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Kategorie: Politics. Economy.

Fashion Revolution Day – Stundenlohn unter einem Euro, zu Hause in der Produktionshalle

Spätestens seit dem Unglück am 24. April 2013, als die Textilfabrik Rana Plaza in der Nähe von Dhaka in Bangladesch einstürzte, haben wir alle von den schlechten Arbeitsbedingungen in der…

Spätestens seit dem Unglück am 24. April 2013, als die Textilfabrik Rana Plaza in der Nähe von Dhaka in Bangladesch einstürzte, haben wir alle von den schlechten Arbeitsbedingungen in der Modebranche erfahren. 1.138 Menschen kamen dabei ums Leben, mehr als 2.500 wurden verletzt. Einen Tag zuvor wurde die Fabrik wegen schwerer Baumängel polizeilich gesperrt. Dennoch wurden mehr als 3.000 Menschen von den Fabrikbetreibern gezwungen ihre Arbeit aufzunehmen. Um neun Uhr stürzte das Gebäude ein.

Ein paar Monate davor brach ein Feuer in einer Textilfabrik in Pakistan aus. Dabei kamen rund 300 Menschen ums Leben. Anfang diesen Jahres begann der Prozess gegen den Textildiscounter KiK in Deutschland, der in dieser Textilfabrik produzierte. Die Klage könnte allerdings wegen Verjährung abgewiesen werden. 2017 explodierte ein Boiler in einer Textilfabrik in Bangladesch. Dabei starben 13 Menschen, mehr als 50 wurden schwer verletzt.

Who made my clothes?

Der 24. April ist seit 2014 zum Fashion Revolution Day geworden, der Gedenktag an die Opfer dieses Unglücks. Weltweit haben sich in knapp 100 Ländern Menschen zusammengefunden, die Konsumenten und Modewelt wachrütteln und auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen in diesen Textilfabriken aufmerksam machen wollen.

Das Rana Plaza-Gebäude (Bild: Solidarity Center)

Mehr als 90 Prozent unserer Kleidung wird im asiatischen Raum produziert. Zweitgrößtes Exportland – nach China – ist Bangladesch mit rund 7.000 Textilfabriken, in denen unsere Kleidung produziert wird. Die Arbeitsbedingungen in diesen Ländern sind verheerend, 70 Stunden Wochen keine Seltenheit. Der monatliche Mindestlohn wurde nach dem Unglück von Rana Plaza zwar auf 5.300 Taka (ca. 55 Euro) erhöht, große Unternehmen wollen allerdings nur bedingt mehr zahlen. Schließlich würde dann der Preis eines T-Shirts im Verkauf um ein oder zwei Euro steigen. Ein Euro, der für die Näherinnen viel bedeuten und uns Konsumenten nicht schaden würde. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Einkaufspreise sinken für die Auftraggeber und die Mode bleibt für den Konsumenten weiterhin günstig.

Seit kurzem existiert die sehr interessante Karte „Mapped in Bangladesch“ auf der Bekleidungsfabriken in Bangladesch angezeigt werden, inklusive der Information, für welche Marken sie produzieren, wohin sie exportieren, wie viel Prozent Frauen in der Fabrik arbeiten und vieles weitere.

Made in Europe

Nach dem großen Unglück in 2013 wandern immer mehr Auftraggeber nach Europa zurück. Viele Unternehmen rühmen sich damit, in Europa zu produzieren. „Made in Europe“ hört sich natürlich immer besser an als „Made in Bangladesch“. Und schließlich herrschen in Europa faire und soziale Arbeitsbedingungen. Oder doch nicht? Die Clean Clothes Campaign hat einen umfassenden Bericht über die Sweatshops Europas erstellt.

Die Arbeitsbedingungen in diesen sind vergleichbar mit denen im asiatischen Raum – menschenunwürdig und existenzbedrohend! So ist zum Beispiel der gesetzliche Mindestlohn in Bulgarien, Mazedonien und Rumänien niedriger als in China. In Moldawien und in der Ukraine liegt er sogar unter dem gesetzlichen Mindestlohn von Indonesien. Und selbst der gesetzliche Mindestlohn wird oft nicht bezahlt. Laut befragten Arbeitern in Ungarn beträgt der niedrigste Nettolohn inklusive Überstunden und Zuschlägen 197 Euro im Monat. Knapp 50 Euro weniger als das Gesetz vorgibt.

In den Sweatshops Europas wird für die unterschiedlichsten Firmen produziert. Auftraggeber sind allerdings nicht nur Fast Fashion Labels wie H&M, C&A, Zara und Mango, auch hochpreisige Designermarken wie Gucci, Dolce&Gabbana, Louis Vuitton und Versace lassen in Süd-Osteuropa produzieren. Doch egal für welche Marke schlussendlich genäht wird, die Arbeitsbedingungen sind immer dieselben und die Stimmen der Arbeiter sind eindeutig:

„Ich habe der Vorgesetzten gesagt, ich könne an dieser Maschine nicht atmen. Es seien bereits 30 Grad in der Fabrik, und wenn wir diese Maschine bedienen, würde es noch viel heißer. Da nahm sie das heiße Abluftrohr der Maschine, richtete es auf die Gesichter von mir und meiner Kollegin und sagte: ˏDas ist euer Problem, und wenn ihr damit nicht zurechtkommt, gibt es genug Leute, die darauf warten, euren Platz einzunehmen!´“  

Aus der Ukraine hört man: „Meine Familie muss für Elektrizität und Wasser monatlich 86 Euro bezahlen [das entspricht dem gesetzlichen Mindestlohn und dem Standardlohn].“

Ein weiterer Grund für die Produktion in Europa ist Zeit. Fast Fashion Labels wie zum Beispiel H&M und Zara bringen bis zu 24 Kollektionen im Jahr auf den Markt. Sie wollen immer schneller immer mehr Kleidung in die Läden im Westen bringen. Das funktioniert natürlich mit einer nahen Produktionsstätte am besten. Im Vergleich zu den Transportwegen von Asien mit rund vier Wochen, brauchen die Stücke von Osteuropa nur ein bis drei Tage in die Läden.

Pronto Moda – Fast Fashion made in Italy

Was hört sich noch besser an als „Made in Europe“? Richtig, „Made in Italy“! Ihr kennt doch bestimmt diese Shops, in denen groß angekündigt wird „Mode aus Italien zu günstigen Preisen“. Da kann doch was nicht stimmen!

Im Zentrum der „pronto moda“ steht die Stadt Prato kurz vor Florenz. Prato war schon im Spätmittelalter für seinen Textilhandel bekannt. Das „Lumpenzentrum Europas“, wie man die Stadt auch nannte, war ein wichtiges Einwanderungsgebiert für Italiener aus dem Süden. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Prato zu einer Industriestadt mit Schwerpunkt Stoffherstellung. Durch die Finanzkrise 2008 mussten viele italienische Stoffproduzenten schließen. Einwanderer gibt es seit den 90ern trotzdem viele. Diesmal kommen die Menschen allerdings aus China. Chinesische Hilfsarbeiter arbeiten viel und sie arbeiten schnell, heißt es. Laut der italienischen Wirtschaftsjournalistin Silvia Pieraccini, produzieren die chinesischen Betriebe in Prato jeden Tag rund eine Million Kleidungsstücke. Im Industrieviertel der Stadt gibt es fast 5.000 gemeldete Betriebe. Der Großteil davon Textilunternehmen.

Die Arbeitsbedingungen sind mit denen in den Textilfabriken in Bangladesch zu vergleichen. Viele Chinesen arbeiten und leben an einem Ort – in der Produktionshalle. Ein 18-Stunden-Tag und ein Einkommen von einem Euro pro Stunde oder weniger ist keine Seltenheit. Und auch dort kam es im Dezember 2013 zu einem Brand in einer Textilfabrik, wo sieben Menschen starben.

Greenwashing – Wie sich die Großen reinwaschen wollen

Dass der Trend zu Nachhaltigkeit in der Modebranche immer stärker wird, merkt man auch bei den großen Konzernen. H&M kennzeichnet seine „nachhaltigere“ Kollektion mit seinem CONSCIOUS-Siegel, C&A seine „nachhaltigeren“ Stücke mit „WearTheChange“. Bio-Baumwolle und recycelte Materialien hören sich zwar toll an, aber werden die Näherinnen und Näher, die diese Stücke produzieren, dann auch besser bezahlt? 2013 kündigte der schwedische Modekonzern an, dass 850.000 ArbeiterInnen in seinen Zulieferfabriken bis 2018 ein existenzsichernder Lohn bezahlt werde. Die Zeit ist abgelaufen, doch es werden weiterhin nur Armutslöhne gezahlt.

Mit dem Slogan „Turn around, H&M“ erinnerte eine Gruppe von AktivistInnen der Clean Clothes Kampagne in Stockholm die TeilnehmerInnen der Jahreshauptversammlung von H&M am 8. Mai 2018 daran, dass die 2,6 Mrd. USD Gewinn mehr als genug sind, um den Skandal mit den Hungerlöhnen in den Fabriken sofort zu beenden. (Bild: CCC)

Wenn man sich die Informationen auf deren Websites durchliest, fällt der Begriff „nachhaltiger“ sehr oft. Die Unternehmen wollen in Zukunft mehr auf „nachhaltigere“ Materialien und „nachhaltigere“ Produktionsbedingungen setzen. Zwischen „nachhaltiger“ und „nachhaltig“ ist dennoch ein großer Unterschied. Die Materialien sind nachhaltiger als zuvor, was nicht schwierig ist, die Produktionsbedingungen sind auch nachhaltiger als zuvor, was erst recht keine Herausforderung darstellen sollte. Es ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. An Glaubwürdigkeit fehlt es dennoch. Nicht zuletzt, weil diese Unternehmen eigene Siegel verwenden, die sich nach ihren eigenen Standards richten und ihre eigene Definition von Nachhaltigkeit haben.

It’s Time for a Fashion Revolution

Rana Plaza hat die Modeindustrie geprägt. Viele Konsumenten stellen sich und der Modewelt am Fashion Revolution Day die bekannte Frage „Who made my clothes?“. Dennoch gibt es noch genug Menschen, die sich keine Gedanken darüber machen, wer, wie und wo ihre Kleidung hergestellt wurde und für die Kleidung ein Wegwerfprodukt geworden ist. Kaum jemand kann sich vorstellen, wie viel Arbeit hinter einem Kleid steckt. Wie auch, wenn ein Kleid oft keine 20 Euro kostet? Was sind schon 20 Euro? Zwei Mal tragen, dann weg damit.

Ich lasse als Modedesignerin von Anfang an meine Kollektionen unter fairen und sozialen Arbeitsbedingungen in einer sozialökonomischen Schneiderei in Wien produzieren. Die Augen werden dann oft sehr groß, wenn neue Kundinnen erfahren, dass meine Stücke in Österreich produziert werden. Ein Ding der Unmöglichkeit? Im Gegenteil! Als ich mein Label gegründet habe, kam mir gar nicht erst der Gedanke irgendwo im Ausland zu produzieren. Seit die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der Textilbranche verstärkt ans Tageslicht gerückt sind, lege ich noch mehr Wert darauf, meinen Kunden und meinen Mitmenschen klar zu machen, dass es so nicht weitergehen kann und dass es sehr wohl möglich ist, unter fairen, nachhaltigen und sozialen Bedingungen Kleidung herzustellen.

