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Kategorie: Reading.

Lesestoff: Nicht für Mädchen!

Unser Lesestoff liefert nicht nur „Stoff zum Lesen“, sondern soll mit seinen Geschichten und Erzählungen die Möglichkeit geben, uns zu berühren, neue Wege aufzuzeigen oder uns zum Nachdenken zu bewegen….

Unser Lesestoff liefert nicht nur „Stoff zum Lesen“, sondern soll mit seinen Geschichten und Erzählungen die Möglichkeit geben, uns zu berühren, neue Wege aufzuzeigen oder uns zum Nachdenken zu bewegen. Am Ende jedes Lesestoffs findet ihr Hintergründe zum Text, was diesen inspiriert hat oder was die/der AutorIn damit vermitteln möchte.

Nicht für Mädchen!

„Das will ich nicht mehr anziehen!“ ruft Leonie und wirft ihr T-Shirt mit dem Aufdruck von R2D2 durch das Zimmer. „Warum denn das,“ frage ich sie, „das ist doch dein Lieblingsshirt?“ „Raffi hat gesagt, Star Wars ist nicht für Mädchen.“ erwidert Leonie. Ich setze sie auf meinen Schoss. „Du kannst tragen, was du möchtest. Was dir gefällt. Es gibt nichts, das nur für Mädchen oder nur für Buben da ist.“

Leonies Lieblingsfarbe ist dunkelblau. Seit sie laufen kann, steuert sie in Geschäften zielsicher in die Jungenabteilung zu den blauen Shirts. Sie liebt aber auch rot, pink und gelb – sie darf sich aussuchen was ihr gefällt und worin sie sich wohlfühlt.

Meine Erklärung scheint sie zu beruhigen, anziehen möchte sie das R2R2 T-Shirt aber trotzdem nicht. Wir begeben uns auf die Suche nach einer Alternative, die bald gefunden ist – ein rotes Shirt mit Winnie Puh, auch ein Klassiker bei uns. Dann müssen wir auch schon los, wenn wir nicht zu spät kommen wollen.

Später am Nachmittag herrscht wieder das übliche Chaos. Ich setze gerade einen Kaffee auf, während Leonie in einem Buch blättert, ihre kleine Schwester Meike hat wieder einmal die R2D2-Sammlerfigur in Händen und lutscht fleißig daran. Ich hoffe inständig, dass die runde Form des Roboter einen brauchbaren Schnuller-Ersatz darstellt, denn Meike liebt die alte Figur heiß und innig.

Leonie legt ihr Buch beiseite, nachdem sie Meike länger beobachtet hat. Langsam geht sie auf ihre Schwester zu, beugt sich zu ihr hinunter und nimmt Meike die kleine Figur aus den Händen. „Nicht für Mädchen!“ sagt sie und legt R2D2 zurück in die Spielzeugkiste.

Der Hintergrund

Diese Geschichte ist eigentlich keine Geschichte, sondern etwas, das eine Freundin von mir so ähnlich mit ihren beiden Töchtern erlebt hat. Mich hat diese Erzählung sehr berührt. Ich bin zwar mit anderen Hürden aufgewachsen, doch eines habe ich von meinen Eltern nie gehört: dass ich etwas nicht tun kann, weil ich ein Mädchen bin. Und das, obwohl ich Ende der 70er Jahre geboren wurde und meine Eltern in den 40ern aufgewachsen sind.

Nun leben wir in den 2020ern und noch immer – gefühlt noch mehr als früher – gibt es eine Aufteilung: für Mädchen oder für Jungen. Beim Spielzeug, bei der Kleidung und wohl auch in den Köpfen vieler Erwachsener. Noch problematischer wird es, wenn Kindern in Folge etwas aufgrund ihres Geschlechts verwehrt wird. Der Bub darf kein rosa Shirt tragen, das Mädchen nicht mit Actionfiguren spielen.

Zugleich rätseln Experten, woher toxische Männlichkeit kommt oder warum Frauen sich so selten in Führungspositionen begeben. Kinder einfach Kind sein lassen, sich selber und die Welt unvoreingenommen entdecken ist aus meiner Sicht nicht nur die Basis für eine schöne Kindheit, sondern auch für das restliche Leben.

 

Habt ihr solche Erlebnisse auch schon gemacht oder in eurem Umfeld mitbekommen? Was ist eure Meinung zur Aufteilung von Spielzeug, Kleidung & Co. für Mädchen oder Jungen? An die Eltern: Wie besprecht ihr diese Themen mit euren Kindern?

 

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Anaïs Nin – Im Meer der Lügen: Graphic Novel zwischen Leidenschaft und Realität

Anaïs Nin ist für viele eine Ikone. Vor allem für ihre Tagebücher bekannt, hat sie sich als weibliche Schriftstellerin mit ihrer inneren Welt auseinandergesetzt und über (vermeintliche) Tabuthemen geschrieben –…

Anaïs Nin ist für viele eine Ikone. Vor allem für ihre Tagebücher bekannt, hat sie sich als weibliche Schriftstellerin mit ihrer inneren Welt auseinandergesetzt und über (vermeintliche) Tabuthemen geschrieben – unter anderem über die weibliche Leidenschaft, die sie auch ausgelebt hat. Wer tiefer in ihre Geschichte eintaucht, erfährt aber auch von traumatisierenden Erlebnissen, die sie stark geprägt haben.

In der neuen Biographie in Form einer Graphic Novel, „Anaïs Nin – Im Meer der Lügen“ von Léonie Bischoff,  können wir ihr turbulentes und wildes Leben mitverfolgen. Die Graphic Novel beginnt, als Anaïs Nin bereits in Paris lebt, zuvor war sie in Barcelona und New York. In der französischen Hauptstadt ist sie in den wohlhabenderen Kreisen unterwegs und lebt mit dem Bankier Hugo zusammen. Immer wieder zeigt sich in ihr der Zwiespalt zwischen „perfekter Ehefrau“ nach dem Frauenideal der 30er Jahre und dem Wunsch nach einem künstlerisch-freien Leben.

Die junge Anaïs beschäftigt sich mit Beziehungen, was Intimität für sie bedeutet und zieht auch die Aufmerksamkeit vieler Männer auf sich. Zur damaligen Zeit war zudem die Psychoanalyse auf dem Vormarsch, für diese beginnt sie sich ebenfalls zu interessieren. Anfangs pflegt sie vor allem durch Kontakte ihrer Brüder den Austausch mit Männern, so lernt sie auch Henry Miller, ihre spätere Affäre, kennen. Anaïs wird immer wieder mit Unglauben konfrontiert, wenn Männer ihre Texten lesen. Insgeheim wird sie zwar oft bewundert, doch gleichzeitig als Schriftstellerin nicht ernst genommen. Anaïs liest viel, erlebt ihre Umgebung mit allen Sinnen und sucht aktiv den Austausch über ihre Texte.

Im Laufe der Geschichte lernen wir sehr viel über die Gedankenwelt, Weltansicht, inneren Muster und Glaubenssätze von Anaïs. Immer wieder trifft sie sich mit Männern, die sie aus unterschiedlichsten Gründen interessieren. Diese vergehen sich dann aber an ihr; sie lässt den Missbrauch über sich ergehen, da sie befürchtet, dass sie die Leidenschaft in den Männern ausgelöst habe und sie ihnen deshalb Befriedigung schuldig ist.

