur ihr Deutsch, um die Touren in ihren Ländern professioneller durchführen zu können; sie werden auch auf den Grazer Schlossberg geführt und hören klassische Musik, hier werden Apfelstrudel auf ihre Teller geladen und sie können auf Wandertouren braune Ferkel fotografieren. Kurz: Sie werden selbst zu Touristen und treten in Beziehung mit dem Weltweitwander-Team in Österreich, mit ehemaligen Gästen, die zu Freunden geworden sind, mit Interessierten, mit der Kultur derjenigen, denen sie später ihr Land näher bringen.

Weltweitwandern und JUFA verbindet (einiges). Foto: Doris

„Unsere Gäste werden zu Einheimischen auf Zeit,“, beschreibt Christian Hlade die Philosophie seines Unternehmens, das er vor rund 15 Jahren gegründet hat, „weil Reisen das ist, was ich richtig gut kann.“ Dass es dabei nicht um eine „Dauer-Bespaßung“ durch die einheimischen Reiseführer geht, sondern um das Miteinander, das wird er nicht müde zu betonen: „Weltweitwandern ist keine Busrundreise, wir sind ein Team. Alles passiert miteinander.“ Was er nicht sagt – nicht zu sagen braucht – das spürt man ohnehin in jeder Bewegung, jeder non-verbalen Interaktion: Inder oder Österreicher,  Guide oder Gast, Chef oder Angestellter – man begegnet sich auf einer Ebene. Die Basis von allem sind der gegenseitige Respekt und das Wissen, dass ein gleichwertiger Austausch passiert, dass Lernen in beide Richtungen geschieht.

Und Juuump: Christian mitten unter den "Jungs". Foto: Doris

Was für die Trekking-Tour durch den Norden Tansanias oder für die Wanderung in Nepal gilt, das gilt auch für die (Schulungs-)Besuche der Guides in Österreich. Da diesmal gleich vier Reiseführer aus allen Ecken der Welt in Österreich zu Gast sind, hat Weltweitwandern Gäste, Interessierte, ehemalige und zukünftige Kunden zu einem Treffen- und Austausch-Wochenende nach Knappenberg eingeladen. Gekommen sind über 40 Menschen, bunt gemischt, alt und jung, erfahrene und weniger erfahrene Reisende aus Österreich und Deutschland. Ich bin eine davon.

Gemeinsames Abendessen. Foto: Doris

Getrieben sind wir alle wohl vor allem von einem: Von unserer Neugier – auf die Guides aus Marokko oder Ladakh, auf die Dia-Vorträge zu den Ländern, die zwei Abende lang auf uns warten, auf die Wanderung in der ehemaligen Heimat des Dalai Lama-Weggefährten Heinrich Harrer. Angezogen sind wir aber wohl auch von dem Ort des Geschehens: Der vor vierzehn Tagen eröffneten JUFA Knappenberg, ein Jugend- und Familien-Gästehaus, das hoch über der Bergbaugemeinde Hüttenberg in seinem Bau an Tibet erinnert und – laut Website – einen atemberaubenden Ausblick auf die Gipfel der Norischen Region bietet. Bei Letzteres hat man nicht zuviel versprochen, auch das Buffet mit frisch (schau-)gekochtem Wok-Gemüse, die Wellness-Landschaft und vor allem der rundum offene, mit asiatischen Lampions geschmückten und mit Tee-Samowaren ausgestattete „Sonnentor“-Raum können sich sehen lassen. Bloß auf den Tibetischen Kräutergarten und einige andere Details, die schon im Prospekt gezeigt werden, muss man noch bis zur offiziellen Eröffnung im Herbst warten.

Der Raum "Sonnengruß" lädt zu Teezeremonien oder einfach nur zum Meditieren ein. Foto: Doris

„Vor ein paar Wochen war hier noch Baustelle“, weiß der Ex-Architekt Hlade, der im Jahr 2000 in Ladakh, wo er seine Diplomarbeit geschrieben hatte, eine Schule baute. Er berichtet dabei nicht nur aus eigener fast 10-jähriger Erfahrung mit Bauprojekten, sondern aus direktem Wissen – handelt es sich beim Architekten des JUFA Hauses doch um Herwig Moosbrugger, seinen ehemaligen Architekten-Chef und Freund. Den hat der Familienvater mit Bildern aus Tibet sowie Bhutan beim Bau inspiriert und hat somit auch hier in Knappenberg seine Finger im Spiel.

