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Kategorie: Travel. Outdoor.

Die Armut in Indien und wie du mit ihr umgehen kannst

„Indien braucht keine sozialen, sondern politische und wirtschaftliche Maßnahmen.“, Aadittos Aussage hört sich im ersten Moment ganz schön heftig an. Was, keine sozialen Maßnahmen? Wer einen Schritt auf indischen Boden…

„Indien braucht keine sozialen, sondern politische und wirtschaftliche Maßnahmen.“, Aadittos Aussage hört sich im ersten Moment ganz schön heftig an. Was, keine sozialen Maßnahmen? Wer einen Schritt auf indischen Boden setzt, kann sich des Anblicks der unendlichen Armut, des Drecks, der Menschen auf der Straße kaum erwehren. Das sieht Aaditto auch. Gerade er, der mit seiner Babli Farm das Sozial(!)-Projekt seiner Eltern fortsetzt und den Menschen in der Umgebung Job, Land und somit Lebensgrundlage gibt.

„So denkst du als eine, die aus dem Westen kommt,“, lässt sich Aaditto von seiner Meinung nicht abbringen, als ich es mit einem Einwand versuche, „aber in Indien ist es nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn ich vierzig Menschen eine Arbeit gebe.“ Ich schlucke. Ja, indische Dimensionen sind anders. Hier, in dem Land, in dem eine mittelgroße Stadt mehr Einwohner hat als ganz Österreich.

Ja, aber…  Die Hilflosigkeit steigt ins Unermessliche. Was kann ich tun? Wie soll ich mit diesen Fakten umgehen?

Indien_Ungerechtigkeit

Es gibt drei Wege – zumindest drei, die ich gefunden habe:

  1. Man ignoriert das Ganze, steckt den Kopf in den Sand und kümmert sich nicht. Andreas Altmann würde dazu sagen: „Wer das Land im sel­ben Zustand ver­lässt, wie er es betre­ten hat, kam schon als Leiche.“
  2. Man zieht nach Indien und geht entweder in Politik oder Wirtschaft. Viel Spaß!
  3. Man geht nach bestem Wissen und Gewissen mit der Situation um. Für mich bedeutet das, wie auf allen Reisen unterwegs dort Geld „loszuwerden“, wo es direkt den Menschen zugute kommt. Auch beziehungsweise vor allem mit dem Wissen, dass es sich dabei bloß um Einzelfälle handelt, und ich wohl eher mein Gewissen beruhige als wirklich etwas verändere. Wobei ich ja vielleicht bei Einzelnen doch Spuren hinterlassen kann.

Das Gute dabei: In Indien entdeckt man wirklich an (beinah) jeder Straßenecke eine Nonprofit-, eine Hilfsorganisation oder ähnliches, bei denen man helfen, Zeit und/oder Geld investieren kann. Ich persönlich bin der Meinung, dass es am Sinnvollsten ist, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben – also den Menschen Eigenverantwortung lehren, nicht (finanzielle) Abhängigkeiten schaffen. Eine der Organisationen, die so arbeitet, ist Salaam Baalak Trust in Delhi, die seit Jahren erfolgreich Kinder von den Straßen der Stadt holt und ihnen eine Zukunft gibt. Unterstützen kann man sie zum Beispiel durch den Besuch einer ihrer Delhi-Touren.

Helfen kann man aber auch im Schlaf: Bei einfachen Homestays wie der Makaibari-Teeplantage zum Beispiel, bei denen man einzelnen Familien bis hin zu ganzen Dörfern finanzielle Hilfe leisten kann. Oder auch ganz luxuriös-nachhaltig wie auf der Babli Farm in West Bengal oder dem Sarai at Toria. Oder von der Hand in den Mund, in dem man in Lokale geht, die Hilfsprojekte unterstützen. Viele davon finden sich im Lonely Planet, man erfragt sie sich oder man stolpert darüber – wie zum Beispiel über die deutsche Brown Bakery in Varanasi, die nicht nur Bio-Essen anbietet, sondern auch in lokale Erziehungsprogramme wie Learn for Life investiert.

Wer sich die Suche ersparen möchte, kann übrigens auch Tour-Anbieter und „Reise-Gestalter“ wie Shanti Travel buchen, die mich auf meine ersten 14 Tage in Indien eingeladen haben. Sie gestalten individuelle Touren ganz nach eurem Geschmack und vermitteln auch gerne lokale Kontakte, Übernachtung bei Einheimischen oder den Besuch von Hilfsprojekten. Ein anderer Anbieter ist The Blue Yonder, der ausschließlich mit Communities zusammenarbeitet und sich auf Reisen spezialisiert hat, die ökologisch sowie sozial so verantwortungsbewusst wie möglich ablaufen. Kostet natürlich dementsprechend, aber das kann es einem schon – zumindest punktuell – wert sein!

