Eco. Life. Style.

Kategorie: Little Miss Itchy Feet

Blast from the past – Die Reise nach Zimbabwe

Gastbeitrag von Vera Wolters von Finding the Universe Weihnachten 1990. Alles läuft wie am Schnürchen: Morgens Geschenke verpacken, mittags ein leichtes Essen, nachmittags schick anziehen und in die Kirche, wieder…

Gastbeitrag von Vera Wolters von Finding the Universe

Weihnachten 1990. Alles läuft wie am Schnürchen: Morgens Geschenke verpacken, mittags ein leichtes Essen, nachmittags schick anziehen und in die Kirche, wieder zurück zum Singen vor dem geschmückten Baum, anschließend Bescherung und als Weihnachtsmahl Fondue. Schön!

Doch halt, zu früh gefreut: Auf einmal wird mir speiübel, und ich kotze das ganze Essen wieder aus. Das hängt mir nach. Da gibt’s einmal im Jahr Fondue und dann so was! Ursache ist das Lariam, das ich während der nächsten Wochen als Malaria-Prophylaxe einnehmen soll.

Was denn, Weihnachts-Malaria? Aber nein: Meine Patentante hat mich für die Weihnachtsferien nach Zimbabwe in Afrika eingeladen! Während der letzten Jahre hat sie dort bei „Ärzte ohne Grenzen“ gearbeitet und nun ist ein Besuch fällig – mit mir, dem elfjährigen Patenkind, im Schlepptau.

Und so geht’s los. Beim Stop-Over in Lissabon fahren wir zum Frühstücken in die gerade erwachende Stadt. Ein kleines Abenteuer, das seine Krönung findet mit der Taube, die meiner Patentante auf den Kopf kackt. Diese findet das nicht ganz so lustig wie ich, erklärt aber: „Das bringt Glück!“

In Zimbabwe wohnen wir bei Freunden. Eine nichtsahnende Spinne, die ich in einem Winkel meines Zimmers erspähe, beunruhigt mich so sehr, dass der gutmütige Herr des Hauses extra eine Leiter holt, um das Tierchen entfernen zu können. Auch entdecke ich ein Stäbcheninsekt, das ich aber großzügig für harmlos befinde, obwohl es dreimal größer ist als die Spinne. Schon klar, Vera.

Oh ja, die Tier- und Reptilienwelt Zimbabwes! Nichts, was betatscht werden darf, ist vor mir sicher; nicht mal Schlangen und kleine Krokodile. Eine Schildkröte, die ich von einer Straße rette, pinkelt mir zum Dank über die Hand. Jetzt grinst meine Patentante. Bringt das auch Glück?

Wir sehen Gazellen, Gnus, Elefanten, Krokodile, Flusspferde, Kraniche und anderes Getier. Darunter auch faustgroße schwarze Käfer, die mich aber eher weniger faszinieren, da sie zu Hunderten in dem Pool treiben, in dem ich schwimmen wollte. Dann halt nicht.

Fast am Ende der Reise nehmen wir eine uralte Dampflok zum Zambezi River, und von da aus geht es zu den Victoria Falls. Ich verschieße vor lauter Aufregung mindestens einen Film. Zu Hause stellt sich heraus, dass von den ganzen Fotos kein einziges die Schönheit der gewaltigen, sich in die Tiefe ergießenden Wassermassen wieder gibt. Ich klebe sie trotzdem alle in mein Album ein. Sie erinnern mich daran, dass man manche Dinge eben selber gesehen haben muss.

Ich habe bis vor gar nicht langer Zeit gedacht, dass meine Patentante schon irgendwie Perlen vor die Säue warf, als sie mich als Elfjährige auf so eine tolle Reise eingeladen hat, aber mittlerweile bin ich anderer Meinung. Denn warum hopse ich so unbedarft durch die Weltgeschichte und bin diese Weihnachten wieder mal ganz weit weg, Malaria-Prophylaxe inklusive? Weil ich Orte durch meine eigenen Augen sehen und erleben will. Selbst wenn mir dabei manchmal ein Vogel auf den Kopf kackt. Bringt doch Glück!

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Gesichtslose Reisebekanntschaft

Gastbeitrag von Gerhard Liebenberger von Andersreisen Grußlos lässt er sich in den blauen Sitz am Vierertisch im Eurocity von Salzburg nach München fallen. Meinem „Servus“ entgegnet er erst mit strengem Blick…

Gastbeitrag von Gerhard Liebenberger von Andersreisen

Grußlos lässt er sich in den blauen Sitz am Vierertisch im Eurocity von Salzburg nach München fallen. Meinem „Servus“ entgegnet er erst mit strengem Blick und erwidert den Gruß in breitem Bayerisch. Dann drückt er den olivfarbenen Rucksack neben sich zwischen die Lehnen damit niemand mehr Platz hat.

Die Haut ist noch straff aber mit Halbglatze und Brille wirkt der junge Mann älter. Vermutlich hat er den 30. Geburtstag gerade erst hinter sich. Die drei nicht ganz verheilten Löcher im linken Ohr passen nicht zum biederen Auftreten des Mannes. Weißes T-Shirt, beiges Leinenhemd, graubraune Weste und ein gleichfarbiges Gilet trägt er im Lagen-Look übereinander. Die petrolblaue Jacke hängt bereits am Haken, eingetrockneter Schmutz klebt am Rücken und dem Ärmelbund.

„Guten Morgen, Fahrscheine bitte!“ tönt es vom Wagenende. Gemeinsam mit dem Ticket holt er ein dickes Buch aus dem Rucksack. Und auch das Telefon, das gerade zu zwitschern beginnt. Der bayerische Akzent ist nun verflogen, nur Wortfetzen hören die Sitznachbarn. „Spaß ist immer gut.“ spricht er, ohne die Mine zu verziehen, ins Mobiltelefon. Dann ist von einer „Gesichtsoperation“ und „neuem Gesicht“ die Rede. Die Finger streichen während des Telefonats über den Buchdeckel. „Einweihung“ steht in Druckbuchstaben am unteren Rand. Darüber eine düstere Abbildung eines Gesichtes. Kantig, mit strengen Linien.

Er legt auf, blättert im Buch und gibt nicht mehr von seinem Leben preis. Ich könnte nachfragen und nachbohren. Könnte mehr wissen wollen über die Gesichtsoperation und warum trotz akkurater Kleidung Schmutz an der Jacke klebt. Aber es bleibt bei einer kurzen, wortlosen Reisebegegnung. Nach dem Aussteigen ist sie wieder vergessen wie die meisten Begegnungen im Zug. „Unser nächster Halt: München Ost!“ kracht es im Lautsprecher. Der Mann nimmt Rucksack und Jacke und verlässt den Platz. Ein grußloser Abschied. Diesmal gibt’s auch von mir kein „Servus“.

Dich lasse ich aber nicht grußlos ziehen. Nämlich zum nächsten Adventsöckchen. Vielleicht findest Du es am 10. Dezember im meinungs-blog.de, zwischen den Büchern im eliterator.blog.de oder riskiere einen Blick durchs vierfärbige Fenster beim windowsbunny.de.

Dieser Beitrag ist Teil eines Blogger-Adventskalenders, der bereits zum 5. Mal stattfindet. Jeden Tag öffnet sich ein Türchen in einem anderen Blog.

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5 Yen

Gastbeitrag von Steven Hille von funkloch.me Es war gegen 20 Uhr, als ich nach meiner Ankunft in Japan durch die Gassen Tokyos ging. Es war dunkel, und die Gegend um…

Gastbeitrag von Steven Hille von funkloch.me

Es war gegen 20 Uhr, als ich nach meiner Ankunft in Japan durch die Gassen Tokyos ging. Es war dunkel, und die Gegend um den Bahnhof Kuramae war ruhig und verlassen. Das sollte das hektische Tokyo sein, wenn sich zu dieser Zeit schon niemand mehr auf den Straßen befand? Es war eine ganz sonderbar ruhige Atmosphäre – fast schon gespenstisch!