Heinrich Harrer Museum. Foto: Doris

Es ist ein Haus der Verbindung – nicht nur der verschiedenen Kulturen. Es geht auch darum, die bis zu 152 Gäste mit den Einheimischen der 1.500 Einwohner-Gemeinde in Beziehung und Dialog zu bringen. Dafür sorgen nicht nur das für alle offen stehende Café- sowie Restaurant- und der Wellness-Bereich, die Kegelbahn im untersten Geschoß des Hauses ist bereits von einer örtlichen Seniorengruppe eingeweiht worden und soll ab sofort jeden Donnerstag bespielt werden.

Lingkor - farbenprächtige Stupas und Gebetspfade mitten in Österreich. Foto: Doris

Eine Philosophie, wie sie nicht besser zu Weltweitwandern passen könnte. Wie gesagt, es geht schließlich immer um Beziehungen!

 

MEHR: 

Weltweitwandern
Gaswerkstraße 99
8020 Graz

Tibet JUFA Knappenberg
Knappenberg 70
9376 Knappenberg

Heinrich Harrer Museum
Bahnhofstraße 12
9375 Hüttenberg

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Wie trampen in Neuseeland dein Leben verändern kann

Gastbeitrag von Tanja, die seit September 2013 auf ihrem Blog Search for Happiness über ihre Reiseerlebnisse schreibt und Tipps und Tricks gibt, wie du deine eigene Langzeitreise planen kannst.  Dein Herz klopft…

Gastbeitrag von Tanja, die seit September 2013 auf ihrem Blog Search for Happiness über ihre Reiseerlebnisse schreibt und Tipps und Tricks gibt, wie du deine eigene Langzeitreise planen kannst. 

Dein Herz klopft wild gegen deinen Brustkorb, deine Hände schwitzen, dein Mund ist trocken. Ungewissheit kann manchmal der schlimmste Feind sein. Warum hast du dich nicht für den angenehmen Bus entschieden, nörgelst du innerlich mit dir selbst. Aber du wolltest etwas Einzigartiges erleben. Und sogar die Kiwis sagen, dass Trampen die Antwort darauf sei.

Nun stehst du hier am Straßenrand, streckst trotz aufkeimenden Muskelkrampfs brav einen Arm von dir weg, den Daumen in die Höhe und beobachtest die vorbeiziehenden Autos. Fühlst dich wie bestellt und nicht abgeholt. Weißt nicht, ob und wann du deine Destination erreichst und vor allem, wer für dich stehen bleibt. Was soll daran einzigartig sein?

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Ein verlangsamtes Auto reisst dich aus deinen Gedanken. Fokussiert beginnst du zu lächeln, schließlich willst du dem Fahrer etwas verkaufen – dich selbst. Dein Lächeln steht für „Ich werde dir nichts tun“ oder „Ich kann dir lustige Geschichten über mein Heimatland erzählen“. Und tatsächlich hält er an. Dein nervöses Herzrasen verwandelt sich in einschleichende Panik. Wer ist das? Ist er nett oder gefährlich? Herzlich oder cholerisch?

Ein weißhaariger Mann mit mindestens 70 rüstigen Jahren Lebenserfahrung steigt aus und lächelt dich nett an. Seine freundlichen blauen Augen beruhigen dich, er grüßt dich sehr offen und hilft dir beim Verstauen deines Backpacks am Rücksitz.

Schon sitzt du am Beifahrersitz eines Fremden. Bist stolz auf dich, weil die erste Hürde geschafft ist. Und stellst dich nun auf den unausweichlichen, oberflächlichen Small Talk ein.

Wieso reist du?

Okay, diese Frage kam unerwartet. Du dachtest, du erzählst zuerst ein bisschen über dich, hast deinen Text schon vorbereitet, gleich einem Bewerbungsgespräch. Aber es stimmt – wieso reist du wirklich?

Weil ich unglücklich war.

Womit warst du unglücklich?

Noch eine gute Frage.

Eigentlich mit fast allem. Meinem Studium, meiner Beziehung. Ich war immer sehr unsicher und habe mich oft hinter anderen versteckt. Und jetzt versuche ich meine Antwort auf die Frage zu finden, was ich aus meinem Leben machen will.

Du staunst über deine Ehrlichkeit und deinen Willen, dir hemmungslos Schwäche und Fehler einzugestehen. Denn du weißt, dass du deinen Sitznachbarn höchstwahrscheinlich nie wieder siehst.