Anaïs beginnt, ihre Tagebucheinträge vor ihrem Mann zu verheimlichen und gleichzeitig ihre „Tugendhaftigkeit“ aufrecht zu erhalten. Bis sie sich eines Tages in June, der Frau Henry Millers verliebt, und der emotionalen und extravaganten Frau gnadenlos verfällt. Der Konflikt zwischen dem Wunsch nach Leidenschaft mit June und dem der völligen Hingabe gegenüber ihres Mannes Hugo droht sie mehr und mehr zu zerreißen.

Mit Henry lebt sie schließlich ihre Leidenschaft ohne Zurückhaltung aus und fühlt sich endlich glücklich und erfüllt. Diese Verbindung scheint ihr Selbst zu stärken und dadurch auch ihre Ehe zu beleben. Mehr und mehr wird ihr Schreiben ihr Anker, ihre zweite Realität und ihr Weg, Dinge zu verarbeiten. Doch bröckelt die zusammengesetzte Welt von Anaïs. Sie sieht hinter die Fassade der ihr vergötterten Menschen und verstrickt sich immer mehr in ihrem Meer aus Lügen und Verheimlichungen.

Eines Tages tritt ihr Vater wieder in ihr Leben, der sie und ihre Familie bereits in Kindertagen verlassen hatte. Und damit gerät ihre Welt völlig aus den Fugen. Als Lesende erfahren wir durch Anaïs‘ Besuche beim Psychoanalytiker von der grotesken Beziehung zu ihrem Vater, die ihr Verhalten stark beeinflusst.
Immer mehr spielt Anaïs Rollen für die Männer in ihrem Leben und spürt die Macht, die sie über diese hat. Viele dieser Männer fühlen sich zudem von ihrem Tagebuch eingeschüchtert, welches neben ihnen existiert. Sie wiederum nutzt fast schon schizophren jeden Mann für neue Erfahrungen aus. Doch kann dieses verstrickte Leben noch länger gut gehen?

In „Anaïs Nin – Im Meer der Lügen“ tauchen wir tief in die Welt von Anaïs ab: Ihre Komplexität, ihre Sehnsüchte, aber auch ihre heftige Zerrissenheit zwischen Ansprüchen von außen und ihren eigenen Gedanken und Emotionen. Wir lesen von verstörenden Ereignissen genauso wie von beflügelnder kreativer Energie.

All das wird von Léonie Bischoffs kräftigen bunten Zeichnungen sehr schön verdeutlicht. Die Illustrationen und Texte sind großartig kombiniert und reißen einen förmlich mit in die Tiefe. Die Emotionalität, inneren Gedankenstrudel oder auch die starken Einschnitte in der Geschichte bleiben damit noch lange im Gedächtnis – diese Biographie hallt im eigenen Inneren für längere Zeit nach.

Vielen Dank an den Splitter Verlag für das Rezensionsexemplar!

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Fünf Comics für Kinder: Junge Helden und schwierige Themen

Kindercomics gibt es reichlich, in diesem Beitrag stelle ich euch solche vor, die nicht immer ganz so leichte Themen behandeln und dabei die jungen Heldinnen und Helden in den Mittelpunkt…

Kindercomics gibt es reichlich, in diesem Beitrag stelle ich euch solche vor, die nicht immer ganz so leichte Themen behandeln und dabei die jungen Heldinnen und Helden in den Mittelpunkt des Abenteuers stellen. Taucht ein in fantastische Welten!

Dragon Prince – Der Prinz der Drachen 1: Durch den Mond

Vielleicht kennen manche von euch die spannende Netflix-Serie „The Dragon Prince„: Fantasy gemixt mit charakterlicher Diversität und einer richtig großartigen Story, nicht nur für Kinder. Ich bin ein großer Fan der Serie, die durchaus auch düster sein konnte.

Bild: Cross Cult

Im allerersten Band der Adaption zur Serie, „Dragon Prince – Der Prinz der Drachen 1: Durch den Mond„, erleben Rayla, die Elfen-Assassin und Callum, der aufstrebende Magier, eine Folgegeschichte zum Zeitpunkt nach den Geschehnissen aus der Serie. In einer weiteren großen Mission müssen beide wieder über sich hinauswachsen und sich ihren Ängsten stellen, auch wenn das Gefahr bedeutet. Aber um endlich Frieden zu haben, geht das junge Paar das Wagnis ein, denn sie wollen weiterhin, dass sowohl Menschen als auch Elfen nebeneinander existieren können. Und Rayla wird das Gefühl nicht los, dass Viren, der böse Manipulator, vielleicht doch nicht tot ist…

Bild: Cross Cult

Rotwölfchen

Seit kurzem gibt es den bildgewaltigen Comicband „Rotwölfchen“ von Amélie Fléchais auch auf Deutsch. Vor einer Weile hatte ich ihn das erste Mal bei einer Freundin in der Hand und war sehr angetan von den Bildern und den Parts, die ich auch auf französisch zum Teil verstand. „Rotwölfchen“ ist ein tragisches Märchen. Aber das sind Märchen ja oft. Die Geschichte dreht sich um einen jungen Wolf, der bei seiner Familie im Wald aufwächst und ein rotes Mäntelchen trägt – Rotkäppchen anders herum also. Dieses Wölfchen soll ebenfalls zu seiner Großmutter gehen und ihr Leckereien mitbringen.

Bild: Splitter Verlag

Nicht ohne Warnung vor dem bösen Jäger und seiner Tochter geht das Wölfchen also auf den Weg. Voller Begeisterung hüpft es durch den Wald, bis es auf ein Menschenmädchen trifft. Dieses erzählt ihm von einem Lied, in dem es um eine von ihr ausgedachte Geschichte geht: Eine schöne Frau, die viel Zeit alleine im Wald verbrachte und ein junger Jäger verlieben sich. Der Jäger legt seine Waffen ab, um sie zu erobern und sie leben als kleine Familie zusammen. Dann bricht das Mädchen die Geschichte ab, lockt das Wölfchen ihn in ihr Zuhause und sperrt ihn ein, bis ihr riesiger Vater, der Jäger, heimkommt.

Währenddessen erzählt sie ihr Lied zu Ende: Die Frau wird von Wölfen getötet und seither bewegt den Jäger einen Hass gegen diese. Das Mädchen schließt mit der Aussage, dass alle bösartigen Bestien getötet werden müssen und sie daher den Wolf eingesperrt habe. Was passiert, wenn der Jäger auf das arme Wölfchen trifft, sei nicht verraten. Doch das war nicht das Ende der Geschichte, denn das Wolfsrudel hat ihre ganz eigene Variante der Geschichte, die von einer wunderbaren Verbundenheit zwischen Mensch und Wolf berichtet – und von einer törichten Tat des Jägers…

Bild: Splitter Verlag

Die ganze Fabel zeigt uns, wie unterschiedliche Realitäten entstehen. Wie Menschen sich ihre Wahrnehmung zurechtlegen, um sich nicht dem Unangenehmen stellen zu müssen. Und sie erzählt von Sündenböcken, Naturverbundenheit und Schwarz-Weiß-Denken. Dieser Band hält uns vor Augen, wie wir uns schnell auf eine Seite schlagen und bietet uns sehr ambivalente Charaktere. Keiner ist wirklich der oder die “Böse”. Alle handeln letzten Endes aus einer Annahme oder aus bestimmten Intentionen und Gefühlen heraus

Die Illustrationen ziehen sich oftmals komplett über die Seiten, die kräftigen, traumartigen Motive sind mit unterschiedlichen Malarten und Techniken entstanden. Text und Folklore-Verzierungen fügen sich schön in die Seiten ein.

