Eco. Life. Style.

Schlagwort: Film

#diagonaledenktweiter – Wenn eine nachhaltige Initiative die Rolle der Selbstverständlichkeit einnimmt

Es ist der Film, welcher uns in andere Welten gleiten lässt, aber auch die Institution Kino, welche uns erlaubt diesen Moment zu genießen. Es ist ein “Ort, der Publikum hat”…

Es ist der Film, welcher uns in andere Welten gleiten lässt, aber auch die Institution Kino, welche uns erlaubt diesen Moment zu genießen. Es ist ein “Ort, der Publikum hat” aber auch einer, der mit Hilfe der Initiative #diagonaledenktweiter viel fortschrittlicher und vor allem nachhaltiger agieren kann.

Seit bereits 20 Jahren schreibt Graz einmal im Jahr Filmgeschichte. Wie viele Geschichten so hat auch die Diagonale, das Festival des österreichischen Films, viele unterschiedliche Wurzeln zu einem großen Ganzen zusammengeführt. Alles begann mit den österreichischen Filmtagen und führte schlussendlich zum “Querschnitt des österreichischen Filmschaffens”. Die Diagonale hat sich dem österreichischen Film verschrieben und entwickelt deshalb laufend neue Strukturen um das österreichische Kino groß heraus zu bringen und vielleicht den einen oder anderem Besucher “gegen den Strich zu bürsten.” Unterschiedliche Ecken und Enden, Anfänge und Historien, sowie andere “Stories” können auf der Diagonale erforscht werden.

Der österreichische Film ist im Ausland als “feel-bad cinema” verschrieen. Jedoch sollten die Facetten dieser Filmwerke nicht unterschätzt werden und eher als dunkelbunte Darstellung der Realität oder Fiktion gesehen werden. Die Co-Intendanten Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber wollen auf dem Bestehenden aufbauen und so an einem Rädchen nach dem anderen drehen, damit sich Kleinigkeiten zum Besseren wandeln. Rote Fäden sollen das Programm zusammen halten und ein Netzwerk für Jung und Alt schaffen. Das Festival stellt sogar ein Refugeekontingent bereit, um den sozialen Raum Kino jedem zugänglich zu machen.

Um etwas zu bewegen und zu verbessern wurde die #diagonaledenktweiter Initiative ins Leben gerufen. Dieses Interview soll aufzeigen, was die Initiative sein soll und welche Rolle sie auf keinen Fall einnehmen darf.

Sebastian Hoeglinger & Peter Schernhuber im Interview; credits: Lukas Maul

Sebastian Hoeglinger und Peter Schernhuber im Interview. Bild: Lukas Maul

Corinna: Wo soll #kinodenktweiter hinführen? 

Da muss man etwas früher einhaken. Die Diagonale hat vor einigen Jahren schon die Initiative “diagonale goes green” ins Leben gerufen. Da ging es sehr stark darum im nachhaltigen und ökologischen Sinn zu agieren und einfach einmal die Festivalgestaltung zu hinterfragen – auch im Hinblick auf ökologische Aspekte. Dabei ging es vorwiegend darum regionale Lebensmittel ins Programm aufzunehmen, ganz bewusst auch Dinge zu reduzieren, die so nicht notwendig sind und nur Müll produzieren beispielsweise das Merchandising und so weiter.

Damit war die Diagonale damals sehr früh dran, sehr in einer PionierInnen-Rolle und wie immer das bei solchen Nachhaltigkeitsinitiativen ist, muss man sie auch überprüfen und schauen was sie eigentlich bringen oder eben nicht! Inwiefern gibt es Benefits für alle Beteiligten? Läuft man schon längst Gefahr, Greenwashing zu betreiben? Ist es nur noch ein ideologisches Vorhaben – ist ja auch ganz oft der Fall.

Und das war bei uns dann der Grund, warum wir diese Initiative als wichtigen Impuls übernommen haben. Wir haben diese hinterfragt und daraus #diagonaledenktweiter gemacht. Einfach weil es uns wichtig war, auch die soziale Komponente mit hinein zu bringen. Das beginnt dann bei den Produktionsbedingungen für die Merchandiseprodukte geht aber auch über in Fragen der Festivalgestaltung. So auch die gerechte Entlohnung im Rahmen des Möglichen. Zusammengefasst kann man sagen: #diagonaledenktweiter legt verstärkt einen Blick auf die sozialen Aspekte im Rahmen eines Festivals.

Wofür soll diese Initiative stehen?

Was es nicht sein soll ist ganz klar – es soll keine Fahne sein, die wir voran tragen und es kann auch nicht sein oder beziehungsweise finden wir das immer bedauernswert, wenn solche Initiativen Inhaltliches dominieren. Die Diagonale ist ein Filmfestival, in dem Fall das Festival des österreichischen Films und im Zentrum stehen die Filme und bei diesen Filmen gibt es (mit der Ausnahme der historischen Specials) keinerlei inhaltliche Vorgaben, wird es auch in Zukunft nicht geben und würde auch keinen Sinn machen. Das aber wiederum heißt nicht, dass solche Filme nicht im Programm sind, denn der österreichische Film ist ein sehr kritischer und da gibt es immer wieder Filme, die diese Themen aufgreifen. Wenn ich jetzt an die aktuelle Jahresproduktion denke, dann wäre Bauer unser beispielsweise so ein Film.

Das Gartenbaukino hat zu unserer Freude unsere Aktivitäten beobachtet und beschlossen, in Wien in ihrem Kino das Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu steigern. Die Frage war, ob sie das Label übernehmen können von #diagonaledenktweiter zu #kinodenktweiter, was uns natürlich sehr freute. Dabei haben wir uns auch zusammengesetzt und geschaut wo es Synergien gibt, wo kann man zusammenarbeiten, wo kann man Erfahrungen austauschen und ich glaube dieser Erfahrungsaustausch ist ein wichtiger Teil des Ganzen.