Der lange Flug und die anschließende Zugfahrt hatten mich durstig gemacht. Zu meiner Rechten befand sich glücklicherweise ein kleiner, sehr unscheinbarer Supermarkt. Ich ging hinein und grüßte. Die Verkäuferin grinste über das ganze Gesicht, sah mich an, verbeugte sich und sagte etwas, das sicher „Guten Abend!“ bedeutete. Eine eisige trockene Kälte kroch durch die Gänge. An diese Klimaanlagen werde ich mich wohl nie gewöhnen, dachte ich.

Ich griff eine Flasche Wasser, die 95 Yen kostete und ging direkt zur Kasse. Erst jetzt bemerkte ich das junge Alter der Verkäuferin. Ich stellte das Wasser auf den Tresen und sah ihr zu, wie sie sich schon wieder vor mir verbeugte und dabei lautstark schmunzelte. Es war mir unangenehm. Ihr vielleicht auch. Wir waren im gleichen Alter und beide Kinder von Großstädten. Es gab keine Rangfolge zwischen uns – wir waren gleich. Ganz egal, dass einer einkaufte und der andere verkaufte. Keiner war dem anderen würdiger. Und trotzdem tat sie es. Immer und immer wieder. Ihr Schmunzeln deutete mir, dass es einfach eine Tradition, eine nette Geste, eine Angewohnheit – nein, die Verkörperung von „Na, wie geht es dir?“, während man schon den Nächsten begrüßte – war.

Doch was dann passierte war keinesfalls einstudiert und kein Relikt uralter Traditionen. Sie gab mir mein Wechselgeld, indem sie beide Arme ausstreckte und ihre Hände formte, als hätte sie etwas dort drin, das sie behüten wollte. Ganz so, als ob man ein wenige Stunden altes Küken vor den Einflüssen der riesigen Welt schützte. In ihren Händen lagen 5 Yen. Sie nahm meine rechte Hand, drehte sie um, so dass meine Handinnenfläche nach oben zeigte. Dann legte sie die Münze in meine Hand und legte die Ihre oben drauf. Ich war verdutzt und gerührt zugleich. Anschließend sagte sie, dass diese Münze eine gute Bedeutung in der japanischen Kultur hat. Solange ich gut auf sie aufpassen würde, sollte ich Glück und gute Beziehungen zu den Menschen haben.

Ich nahm die 5 Yen an mich, die ab diesem Moment irre viel für mich bedeuteten und legte sie behutsam in ein kleines Reißverschlussfach meines Rucksacks. Am folgenden Tag kaufte ich vor einem Tempel ein Band. Seit diesem Tag trage ich die Münze immer bei mir.

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Alltag in Lissabon – Egal, wie fremd man ist

Gastbeitrag von Christoph Pfaff von unterwegs Nur selten sieht man ihr Gesicht. Sie versteckt es meist unter ihrer großen, schwarzen Kapuze. Was man aber sehen kann, sind ihre Hände und…

Gastbeitrag von Christoph Pfaff von unterwegs

Nur selten sieht man ihr Gesicht. Sie versteckt es meist unter ihrer großen, schwarzen Kapuze. Was man aber sehen kann, sind ihre Hände und Füße, die aus zerschlissenen Lumpen ragen. Sie wurden schon lange nicht mehr gewaschen. Die Lumpen. Und die Hände und Füße. Kennt ihr noch die Taubenfrau vom Central Park aus „Kevin allein in New York“? So ist sie. Allerdings hat diese Frau kein Futter für die Tauben, die um sie herumgurren. Sie hat ja nicht mal welches für sich selbst. Nur eines ist immer bei ihr: Heißer, schwarzer Kaffee in einem Pappbecher. 

So sitzt die Frau dort. Jeden Tag. Auf dem Boden unter den Arkadengängen am Militärmuseum. Das ist ihr Alltag. So wie es mein Alltag ist, auf dem Weg zum Supermarkt an ihr vorbeizulaufen. Ich stelle fest, wie schnell man sich in einer anderen Stadt feste Abläufe aneignet. Egal, wie fremd man ist. Man geht seinen Weg. Ich gehe meinen, um mir an der Kuchentheke Gebäck zu besorgen. Jeden Nachmittag zum Kaffee in meiner kleinen Wohnung in der Alfama. Mitten im engen Gassengewirr von Lissabons Altstadt liegt sie im dritten Stock eines windschiefen Hauses, dessen Treppenhaus so eng ist, dass Tine Wittler beim Aufstieg ernsthafte Probleme hätte, sollte sie jemals auf die Idee kommen, diese Wohnung zu renovieren.

Jeden Abend um 19 Uhr, sagte mir meine Vermieterin, müsse ich meine volle Mülltüte vor die Haustür stellen. Die Müllabfuhr – in der Alfama aus einem Mann mit Sackkarre bestehend, da es ein Gefährt mit Müllpresse hier ähnlich schwer hätte wie Tine Wittler im Treppenhaus – würde sie dann einsammeln. Und so gehe ich die 39 Stufen noch einmal nach unten. Jeden Abend. Mit einem schwarzen Müllsack in der einen und der letzten Zigarette des Tages in der anderen Hand. Oben am anderen Ende der schmalen Gasse sitzt ein Mann an seinem Fenster und raucht auch. Den ganzen Tag. Weiter hinten schießen kleine Kinder mit einem Ball gegen schiefe Wände. Und gegenüber hängt eine füllige Mamãe pinkfarbene Bettwäsche an das Geländer ihres gusseisernen Balkons. Das tut sie jeden Abend. Dabei hört sie Eminem. Immer.

Nur ein Mensch ist um diese Zeit spurlos verschwunden. Ich weiß nicht, wohin die Frau abends geht. Ich weiß nicht, wo sie schläft. Doch der Alltag eröffnet einem manchmal Dinge, die man ohne ihn, ohne seine festen Abläufe, nicht herausfinden würde. Egal, wie fremd man ist. Am nächsten Tag treffe ich erneut auf die Taubenfrau und kann beobachten, warum sie zu jeder Zeit einen vollen Pappbecher in der Hand hält. Es sind die Beamten, die gleich neben den Arkadengängen des Militärmuseums in ihrer Polizeistation sitzen. Sie füllen ihn mit heißem, schwarzen Kaffee auf. Jeden Tag. Immer wieder. Ist das nicht schön?

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Paradise is where I am not

Gastbeitrag von Johannes Klaus von Reisedepeschen Ich bin ein großer Fan von Erinnerungen. Selbst die unbequemste zwölfstündige Busfahrt wird nach einer kleinen Weile zu einem amüsanten Abenteuer, das man nicht missen…

Gastbeitrag von Johannes Klaus von Reisedepeschen

Ich bin ein großer Fan von Erinnerungen. Selbst die unbequemste zwölfstündige Busfahrt wird nach einer kleinen Weile zu einem amüsanten Abenteuer, das man nicht missen will. Die einsamen Tage am Meer verklären sich zu einer inspirierenden Auszeit. Die Ananas wird zu einer Ananas, wie man sie zu Hause ja gar nicht kennt!

Einiges, was die Reiserei ausmacht, passiert erst dann, wenn wir es daraus machen. All das Durchschnittliche fällt mehr und mehr hinten über, und schließlich bleiben nur die Highlights stehen – und die Reinfälle. Alles (Be)merkenswerte eben. 