Die magische Spieluhr 1: Willkommen in Pandorient

Ein Comic, der ebenfalls aus französischer Feder stammt, trägt den Titel „Die magische Spieluhr 1: Willkommen im Pandorient„, im Original geschrieben von Gijé​ und Carbone.

Bild: Splitter Verlag

In diesem kindgerechten Band spielt Nola, ein junges Mädchen, die Hauptrolle. Sie hat ihre Mutter verloren und muss nun den ersten Geburtstag ohne sie verbringen. Durch das Geburtstagsgeschenk ihres Vaters, eine wunderschöne Schneekugel mit Spieluhr, lässt ihr ein kleines Wesen plötzlich einen Hilferuf aus der Kugel zukommen. Das Wesen bittet Nola, ihr und ihrer erkrankten Mutter zu helfen, und ehe sich Nola versieht, schrumpft sie auf die Größe einer Fee und ist auch schon in die magische Welt der Spieluhr geschlüpft.

Dort führt sie das Wesen namens Andrea in die Welt von Pandorient, ein buntes Dörfchen mitten in der Natur, das auf den ersten Blick friedlich wirkt. Doch Andrea zieht sie weiter zu ihrer kranken Mutter, die Nola zuerst mit ihrer Mutter Annah verwechselt. Von Andreas Mutter erfahren wir, dass Annah sich  oft in Pandorient aufgehalten hat.

Bild: Splitter Verlag

Da taucht auch noch Igor, Andreas Bruder auf. Gemeinsam mit ihm macht sich Nola auf die Suche nach einer Medizin, die der kranken Frau helfen könnte. Doch es tun sich Hindernisse auf, mit denen die drei nicht gerechnet haben und mit Hilfe der Nachbarn decken sie ein schlimmes Geheimnis auf. Mehr soll hier nicht verraten werden, nur so viel: Nola erfährt mehr und mehr über Pandorient und ihre Mutter und gewinnt Freunde fürs Leben.

Die Story macht neugierig auf die Welt in und um Pandorient, im ersten Band wird noch wenig verraten. Die Zeichnungen sind voller Bewegung und starker Mimik, welche die Lesenden in den Bann des Abenteuers ziehen. Band II bis V sind ebenfalls schon erhältlich.

Der Club der drei Schwestern 1: Sarahs Traum

Ebenfalls um eine Familiengeschichte geht es in „Der Club der drei Schwestern 1: Sarahs Traum„, aus dem Französischen von Barbucci und Di Gregorio. Barbucci ist ein bekannter Zeichner, der unter anderem Zeichnungen für Disney oder das Magazin W.I.T.C.H. gestaltet hat. Im ersten Band der Reihe lernen wir drei sehr unterschiedliche junge Schwestern kennen, die mit ihrer Mutter zusammen leben. Sarah, die immer wieder einen merkwürdigen Traum von einer schwebenden Qualle im Wald hat, Kassiopeia, die verträumte der drei, und die stille Lucille, die vor allem mit Katzen kommuniziert. Die drei wollen gerne mehr über das frühere Leben ihrer Mutter wissen und stellen immer wieder interessierte Fragen.

Bild: Splitter Verlag

An einem Sonntag, an dem deren Mutter sich wieder einmal sehr ausweichend zu den Fragen ihre Jugend betreffend verhält, gründen die drei ihren „Club der drei Schwestern“ mit der Mission, die Vergangenheit ihrer Mutter zu ergründen. Sie finden alte Sachen auf dem Dachboden, doch noch viel spannender sind die alten Fotos, die ihnen in die Hände fallen.  Diese bergen ein Geheimnis in sich, das sich ihnen erst später offenbart.

Bild: Splitter Verlag

Zum Muttertag wollen sie ihre Mutter mit einem selbst gestalteten Fotoalbum überraschen. Dazu befragen sie Freunde ihrer Mutter zu den Fotos, damit diese ihnen Hinweise geben können, wo die Bilder aufgenommen wurden. So sammeln sie Anekdoten und Erinnerungen. Doch für Sarah steckt mehr hinter dieser Suche nach Hinweisen zur Vergangenheit der Mutter, sie will die Bedeutung ihres Traumes herausfinden und was die Qualle im Wald mit ihr zu tun hat. Zu allem Überfluss kommt es zu Streitereien unter den Schwestern, die sich nicht immer gegenseitig verstehen.

Bild: Splitter Verlag

Am Muttertag passiert es dann schließlich, Lucille läuft wegen eines weiteren Streits davon. Die anderen beiden Mädchen machen sich gemeinsam mit ihrer Mutter auf die Suche nach ihr und endlich kommt das Geheimnis der Mutter und des seltsamen Traumes ans Tageslicht.

Dieser umfangreiche Comicband stellt seine Charaktere in den Vordergrund, jedes der drei Mädchen wird lebhaft und liebevoll dargestellt, lediglich die Mutter bleibt wohl auch aufgrund der Story sehr blass. Die Farben, Szenerien und weitere Nebencharaktere gefallen mir sehr, die Idee und das Ende der Story ebenfalls. Ein nicht ganz so einfaches Thema wird hier emotional, aber auch kindgerecht und nachvollziehbar erzählt. Band II ist ebenfalls neu erschienen.

Die entsetzliche Angst der Epiphanie Schreck 2: Die verlorene Zeit

Neu erschienen ist außerdem „Die entsetzliche Angst der Epiphanie Schreck 2: Die verlorene Zeit„, der Comic wurde erneut von Clément Lefèvre und von Séverine Gauthier verfasst. Der erste Band, „Die entsetzliche Angst der Epiphanie Schreck„, mit dem eigenwilligen Zeichenstil und dem Tabuthema Angst hatte mir schon sehr gut gefallen – siehe meine Rezension dazu.

Bild: Splitter Verlag

Im zweiten Band treffen wir alte Charaktere wieder, Epiphanie ist zudem älter geworden. An ihrem neunten Geburtstag überfällt sie die Angst erneut, sie fällt wieder in die merkwürdige Fantasiewelt und trifft dort auf alte Bekannte. Wie beim letzten Mal hat sie wieder eine unbeantwortete Frage, die sie umtreibt. Dieses Mal erhofft sie sich Rat von den skurrilen Anwesenden, wie man sich denn Freunde machen kann. Wieder begibt sie sich in der Fantasiewelt auf eine Reise zu sich selbst. Im Gespräch mit den anderen wird klar, dass sie nie Kind sein konnte, da die Angst sie immer ernsthaft und verkrampft gemacht hatte und es ihr daher heute so schwer fällt, diese Frage zu beantworten.

