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Schlagwort: Selbstversorgung

Im Glas keimt und sprosst es auch im tiefsten Winter

Im Januar bin ich auf die Idee gekommen, selber Sprossen und Keimlinge zu ziehen. Ich hatte zuvor schon öfters fertige Sprossen gekauft, da ich diese vor allem im Winter, wenn…

Im Januar bin ich auf die Idee gekommen, selber Sprossen und Keimlinge zu ziehen. Ich hatte zuvor schon öfters fertige Sprossen gekauft, da ich diese vor allem im Winter, wenn es nicht so viel frisches regionales Gemüse gibt, sehr lecker finde.

Was sind die Vorteile?

Keimlinge und Sprossen enthalten zahlreiche Vitamine – zum Beispiel Vitamin C in 35facher Menge im Vergleich zu den Samen -, Mineralstoffe die vom Körper besser verwertet werden können und sekundäre Pflanzenwirkstoffe. Und das nur nach ein paar Tagen mit etwas Wasser und Licht. Einfach, gesund und sehr lecker! Ihr werdet auch sehen, dass man beim Verkochen der Sprossen auch ganz schön kreativ werden kann, wenn man diese nicht nur über den Salat oder die Suppe streut. Ich berichte weiter unten, was ich schon so alles damit ausprobiert habe.

Was benötigt man?

Meine ersten Versuche habe ich mit einem größerem Becher aus stabilen Plastik gemacht, in dessen Boden ich Löcher gestoßen habe. Das hat bei den größeren Mungbohnen noch funktioniert, kleinere Samen wären allerdings durchgefallen. Insofern kann ich euch den Kauf eines Keimglases (erhältlich zum Beispiel von Alnatura) empfehlen. Hier sind die Löcher im abschraubbaren Deckel gleichmäßig kleiner und das Glas kann außerdem einfach gereinigt werden (angeblich ist es auch spülmaschinenfest). Alternativ ist es sicher möglich beim Selberbasteln ein Fliegengitter oder dergleichen über einem leeren Gurkenglas anzubringen.

Wie wird’s gemacht?

Beim Keimen und Sprossen gibt es folgende drei Phasen:
– Einweichphase: Die Bohnen, Linsen oder Samen werden zuerst mit Wasser abgespült und dann eingeweicht; dies dauert je nach Art nur kurz oder bis zu zwölf Stunden.
– Keimphase: Nach dem Einweichen das Wasser ausgießen und das Glas schräg stellen, sodass das überschüssige Wasser noch gut abtropfen kann und Luft dazu kommt. Die Sprossen zweimal am Tag mit frischem Wasser durchspülen. Ich mache das morgens gleich nach dem Aufstehen und abends nach dem Zähneputzen. Beim Spülen versuche ich das Glas auch etwas zu schütteln, so kommen immer andere Keimlinge oben zu liegen und es wachsen alle in etwa gleich schnell. Je nach Art des Saatguts kann nach drei bis acht Tagen geerntet werden.
– Ernte und Genussphase: Kein Stress mit dem Verzehren, in einem Gefäß im Kühlschrank halten die fertigen Sprossen vier bis fünf Tage, aber dann besser nicht mehr spülen, damit sie nicht zu nass sind und zu schimmeln beginnen (keine Sorge, das ist mir noch nie passiert).