Diese Höhepunkte – die sogar auch ich meistens erinnere – sind mir aber gar nicht das Wichtige beim Reisen. Genauso wie ein Besuch des Taj Mahal oder die Wanderung in einer dramatischen Landschaft schätze ich die Tage im Straßencafé, wo eigentlich nichts passiert. Oder ein Gespräch über Gott und die Welt mit einem interessanten Menschen. Oder sogar einen Tag, den ich im Zimmer verbringe, schreibe, und nur zum Essen hinausgehe. Da ist kein Paradies. Zumindest nicht dann, wenn ich gerade da bin. Vielleicht ist es kurz weg, aufs Klo oder so, als es mich gesehen hat.

Die Postkartenmotive beispielsweise, die wir so gerne auf Facebook und Co verteilen, sind selten eine ansatzweise Abbildung der Realität. Die ist meistens viel komplexer als perfektes Licht und ein fotogener Himmel. Vielleicht ist alles andere als der vermeintliche Traumstrand gerade sogar richtig Scheiße. Aber sogar der Selbstbeschiss funktioniert: Wenn wir nur etwas Zeit verstreichen lassen, glauben wir irgendwann selbst an unsere Story vom Paradies. Es gibt die perfekten Momente. Wo alles stimmt. Sie sind selten, und deshalb so herausragend. Doch meistens kann man sie nicht festhalten. Auf keinem Foto, selbst für eine unterhaltsame Geschichte taugen sie oft nicht. Und sie sind nicht der Grund, weshalb ich das Reisen liebe.

Am Ende bleiben oft nur die hübschen, bekannten Motive, um der Welt zu zeigen, wie toll es ist in einer fremden Welt aufzuwachen und sie für sich zu erobern. Schade eigentlich.

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Reflexionen einer Reisenden: Und Indien ist mein gigantischer Spiegel…

Indien ist ein gigan­ti­scher Spiegel. Jeder darf hin­ein­bli­cken und sich anschauen. Wer das Land im sel­ben Zustand ver­lässt, wie er es betre­ten hat, kam schon als Leiche. Diese Sätze von…

Indien ist ein gigan­ti­scher Spiegel. Jeder darf hin­ein­bli­cken und sich anschauen. Wer das Land im sel­ben Zustand ver­lässt, wie er es betre­ten hat, kam schon als Leiche.

Diese Sätze von Andreas Altmann aus seinem Buch Triffst du Buddha, töte ihn!: Ein Selbstversuch lassen mich seit dem ersten Lesen nicht mehr los. Sie haben mich in das Land begleitet, das der Reiseschreiber-Gott – wie ich ihn immer noch gern nenne – in einem Selbstversuch bereist hat. Ich bin auf seinen Spuren unterwegs oder vielmehr auf meinen, denn schließlich ist es ja meine Reise, mein Indien, MEIN Spiegel.

“Wien, ach da habe ich eine Geschäftspartnerin in der Wipplingerstraße”, verkündet der Mann mit weißem Turban und rot gefärbtem Bart stolz. Im feinsten Deutsch hat er mich angesprochen und gleich seine Lokal-Kenntnisse kund getan. Daneben plaudert ein jüngerer Inder in klassisch gebügeltem, lila Hemd mit Michaela auf Spanisch, und David, unser Betreuer von Shanti Travel, darf sich gerade auf Französisch mit einem anderen glatzköpfigen Mann unterhalten. Die drei haben uns angesprochen, als wir gerade – wegen Gegenlicht vergeblich – versucht haben, den rosa Windpalast in Jaipur in seiner ganzen Größe abzufotografieren. Und sie waren nicht die Einzigen. Überall tönt es “komm in mein Geschäft”, “schau doch in meinen Shop”, “mein Lokal ist das Beste”, … mein, mein, mein.

Jeder hat "seines": Indien ist voller Unternehmer. Foto: Doris

Jeder hat „seines“: Indien ist voller Unternehmer. Foto: Doris

„Wie gehst du mit diesem ständigen Kontakt um?“, frage ich David, der bereits seit 1,5 Jahren in Indien arbeitet und gerade wiederum um ein Jahr verlängert hat (“ich bin mit Indien noch länger nicht fertig”, so die Erklärung). “Das hängt ganz von meiner Stimmung und Einstellung ab”, meint er. Heute scheint die gut zu sein, denn er lässt sich ständig auf ein Gespräch ein, beeindruckt die Inder mit seinen Brocken Hindi, erzählt von seiner jetzigen “Heimat” Delhi und nimmt sogar die Einladung zum Chai an, die wir von den oben erwähnten Geschäftsmännern erhalten. Sie haben uns aufs Dach ihres Geschäftshauses gebeten, um einen besseren Blick auf den Windpalast zu bekommen – und natürlich, um uns später ihre 100%ige Kaschmir-Ware zu zeigen. Wir lehnen ab: Ein Geschäft machen sie mit uns diesmal nicht. Auch kein anderer der Geschäftsleute, von denen Indien voll zu sein scheint. “Gib mir ein bisschen von deiner Zeit”, lockt einer und fügt mit einem Grinsen hinzu: “Und gib mir dein Geld.” Sie sind ganz schön direkt, die Inder.

Zu Chai wird gern geladen - er wird aber auch verkauft. Foto: Doris

Zu Chai wird gern geladen – er wird aber auch verkauft. Foto: Doris

Handleser und Wahrsager dürfen natürlich auch nicht fehlen. Foto: Doris

Handleser und Wahrsager dürfen natürlich auch nicht fehlen. Foto: Doris

Eineinhalb Tage bin ich jetzt im Land. Ich bin mit enormen Respekt hierher gekommen. “Auf Indien kannst du dich nicht vorbereiten”, “Indien ist intensiv”, “überall riecht es nach Pisse”, “ausgestiegen, und schon hat mir eine Frau ihr Baby in den Arm gedrückt”, “bei der Bushaltestelle lag eine verweste Hundeleiche”… Aussagen und Schilderungen wie diese haben mich auf dem Flug hierher begleitet. Ich bin sicher, sie stimmen alle – oder fast alle, denn nach Pisse riecht es nur streckenweise.

Indien ist ein brutales Pflaster, keine Frage. Foto: Doris

Indien ist ein brutales Pflaster, keine Frage. Foto: Doris

Und auch wenn mir noch kein Kind überreicht wurde (okay, fast, aber nur für ein Foto), ist das Unglaubliche überall wahrzunehmen: Unterernährte Kühe grasen in den Müllhaufen auf den Straßen, Kindfrauen duschen sich unter Regenrinnen mit dunkelbraunem, vor Schmutz starrendem Wasser, andere kommen dir mit Stumpen als Gliedmaßen entgegen, Männer klopfen am Straßenrand Steine in kleine Brocken, die Überquerung der Straße ist eine reine Glückssache und das Dauerhup-Konzert dröhnt dir Tag und Nacht in den Ohren. Und keinen Schritt kannst du durch indische Straßen machen, ohne auszuweichen, aus dem Weg zu springen, angerempelt, angesprochen zu werden, angestarrt zu sein – oder anzustarren. Szenen, die mich an Bolivien, Ecuador, Bhutan oder andere Länder erinnern – nur hier ist alles Mehr, Größer, Schneller, Langsamer, .. Unglaublicher. Indien hat die Superlativen scheinbar für sich gebucht.

Alles ist mehr, größer, lauter, ... Foto: Doris

Alles ist mehr, größer, lauter, … Foto: Doris

“Du kannst nicht einfach nach Hause zurück, das hier macht etwas mit dir”, ist sich David sicher, während wir mehr oder weniger benommen durch die Straßen wanken. Es strengt an, durch eine Großstadt wie Jaipur zu Fuß zu gehen. Ich bin dauermüde. Ich bin überwältigt. Ich bin berührt. Aber ich bin auch überrascht. Nicht unbedingt von den Erlebnissen, sondern darauf, WAS sie mit mir machen. Ich bin nämlich erstaunlich ruhig – oder besser gesagt, erstaunlich im Hier und Jetzt.