Die Wesen raten ihr, ihre Ernsthaftigkeit zu verlieren und ihre verlorene Zeit aufzuholen. Um genauer zu sein, neun Jahre ihrer Kindheit. Doch leichter gesagt als getan, die Angst hindert sie immer wieder daran, zu schweben und loszulassen. Selbst im Vergnügungspark findet sie stets Einwände, warum sie dies oder jenes nicht tun kann. Später soll ihrer Kindheit im Kino auf den Grund gegangen werden, doch Epiphanie flüchtet aus dem Film… Doch endlich, endlich findet sie einen Weg, wie sie wieder Kind sein kann und sieht, was ihr immer gefehlt hat.

Bild: Splitter Verlag

Der zweite Band hat mich noch mehr berührt und an fantastisch skurrile Plätze geführt. Dieses Mal habe ich auch die Handlung als authentischer und fokussierter empfunden. Epiphanie handelt mehr, anstatt zu reagieren. Wir lernen sie besser kennen, die anderen Wesen sind mehr im Hintergrund. Mir haben in diesem Band auch die Farbpalette und die Dialoge mehr zugesagt. Und es begeistert mich immer wieder, wie das Thema rund um Angst und Angststörung so verzaubernd und doch authentisch behandelt wird. Genau das vermögen diese Comics alle – schwierige Themen in Form von Kunst, Überlebensstärke und Zuversicht an Kinder weiterzugeben.

Vielen Dank an den Splitter Verlag und Cross Cult für die Rezensionsexemplare!

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Gesellschaftskritische Comics und Graphic Novels von weiblichen Künstlern

In diesem Artikel möchte ich den Fokus auf gesellschaftskritische Comics und Graphic Novels legen, die von weiblichen Künstlern kreiert wurden. Drei dieser Werke möchte ich euch heute vorstellen: „Wie gut,…

In diesem Artikel möchte ich den Fokus auf gesellschaftskritische Comics und Graphic Novels legen, die von weiblichen Künstlern kreiert wurden. Drei dieser Werke möchte ich euch heute vorstellen:

„Wie gut, dass wir darüber geredet haben“ von Julia Bernhard

Der 2019 erschienene Comic „Wie gut, dass wir darüber geredet haben“ ist das Debüt von Julia Bernhard und strotzt schon im Titel nur so vor Ironie und Zynismus. Die reduzierte Farbpalette der gezeichneten Panels aus lachsrot und sumpfgrün fällt als erstes auf, als nächstes, dass viele Szenen aus dem (körperlichen) Blickwinkel der Protagonistin zu sehen sind. „Wir“ sprechen also mit unserer Oma beim Kuchenessen, mit unseren Dates oder unserer französischen Bulldogge. Dieses Stilmittel sorgt dafür, dass sich die Lesenden sehr involviert und persönlich angesprochen fühlen.

So erleben wir unangenehme Gespräche mit der Familie, der intoleranten Oma oder auch Männern, die sich bloß nicht binden wollen. Die Protagonistin wird mit Weltbildern, Anforderungen und Erwartungen konfrontiert, versucht sich teilweise daraus zu befreien oder das Gegenüber nicht vor den Kopf zu stoßen. Leider wehrt sie sich aber auch nicht so deutlich und nimmt – meist sehr passiv – alles auf, ohne Grenzen zu setzen oder ihre Meinung klar und deutlich auszusprechen.

Es geht also um die Generation Mitte Zwanzig, um Sorgen und merkwürdige Situationen, um Freundinnen, die sich über ihren Partner beschweren und unzufrieden sind, aber dann doch beim kleinsten Zuneigungskrümel dahinschmelzen; um die groteske Welt in einer Kreativagentur, Gespräche mit Pflanzen und Hunden aber auch der Clash zwischen modernen Ideen von Beziehung und Partnerschaft – „Alles ist möglich!“ – und traditionellen Werten, (Un-)Verbindlichkeit und Freiheit.

Viele Situationen sind in der Kommunikation ungenügend, Missverständnisse und unterschiedliche Realitäten prallen so lange aufeinander, bis diese der Protagonistin, von Depression und Selbstzweifel geplagt, über den Kopf wächst und sie sich im wahrsten Sinne des Wortes zurückzieht.

Die Message, die ich mitnehme: Letztendlich könnte es allen besser gehen, wenn man versucht das Gegenüber aufrichtig zu verstehen und nicht alles toleriert. Und: moderne und offene Weltanschauungen sind bei weitem noch nicht Standard.

„Der Ursprung der Liebe“ von Liv Strömquist

An ein ähnliches Thema wie im Comic zuvor macht sich Liv Strömquist in „Der Ursprung der Liebe“, sie untersucht nämlich was genau Liebe eigentlich ist und was eigentlich unser Bild von Beziehungen und Partnerschaften ausmacht.

Es geht darum, wie Mann und Frau über Gefühle sprechen, welche Unterschiede Sozialisation zwischen Mann und Frau entstehen lässt und wie das unsere Beziehungsgestaltung beeinflusst. Wir treffen hier wie in allen Comics von ihr auf viele bekannte Persönlichkeiten, von Tim Allen bis Ronald Reagan, von Prinzessin Diana zu Britney Spears.

Die Autorin beleuchtet, wie das Konzept Beziehung entstand und aus welchen Beweggründen man früher bis heute eine Beziehung einging. Und warum bleiben eigentlich viele in ihrer ungesunden Beziehung hängen? Was haben Religion und Rituale mit Liebe zu tun? Wie weit darf Liebe gehen? Wer legt Grenzen und Bedingungen für Liebesbeziehungen und Partnerschaften fest?

Liv Strömquist schafft es, diese für uns eigentlich selbstverständlichen Dinge so zu hinterfragen, dass man nach der ersten Verwunderung auch Freiheit verspürt, die Dinge selbst so zu entscheiden wie man es für richtig hält. Sprich, sie klärt auf und schafft damit Handlungsspielraum und die Möglichkeit, seine Entscheidungen und sein Verhalten in Tradition und Strukturen zu überdenken. Es geht aber auch um Macht, Manipulation, unerfüllte Bedürfnisse und die verbreitete Vorstellung, eine Beziehung kann uns von allen Ängsten befreien und sei das ultimative Ziel im Leben.

Inhaltlich regt sie dazu an zu hinterfragen, mit wie viel Integrität man seine Liebesbeziehungen lebt und erläutert, wie diese Sichtweisen auf Beziehungen und Werte in einer Partnerschaft über die Jahre entstanden sind. Welche Phänomene in Liebe und Romantik sind allgemeingültig? Wo gibt es historische und kulturelle Unterschiede? Strömquist analysiert gerne mal bis ins Groteske und schafft es, danach wieder alles in einen Rahmen zu rücken und überlässt uns schließlich unserem eigenen Urteil.

Ihre überspitzten, lebendigen Charakterzeichnungen und die kleinen Nebenkommentare hinterlassen die Lesenden mit neuen Blickwinkeln, ohne erhobenen Zeigefinger oder Dogma. Sie nimmt sich an den richtigen Stellen auch selbst nicht zu ernst und stellt offene Fragen: Was bedeutet denn jetzt eigentlich Liebe?

„Ich fühl’s nicht“ von Liv Strömquist

Im neuesten Werk „Ich fühl’s nicht“ der bekannten schwedischen Comickünstlerin geht es wieder um die Liebe. Aber dieses Mal etwas anders. Es geht noch mehr um das eigene Selbstbild, um Leidenschaft und was Liebe in unserer konsumorientierten Gesellschaft bedeutet. Wie zeigen wir uns in unseren Verhaltensweisen in der aktuellen Zeit? Sind andere nur dazu da, um sich selbst zu spiegeln und zu erweitern?