So, ihr dürft drei Mal raten, welcher von den dreien MEIN Weg durch Indien war…

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Makaibari: Mein Zuhause auf der indischen Teeplantage

“Ich bringe dich jetzt einmal zu deiner Familie.”, Nayan nimmt mir meinen Rucksack aus der Hand, und ich habe zum x-ten Mal ein fürchterlich schlechtes Gewissen, dass aus meinem Vorsatz…

“Ich bringe dich jetzt einmal zu deiner Familie.”, Nayan nimmt mir meinen Rucksack aus der Hand, und ich habe zum x-ten Mal ein fürchterlich schlechtes Gewissen, dass aus meinem Vorsatz des “packing light” auch in Indien wieder nichts geworden ist. Beinahe verschlucke ich mich am Tee, den er mir in seinem Büro serviert hat, nur um schnell genug zu sein, dem Inder zu folgen.

Mit meinen fast 35 Jahren ist es bereits das dritte Mal, dass ich adoptiert werde: Nach meinen Ersatzeltern in Australien – Freunden meiner Eltern -, der Familie in Bogotá, bei der ich drei Monate lang mein Zuhause gefunden hatte, sind jetzt die Lamas dran. Die Lamas, das sind Bharati, ihr Mann Pema, die 16-jährige Ashwini und ihre neunjährige Schwester Anjalina samt Großeltern. Zwei Tage lang wohne ich bei ihnen, bei meinem ersten richtigen “Homestay” hier in den Bergen Darjeelings. Genauer gesagt rund 15 Minuten von der Stadt Kurseong entfernt, im Dorf, das zur gleichnamigen Teeplantage Makaibari gehört.

Teil des Hauses der Lamas. Foto: Doris

Teil des Hauses der Lamas.

Ein Teil meiner Gastfamilie: Großmutter und Anjalina beim morgendlichen Flechtritual. Foto: Doris

Ein Teil meiner Gastfamilie: Großmutter und Anjalina beim morgendlichen Flechtritual.

Mein Zimmer für 2 Tage. Foto: Doris

Mein Zimmer für zwei Tage.

Großvater beim Lesen. Foto: Doris

Großvater beim Lesen.

Auch wenn ich nicht adoptiert worden wäre, die Makaibari Teeplantage wäre sicher auf meiner Must-See-Liste gelandet. Sie ist nämlich etwas Besonderes: 1999 war sie die erste Teeplantage in der Region, die auf Bio-Produktion – also alles handgepflückt und ohne chemische Zusatzstoffe behandelt – gesetzt hat. Tut sie noch immer, Demeter zertifiziert, aber inzwischen als eine unter vielen. Denn mittlerweile sieht man überall die Schlagworte “eco” und “organic” vor dem Wort “Tea” – Makaibari ist dennoch etwas Besonderes geblieben. Homestay nämlich bietet (noch immer) keine andere Teeplantage in Darjeeling an. Und auch sonst wird das Wort in Indien gern für vieles eingesetzt – mit dem Leben bei einer Familie hat das Meiste davon nichts zu tun.

Makaibari Teeplantage, die erste, die auf Bioproduktion gesetzt hat. Foto: Doris

Makaibari Teeplantage, die erste, die auf Bio-Produktion gesetzt hat.

Hier wird noch per Hand gepflückt. Foto: Doris

Hier wird noch per Hand gepflückt.

Anders in Makaibari: Seit 2005 wird hier das Wohnen bei einer der rund 125 Familien des Orts angeboten, der ausschließlich von der Teeplantage (und eben jetzt vom Tourismus) lebt. Was damals mit fünf Haushalten begonnen hatte, ist mittlerweile auf 24 angewachsen. Für läppische 600 Rupies (nicht einmal 10 Euro) kann man seither bei Einheimischen übernachten, bekommt drei Mahlzeiten am Tag und natürlich jede Menge Tee. In allen Varianten: Vom feinen Grün-, Schwarz- oder weißen Tee über die übliche Milchteemischung mit ganz viel Zucker oder aber auch Tee mit Salz. Letzteres trinken die Einheimischen nämlich dann, wenn sie besonders ausgelaugt sind von der Arbeit. Ein für mich ziemlich gewöhnungsbedürftiger Energy-Drink, aber noch immer besser als Red Bull und Co.

Tee in allen Varianten wird in Makaibari produziert. Foto: Doris

Tee in allen Varianten wird in Makaibari produziert.