UNTITLED - der Eröffnungsfilm; credits Filmladen Lotus Film

UNTITLED – der Eröffnungsfilm. Bild: Filmladen Lotus Film

Das Wissen soll über traditionelles Handwerk sowie auch kreatives Potential weitergeben werden. Wie können wir uns das vorstellen?

Es soll weniger über Film auf der Leinwand als eher an der Arbeit am Festival statt finden. Beim Handwerk geht es darum, dass unsere Marketing- und Sponsoringabteilung ganz bewusst mit Betrieben aus der Steiermark und im besonderen in Graz zusammen arbeitet. Dazu muss man sagen, dass die Diagonale seit 20 Jahren in Graz statt findet. Und auch in dem Sinne ist Graz der bestmögliche Standort, weil es dort einfach wahnsinnig viele junge und alte, kreative und traditionellere Handwerksbetriebe gibt, die diese Zusammenarbeit ermöglichen. Ich meine jetzt nicht das Handwerk im klassischen Sinn, sondern das beginnt bei den Produzenten unserer Apfelchips, die dann für den Signature-Drink bei der Bar am Abend relevant sind und hört auf bei den Festivaltaschen, die von einem Unternehmen in Graz gemacht werden und in Slowenien zum Teil genäht werden. Aber alles quasi so, dass es nachvollziehbar ist und dass es sich am Schluss in dieses Gesamtkonzept einfügt.

Beim anderen Aspekt geht es sehr stark um den unprätentiösen Austausch miteinander. Also wirklich den Wissenstransfer als gelebte Chance zu sehen. Festivals in Österreich sind im internationalen Vergleich doch nicht allzu groß, das heißt man ist gut beraten hier sehr viel auf Wissenstransfer zu setzen, auf Teamwork, auf Zusammenarbeit. Auf all diese Dinge, die man jetzt in der New Economy mit spektakulären Worten beschreibt, die aber hier in der Kulturszene eigentlich schon längst üblich sind, aus einer Notwendigkeit heraus. Diese Dinge nicht nur aus einem Zwang heraus zu tun, sondern aktiv das Potential darin zu entdecken, das ist glaube ich damit gemeint.

Ein Punkt zum Beispiel wäre, dass die Diagonale nicht das ganze Team über das ganze Jahr hinweg beschäftigen kann, deshalb gibt es innerhalb der Festivals in Österreich einen Durchlauf, einen Transfer – einen “positiven Braintrain”, wenn man so will – Leute die bei einem Festival arbeiten, dann beim nächsten dabei sind und so weiter. Diese gegenseitige Solidarität ist letztlich auch Grundvoraussetzung um Festivals, wie sie in Österreich aufgestellt sind, stattfinden zu lassen.

Vielen Dank für das Interview!

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Frogs – Killer aus dem Sumpf (1972): Erstes Kapitel zum Mensch-Natur-Verhältnis im Spielfilm

I. Story Wir sehen einen Mann, der in einem Kanu über einen See in Florida fährt und von der Natur angetan ist. Er fotografiert die Tiere, vor allem Frösche und…

I. Story

Wir sehen einen Mann, der in einem Kanu über einen See in Florida fährt und von der Natur angetan ist. Er fotografiert die Tiere, vor allem Frösche und Schlangen. Schon die blauen Titel des Vorspanns über den grünen Tieren wirken ungemütlich und unheilschwanger. Bei jedem Fotoklick friert das Bild eine Sekunde mit dem Tier ein, während der Name eines Beteiligten darauf erscheint. Ab der zweiten Minute liegt der Fokus des Fotografen nicht mehr auf den Tieren, sondern auf dem Müll im Wasser und am Ufer – Dosen, Plastik, eine nackte Puppe und ein Rohr, das eine braune Flüssigkeit in den See spült. Während er Enten fotografiert, wird er von einem heranrasenden Motorboot erfasst und sein Kanu kentert. Der Fahrer, offensichtlich angetrunken, und seine Begleiterin entschuldigen sich wortreich und laden ihn auf ihre Insel ein. Sie stellen sich als Clint und Karen Crockett vor und auf der Insel wartet schon ihr Großvater, der millionenschwere Patriarch Jason Crockett, der sie von seinem Rollstuhl aus durchs Fernglas missmutig beobachtet.

In der siebten Minute sehen wir die ersten bildfüllenden Ochsenfrösche und auf dem Anwesen angekommen, werden sie auch ausgiebig thematisiert. Die gesamte Familie ist zum morgigen Geburtstag vom alten Crockett versammelt und jeder hat eine Meinung zu der diesjährigen Froschplage. Jenny ist überzeugt, von dem ständigen Gequake verrückt zu werden und Stuart schlägt ernsthaft vor, Öl ins Wasser zu gießen, damit sie ersticken. Crockett ist zuerst misstrauisch, weil Picket Smith, so heißt der Mann, unerlaubt Fotos geschossen hat. Als Picket aber erklärt, er sei Fotograf und arbeite an einer Reportage über Umweltverschmutzung, realisiert Crockett, dass ihm der Eindringling vielleicht doch nützlich sein könnte und bittet ihn, sich da „draußen“ mal nach den Fröschen und Grover, einem seit dem vorigen Tag verschwundenen Mitarbeiter, der mit Pestiziden unterwegs war, umzuschauen.