Sie stellt Theorien anhand vorhandener Forschung und Fakten auf; untersucht, warum sich manche beispielsweise nicht binden wollen oder können, warum zu viel Auswahl und Möglichkeit uns hindert, tiefer zu fühlen und die Überoptimierung uns nicht glücklicher machen wird, auch was die Partnersuche angeht. Was macht die moderne Partnersuche und dutzendfache Auswahl mit uns? Laut Strömquist nimmt beispielsweise die Rationalität bei der Partnerwahl inzwischen eine wichtigere Stellung ein, als die emotionale Komponente.

Sie beschreibt, wie Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit unser Konzept von Bindung und Beziehung tief beeinflusst. Die Autorin zeigt, warum man so ist wie man ist, wenn man sich verliebt und wie sich Liebe in einer Beziehung oder Partnerschaft auch verändern kann.  Sie thematisiert zum Beispiel das Dilemma der bedingungslosen Liebe vieler Frauen, die sich selbst aufgeben und die Gefahr „durch Gedankendressur und Selbst-Empowerment“ genauso liebesunfähig zu werden. Kann man zu tief lieben? Wie dauerhaft ist Liebe?

Besonders interessant: Unser Streben nach Einzigartigkeit verschließt uns den Weg zu tieferer Liebesfähigkeit. Denn, so erklärt sie frei nach Erich Fromm, häufig üben wir uns nicht in der Kunst des Liebens, sondern fokussieren uns oft nur darauf, wie wir geliebt werden können.

Wie immer stellt sie aktuelle, aber auch historisch ältere philosophische, soziologische oder auch psychologische Thesen nebeneinander und schließt daraus Fragen, (unerwartete) Schlüsse und weitere (teilweise verblüffende) Theorien. Dabei kommen die wissenschaftlichen Persönlichkeiten oftmals selbst zu Wort, so zum Beispiel die Soziologie-Professorin Eva Illouz. Uns begegnen hier jedoch auch Figuren wie Der Kleine Prinz, Lord Byron oder Beyoncé.

Immer gibt sie auch die jeweilige Quelle an und lässt sowohl Philosophen als auch ausgedachte Charaktere aus allen Zeiten selbst zu Wort kommen. Gekonnt bündelt sie Witz und viel Stoff zum Nachdenken zu einem lehrreichen aber auch sehr unterhaltsamen und etwas anarchischen Sachcomic.

Eine große Empfehlung meinerseits für alle Strömquist-Bände. Ihre Werke hinterlassen immer eine Mischung aus augenöffnenden Momenten, Verwunderung (manchmal auch Schrecken) und lassen einen sich selbst und die Welt, wie sie ist, hinterfragen.

Im Herbst dieses Jahres erscheint übrigens ihr nächstes Werk.

Vielen Dank an den avant-verlag für die Rezensionsexemplare!

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Vom Chaos zu Kreativität – Workflow für Kreative

Vor einigen Jahren habe ich den unabhängigen und bunten Selfpublishing-Verlag Microcosm Publishing aus Portland entdeckt. Ich stieß damals auf deren vielversprechende Webseite, da ich auf der Suche nach Zines war…

Vor einigen Jahren habe ich den unabhängigen und bunten Selfpublishing-Verlag Microcosm Publishing aus Portland entdeckt. Ich stieß damals auf deren vielversprechende Webseite, da ich auf der Suche nach Zines war und einige der damals (und heute) bekanntesten Zinesters dort ihre Hefte vertrieben. Zines sind kleine Hefte, meist über persönliche Themen, die oft starken DIY-Charakter aufweisen und eigenhändig publiziert werden.

Seither verfolge ich immer wieder über Social Media, wie der Verlag mit größtem Selbstbewusstsein und einer tollen diversen Kreativität ansprechende Bücher und Hefte zu großen und kleinen Themen anbietet. Von Feminismus über DIY-Projekte und Empowerment, aber auch politischer Aktivismus und psychologische Themen, bietet der Verlag eine inspirierende Auswahl. Vor kurzem habe ich aus dem großen Sortiment einige Rezensionsexemplare bekommen, die ich euch nun nach und nach vorstellen möchte.

Zunächst das Buch „From Chaos to Creativity“ von Jessie Kwak, das vor allem für Kunstschaffende einen Weg finden will, sich eine Struktur und einen Workflow aufzubauen. Dabei meint die Autorin, dass Produktivität nicht „Abhaken von Aufgaben“ bedeutet. Sie setzt jedoch Planung als Eckstein für alle Projekte, egal wie unterschiedlich diese sind. Kreative Arbeit folgt dabei aber selten einer bestimmten Logik, analytisches Vorgehen trifft oft nicht auf künstlerische Projekte und Prozesse zu.

Im Grunde geht es zunächst einmal darum, sein Chaos zu zähmen und mehr Überblick zu bekommen. So stellt sie zunächst drei größere Bereiche vor. Das sind zuerst einmal alle „Sammelplätze“ wie beispielsweise Mails, Notizen-App oder Journal für Ideen, Aufträge und Aufgaben, dann den Zeitplan („Schedule“) und als letztes organisierendes Element, die „Projektordner“, in denen man dann bestenfalls jeweils an einem Ort alles zu einem Thema sammelt.

Beim Planungsprozess soll man zum Start alle „Sammelplätze“ sichten und Ziele formulieren. Denn neurologisch gesehen, ist das Gehirn meist mit dem Kurzzeitgedächtnis beschäftigt, was Prioritäten angeht – da übersieht man dann leicht mal das große Ganze. Aus den „Inboxen“ kann man beispielsweise alles nach zeitlichen Kriterien sammeln – Wann muss es erledigt sein? – oder auch nach einzelnen Aufgaben und Projekten sortieren. Hierbei hilft es, sich seinen eigenen Zielen und der Dringlichkeit und Wichtigkeit der Aufgaben bewusst zu werden.

In den Projektordnern, die man dann anlegt, kann man wiederum temporäre To Do-Listen anlegen, um den Auftrag oder das Projekt in einzelne Schritte zu untergliedern. Hierbei kommen dann auch Tools für Erinnerungen oder andere digitale Helfer zum Einsatz. Ein Kernelement dieser Vorgehensweise ist der Kalender, in diesen sollen eher Aktionen und Termine als nur die Deadline eingetragen werden, von der aus man dann rückwärts zum aktuellen Zeitpunkt plant.

Das Buch beinhaltet auch jede Menge Tipps, wie man seinen Arbeitsalltag im Detail gestalten kann – von Arbeitseinheiten bis zu der Frage, wie viel Energie man in einzelne Projekte und dem hin- und herwechseln derer investieren kann. Das ganze Kreativitätssystem soll individuell für unterschiedliche Menschen nützlich sein, dabei helfen weiterführende Hinweise am Ende.

Das ist nur ein grober Überblick über die Kreativitätsstrategie „From Choas to Creativity“ – ich habe mich sehr angesprochen gefühlt, da sie viele Dinge aufgreift, die Kreativschaffende beschäftigen und auf diese Eigenheiten geht sie wissend ein. Das dazugehörige Arbeitsheft zum 2019 erschienenen Buch, „From Chaos to Creativity – Workbook“, fasst die Quintessenz des 192 Seiten langen Buches als Arbeitsschritte zusammen. Das Workbook umfasst daher auch nur 32 Seiten.