Um die 60 bis 70 Prozent dieser 600 Rupies erhalten die Familien selbst, 20 Prozent bekommt das Office, das auch Menschen wie den Volunteer Coordinator Nayan oder den Tourguide Doda beschäftigt, und 10 Prozent werden für wohltätige Zwecke wie Altersvorsorge, Gratis-Wasser, ein Tutorial-Programm für Kinder, eine eigene Krankenstation und und und eingesetzt. Klingt alles gut und schön? Ist es – zumindest größtenteils – auch: Wenn die Verdienste für das Gebotene noch immer viel zu wenig sind, können sich Familien wie die Lamas durch das Homestay leisten, ihre Töchter zur Uni zu schicken. Und Sozialleistungen wie die ständig besetzte Krankenstation, in die einmal pro Woche auch ein Arzt kommt, oder der Kinderhort für den Nachwuchs der Arbeiterinnen sind eine große Bereicherung fürs Dorf.

Hier lebt man vom Tee und vom Tourismus. Foto: Doris

Hier lebt man vom Tee und vom Tourismus.

Ja, Makaibari ist in diesem Sinn eine kleine Insel der Seligen in der Teewelt von Darjeeling, wo Teepflückerinnen nur 90 Rupies pro Tag für eine achtstündige harte Arbeit in der Sonne bekommen. Das ist um die Hälfte weniger als die Arbeiterinnen in Assam für den gleichen Knochenjob erhalten – und wie öd und hart der ist, davon kann sich jeder überzeugen, der so wie ich die Teeplantage besucht und auf den Terrassen für ein, zwei Minuten selbst Hand anlegt.

Beim Besuch der Teeplantage darf man auch mal mitpflücken. Foto: Doris

Beim Besuch der Teeplantage darf man auch mal mitpflücken.

Die "Guten" ins Körbchen, die Schlechten... Foto: Doris

Die „Guten“ ins Körbchen, die Schlechten…

...werden später aussortiert. Foto: Doris

…werden später aussortiert.

Letzteres gehört zum “Standardprogramm” von allen, die in Makaibari beherbergt werden. Schließlich geht es ja darum, die Kultur der Teegärten kennen zu lernen. Auch wenn das Homestay-Konzept den Titel “Volunteer Program” trägt, bleiben die Meisten ohnehin nur ein paar Tage im kleinen Dorf, das mittlerweile den Großteil der – europäischen oder amerikanischen – Touristen nach Kurseong führt. Nur wenige nutzen die Chance, länger auf den Plantagen zu arbeiten, sich zum Teeexperten ausbilden zu lassen oder auf andere Art und Weise Teil des Dorfs zu werden. Wie die Deutsche Ricarda.

Ricarda treff ich in "ihrer Ordi" in Makaibari. Foto: Doris

Ricarda (rechts außen)  treff ich in „ihrer Ordi“ in Makaibari.

“Heute habe ich es zum ersten Mal geschafft, selbst einen Teller abzuwaschen.”, erzählt die Kölnerin mir bei unserem ersten Treffen in Makaibari stolz. 2012 hat die Optikerin das Dorf bei ihrem fünftägigen Homestay kennen gelernt – in diesem Jahr ist sie wieder gekommen: Ein Monat lang hat sie freiwillig und ehrenamtlich ihren Urlaub dafür genutzt, den Einheimischen des Dorfs aus Deutschland gespendete Brillen anzupassen und sie kostenlos mit Sehbehelfen zu versorgen.

Ricardas Variante des Sehtests - für Analphabeten, wie es sie sehr häufig noch in Indien gibt. Foto: Doris

Ricardas Variante des Sehtests – für Analphabeten, wie es sie sehr häufig noch in Indien gibt.

Wenn es Ricarda nach vier Wochen für einen “Sieg” hält, endlich einmal ihr Geschirr selbst wegzuräumen, kann man sich vorstellen, wie es mir ergangen ist! Schon allein der Versuch, beim abendlichen Kochen meiner Gast”mutter” Bharati – oder sollte ich eher sagen Gastschwester, denn mit ihren 38 Jahren ist sie nur ein wenig älter als ich – zu helfen, ist zum Scheitern verurteilt. Leider, ich hätte ihr einfach bei der Zubereitung der für mich fremden Gemüsesorten aus dem heimischen Garten geholfen. Nix da: Gast ist Gast!

Isgus, Gemüsesorten, die in Bharatis Garten wachsen. Foto: Doris

Isgus, Gemüsesorten, die in Bharatis Garten wachsen.