Picket tut ihm den Gefallen, findet tote Frösche, Schlangen, Vögel und eine Sprühdose mit Pestiziden und in der 21. Minute die erste menschliche Leiche: Grover, der einem Schlangenbiss erlag. Alle sind beunruhigt und besonders Picket fordert eindringlich, die Insel zu verlassen. Doch der alte Crockett will von all dem nichts wissen, denn: „Die Feier findet genau wie geplant statt. Genauso, wie ich sie mein ganzes Leben gefeiert habe. Nichts wird uns davon abhalten.“ Doch daraus wird natürlich nichts. Schon während der Partyvorbereitungen am Vormittag beginnt die schrittweise Dezimierung der Familie Crockett. Am Abend lässt sich Bella mit den zwei Hausangestellten von Clint mit dem Motorboot übersetzen, was ihnen mutmaßlich aber auch nicht geholfen hat, denn später werden ihre verwaisten Gepäckstücke am Ufer gefunden.

Ein programmatischer Dialog zwischen dem skeptischen Freigeist Picket und dem konservativen, sowohl autoritätsgläubigen, als auch autoritären Crockett, steckt die Positionen ab:

Picket: „Frösche attackieren Fenster, Schlangen hängen vom Kronleuchter. Das ist doch nicht normal.“
Crockett: „Ich glaube nicht, dass es Anlass zur Sorge gibt. Der Staat kann bestimmt Pestizide einsetzen.“
Picket: „Ja, Sir. Da bin ich sicher. Aber dann würden auch eine Menge anderer Sachen getötet.“
Crockett: „Mr. Smith, hier gehen unsere Meinungen auseinander. Ich glaube immer noch, dass der Mensch die Welt beherrscht.“ (Original: Master of the World!)
Picket: „Heißt das, dass man nicht in Harmonie mit ihr leben kann?“
Crockett: „Nennen Sie diesen schrecklichen Lärm etwa harmonisch?“
Picket: „Mr. Crocket, ich weiß, es klingt sehr seltsam. Aber vielleicht versucht die Natur, sich zu rächen.“
Crockett: „Blödsinn.“
Picket: „Wir erklären Sie sich das dann?“
Crockett: „Warten wir ab.“

Am Ende sind nur noch die Stimme der Vernunft, Picket Smith, sein Love Interest Karen, ihr Großvater Crockett und dessen Urenkel Tina und Jay übrig. Sie versuchen, Crockett zum Aufbruch zu motivieren, doch er weigert sich beharrlich, scheint die Realität völlig auszublenden und verlangt bis zuletzt nach dem geplanten Menü, outet sich als konservativer Knochen sondergleichen, wenn er sagt: „Weil nichts den heutigen Zeitplan durcheinander bringen darf. Gar nichts. Ein Jahr geht zu Ende, ein Jahr beginnt. So war es immer und so bleibt es immer.“ Mit dem Essen wird es nichts mehr, aber Karen bringt ihm den gewünschten Drink, einen Whiskycocktail, der den sprechenden Namen Old Fashioned trägt und im Deutschen schnöde mit doppelten Whisky übersetzt wird.

Sie lassen ihn schließlich zurück und rasen mit dem Motorboot in Richtung vermeintliche Freiheit. Auf der Flucht muss Picket noch das Boot aus dem Morast schieben und eine aggressive Seeschlange mit dem Ruder tot schlagen, wofür er sich sein Hemd ausziehen muss. Auf der anderen Seite angekommen halten sie ein Auto an und die Fahrerin berichtet erstaunt, dass sie seit einer Stunde kein Auto gesehen hätten, und das an einem Feiertag. Ihr Sohn Bobby, der gerade aus dem Ferienlager kommt, dreht sich zu den Kindern um und fragt: „Hey, wollt ihr sehen, was ich gefangen habe? Es wimmelt nur so davon im Lager. Habt ihr je so ein großes Monster gesehen?“ und hält ihnen einer der großen Frösche vors Gesicht. Die Frösche haben also schon gesiegt. Zoom auf den Frosch und Überblende auf das Crockett Anwesen. Es ist Nacht und das Haus hell erleuchtet. Crockett ist umgeben von Fröschen, die durchs Fenster herein springen und stirbt in Panik an einem Herzinfarkt.

II. Karma

Frogs gilt als Wegbereiter des Ecohorrors, einer Spielart des Tierhorrors, in der sich die Natur an den Menschen rächt. Anders als in Genreklassikern wie Hitchcocks The Birds (1963) oder Spielbergs Jaws (1975), in welchen die Tiere scheinbar aus heiterem Himmel die Menschen attackieren, liegen dem Gemetzel in Frogs ganz deutlich karmische Gesetze zugrunde, was schon im Trailer klar wird. Während auf der Bildebene besonders drastische Highlights aus dem Film vereint werden, spricht eine tiefe bedrohliche Männerstimme: „Suppose Nature gave a war and everybody came: The snakes, the birds, the lizards and frogs. And suppose that the polluter, the species on earth called man, is the enemy in this war.“ Crockett, in Vertretung seiner Spezies: „I still believe man is master of the world.“ Wieder die Stimme: „And then suppose the human race lost.“1

Hier wird schon die fatalistische Grundhaltung des Films sichtbar. Tatsächlich haben 99 Prozent der Charaktere, die in diesem Film sterben, vorher Tiere getötet, ihren Lebensraum erheblich gestört oder dies unterstützt oder gefordert. Grover stirbt an einem Schlangenbiss, nachdem er mit Pestiziden Frösche, Schlangen und Vögel getötet hat. Michael, der zuvor wie ein Erbschleicher um seinen Großvater herumgeschleimt ist, wird von diesem gebeten, nach dem Telefonmasten zu sehen, weil die Leitung seit dem vorigen Tag tot ist. Er stoppt den Jeep, um einen Vogel vom Himmel zu schießen und läuft zu der Stelle, an der er gelandet sein muss. Er stolpert über eine Wurzel und schießt sich selbst ins Bein, kann nicht mehr aufstehen. Er schreit jämmerlich während ein weißes Geflecht vom Baum herab fällt und ihn bedeckt. Taranteln und Skorpione besorgen den Rest.