Was habe ich in den wenigen Wochen schon ausprobiert?
– Mungbohnen: Der Klassiker, die sogenannte Sojabohnensprosse beim Asiaten. Diese werden zwölf Stunden eingeweicht und sind nach vier bis fünf Tagen erntebereit. Die grüne Schale schwimmt beim Abspülen teilweise oben im Glas, kann aber auch mitgegessen werden. Die Sprossen habe ich bei asiatischen Gerichten verwendet, aber auch auf Suppen, Salaten oder am Brot schmecken sie lecker.
– Linsen: Werden je nach Größe und Art zwei bis fünf Stunden eingeweicht und sind nach zwei bis vier Tagen bereit zum Ernten. Schmecken gut auf Suppen oder püriert als Aufstrich mit Gewürzen.
– Kichererbsen: Müssen zwölf Stunden eingeweicht werden und benötigen dann noch ungefähr drei bis vier Tage bis der Keimling in etwa doppelt so lange ist wie die Kichererbse. Achtung: Die Sprossen nicht roh essen, sie sind noch hart und enthalten außerdem noch einen Giftstoff. Um diesen abzubauen ist es ausreichend, die gesprossen Kichererbsen noch zehn bis fünfzehn Minuten im heißen Wasser zu blanchieren. Ich habe die gekochten, weichen Keimlinge mit Tahin (Sesampaste) und Gewürzen zu einem Hummus püriert.
– Sonnenblumenkerne: Müssen sechs Stunden eingeweicht werden. Danach drei bis vier Tage keimen lassen und öfters mit Wasser spülen. Mit den fertigen Keimlingen habe ich ein Sonnenblumenkern-Pesto (mit Basilikum und Würz-Hefeflocken) gemacht.
– Buchweizen: Nur ungefähr zwei Stunden einweichen, dann drei bis vier Tage keimen lassen. Die Sprossen schmecken eher süßlich und sind sehr weich, daher habe ich sie zusammen mit Sojajoghurt und Früchten in der Früh als Müsli gegessen.
– Leinsamen: Habe ich wie Kresse auf einem Teller vier bis fünf Tage mit etwas Küchenpapier großgezogen und als Keimlinge mit grünen Blättern gegessen.

Als nächstes möchte ich Alfalfa-Sprossen und Adzuki-Bohnen zum Sprossen bringen, ich bin schon gespannt!

Hat jemand von euch schon Erfahrungen mit anderen Keimlingen und Sprossen gesammelt?

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Vom Samen bis zur Ernte: Erste Schritte

Das richtige Saatgut Wer hat noch nie darüber nachgedacht sein eigenes Gemüse anzubauen? Man kann zwar immer beginnen seine ersten Versuche zu starten, aber keine Jahreszeit ist dafür besser geeignet…

Das richtige Saatgut

Wer hat noch nie darüber nachgedacht sein eigenes Gemüse anzubauen? Man kann zwar immer beginnen seine ersten Versuche zu starten, aber keine Jahreszeit ist dafür besser geeignet als der Winter. Denn im Winter hast du Zeit, dir die wichtigsten Fragen zu stellen und dich auf deine ersten Versuche vorzubereiten.

Eigentlich brauchst du für den Anfang nur ein paar Samen von der Pflanze deiner Wahl, etwas Erde und ein Gefäß in dem du beides aufbewahren kannst. Wenn du dir aber vorher schon ein paar Gedanken um die Bedürfnisse deiner Pflanzen machst, kannst du dir viel Ärger ersparen, die Gesundheit deiner Pflanzen verbessern und ein schöneres Gewächs mit höherem und besserem Ertrag erhalten.

Mit welcher Pflanze willst du beginnen? Wahrscheinlich gibt es Obst oder Gemüse, das du besonders gerne hast. Mit diesem könntest du beginnen. Falls du Angst hast dich zu übernehmen, gibt es auch leicht zu pflegende Arten. Schnittlauch, Kresse, Radischen, Kartoffeln, Paprika, Tomaten, Salat und Erdbeeren sind in unseren Breitengraden gute Kandidaten für einen ersten Versuch. Egal für welche Pflanzen du dich letztlich entscheidest, Hauptsache du machst den ersten Schritt! Es wird immer Probleme und Rückschläge geben, aber du wirst von Jahr zu Jahr besser werden.

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Bild: PublicDomainPictures / pixabay.com