Blick von oben auf die Straßen von Jaipur. Foto: Doris

Blick von oben auf die Straßen von Jaipur. Foto: Doris

Das Schäkern mit den Händlern, die manchmal für gelernte Europäerinnen wie mich ganz schön auf die Pelle rücken, der Dreck überall, das ewig-und-drei-Tage-lange Warten für die einfachsten Dinge wie das Einchecken in einem Hotel, ja, selbst den ganzen Tag kein Internet zu haben – ich kann alles sehr gut nehmen. Ohne zu werten, ob etwas gut oder schlecht ist. Es ist so, wie es ist. Vielleicht bin ich noch ein bisschen im Schock. Vielleicht ist der entspannte Einstieg, mit Shanti Travel auf einer Tour mit klimatisierten Auto, Fahrer und angenehm-relaxten Kollegen durch Indien zu fahren und sich im Prinzip um nichts Organisatorisches zu kümmern. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich bis zur letzten Minute vor dem Abflug noch an anderen Baustellen gearbeitet habe (und schlussendlich nicht mal mehr wusste, was ich überhaupt in den Rucksack gesteckt hatte). Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich alles ertragen kann, so lange ich mit Menschen sprechen kann, solange ich Kontakt habe – und ja, den gibt es ja hier in Indien zuhauf. Vielleicht … ach, ich weiß es nicht, woran es liegt: Aber das Spiegelbild, das mir Indien im Moment gerade zeigt, ist zwar chaotisch-dreckig und kann ganz schön nerven, aber ist zum Großteil absolut liebenswert! Mh, ich hätte es schlechter treffen können…

Indiens idyllische Seite(n): Sonnenuntergang beim Tigerpalast bei Jaipur. Foto: Doris

Indiens idyllische Seite(n): Sonnenuntergang beim Tigerpalast bei Jaipur. Foto: Doris

… werde ich vermutlich auch. Nein, ich mach mir nichts vor, ich hege nicht die Illusion, dass Indien reibungslos abläuft. Dass nichts schief geht. Dass ich immer in meiner Mitte bleibe. Dafür kenne ich mich zu gut. Genau deshalb habe ich wahrscheinlich zum Abschluss das 10-tägige Vipassana-Retreat gewählt. So wie übrigens Altmann auch, wie ich heute gelesen habe: Denn er hat sich ebenfalls bei genau diesem Meditationsseminar 10 Tage hingesetzt, geschwiegen, sich selbst jenen Spiegel noch näher an die Nase gedrückt, den ihm Indien so gern schon vorher hingehalten hat.

    Trotz all der Hektk findet doch jeder ein Stück Ruhe für sich.  Foto: Doris

Trotz all der Hektk findet doch jeder ein Stück Ruhe für sich. Foto: Doris

 

Offenlegung: Ich bin 14 Tage mit Shanti Travel auf Blogtrip. Herzlichen Dank für die Einladung. Die Meinungen und Ansichten in der Geschichte bleiben meine eigenen.

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Indien: Chaos ist meine Art der Planung…

“Das Leben passiert, während du noch mit dem Planen beschäftigt bist”. Zutreffender könnte man die letzten paar Wochen in meinem Leben kaum zusammenfassen. Da habe ich noch nicht mal den…

“Das Leben passiert, während du noch mit dem Planen beschäftigt bist”. Zutreffender könnte man die letzten paar Wochen in meinem Leben kaum zusammenfassen. Da habe ich noch nicht mal den Beitrag zu meinen Reise-Vorstellungen gepostet, da kam schon eine Mail herein geflattert:

 “Einladung zu einer Reise mit Shanti TravelDurga Puja Festival in Kalkutta”.

Sofort aufgemacht, überflogen… und den Gedanken nicht mehr losbekommen. Eigentlich wollte ich ja länger zuhause bleiben. Eigentlich bin ich ja etwas reisemüde. Eigentlich wollte ich mir bei meinem nächsten Trip Zeit lassen. Eigentlich hatte ich gerade jemanden kennen gelernt und für spannend befunden.

Aber… Eigentlich steht Indien schon sehr, sehr lang auf meiner Reise-Liste. Eigentlich ist ein ganzer Monat zuhause ja schon mal ein guter Anfang (frau muss ja nicht gleich übertreiben mit der Sesshaftigkeit). Eigentlich kann ich mir ja etwas mehr Zeit lassen auf diesem Trip – für Indien auch sicher notwendig. Eigentlich habe ich Glück: Normalerweise kann ich solche spontanen Einladungen nie und nimmer annehmen, weil ich stets verplant bin. Wie gut, dass es in dem Moment einmal anders ist! Tja, und nachdem sich der spannende Mensch als doch etwas zuuu spannend für meinen Geschmack herausgestellt hat (Beziehungsstatus kompliziert muss nicht schon wieder sein), steht Indien eigentlich nichts im Weg.

Ihr könnt es euch schon denken: Ich habe Ja gesagt! Und weil ich vielleicht nicht vollkommen, aber doch etwas lernfähig bin, habe ich gleich beschlossen, nach den 14 Tagen, die Shanti Travel für uns organisiert, noch bis 15. November anzuhängen. Die ersten Stationen der Reise mit Shanti Travel sind also bekannt: Delhi – Jaipur – Agra – Taj Mahal – Varanasi – Kalkutta, wo das farbenprächtige Durga Puja Festival auf uns wartet, eines der größten religiösen Festivals des Landes, das ganz Indien auf den Kopf stellt. Na, ich mache mich auf etwas gefasst und bin sicher, ich werde darüber berichten.

Die ersten 14 Tage bin ich in der Obhut von Shanti Travel. Foto: Shanti Travel

Indien ist ein gigantischer Spiegel – sagt „Reiseschreibergott“ Andreas Altmann.

Dass sich Shanti Travel darauf spezialisiert hat, individuelle Touren ganz nach Geschmack der/des Reisenden zusammenzustellen und wir wegen der Kurzfristigkeit der Anfrage nur eine winzigkleine Gruppe sind, kommt mir natürlich sehr entgegen. Mit mir ist noch Florian von Flocblog / Reisedepeschen.de samt Freundin mit dabei. Den hat zwar Indien bei seinem ersten Mal ziemlich genervt, aber er gibt ihm offensichtlich eine zweite Chance.

Für die weitere Route habe ich die letzten Tage und Wochen viel überlegt. Habe meinen Kopf eingeschaltet, wollte schon wieder eine Tour buchen und auf Nummer sicher gehen – Indien ist schließlich riesig und schon in der Planung dementsprechend ziemlich überwältigend. Aber ich habe dann doch meinen Bauch entscheiden lassen: Genau, das bin ja ICH.

Mich treibt es zuerst in die Mangrovenwälder, wo ich schon einmal vorsorglich eine drei-Tages-Tour mit Tour de Sundarbans unternehmen und in ihrem selbst gebauten Eco-Village unterkommen werde. Danach möchte ich hoch, in den Nordosten von West-Bengalen, nach Darjeeling mit seinen Hill-Stations, in die Berge – ziemlich nahe übrigens zur Grenze ans Königreich Bhutan, Wiedersehen macht Freude! Und übrigens genau die Region, in der Dorit auf ihrer Guten Reise durch Indien leider nicht hin konnte. Naja, vielleicht finde ich für das Projekt noch ein paar verantwortungsvolle Reise-Tipps.