Indisches Frühstück bei den Lamas. Foto: Doris

Indisches Frühstück bei den Lamas.

Wenn auch aus dem gemeinsamen Kochen nichts geworden ist, das Zusammensitzen abends hat einiges wett gemacht. Dann, wenn Ashwini und Anjalina aus der Schule nach Hause gekommen sind und Übersetzerinnen dafür gespielt haben, was weder Bharatis etwas mangelhaftes Englisch noch unsere Hand-und-Fuß-Kommunikation untertags geschafft haben. Und an einem dieser Abende habe ich die Mädels sogar ziemlich beeindrucken können: Dann nämlich, als ich meinen Laptop ausgepackt und Fotos gezeigt habe. Von meiner Reise ins Königreich Bhutan, dem sich die Leute in Darjeeling viel zugehöriger fühlen als Indien, und von mir im Dirndl. Dass wir in Österreich keine Saris oder Kurtas tragen, das konnte sie nämlich nicht glauben, meine liebe indische Familie.

Auch ein Teil der Familie ;-) Foto: Doris

Auch ein Teil der Familie.

 

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Von Porno-Tempeln, zahmen Tigern und beißenden Mäusen

Sind wir schon da? Sind wir schon da? Sind wir schon da? Seit ein paar Tagen liegt uns Co-Blogger Flo schon mit dieser Frage in den Ohren. Gefühlt ist das zumindest…

Sind wir schon da? Sind wir schon da? Sind wir schon da? Seit ein paar Tagen liegt uns Co-Blogger Flo schon mit dieser Frage in den Ohren. Gefühlt ist das zumindest so. Am vierten Tag unserer Reise steht nämlich etwas auf dem Programm, das er bei seiner ersten Indien-Reise notgedrungen auslassen musste: Die „Porno-Tempel“ von Khajuraho im Bundesstaat Madhya Pradesh, deren Steinbilder angeblich dem Kamasutra Konkurrenz machen.

Ein Ziel, das mich ja nun nicht wirklich begeistern kann. Wie denn auch, haben wir doch wohl den Höhepunkt in Sachen Tempelbesichtigung schon erlebt? Und dann noch diese Frohbotschaft: Wir kommen in einem etwas abgelegen Ressort unter. Das wäre ja kein Problem, ABER: Von Internet keine Spur. Dass ich das erst zwei Stunden vor der Ankunft erfahre, macht die Sache nicht besser.

“Wo liegt denn das Sarai at Toria nochmal?”, selbst unser indischer Shanti Travel Fahrer muss auf der holprigen, vom Regen durchweichten Sandstraße nach dem Weg zu unserem Übernachtungsort fragen. Die Abbiegung ist aber auch wirklich nicht zu sehen. Ein paar Meter geht es weiter ins Nirgendwo bis unser Auto plötzlich Halt macht: Ein gepflegter Inder in weißem Hemd und Jeans winkt uns zu. Aha, wir sind also angekommen.

Satai at Toria bei Sonnenuntergang. Foto: Doris

Satai at Toria bei Sonnenuntergang.

Der Inder, der vielleicht in meinem Alter ist, begrüßt uns freundlich und überschwänglich auf Englisch. Das dienstbeflissene Personal reißt uns das Gepäck förmlich aus der Hand. Wir verabreden uns für morgen früh mit dem Fahrer. Alles wie immer also. Bis jetzt.

Wir nähern uns langsam unserem Zuhause für die nächsten paar Tage. Foto: Doris

Wir nähern uns langsam unserem Zuhause für die nächsten paar Tage.

Statt den üblichen großen, weit aufschwingenden Flügeltüren, die zur Hotellobby führen, sehen wir nämlich… nichts. Okay, das ist so nicht richtig: Vor uns liegt ein vom Regen durchweichter Erdpfad, der über eine etwas wackelig aussehende Hängebrücke führt. An deren anderem Ende ist die Vegetation wie auf Knopfdruck anders. Wo zuvor noch dichtes Gebüsch zu sehen war, stehen jetzt lange, üppig grüne Grashalme für uns Spalier. Und in der Ferne erhaschen wir auf der einen Seite schon den ersten Blick auf ein paar Lehmhäuser, auf der anderen Seite fließt der Ken Fluss. Bei dem Anblick ist meine getrübte Stimmung gleich wieder verflogen, sie hat in dieser Umgebung einfach keine Chance – und überhaupt, wer braucht in diesem Paradies schon Internet?

Das Haupthaus des Sarai at Toria liegt vor uns. Foto: Doris

Das Haupthaus des Sarai at Toria liegt vor uns.