Kenneth wird von seiner Mutter Iris ins Gewächshaus geschickt, um ein paar Orchideen zu holen. Offensichtlich vorsätzlich handelnde Geckos stoßen Flaschen mit giftigen Pestiziden vom Regal und Kenneth erstickt qualvoll an den Dämpfen. Die Tiere scheinen eigenständig und intelligent zu handeln und ihnen machen die Dämpfe seltsamerweise auch nicht zu schaffen. Bemerkenswert ist, dass Kenneth nur Augen für seine Freundin Bella hatte und sich an keinem Tier vergriffen hatte. Ist er ein Kollateralschaden? Oder in Sippenhaft? Oder eine Verwechslung? Oder reicht die Tatsache, dass er im Gewächshaus gefangen gehaltene Orchideen beschneidet, für die Geckos als Grundlage für ein Todesurteil?

Iris hingegen ist passionierte Schmetterlingssammlerin und gerade auf der Jagd, als sie in Panik vor einer Klapperschlange flieht. Sie fällt in einen Tümpel, taucht mit Blutegeln bedeckt wieder auf, rennt weiter, stolpert wieder und diesmal wird sie von der Klapperschlange geschnappt. Ihr Mann Stuart sucht sie und wird von einem Krokodil gefressen. Das Wasser, das er nun rot färbt, ist so schwarz und dickflüssig, dass es unglaubwürdig erscheint, dass sein Vorschlag, Öl in den See zu schütten, um die Frösche zu töten, reine Hypothese geblieben ist.

Clint bringt Bella, Maybelle und Charles ans Ufer. Das Motorboot ist seltsamerweise ohne ihn in die Mitte des Sees getrieben, und er versucht es nun schwimmend zu erreichen, um zurück zu seiner Familie zu kommen, wobei ihn aber die Seeschlange erwischt. Seine Frau Jenny sieht das leere Boot und sucht ihn am Ufer, wobei sie von einer Riesenschildkröte (!) gefressen wird. Crockett ist der letzte und sein Tod ist der grausamste. Er wird zwar nicht gefressen, aber er stirbt an Angst und Schrecken. Er ist allein in seinem Zimmer, das voller Frösche ist. Sie springen unbeeindruckt durch die Fensterscheiben. Sein einziger Verbündeter ist sein Hund Colonel, der keine Hilfe ist und nur ängstlich winselt. Er gehört als domestiziertes Tier offensichtlich zu seinem Menschen und hat genauso wie er Angst vor der Naturgewalt der Froschinvasion. Vor der letzten Szene auf dem Festland, in der Picket, Jenny und den Kindern der Frosch aus dem Ferienlager präsentiert wird, hat sich Crockett noch selbst mit einem sarkastischen „Many happy returns of the day. To me.“2 gratuliert, seinen Drink ausgetrunken und schwungvoll das Glas weggeworfen, das klirrend zersprang. Nun spielt er auf dem Plattenspieler einen Militärmarsch, der das Froschquaken aber nicht übertönen kann und langsam und verzerrt ganz verstummt, als ein Frosch auf den Plattenteller hopst.

Crockett gießt sich einen zweiten Drink ein und leert ihn in einem Zug. In seinem Rollstuhl dreht er sich im Raum und von den Wänden starren ihn die toten Augen von präparierten Bären, Löwen und Gämsen an. Das Telefon klingelt, aber als er abnimmt ist die Leitung tot. Zunehmend verzweifelt ruft er in den Hörer „Hallo? Hallo?“ und lässt ihn schließlich zu Boden fallen, auf dem die Frösche in ihn hinein quaken. Das Telefonklingeln war offensichtlich eine akustische Halluzination, eine Manifestation der tief verwurzelten Sehnsucht nach Zivilisation und der Angst vor der unberechenbaren Natur. Crockett dreht sich wieder im Raum und jetzt hört er nicht nur das ohrenbetäubende und reale Quaken der Frösche, sondern auch das Fauchen, Brüllen, Meckern und Kreischen der toten Tierköpfe an der Wand. Schnelle Gegenschnitte der Tierköpfe, der lebenden Frösche und dem hilflosen Crockett in seinem Rollstuhl versinnbildlichen seine existenzielle Panik. Es wirkt, als würden sowohl die lebenden als auch die toten Tiere über ihn Gericht halten und nach kurzer Zeit wird er von einem Herzinfarkt erlöst, fällt aus seinem Rollstuhl und ist sofort von Fröschen übersät. Man sieht das Crockett Haus in der Totalen. Alle Lichter gehen aus. Ende. Während des kurzen Nachspanns hört man keine Musik, nur Froschquaken. Am Ende erscheint ein Cartoonfrosch, der eine menschliche Hand verschluckt, was das eben gesehene Werk etwas ins Lächerliche zieht, aber auch keinen Zweifel an dem Sieger dieses „Kriegsfilms“ zulässt.

Crockett verkörpert den Prototyp des patriarchalen Unternehmers, der es mit seinen Geschäften zu Reichtum und Macht gebracht hat. Es ist nicht ganz klar, um was für Geschäfte es sich handelt. Es fällt nur einmal das Stichwort „Papiermühle“ als seine Tochter Iris sich bei ihm beschwert, dass dort seit neuestem Schmutzfilter Pflicht seien und diese die Familie Millionen kosten würden. Er hatte in seinem Leben mit großer Sicherheit gegen alle nachhaltigen und tiefenökologischen Prinzipien verstoßen, die besagen, dass das Sich-entfalten-können des menschlichen und nichtmenschlichen Lebens und somit der Reichtum und die Vielfalt aller Lebensformen Werte an sich sind, und dass Menschen kein Recht haben, diesen Reichtum der Natur über ein Maß, das zum Überleben notwendig ist, zu verringern.