Wenn du dich nicht nur auf eine Pflanzenart konzentrierst, wirst du früher deine ersten Erfolge verbuchen. Die besten Pflanzen sind immer die, mit denen du Freude hast. Ein Tipp von mir: Baue keine Sorten an, die du im Supermarkt kaufen kannst! Baue dir seltene Sorten an. Dein eigenes Gemüse sollte etwas Besonderes sein und die Massenware kannst du immer noch kaufen. Wieso solltest du diese also mit viel Fleiß selbst anbauen? Seltene Arten gibt es in vielen Farben und Formen, die Vielfalt ist unglaublich. Aber sie unterscheiden sich nicht nur äußerlich, sondern vor allem auch durch einen individuellen Geschmack. Es gibt lila Kartoffeln und grün abreifende Tomaten! Lass dir dieses Erlebnis nicht entgehen. Bringe ein wenig Abwechslung auf den Teller. Am Ende des Artikels findest du eine persönliche Empfehlung von mir zu Händlern aus Österreich, bei denen du Samen seltener Sorten erwerben kannst. Achte darauf, kein Saatgut mit der Aufschrift F1 zu erwerben, dabei handelt es sich um die Kreuzung zweier Arten, eine sogenannte Hybride. Ihr Ertrag kann zwar gut sein, doch dafür ist das Saatgut der Pflanze meistens unfruchtbar und du musst dir schon im nächsten Jahr neues kaufen. Dadurch kannst du auch kein Saatgut gewinnen, welches optimal an deinen Standort angepasst ist. Darauf werde ich in einem späteren Artikel noch zurückkommen.

Dokumentiere deine Erfahrungen mit den verschiedenen Arten und Sorten, fotografiere die Verpackung der Samen, die Pflanzen und Früchte. So kannst du Erfahrungen sammeln und in der Zukunft als Entscheidungshilfe verwenden. Gärtner dokumentieren leider viel zu selten ihre Arbeit und bereuen das oft. Wenn du Abkürzungen verwendest, notiere dir unbedingt deren Bedeutung.

Wenn du deine Wahl getroffen hast, kontrolliere nochmals ob du die Bedingungen der Pflanzen erfüllen kannst. Eine Pflanze, die viel Sonnenlicht und hohe Temperaturen braucht, wird auf der Schattenseite eines Hauses entweder gar keinen, oder nur sehr wenig und schlechten Ertrag liefern. Wichtig ist hierbei vor allem auf Sonnenlicht, Temperatur und Boden zu achten. Alle Faktoren außer dem mangelnden Sonnenlicht lassen sich bis zu einem gewissen Grad durch Tricks beeinflussen. So kann man zum Beispiel eine Pflanze, die Licht nicht gut verträgt, in den Schatten einer anderen Pflanze setzen.

Überlege, ob du eine Mischkultur betreiben willst. Unter einer Mischkultur versteht man das Setzen von zwei, oder mehr verschiedenen Arten auf dem selben Raum. Ein sehr bekanntes Beispiel dafür sind Zwiebeln und Karotten. Sie halten sich gegenseitig die schädlichen Fliegen fern und streiten sich nicht um Nährstoffe im Boden. Dadurch kannst du mehr auf weniger Raum anbauen, hast weniger Ärger mit Schädlingen, dein Gemüse lebt gesünder und liefert einen besseren Ertrag. Generell gilt: Pflanzen aus nahe verwandten Familien solltest du nicht zu dicht zusammen setzen. Sie brauchen meistens die selben Nährstoffe und werden von den selben Schädlingen und Krankheiten befallen. Unter diesem Link findest du Mischkulturtabellen. Sie zeigen dir, welche Pflanzen sich gut vertragen und welche du lieber nicht nebeneinander setzen solltest.

Den nächsten Artikel widme ich dem Platz der Pflanze. Topf, Hochbeet, Boden, oder Gewächshaus, was sind die Vor- und Nachteile und worauf du achten solltest.

In den Kommentaren kannst du gerne Fragen, Anmerkungen und Kritik hinterlassen. Gutes Gelingen und lass dich nicht pflanzen!

Links zu Saatgutquellen aus Österreich mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit:
Arche Noah
Ochsenherz Gärnterhof
Samen Maier

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Der Brombeer-Balkon: Wie alles begann.

Glücklicherweise müssen die meisten Menschen essen um zu überleben. Von wenigen Ausnahmen soll man auch hin und wieder schon gehört haben, aber Luftnahrung hat wohl eher wenig Geschmack und mir…

Glücklicherweise müssen die meisten Menschen essen um zu überleben. Von wenigen Ausnahmen soll man auch hin und wieder schon gehört haben, aber Luftnahrung hat wohl eher wenig Geschmack und mir persönlich geht es um den Genuß.