Ich freu mich auf Farben ohne Ende! Foto: Doris

Ich freu mich auf Farben ohne Ende! Foto: Doris

Dass zu der Zeit dank Durga Puja unheimlich viele Inder unterwegs sein werden und es dementsprechend wohl sehr, sehr, sehr chaotisch ist, ist mir klar. Trotzdem ist mein Bauchgefühl stärker…

Vorher mache ich aber Station auf der Babli Farm, die lustigerweise nicht nur im Lonely Planet stehen, sondern außerdem Freunde von Freunden sind. Dort wird gemeinsam mit der lokalen Community ein Bauernhof nach altem Modell betrieben – und zusätzlich wird angeboten, dass Interessierte in Guest Houses übernachten können. Wie ich dorthin komme, das weiß ich allerdings noch nicht ganz – die Züge, die in Indien weit im Voraus ausgebucht sind, sind bereits alle besetzt. Es wird einen Weg geben, ich bin mir ziemlich sicher.

Was dazwischen passiert? Ihr werdet es erfahren. Zum Abschluss steht allerdings bereits ein Programmpunkt meines Indien-Aufenthalts fest: Von 1. bis 12. November bin ich dann mal offline – es steht nämlich ein 10-Tages-Vipassana-Kurs an. Meditieren, schweigen, komplett bei mir sein. Ich habe die Meditationsform bereits 2009 in Österreich kennen gelernt, bin schon zehn Tage gesessen und möchte es jetzt dort nochmals machen, wo die Bewegung rund um S.N. Goenka ihren Anfang genommen hat. Und das Dhamma Sikhara, Himachal Vipassana Center im Himalaya-Gebirge ist angeblich eines der schönsten Zentren in Indien. Ob ich deshalb die Lichter-Feierlichkeiten rund um Diwali versäume, das in diesem Jahr am 3. November zelebriert wird, das werden wir noch sehen.

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Alaskische Marktgeschichten

“Moose flavored dog treats” – Hundeleckerlis, die nach Elch schmecken!? Echt jetzt!? Die ältere Dame hinter dem Markttisch hat meinen zweifelnden Blick offensichtlich gemerkt. “Ja, natürlich”, erklärt sie mir und…

“Moose flavored dog treats” – Hundeleckerlis, die nach Elch schmecken!? Echt jetzt!? Die ältere Dame hinter dem Markttisch hat meinen zweifelnden Blick offensichtlich gemerkt. “Ja, natürlich”, erklärt sie mir und amüsiert sich dabei offenbar königlich über mein Staunen, “das mache ich sogar selbst.” Eine etwas umständliche, gefühlte 10minütige Erklärung des Wie´s folgt: Eine, die ich als Vegetarierin lieber gar nicht gehört hätte. Von Elchhaut ist die Rede, die im Wasser aufgelöst wird, um ihren Geschmack abzugeben. Und davon, dass das Hundefutter dann in diesem Wasser gekocht wird. Oder so. Brrr, nichts für etwas empfindliche Seelen wie mich.

Doch dass hier in Alaska jeder auf die Jagd oder zum Angeln geht und selbst langjährige VegetarierInnen damit beginnen, Tiere zu töten, zu häuten, zu verarbeiten und zu verspeisen, daran habe ich mich nach einigen Tagen im US-Bundesstaat gewöhnt. Der Respekt und die Wertschätzung der Natur gegenüber, mit denen das geschieht, lassen alles selbstverständlich, ja fast schon notwendig wirken.

Sind wir nicht alle Jäger?! Foto: Doris

Sind wir nicht alle Jäger?! Foto: Doris

Naja, und sollte ich jemals Hundefutter mit Elch-Geschmack herstellen wollen, weiß ich jetzt auch, wie es geht…

Am Bauernmarkt wird selbst ein Regentag bunt. Foto: Doris

Am Bauernmarkt wird selbst ein Regentag bunt. Foto: Doris

Gespräche wie diese entstehen auf dem Bauernmarkt von Fairbanks, der an diesem Donnerstag nachmittags überraschend belebt und gut besucht ist. Die Frage, ob denn in Alaska niemand etwas zu tun hat, die stelle ich lieber gar nicht. Dem ist natürlich nicht so.

MarketenderInnen bieten ihre Waren feil. Foto: Doris

MarketenderInnen bieten ihre Waren feil. Foto: Doris

“Am Samstag geht die Caribou-Jagd (Anm.: Caribou steht für Ren, die nordamerikanische Bezeichnung für das Tier) los”, berichtet ein Herr, den “meine” Marketenderin freundlich gegrüßt hat. Hier in Alaska scheint jeder jeden zu kennen, und unter den rund 31.500 Einwohnern von Fairbanks, der zweitgrößten Stadt des Staates, ist das nicht anders. Vierzehn Tage dürfen sie in dem Gebiet jagen, das der Herr zu seinem Revier erkoren hat. Er selbst bleibt “nur” eine Woche vor Ort – und freut sich schon sehr auf den Genuss. Denn neben der Jagd steht eben dieser im Vordergrund: “Wir haben einen Whirlpool bei der Hütte”, erzählt er mir von seiner Männerrunde – und ich bin nicht überrascht, scheinen doch Whirlpools in Alaska verkauft zu werden wie warme Semmeln, wie wir bei der State Fair gesehen haben -, “außerdem haben wir viele Leckereien dabei: Selbst gemachte Lachspastete, Rentierwurst…” Er verschluckt sich beinah am Wasser, das in seinem Mund zusammenläuft.

Büffel, Rentier, Elch-Wurst... all das wird auch auf dem Markt angeboten. Foto: Doris

Büffel-, Rentier-, Elch-Wurst… all das wird auch auf dem Markt angeboten. Foto: Doris

Ich verabschiede mich und widme mich lieber dem Riesen-Kohl, der mit seinen 18 Pfund wohl nur zu “durchschnittlichem” Gemüse zählt. Hier in Alaska wächst alles in Übergrößen. Faszinierend sind auch die selbst gebastelten Weihnachtsbaum-Gehänge aus Bären-, Robben- und Hasenfell, Honig-, Marmelade- und andere Mischungen in Gefäßen mit Bärenform oder Ohrringe aus Mammut-Zähnen.

Riesen-Cabbage: Wobei, mit 18 Pfund ist er noch erträglich klein. Foto: Doris

Riesen-Cabbage: Wobei, mit 18 Pfund ist er noch erträglich klein. Foto: Doris

Wer sich einmal durch Alaska kosten möchte oder noch Souvenirs und Mitbringsel für seine Lieben möchte, der ist hier am Markt genau richtig! Wer einmal mit Einheimischen ins Gespräch kommen möchte, ebenfalls – nicht nur über die Jagd. Und wer Märkte liebt, so wie ich, sowieso <3

In Alaska kommt man an Blueberries kaum vorbei. Foto: Doris

In Alaska kommt man an Blueberries kaum vorbei. Foto: Doris

Schöner, bunter Markt. Foto: Doris

Schöner, bunter Markt. Foto: Doris

Bäriges ist in Alaska überall. Foto: Doris

Bäriges ist in Alaska überall. Foto: Doris

Alles ist Plus-Size in Alaska, auch das heiß geliebte Popcorn. Foto: Doris

Alles ist Plus-Size in Alaska, auch das heiß geliebte Popcorn. Foto: Doris

Bauernmarkt Fairbanks
Tanana Valley Farmer´s Market
jeden Mittwoch (11.00 – 16.00 Uhr), Samstag (9.00 – 16.00 Uhr) und Sonntag (11.00 – 16.00 Uhr)
2013 noch bis 22. September 2013

Offenlegung: Herzlichen Dank an Condor für die Unterstützung bei den Flügen, an Airbnb und Best Western für Übernachtungs-Gutscheine sowie an die Regionen Anchorage und Fairbanks für den Support.

 

Andere Garanten für Marktgeschichten in den USA: 

Hawaii Hilo Farmers Market
Mittwoch & Samstag von 6.00 bis 16.00 Uhr
kleinere Version: Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag, Sonntag: 7.00 bis 16.00 Uhr
Auf einem der Stände gibt es auch meinen Lieblings-Papaya-Salat >> hier geht´s zum Rezept!