Dafür, dass Crockett symbolisch für den US-amerikanischen Unternehmer oder sogar für die US-Gesellschaft an sich steht, gibt es viele spitze sarkastische Hinweise. Sein Geburtstag fällt nicht zufällig auf den 4. Juli, den Independence Day und größten US-Feiertag, der an die Ratifizierung der Unabhängigkeit der dreizehn ersten Kolonien von den Europäern am 4. Juli 1776 erinnert. Von Europa kann man sich unabhängig machen, aber nicht von der Natur.

Während der Partyvorbereitungen am Vormittag springt ein Frosch, unbeeindruckt von den strengen Gesetzen, die die Schändung der US-Flagge ahnden, auf eine Sahnetorte mit Stars-and-Stripes-Muster und in Crocketts finaler Szene beendet ein Frosch mit dem Sprung auf den Plattenteller die patriotische Militärmusik. Bemerkenswert ist, dass Crockett mehr Selbstreflexion zu haben scheint als der Rest seiner Familie, die nur gierig auf sein Ableben wartet, um seine Millionen zu erben. So erklärt er seiner ignoranten Tochter, dass Schmutzfilter dem Umweltschutz dienen. In einer anderen Szene, in der die Familie im prachtvollen Salon zusammensitzt und auf weitere Hiobsbotschaften wartet, meint Crockett auf Iris‘ Befürchtung, Grover könnte hilflos in einem Straßengraben liegen, das geschehe ihm ganz recht. Darauf entgegnet Karen, das sei furchtbar, so etwas zu sagen, es würde ja klingen, als seien sie die gemeinen Reichen („The ugly rich“). Darauf sagt Crockett nur trocken und vollkommen ironiefrei, mit der Decke auf den Knien und dem Drink in der Hand: „We are the ugly rich.“

In nahezu prophetischer Weitsicht nimmt der beleidigte Crockett mit dem Ausspruch; „Ich sehe, wer loyal ist und wer nicht. Das sehe ich.“ das berühmt-berüchtigte „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Zitat des doppelten US-Präsidenten George W. Bush am Beginn seiner völkerrechtswidrigen Invasion des Iraks 2003 vorweg, die hunderttausenden unschuldigen Zivilisten, tausenden Soldaten und ungezählten Tieren das Leben kostete. Dieser Krieg wurde aus Geld- und Ölgier geführt und outete Präsident Bush als einen alles andere als nachhaltig denkenden Menschen.

Es fällt leicht, noch weiter zu denken und Crockett nicht nur als Personifizierung der kapitalistischen US-Gesellschaft, sondern der Zivilisation und des modernen Menschen an sich zu sehen, dessen luxuriöse Lebensgrundlage ohne die Ausbeutung und Zerstörung der Natur, seiner Mitwelt, undenkbar ist. Die Tatsache, dass Crockett, der unangefochtene millionenschwere Patriarch, im Rollstuhl sitzt, spricht Bände, macht es doch die hilflose und ausweglose Situation klar, in welche sich die Menschen mit ihrer oberflächlichen kurzsichtigen Gier manövriert haben. Der Rollstuhl als Symbol für das Anthropozän, das Menschenzeitalter.

III. Versuchsaufbau

Dass die Handlung auf einer Insel, einem hermetisch abgeriegeltes Territorium, spielt und somit einem Versuchsaufbau gleicht, ist ein geschickter Schachzug, lassen sich doch so leicht Vertreter der US-Gesellschaft wie Schachfiguren installieren. Die Familie Crockett besteht aus einem alten weißen Patriarchen, seiner Tochter und ihrem Mann, fünf Vertretern der Enkelgeneration um die dreißig, davon drei männlich und zwei weiblich sowie zwei etwa zehnjährigen Kindern, auch männlich und weiblich. Hinzu kommen drei Afroamerikaner, zwei Frauen und ein Mann. Maybelle und Charles arbeiten seit Jahren als treue Hausangestellte für Crockett und Bella hat es aus einfachen Verhältnissen als Model und Modedesignerin und die Verbindung zum Crockettenkel Kenneth in die weiße High Society gebracht.

Trotz der nun faktischen Klassenunterschiede bietet die Herkunft und die Hautfarbe immer noch mehr Zusammenhalt als die neue Familie der Crocketts. In einer der ersten Szenen bietet Bella Maybelle Alkohol an und gesteht ihr, dass sie aus den Südstaaten kommt und eigentlich auch Maybelle heißt. Maybelle bietet ihr daraufhin an, jederzeit in die Küche, ihr Refugium, zu kommen, wenn Bella nach einem guten Gespräch sei, was diese dankend annimmt. Als Bella vom Tod ihres Freundes Kenneth erfährt, ist sie völlig aufgelöst und läuft instinktiv in die Arme Maybelles, um sich trösten zu lassen. Auch die Flucht ist nach Rassen getrennt. Die stolze und unabhängige Bella ist neben Picket die einzige, die dem starrköpfigen autoritären Crockett von Anfang an zu widersprechen wagt und energisch zur Flucht von der Insel aufruft, offensichtlich, weil sie die einzigen sind, die in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm stehen. Auch Maybelle und Charles raten höflich, aber bestimmt, zum Aufbruch. Schließlich bringt Clint die drei als erstes ans Ufer.