Dieser erzählt nun ein bisschen von sich. Du spürst die Trauer, als er von seinem verstorbenen Vater berichtet, den Stolz, wenn er über seine einzige Tochter erzählt, die Freude, wenn er dir ein Stückchen von seinem Leben preisgeben darf.

Per Anhalter durch Neuseeland - Tanja hat es gemacht. Foto: Tanja
Per Anhalter durch Neuseeland – Tanja hat es gemacht.

Die nächsten 150 Kilometer vergehen schneller als dir lieb ist. Mitten im Gespräch bist du schon angekommen und steigst beinahe widerwillig aus. „Danke für die Fahrt“, sagst du etwas nachdenklich. „Ist doch selbstverständlich“, entgegnet er.

Als du dich umdrehen möchtest, fügt er noch hinzu: „Vergiss nicht, dass du ein toller Mensch bist. Du kannst alles schaffen was du möchtest und gib dich nicht mit weniger zufrieden. Ich hoffe du findest dein persönliches Glück.“ Und schon fährt er weiter. Dein erstes Mal Trampen ist vorbei und du verstehst nun.

Nicht die Fahrt an sich macht es so besonders, sondern die Menschen, die das Fahrzeug bedienen. Innerhalb von zwei Stunden können sie mit ihren Ansichten, Überlegungen und Fragen dein Leben verändern. Sie denken anders als deine Freunde zuhause, sie unterscheiden sich von Herkunft, Alter und Erziehung. Und du weißt nie, wer deine nächste Bekanntschaft sein wird: Ein Pilot, ein LKW-Fahrer, eine Bäckermeisterin, eine Mutter, ein Schiffskapitän. Doch sie bringen dich zum Nachdenken, zum Hinterfragen, doch vor allem bestärken sie dich, in dem was du tust, denn so sind die Kiwis nun einmal. Und du wirst auch stärker, denn Trampen kostet jedes Mal Überwindung und Mut.

Und egal in welches Auto du steigst, du redest mit dem Fahrer über sehr Persönliches, weil seine Unbekanntheit dich überraschenderweise vertrauen lässt. Er wird dich nicht verurteilen. Im Gegensatz dazu erzählt er dir Geschichten über sein Land, sein Leben, seine Familie. Er zeigt dir eine Seite von Neuseeland, die du in einem Bus nie erfahren hättest: Echte, neuseeländische Kultur. Und das macht jedes Trampen in Neuseeland einzigartig.

Neuseeland wird durch die Augen der Einheimischen doppelt so schön. Foto: Tanja
Neuseeland wird durch die Augen der Einheimischen doppelt so schön.

Natürlich besteht beim Trampen immer ein gewisses Restrisiko, schließlich steigst du bei fremden Menschen ein. Jedoch musst du hier auf dein Bauchgefühl vertrauen. Fühlst du dich nicht wohl, fährst du einfach nicht mit und wartest auf den nächsten Fahrer. In Neuseeland gab es in den letzten Jahren keine unangenehmen Zwischenfälle mehr.

Als Frau ist es prinzipiell einfacher eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen. Männer warten oft doppelt oder dreimal so lange. Wenn du alleine bist, hast du ebenfalls keine Probleme, zu zweit wird es schon etwas schwieriger, ist aber dennoch möglich.

Worauf du achten musst: Wenn du trampen willst, ist der richtige Warteplatz absolut notwendig. Stell dich zum Straßenrand in die richtige Richtung, naheder Hauptstraßenauffahrt. Vermeide jenen Straßenbereich, welcher am Rand mit gelben Strichen markiert ist, hier dürfen die Autos nicht stehen bleiben. Des Weiteren ist es ganz normal, dass du öfter mal umsteigen musst, da nicht jeder dieselbe Destination anfährt wie du.

Und nun, Daumen hoch!

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Aktiv durch Rio: 5 Wege, um noch mehr ins Schwitzen zu kommen (2)

Brasilianische Taschentücher sind nun wirklich nicht das Wahre. Einmal auch nur angegriffen (von Verwenden will keine Rede sein) zerfallen sie in sämtliche Einzelteile – und aus den bisherigen Stofffetzen werden…

Brasilianische Taschentücher sind nun wirklich nicht das Wahre. Einmal auch nur angegriffen (von Verwenden will keine Rede sein) zerfallen sie in sämtliche Einzelteile – und aus den bisherigen Stofffetzen werden kleine, unzusammenhängende weiße Fitzel, die sich am liebsten überall dort sammeln, wo man sie garantiert nicht braucht. Am frisch gewaschenen T-Shirt oder im Münzenfach meiner Geldtasche zum Beispiel.

