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Schlagwort: Kaffeehaus

Raum trifft Reise trifft The Last Bus Café

„Es war ja von jeher ein Weltreiseprojekt!“. Wie bitte!? Die Worte kamen unerwartet. Ich bin doch in einem Café, wohlgemerkt einem, das mir als „Lokal von Hippies“ empfohlen wurde. Und…

„Es war ja von jeher ein Weltreiseprojekt!“. Wie bitte!? Die Worte kamen unerwartet. Ich bin doch in einem Café, wohlgemerkt einem, das mir als „Lokal von Hippies“ empfohlen wurde. Und jetzt geht es plötzlich um eine Weltreise? Bitte gaaanz langsam.

Zugegeben, ich musste ja grinsen: Nachdem ich gerade einen Plaschelregen geduldig im Auto abgewartet habe, werde ich an der Schwelle des „The Last Bus Café“ von fünf lustigen, etwas älteren Damen und einem jungen, blondhaarigen Mädchen begrüßt. Genüsslich vor sich hinrauchend sitzen sie vor der Tür des zeltförmigen Baus: „Wir machen Pause“, erklärt mir eine der Grazien – und wenn ich Fragen zum Café hätte, soll ich mich doch am besten an Mike wenden, der gerade hinter der Bar steht: „Er hat alles gegründet und kann mir das ernsthaft erklären.“ Mh, ernsthaft, will ich das?!

The Last Bus Café Interior. Foto: Doris

The Last Bus Café Interior. Foto: Doris

Was ich aber sicher will ist das, was mich nach dem Öffnen der Tür erwartet: Wow, mir fehlen einmal die Worte! Ein buntes Sammelsurium an Dekostücken, Bildern, Postern, Schallplatten schmückt die Wände. An einer Holzstange zuckelt eine kleine Dampflok vorbei. In einem Eck steht eine elektrische Orgel. Aus dem Schallplattenspieler tönt „All you need is Love“. Und hinter der Bar, die mich an die Küche meiner Oma erinnert, putzt gerade ein grauhaariger Herr die Gläser. Mike.

Postkarten und ein Gästebuch im Last Bus Café. Foto: Doris

Postkarten und ein Gästebuch im Last Bus Café. Foto: Doris

Zuerst noch unsicher taut der Erbauer und Hauptbetreiber des Cafés während unseres Gesprächs auf, zeigt mir seine Lieblingsstücke, erklärt mir, dass er nur 100% vegetarisches, frisch gekochtes Essen anbietet („ich mag das Wort vegan nicht, aber es findet sich nichts Tierisches bei uns“) und es hasst, wenn er – wie gestern – Gäste ablehnen muss. Wegen Überfüllung. Seit zwei Jahren betreibt er das Café und auch wenn die Leute sogar 3 – 4 Stunden Anreise in Kauf nehmen, ist es bei Weitem nicht Kostendeckend: „Ja, wir müssen eine Pause einlegen und uns überlegen, wie es weitergeht“, meint er nachdenklich. Wie froh ich bin, dass diese „Nachdenkpause“ am nächsten Tag beginnt, und ich das Café heute noch erlebe, das könnt Ihr Euch denken…

The Last Bus Café, ein Sammelplatz an Schönem. Foto: Doris

The Last Bus Café, ein Sammelplatz an Schönem. Foto: Doris

„Ich arbeite zu viel im Café und lasse mich vom eigentlichen Projekt der Reise zu stark ablenken“, bedauert Mike. Wie, eigentliches Projekt Reise?

In the unlikely event that one day two Bristol F.L.F. Loddeka Buses should leave the depot in the north of Scotland carrying the sound system quarried here, then the quantum mechanics will have done their job. The lost cause and abandoned dreams corporation shall not have done theirs.“ (Schild im Café)

Und so beginnt eine halbe Stunde nachdem ich The Last Bus Café betreten habe, die „Führung“ über das Grundstück, das Mike vor 25 Jahren von einem Künstler geschenkt bekommen hat – „um einen Raum für Kreativität zu schaffen“. Der Brite, der selbst wie eine der Angestellten auf dem Areal wohnt – „je nachdem, wo Platz ist“ -, zeigt mir ein paar Unterkünfte. Einen ehemaligen Wassercontainer. Oder ein Bahnabteil. Fixe Preise dafür gibt es nicht, aber wenn Leute kommen, können sie ein oder zwei Tage dort wohnen.

Eine kuschelige Wohneinheit, in der Mike manchmal übernachtet oder auch serviert, wenn das Café voll ist. Foto: Doris

Eine kuschelige Wohneinheit, in der Mike manchmal übernachtet oder auch serviert, wenn das Café voll ist. Foto: Doris

„Ich bestimme nicht über das Leben anderer“, an Mike ist ein Philosoph verloren gegangen, „aber die richtigen Leute kommen ohnehin.“ Und wenn mal keine(r) dort wohnt, dann werden auch schon einmal Gäste hinplatziert und mit Essen aus dem Café versorgt. Schließlich soll es nicht so sein wie gestern, dass jemand nach Hause geschickt wird.