Als ich noch klein war, ist mein Opa öfter mit mir spazieren gegangen. Wir gingen immer die selbe Strecke, die zu einem Bahnsteig führte. Kurz davor wuchsen am Wegesrand buschige Brombeersträucher. Wer schon einmal Brombeeren direkt vom Strauch mitten in der Natur gepflückt hat, weiß wie köstlich dieser Geschmack ist. Gepaart mit einem kleinen Gefühl von Abenteuer und das Geschackserlebnis ist unschlagbar. Es setzt schlicht alles andere Schachmatt.

Wahrscheinlich habe ich es diesen Episoden zu verdanken, dass ich mich in der Gemüseabteilung eines herkömmlichen Supermarktes nicht wohl fühle. Man gewinnt den Eindruck, als gäbe es nur wenige Sorten Tomaten, nur eine Sorte Paprika und als wüchse Gemüse nur in Spanien, Italien oder Israel. Na gut, es ist Winter, denken jetzt vielleicht einige von euch, aber dennoch möchte ich mich nicht mit wässrig schmeckendem Gemüse abfinden, das auf dem langen Reiseweg vor lauter Erschöpfung bereits alle Vitamine abgeworfen hat. Ihr doch wohl auch nicht, oder?

Was kann man also unternehmen? Bei dem Versuch das Beste aus der Situation zu machen, haben D. und ich kurzerhand Holztröge auf unseren Balkon gestellt und beschlossen: Das können wir selbst auch! Wir holen den Brombeerstrauch auf unseren Balkon!

Das Ergebnis waren zwar keine Brombeeren, aber dafür Himbeeren und sie waren köstlich! Im ersten Jahr sollen alle Blüten abgezupft werden, damit die Pflanze ihre Kräfte sammeln kann, um danach richtig loszustarten. Doch gegen Ende des Sommers haben wir doch einige Blüten übersehen – oder waren vielleicht auch nicht mehr so motiviert – aber ein Genuß war es!

Erfreulich ist solch ein Strauch am Balkon jedenfalls sehr und auch weitere Pflänzchen haben sich letzten Sommer bei uns sehr wohl gefühlt. Eine Sorte, die auch den Winter über aktiv bleibt, möchte ich euch im nächsten Beitrag vorstellen. Bis dann – am Brombeer-Balkon!

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Mein 24-Stunden-Crashkurs als Älplerin

Etliche sind nie mehr heimgekehrt, wurden von einer Mutterkuh zerquetscht, fielen in Felsspalten, heirateten Bergbauern oder -bäuerinnen, wurden von Stein und Blitz erschlagen oder ruhen selig in einem Lawinenkegel. (aus…

Etliche sind nie mehr heimgekehrt, wurden von einer Mutterkuh zerquetscht, fielen in Felsspalten, heirateten Bergbauern oder -bäuerinnen, wurden von Stein und Blitz erschlagen oder ruhen selig in einem Lawinenkegel. (aus “Neues Handbuch Alp”)

“Bi Djitho – Tommes de Chèvre”: Hätte auf dem Schild “5 Minuten zum Paradies” gestanden, ich hätte nicht glücklicher sein können. Ich war doch wirklich in Kürze am Ziel. Unendliche zwei Stunden des Wanderns in 34 Grad im Schatten waren vorbei. Zugegeben, ich hätte mir einen günstigeren Tag zum Aufstieg zur Alphütte Bi Djitho aussuchen können …

Erster Blick auf Bi Djitho - endlich! Foto: Doris

Erster Blick auf Bi Djitho, ja, genau, dort oben – endlich! Foto: Doris

“Du bist den steilsten Weg hoch”, begrüßte mich da auch schon Daniela, ihr Lebensgefährte Giamba versuchte mir meinen schweren Rucksack abzunehmen. Sonnengegerbt, mit Strohhut und in ausgeleierten Arbeitsklamotten standen sie vor mir, die Bekannten aus Wiener Couchsurfing & Spotted-By-Locals-Zeiten, die ich als Stammgäste bei jeder Party in Erinnerung hatte. Ich hätte sie wohl nicht wieder erkannt, so in ihrer Bauernkluft. Drei Monate wohnten sie bereits auf der Hütte in den Schweizer Alpen über Fribourg, zirka vier Stunden von Zürich entfernt.