“Da drüben ist das Panna Tiger Reserve.”, zeigt Dr. Raghunandan Singh Chundawat auf die gegenüberliegende Seite des Flusses, während wir an einem der vielen Kaffees der nächsten Tage schlürfen. Der große, grauhaarige Inder hat uns im Hauptgebäude in Empfang genommen, das mit seiner auf allen Seiten offenen Struktur, dem dunklen Holz und Strohdach mehr an Safari-Lodges in Afrika erinnert, oder zumindest stelle ich mir diese so vor.

Empfangshalle und Wohnzimmer für uns. Foto: Doris

Empfangshalle und Wohnzimmer für uns.

Genauso wie das Service, kaum haben wir uns nämlich in den bereit stehenden Couches niedergelassen, werden wir auch schon umsorgt: Tee, Kaffee, Wasser sowieso – wir sind gar nicht so schnell mit Bestellen und Wünschen, da ist das Geforderte bereits vor unserer Nase. Ein fast schon erschreckend perfekter Rundum-Service, an den wir uns die nächsten paar Tage noch gewöhnen werden.

Das Haupthaus erinnert irgendwie an eine Safari in Afrika. Foto. Doris

Das Haupthaus erinnert irgendwie an eine Safari in Afrika.

Vier Jahre ist es her, dass der Biologe Raghunandan und die Wildnis-Fotografin Joanna Van Gruisen am Eingang des Panna Nationalparks sechs Lehm-Häuser nach alter, lokaler Tradition erbauen haben lassen. Bambus, Ziegeln, Lehm, Stein, Gräser – alles, was verarbeitet wurde, stammt aus der näheren Umgebung. Einem “low carbon footprint” zuliebe: “Durch das Projekt wollen wir sanft aufzeigen, dass man Luxus und Komfort genießen und dennoch erd-freundlich bleiben kann.”, heißt es im Prospekt, das in den Cottages aufliegt. Das bedeutet unter anderem, Solar-Energie zu nutzen und mit Bio-Gas zu kochen. Das heißt aber noch etwas mehr.

An den nächsten Lodges wird seit längerem gebaut. Foto: Doris

An den nächsten Lodges wird seit längerem gebaut.

“Ich wollte nicht mehr mit den Geldern von Exxon und anderen ähnlichen Firmen forschen,”, erklärt Raghunandan, der selbst über zehn Jahre mit den Tigern gearbeitet hat, ,“ich wollte den Menschen direkt helfen.” So unterstützt er die ehrenamtlichen Guides des nahen Tiger Reservats mit Schulungen, die Mitarbeiter des Ressorts kommen aus den umgebenden Communities, handgemachte Seife von Frauen der ländlichen Umgebung liegt im Badezimmer, in den Räumen stehen Thermoskannen mit gefiltertem Wasser statt Plastikflaschen bereit – statt groß mit Labels wie „Eco-Lodge“ Werbung zu machen, setzt man im Sarai at Toria offenbar lieber auf Taten.

Florian & Michaela vor "ihrem" Zuhause. Foto: Doris

Florian und Michaela vor „ihrem“ Zuhause.

My bed is my castle. Foto: Doris

My bed is my castle.

Smarte Lösungen warten überall - wie die Thermoskanne mit gefiltertem Wasser. Foto: Doris

Smarte Lösungen warten überall – wie die Thermoskanne mit gefiltertem Wasser.

Apropos Tun: Unternehmen kann man in der Umgebung des Sarai at Toria so einiges, nicht erst wenn ab Mitte Oktober die Hauptattraktion des Nationalparks, das Panna Tiger Reserve wieder öffnet. Man kann zum Beispiel zu den Raneh-Wasserfällen fahren, mit einem der Guides vom Satai at Toria einen Village Walk machen oder die berühmte Bootstour auf dem Ken Fluss unternehmen, bei der man Krokodile und weiteres Getier sehen kann, die wir aber wegen der starken, noch immer andauernden Regenfälle und des hohen Wasserstands diesmal leider auslassen mussten.

Und wem das noch nicht genug Action ist, der kann es ja unserem Tourguide David gleich tun: Der hat in seiner Lodge im Sarai at Toria eine Maus entdeckt, sie in einem Mutanfall in die Ecke gedrängt, in die Hand nehmen und hinaustragen wollen. Der Widerstand der indischen Maus war aber größer: Sie hat ihn einfach in die Hand gebissen – und sich dann wieder in „ihre“ Lodge verkrochen. Sie war schließlich schon früher da als er!