Wenn es kleine Modelabels schaffen, warum schaffen es dann die Großen nicht?

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Der wahre Fashion Victim: Wie unsere Kleidung die Umwelt zerstört

Das Thema Umweltverschmutzung und Klimawandel ist in aller Munde. Auch Dank der jungen Greta Thunberg, die wöchentlich für eine bessere Zukunft streikt und weltweit andere Jugendliche motiviert, sich ihr anzuschließen. Obwohl…

Das Thema Umweltverschmutzung und Klimawandel ist in aller Munde. Auch Dank der jungen Greta Thunberg, die wöchentlich für eine bessere Zukunft streikt und weltweit andere Jugendliche motiviert, sich ihr anzuschließen. Obwohl wir die erste Generation sind, die den Klimawandel am eigenen Leib spürt und möglicherweise die letzte sein wird, die alles noch stoppen kann, tragen viele von uns noch Scheuklappen und empfinden den Klimawandel als sehr weit entfernt oder als gar nicht vorhanden. Doch er ist pure Realität.

Ich habe mich mit diesem Thema in den letzten Wochen viel beschäftigt. Nicht zuletzt, weil ich selber in einer Branche arbeite, die als eine der größten Umweltverschmutzer auf unserem Planeten gilt. Ich habe mir Dokumentationen angesehen und Artikel gelesen, was meistens mit Tränen in den Augen endete und ich für mich zur Erkenntnis kam: Wir MÜSSEN etwas ändern!

Wieso zerstört unsere Kleidung die Umwelt?

Wenn man die Worte „Umweltverschmutzung“ und „Klimawandel“ hört, sehen die meisten von uns rauchende Erdölfabriken, abgeholzte Regenwälder und verschmutzte Meere vor ihrem inneren Auge – das bewegt viele Menschen dazu, nach- und umdenken. Meist beginnt man beim Lebensmittelkauf. Lieber regional, saisonal und auf Bio-Lebensmittel zurückgreifen als auf mit Antibiotika vollgestopftes Fleisch für zwei Euro das Kilogramm. Das ist in fast allen Köpfen angekommen. Wenn es allerdings um das Konsumverhalten bei Bekleidung geht, denken die wenigsten daran, dass sie auch hier die Umwelt beeinflussen. Aber was hat Mode mit Umweltverschmutzung und Klimawandel zu tun, fragt ihr euch jetzt? Sehr viel. Viel zu viel sogar! Die Textilindustrie ist, wie schon erwähnt, einer der größten Umweltverschmutzer der Erde.

Das Problem Polyester

Einer der schädlichsten Faktoren in der Mode ist Polyester. In mehr als 60 Prozent unserer Kleidung steckt das auf Erdöl basierende Material. Das Problem bei dieser Faser ist nicht nur, dass sie nicht biologisch abbaubar ist, bei jedem Waschgang löst sich außerdem Mikroplastik in Form von Partikeln oder Fasern und gelangt ins Abwasser und danach in Flüsse und Meere. Da diese Fasern so klein sind, können Kläranlagen diese auch nicht herausfiltern und so enden Unmengen an Mikroplastik in unserer Umwelt. Laut Schätzungen der Weltnaturschutzunion IUCN landen jährlich ungefähr 1,5 Millionen Tonnen Mikroplastik im Meer. Zwei Drittel davon aus unserer Kleidung.

Baumwolle? Bitte nur aus biologischem Anbau!

Auch Baumwolle ist ein beliebtes Material für Bekleidung. Doch auch das ist – im konventionellen Bereich – mit Vorsicht zu genießen. Bei der konventionellen Baumwollproduktion werden reichlich Pestizide und Düngemittel auf den Feldern eingesetzt, die wiederum in die Böden gelangen, was für Tiere und Umwelt gefährlich ist und auch den Menschen bei der Baumwollernte gesundheitlichen Schaden zufügt. Dazu kommt der enorme Wasserverbrauch, der unter anderem zum Austrocknen des Aralsees führte. Für ein Kilo Baumwolle werden durchschnittlich 11.000 Liter Wasser bis zur Ernte verbraucht.

Bei Bio-Baumwolle sieht das schon ganz anders aus. Beim Anbau dieser dürfen keine giftigen Chemikalien und keine schädlichen Düngemittel verwendet werden. Auch der Wasserverbrauch ist deutlich geringer, da die Pflanzen auf einer dickeren Humusschicht angebaut werden, die mehr Wasser speichern kann.

Gefährliche Chemikalien im Produktionsprozess

Der nächste Schritt ist die Färbung der Stoffe. Auch dabei kommen Chemiecocktails giftiger Substanzen zum Einsatz, die oft ungefiltert direkt in die Gewässer der Produktionsländer gelangen und dabei deren Trinkwasser verunreinigen. Mittlerweile sind über zwei Drittel der chinesischen Gewässer als verschmutzt klassifiziert. Grund dafür sind die zu schwachen Umweltauflagen. Auf dem Titelbild dieses Artikels ist ein Fluss im Herzen der chinesischen Textilindustrie zu sehen, Qiantang in Xiaoahen. Die starke Verschmutzung des Wassers ist die Folge der Kleidungsproduktion unter anderem zahlreicher internationaler Fashion-Labels. Am unteren Bild seht ihr den Fluss Tullahan, der zwischen den Städten Caloocan und Valenzuela fließt. Dieser ist von lilafarbenen Schaum bedeckt, der aus unbekannten Quellen in den Fluss gelangt.

Bild: Gigie Cruz-Sy / Greenpeace

Die Verschmutzung der Gewässer ist das eine Problem, das andere ist, dass diese Chemikalien auch über das fertige Produkt dem menschlichen Organismus schaden können. Wenn wir wüssten, welche Chemikalien in einem Shirt enthalten sind, damit es sich weich anfühlt oder leicht zu bügeln ist, dann würden wir es nur noch mit Handschuhen anfassen. In der Textilindustrie sind viele Chemikalien zulässig, die in anderen Industrien längst verboten sind. Davor warnt auch die Europäische Kommission regelmäßig. Tributylzinn zum Beispiel zählt zu den giftigsten Chemikalien und wird hauptsächlich gegen Pilzbefall in Holzschutzmitteln eingesetzt. Früher wurde es bei Schiffsanstrichen verwendet, seit 2003 ist dies in der EU verboten. Bei Socken und Sportbekleidung wird es dennoch teilweise eingesetzt da es unangenehme Gerüche verhindern soll.

Ein anderes Beispiel ist Pentachlorphenol. Diese krebserregende Substanz fand man ebenfalls in Holzschutzmitteln. Seit 2002 ist auch sie dort verboten. Trotzdem fand man 2013 die doppelte als gesetzlich zugelassen Menge Pentachlorphenol in Herrenpantoffeln von Primark.

Kleidung als Wegwerfprodukt

Nach der Faserproduktion und der Färbung des Stoffes gelangt das fertige Material in die Textilfabriken, großteils im asiatischen Raum. Dort wird daraus das fertige Produkt genäht – den Arbeitsbedingungen in diesen Fabriken werde ich mich in einem anderen Artikel widmen. Schließlich endet das fertige Kleidungsstück in europäischen Läden und somit bei uns Endkonsumenten. Obwohl, „endet“ stimmt so eigentlich nicht. Denn die Kleidung, die die meisten von uns kaufen und manchmal sogar nur ein paar Mal tragen, weil sie dann zum Beispiel nicht mehr im Trend liegt, landet im besten Fall im Altkleidercontainer. In Österreich – und Österreich ist vergleichsweise ein kleines Land – werden 80.000 Tonnen Altkleider im Jahr gesammelt. In Wien alleine sind es 10.000 Tonnen. Davon können nur 50 Prozent als Kleidung wieder verwendet werden. Der Rest landet in der Müllverbrennungsanlage. Kleidungsstücke, die erst gar keinen Käufer finden, werden sogar oft vom Hersteller vernichtet.

Es gibt viele Alternativen!

Herkömmliche Kleidung aus Kunstfasern oder konventioneller Baumwolle, die noch dazu oft unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen produziert wird, richtet großen Schaden an. Den meisten von uns ist aber nicht bewusst, dass wir einen großen Einfluss auf all das haben und sehr wohl für eine positive Veränderung verantwortlich sein können. Mit unserem Umdenken können wir alle viel erreichen! Aber wie genau umdenken und was sind Alternativen für unsere bestehenden Gewohnheiten?

1. Konsumiert bewusster und nachhaltiger! Niemand braucht 30 Billigjeans – weniger ist oft mehr! Erkundet eure Innenstädte nach lokalen Herstellern oder Anbietern. Fair produzierte Kleidung hat meist eine bessere Qualität, ist vielleicht eine Spur teurer, dafür hat man länger etwas davon.

2. Achtet beim Neukauf auf Bio- und Fair-Zertifizierungen! Wie zum Beispiel GOTS (Global Organic Textile Standard)

3. Fragt nach! Fragt bei den Herstellern nach! Vor allem kleine Modelabels sind sehr transparent und erklären ihren Kunden gerne, wo, wie und wer die Stück genäht hat und woher die Materialien kommen.

4. Veranstaltet Tauschpartys oder findet Second Hand Shops in eurer Nähe! Wenn jeder von uns ein wenig in die richtige Richtung geht, ändert sich auf einmal sehr viel und gemeinsam machen wir die Welt wieder ein bisschen besser und erhalten sie für unsere nächsten Generationen.

Denn wie hat Mahatma Gandhi so schön gesagt: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

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Schweine und Schweinebauern in der kalkulierten Strukturtragödie

Geringes Einkommen und schlechte Haltungsbedingungen gehören dazu – den wahren Preis für billiges (Schweine-)Fleisch bezahlen Menschen und Tiere hinter den Fleischproduktionskulissen. Für Schweinehalter „ist eine sehr schwierige Zeit“, sagt Schweinebauer…

Geringes Einkommen und schlechte Haltungsbedingungen gehören dazu – den wahren Preis für billiges (Schweine-)Fleisch bezahlen Menschen und Tiere hinter den Fleischproduktionskulissen.

Für Schweinehalter „ist eine sehr schwierige Zeit“, sagt Schweinebauer Bernhard Seidl, er hält 540 Mastschweine in seinem konventionell geführten Betrieb in Oberösterreich. Existenzangst, Identitätskrisen und die gesellschaftliche Geringschätzung trüben die Freude an seiner Arbeit als Landwirt. „Das Produkt wird nicht mehr wertgeschätzt, die menschliche Arbeit nicht fair entlohnt“, so der Schweinebauer. Trotz hohem Bedarf an Schweinefleisch ist die Anzahl der Schweinehalter in Österreich in den vergangenen 20 Jahren von 112.080 auf 26.075 (2015) geschrumpft.

Eine Frage der Haltung

Im knallharten System der Fleischproduktionskette zählt allein Masse und Preis, Big-Player dominieren den Markt, Interessensvertretungen halten still oder starten Image-Aktionen. Doch „keiner traut sich neue Wege anzudenken und zu gehen. Man müsste querdenken“, erklärt Schweinebauer Seidl „günstig hat immer einen Haken“.