Auf meinem Stammmarkt in Hilo gab es günstiges Obst und kleine Snacks. Foto: Doris

Auf meinem Stammmarkt in Hilo gab es günstiges Obst und kleine Snacks. Foto: Doris

SPACE Farmers Market im Puna District, Hawaii
jeden 2. Samstag, 8.00 bis 12.30 Uhr

Pike Place Farmers Market, Seattle
Der Markt hat 362 Tage im Jahr rund 19,5 Stunden offen (geschlossen: Thanksgiving, Christmas & New Year’s Day)
Breakfast: 6 am
Fresh Produce & Fish: 7 am
Official Market Bell: 9 am
Merchant Hours: 10 am – 6 pm
Restaurants & Bars Last Call: 1:30 am

Das "Wahrzeichen" vom Pike Place Market. Foto: Doris

Das „Wahrzeichen“ vom Pike Place Market. Foto: Doris

Olympia Farmers Market
Offen Donnerstag bis Sonntag 10.00 bis 15.00 Uhr

Es gibt nicht nur Essen (wie Schokolade), sondern auch Sprüche und vieles mehr auf dem Farmers Market. Foto: Doris

Es gibt nicht nur Essen (wie Schokolade), sondern auch Sprüche und vieles mehr auf dem Farmers Market. Foto: Doris

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Lust auf Obstsalat mit Fisch?

„Denk‘ einfach an einen Thunfisch-Salat mit Beeren statt Sellerie,“, meint Debbie, während sie tief Luft holt und die letzten Schritte bergauf in Angriff nimmt, „das hört sich einfach besser an als…

„Denk‘ einfach an einen Thunfisch-Salat mit Beeren statt Sellerie,“, meint Debbie, während sie tief Luft holt und die letzten Schritte bergauf in Angriff nimmt, „das hört sich einfach besser an als Obstsalat mit Fisch.“ Gut, dass sie meine zweifelnd gerunzelte Stirn erst gar nicht sieht. Hört sich das wirklich besser an? Noch hat sie mich nicht überzeugt.

Aber interessiert bin ich auf jeden Fall, erzählt mir die 56-Jährige, die sich in Anchorage als mein Last-Minute-CouchSurfing-Gastgeber und wahrer Glücksgriff entpuppt hat, doch von einem typischen Gericht in Alaska. Einem, das man auf keiner Speisekarte findet.

Strahlend blauer Himmel an meinem ersten Tag in Alaska. Foto: Doris

Strahlend blauer Himmel an meinem ersten Tag in Alaska.

„Wir nennen es etwas Gemischtes – und man kennt es auch als Eskimoeis.„, erklärt mir Senar – nachdem ich vergessen habe, nach ihrem Namen zu fragen, benenne ich sie einfach nach der Inuit-Göttin der See, der Seetiere und der Unterwelt. Senar ist gerade wie viele andere Eskimo-Frauen, -Männer und -Kinder dabei, im Chugach State Park die Schwarzen Krähebeeren zu pflücken. Nicht wie wir mit der Hand, sondern mit einem speziellen Apparat werden die kleinen Beeren aus den Boden hohen Sträuchern gesammelt und leichter aus dem Dickicht gelöst. Ganze Tage sind die Familien im Einsatz, um einen Vorrat für den Winter anzulegen. Auch Senar ist schon seit 11 Uhr vormittags gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Enkelin (dass die Frau Großmutter ist, hätte ich nie und nimmer vermutet) auf den Beinen. „In diesem Jahr sind wir zum ersten Mal hier.“, meint sie, während sie weiter ihre Arbeit tut – die Eimer müssen schließlich gefüllt werden. Es ist auch ein perfekter Tag dafür: Ich habe nämlich unglaubliches Glück und Alaska hat mich bei strahlend blauem Himmel, Sonnenschein und Temperaturen begrüßt, die sich meine Lieben in Österreich beim herbstlichen Nieselwetter offenbar nur erträumen können.

Ein spezieller Apparat macht das Beeren-Pflücken einfacher. Foto: Doris

Ein spezieller Apparat macht das Beeren-Pflücken einfacher.

Genau das schöne Wetter war ein Grund, warum mich Debbie gleich zu einer Wanderung nach Flattop Mountain östlich von Anchorage mitgenommen hat. Das, und um ihren inneren Schweinehund ein bisschen zu überlisten und wieder in Form zu kommen. Mir solls recht sein: Ich genieße die gemächliche Bergauf-Wanderung, die an diesem herrlichen Samstag nicht nur wir, sondern der Menschenmenge nach zu urteilen ganz Anchorage auf sich genommen hat. Nach der Tageswanderung in Mount Rainier, Washington, mit meiner Sportskanonen-Freundin Mari – seitdem sie untrainiert den Marathon in unter vier Stunden gelaufen ist, nenne ich sie nur noch „die Maschine“ – kann ich etwas Ruhe und Gemütlichkeit gut gebrauchen!

Ganz Anchorage genießt den blauen Himmel und die angenehmen Temperaturen. Soviel Sommer gibt es nicht. Foto: Doris

Ganz Anchorage genießt den blauen Himmel und die angenehmen Temperaturen.

Außerdem ist die zweistündige Rundwanderung eine gute Gelegenheit, mehr über Alaska, die Kultur und vor allem auch die Ureinwohner, die Eskimos, zu erfahren. Deb ist genau die Richtige dafür, arbeitet sie doch für den Staat von Alaska und bringt seit über 20 Jahren fließendes Wasser in die zahlreichen, noch immer abgelegenen, nur mit dem Flugzeug erreichbaren Dörfer der Eskimos. Wie gern ich sie bei einem ihrer monatlichen Business-Trips begleitet hätte, brauche ich wohl nicht zu sagen. Dummerweise ist der Nächste erst Mitte September wieder dran, und da bin ich schon zurück in Österreich.

Überall werden Krähenbeeren gepflückt. Foto: Doris

Überall werden Krähenbeeren gepflückt.

„Wirklich gut schmeckt es nicht.“, weiß Debbie dementsprechend auch von zahlreichen Kostproben dieses „Eskimo-Eises“ bei ihren Besuchen in den Dörfern zu berichten. Früher wurde das Ganze aus Rentierfett oder Talg, Robbenöl, Fisch, frischem Schnee und den im Sommer gepflückten Beeren  zubereitet. Viel geändert hat sich am Rezept bis heute nicht – nur Robbenöl wird kaum noch eingesetzt. Zugegeben, verlockend klingt für mich anders…

Krähenbeeren, eine Zutat für Akutaq. Foto: Doris

Blau-, Cran- und eben auch Krähenbeeren sind Zutaten für Akutaq.

Geändert hat sich auch nichts daran, dass man das Eskimo-Eis bis heute nirgendwo kaufen, geschweige denn in einem Lokal bestellen kann. Davon darf ich mich auch gleich am nächsten Tag überzeugen: Nicht einmal bei der State Fair – dem Volks-, Erntedank- und Was-weiß-ich-noch-alles-Fest, das für zwei Wochen das kleine Städtchen Palmer eine Stunde nördlich von Anchorage zur Feier-Hochburg werden lässt – findet man von diesem „Fisch-Obstsalat“ eine Spur. Alles gibt es – von Rentier- bis Lachswurst, von Büffel- oder Husky(!)-Burger -, bloß kein Eskimo-Eis…

Auch die zwei essen kein Eskimoeis. Foto: Doris

Auch die zwei essen kein Eskimo-Eis bei der State Fair.