Ach, und die Porno-Tempel? Nett waren sie, und ja, man sieht tatsächlich einige anzügliche Stellungen. Zumindest wenn man so genau schaut wie Florian…

Es gibt im Nationalpark eine günstigere Unterkunft als das Sarai at Toria, das auch deshalb die Luxus-Schiene fährt, um keine Konkurrenz zu schaffen. Exklusiv ist sie jedenfalls – noch -, denn anders als vieles sonst kennt sie der Lonely Planet offenbar nicht! Preise: Im Doppelzimmer 13.740 Indian Rupees (ca. 190 Euro) pro Lodge und Nacht (inkl. Steuern, Frühstück, Mittag- und Abendessen, sämtliche nicht-alkoholische Getränke und andere Services des Hauses)

Offenlegung: Ich war 14 Tage mit Shanti Travel auf Blogtrip. Herzlichen Dank für die Einladung! Die Meinungen und Ansichten in der Geschichte bleiben meine eigenen.

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PolaWalk durch Wien: Und es hat acht Mal Klick gemacht…

Nein, das darf aber wohl nicht wahr sein! Wie ist denn das jetzt passiert? „Ach, keine Sorge, du hast ja noch sieben Versuche.“, Gilberts tröstende Worte sind zwar lieb gemeint,…

Nein, das darf aber wohl nicht wahr sein! Wie ist denn das jetzt passiert? „Ach, keine Sorge, du hast ja noch sieben Versuche.“, Gilberts tröstende Worte sind zwar lieb gemeint, helfen jedoch kein bisschen. Ich habe es tatsächlich geschafft, gleich das erste Foto mit der Polaroid-Kamera in den Sand zu setzen. Oder besser gesagt, ins Nichts zu schießen. Dabei wollte ich bloß die Kamera öffnen – und habe versehentlich den Auslöser gedrückt. Mist! Mein erstes Bild – mein erster Fehler! Sieben Fotos habe ich noch…Wir befinden uns auf dem PolaWalk durch Wien. Meinem dritten Anlauf! Vor einem Monat ist die Einladung zur allerersten Tour in meine Mailbox geflattert, aber ich hatte – wie üblich – andere Pläne. Vor zwei Wochen dann ein weiterer – vergeblicher – Versuch. Doch heute, heute ist es endlich soweit. Aller guten Dinge sind schließlich drei. Oder acht. Denn so viele Chancen, oder besser gesagt Fotos, habe ich beim PolaWalk.

Gilbert von PolaWalk zeigt uns das Equipment. Foto: Doris

Gilbert von PolaWalk zeigt uns das Equipment.

„Wir sind die erste und einzige Foto-Stadttour mit Polaroid Kameras der Welt.“, erzählt Gilbert, einer der Gründer von PolaWalk, gerade meiner Kollegin Caroline von Wunschdenken. Dass sie dabei ist, freut mich besonders, haben wir uns doch bisher bloß via Twitter und Facebook gekannt – obwohl wir beide als Journalistinnen und Bloggerinnen in derselben Stadt wohnen. Aber zurück zu PolaWalk: Ja, es gibt einige Gruppen, die mit Polaroids bewaffnet, durch die Straßen ziehen, in Basel versorgt die Tourismus-Behörde sogar Interessierte mit den Sofortbildkameras – doch nirgendwo gibt es organisierte, regelmäßig stattfindende Foto-Touren wie diese hier in Wien. Wien ist eben – vielzitiert, aber manchmal sogar wahr – anders.

Eine etwas andere Erinnerung an Wien: Schnappschüsse mit Polaroids. - Foto: Doris

„Wir wollen, dass die Menschen ein Souvenir abseits von Sachertorte und Mozartaschenbecher mit nach Hause nehmen,“, werben Gilbert und sein Freund Thomas für ihr Unternehmen, „und zwar mit Sofortbildern eingefangene Erinnerungen an Wien.“

Einmal in kompletter Pracht. Foto: Doris

Einmal in kompletter Pracht.

Gestartet haben die Beiden mit Polaroid-Workshops im April 2013, seit September 2013 gibt es zusätzlich die geführten Foto-Touren. Begonnen hat die Geschichte und vor allem die Faszination der Beiden mit Polaroid aber schon viel früher: 2010 hat Thomas seine erste Polaroid Kamera gekauft, damals, als die beiden Österreicher Florian „Doc“ Kaps und André Bosmann mit ihrem „The Impossible Project“ beschlossen haben, die – damals im Sterben liegende – Sofortbildfotografie wieder zu beleben.

So viele Polaroid-Kameras - so unterschiedlich. Foto: Doris

So viele Polaroid-Kameras – so unterschiedlich.