Konventionelle Schweinezucht- und Schweinemastanlage in Österreich | Bild: IST/Initiative SteirerInnen gegen Tierfabriken

Konventionelle Schweinezucht- und Schweinemastanlage in Österreich | Bild: IST/Initiative SteirerInnen gegen Tierfabriken

Ob bäuerlicher Familienbetrieb oder Agrarindustrie – billiges Fleisch bedeutet intensive Tierhaltung: Hohe Subventionen, niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen, viele Tiere auf wenig Raum, geschlossene Stallsysteme, Vollspaltenböden, betäubungslose Kastrationen, Akkordschlachtungen…

Intensivtierhaltung, auch Massentierhaltung genannt „beginnt dort, wo sich Tiere aufgrund der Haltungsbedingungen nicht mehr nach ihrer Art verhalten können“, sagt Anton Sutterlüty von der Initiative SteirerInnen gegen Tierfabriken. Fleischqualität und Regionalität allein sagen nichts über die Haltungsform aus.

pixabay_

Bild: Hans Brexmeier / pixabay.com

Globale Schlachtplatte

Freihandelsabkommen wie CETA und TTIP sind radikale Schritte im vorherrschenden Stil. Mit massiv gesenkten Transportkosten werden die Standortvorteile Österreichs getilgt . „Im Supermarkt liegt dann billiges Schweinefleisch aus den USA. Die Frage ist, wie lange es dauert bis österreichische Bauern nicht mehr konkurrenzfähig sind“, verdeutlicht Steffen Nichtenberger von Greenpeace Österreich. „Österreichische Standards werden durch den Preisdruck sinken, nicht morgen, aber übermorgen.“

Schweinebauer Seidl ist über die Entwicklungen ebenfalls besorgt: „Wer diese Freihandelsabkommen nicht als Bedrohung sieht, verschließt die Augen vor der Realität.“  Sutterlüty verweist auf die strukturelle Selbstzerstörung: „Große Konzerne werden immer größer und reicher, während die Kleinen verschwinden. Die Ausweitung des Marktes, führt zu weiterem Bauernsterben“.

Mit TTIP werden zudem „mühsam erkämpfte Tierschutzstandards erst aufgeweicht und letztlich auflöst“, gibt Harald Hofner, Präsident von pro-tier, dem Verband der österreichischen Tierschutzorganisationen, zu bedenken. „Das Hochhalten des Tierschutzes ist schon innerhalb der Europäischen Union schwer genug. TTIP wird mittelfristig jede politische Tierschutzarbeit verunmöglichen.“

Ferkel in einer Aufzuchtanlage in Deutschland | Bild: PETA Deutschland e.V.

Ferkel in einer Aufzuchtanlage in Deutschland | Bild: PETA Deutschland e.V.

Der Ag-Gag-Import

Erfolgreich importiert wurden von der Agrarpolitik bereits „Ag-Gags“ (agriculture gags), also Rechtstexte, die das aktive Interesse an den Produktionsbedingungen kriminalisieren. Der Blick in den Stall wird zur Verwaltungsstraftat erklärt, so beispielsweise im Entwurf zur österreichischen Schweinegesundheitsverordnung und im geltenden Betretungsverbot in Oberösterreich. Laut BefürworterInnen dieser Rechtstexte zum „Schutz von landwirtschaftlichem Eigentum“, wolle man dadurch unerwünschte Recherchen in Tierproduktionbetrieben verhindern.

Als Rechtfertigung wird von InteressensvertreterInnen häufig der Schweinestall mit dem privaten, bäuerlichen Wohnzimmer gleichgesetzt. Doch ist das öffentliche Interesse an landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen tatsächlich mit Voyeurismus vergleichbar?

Lippenbekenntnisse bei Konsumverhalten

Geht es um das eigene Konsumverhalten behaupten viele Menschen auf hohe Standards bei Herstellung und Haltungsbedingungen Wert zu legen. Mit den tatsächlichen Verkaufszahlen stimmen diese persönlichen Konsumtheorien jedoch nicht überein. „Der Markt fordert was anderes als die Lippenbekenntnisse“, so Seidl.

Beim (Schweine-)Fleisch zählt auch für die Konsumierenden vor allem eines: Billig, billiger, am billigsten. Völlig entfremdet scheinen die Vorstellungen der Konsumenten und Konsumentinnen von den realen Herstellungsbedingungen zu sein. „Es ist ein Fehler, dass Möbelhäuser Schnitzel für 2,90 Euro anbieten, denn zu diesem Preis ist keine Produktion möglich“, erklärt Seidl. „Mit der Kaufentscheidung hat der Konsument in der Hand wohin der Weg geht. Wären die Menschen bereit faire Preise zu bezahlen, könnte auch die Haltungsbedingungen verbessert werden.“

Bild: Hans Brexmeier / pixabay.com

Bild: Hans Brexmeier / pixabay.com

In Österreich wurden vergangenes Jahr 5.414.000 Schweine geschlachtet, von ihrem Fleisch isst durchschnittlich jede(r) 39 Kilo im Jahr, 98 Prozent stammen aus konventioneller Produktion, nur knapp zwei Prozent aus alternativen Betriebsformen, wie biologischer Landwirtschaft.

Mutige Alternativen

„Am schönsten im Zusammenleben mit den Schweinen ist es, Zeit in der Herde zu verbringen“, erklärt Bio-Freiland-Bäuerin Elfriede Sonnleitner, auf ihrem Bio-Freilandhof Simandl in Oberösterreich leben 124 Mangalitza-Wollschweine. „Die Schweine in ihrer Lebendigkeit zu sehen, sie in ihrem Sein und Tun zu beobachten“, genießt die Bäuerin besonders “wenn sie herkommen, grunzen und sich streicheln lassen.“

In der konventionellen Produktion werden Mastschweine bereits vor dem ersten Zahnwechsel getötet, „diese Tiere sind zum Schlachtzeitpunkt noch Kinder mit dem Gewicht von Erwachsenen“, so Sonnleitner. Die Bio-Freiland-Haltung ist „eine Alternative zur Massentierhaltung. Wir wollen den Tieren mit Würde begegnen, ihnen Bewegungsraum und Zeit zum wachsen lassen. Interessierte sind am Hof willkommen, Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung sind uns wichtig“.

Was in der trügerischen Fleischreklame bloß Wohlfühl-Werbetaktik ist, gehört am Simandlhof zum Konzept: Gras, Frischluft, Sonnenlicht, Platz und soziale Kontakte. „Wenn wir schon Tiere essen, dann sind wir ihnen ein artgerechtes Leben schuldig“, so Sonnleitner.

Mangalitza-Schweine am Simandl-Hof | Bild: Sonnleitner

Töten und töten lassen

Kein leichtes Thema für die Schweinebäuerin ist die Tötung der Tiere „es ist ein Unterschied ob ein Tier stirbt oder aktiv getötet wird.“ Also ganz direkt gefragt: Wie fühlt es sich an zu sehen, wie die Tiere, mit denen man selbst Zeit verbracht hat und die man aufwachsen gesehen hat, vertrauensvoll in den Transporter [1] steigen, der sie auf ihre letzte Reise, hin zum Schlachter bringt? „Es spürt sich sehr schräg an, tut uns weh und wirft viele Fragen auf“, erklärt Sonnleitner. Der Bäuerin hilft bei diesem innerlichen Konflikt der Artenschutzgedanke: „Würden wir sie nicht essen, würde es sie gar nicht geben. Wir tragen zu neuem Leben bei und gönnen ihnen das Aufwachsen; das Essen und Schlachten ist in diesem Kreislauf mit eingebunden.“

Bild: EstudioWebDace / pixabay.com

Bild: EstudioWebDace / pixabay.com

Hartnäckiges Tellerdilemma

Reportagen und Berichte über die Zustände in der Massentierhaltung und Fleischproduktionskette [3] schockieren und das Interesse der Menschen am Wohl der Tiere scheint zu steigen. Doch trotz Empörung und Mitgefühl genießen wir die „ach so armen Tiere“ in Form von Schweinebraten und Steak, warum? „Keiner will, dass Tiere gequält werden, doch es gibt hier eine kognitive Dissonanz. Es besteht eine Kluft zwischen Einsicht und Umsetzung“, erklärt der katholische Theologe und Ethik-Professor Kurt Remele. „Es findet eine Verdrängung der Problematik statt.“

Aber wenn die Tiere ein schönes, artgerechtes Leben haben, ist es doch ethisch unproblematisch diese Tiere für den eigenen kulinarischen Genuss zu töten bzw. töten zu lassen. „Ein häufiges Argument, aber Tiere sind nicht für den Menschen da. Sie werden für die Fleischproduktion instrumentalisiert, ihr Eigenwert und Wille zum Leben wird nicht wahrgenommen“, so der Ethik-Professor.

Die christliche Tierethik „findet schöne, hehre Worte; würdevoll wird über Tiere geschrieben, aber es fehlt an konkreten Konsequenzen“, kritisiert Remele. Eine neue christliche Tierethik [2] müsse auf schwammige Formulierungen verzichten und sich aussprechen trauen, was nicht alle hören wollen, Remele selbst geht dabei mutig voran: „Wenn eine Ernährung ohne das Töten von Tieren möglich ist, bezweifle ich, dass wir das Recht haben Tiere zu züchten, um diese zu töten.“

 

Eine Kurzversion des Artikels ist erschienen in: Information-Diskussion Nr. 286, „ESSEN – Leichte Kost oder schwer verdaulich?“, Katholische ArbeitnehmerInnenbewegung Oberösterreich, Juli 2016

[1] Laut Angaben der Simandl Website werden die Tiere mit Futter auf den Tiertransporter gelockt, der sie zur Hofschlachtung bei einem anderen Landwirt bringt.
[2] Remele, Kurt, Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine neue christliche Tierethik, 2016
[3] www.schlachthofskandal.at

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Mein Leben mit einem Syrer: Kulturelle Unterschiede (Teil 2)

Im ersten Teil ging es um Themen wie „Begrüßungen und Berührungen“ oder „Frauen, Verhüllung und Arbeit“. Nun folgt Teil 2 mit weiteren Themen. Über die Familie und das Heiraten „Sind die…

Im ersten Teil ging es um Themen wie „Begrüßungen und Berührungen“ oder „Frauen, Verhüllung und Arbeit“. Nun folgt Teil 2 mit weiteren Themen.

Über die Familie und das Heiraten

„Sind die beiden verheiratet?“, lautete erst kürzlich eine Frage von Österreichern, als ein syrisches Paar mit Kindern bei ihnen eine Wohnmöglichkeit fand. Beide hatten unterschiedliche Nachnamen und auch der Altersunterschied von vierzehn Jahren war erst etwas ungewohnt. Die Erklärung: Um die Familie der Frau zu respektieren, tauscht man den Namen nach der Heirat üblicherweise nicht aus. Zusätzlich geht diese Regelung auch auf die Osmanen zurück, wo es noch keine Nachnamen gab und man nach dem Vater benannt wurde, sprich „Tochter/Sohn von“ um nachvollziehen zu können, aus welcher Familie man stammt. Der Stamm richtete sich nach dem Stammesoberhaupt, in dem Fall nach dem Vater. Somit war es unüblich, dass die Frau den Namen/Nachnamen des Mannes annahm, weil sie ja nicht aus seinem Stamm stammte. Der Altersunterschied kommt daher, dass die Familie und in weiterer Folge die Kinder als äußerst wichtig gelten, der Mann diese sein ganzes Leben lang zeugen kann und er erst ein schönes Zuhause „erarbeitet“, bevor es ans heiraten geht.