Das Gesamtkunstwerk Last Bus Café, Foto: Doris

Das Gesamtkunstwerk Last Bus Café, Foto: Doris

Ich bin jetzt schon beeindruckt, dabei fehlt das Herzstück noch: Das Depot. „Ich schäme mich, es gerade herzuzeigen“, erklärt mir Mike, bevor er die Werkstatttür öffnet, „normalerweise darf kein solches Chaos herrschen. Alles soll glänzen und strahlen, aber ich habe mich zu sehr ablenken lassen.“ Ich bin auf alles vorbereitet. Denke ich. Falsch gedacht, denn was mich im Depot erwartet, das übersteigt meine Vorstellungskraft: Es ist ein Farbenmeer an Schätzen. Bunte Kinosessel, ein knalloranges Auto, daneben ein türkises – und an beiden Seiten zwei Doppeldeckerbusse, wie sie hier in Schottland für den öffentlichen Verkehr verwendet werden.

Eines der Projekte, das Mike vom Basteln am Bus ablenkt. Foto: Doris

Eines der Projekte, das Mike vom Basteln am Bus ablenkt. Foto: Doris

Beide sollen in spätestens zwei Jahren auf die Straße, erzählt mir Mike von seinem Projekt. Durch Europa, über die Seidenstraße, … die schwierigen Routen möchte er bereisen, allein oder in (Stückweiser) Begleitung, wie es eben kommt. Schon die letzten 25 Jahre hat Mike in dem Bus gewohnt, den er jetzt Schritt für Schritt wieder zu einem Passagierbus umfunktioniert. Sitze müssen hinein. Ersatzteile werden besorgt. Alles ist Kostenintensiv, es sind Einzelstücke, fast schon Antiquitäten: „Schau, dieser Motor wurde schon nicht mehr produziert“, öffnet er die Motorhaube und zeigt mir – ganz Bastler – seinen Stolz, „aber nur für diesen Bus wurde er noch einmal hergestellt.“ Bis aufs Schweißen macht er alles selbst – wenn er sich nicht gerade wieder von anderen Projekten ablenken lässt. Von Musikaufnahmen im eigenen Studio, das im 2. Stock des Depots zu finden ist, zum Beispiel.

Oder vom Café, das Mike gern so hinterlassen würde, dass es sich selbst trägt. Wobei, diese Ablenkung hat ja auch viel Gutes. Das kann ich wie unzählige andere Gäste von The Last Bus Café bestätigen…

Der Last Bus: Mike hat darin über 25 Jahre gewohnt, jetzt möchte er damit um die Welt reisen. Foto: Doris

Der Last Bus: Mike hat darin über 25 Jahre gewohnt, jetzt möchte er damit um die Welt reisen. Foto: Doris

Für welches andere Café wurde schon ein Lied geschrieben?

Offenlegung: Danke an VisitScotland, die mir ein Auto zu Verfügung gestellt haben, um Schottland zu erkunden.

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The Maker Project: Makes you feel at home

Zelte in allen Knallfarben und Größen stehen auf den Wiesen, vereinzelte Socken und vielleicht auch ein paar Handtücher hängen auf Seilen dazwischen. Kinder laufen mit nacktem Oberkörper durch die Gegend…

Zelte in allen Knallfarben und Größen stehen auf den Wiesen, vereinzelte Socken und vielleicht auch ein paar Handtücher hängen auf Seilen dazwischen. Kinder laufen mit nacktem Oberkörper durch die Gegend und spielen Ball, während die “Großen” relaxt mit der Gitarre und dem Trembalo in den Händen in den Stühlen lümmeln. Ich kann mir schon vorstellen, wie es hier im Sommer aussieht.

Doch jetzt ist der englische Winter im Anflug – und Maker Heights auf der Rame Halbinsel versinkt im Matsch und in der Düsternis der Wolken, die den schnellen Prasselregen bringen. Woran es dann wohl liegt, dass ich mich dennoch auf Anhieb zu Hause fühle?

“Komm, jetzt zeige ich meine zweite Heimat!”, so hat mich meine Gastgeberin Jo kurz vor meinem Abschied von ihrer Patchworkfamilie, von ihrem (buchstäblich) immer offen stehenden Haus und damit von Cornwall hierher mitgenommen. Zum Maker Project auf den Maker Heights, nur fünf Autominuten von ihrem Daheim entfernt. Und doch wieder eine andere Welt – genauso wie vor ein paar Tagen, als ich von Plymouth hier ins versteckte Eck Cornwalls und somit in eine andere, eine noch immer eine Spur “heilere” Welt gefahren bin.