Nach dem zweiten und finalen Bankrott von Polaroid versammelten die Zwei kurzerhand die noch übrig gebliebene Mannschaft des Kameraherstellers und realisierten einen für „impossible“ erklärten Traum: Sie schufen einen neuen, chemisch völlig anders aufgebauten Sofortbild-Film für Polaroid Kameras. Und machten damit möglich, dass Tausende in aller Welt wieder ihre Liebe zur analogen Fotografie leben beziehungsweise entdecken konnten. Thomas und Gilbert – das sind bloß zwei der „Opfer“.

Gilberts Tasche ist prall gefüllt: MIt Kameras, Filmen, Programm, ... Foto: Doris

Gilberts Tasche ist prall gefüllt: Mit Kameras, Filmen, Programm…

„Die Impossible Filme sind anders als die von Polaroid,“, erklärt uns Gilbert kurz nachdem wir uns um 15.30 Uhr bei den Stufen der Karlskirche getroffen haben, „statt zehn Bildern kannst du jetzt nur noch acht schießen.“. Ein teurer Spaß, denn ein Film – der bei PolaWalk übrigens in der Tour inkludiert ist -, kostet 20 Euro.

Testschüsse - klappt doch! Foto: Doris

Testschüsse – klappt doch!

Noch eine kurze Instruktion, wie man den Film einlegt (bei der Polaroid ist wirklich alles anders) und schon dürfen wir unsere ersten Fotos machen. Versuchsfotos – die Filme sind noch keine echten. „Es ist wichtig, dass ihr vorher die Kamera kennen lernt.“, erklärt Gilbert, der kürzlich seine Polaroid sogar beim Wiener Fotomarathon eingesetzt hat. Leichter gesagt als getan: Alles ist anders bei dem Ding. Die Form der Kamera, der Winkel der Linse, der Fokus sowieso, die Knöpfe/Schalter/Hebel für „Blitz“ und „Nicht-Blitz“… Während Caro mit Gilbert fachsimpelt und ihre Erfahrungen mit der analogen Kamera mit unserem Guide teilt, kann ich mich nicht einmal daran erinnern, ob ich jemals eine Polaroid in der Hand hatte.

Das ist unsere Tour für die nächsten 2 Stunden. Foto: Doris

Das ist unsere Tour für die nächsten zwei Stunden.

Um 16 Uhr geht es dann los: Vom Karlsplatz führt uns unsere Foto-Tour vorbei an der Oper, der Albertina, der Hofburg, dem Parlament, dem Rathaus und anderen Prunkbauten der Wiener Innenstadt. „Wir machen keine Stadtführungen“, stellt Gilbert auf dem Weg klar, „das heißt, wir dürfen nichts über die Sehenswürdigkeiten oder deren Geschichte erzählen. Außerdem sind die Leute ohnehin damit beschäftigt, mit der Kamera umzugehen und Motive zu suchen.“ Letzteres kann ich absolut nachvollziehen, vor allem nach meinem misslungenen „ersten Mal“: Sieben Bilder habe ich noch…

Vermehrt Schönes - auch ein Motto der PolaWalk Tour. Foto: Doris

Vermehrt Schönes – auch ein Motto der PolaWalk Tour.

Statt Wiener Geschichte präsentiert uns Gilbert seine Lieblings-Fotostopps, erklärt, wann man doch besser den Blitz einsetzen sollte – und welcher Blickwinkel der Beste ist. Acht Motive, das kann doch nicht so schwer sein! Ist es aber irgendwie doch, vor allem, weil ja das Ergebnis bis zum Schluss ein Geheimnis bleibt: Während früher die Polaroid-Filme innerhalb von ein bis zwei Minuten entwickelt waren, zeigt die neue Version erst in 20 bis 40 Minuten das endgültige Bild.

"Misslungene" Bilder, naja, solche sehen für mich anders aus. Foto: Doris

„Misslungene“ Bilder, naja, solche sehen für mich anders aus.

„Das Gute bei den Sofortbildern ist, dass sie einfach immer spannend aussehen.“, ist Caro überzeugt und blättert sichtlich begeistert durch ihre acht Bilder. Die schauen auch tatsächlich vielversprechend aus! Und als wir zwei Stunden später unsere gesammelten Werke auf dem Gras auflegen, um ein „Gruppenbild“ zu machen, muss selbst ich zugeben: Nicht schlecht. Auch wenn von meinen acht Bildern nur vier übrig geblieben sind, die nicht komplett schwarz, zu dunkel und völlig verwackelt waren… Die pinne ich mir vermutlich zuhause an die Wand: Als Erinnerung an ein paar Momente in Wien!