Unsere „europäischen“ Beziehungen gibt es bei syrischen Muslimen kaum – gefällt einem Mann eine Frau, gilt es, sie nach der Telefonnummer ihrer Eltern zu fragen – oder – eine andere Variante: Eine dritte Person zu schicken, um ihre Ehre nicht zu verletzen. Es liegt dann an ihr, ihm die Nummer zu geben oder abzulehnen. Anschließend findet ein Telefonat zwischen seinen und ihren Eltern statt und wenn alles gut läuft, ein Treffen zwischen den beiden samt Eltern. Es wird unter anderem über seinen Job geredet (und auch „überprüft“ ob er wirklich dort arbeitet, wo er angibt und allgemeine Informationen eingeholt). Sind nach wie vor alle (!) einverstanden, können sich die beiden verloben und somit sozusagen eine „Kennenlernphase“ (wahlweise geheim oder öffentlich) starten, bei der – wenn gewünscht – Händeschütteln erlaubt ist, aber keine Küsse und kein Geschlechtsverkehr. Und wenn man sich sicher ist, dass man zueinander passt, heiratet man nach maximal zwei Jahren.

Schweinefleisch, Pferde und Hunde

Laut Quran verbietet Gott den Menschen den Verzehr von Schweinefleisch, es gilt somit als „haram“ (verboten), ebenso wie das Trinken von Alkohol oder das Konsumieren von Drogen. Muslime halten sich strikt an diese Verbote, da sie von deren Sinnhaftigkeit überzeugt sind. Alles was Gott erlaubt ist gut für die Menschen, alles was er verbietet, schadet ihnen (unabhängig davon, ob er das sofort „erkennt“ oder nicht). Und während man vor über tausend Jahren noch nicht genau über Schweine als Überträger von Bakterien Bescheid wusste beziehungsweise forschen konnte, gibt es heute immer mehr Forschungen in diese Richtung gehend, zum Beispiel der Nipah-Virus oder der Aujeszky-Virus (übrigens auch der Grund, warum Katzen und Hunde kein rohes Schweinefleisch essen sollten) – und hier auch noch ein Link zu einem „nicht muslimischen“ Gesundheitsratgeber, in welchem ebenfalls vom Verzehr von Schweinefleisch abgeraten wird. Auch im Christentum wurde übrigens (im Alten Testament, geht auf Mose zurück) das Schwein als unreines Tier bezeichnet, das nicht verzehrt werden sollte.

Es wird im Islam auch allgemein kein Tier gegessen, das selbst Fleischfresser ist beziehungsweise Blut frisst oder trinkt. Als Grund der Abneigung kann man heute zum Beispiel anführen, dass man beim Verzehr von „brutalen“ Tieren deren Veranlagung und Gene zum Töten sowie auch dessen Verlangen nach Blut in sich aufnimmt. Ich persönlich finde hier den Satz „du bist was du isst“ sehr passend.

Praktizierende Muslime essen „halal-Fleisch“ (halal bedeutet übersetzt „erlaubt/zulässig“), bei dem man Tiere händisch nach einem kurzen Gebet (in Österreich natürlich auch unter Einhaltung der Tierschutzgesetze und mit zusätzlicher Betäubung, Quelle: das biber) schlachtet und ausbluten lässt. Im Gegenzug dazu steht „haram-Fleisch“ (haram bedeutet übersetzt „verboten“). Pferdefleisch wird von Syrern ebenfalls nicht gegessen – dies aber aus Respekt und weil Pferde für Araber ein Teil ihrer Geschichte und Nation sind.

Das Halten von Hunden ist im Islam ebenfalls verboten („haram“), als Ausnahmen gelten der Schutz einer Herde beziehungsweise Farm und die Jagd. Für Muslime gilt der Speichel von Hunden als rituell unrein, deshalb gilt es, nach dem Kontakt mit Hunden oder deren Atem, sich gründlich zu waschen oder zu duschen beziehungsweise die Kleidung zu wechseln. Ähnlich wie oben beschrieben kann man auch hierfür sagen: Alles was Gott erlaubt ist gut für die Menschen, alles was er verbietet, schadet ihnen. Ich kenne allerdings ein paar SyrerInnen, die bei österreichischen Familien mit Hund unterkommen, aber nie ein Wort über den „störenden/unreinen“ Hund verlieren würden. Vielmehr geht es um ein wenig Rücksichtnahme, dass der Hund nicht zwingend alles beschnüffelt und dass der direkte Kontakt für viele sehr unangenehm ist, weil danach eine Dusche notwendig ist.

Über Integration und Neues

Neu sind für SyrerInnen hier in Österreich: Mülltrennung, Zebrastreifen, allgemein das Verkehrssystem inklusive Geschwindigkeitsbeschränkungen, geschlossene Geschäfte am Sonntag und auch unter der Woche Öffnungszeiten „nur“ bis 18, 19 beziehungsweise 20 Uhr, kaum gegenseitiges Helfen (in Syrien werden ohne zu fragen Einkaufstaschen abgenommen, Person per Auto-Stopp mitgenommen…), Alkohol in Torten und Kuchen beziehungsweise allgemein als Konservierungsmittel, süße Hauptspeisen, dunkles Brot und Mineralwasser beziehungsweise kohlensäurehaltige Frucht-Getränke, Hunde im Haus (und in Kinderwägen), Anrufen vor Treffen (und nicht einfach vor der Türe stehen), Stellenwert der Familie und so einiges andere. Beim Punkt Familie kann auch ich etwas neues dazu lernen: Nicht nur einmal habe ich in letzter Zeit gehört: „Wie geht es deinem Papa? Du solltest ihn mal wieder anrufen.“ und wirklich, man schätzt seine Familie und kümmert sich hier leider oft viel zu wenig. „Du kannst eine neue Liebe finden, aber die Liebe zwischen dir und deiner Mama, deinem Papa, deiner Schwester oder deinem Bruder ist absolut unersetzlich.“

Und natürlich ist auch die Sprache neu (inklusive Buchstaben, diese werden in Syrien nur im Englisch-Unterricht verwendet), wobei mir auch hier noch niemand begegnet ist, der diese nicht lernen will. Eher Gegenteiliges ist der Fall und auch der „Deutschkurs Traiskirchen“ ist seit Anfang an immer gut besucht.

Fast alle Syrer wollen nach Kriegsende wieder zurück. „Wir fühlen uns momentan wie Fische ohne Wasser“, um zu zitieren, „das Leben dort ist einfacher für uns – wir lieben Syrien, es ist ein wunderbares Land. Wir sind nicht nach Europa gekommen des Geldes wegen, wir möchten auch niemandem hier den Job wegnehmen, wir sind hergekommen weil wir keine andere Wahl hatten und wir wollen wieder zurück, sobald es möglich ist“.

Das Bild der Medien und Vorurteile

„Wenn all das wirklich stimmt, woher kommt dann das Bild im Kopf vieler europäischer Menschen (einschließlich mir), dass es Steinigungen gibt, die Hände abgehakt werden, Frauen nicht Auto fahren dürfen und so weiter?“, will ich wissen. „Im Islam wird eine Hand abgehakt, wenn man etwas stiehlt (nach Einhaltung einiger Regeln wie zum Beispiel: Der Dieb muss gestehen oder es gibt zwei bis vier Zeugen und einen genauen Plan für den Einbruch inklusive Türe aufbrechen etc. – und: Der Richter muss zustimmen, dass die Person schuldig ist) – ausgenommen sind Dinge, die für das Überleben notwendig sind, wie zum Beispiel Brot oder Geld für Brot. Dieses „Hände abhaken“ gilt aber seit sehr langer Zeit nicht mehr für Syrien sondern wird nur noch in Saudi-Arabien praktiziert! Die Sache mit dem Autofahren betrifft ebenso Saudi-Arabien, in Syrien dürfen Frauen fahren.“

Als wir gemeinsam mit einer österreichischen Freundin Kebap essen sind, die andere Seite: „Bevor wir nach Europa kamen, sahen und hörten wir immer wieder in den Zeitungen und im Fernsehen, in Europa drehe sich alles um Sex und Drogen – es machte den Anschein, als könnte man einfach so auf jeder x-beliebigen Straßenecke oder auf jedem Restaurant-Tisch Geschlechtsverkehr haben – aber das ist genauso wenig wahr wie das Bild welches hier oft in den Medien über uns vermittelt wird“.

Das waren jetzt im gröbsten die kulturellen Unterschiede zwischen Syrien und Österreich – wir könnten noch viel mehr schreiben, möchten an dieser Stelle aber nun auch Teil zwei beenden. Wir, das sind Mahmoud und ich, ohne den dieses Projekt nicht möglich gewesen wäre – unzählige Gespräche, Wiederholungen, Links, Geduld, Übersetzungen – vielen lieben Dank dafür! Dankeschön auch an Betül und Amine fürs Korrekturlesen der Infos!

Hier findet ihr den Link zum ersten Teil, wenn ihr Fragen zu diesen oder auch weiteren Themen gibt, bitte gerne einen Kommentar hinterlassen.

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Mein Leben mit einem Syrer: Kulturelle Unterschiede zwischen Syrien und Österreich

Ursprünglich bin ich im Sommer nach Traiskirchen gefahren um zu helfen und mir dabei mein eigenes Bild zu machen, unabhängig von den Medien. Die beiden daraus entstanden Artikel könnt ihr…

Ursprünglich bin ich im Sommer nach Traiskirchen gefahren um zu helfen und mir dabei mein eigenes Bild zu machen, unabhängig von den Medien. Die beiden daraus entstanden Artikel könnt ihr hier nachlesen: Traiskirchen – Der Weg der Spenden und Meine Erfahrungen in Traiskirchen. Aus dieser Idee ist jetzt, sechs Monate später, etwas ganz anderes gewachsen als ursprünglich gedacht: Eine neue Beziehung und viele neue Freundschaften. Wir kommen immer wieder zusammen, egal ob zum Helfen, privat bei Feiern, beim Heurigen, bei Ausflügen – die in den Medien gerne erwähnte „Integration“ ist bei uns kein großes Thema, jeder respektiert den anderen. Weil das aber am besten geht, wenn man einander versteht und ein paar Hintergründe kennt, haben Mahmoud und ich nun in diesem ersten von zwei Artikeln festgehalten, wo genau denn die kulturellen Unterschiede liegen.

Begrüßungen und Berührungen

Für Muslime in Syrien gibt es keine Berührungen zwischen Männern und Frauen außerhalb der Familie (Cousins und Cousinen ausgenommen), dementsprechend auch kein Händeschütteln oder Bussi-Bussi zur Begrüßung. Stattdessen wird der Friedensgruß „Salaam aleikum“ (Friede sei mit dir) ausgesprochen. Männer unter sich können sich die Hände schütteln oder sich umarmen, ebenso Frauen untereinander – nur die Berührungen zwischen den Geschlechtern sind üblicherweise nicht gern gesehen, da diese als erotisch empfunden werden können und man keinerlei Versuchung aufkommen lassen möchte.

Bei all meinen Besuchen in Traiskirchen und bei syrischen Freunden hat noch nie jemand meine ausgestreckte Hand abgelehnt – und aus Höflichkeit hätte mich vermutlich auch nie jemand darauf angesprochen –, nur einmal habe ich von Problemen in einer syrisch-österreichischen Freundschaft gehört, bei der eine verheiratete Muslimin einem österreichischen Mann nicht die Hand schütteln wollte, wodurch ich erstmals auf dieses Thema aufmerksam wurde. Viele akzeptieren das Händeschütteln, auch wenn es nicht die favorisierte Begrüßungsart ist, weil es hier üblich ist. Alles, was darüber hinausgeht – Umarmungen, Bussi-Bussi und so weiter – überschreitet dann aber die persönliche Distanzzone.