Diese (wichtige?!) Erfahrung verdanke ich einer heftigen Verkühlung, die mich in den letzten Tagen in Rio ziemlich schaumgebremst in der Gegend herumhängen hat lassen. Ein recht abstruser Zustand, bei brütender Hitze von 42 Grad hustend, keuchend, vor allem aber schnupfend am Strand entlang zu spazieren… (Nein, ich will jetzt kein Mitleid.. okay, vielleicht ein bisschen). Schlapp machen stand dennoch nicht auf dem Programm: Schließlich ist meine Freundin Cristiane, bei der ich eine Woche in Rio verbracht habe, ein Energie-Bündel sondergleichen. Zwei „Itchy Feet“ auf einem Haufen, Ihr könnt Euch vorstellen, dass da selbst die schlimmste Verkühlung keine Chance hat…

Zum Glück, sonst könnte ich nicht die beiden absoluten Wander-Empfehlungen meiner Zeit in Rio de Janeiro vorstellen:

4. Nationalpark Tijuca

Rio de Janeiro bietet eine einzigartige Lebensqualität, die ihresgleichen sucht: Damit meine ich nicht die zahlreichen Strände, an denen sich BrasilianerInnen wie Nicht-BrasilianerInnen gern zur Schau stellen, sondern vor allem das viele Grün der Stadt. Das liegt besonders am Nationalpark Tijuca, dem 39,72 km² großen Waldgebiet, das sich in Rio de Janeiro befindet.

Wo im 19. Jahrhundert wegen Kaffee-Plantagen die meisten Bäume bereits abgeholzt waren, entstand auf Auftrag des brasilianischen Kaiser Dom Pedro II 1861 langsam wieder Wald. Als Wasserlieferant für Rio de Janeiro gedacht, ist es heute vor allem Erholungszentrum der Cariocas, der Einwohner Rio de Janeiros. Wie viele Wanderwege, Höhlen und Wasserfälle es im Park gibt, das wissen nicht einmal „Experten“, die die üppige Vegetation seit Jahrzehnten immer wieder von oben bis unten, von links bis rechts durchqueren – davon bin ich überzeugt, seitdem ich mit Martinus unterwegs war. Der 72-Jährige ist einer der Guides von CEB – Centro Excursionista Brasileiro, dem ältesten Wander- und Mountaineering-Club Rios. Über 200 Mitglieder zählt der Verein – auch meine Freundin Cristiane ist eines davon und hat mich zu einem der zahlreichen Ausflüge mitgenommen. Diesmal stand eine kurze, leichte Wanderung durch Tijuca und ein Picknick anlässlich der Januar-Geburtstage der Mitglieder auf dem Programm.

Es war ein Tag voller berührender Begegnungen: Mit ausgefallenen Bäumen des dichten Waldes, mit Bananenpflanzen, Kapuzineräffchen, Zikaden, Nasenbären (!) und vor allem den vielen Menschen, die – wenn auch des Englischen kaum mächtig – immer wieder bemüht haben, mich zu unterhalten.

Wer es mir gleichtun möchte: Auf der Website des CEB gibt es eine – portugiesische – Programmübersicht. Die Anmeldung über die Website ist derzeit leider nur BrasilianerInnen vorbehalten, aber per Email kann man jederzeit Kontakt mit dem Verein aufnehmen. Eine Teilnahme an einer Wanderung kostet 35 Reais.

Natürlich kann man auch an offiziellen Wanderungen für TouristInnen teilnehmen – Anbieter gibt es einige. Wie diesen hier >> 

Im Tijuca befindet sich auch das Wahrzeichen Rios, der Corcovado. Aber diese Wanderung ist einen eigenen Punkt wert:

5. Wanderung zu Christus

Sie war der Grund, warum ich zwei Tage länger in Rio de Janeiro geblieben bin, als ursprünglich vorgehabt. Eine Entscheidung, die ich im Nachhinein immer wieder genauso treffen würde. Schon bei meiner Ankunft und der Planung, was denn „unbedingt“ in Rio zu tun sei, hat mir Cristiane von der Wanderung rauf zur Cristo-Statue erzählt. Hart soll sie sein, anstrengend, aber jede Mühe wert.