Das Heft möchte ebenfalls eine Hilfestellung für alle sein, die im kreativen Bereich arbeiten. Im Prinzip geht es darum, Ziele und Prioritäten festzulegen, aber auch darauf zu achten, wann man welche kreativen Tätigkeiten am besten ausführt. Es geht darum, eine Art für sich passenden Workflow zu schaffen, mit dem man sein kreatives Arbeitsleben ein Stück weit professionalisieren und strukturieren kann. Neben vielen Fragen, die die eigenen Handlungen hinterfragen und analysieren sollen, stellt die Autorin auch einige Zeitmanagementmethoden vor, die in einfacher Form mit in das eigene „Produktivitätssystem“ einfließen können, so zum Beispiel das Eisenhower Quadrat, das nach „dringend“ und „wichtig“ sortiert.

Nach einigen Überlegungen und Fragen soll man dann als Hauptaufgabe zwei Wochen ein Logbuch chronologisch nach Uhrzeit führen, um dieses anschließend dahingehend auszuwerten, inwiefern man seine ideale Vorstellung eines Arbeitslebens tatsächlich einfließen lassen kann. Dazu gibt euch das Heft viele Fragen an die Hand. Sehr nützlich fand ich hierbei die Liste, in der man aufschreiben sollte, wie man sich in die Stimmung eines kreativen Mindsets bringen kann, aber auch welche Pflichten man recht schnell erledigen und welche Aufträge oder Tätigkeiten man überhaupt nicht mehr annehmen möchte.

Zu guter Letzt findet man noch Tipps, wie man Ablenkungen vermeiden und Probleme beim Prozess des Findens eines passenden Workflows lösen kann. Besonders schön: Sie berücksichtigt, dass auch das Träumen und Gedanken frei laufen lassen zur Arbeit von Kreativen dazugehört.

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Betty Boob – No Body is Perfect

Comics sind für viele LeserInnen eine willkommene Abwechslung zu textlastigen Büchern. Viele Comics oder Graphic Novels sind schon über die Bildsprache aussagekräftig. Aber so ganz ohne Text, geht das denn,…

Comics sind für viele LeserInnen eine willkommene Abwechslung zu textlastigen Büchern. Viele Comics oder Graphic Novels sind schon über die Bildsprache aussagekräftig. Aber so ganz ohne Text, geht das denn, vor allem bei schwierigeren Themen? Dass Bilder ausreichend sein können und wie so oft weniger mehr ist, beweist das mitreißende Werk von Véro Cazot und Julie Rocheleau, „Betty Boob“, dem der französische Buchhandelspreis für Comics „Prix de la BD Fnac“ verliehen wurde.

Der über 170 Seiten starke Band erschien 2018 im Splitter Verlag und behandelt ein äußerst schwieriges Thema: der Verlust von Brüsten durch Brustkrebs. Elisabeth verliert durch Chemotherapie nicht nur ihre Haare sondern auch eine Brust. Ihr Partner kann nicht damit umgehen und verlässt sie. Viel schlimmer kann es in diesem Moment kaum kommen. Sie fühlt sich nicht attraktiv und kämpft um ein neues Selbstbewusstsein und eine neue Identität.

In grotesken, aber visuell starken Bildern erzählt der Comic die Hindernisse, mit denen die Protagonistin zu kämpfen hat. Sie selbst geht zunächst immer selbstsicherer mit sich und ihrem Körper um, dennoch verliert sie ihren Job und erfährt viel Ablehnung und auch angewiderte Reaktionen.

Der Comic führt – mal mehr, mal weniger abstrus – und in Animationsfilm-Art vor Augen, wie sehr unsere Aufmerksamkeit auf Äußerlichkeiten liegt. Das Ganze erscheint stellenweise sehr absurd und irreal, aber dennoch emotional mitreißend. Die Farbgebung spricht stark für sich, manche Panels sind beispielsweise grün (wie Ekel) oder auch zartviolett, wenn es um Sinnlichkeit geht.

Elisabeth trifft schließlich durch Zufall auf schwimmendes Burlesque-Theater und lernt eine besondere Gemeinschaft kennen, in der niemand perfekt ist und jede/r mit seinen (körperlichen) Schwächen kokettiert und diese elegant und sexy zur Schau stellt. Das Publikum ist jedes mal aufs Neue fasziniert von der rauschenden Darstellung der SchaustellerInnen, die Burlesque und Cabarét vereinen. Körperlichkeit wird hier nicht nur akzeptiert, sondern gelebt.

Sie verliebt sich sofort in die Vorstellungen und wagt sich schließlich auch auf die Bühne – Betty Boob ist geboren! Elisabeth erhält einen Vertrag und wird in die bunte und verrückte Truppe aufgenommen. So gewinnt sie langsam neue Stärke und beginnt ein völlig neues Leben.

Betty Boob“ ist ein starkes Plädoyer für Selbstliebe und ein Werk das beinahe ohne Worte zeigt, wie wichtig es ist, eine akzeptierende und wohlwollende Community um sich zu haben.

Vielen Dank an den Splitter-Verlag für das Rezensionsexemplar!

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Herz aus Stein – eine Fabel über das Fühlen

Ein Mädchen mit einem Artischockenherz und ein Junge, der nichts fühlt? Diese seltsame Konstellation ergibt eine traurige, aber atmosphärische Fabel mit einem kleinen Funken Hoffnung. Wir lernen in „Herz aus…

Ein Mädchen mit einem Artischockenherz und ein Junge, der nichts fühlt? Diese seltsame Konstellation ergibt eine traurige, aber atmosphärische Fabel mit einem kleinen Funken Hoffnung.

Wir lernen in „Herz aus Stein“ einen kleinen Jungen kennen, der in einer düsteren Umgebung aufwächst. Er hat zudem ein Handicap: Er hat kaum einen Herzschlag! Die Eltern sind sehr betrübt und er wächst einsam und traurig auf. Zur selben Zeit lebt nicht unweit von ihm ein liebreizendes, warmherziges Mädchen, das stets Glück ausstrahlt und in dessen Nähe jeder in ihrem Umfeld gerne verweilt.

Es kommt wie es kommen muss, eines Tages stoßen die beiden aufeinander. Das Mädchen ist sofort Feuer und Flamme für den Unbekannten und will ihm ihre Liebe schenken. Sie übergibt ihm einen Teil ihres Herzens, ein Artischockenblatt. Doch er versteht nicht, was dies bedeutet und verschmäht das Geschenk.

Ein anderer Junge sieht währenddessen die innere und äußere Schönheit und Anmut des Mädchens. Er hat ein Herz aus Gold und möchte gerne auf sie acht geben. Sie hat aber nur Augen für den grummeligen, deprimierten Jungen, der nicht versteht, warum sie seine Nähe sucht und der nicht schätzt, dass sie ihm wieder und wieder Blätter ihres Artischocken-Herzens schenkt.