Religionen, Respekt und Weihnachten

In Syrien gab es vor dem Krieg mehrere Religionsgemeinschaften, die friedlich und respektvoll miteinander umgegangen sind. Die größte Gruppe waren Muslime, gefolgt von Christen, Juden, Alawiten, Ismailiten, Drusen und Jesiden. Muslimen war es erlaubt, ihre Gebete in christlichen Kirchen zu beten und umgekehrt. Im Islam selbst gibt es kein Weihnachtsfest (Jesus wird als Mensch und Prophet Gottes angesehen und nicht als sein Sohn) und entsprechend auch keine Christbäume. Trotzdem gab es in Syrien an großen öffentlichen Plätzen diese geschmückten Bäume. Waren Muslime mit Christen befreundet, wurde diesen auch häufig aus Respekt ein Baum geschenkt (als Muslim hatte man natürlich keinen eigenen daheim). Umgekehrt wiederum haben die meisten Christen im Ramadan auf Essen außerhalb von (christlichen) Restaurants verzichtet. Muslimische Restaurant-Besitzer haben im Ramadan geschlossen, nur christliche Eigentümer haben geöffnet – wenn auch aus Respekt mit verklebten Scheiben, damit niemand beim Essen zusehen kann. Zur Info: Während dem Fastenmonat Ramadan dürfen Muslime erst nach Sonnenuntergang essen. Es gibt zwei große Feste im Islam: Das Opferfest (das wichtigste) und das Fest des Fastenbrechens (nach dem Fastenmonat Ramadan).

Muslime sind Menschen wie du und ich, jeder macht Fehler, niemand ist perfekt. „Wenn jemanden ein Fehler unterläuft, heißt das nicht, dass die Religion schlecht ist; wenn ich einen Fehler mache, ist das mein persönlicher Fehler, nicht der meiner Religion.“ Und: „Mache Scherze über mich, rede schlecht über mich – aber niemals über meinen Gott, meine Religion oder Propheten – die Religion ist immer raus. Scherze unter Freunden: Ja – aber niemand kennt Gott persönlich – wie kann man da über ihn scherzen? Man scherzt ja auch nicht über Verstorbene“.

Frauen, Verhüllung und Arbeit

Ich erinnere mich noch gut an den Sommer und eines meiner ersten Gespräche mit der plumpen Frage: „Dass Frauen nicht Auto fahren können und sich verhüllen müssen, liegt daran, dass ihr als Männer das für sie bestimmt?“ Unzählige Gespräche später weiß ich: Die meisten Frauen entscheiden sich freiwillig für den Hi­dschab (das Kopftuch) – nicht alle, aber die meisten können sich aussuchen, ob sie dies tragen möchten oder nicht, dementsprechend gab es auch keine Bestrafungen und man sah vereinzelt auch Frauen ohne Kopftuch auf der Straße – die Rede ist hier wieder von der Zeit vor dem Krieg. Der Grund für das Tragens des Kopftuches aus religiöser Sicht beruft sich auf das entsprechende Gebot (sowohl im Quran als auch in den Überlieferungen).

Und auch bei der Wahl Kopftuch, ja oder nein, geht es in erster Linie darum, die Reize zu verhüllen (nicht sexuell aufreizend zu wirken) und nicht jeden Bereich des Körpers jedermann zu zeigen. Die Frau gilt als etwas ganz Besonderes, vergleichbar mit einem Diamanten. „Wenn du etwas ganz ganz besonders wertvolles hättest, würdest du es auch nicht groß auf der Straße zur Schau stellen und es von jedem angreifen lassen, oder?“ Als weitere Gründe kann man Tradition aufführen, Mode, Abgrenzung und Zugehörigkeit.

Für mich ist dieses Thema mehr eine Frage, was man für sich persönlich als in Ordnung empfindet und was nicht. Manche fühlen sich wohl, im Mini-Rock tanzen zu gehen und Aufmerksamkeit zu erregen, andere tragen diesen nur in Anwesenheit ihres Freundes, wieder andere würden nie einen zu kurzen Rock tragen (hier auch wieder die Frage: „Welche Länge ist zu kurz?“) und bevorzugen Hosen und wieder andere eben den Hidschab.

Frauen in Syrien gingen (aus kulturellen, nicht aus religiösen Gründen*) kaum arbeiten, es war Sache des Mannes für den Lebensunterhalt zu sorgen, wenn auch dafür 15-Stunden-Tage notwendig waren. Die Frau erledigte den Haushalt, kümmerte sich um die Kinder und die Einkäufe – wobei Frauen nie schwere Dinge tragen sollten, deshalb meist telefonische Bestellung inklusive Lieferservice. Das erklärt auch, warum mir im Sommer beim Sortieren und Schlichten der Spenden immer unverzüglich die vollen Boxen abgenommen wurden. Hierzu auch gleich meine nächste Frage, „Frauen dürfen also nicht rausgehen?“ und die Antwort darauf: „Natürlich dürfen sie rausgehen, sie können überall hingehen, wo sie hinwollen und auch den Führerschein machen!“.

„Warum aber dann nicht arbeiten?“ „Bei der Arbeit wird es (notgedrungener Weise) auch Kontakt mit Männern geben, am Anfang nur oberflächlich, aber nach einer Zeit fängt man an über Privates und Probleme zu reden, man bückt sich nach dem Stift… Und man kann alles kontrollieren, nur keine Gefühle. Wenn Frauen zum Shoppen oder ähnlichem gehen, werden sie nur die notwendigsten Gespräche mit den Verkäufern führen, niemals aber mit ihnen scherzen oder gar flirten. Und möchten sie arbeiten, dann bevorzugt mit Frauen oder Kindern, aber auch hier wird darauf geachtet, dass man zum Beispiel nicht in den Ausschnitt sehen kann, wenn die Lehrerin sich vorbeugt.“

Beim gemeinsamen Einkaufen, bei dem zwei Einkaufstaschen gefüllt werden, gilt für mich üblicherweise: Eine für den Mann, eine (die leichtere) für die Frau. Die muslimisch-syrische Variante: Beide (oder bei Bedarf auch noch mehr) trägt der Mann, die Frau gar nichts. „Findest du das fair? Wir haben zwei Taschen und sind zwei Leute?“ „Männer sind viel stärker, ihr Körper ist dafür gemacht, (schwere) Arbeit zu verrichten – der der Frauen nicht. Wer wird gewinnen, wenn wir armdrücken? Was ist nun also fair?“

In Syrien gab es keine Wochenenden, es wurde ununterbrochen und über Jahre hinweg gearbeitet sofern man eine Arbeit hatte. 12-Stunden-Tage waren meist Minimum in der Privatwirtschaft und das bis zu einem Alter von etwa 45 Jahren, bis dahin hatte man sich Haus, Auto etc. geleistet und einen Puffer für unsere hier sogenannte „Pension“ angespart.

 

Hier möchten wir den ersten Teil beenden, im zweiten Artikel werden wir dann über Familie, Heirat, Essen und Vorurteile berichten. Wenn es Fragen zu den hier bereits erwähnten Themen gibt, bitte gerne einen Kommentar hinterlassen.

 

* Im Islam ist es den Frauen nicht untersagt, auch mit Männern zu arbeiten, mit der Bedingung einen gewissen Abstand und Umgang an den Tag zu legen.

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Verbraucherkredite: Kenne und nutze deine Rechte!

Weihnachten steht vor der Tür und die Wunschlisten vieler Menschen sind lang. Smartphones, Fernseher, Tablets und vieles andere liegt bald unter dem Christbaum – für den Einzelhandel ist die Vorweihnachtszeit…

Weihnachten steht vor der Tür und die Wunschlisten vieler Menschen sind lang. Smartphones, Fernseher, Tablets und vieles andere liegt bald unter dem Christbaum – für den Einzelhandel ist die Vorweihnachtszeit die umsatzstärkste Zeit im Jahr. Sehr beliebt sind im Weihnachtsgeschäft traditionell Spielzeug, Uhren und Schmuck sowie Unterhaltungselektronik. Und mittlerweile werden den potenziellen Käufern nicht nur das Produkt, sondern auch gleich der dazu passende Verbraucherkredit angeboten.

Über ein Viertel der befragten ÖsterreicherInnen haben laut einer EU-Studie in den letzten zwei Jahren mindestens einen Verbraucherkredit aufgenommen. Männliche Befragte zwischen 29 und 35, solche mit weniger Jahren an Ausbildung und solche, die mehr Schwierigkeiten haben, ihre Rechnungen zu begleichen, haben sich in der Vergangenheit am ehesten für einen Kredit entschieden. Neun Prozent der Befragten haben oft Schwierigkeiten, ihre Raten rechtzeitig zu zahlen.

Drei von zehn Befragten haben zudem angegeben, dass ihnen ein Kredit die Möglichkeit eröffnet, sich Dinge zu kaufen, die sie sich andernfalls nicht hätten leisten können. Und für fast ein Viertel war die Motivation sich einen Kredit aufzunehmen, dass sie über das Produkt oder die Dienstleistung sofort verfügen wollten. Für Autos, Möbel, Computer, elektronische Geräte und Haushaltsgeräte wurden am ehesten Kredite aufgenommen. Und all jene, die Schwierigkeiten haben, ihre Rechnungen zu begleichen und die bereits einen Kredit aufgenommen haben, sehen es eher als wahrscheinlich an, in Zukunft einen Kredit aufzunehmen.

65 Prozent der Österreicher fühlen sich laut besagter Studie nicht gut bezüglich ihrer Verbraucherkreditrechte informiert. Daher hat die Europäische Kommission eine Informationskampagne ins Leben gerufen, um darüber aufzuklären, welche Rechte Konsumenten bei Aufnahme eines Verbraucherkredits in der Europäischen Union haben und welche Konsumentenrechte durch die Verbraucherkreditrichtlinie garantiert werden.

Ein Test bei verschiedenen Banken in Österreich hat darüber hinaus ergeben, dass in keiner einzigen Bank ohne dezidierte Nachfrage die verpflichtenden Informationen bereitgestellt wurden. Wer also nicht weiß, welche Rechte er beim Abschluss eines Kredites hat, fällt hier um wertvolle Möglichkeiten um. Eure Rechte als Kreditnehmer:

Das Recht auf Informationen zu eurem Kreditvertrag in einem kundenfreundlichen Format

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Vor der Unterzeichnung eines Kreditvertrages ist der Kreditanbieter verpflichtet, rechtzeitig die wichtigsten Informationen zum Vertrag bereitzustellen. Diese Informationen müssen in standardisierter Form auf Papier oder einem anderen dauerhaften Datenträger verfügbar gemacht werden – als sogenannte „Europäische Standardinformationen für Verbraucherkredite“ -, um Verträge für Konsumenten besser vergleichbar zu machen. So kann der Kredit ausgewählt werden, der am besten zur jeweiligen Situation passt.

Egal wie groß die Summe des Kredits ist: Fordert diese Informationen ein und vergleicht verschiedene Angebote, bevor ihr einen Kreditvertrag unterschreibt. Mit oben erwähntem Formular könnt ihr die wichtigsten Aspekte eines Kreditvertrags wie Art und Kosten des Kredits, Sollzinssatz und effektiven Jahreszins, Anzahl und Häufigkeit der Raten und wichtige rechtliche Fragen einfach vergleichen. Außerdem habt ihr das Recht, kostenlos eine Kopie des Kreditvertragsentwurfs zu erhalten.