Pflichtlektüre für die Alp. Foto: Doris

Pflichtlektüre für die Alp. Foto: Doris

Als Selbstversorger hüteten sie auf rund 1700 Meter Esel, Kühe, Hühner und Ziegen, nahmen Gäste auf und machten Ziegenkäse, den sie an die umliegenden Restaurants verkauften. Einige Monate zuvor hatten sie mich bereits eingeladen, sie doch in der Abgeschiedenheit zu besuchen. Natürlich habe ich mich nicht zweimal darum bitten lassen.

Bi Djitho in voller Pracht. Foto: Doris

Bi Djitho in voller Pracht. Foto: Doris

Schlafen, faulenzen, essen, so hatte ich mir die Zeit auf der Alp vorgestellt – Alp wohlgemerkt, denn nur Leute aus dem Ostalpenraum wie ich nennen die Hochgebirgswiesen Alm. “Hier kannst du so richtig entspannen”, meinte Dani, die durch die Arbeit offensichtlich nicht nur Muskeln, sondern auch schier unglaubliche Ruhe und Zufriedenheit gewonnen hatte. “Bei so einem Fernsehprogramm keine Frage”, ergänzte der gebürtige Italiener Giamba, und schaute glücklich auf die Berglandschaft vor uns.

Schöne Aussicht = Fernsehen! Foto: Doris

Schöne Aussicht = Fernsehen! Foto: Doris

“Derzeit haben wir nicht mehr so viel zu tun”, erklärten mir die Beiden, während wir uns über die von mir mitgebrachten Trauben und Nektarinen stürzten. Frisches Obst und Gemüse ist ein seltener Luxus auf der Alp.

Die Vorfreude auf die ersten frischen Heidelbeeren ist groß. Foto:Doris

Die Vorfreude auf die ersten frischen Heidelbeeren ist groß. Foto:Doris

Im Juni war es noch ganz anders: Damals, als sie wegen des späten Sommerbeginns die Kühe noch im Schneegestöber herauf treiben mussten. Als sie Zäune bauen sowie die ersten Tage ständig stundenlang auf und ab marschieren mussten, um Restaurants aus der Nachbarschaft als Abnehmer für ihren Käse zu gewinnen. Jetzt gehen sie nur noch einmal die Woche zu ihrem Auto, das mittlerweile 1,5 Stunden entfernt abgestellt ist, um die rund 80 Stück Ziegenrohmilchkäse auszuliefern.

Täglich (oder fast täglich) bereiten Dani & Giamba Käse zu. Foto: Doris

Täglich (oder fast täglich) bereiten Dani & Giamba Käse zu. Foto: Doris

Entspannung also. Gut, nach dem hektischen Sommer war ich reif für die Alp!
Doch es sollte anders kommen …

7.15 Uhr: Das Glockengeläut weckt mich. Nein, ich will doch noch nicht aufstehen, ich will meine Ruhe. Was mir beim Aufstieg noch wie das schönste Konzert erschienen ist, nervt mich gerade ungeheuerlich! Um die Hälse der Tiere hängen Glocken, groß, klein, hell, dumpf, laut, leise – und die bimmeln nun einmal, wenn sie sich bewegen. So wie jetzt. Aber an Weiterschlafen ist ohnehin nicht zu denken. Ich muss aufs Klo – und das ist die Treppe hinunter im Stall zu finden.

Begrüßungskomittee - vor dem WC. Foto: Doris

Begrüßungskomittee – vor dem WC. Foto: Doris

7.20 Uhr: Unten werde ich schon begrüßt – nicht nur von den Hühnern, die mir gackernd entgegen kommen und auf Futter hoffen. Dani, Giamba und ihre “Zusennerin” auf Zeit, Chiara, starren auf eine der sechs Ziegen. “Sie hat eine blutende Wunde – schau lieber nicht hin”, klärt mich Dani auf. Ausgerechnet die Schwerste der Ziegen – eine weiße Schönheit namens Engel – hat eine offene Fleischwunde an ihrem Euter. Herkunft unerklärlich und rätselhaft. Vor allem, weil sie bereits vor ein paar Tagen eine ähnliche Wunde hatte. Der Besitzer ist bereits verständigt.