Picket Smith fungiert in diesem Spiel als die Stimme der Vernunft und Empathie, ein Vertreter des Nachhaltigkeitsgedankens, der keine Angst vor Klapperschlangen hat, sondern sie liebevoll betrachtet und sie fotografiert statt zu erschießen oder hysterisch wegzulaufen. Er ist auch als freischaffender Fotograf, der, wie er Karen nachts am Pool erklärt, an seinem Job am meisten die Tatsache, dass er viel herumkommt, viele Menschen kennenlernt und keinen Boss hat, der ihm über die Schulter schaut, also die Freiheit, liebt, ein Vertreter der Gegenkultur. Drei Jahre nach Easy Rider war es Zeit für ein ökologisches Update.

IV. Gaia

Wenn man von der Prämisse des Trailers ausgeht, dass die Natur der Menschheit den Krieg erklärt hat, um sich für ihre Schändung zu rächen, kommt man schnell auf Gaia. Sie war in der griechischen Mythologie die personifizierte Erde, eine der ersten Götter. Sie ist liebevolle Mutter, aber auch Rachegöttin und ihr Name bedeutet wahrscheinlich so viel wie „die Gebärerin“3. Nach der Gaia-Hypothese der Naturwissenschaftler James Lovelock und Lynn Margulis ist die Erde und ihre Biosphäre als Lebewesen zu betrachten, als dynamisches System von komplexen Organismen, die aufeinander reagieren, und keine wörtlich genommene Mutter Erde4.

Menschen, Tiere, Pflanzen, Bakterien und Mineralien sind demnach so etwas wie die Körperzellen der Gaia und die Umweltzerstörung durch den Menschen (oder die Zivilisation an sich, wenn man Derrick Jensens Argumentation in seiner epochalen Anklageschrift Endgame folgt5) kann als Autoimmunkrankheit bezeichnet werden. In diesem Sinne kann man Naturkatastrophen, Klimawandel oder in diesem Falle die aggressive Invasion von Reptilien, Amphibien, Insekten und Vögeln als Versuch des Immunsystems lesen, die lebenserhaltende Ordnung im Organismus oder Ökosystem wieder herzustellen.

V. Das Tier des Teufels

Dass gerade Frösche in diesem Film für Schrecken sorgen, liegt höchstwahrscheinlich an der kaltblütigen Pokerfacehaftigkeit ihrer Gesichter, die sich im Gegensatz zu denen von Säugetieren durch sehr sparsame Mimik auszeichnen. Sie sind eine weiße Leinwand, auf die man alle Ängste projizieren kann. In heidnischen Zeiten war der Frosch einmal ein angesehenes Tier und wurde als Fruchtbarkeitssymbol verehrt. Doch die Christianisierung, die zwanghaft alles, was vor ihr da war, umdeutete, setzte ihn mit dem Teufel gleich, was zu einem theologischen Dilemma führte, denn wie kann ein Tier des Teufels sein wenn doch alle Tiere Gottes Schöpfung sind?6

Als Crockett sich weigert, die Insel zu verlassen und alleine dort bleiben will, warnt ihn Picket passenderweise mit den Worten: „Sie haben sich auf eine teuflische Schlacht eingelassen. Machen Sie sich besser bereit.“ In Frogs wird der Frosch seiner Jahrhunderte alten Dämonenrolle, die vor allem durch Jim Hensons Kermit ab 1976 aufgeweicht wurde, noch einmal gerecht.

VI. Bedeutung des Films und der Künstler

Böse Zungen werfen dem Film Trash, Overacting und Holzhammermethoden vor, anderen gilt er als der beste der schlechten Filme. Doch er ist unbestritten ein Klassiker des Ökohorrors und versteht es, seine Botschaft spannend und eindringlich zu übermitteln. Auffällig ist, dass die meisten der Beteiligten der Fernsehbranche entstammen. Regisseur George McGovan drehte dreißig Jahre lang Folgen für Serien wie Fantasy Island (1977-84) und Charlie‘s Angels (1976-81), aber nicht einmal eine handvoll Handvoll Kinofilme.

„Crocket“ Ray Milland (Dial M for Murder, 1954) und „Picket“ Sam Elliot (The Big Lebowski, 1998) sind die unangefochtenen Stars dieses Films. „Clint“ Adam Roarke erlangte in den 60er und 70er Jahren eine gewisse Berühmtheit neben Stars wie Jack Nicholson und Peter Fonda in Biker- und Highwayfilmen und „Bella“ Judy Pace ist seit fünfzig Jahren eines der bekanntesten afroamerikanischen Gesichter des US-Fernsehens.

Die Legende besagt, dass während der Dreharbeiten an Originalschauplätzen dem Filmteam ein Großteil der 500 Florida Frösche und 100 Südamerikanischen Riesenkröten entwischt sind. Inwiefern die Flucht der Tiere zu eine biologischen Invasion und Veränderung des Ökosystems, also ein Reenactment der Filmhandlung, führte, ist nicht überliefert.7

 

Frogs – Killer aus dem Sumpf (auch Die Frösche), Frogs, USA 1972. Regie: George McCowan, Drehbuch: Robert Hutchison, Robert Blees, Darsteller: Ray Milland, Sam Elliot, Joan van Ark, Adam Roarke, Judy Pace, Lynn Borden, Mae Mercer, David Gilliam, Nicoolas Cortland, George Skaff, Lance Taylor Sr., Hollis Irving, Dale Willingham, Hal Hodges, Carolyn Fitzsimmons, Robert Sanders

Zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=9OTaIzBPxtk

 

Quellen: 

1 Stimme: „Stell dir vor, die Natur eröffnet den Krieg und alle kommen: Die Schlangen, die Vögel, die Eidechsen und die Frösche. Und stell dir nun vor, dass der Verschmutzer und Zerstörer, die Spezies namens „Mensch“, der Feind in diesem Krieg ist.“ Crockett: „Ich glaube immer noch, dass der Mensch die Erde beherrscht.“ Stimme: „Und nun stell dir vor, dass die menschliche Rasse den Krieg verliert.“

2 Wörtlich übersetzt: „Viele glückliche Wiederholungen dieses Tages. Auf mich.“ In der deutschen Tonfassung sehr frei mit „Allein dumme Menschen fliehen vor ihrem Schicksal. Zum Wohl.“ übersetzt.