Wer es doch probieren will, der findet im Internet eine moderne Version des Rezepts – ob ich es zuhause nachzukochen versuche? Irgendwie glaube ich hat sich bei mir die Lust auf Obstsalat mit Fisch nicht ganz entwickelt. Aber wer weiß, vielleicht kommt das ja nach weiteren zehn Tagen hier in Alaska noch…*

* Ja, ich bin noch immer Vegetarierin und esse keinen Fisch. Für Alaska habe ich mir die Ausnahme gestattet, doch Frischgefangenes zu mir zu nehmen, sollte es keine Alternativen geben. Bisher war es aber noch nicht nötig – und nachdem ich das riesige Gemüse (samt lila Blumenkohl = Karfiol) gesehen habe, glaube ich auch, dass ich ganz gut ohne Fisch auskommen werde.

Lila Blumenkohl gefällig? Foto: Doris

Lila Blumenkohl gefällig?

 

Offenlegung: Herzlichen Dank an Condor für die Unterstützung bei den Flügen, an Airbnb und Best Western für Übernachtungs-Gutscheine sowie an die Regionen Anchorage und Fairbanks für den Support.

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Mein 24-Stunden-Crashkurs als Älplerin

Etliche sind nie mehr heimgekehrt, wurden von einer Mutterkuh zerquetscht, fielen in Felsspalten, heirateten Bergbauern oder -bäuerinnen, wurden von Stein und Blitz erschlagen oder ruhen selig in einem Lawinenkegel. (aus…

Etliche sind nie mehr heimgekehrt, wurden von einer Mutterkuh zerquetscht, fielen in Felsspalten, heirateten Bergbauern oder -bäuerinnen, wurden von Stein und Blitz erschlagen oder ruhen selig in einem Lawinenkegel. (aus “Neues Handbuch Alp”)

“Bi Djitho – Tommes de Chèvre”: Hätte auf dem Schild “5 Minuten zum Paradies” gestanden, ich hätte nicht glücklicher sein können. Ich war doch wirklich in Kürze am Ziel. Unendliche zwei Stunden des Wanderns in 34 Grad im Schatten waren vorbei. Zugegeben, ich hätte mir einen günstigeren Tag zum Aufstieg zur Alphütte Bi Djitho aussuchen können …

Erster Blick auf Bi Djitho - endlich! Foto: Doris

Erster Blick auf Bi Djitho, ja, genau, dort oben – endlich! Foto: Doris

“Du bist den steilsten Weg hoch”, begrüßte mich da auch schon Daniela, ihr Lebensgefährte Giamba versuchte mir meinen schweren Rucksack abzunehmen. Sonnengegerbt, mit Strohhut und in ausgeleierten Arbeitsklamotten standen sie vor mir, die Bekannten aus Wiener Couchsurfing & Spotted-By-Locals-Zeiten, die ich als Stammgäste bei jeder Party in Erinnerung hatte. Ich hätte sie wohl nicht wieder erkannt, so in ihrer Bauernkluft. Drei Monate wohnten sie bereits auf der Hütte in den Schweizer Alpen über Fribourg, zirka vier Stunden von Zürich entfernt.

Pflichtlektüre für die Alp. Foto: Doris

Pflichtlektüre für die Alp. Foto: Doris

Als Selbstversorger hüteten sie auf rund 1700 Meter Esel, Kühe, Hühner und Ziegen, nahmen Gäste auf und machten Ziegenkäse, den sie an die umliegenden Restaurants verkauften. Einige Monate zuvor hatten sie mich bereits eingeladen, sie doch in der Abgeschiedenheit zu besuchen. Natürlich habe ich mich nicht zweimal darum bitten lassen.

Bi Djitho in voller Pracht. Foto: Doris

Bi Djitho in voller Pracht. Foto: Doris

Schlafen, faulenzen, essen, so hatte ich mir die Zeit auf der Alp vorgestellt – Alp wohlgemerkt, denn nur Leute aus dem Ostalpenraum wie ich nennen die Hochgebirgswiesen Alm. “Hier kannst du so richtig entspannen”, meinte Dani, die durch die Arbeit offensichtlich nicht nur Muskeln, sondern auch schier unglaubliche Ruhe und Zufriedenheit gewonnen hatte. “Bei so einem Fernsehprogramm keine Frage”, ergänzte der gebürtige Italiener Giamba, und schaute glücklich auf die Berglandschaft vor uns.

Schöne Aussicht = Fernsehen! Foto: Doris

Schöne Aussicht = Fernsehen! Foto: Doris

“Derzeit haben wir nicht mehr so viel zu tun”, erklärten mir die Beiden, während wir uns über die von mir mitgebrachten Trauben und Nektarinen stürzten. Frisches Obst und Gemüse ist ein seltener Luxus auf der Alp.

Die Vorfreude auf die ersten frischen Heidelbeeren ist groß. Foto:Doris

Die Vorfreude auf die ersten frischen Heidelbeeren ist groß. Foto:Doris

Im Juni war es noch ganz anders: Damals, als sie wegen des späten Sommerbeginns die Kühe noch im Schneegestöber herauf treiben mussten. Als sie Zäune bauen sowie die ersten Tage ständig stundenlang auf und ab marschieren mussten, um Restaurants aus der Nachbarschaft als Abnehmer für ihren Käse zu gewinnen. Jetzt gehen sie nur noch einmal die Woche zu ihrem Auto, das mittlerweile 1,5 Stunden entfernt abgestellt ist, um die rund 80 Stück Ziegenrohmilchkäse auszuliefern.

Täglich (oder fast täglich) bereiten Dani & Giamba Käse zu. Foto: Doris

Täglich (oder fast täglich) bereiten Dani & Giamba Käse zu. Foto: Doris

Entspannung also. Gut, nach dem hektischen Sommer war ich reif für die Alp!
Doch es sollte anders kommen …

7.15 Uhr: Das Glockengeläut weckt mich. Nein, ich will doch noch nicht aufstehen, ich will meine Ruhe. Was mir beim Aufstieg noch wie das schönste Konzert erschienen ist, nervt mich gerade ungeheuerlich! Um die Hälse der Tiere hängen Glocken, groß, klein, hell, dumpf, laut, leise – und die bimmeln nun einmal, wenn sie sich bewegen. So wie jetzt. Aber an Weiterschlafen ist ohnehin nicht zu denken. Ich muss aufs Klo – und das ist die Treppe hinunter im Stall zu finden.

Begrüßungskomittee - vor dem WC. Foto: Doris

Begrüßungskomittee – vor dem WC. Foto: Doris

7.20 Uhr: Unten werde ich schon begrüßt – nicht nur von den Hühnern, die mir gackernd entgegen kommen und auf Futter hoffen. Dani, Giamba und ihre “Zusennerin” auf Zeit, Chiara, starren auf eine der sechs Ziegen. “Sie hat eine blutende Wunde – schau lieber nicht hin”, klärt mich Dani auf. Ausgerechnet die Schwerste der Ziegen – eine weiße Schönheit namens Engel – hat eine offene Fleischwunde an ihrem Euter. Herkunft unerklärlich und rätselhaft. Vor allem, weil sie bereits vor ein paar Tagen eine ähnliche Wunde hatte. Der Besitzer ist bereits verständigt.

Danis Glücksbringer, die brauchen wir heute. Foto: Doris

Danis Glücksbringer, die brauchen wir heute. Foto: Doris

7.30 Uhr: Das Frühstück fällt eher kurz aus. Zu blank liegen die Nerven.

8.15 Uhr: Endlich läutet das Telefon: Der Bauer. Wir sollen Engel zum La Berra Gipfel bringen, wo die Bäuerin mit dem Anhänger wartet, und die Ziege hinunter ins Tal bringt.