Danis Glücksbringer, die brauchen wir heute. Foto: Doris

Danis Glücksbringer, die brauchen wir heute. Foto: Doris

7.30 Uhr: Das Frühstück fällt eher kurz aus. Zu blank liegen die Nerven.

8.15 Uhr: Endlich läutet das Telefon: Der Bauer. Wir sollen Engel zum La Berra Gipfel bringen, wo die Bäuerin mit dem Anhänger wartet, und die Ziege hinunter ins Tal bringt.

Kumm, kumm - alle drei versuchen, die Ziege nach oben zu bewegen. Umsonst. Foto: Doris

Kumm, kumm – alle drei versuchen, die Ziege nach oben zu bewegen. Umsonst. Foto: Doris

8.45 Uhr: Unsere kleine Truppe zieht los. 15 Minuten dauert der Weg bis zu La Berra, um 9.15 Uhr ist das Treffen mit der Bäuerin ausgemacht. Wir haben einen Puffer einkalkuliert. Wie notwendig der ist, zeigt sich nach den ersten paar Metern: Engel bewegt sich nämlich keinen Schritt vorwärts. “Kumm, kumm”, die Lockrufe von Dani und Giamba versacken im Leeren. Der Versuch, ihre weiße Gefährtin Edu als Lockvogel einzusetzen scheitert genauso wie die Idee, sie mit Futter etwas vorwärts zu bewegen. Dani und Chiara haben in der Zwischenzeit die noch immer offene Wunde von Engel verbunden. Mehr schlecht als recht, doch immerhin gelingt es so etwas besser, die lästigen Fliegen vom Hinterteil der Ziege abzuhalten.

Ziege und Dani sind verzweifelt. Foto: Doris

Ziege und Dani sind verzweifelt. Foto: Doris

9.15 Uhr: Statt auf dem La Berra Gipfel sind wir noch immer dort, wo wir losgezogen sind: Engel hat sich keine 50 Meter von der Hütte wegbewegt. Dani ruft die Bäuerin an. Vergeblich, kein Empfang. Fünf Minuten später kommt sie endlich durch: Mit dem Auto kann die Bäuerin nicht näher kommen, aber sie läuft uns zu Fuß entgegen. Dani setzt sich hilflos auf den Boden. Immer wieder streicheln die Drei das Tier, das offensichtlich vor Schmerzen wie gelähmt ist. Anzumerken ist ihm aber sonst nichts davon. “Ziegen zeigen ihre Gefühle nicht”, klärt mich Dani auf, die ein Jahr lang auf einer Ziegenfarm in Österreich gearbeitet hat, “sie können quietschvergnügt wirken und im nächsten Moment tot umfallen.” Soweit kommt es zum Glück nicht.

9.30 Uhr: “Ich rufe den Tierarzt”, die Bäuerin ist den Abhang herunter gelaufen und braucht keine zwei Sekunden, um die Entscheidung zu treffen, “er soll hierher kommen und sich um Engel kümmern. In zwei Stunden ist er hier!”

Normalerweise lernt Chiara unter Giambas Aufsicht in diesen Tagen, Käse zu machen. Heute nicht. Foto: Doris

Normalerweise lernt Chiara unter Giambas Aufsicht in diesen Tagen, Käse zu machen. Heute nicht. Foto: Doris

11.30 Uhr: Kein Tierarzt in Sicht.

12.30 Uhr: Vom Tierarzt fehlt noch immer jede Spur. Auf der Alp herrschen andere Zeiten.

Blick in die Küche der 2003 neu gebauten Hütte. Die Alte war abgebrannt. Foto: Doris

Blick in die Küche der 2003 neu gebauten Hütte. Die Alte war abgebrannt. Foto: Doris

13 Uhr: Wir sitzen am Mittagstisch und diskutieren gerade, ob wir nicht noch einmal mit der Bäuerin sprechen sollten. Engel ist in der Zwischenzeit im Garten niedergesunken, dort, wo die Ziegen normalerweise nicht hinkommen. Erschöpft nach dem stundenlangen Stehen hat sie die Kraft verlassen. Giamba hat sie fürsorglich mit einem Handtuch abgedeckt.