4 Unter anderen: Lovelock, J.: GAIA – Die Erde ist ein Lebewesen. Scherz. Bern, München, Wien 1992.

5 Jensen, D.: Endgame. Zivilisation als Problen. Pendo Verlag. Zürich 2008. Siehe auch: http://www.derrickjensen.org/

6 Hüppauf, B.: Vom Frosch. Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie. Transcript. Bielefeld 2011.

1 Kommentar zu Frogs – Killer aus dem Sumpf (1972): Erstes Kapitel zum Mensch-Natur-Verhältnis im Spielfilm

Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen

Heute möchte ich euch das Buch einer Autorin vorstellen, die mir persönlich sehr am Herzen liegt. Melanie Joy hat mir das letzte Stück Verbindung gegeben, um vegan zu werden. Ich…

Heute möchte ich euch das Buch einer Autorin vorstellen, die mir persönlich sehr am Herzen liegt. Melanie Joy hat mir das letzte Stück Verbindung gegeben, um vegan zu werden. Ich hatte bereits ein dreiviertel Jahr zuvor einen Teil des Films Earthlings gesehen – ich habe nur den ersten Teil geschafft, weil es zu schmerzhaft war, um weiter zu schauen – und in der Folge kaum noch Milchprodukte oder Eier konsumiert. Dann stolperte ich eines Tages über einen Online-Vortrag von Melanie Joy, in dem sie ihr Buch in kurzer Form zusammenfasst. Einen Tag später war ich vegan, ich konnte gar nicht anders. Kurze Zeit darauf durfte ich Melanie Joy dann auch persönlich kennen lernen und ihren Vortrag noch einmal live hören. Danach kaufte ich mir das Buch.

In ihrem Buch beleuchtet Melanie Joy die psychologischen Mechanismen hinter unserem Umgang mit Tieren. Was mich besonders angesprochen hat, ist ihr sanfter Umgang mit dem Leser und der Gesellschaft. Sie verurteilt nicht und führt keine Hetzjagd gegen Nicht-Veganer, sondern sie versucht zu erklären, wie es möglich ist, dass wir als gesamte Gesellschaft ein so gewalttätiges System tragen, ohne dies wirklich zu hinterfragen. Sie nennt dieses Glaubenssystem Karnismus. Joy ist studierte Psychologin und hat selbst Forschung zu dieser Fragestellung betrieben. Ihre These ist, dass wir unsere Verbindung und Empathie gegenüber sogenannten „Nutztieren“ abgeschaltet haben, während diese Verbindung bei Haustieren weiterhin vorhanden ist. Sie versucht über diese Verbindung mit unseren Haustieren, die empathische Verbindung zu den Nutztieren wiederherzustellen. Außerdem beschreibt sie die Umstände in Wirtschaft und Politik, die das Glaubenssystem des Karnismus im Einzelnen pflanzen und aufrechterhalten, während wir aufwachsen.

Durch ihre nicht-urteilende und durchleuchtende Art hat es Melanie Joy geschafft, den Zugang zu meiner Empathie zu erreichen. Dadurch, dass ich Melanie Joy auch persönlich kennen lernen durfte, habe ich zu spüren bekommen, dass sie auch als Mensch so empathisch und urteilsfrei ist, wie sie schreibt. Sie ist jemand, der mich wirklich inspiriert hat und ich kann ihr Werk „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ nur jedem Leser empfehlen.

4 Kommentare zu Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen

The Happy Ones: 13 Mal zum Glück

Das Glück lässt und lässt mich nicht los: Zuerst meine Reise ins Königreich Bhutan, und jetzt stolpere ich noch zufällig – okay, fast zufällig – über das hier: Eine Reise zu den 13…

Das Glück lässt und lässt mich nicht los: Zuerst meine Reise ins Königreich Bhutan, und jetzt stolpere ich noch zufällig – okay, fast zufällig – über das hier: Eine Reise zu den 13 glücklichsten Ländern der Welt, um herauszufinden, was die Menschen dort so zufrieden macht. Das ist nicht meine Idee, sondern die der Holland-Deutschen Maike van den Boom. Sie plant, mit Fotograf und Kameramann loszuziehen – abhängig davon, wie viele Sponsoren sie finden kann. Ansonsten geht sie allein mit Kamera bewaffnet auf die Suche nach dem Glück.

Doris: Maike, wie kam es zur Idee deiner Reise?