Irgendwann begreift das Mädchen, dass ihre Mühe vergebens ist und ihre Zuneigung nicht erwidert wird. Sie wird traurig als sie sieht, dass sie nur noch zwei kleine Blättchen ihres Herzens in sich trägt. Die Geschichte nimmt eine Wendung, die noch nicht verraten sei, nur so viel: Sie erhält ihr Herz zusammengefügt wieder zurück und erlebt eine Überraschung.

Was an dieser kurzen Fabel besonders hervor sticht, sind die unterschiedlich intensiven Farben, die den Jungen und das Mädchen bildlich trennen. Das Mädchen in ihrem Umfeld ist bunt, weich und sanft gemalt, die restliche Umgebung und der Junge in grau und schwarz, trostlos und verloren. Beide Welten haben jedoch ihren Reiz und ihre eigene Ästhetik. Eine weitere Besonderheit ist die poetische Sprache, die Panels sprechen großflächig und intensiv für sich. Es gibt keine umrahmenden Elemente der gesagten Worte, sie begleiten den Betrachtungsprozess wie nebenbei, der Text fällt aber durch Reimschema und gehobenere Sprache auf.

Die Illustrationen sind – im wahrsten Sinne des Wortes – das Herzstück des Hardcover-Comics. Der Stil ist verspielt, fantastisch und organisch. Viele Elemente sind nur angedeutet, sodass die Atmosphäre an eine Traumwelt erinnert, was den symbolischen Charakter der Fabel noch unterstreicht. Lasst euch von diesem bildgewaltigen Comic mitreißen und berühren!

Vielen Dank an den Splitter-Verlag für das Rezensionsexemplar!

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Willkommen im Wunderland! Die entsetzliche Angst der Epiphanie Schreck

Angst ist ein Thema, das nicht nur in Zeiten von Pandemien aktuell ist. Zusammen mit Schlagwörtern wie mentale Gesundheit und Achtsamkeit hält es immer mehr Einzug in die Medien und…

Angst ist ein Thema, das nicht nur in Zeiten von Pandemien aktuell ist. Zusammen mit Schlagwörtern wie mentale Gesundheit und Achtsamkeit hält es immer mehr Einzug in die Medien und wird nicht mehr nur als privates Thema mit Nahe stehenden besprochen. Mich interessiert vor allem der künstlerische Umgang mit Angst – in Comics, Büchern und Illustration. Séverine Gauthier (Geschichte) und Clément Lefèvre (Zeichnungen und Farben) haben gemeinsam ein elementares Werk über die Angst erschaffen. Ich war beim Lesen durchgängig begeistert, aber fangen wir von vorne an.

Der Comicband „Die entsetzliche Angst der Epiphanie Schreck“ handelt von einem jungen Mädchen, das schon seit es denken kann ihre Angst im Gepäck mit sich herumschleppt. Ihre Angst ist ein überdimensionaler Schatten, der sie immer wieder verschlingt, bedrückt und verfolgt. Eines Tages drängt sie die Angst in den Wald, in diesem begegnet sie einem seltsamen Männchen, das gerne Fragen beantwortet. Doch auch dieser kann ihr nicht richtig weiterhelfen und ist ebenfalls auf der Suche, aber nach etwas anderem, etwas das er verloren hat.

Sie trifft auf ihrem Weg durch den Wald auf so allerlei merkwürdige Gestalten, von denen sie sich immer ein wenig Erkenntnis mitnehmen kann. Alle versuchen, ihr auf ihre eigene Weise zu helfen, doch letztlich muss sie selbst lernen, mit dem Schatten umzugehen. Und so beginnt sie sich, holprig und mit viel Mühe, mit ihrer Angst auseinanderzusetzen.

Es ist immer eine große Herausforderung, solche komplexen und schwierigen Themen für Kinder, aber auch Erwachsene, umzusetzen. Epiphanie wird als eine für ihr Alter schon sehr reife Person dargestellt, die aber auch sehr unter ihrer Angst leidet. Den beiden AutorInnen ist es gelungen, eine authentische Fabel über eine allgegenwärtige Emotion zu erschaffen.

Wer selbst mit dem Thema Angststörung oder Panikattacken zu kämpfen hat, kann hier einiges für sich mitnehmen, fühlt sich verstanden und kann vieles sehr gut nachempfinden. Für Menschen, die mit der pathologischen Form der Angst noch wenig Anknüpfungspunkte hatten, ist der Band ein guter Einstieg in dieses Thema.

Die Atmosphäre im Comic erinnert etwas an Alice im Wunderland, wir tauchen in eine nicht näher beleuchtete, fantastische Welt ein, die Szenen wechseln ohne große Erklärung, die Charaktere sind teilweise grotesk und merkwürdig. Wir erfahren wenig Hintergründe zu Epiphanie selbst, aber lernen viel über ihre Gedanken und ihr Innenleben.

So manche Kreatur und die träumerischen Elemente in den Panels, wie zum Beispiel ein Zirkus der Kuriositäten, erinnern etwas an Filme von Studio Ghibli. Ein besonderes Highlight waren für mich die Extraseiten am Ende, ein Handbuch für Phobiker mit witzigen abstrusen Phobien und einem kleinen Brettspiel. Neben der Geschichte machen die Farbgestaltung, der Illustrationsstil und die Ausgewogenheit zwischen Text und Bild den Comic zu einem besonderen und außergewöhnlichen Erlebnis. Folgt Epiphanie in ihre Welt und erlebt, wie sie auf ihrer Suche nach Antworten an Stärke und Lebensmut gewinnt!

Vielen Dank an den Splitter Verlag für das Rezensionsexemplar!

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Von unten – Comic über Arbeit und Punk in Schweden

„Von unten“ ist ein autobiographischer Comic (200 Seiten, erschienen 2019 im avant-verlag) aus der Hochburg der feministischen Comicszene in Schweden. Daria Bogdanska berichtet darin von Krisen in den Zwanzigern junger…

Von unten“ ist ein autobiographischer Comic (200 Seiten, erschienen 2019 im avant-verlag) aus der Hochburg der feministischen Comicszene in Schweden. Daria Bogdanska berichtet darin von Krisen in den Zwanzigern junger Leute, aber vor allem von prekären Arbeitsverhältnissen in Schweden, insbesondere für MigrantInnen. Vieles davon hat sie selbst erlebt, kann also sehr authentisch von ihrem sehr holprigen und frustrierenden Anfang in Malmö berichten.

Zu Beginn reist sie von Warschau nach Schweden, um die Kunsthochschule besuchen zu können. Doch so einfach ist das alles nicht… Um sich finanziell über Wasser zu halten, geht die junge Frau auf Jobsuche. Leichter gesagt als getan.

Sie erlebt die Bandbreite an Schwierigkeiten der Arbeitssuchen und der Ausbeutung von Arbeitskräften: Einmal stehen große bürokratische Hürden im Weg, um überhaupt eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, ein andermal wird ihr der Lohn nicht ausgezahlt. Schließlich gerät sie durch Bekannte an einen vertrauenserweckenden Ladenbesitzer eines indischen Restaurants, wo sie zu jobben beginnt.

Es sind nicht nur sprachliche Barrieren, die Daria dort bewältigen muss. Sehr schnell erfährt sie auch, dass keinerlei Transparenz oder Klarheit bezüglich der Löhne, aber auch den Arbeitsbedingungen herrscht. Ihr wird klar, dass sie in ein Raster aus strukturellem Rassismus hineingeraten ist. Sie erlebt ein unausgesprochenes Klassensystem, in dem sich der Lohn nach der Herkunft der Mitarbeitenden richtet und in dem es keine Arbeitsverträge gibt.