Kumm, kumm - alle drei versuchen, die Ziege nach oben zu bewegen. Umsonst. Foto: Doris

Kumm, kumm – alle drei versuchen, die Ziege nach oben zu bewegen. Umsonst. Foto: Doris

8.45 Uhr: Unsere kleine Truppe zieht los. 15 Minuten dauert der Weg bis zu La Berra, um 9.15 Uhr ist das Treffen mit der Bäuerin ausgemacht. Wir haben einen Puffer einkalkuliert. Wie notwendig der ist, zeigt sich nach den ersten paar Metern: Engel bewegt sich nämlich keinen Schritt vorwärts. “Kumm, kumm”, die Lockrufe von Dani und Giamba versacken im Leeren. Der Versuch, ihre weiße Gefährtin Edu als Lockvogel einzusetzen scheitert genauso wie die Idee, sie mit Futter etwas vorwärts zu bewegen. Dani und Chiara haben in der Zwischenzeit die noch immer offene Wunde von Engel verbunden. Mehr schlecht als recht, doch immerhin gelingt es so etwas besser, die lästigen Fliegen vom Hinterteil der Ziege abzuhalten.

Ziege und Dani sind verzweifelt. Foto: Doris

Ziege und Dani sind verzweifelt. Foto: Doris

9.15 Uhr: Statt auf dem La Berra Gipfel sind wir noch immer dort, wo wir losgezogen sind: Engel hat sich keine 50 Meter von der Hütte wegbewegt. Dani ruft die Bäuerin an. Vergeblich, kein Empfang. Fünf Minuten später kommt sie endlich durch: Mit dem Auto kann die Bäuerin nicht näher kommen, aber sie läuft uns zu Fuß entgegen. Dani setzt sich hilflos auf den Boden. Immer wieder streicheln die Drei das Tier, das offensichtlich vor Schmerzen wie gelähmt ist. Anzumerken ist ihm aber sonst nichts davon. “Ziegen zeigen ihre Gefühle nicht”, klärt mich Dani auf, die ein Jahr lang auf einer Ziegenfarm in Österreich gearbeitet hat, “sie können quietschvergnügt wirken und im nächsten Moment tot umfallen.” Soweit kommt es zum Glück nicht.

9.30 Uhr: “Ich rufe den Tierarzt”, die Bäuerin ist den Abhang herunter gelaufen und braucht keine zwei Sekunden, um die Entscheidung zu treffen, “er soll hierher kommen und sich um Engel kümmern. In zwei Stunden ist er hier!”

Normalerweise lernt Chiara unter Giambas Aufsicht in diesen Tagen, Käse zu machen. Heute nicht. Foto: Doris

Normalerweise lernt Chiara unter Giambas Aufsicht in diesen Tagen, Käse zu machen. Heute nicht. Foto: Doris

11.30 Uhr: Kein Tierarzt in Sicht.

12.30 Uhr: Vom Tierarzt fehlt noch immer jede Spur. Auf der Alp herrschen andere Zeiten.

Blick in die Küche der 2003 neu gebauten Hütte. Die Alte war abgebrannt. Foto: Doris

Blick in die Küche der 2003 neu gebauten Hütte. Die Alte war abgebrannt. Foto: Doris

13 Uhr: Wir sitzen am Mittagstisch und diskutieren gerade, ob wir nicht noch einmal mit der Bäuerin sprechen sollten. Engel ist in der Zwischenzeit im Garten niedergesunken, dort, wo die Ziegen normalerweise nicht hinkommen. Erschöpft nach dem stundenlangen Stehen hat sie die Kraft verlassen. Giamba hat sie fürsorglich mit einem Handtuch abgedeckt.

Engel zugedeckt und mit ihren Kräften ziemlich am Ende. Foto: Doris

Engel zugedeckt und mit ihren Kräften ziemlich am Ende. Foto: Doris

13.15 Uhr: Die Bäuerin ruft an. Ob denn der Tierarzt schon hier gewesen wäre!? Einige Minuten später die Hiobsbotschaft via Telefon: Er kommt, aber es dauere noch so zwei Stunden. Für uns steht fest: Der heutige Mittagsschlaf – eines der Highlights der langen Arbeitstage – ist gestrichen.  Stattdessen ist Warten angesagt.

Wir stehen unter Beobachtung. Foto: Doris

Wir stehen unter Beobachtung. Foto: Doris

15.45 Uhr: “Da ist er”, Dani hat den Tierarzt erspäht, der sich samt nervös knurrendem Vierbeiner von La Berra zu uns hinab bewegt. Das laute Gebell des Hundes übertönt alles und lässt auch den Rest der bisher recht ruhigen Tiere zusammenlaufen. Ein fachmännischer Blick auf Engels Hinterteil und schon packt Onkel Doktor seine Geräte aus: Spritzen, Nähzeug, Antibiotika – vieles klirrt und leuchtet silbern in der Sommersonne. Die Patientin wird auf den Boden gedrückt, auf die Seite gelegt. Dani hält einen Huf, Giamba nimmt den Kopf des Tieres zwischen seine Hände. Chiara spielt Operationsschwester und schaut interessiert dem Arzt bei jedem Handgriff über die Schulter. Ich halte mich eher am Rande des Geschehens, ich kann einfach nicht hinschauen.

Die Operation beginnt. Foto: Doris

Die Operation beginnt. Foto: Doris

Es folgt eine schier endlose Operation, begleitet vom herzzerreissenden Geächz und Gestöhn von Engel, dem immer lauteren Gebell des Arzthundes und natürlich dem obligaten Glockengewirr der anderen Tiere. Nein, Ruhe sieht anders aus!

Der Arzthund hört und hört nicht auf zu bellen. Foto: Doris

Der Arzthund hört und hört nicht auf zu bellen. Foto: Doris

17 Uhr: Unzählige Nadelstiche später ist es endlich vorbei. Fünf Tage lang muss man fünf Milliliter Antibiotikum in den Muskel von Engel spritzen, so die Anweisung. “Aber ob die Wunde gut verheilt, das kann ich nicht sagen”, macht der Arzt wenig Hoffnung, “doch schließlich ist es auch nur ein Nutztier.” Ich sehe, wie Dani bei diesen Worten zusammenzuckt. Für sie sind Engel und die Anderen längst mehr als “nur” Nutztiere.

Die Operation dauert gefühlte Stunden. Foto: Doris

Die Operation dauert gefühlte Stunden. Foto: Doris

17.15 Uhr:  “Wir machen das immer so”, ist Giamba nach dem angespannten Tag schon wieder zum Scherzen aufgelegt, “wenn wir neue Gäste haben, dann sorgen wir für Action.” Mir hätte sie gern erspart bleiben können, um ehrlich zu sein.

So sieht Erleichterung aus! Foto: Doris

So sieht Erleichterung aus! Foto: Doris

Die Aufregung ist vorbei. Der Alltag auf der Alp kann weitergehen: Die Ziegen müssen gemolken werden, der Stall ausgemistet und Abendessen zubereitet. Gegessen wird bei Kerzenschein – Elektrizität gibt es schließlich auf der Hütte nicht. Um 21.30 Uhr sind wir im Bett und innerhalb von Sekunden eingeschlafen. Das Sonnenuntergang- und Sterne-Schauen am klaren Nachthimmel hebe ich mir für einen der nächsten Tage auf.

Heute bin ich einfach nur müde von diesem 24-Stunden-Crashkurs als Älplerin!

Unser gemütliches Bettenlager schreit an diesem Abend besonders laut nach mir. Foto: Doris

PS: Als ich zwei Tage später die Alp verlassen habe, war Engel schon wieder recht munter. Die Naht scheint gut zu verheilen, und sie ist bereits wieder mit den anderen Ziegen auf der Wiese.

 

Wer auch gern mal auf der Alp übernachten möchte, kann sich bei Dani & Giamba melden: 0041/78 700 01 88. Sie sind voraussichtlich noch bis Ende September in Bi-Dijtho, vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.

Plan Bi Djitho

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