Das Recht auf Rücktritt vom Kreditvertrag innerhalb von 14 Tagen

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KreditnehmerInnen haben das Recht, innerhalb von 14 Tagen nach Vertragsunterzeichnung schriftlich von einem Kreditvertrag zurückzutreten – ein Grund für den Rücktritt muss nicht angegeben werden. Dem Kreditanbieter muss das geliehene Geld plus die beim Rücktritt angelaufenen Zinsen spätestens 30 Tage nach dem schriftlichen Rücktritt zurückgezahlt werden. Außerdem kann der Kreditanbieter sich für nicht rückzahlbare Gebühren entschädigen lassen, die in dem Zeitraum zwischen Auszahlung und Rückzahlung des Kredits angefallen sind. Achtung, das Rücktrittsrecht gilt nicht für Hypothekenkredite!

Das Recht auf vorzeitige Rückzahlung des Kredits

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Ihr habt das Recht, den Kredit jederzeit während der Vertragslaufzeit, vorzeitig ganz oder teilweise zurückzuzahlen. In letzterem Fall habt ihr Anspruch auf eine Senkung der Gesamtkreditkosten einschließlich Gebühren und Zinsen. Der Kreditanbieter muss für entgangene Einnahmen entschädigt werden, aber die Entschädigung darf nicht höher sein als die Zinsen, die dem Kreditgeber entgangen sind. Gemäß dem österreichischen Verbraucherkreditgesetz können variabel verzinste Kredite jederzeit ohne Spesen zurückbezahlt werden. Nur bei fix verzinsten Krediten kann der Kreditgeber eine Entschädigung verlangen, die maximal ein Prozent betragen darf. Bei Hypothekarkrediten kann zusätzlich eine Kündigungsfrist von maximal sechs Monaten oder die Dauer eines fixen Sollzinssatzes vereinbart werden.

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Ich habe es immer vermieden, mir einen Kredit aufzunehmen oder auch nur mein Konto zu überziehen. Wann immer ich mit dem Gedanken spiele, mir etwas zu kaufen – nicht nur zu Weihnachten -, stelle ich mir die folgenden Fragen:

Brauche ich es wirklich?

Wenn ich mir diese Frage stelle, bevor ich eine Kaufentscheidung treffe, ist die Antwort meistens „Nein“. Und das nicht nur bei Dingen wie einem neuen Smartphone, sondern auch im Supermarkt vor dem Regal mit den Kartoffelchips. Natürlich kaufe ich auch ab und zu Dinge, die ich nicht wirklich brauche, einfach weil sie mir eine Freude bereiten, aber diese Frage hat mich schon vor so manchem unüberlegten Kauf bewahrt.

Gibt es auch eine günstigere Variante?

Muss es der SUV sein, wenn es ein Kombi auch tut? Oder der Smart-TV mit der grössten Bildschirmdiagonale, wenn auch die kleineren Varianten noch ziemlich groß sind? Wenn man die Entscheidung getroffen hat, ein Produkt wirklich zu wollen oder zu brauchen, stellt sich nun die Frage, ob es nicht auch eine günstigere Variante gibt. Ein kleineres Modell, eine ältere Ausgabe – es muss nicht immer das Grösste und Neueste sein.

Kann ich es auch gebraucht kaufen?

Abgesehen von der offensichtlichen Ausnahme von Dienstleistungen gibt es mittlerweile fast alles auch gebraucht zu kaufen. Vom Auto über Elektrogeräte bis zu Kleidung kann man auch durch die Wahl eines Second Hand Produktes Geld sparen. Das ist neben dem Verzicht auch die nachhaltigste Variante – und die schonendste für die Geldbörse. Mein Auto und mein früherer Geschirrspüler waren zum Beispiel Gebrauchtkäufe.

Kann man es ausleihen?

Nicht immer habe ich mir diese Frage gestellt. Deshalb besitze ich auch zwei Paar Ski, obwohl ich seit Jahren nicht mehr Ski fahre, und zwei Räder, obwohl ich nicht gerne mit dem Rad fahre. Inzwischen ist mir klar geworden, dass man nicht alles, das man nutzen will auch besitzen muss. Deshalb leihe ich mir bestimmte Dinge aus, entweder von Familie, Freunden oder bei einem Verleihservice, denn neben Geld kosten solche Anschaffungen auch Platz. Das hat mich auch gelehrt, dass ich die meisten Dinge nur sehr selten verwenden würde. In meinem Fall waren das Schlittschuhe, Schneeschuhe, Langlaufski, Schlagbohrer und noch so einiges mehr, das ich mir erspart habe.

Kann ich es mir leisten?

Meine Devise ist: Was ich mir nicht leisten kann, kaufe ich nicht. Das kann manchmal hart sein, aber noch härter ist es, wenn man Kreditraten nicht mehr zahlen kann, oder die Höhe der Raten zu finanzieller Knappheit führt. Noch dazu bedeutet die Aufnahme eines Kredits meistens, dass man nicht in der Lage ist, etwas anzusparen – im schlimmsten Fall muss dann zu einem weiteren Kredit gegriffen werden, wenn wichtige Investitionen ins Haus stehen. Nicht selten führt dieser Weg in den Privatkonkurs.

Solltet ihr euch also nach sorgfältiger Überlegung für einen Kredit entschieden haben, findet ihr hier alle notwendigen Informationen über das Verbraucherkreditrecht in Österreich, außerdem Links zu weiterführenden Informationen und zu euren nationalen Konsumentenstellen. Die Angaben auf der Website gelten für fast alle Arten von Verbraucher- und Hypothekenkrediten mit einem Mindestkreditbetrag von 200 Euro, eine Obergrenze gibt es nicht.

 

In Kooperation mit der Europäischen Kommission

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Meine Erfahrungen in Traiskirchen

Bei meinem Besuch in Traiskirchen zur Ausgabe der Spenden an die Flüchtlinge parkte ich fast direkt vor dem Eingang des Flüchtlingszentrums und ertappte mich dabei zu überlegen, ob ich meinen…

Bei meinem Besuch in Traiskirchen zur Ausgabe der Spenden an die Flüchtlinge parkte ich fast direkt vor dem Eingang des Flüchtlingszentrums und ertappte mich dabei zu überlegen, ob ich meinen USB-Stick beziehungsweise gleich das ganze Autoradio einpacken sollte. (Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich leider persönlich – nicht in Verbindung mit Flüchtlingen – schon Erfahrung mit mehren Einbrüchen sammeln durfte.) Aber gut, ich wollte mich dem Thema neutral und ohne Vorurteile nähern – also ließ ich beides dort. Gleich am Anfang muss ich aber noch etwas gestehen: Sofort nach dem Aussteigen hätte ich mein 37-Grad-Sommer-Outfit, bestehend aus Hotpants und Trägertop, gerne noch einmal überdacht. Der Weg bis zum vereinbarten Treffpunkt, vorbei an verschiedenen Menschengruppen, die offensichtlich einer anderen Kultur angehören, war erst einmal total ungewohnt.

Aber trotz aller anfänglicher Bedenken wurde es ein wunderschöner Nachmittag voll geteilter Freude, Emotionen und Geschichten, wovon noch einige folgen sollten. Ich möchte an dieser Stelle auch erwähnen, wie begeistert ich von der Zusammenarbeit der einzelnen Religionsgemeinschaften bin – katholische Pfarre, türkisch-islamischer Kulturverein, Helfer von der evangelischen Kirche… Es ist wunderschön mit anzusehen, wie alle an einem Strang ziehen und zusammen helfen, wenn es hart auf hart kommt, und dass es keinen Unterschied macht, woran du glaubst oder auch nicht. Auch die Gruppe der Freiwilligen besteht aus Österreichern, Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern und Menschen, die als Dolmetscher für alle nicht Deutsch- beziehungsweise Englischsprechenden agieren. Einen Bericht was mit den Spenden für die Flüchtlinge in Traiskirchen passiert und den allgemeinen Ablauf findet ihr hier: Traiskirchen – der Weg der Spenden

Bleibende Erinnerungen

Als ich durch die eng gedrängte und auf die Ausgabe wartende Menge gehe, machen mir sofort alle Platz und ein freiwillig helfender Flüchtling hält mir die Türe auf – ich komme mir ein wenig vor wie ein VIP. Mohammed erzählt mir auf Englisch, dass er seit zwei Monaten hier sei und bereits österreichische Freunde gefunden habe. Stolz zeigt er mir Fotos auf seinem Handy von einem Pärchen und ihm beim Essen, beim Autofahren…

Während des Team-Meetings übersetzt einer der „refugees“ die wichtigsten Eckpunkte für seine Landsleute und ein anderer ist so gerührt von der Hilfsbereitschaft hier, dass er mit zitternder Stimme und in gebrochenem Englisch erklärt, dass er gelernter Koch sei und wie gerne er nicht für uns alle Kochen würde als Dankeschön.

Mahmot erzählt, dass er mit seiner Frau und ihrem Baby innerhalb von 18 Tagen (!) von Griechenland hierher gegangen (!) ist. Ich mache große Augen und obwohl wir beide gut englisch sprechen, wiederhole ich meine Frage mit Zeichensprache, wobei ich mit zwei Fingern das Gehen symbolisiere. Er beginnt zu lachen: „You can believe me – we just walked.“ Sie sind also tatsächlich nur zu Fuß gegangen. Zwischen 18 und 20 Stunden am Tag waren sie unterwegs. Das übersteigt meine Vorstellungskraft und obwohl ich nicht glaube, dass er mir etwas Falsches erzählt, überprüfe ich diese Aussage später mit Google Maps. Und stelle fest: Es geht sich aus! Google Maps sagt, 311 Stunden Fußmarsch wären es in etwa bis Griechenland – und 342 Stunden sind es, wenn man 18 Tage lang jeweils 19 Stunden marschiert. Ich bin noch immer absolut fassungslos! Wer tut so etwas, wenn er nicht „um sein Leben läuft“? (Die junge Familie wollte übrigens gar nicht nach Österreich, sondern nach Holland, sie sind hier aber von der Polizei gefasst worden.)

Eine syrische Frau fragt mich nach getaner Sortierarbeit im Pfarrheim mit Hilfe einer Dolmetscherin nach den Bildern an den Wänden, auf denen Fotos von der Jungschar zu sehen sind, was das für eine Gruppe sei und ob ihre Tochter auch dort mitmachen könne, die Kinder sähen so glücklich aus auf den Bildern. Ein „refugee“ tritt beim Sortieren im Pfarrhof an mich heran und fragt, ob er sich Wasser von der Leitung (!) nehmen dürfte, er sei so durstig…

Dass hier nur Positives erwähnt wird, liegt nicht daran, dass ich die Gespräche ausgefiltert habe, sondern ich habe in den etwa rund zwanzig Stunden dort tatsächlich keine negativen Zwischenfälle erlebt.

Die Beweggründe kann man natürlich überhaupt nicht miteinander vergleichen, aber die Nachmittage bei der Ausgabe sind für mich wie eine Mischung aus hektischem Flohmarkt und Sprachreise. Bei so einer Reise ist man ja auch fremd in einem anderen Land, verständigt sich zum Teil mit Händen und Füßen ohne etwas oder jemanden zu kennen und ist wirklich froh über jeden Tipp und jedes nett entgegengebrachte Wort. „Am meisten freuen sie sich über ein nettes Lächeln, nette Worte und jemanden, der ihnen einfach nur zuhört.“, bestätigt auch Doris, eine der Projektleiterinnen der Caritas.