Engel zugedeckt und mit ihren Kräften ziemlich am Ende. Foto: Doris

Engel zugedeckt und mit ihren Kräften ziemlich am Ende. Foto: Doris

13.15 Uhr: Die Bäuerin ruft an. Ob denn der Tierarzt schon hier gewesen wäre!? Einige Minuten später die Hiobsbotschaft via Telefon: Er kommt, aber es dauere noch so zwei Stunden. Für uns steht fest: Der heutige Mittagsschlaf – eines der Highlights der langen Arbeitstage – ist gestrichen.  Stattdessen ist Warten angesagt.

Wir stehen unter Beobachtung. Foto: Doris

Wir stehen unter Beobachtung. Foto: Doris

15.45 Uhr: “Da ist er”, Dani hat den Tierarzt erspäht, der sich samt nervös knurrendem Vierbeiner von La Berra zu uns hinab bewegt. Das laute Gebell des Hundes übertönt alles und lässt auch den Rest der bisher recht ruhigen Tiere zusammenlaufen. Ein fachmännischer Blick auf Engels Hinterteil und schon packt Onkel Doktor seine Geräte aus: Spritzen, Nähzeug, Antibiotika – vieles klirrt und leuchtet silbern in der Sommersonne. Die Patientin wird auf den Boden gedrückt, auf die Seite gelegt. Dani hält einen Huf, Giamba nimmt den Kopf des Tieres zwischen seine Hände. Chiara spielt Operationsschwester und schaut interessiert dem Arzt bei jedem Handgriff über die Schulter. Ich halte mich eher am Rande des Geschehens, ich kann einfach nicht hinschauen.

Die Operation beginnt. Foto: Doris

Die Operation beginnt. Foto: Doris

Es folgt eine schier endlose Operation, begleitet vom herzzerreissenden Geächz und Gestöhn von Engel, dem immer lauteren Gebell des Arzthundes und natürlich dem obligaten Glockengewirr der anderen Tiere. Nein, Ruhe sieht anders aus!

Der Arzthund hört und hört nicht auf zu bellen. Foto: Doris

Der Arzthund hört und hört nicht auf zu bellen. Foto: Doris

17 Uhr: Unzählige Nadelstiche später ist es endlich vorbei. Fünf Tage lang muss man fünf Milliliter Antibiotikum in den Muskel von Engel spritzen, so die Anweisung. “Aber ob die Wunde gut verheilt, das kann ich nicht sagen”, macht der Arzt wenig Hoffnung, “doch schließlich ist es auch nur ein Nutztier.” Ich sehe, wie Dani bei diesen Worten zusammenzuckt. Für sie sind Engel und die Anderen längst mehr als “nur” Nutztiere.

Die Operation dauert gefühlte Stunden. Foto: Doris

Die Operation dauert gefühlte Stunden. Foto: Doris

17.15 Uhr:  “Wir machen das immer so”, ist Giamba nach dem angespannten Tag schon wieder zum Scherzen aufgelegt, “wenn wir neue Gäste haben, dann sorgen wir für Action.” Mir hätte sie gern erspart bleiben können, um ehrlich zu sein.

So sieht Erleichterung aus! Foto: Doris

So sieht Erleichterung aus! Foto: Doris

Die Aufregung ist vorbei. Der Alltag auf der Alp kann weitergehen: Die Ziegen müssen gemolken werden, der Stall ausgemistet und Abendessen zubereitet. Gegessen wird bei Kerzenschein – Elektrizität gibt es schließlich auf der Hütte nicht. Um 21.30 Uhr sind wir im Bett und innerhalb von Sekunden eingeschlafen. Das Sonnenuntergang- und Sterne-Schauen am klaren Nachthimmel hebe ich mir für einen der nächsten Tage auf.

Heute bin ich einfach nur müde von diesem 24-Stunden-Crashkurs als Älplerin!

Unser gemütliches Bettenlager. Foto: Doris

Unser gemütliches Bettenlager schreit an diesem Abend besonders laut nach mir. Foto: Doris

PS: Als ich zwei Tage später die Alp verlassen habe, war Engel schon wieder recht munter. Die Naht scheint gut zu verheilen, und sie ist bereits wieder mit den anderen Ziegen auf der Wiese.

 

Wer auch gern mal auf der Alp übernachten möchte, kann sich bei Dani & Giamba melden: 0041/78 700 01 88. Sie sind voraussichtlich noch bis Ende September in Bi-Dijtho, vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.

Plan Bi Djitho

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