Nachdem Cristiane – berufstätig wie sie ist – nicht garantieren konnte, selbst die Wanderung mit mir zu machen, wollte ich gerade auf CouchSurfing nach Mit-WandererInnen suchen. Da stach mir ein Termin ins Auge: Jeden Montag führt Cassio, seines Zeichens CouchSurfer und Hostel-Betreiber, Interessierte genau auf dieser Wanderung hinauf zur berühmten Statue. Auch diesen Montag.

Um 13.00 Uhr sollte es in Parque Lage losgehen. Als Cristiane und ich – eine halbe Stunde nach der verabredeten Zeit (wir sind in Brasilien!) – ankommen, wartet schon ein kleines, bunt zusammengewürfeltes Grüppchen auf uns. Allein von Cassio ist und bleibt keine Spur. Zum Glück hat eine US-Amerikanerin die Tour bereits vor zwei Wochen gemacht (mit Cassio) – und Cristiane fragt sich (und uns) erfolgreich zum Eingang der Wanderung durch. Die ersten 30 Minuten sind – wie in Berichten zu lesen war – recht einfach. Und schon nach den ersten paar Schritten laufen Kapuzineräffchen über den Weg: Klick klick klick werden einige Fotos geschossen. Die Tour hat sich für mich bereits gelohnt!

Nach dem letzten von drei winzigen Wasserfällen, oder besser gesagt Wasserbacherl, geht die Steigung los. 40 Minuten durch den Wald über Stock, Stein, Wurzeln und Gebüsch steil bergauf. Langsam, aber stetig raufschlurfend halte mich erstaunlich gut, vor allem dafür, dass ich am Vortag noch kaum durchatmen konnte. „Wenn Ihr den Felsen mit dem Eisenseil seht, sind es nur mehr zwanzig Minuten steil bergauf“, hat uns die Amerikanerin schon vorher verraten – und früher als gedacht sehen wir ihn tatsächlich. Die nächste Zwischenstation sind die Gleise der Bahn, mit der viele stimmungsvoll nach oben fahren. Dann sind es nur noch zehn Minuten auf einer asphaltierten Straße – Achtung, Busse!, auf der man schon die ersten Blicke auf die Cristo Redentor Statue ergattert.

Komplett durchgeschwitzt oben angekommen die Überraschung: Die Dame, die angeblich die Tickets (31,40 Reais für den Eintritt zur Statue und die Fahrt nach unten mit dem Bus) verkauft, kommt erst in zwanzig Minuten wieder. Entweder wir warten oder fahren mit dem Bus nach unten, um die Tickets zu kaufen. Mh, kommt mir irgendwie bekannt vor… Wir entscheiden uns fürs Warten – und irgendwann einmal fragt eine blonde Lady, wie viele Tickets wir möchten. Wieder zwanzig Minuten später halten wir die wertvollen Zettel in den Händen und können rauf zu Cristo und vor allem zur Hammer-Aussicht über Rio. Die Mühe hat sich gelohnt. Aber seht selbst!

 

Offenlegung: Danke an Salewa für die blitzblauen Ramble, die ich zum Testen mit nach Brasilien mitgenommen habe. Sie haben jegliche Tortur (ähm, Tour) ausgehalten und mich blasenfrei gehalten. Außerdem haben sie in den rutschigen, waldigen, wurzeligen Lagen nicht nur ihren Halt bewahrt, sondern sind auch noch im schmutzigen Zustand ein echter Hingucker.

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Vale Do Capão: Auszeit mit Zeus, Zirkus und einem Gefühl wie zuhause

Eigentlich heißt er ja Zeu. Für mich wird er aber immer der griechische Göttervater Zeus sein: Wie vom Himmel herab gestiegen ist er plötzlich vor mir gestanden oder besser gesessen in seinem…

Eigentlich heißt er ja Zeu. Für mich wird er aber immer der griechische Göttervater Zeus sein: Wie vom Himmel herab gestiegen ist er plötzlich vor mir gestanden oder besser gesessen in seinem verbeulten Kleinwagen, von dessen ursprünglich schwarzer Farbe dank der roten Erde hier im Nationalpark Chapada Diamantina kaum mehr etwas zu erkennen ist. „Ich habe noch ein Zimmer frei“, diese – englischen(!) – Worte klingen jetzt noch wie Musik in meinen Ohren.