Alternaltivcommunity, Veranstaltungsräume, Künstlerateliers, Platz für Ideen und die Umsetzer dieser, ein von Volunteers betriebenes Kaffeehaus, verlängertes Wohnzimmer – es ist schwer in nur eine Kategorie einzuordnen, was sich hier in den alten Gebäuden des Maker Projects verbirgt. Vor mittlerweile über 15 Jahren haben sich die ersten Leute angesiedelt, um die Mauern der früheren Baracken hoch über der Gemeinde Maker-Rame vor dem Abriss und den riesigen Grund vor der Bebauung mit Hochhäusern zu schützen. Maler, Musiker, Wedding Planner, Pferdehalter: Die Vielfalt derer, die sich hier eingemietet haben ist genauso bunt wie das 44,5 Hektar große Areal an sich. Dazu tragen natürlich die vielen Künstler bei, denn sie werden besonders vom Maker Project angezogen. “Es sind keine lukrativen Businesses, die hier zu finden sind,”, hat mir Jo bei der steilen Auffahrt erzählt, die aber nach einiger Zeit in den engen Rüttelstraßen Cornwalls harmlos erscheint, “doch wir nehmen gerade so viel ein, dass das Areal weiterhin uns gehört und wir es weiter bewirtschaften können.”

Wir, das sind die Mitglieder des Rame Conservation Trusts, die zwischen zehn (Single) und 25 (Familie) Pfund pro Jahr einzahlen (also zwischen zwölf und 31 Euro) , damit die Gebäude auf Maker Heights erhalten und bei Bedarf renoviert werden können. Profitieren dürfen aber alle, auch die, die sich nicht beteiligen: “Jeder kann nach Maker Heights kommen.”, erzählt mir Jo von freitäglichen Treffen der Gemeinde hoch über dem Dorf Millbrook selbst, von Livekonzerten und Festivals. Oder vom Bonfire am Samstag, das ich leider versäumt habe, weil auch in London und Umgebung einiges auf mich wartet.

Vorbei an Fußball spielenden Kindern, die sich – mit Gummistiefeln ausgerüstet – auch von der drohenden Regenwolke nicht abschrecken lassen, zeigt mir Jo weiter The Maker Project. “Im Winter setzt eine gewisse Faulheit bei den Künstlern ein.”, meint sie, die den nächsten Poetry Slam mitorganisiert, und fügt erklärend hinzu: “Die Gebäude sind in der Kälte einfach zu schlecht zu heizen.” Das ist vermutlich mit ein Grund, warum wir bei den Ateliers heute vor verschlossenen Türen stehen. Statt Kunst schauen wir uns deshalb lieber Jos selbst gebaute Jurte an. Auch das Nomadenzelt ist schon ausgeräumt und für den Winter vorbereitet: “Normalerweise sind hier ein Doppelbett, ein Kasten und Teppiche drin.”, beschreibt Jo das mongolische Riesenteil, das sie im Sommer Gästen zu Verfügung stellt.

Seit zwei Jahren kann man hier auf Maker Heights nämlich campen: Übernachten kann man im eigenen Zelt oder in einem der Campingwägen der DorfbewohnerInnen, die hier auch jetzt herumstehen. Oder eben in einer Jurte wie die von Jo. Einfach perfekt für meinen nächsten Besuch in Cornwall denke ich und bin restlos überzeugt, als ich mich im Blick aufs weite Meer und bis ins nahe Dartmore verliere.

“Schnell, der Regen kommt!”, reißt mich Jo aus meinen Träumereien. Und sie hat natürlich recht: Wir schaffen es gerade noch, die Tür hinter dem Maker Junction Café zu schließen. Es ist ohnehin einen Besuch wert: Es wird vor allem von Freiwilligen betrieben, die hier auf Maker Heights auch wohnen können. Zwei kleine Buben laufen in den üblichen zu großen Gummistiefel herum, eine Gruppe von vier Menschen sitzt beieinander und zeichnet, der Laptop liefert Chillout-Musik, an den Wänden werden Töpferworkshops, Bandproben und Co angekündigt, im Hinterraum laden Bücherregale und Billardtische ins verlängerte Wohnzimmer ein. Und während Jo schon wieder einmal eine ihrer zahlreichen FreundInnen getroffen hat, belohne ich mich an der Theke mit Kaffee und Kuchen: Gerade richtig, um auf das Ende des Regens zu warten und sich noch einmal so richtig „at home“ zu fühlen, im Maker Project…

 

Die Website über das Maker Project und den Rame Conservation Trust ist im Entstehen: www.themakerproject.org.uk

Ich befinde mich auf den Spuren des Reisebuchs “Eat-Surf-Live”. Wenn ihr mehr dieses Projekt erfahren und die beiden Autorinnen Katharina und Vera unterstützen möchtet, schaut auf startnextOffenlegung: Avis stellte mir für die Cornwall-Recherchereise ein Mietauto zu Verfügung. Herzlichen Dank dafür! Die Meinungen und Ansichten in den Geschichten bleiben die meinen.

3 Kommentare zu The Maker Project: Makes you feel at home

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