Maike: Als professionelle Rednerin zum Thema „Glück“ beschäftige ich mich seit einigen Jahren intensiv mit dem Thema – auch im internationalen Vergleich. Natürlich fällt dann auf, dass Deutschland trotz relativen Wohlstands, Demokratie und Fortschritts in allen Studien zu Glück und Lebenszufriedenheit auf Plätzen wie 26 (World Database of Happiness), 22 (OECD Better Life Index) oder gar 47 (Gallup Studie 2012) landet (Anm.: Österreichs Positionierung ist ähnlich). Lateinamerika hingegen – eine Region mit starkem sozialen Gefälle, hoher Kriminalität und Korruption, wie Mexiko, Panama oder Kolumbien – befindet sich weit vor uns. Was ist der Grund? Diese Frage beschäftigt mich seit meiner Rückkehr aus den Niederlanden und Mexiko. Und: Können wir von Ihnen lernen? Deshalb beschloss ich Mitte 2012, den kühlen Zahlen Leben einzuhauchen. Ich werde mich auf die Reise machen in die (nach dem World Database of Happiness) 13 glücklichsten Länder dieser Welt – Costa Rica, Dänemark, Island, Schweiz, Finnland, Mexiko, Norwegen, Kanada, Panama, Schweden, Australien, Kolumbien und Luxemburg – um dort vor Ort mit Bürgern, Wissenschaftlern und Korrespondenten zu sprechen. Denn – so mein Motto – „Du musst mit Menschen reden, wenn du etwas erfahren möchtest.“. Die Idee hatte ich übrigens morgens, einfach so, als ich meiner Tochter beim Anziehen half. „Und wenn ich einfach mal hinfahre und nachfrage?“

Ich war vor kurzem in Bhutan, was hältst du von dem Glücksnationalprodukt, das dort als Index für den „Erfolg“ des Landes hergenommen wird? Sollte das in Deutschland, Österreich oder sogar überall auch eingeführt werden?

Du musst immer die Kultur im Auge behalten. Klar ist das eine gute Idee und es gibt bereits eine Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die sich damit beschäftigt. Wir sind jedoch in Deutschland noch so sehr darauf getrimmt, zu denken, dass die Arbeit vor dem Vergnügen kommt und Fortschritt über alles geht, dass man alle behutsam daran gewöhnen muss, zu denken, Glück kommt vor dem Erfolg und begünstigt ihn sogar. Plus, dass Fortschritt dann auf einmal gar nicht mehr so wichtig ist.

Maike fragt Menschen von der Straße nach ihren glücklichsten Momenten. Foto: Maike van den Boom

Du fragst ja die Menschen nach ihrem glücklichsten Moment: Was ist deiner?

Ich habe witzigerweise keinen absolut glücklichsten Moment. Ich kenne viele Glücksmomente am Tag, die sich wie Perlen an einander reihen.

Du hast vor, Experten in den jeweiligen Ländern zum Glück zu befragen: Hast du schon alle ausfindig gemacht bzw. wie hast du diese ausgewählt?

Ich habe Prof. Ruut Veenhoven, den Gründer des World Database of Happiness, in den Niederlanden interviewt. Und der kennt alle anderen Glücksforscher auf der Welt. Mit seiner Empfehlung habe ich sie dann alle angeschrieben und mit manchen telefoniert, zum Beispiel mit Kolumbien über Skype. Und sie waren alle ausnahmslos spontan dazu bereit. Zwei Länder haben leider keine Experten. So be it. Aber sie sind alle an Bord! Und es ist sehr interessant, wer sich mit Glück beschäftigt: Psychologen, Politologen, Soziologen, Philosophen, Wirtschaftswissenschaftler…

Ruut Veenhoven und Maike im Gespräch. Foto: Maike van der Boom

Wie verarbeitest du die Ergebnisse dann – was möchtest du damit tun? 

Ziel meiner Reise ist herauszufinden, was andere Menschen glücklich macht. Und was wir hier in Deutschland von ihnen lernen könnten. Entweder werde ich einen Dokumentarfilm drehen oder auch ein Buch darüber schreiben.

Ich habe gelesen, du hast auch ein Kind zuhause: Wie vereinbarst du deine Familie mit dieser Reise?

Ich bin alleinerziehend, habe aber wunderbare aktive Eltern, leider in einer anderen Stadt. Während ich auf Reisen bin, wohnen sie in meiner Wohnung. Die Reisen sind aber auch so geplant, dass ich maximal drei Wochen am Stück von zu Hause weg sein werde. Das heißt, in jedem Land bin ich ca. zwei bis drei Tage. Ein absoluter Marathon. Aber gemütlich im Fünf-Sterne-Hotel um die Welt tuckern kann ja jeder. Träume zu leben innerhalb der Rahmenbedingungen, die dir das Leben stellt, das ist eines der Geheimnisse des Glücklichseins.

Geheimnisse des Glücks. Foto: Maike van den Boom

Du bist selbst als Holländerin und Deutsche aufgewachsen: Was können die Holländer in Sachen Glück von den Deutschen lernen und umgekehrt?

Na ja, die Holländer schneiden in allen Studien signifikant besser ab als wir Deutschen, obwohl sie über sich selber auch immer sagen, sie würden so viel jammern. Ruut Veenhoven hat deutlich gesagt, dass der Aspekt der persönlichen Freiheit eine große Rolle spielt. Individualisierte Länder mit viel persönlicher Freiheit, scheinen sehr viel glücklicher zu sein. Die Holländer führen die Liste der freien Völker an. Sie dürfen Drogen konsumieren, ihr Lebensende bestimmen, und so weiter.

Ich persönlich finde, wir sollten uns selber nicht so wichtig nehmen und das Leben feiern. Wir haben ja nur eins. Wir sollten das Positive sehen, nicht die Gefahren, die überall lauern und nach dem suchen, was uns verbindet, nicht nach dem, was uns trennt.

Was die Holländer von uns lernen können? Ich denke die Disziplin, die wir in allem aufbringen. Denn glücklich sein, das kommt nicht immer von alleine. Manchmal muss man sich ganz schön anstrengen, das Positive zu sehen, oder sich daran zu erinnern, dankbar zu sein. Und das erfordert Disziplin. Wenn wir uns in Deutschland etwas vorgenommen haben, dann schaffen wir das auch. Nur – noch nicht jeder hat sich vorgenommen glücklich zu sein.

Danke für das Gespräch!

 

Mehr über das Projekt erfahrt Ihr auf der Website und der Facebook-Page.

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