Das Dorf von Capao ist klein, aber fein. Foto: Doris
Das Dorf von Capao ist klein, aber fein. Foto: Doris

Es ist nicht einmal 6.00 Uhr früh. Ich bin gerade mit dem Nachtbus aus Salvador samt Kleintransport aus der nächstgelegenen Stadt Palmeiras hier im Vale Do Capão angekommen und schnurstracks zu meiner Alberque gestapft. Dort hatte ich via Facebook ein Bett gemietet – 25 Reais mit Morgenkaffee hieß es, und die Empfehlung einer Rezeptionistin im Hostel El Misti tat ihr Übriges. Allein vom Besitzer ist keine Spur: Fünfmal bin ich vor der Alberque auf und ab gegangen, habe halb wache Gäste um Rat gefragt, an verschiedene Türen geklopft, die Nachbarin aus dem Bett geklingelt. „Er wird wohl noch schlafen“, so die lapidare Erklärung. Die hilft mir jetzt aber nichts: Ich bin hundemüde von 5 Stunden rumpeligem mehr Wach- als Schlafzustand. Ich will einfach nur ein, zwei Stündchen schlafen, in einem Bett!

Und dann kommt Zeu(s)! Anfangs bin ich skeptisch: Den Ratschlag, nicht mit Fremden mitzugehen, habe ich schon öfters missachtet – ein weiteres Mal zählt nicht mehr. In meinem Trance-Zustand steige ich also zu diesem bärtigen Brillenträger mit grauem Kraushaar, schlabbrigem Spagettihemd und kurzer Trainingshose ins Auto. „Wohin geht’s denn?“, frage ich noch kurz, schon ruckeln wir über die Sandstraße – asphaltierte Wege gibt es in Capao nur im Dorfzentrum – auf einen kleinen Hügel hinauf. „Chales do Zeu“ begrüßt uns ein Anschlagbrett mit bunter Schrift, das sich frech zwischen dem üppigen Grün der Büsche und Bäume ringsum seinen Weg geschlagen hat.

Darf ich vorstellen: Mein kleines Häuschen. Foto: Doris
Darf ich vorstellen: Mein kleines Häuschen. Foto: Doris

Das ist also mein Zuhause für die nächsten fünf Tage! Die Überraschung ist groß: Zimmer, nein, es ist ein kuscheliges, kleines Lehmhaus – eines von mittlerweile neun, das der Salvadorianer dort in den Hügeln über Capão gebaut hat. „Fünf Jahre bin ich immer wieder gekommen, bis ich so viel Geld angespart hatte, um mir den Grund zu leisten“, erklärt mir der Künstler später. Dass er sich in das Stückchen Erde verliebt hat, liegt vor allem am Ausblick – und ich kann es ihm nicht verdenken. Keine zwei Sekunden dauert es, bin auch ich voll entflammt: Gaskochnische, Badezimmer, ein tonerdener Wasserkrug mit Filter fürs Leitungswasser, ein Traumfänger über einem mit bunter Decke bestücktem Einzelbett … Das Beste aber befindet sich im zweiten Stock: Wer über die Holzleiter hinaufklettert, der wird dort nicht nur vom himmlischen Doppelbett mit Moskitonetz empfangen, sondern vor allem von einem Ausblick über das Tal, der mich von jetzt an Morgen für Morgen zweifeln lässt, ob ich überhaupt aufgewacht bin oder einfach nur weiter träume.

Der Blick am Morgen - aufwachen geht ganz leicht. Foto: Doris
Der Blick am Morgen – aufwachen geht ganz leicht. Foto: Doris

Ich bin angekommen! Genau von diesem Ort habe ich geträumt, als ich heute früh vor der Alberque gestanden und einen kurzen Blick in die winzigen, dunklen Kammern mit Stockbetten geworfen habe. Genau diesen Platz für mich, diese Auszeit habe ich gebraucht nach intensiven Arbeits- und Reisewochen hier in Brasilien. Hier kann ich entspannen und meditieren, meine Yoga-Matte ausbreiten und den Tag mit Sonnengrüßen beginnen. Hier kann ich mit einem frisch gebrühten Kaffee an der Feuerstelle draußen vor meinem blau bemalten Häuschen sitzen und ein Buch lesen. Oder einfach nur auf die grünen Berge rundherum starren und den dramatisch aussehenden Wolken, die ab und an einen Regenschauer rauslassen, beim Wandern zusehen. Pläne über Pläne… aber die müssen warten. Schlaf geht vor, ich falle wie tot ins Bett!