Zelt_Ausgabe

Die Spendenausgabe

Wie bereits im verlinkten Artikel erwähnt, hatte jede Flüchtlings-Gruppe nur etwa zehn Minuten (!) Zeit um sich bei der Spendenausgabe die nötigen Dinge zusammenzusuchen, danach galt es, alle aus dem Zelt zu bekommen. Und wenn man sich das Titelbild beziehungsweise das folgende Foto ansieht, kann man erahnen, wie viel Passendes man in zehn Minuten zusammensuchen kann. Ausdrücklich erwünscht: Bilder nochmals genau ansehen und sich vorstellen, man müsste für sich selbst – eventuell auch zusätzlich für seine Kinder – in zehn Minuten, gemeinsam mit etwa 30 anderen Personen alles notwendige zusammensuchen.

Spendenausgabe_Traiskirchen_Damen_u_Kinderabteilung

Auch bei der anschließenden Aufforderung zum Gehen hatte ich – vor allem als Frau – anfangs Bedenken, ob das gut gehen würde. Aber alles klappte problemlos – das einzige, worum wir freiwilligen Helfer immer wieder gebeten wurden, war „Please, one more minute!“. Und auch wenn sich die einzelnen Gruppen nicht im Eiltempo nach draußen bewegten, gab es an den zwei Tagen, an denen ich bis jetzt bei der Ausgabe dabei war, noch nie etwas negatives zu berichten.

Mit einem Polizisten vor Ort konnte ich auch kurz sprechen, er erzählte (es war drei Uhr nachmittags), dass er seit gestern früh, sechs Uhr im Dienst sei, vier Stunden geschlafen habe und noch bis morgen Vormittag seiner Pflicht nachgehe. In der Nacht gab es einen Streit zwischen den Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern wie auch in vielen Zeitungen zu lesen war.

Zu gefährlich?

Im Baumarkt, als ich auf der Suche nach einem kleinen Schloss und einer Kette war, erzählte ich dem Mitarbeiter kurz, dass ich die Sachen benötige, um eine Schere an einem Tisch zu fixieren und in weiterer Folge, dass ich die Schere benötige, um Hosen für Flüchtlinge zu kürzen. „Sie fahren nach Traiskirchen? Sie als Frau?“, fragte er, gefolgt von der Frage ob ich das beruflich mache (Nein, ich habe einen „normalen“ Vollzeit-Job.), der Frage, ob ich Moslem bin (Nein.) und dem Hinweis, dass er seine Freundin dort nicht helfen lassen würde, das sei seiner Meinung nach zu gefährlich…

Ich denke, dass die ablehnende Haltung vieler Österreicher beziehungsweise Gemeinden auf Angst basiert. Sie kennen diese Situation und die Kulturen nicht und natürlich macht eine große Gruppe von Menschen mehr Angst als Einzelpersonen. Auch kommt noch das Sprachproblem dazu – klar ist es anfangs etwas unangenehm, wenn man an einer Gruppe vorbeigeht und keinen Schimmer hat, worüber die Personen gerade reden oder ob man gar selbst gerade Thema des Gesprächs ist. Wie ihr im ersten Absatz lesen konntet, war auch ich anfangs sehr unsicher.

Trotzdem möchte ich die Skeptiker bitten, Mut zu fassen und offen für dieses Thema zu sein, letztendlich sind es Menschen wie du und ich, mit Ausbildung, einem ehemals schönen Zuhause… Ich möchte meine Hand nicht ins Feuer legen, dass alle von den etwa 3.000 bis 4.000 Flüchtlingen in Traiskirchen zu hundert Prozent zu den „Guten“ zählen – das könnte ich bei 4.000 willkürlich ausgewählten Österreichern aber auch nicht garantieren.

Wenn ihr offene Fragen habt, die in keinem der zwei Artikel oder den unten angefügten Links beantwortet werden, könnt ihr gerne einen Kommentar schreiben – Matthias, Projektleiter von der Caritas, hat sich zu einem Interview bereit erklärt.

P.S.: Vier Mal war ich bis jetzt schon in Traiskirchen – mein USB-Stick und das Radio waren an den Tagesenden bis jetzt immer noch in meinem Auto und auch an den folgenden, heißen Tagen bin ich mit kurzer Hose hingefahren.

 

Links zu weiterführender Information:

Hier eine kurz zusammengefasste Info der wichtigsten Punkte: gruene.at/themen/menschen-grundrechte/fluechtlinge-fragen-antworten

Auch eine schöne (und den oberen Link gut ergänzende) Zusammenfassung: news.at/a/asyl-zehn-fakten

44 Kommentare zu Meine Erfahrungen in Traiskirchen

Traiskirchen – Der Weg der Spenden

Obwohl ich zu dem Thema „Flüchtlinge/Asylwerber“ schon einiges gehört (Radio), gelesen (Zeitungen, Facebook) oder (von Gemeinde-Seite) mitbekommen hatte, wollte ich mir vor Ort selbst ein Bild machen. Nur weil andere etwas…

Obwohl ich zu dem Thema „Flüchtlinge/Asylwerber“ schon einiges gehört (Radio), gelesen (Zeitungen, Facebook) oder (von Gemeinde-Seite) mitbekommen hatte, wollte ich mir vor Ort selbst ein Bild machen. Nur weil andere etwas sagen, machen oder unterlassen, heißt das noch lange nicht, dass das automatisch gut oder richtig ist – jeder Mensch, egal ob Politiker, Journalist oder der Nachbar, ist anders, hat andere Vorstellungen, Erwartungen und Erfahrungen. Ich wollte meine Eigenen sammeln bevor ich mitrede, ohne selbst direkt mit dem Thema zu tun gehabt zu haben.

Also bin ich relativ spontan einem Aufruf der Facebook-Seite Wir helfen. von Caritas Omni.Bus gefolgt, bei dem es hieß, es werde Hilfe zum Sortieren gebraucht. Nachdem ich auf dieser Seite auch lesen konnte, dass einige Menschen mit ihren Spenden wieder fort geschickt wurden, klang das erst einmal so wie „denen geht’s eh gut, die brauchen keine Spenden“. Vor Ort war allerdings schnell klar, dass dem nicht so ist, vielmehr mangelt(e) es an allen Ecken und Enden an Platz! Wintersachen und ähnliches wird zur entsprechenden Jahreszeit ganz sicher auch benötigt, kann aber bis dahin nicht in großer Menge verstaut werden. Dass das Flüchtlingszentrum überfüllt ist, dürfte hier niemandem entgangen sein, aber auch der Lagerplatz für die Spenden ist knapp.

Als ich dort war, waren die Sachen im katholischen Pfarrhof Traiskirchen gelagert – dieser musste aber aufgrund einer Hochzeit zumindest zu Teil geräumt werden. Und obwohl es ein gutes Gefühl ist zu helfen wird schnell klar, wie viel Energie die Organisation hinter all dem kostet. Ich habe gemeinsam mit anderen Freiwilligen versucht, den Bereich um die Türe freizuräumen und einen ganzen Nachmittag lang Kleidung sortiert. Während der Bereich kurzzeitig etwas aufgeräumter wirkte, kamen immer wieder Spenden dazu – zum Teil waren die Menschen auch extra aus Graz oder Zwettl angereist, um etwas vorbei zu bringen – ich fühlte mich wie eine Ameise in einer nicht enden wollenden Sortierarbeit. Die Spenden werden wirklich benötigt, der Platz im Pfarrhof zum Teil aber auch – die Situation ist keine leichte. Ich möchte jedem raten, selbst mitanzupacken, statt darüber zu reden was man machen könnte – denn an der Umsetzung scheitert es leider oft, auch wenn es in der Theorie recht einfach klingt.

Decken-Schuhe-Taschen-sortieren-Traiskirchen

Warum werden die Sachen überhaupt sortiert und warum soll man nicht direkt mit dem vollgepackten Auto zum Flüchtlingszentrum fahren?

Diese Menschen sind wie du und ich – und wie bei jeder Menschenansammlung gibt es die Fröhlichen, die Grantigen, die Zurückgezogenen, die Streitsüchtigen, die Optimistischen… Fährt man mit dem Auto hin, erhalten meist nur die Starken beziehungsweise die Schnellen etwas, alle anderen haben gar keine Chance. Bevor man zehn Bälle an hundert Kinder verteilt, wird lieber noch etwas gewartet und gesammelt, um Streit und Neid zu vermeiden. Auch die Kleidung wurde nach Geschlecht sortiert und gesammelt, ebenso wie nach „langer Hose“, „kurzer Hose“, „T-Shirt“ und so weiter, damit die Flüchtlinge innerhalb kurzer Zeit etwas Passendes finden können. Ich muss gestehen, bei meinem ersten Besuch habe ich ein wenig an der Sinnhaftigkeit dieser Sortierarbeit gezweifelt. Als ich ein zweites Mal – diesmal bei der Ausgabestelle im türkisch-islamischen Kulturverein Traiskirchen – vor Ort war, wurde schnell klar, dass es anders gar nicht funktionieren kann: Die sortierten Sachen wurden auf vier langen Reihen von Heurigentischen aufgelegt, die Flüchtlinge kamen immer in Gruppen herein ins Zelt. Beim Eingang mussten sie einen tags davor erhaltenen Zettel abgeben, wodurch gewährleistet werden soll, dass sich ein und die selbe Person nach dem Verlassen der Spendenausgabe nicht gleich wieder beim Eingang anstellt. Jeder bekommt beim Hereingehen ein Sackerl (Tüte), eine Tasche oder ähnliches und hat anschließend zehn Minuten Zeit, alles einzupacken, was benötigt wird. Nach diesen zehn Minuten müssen alle das Zelt verlassen und die nächste Gruppe wird hereingelassen.

Was spenden?

Auf oben genannter Facebook-Seite wird immer wieder kundgetan, was momentan benötigt wird – bitte informiert euch hier vorab, wenn ihr etwas spenden wollt. Die Sachen sollten auch gewaschen sein, leider musste ich am ersten Nachmittag feststellen, das das sehr oft nicht der Fall war. Allgemein kam mir auch einiges Fleckiges, extrem Fusseliges, Kaputtes etc. unter – nicht falsch verstehen, ich bin ein Mensch der selbst gerne auf Flohmärkte geht und kein Problem mit gebrauchten Dingen hat, aber die in den Medien, vor allem auch im Social Media-Bereich, oft erwartete „extreme“ Dankbarkeit…

Man muss bedenken, dass diese Menschen auch ein schönes Zuhause hatten, mit hübschen Schuhen, moderner Kleidung, und nicht zwingend arm waren. Andererseits gibt es auch wirklich sehr liebevoll gestaltete Willkommenspakete und allgemein auch viele schöne Sachen, zum Teil auch Markenkleidung, die abgegeben werden – da bekommt man schon nur vom Ansehen gute Laune. Entgegen dem negativen Bild, das oftmals vermittelt wird, gibt es also auch eine große Hilfsbereitschaft innerhalb Österreichs. Möchte man selbst mithelfen, kann man zwischen Sach-, Zeit- und Geldspenden wählen.