Doch da sind auch gute Momente, sie lernt schnell Menschen auf ihrer Wellenlänge kennen und wird immer wieder von Freunden unterstützt. Sie bekommt Zugang zur Musik- und Punkszene. Sie realisiert, dass die Schere zwischen arm und reich besonders gravierend ist: „Manche müssen arbeiten, damit andere feiern können“. Auch wenn sie in einer Art „Multikulti-Subkultur-Linke-Hipster-Blase“ lebt, empfindet sie sich feststeckend in einem System einer modernen Sklaverei.

Wie viele in ihrem Alter leidet sie unter der ständigen Unsicherheit der Zustände, ihr Wunsch nach mehr Sicherheit und weniger provisorischer Lebensumstände wächst. Sie tritt einer Gewerkschaft bei, um sich über ihre Arbeitsrechte zu informieren. Schwarzarbeit ist in Malmö keine Seltenheit. Sie wird aktiv und sammelt Informationen, ohne dass es ihr Chef erfährt, trifft sich mit einer Reporterin und versucht etwas an der prekären Lage zu ändern.

Es macht alles nicht besser, dass sie auch noch emotionale Zerrissenheit spürt, da ihr Freund noch zuhause ist, sie sich aber in einen Musiker in Malmö verliebt. Aber Daria ist fest entschlossen, etwas am real existierenden Hamsterrad der Ausbeutung zu ändern. Wie ihr das gelingt könnt ihr in diesem spannenden und sehr realitätsnahen Comic nachlesen!

Die grafische Gestaltung ist in ihrer Einfachheit sehr ansprechend, einen Einblick in den Grafik-Stil und den Comic bekommt ihr in dieser Leseprobe von „Von unten“.

Vielen Dank an den avant-verlag für das Rezensionsexemplar!

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Debüt zum Nachdenken: „Die unverhoffte Genesung der Schildkröte“

Wahrheit oder Intrige? Diese beiden Stichworte lassen auf eine spannende Geschichte hoffen. Schon das Thema Wahrheit an sich ist in Zeiten von Fake News und Skandalen wie dem Fall Claas…

Wahrheit oder Intrige? Diese beiden Stichworte lassen auf eine spannende Geschichte hoffen. Schon das Thema Wahrheit an sich ist in Zeiten von Fake News und Skandalen wie dem Fall Claas Relotius ein vielschichtiges Konstrukt. Der aus Stuttgart stammende Autor Marc Bensch hat sich in seinem Debüt-Roman „Die unverhoffte Genesung der Schildkröte“ somit ein komplexes Thema vorgenommen. Lasst uns in die Geschichte eintauchen und merkt euch gut, wer wer ist, in diesem oftmals verwirrenden Spiel rund um Identität, Wahrheit und Selbstbestimmung.

Die durchgehend männlichen Protagonisten haben neben ihren Namen auch verkürzte Bezeichnungen: der Schnüffler, der Lächler, der Schmierfink, der Intrigant. Wir machen Bekanntschaft mit einem gesichtsgelähmten Herr von Kornweg, der von den Ärzten aufgegeben wurde, er muss sich nun mit einem Dauerlächeln abfinden. Dann der Intrigant mit falschem Namen, der sich in eine Firma einschleicht, um sich zu rächen; der sein ganz eigenes Spiel mit den MitarbeiterInnen spielt. Außerdem ist da noch der sehr von sich selbst überzeugte Journalist Paul Gram, der sich die prekärsten Stories eigentlich nur ausdenkt und mit der Wahrheit spielt, und nicht ahnt wie nah er an diese herankommt. Zuletzt haben wir noch einen vom Leben enttäuschten Privatdetektiv, der stets eine mehr oder weniger stark schwelende Rebellion gegen seinen Vater, einem reichen Firmenboss, führt.

Und dann ist da noch der Erzähler der Geschichte, der sich schon von Beginn an unvermittelt an uns als Lesende wendet. Der Erzähler gibt vorerst nur hier und da einen Kommentar ab, doch je tiefer wir in die Geschichte eintauchen, desto persönlicher wird dieser und zieht uns immer mehr in die Geschehnisse hinein. Wir denken mehr über die Charaktere nach, welchen Eindruck sie auf uns machen und erfahren immer mehr, wie alle miteinander verknüpft sind.

Der Autor zeichnet die Entwicklungen der Protagonisten durch das punktuelle Einflechten ihrer Vorgeschichte ziemlich genau nach. Wir können somit Beweggründe besser verstehen, können uns auch ein wenig mit ihnen identifizieren, obwohl sie sonst eher negativ dargestellt sind – zumindest in meinen Augen. Jeder der Charaktere verfolgt sein eigenes, meist egoistisches Interesse, jeder bringt eher unsympathische Wesenszüge mit, aber doch erscheinen die Personen menschlich, nachvollziehbarer in ihren Handlungen, indem wir ihre persönliche Wahrheit kennen.

Dann wird es schwieriger, der Handlung zu folgen, es mischen sich gefälschte Namen, Intrigen, gegenseitiges Aushorchen und wechselseitige Interessen wild durcheinander. Das Verwechselspiel nimmt seinen Lauf. Bis sich plötzlich der Erzähler wieder meldet, nachdem ein geheimes Treffen – durch mehrere der vier Personen arrangiert – völlig aus dem Ruder läuft. Er bittet uns um Hilfe, eben weil sich einige der Charaktere nun völlig ungeplant verhalten und er die Kontrolle über sie verloren hat. Lest selbst, wie es für die Protagonisten weitergeht, nachdem sie völlig den Boden unter den Füßen verloren haben und welche Auswirkungen es hat, wenn man sich fragen muss, ob man der aktive Gestalter seines Lebens ist oder nur begrenzt Möglichkeiten hat, dieses zu verändern…

Meiner Meinung nach wurde das Buch erst so richtig spannend, als die vier Protagonisten zunächst verloren schienen. Als die ganzen Intrigen ans Licht kommen und sich die Geschichte zu einer Art Krimi entwickelt. Mir fiel es längere Zeit schwer, die Personen auseinander zu halten, weil sie für mich alle sehr ähnlich wirkten. Stellenweise waren mir die Geschehnisse auch dadurch zu verwirrend – was auch einen Teil der Dynamik des Buches ausmacht. Das Ende ist nicht ganz so einfach zu verstehen, es bleiben definitiv Fragen offen.

Bild: Verena

Letztendlich zeigt dieses Erstlingswerk aber, dass wir unsere Wahrheit in großen Teilen selbst erschaffen. Das kann zum einen erschreckend sein, zum anderen sieht jeder von uns die Welt anders. Dies kann man, anders als die Protagonisten, auch kreativ und zum gemeinsamen Nutzen einsetzen. Es zeigt aber auch, wie unmöglich es ist, eine ultimative Wahrheit zu finden. „Die unverhoffte Genesung der Schildkröte“ ist ein ungewöhnlicher und besonderer Debütroman, der zum Nachdenken anregt und definitiv in Erinnerung bleibt.

Vielen Dank an Marc und den Carpathia Verlag für das Rezensionsexemplar!

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