Rein ins eiskalte Nass - die beste Erfrischung nach dem Wandern. Foto: Doris
Ein Plan: Einfach nur ins Wasser starren oder rein ins eiskalte Nass – die beste Erfrischung nach dem Wandern. Foto: Doris

Zwei Stunden später bin ich dann startklar: Ich will ins Dorf, dessen bunte Häuser samt Hippie-Läden mich schon zuvor beim Aussteigen aus dem Bus neugierig auf mehr gemacht haben. Zum Einkaufen, Frühstücken, Wandertouren ausmachen. Es sollte wieder anders, viel besser nämlich, kommen! „Bist du Andrea?“, versuche ich mein Glück, als zeitgleich mit mir eine Frau die Stufen von Zeus anderen Chales hinuntersteigt. Die zierliche Blondine mit Kapperl, Schlabberpants und Boy-T-Shirt schaut zuerst etwas verblüfft, stottert ein paar Worte in Portugiesisch und grinst mich schließlich an: Tatsächlich, Zeu hat sich nicht geirrt! „In den Chales wohnt noch eine andere Österreicherin namens Andrea“, hat er mir auf der Fahrt zum Häuschen verraten. Ich habe an ihm gezweifelt! Österreicher!? Zwei an einem Ort?! Er wird sicher Australier meinen!? Doch nein, die gebürtige Oberösterreicherin ist wirklich seit zwei Wochen in Capão und wird gleich von mir zum Frühstück verschleppt. Bei Sucos, den großartigen frisch gepressten Fruchtsäften, die – wie in Kolumbien und Ecuador – auch hier in Brasilien auf meinem täglichen Speiseplan stehen, erzählen wir uns unsere Lebens- und vor allem Reisegeschichten. Zum vierten Mal ist die Lebens- und Sozialberaterin bereits in Brazil, zum zweiten Mal in Capão – und bei Zeu. „Es ist der beste Ort um aufzutanken“, meint sie – und ich spüre schon jetzt, dass sie damit auch für mich den Nagel auf den Kopf trifft.

Vogelgezwitscher unterhält uns beim Frühstück. Foto: Doris
Vogelgezwitscher unterhält uns beim Frühstück. Foto: Doris

„Woher aus Österreich seid ihr denn?“, kommt vom Nachbartisch eine männliche Stimme, „ich bin der Bernhard aus Niederösterreich.“ Langsam wird mir klar: Wundern darf ich mich hier in Capao über gar nichts. Tatsächlich sitzt neben uns ein weiterer Landsmann, ein junger Biobauer aus Hollabrunn, der jedes Jahr von Dezember bis März auf Reisen geht – und dafür vom Rest der Bauernbevölkerung für verrückt erklärt wird. „Dabei ist im Winter nichts am Hof zu tun“, meint er, der mit seinem kurzrasierten Kopf, von dem zwei kleine Dreads stehen, weniger auf ein Kartoffelfeld als hier in die backpackende Alternativ-Szene passt.

Immer wieder begegnen mir wunderschöne Wesen wie dieses. Foto: Doris
Immer wieder finden wundervolle Begegnungen statt. Foto: Doris

Ein reisender Bauer, drei Österreicher an einem Ort mitten in Brasilien… spätestens jetzt erinnere ich mich an Zeus Worte, die mir wie ein Versprechen scheinen: „Capão ist ein magischer Ort, hier ist alles im Fluss.“ Ich soll diese Wahrheit in den nächsten vier Tagen, die ich vor allem mit ausgedehnten Wandertouren in der Umgebung verbracht habe, noch öfters erfahren.

Immer wieder solche Ausblicke beim Wandern. Foto: Doris
Immer wieder solche Ausblicke beim Wandern. Foto: Doris
Der Blick auf den Morrao. Foto: Doris
Der Blick auf den Morrao. Foto: Doris
Wandergefährten beim Wasserfall Fumaca. Foto: Doris
Wandergefährten beim Wasserfall Fumaca. Foto: Doris