Spenden-Brief-Traiskirchen

Was würdest du auf eine Flucht mitnehmen?

Diese Frage stellte Doris, die dortige Projektleiterin der Caritas, den freiwillig mithelfenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Das Handy war unter den Top drei, das erklärt auch, warum man so viele Flüchtlinge mit einem Handy sieht. Die Frage hat mich allgemein inspiriert und ich habe für mich überlegt, was ich denn mitnehmen würde. Nach kurzer Bedenkzeit musste ich feststellen: Nicht viel, damit das Gepäck nicht zu schwer wird.

Was würdet ihr auf eine Flucht mitnehmen?

P.S.: Weitere Eindrücke folgen!

 

Wer mit Sach-, Zeit- und Geldspenden helfen möchte, kann sich hier informieren und Fragen stellen.

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Petitionen wirken! Saatgutverordnung endlich ad acta gelegt

Lange hat es gedauert, aber nun zeigt sich: Kämpfen und nicht aufgeben lohnt sich! EU-weit unterschrieben rund 900.000 Menschen Petitionen gegen die europäische Saatgutverordnung, allein in Österreich unterstützten rund 500.000…

Lange hat es gedauert, aber nun zeigt sich: Kämpfen und nicht aufgeben lohnt sich! EU-weit unterschrieben rund 900.000 Menschen Petitionen gegen die europäische Saatgutverordnung, allein in Österreich unterstützten rund 500.000 Personen die Petition „Freiheit für die Vielfalt“ von ARCHE NOAH und GLOBAL 2000. Am 11. März 2014 war es dann so weit: Das EU-Parlament lehnte die Verordnung ab.

Mit einer ersten Ablehnung war die neue Saatgutverordnung aber noch lange nicht vom Tisch. Die EU-Kommission hatte erwogen die gescheiterte EU-Saatgutverordnung abgeändert nochmals vorzulegen statt sie zurückzuziehen und durch einen gänzlich neuen Entwurf zu ersetzen. Der wesentliche Unterschied: Während bei einem neuen Entwurf eine Folgenabschätzung und das Anhören aller Stakeholder, wie zum Beispiel auch der NGOs, zwingend sind, fallen sie bei einer Überarbeitung weg.

Saatgutverordnung zurückgezogen

Doch der Apell der BürgerInnen hat gewirkt. Am 25. Februar 2015 hat das EU-Parlament in Straßburg mit einer Mehrheit von 511 Stimmen gegen 130 Stimmen die EU-Saatgutverordnung zurückgezogen. Dieses Beispiel zeigt: Wir alle können EU-Gesetzgebungen mitgestalten, wenn wir uns rechtzeitig einbringen!

Die in Brüssel von der Generaldirektion für Gesundheit und Verbraucherpolitik vorbereitete EU-Saatgutverordnung hätte viele negative Entwicklungen bewirkt. Seltene und alte Sorten von Obst, Gemüse und Getreide wären vom Markt verschwunden – ein Bauer hätte Saatgut ohne Auflagen nicht einmal herschenken können. Einzig Industriepflanzen sollten gefördert und damit die Macht der Agrarindustrie weiter gestärkt werden. Diese sollte durch großen bürokratischen Aufwand bei der Zulassung von Pflanzensorten erreicht werden, die sich große Konzerne ohne weiteres leisten könnten, nicht jedoch kleine Bauern oder Organisationen, die die Vielfalt fördern.

Chance für die Vielfalt

Die EU-Kommission hat jetzt die historische Chance, die Reform von neuem zu starten und die Saatgutgesetze zukunftstauglich zu machen. ARCHE NOAH setzt sich dafür ein, dass in einer neuen Fassung alte Sorten und Raritäten einen gleichberechtigten Zugang zum Markt bekommen. Das bedeutet: Saatgut von Sortenraritäten darf nicht auf Nischen, kleine Mengen oder kleine Anbieter beschränkt werden.

Keine Kommentare zu Petitionen wirken! Saatgutverordnung endlich ad acta gelegt

Der ökologische Fußabdruck – Definition, Berechnung, Ziel

Der ökologische Fußabdruck wird oftmals verschieden definiert, wobei diesen Definitionen überwiegend dieselbe Bedeutung innewohnt. „Der Indikator „Ökologischer Fußabdruck“ ist weltweit einer der erfolgreichsten Indikatoren zur Vermittlung des Konzeptes der ökologischen…

Der ökologische Fußabdruck wird oftmals verschieden definiert, wobei diesen Definitionen überwiegend dieselbe Bedeutung innewohnt. „Der Indikator „Ökologischer Fußabdruck“ ist weltweit einer der erfolgreichsten Indikatoren zur Vermittlung des Konzeptes der ökologischen Nachhaltigkeit und der physischen Begrenztheit des Planeten Erde.“ (Giljum und andere 2007:2). Wie auch in diesem Zitat angeführt, liest man diesen Fußabdruck als Messwert.

Warum beschäftige ich mich nun mit diesem Fußabdruck? Um genauer darauf einzugehen, werde ich davor eine neue Frage aufwerfen. Oft wird uns aufgezeigt, dass es immer noch das Denken des „Sollen doch die anderen machen, denn wenn ich als Einzelner es nicht mache, dann stirbt schon niemand davon.“. Natürlich kann man hier auch abermals die Debatte lostreten bezüglich des „Wenn das jeder sagt, macht es niemand.“, aber worauf ich hinweisen will ist, dass es nicht darum geht, sofort Ergebnisse erwarten zu können, sondern vorausblickend zu denken.

Somit kommen wir auch zu meiner Fragestellung. Wie ist die Definition des ökologischen Fußabdrucks, was soll er bewirken, was sind seine Ziele und wie wird er gemessen.

Die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks

Wie kommt man auf die Ergebnisse dieses speziellen Abdruckes? Hierbei werde ich nur auf die klassische Berechnungsmethode zurückgreifen. Es ist natürlich ebenfalls möglich, einige Faktoren zu ändern. Dies ist zum Beispiel dann erforderlich, wenn man diese Berechnung für ein bestimmtes Land durchführen will. Die klassische Methode beinhaltet die Ausarbeitung der „ […] globalen Durchschnittserträge, [dafür] wurden nur diese berücksichtigt“ (Erb-Krausmann-Schulz 2002).

Der ökologische Fußabdruck wird nun dadurch berechnet, dass man das Inlandsaufkommen mit dem Import addiert und die Exporte abzieht. Dieses Ergebnis teilt man durch den Ertrag im Weltdurchschnitt. Die Werte nehmen Bezug auf die Elemente im Jahr. Jenen Wert stellt man nun den Ertragsfaktoren gegenüber. Diese bekommt man, indem man den lokalen Ertrag der jeweiligen Kategorie mit dem Weltertrag der jeweiligen Kategorie dividiert. Diese Werte gelten nur für Ackerland, Grünland, Wald und versiegelte Flächen (Erb-Krausman-Schulz 2002).

Soviel zu der Berechnung des ökologischen Fußabdrucks. Dies soll helfen zu verstehen, wie sich diese Werte zusammensetzen. Dennoch finden Kritiker auch hier schnell neuen Nährboden für ihre Beanstandungen sowie fehlerhafte Berechnungen. So wurden auch gesondert unabhängige Untersuchungen durchgeführt. „Die Regierung hatte ein Panel aus fünf skandinavischen Akademikern beauftragt, eine externe, unabhängige Evaluation einiger umstrittener Berichte des Instituts vorzunehmen, darunter auch der zum ökologischen Fußabdruck, und sie kamen zu dem Schluss, dass alle Berichte oder Methoden mehr oder weniger fehlerbehaftet sind.“ (URL 1 Nachhaltigkeit.info).

Ob manche Berichte Fehler enthalten oder eventuell auch Zahlen gefälscht werden, will ich hier gar nicht weiter thematisieren, sondern nun weiterführen zu dem eigentlichen Ziel des ökologischen Fußabdrucks. Dazu noch ein Untersuchungsergebnis, das von Greenpeace veröffentlicht wurde: „In Deutschland verursacht jeder Mensch zurzeit durchschnittlich 12,5 Tonnen. Dabei wäre sparen so einfach.“ (URL2: greenpeace.de).

Das Ziel – Wo wollen wir hin?

Die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks zeigt uns, welche Komponenten dafür gebraucht werden. Obwohl Kritiker darauf hinweisen, dass es zu fehlerhafter Berechnung beziehungsweise zu Missbrauchn kommen kann, gibt es dennoch ein Ziel, welches verfolgt wird, Nachhaltigkeit. „Nachhaltigkeit ist vielmehr ein ganzheitlicher Entwurf. Er zielt auf das große Ganze. Er verbindet die drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales organisch. Und zwar so eng, dass neue Muster des Produzierens und Konsumierens sichtbar werden.“ (URL 3: Grober 2012).

Das Ziel ist, für mehr Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit zu sorgen. Der Fußabdruck soll versinnbildlicht ein Spiegel unseres Selbst sein. Er soll uns zeigen, ob wir auf dem richtigen Weg sind oder ob wir uns mehr bemühen müssen. „Der Ökologische Fußabdruck ist kein allumfassender Indikator für Nachhaltigkeit, sondern wird von seinen Proponenten als ein wichtiges Kriterium für ökologische Nachhaltigkeit gesehen.“ (Giljum und andere 2007).

Ob wir nun den Zahlen Glauben schenken oder nicht, soll nicht der springende Punkt für jene sein, die sich um Nachhaltigkeiten bemühen, sondern aufzeigen, ob wir genug an uns arbeiten oder ob wir bewusster dafür sorgen müssen, dass auch langfristig gesehen der Wohlstand, irrelevant dessen, wie jeder einzelne diesen für sich definiert, gegeben ist.

Dabei will ich auch nochmals darauf hinweisen, dass Nachhaltigkeit keine „gute Tat“ ist, deren Folgen man sofort nach Beendigung dieser sieht, sondern es ist eine Entscheidung, die uns begleitet und der ökologische Fußabdruck ist dabei ein Richtwert, der uns helfen soll.

 

Urlographie

URL 1, LEXIKON DER NACHHAILTIGKEIT, Nachhaltigkeit.info, http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/kologischer_fussabdruck_733.htm (14.12.2014, 23:52)
URL 2, GREENPEACE, http://www.greenpeace.de/presse/publikationen/unser-co2-fussabdruck-2014 (14.12.2014, 23:56)
URL 3, ULRICH GROBER DIE ENTDECKUNG DER NACHHALTIGKEIT – KULTURGESCHICHTE EINES BEGRIFFS, http://freiraum-godelmann.de/uploads/media/Ulrich_Grober_Entdeckung_der_Nachhaltigkeit.pdf (15.12.2014, 0:05)

Literaturverzeichnis

GILJUM Stefan, HAMMER Mark, STOCKER Andrea, LACKNER Maria, BEST Aaron, BLOBEL Daniel, INGWERSEN Wesley, NAUMANN Sandra, NEUBAUER Alexander, SIMMONS Craig, LEWIS Kevin, SHMELEV Stanislav. Dessau-Roßlau. Wissenschaftliche Untersuchung und Bewertung des Indikator „Ökologischer Fußabdruck“. Umweltbundesamt.de. 2007
ERB Karlheinz, KRAUSMANN Fridolin, SCHULZ B. Niels. Wien. Der Ökologische Fußabdruck des österreichischen Außenhandels. Synthesebericht. WWF Österreich. 2002

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