Zum Beispiel auch an meinem letzten Abend! „Wisst Ihr, wann die Vorstellung beginnt?“ Die Frage einer Amerikanerin, die sich an unseren Tisch gesellt, löst bei Andrea, unseren beiden polnischen Bekannten und mir mittlerweile nur noch Lachen aus. Seit drei Stunden sitzen wir bei Bier und hausgemachten Kuchen auf den selten unbequemen Steinstühlen im Freien. Und warten! Zwei Tage zuvor hat mir Andrea „ihr“ Capão gezeigt, in dem sie vor sechs Jahren zwei Monate gelebt und gearbeitet hat. Ein Schild hat meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen: „Zirkus“ steht darauf geschrieben. Wie, Capão hat einen eigenen Zirkus? Tatsächlich wird im kleinen Dorf, das aus sage- und schreibe drei Straßen besteht und noch immer keine Handymasten (dafür aber ein paar Internet-Cafés) aufgestellt hat, seit 16 Jahren ein Zirkus betrieben. Und wie es der Zufall (der Fluss?) will, findet eben heute – an diesem Samstag – dort eine Veranstaltung statt. Es ist das 8. Treffen einer Künstlergruppe, so kann Andrea dank ihres guten Portugiesisch herausfinden. Beginn: 18.00 Uhr.

Den Zirkus gibt es schon seit Jahren in Capao. Foto: Doris
Den Zirkus gibt es schon seit Jahren in Capao. Foto: Doris

Inzwischen ist es 21.00 Uhr, das rote Zirkuszelt ist beleuchtet, Leute kommen und gehen wieder … allein die Vorstellung hat noch nicht begonnen. „Sie warten, bis genug Publikum da ist“, hat eine der beiden Polinnen erfahren. Macht (brasilianischen) Sinn, den übrigens unser Co-Österreicher Bernhard bereits begriffen hat: Kaum taucht er um 21.15 Uhr auf, kommen auch schon Clowns aus dem Zelt und trommeln die Menschen zusammen. Es geht los, es geht los! Das Warten hat sich gelohnt, nicht nur wegen der großartigen Gesellschaft. Die Vorstellung treibt uns die Lachtränen in die Augen, lässt uns staunen, die Zeit wie im Flug vergehen. Italienische und argentinische (Gast-)Akrobaten wechseln sich mit einheimischen brasilianischen Musik-Gruppen ab, Clowns heizen dem Publikum mit portugiesischen Witzen und international verständlichem Slapstick ein. Vier Stunden lang, schließlich leben in und rund um Capão viele Künstler – und die können gar nicht aufhören zu performen und so dieser Gegend ihre Liebe sowie Dankbarkeit zu zeigen.

Er hat uns besonders beeindruckt. Foto: Doris
Er hat uns besonders beeindruckt. Foto: Doris
Zirkus-Akrobatik vom Feinsten. Foto: Doris
Zirkus-Akrobatik vom Feinsten. Foto: Doris
Eine Chilenin spielt Clown - und Akkordeon. Beides gut. Foto: Doris
Eine Chilenin spielt Clown – und Akkordeon. Beides gut. Foto: Doris
Die Bühne quillt über: Jeder ist ein Künstler! Foto: Doris
Die Bühne quillt über: Jeder ist ein Künstler! Foto: Doris

Ich kann sie verstehen. Auch ich ertappe mich in den vier Tagen immer wieder dabei, einfach nur dankbar zu sein – für die Auszeit, für die Leichtigkeit, für die Freundschaften, für die Energie an diesem Ort und dafür, wieder einmal zu erkennen, dass alles Sinn macht und so geschieht, wie es kommen soll.. „Normalerweise spreche ich niemanden auf der Straße wegen eines Zimmers an“, meint Zeu am letzten Tag beim Abschied, „du warst mein erstes Mal.“ Allein dafür wäre ich ihm am liebsten um den Hals gefallen, meinem göttlichen Retter!

Gleich am ersten Tag (und ausgerüstet) geht es zum Rio Preta, dem schwarzen Fluss. Foto: Andrea
Danke, dass ich da sein durfte! Foto: Andrea

Ein Chale von Zeu kannst auch du mieten: Kosten für eine Person für ein ganzes Häuschen 40 Reais!

Chales de Zeu - meine absolute Unterkunfts-Empfehlung in Capao. Foto: Doris
Chales de Zeu – meine absolute Unterkunfts-Empfehlung in Capao. Foto: Doris

 

Tages-Wandertouren, die ich gemacht habe und somit empfehlen kann:

  • 3 Stunden von Capão nach Aguas Claras
  • Kurze Tour (ca. 1 Stunde) von Capão nach Rio und Cachoeira Preta
  • 2,5 Stunden Wanderung nach Cachoeira da Fumaca
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