Caro & ich - ein Gruppenfoto. Foto: Gilbert

Caro & ich – ein Gruppenfoto. Foto: Gilbert

Die Ergebnisse, teilweise noch nicht voll entfaltet. Foto: Doris

Die Ergebnisse, teilweise noch nicht voll entfaltet.

 

Infos: Die PolaWalk Fototour wird prinzipiell auf englisch angeboten. Sollten alle Teilnehmer deutsch sprechen, wird sie auf deutsch durchgeführt. Teil nehmen bis zu sechs Personen exkl. Führer. Sie dauert ca. zwei Stunden (30 min. Einführung, 90 min. Tour), kostet 49 Euro (inkl. Polaroidkamera, Film im Wert von 20 Euro und die Bilder kann man sich natürlich auch behalten). Wer als Begleitperson ohne Kamera mit möchte oder selbst eine Polaroid hat, für den kostet die Tour 29 Euro (ohne Film).

Bei Schlechtwetter findet die Tour indoor bei Madame Tussauds in Wien statt. Weitere Infos und Buchungs-Möglichkeit gibts unter Polawalk.

Offenlegung: Danke an PolaWalk für die Einladung zur Tour!

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Ekohiiki – Etwas Gutes tun

Ein Gastbeitrag von Steven, der auf funkloch.me über Nachhaltigkeit, das Reisen und spannende Projekte schreibt, die mit beidem zu tun haben oder ihn einfach interessieren. Privat ist er gerne ein…

Ein Gastbeitrag von Steven, der auf funkloch.me über Nachhaltigkeit, das Reisen und spannende Projekte schreibt, die mit beidem zu tun haben oder ihn einfach interessieren. Privat ist er gerne ein Träumer, der nach seiner dreieinhalb jährigen Tätigkeit in einer Berliner Werbeagentur am liebsten permanent reisender Hubschrauberpilot, Restauranttester und Schwimmlehrer werden möchte. Um nichts zu verpassen, könnt ihr auf seiner Facebook-Seite vorbeischauen.

Es war einer dieser Momente, in denen ich die rosa-rote Blümchenwelt um mich herum vergaß, an der Gutherzigkeit der Menschheit zweifelte und nicht glauben konnte, was vor mehr als 68 Jahren geschehen war. Obwohl ich die Geschichte dieser Stadt gut kannte, war ich zutiefst gerührt und vergrub mein Gesicht in Unverständnis.

Ich war in Hiroshima und saß mehrere Stunden der Atombombenkuppel gegenüber. Am 6. August 1945 um 8.16 Uhr Ortszeit detonierte hier mit einer unheimlichen Zerstörungsgewalt in 600 Meter Höhe die amerikanische Atombombe Little Boy. Es war der weltweit erste Einsatz einer Atomwaffe. Little Boy zerstörte innerhalb von Sekunden 80 Prozent der Innenstadt und löschte 90.000 bis 166.000 Menschenleben aus.

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Heute ist Hiroshima ein Ort des Friedens, der seine Botschaft in die ganze Welt sendet. In den Folgejahren entstand auf der Fläche des Hypozentrums der Peace Memorial Park. Der Park gedenkt der Opfer, klärt auf und mahnt. Im Herzen des Parks befindet sich das Peace Memorial Museum. Es lässt die grausame Vergangenheit hautnah nacherleben.

Um eine Wiederholung des Schreckens vom 6. August zu verhindern, schreibt der Bürgermeister der Stadt Hiroshima nach jedem Test von Atomwaffen einen Protestbrief an das jeweilige Staatsoberhaupt. 604 Protestbriefe wurden nach 1945 versendet. Von den letzten zehn Briefen waren neun an Barack Obama und einer an Kim Jong Un adressiert.

Den Frieden in die Welt zu tragen und etwas Gutes zu tun hat sich fortan tief im Denken der Stadt verankert. Sie ist geprägt von den Narben der Vergangenheit. Im ganzen Stadtgebiet weisen Gedenktafeln auf das Leben vor Little Boy hin und ermutigen als Zeitzeuge die Kunde in die Welt zu tragen.

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Von all den Impressionen am Ort des Geschehens hatte ich ein mulmiges Gefühl im Magen, sodass ich ganz verdrängt hatte zu Mittag zu essen. Erst jetzt machte sich der Hunger bemerkbar.

Kurz vor der Restaurantsuche machte ich einen letzten Halt auf der Parktoilette. Hier traf ich einen alten Japaner, der seine Kleidung im Waschbecken wusch. Er war sehr dürr, hatte langes graues Haar und machte trotz seiner Obdachlosigkeit einen gepflegten Eindruck. Er grüßte mit einem herzlichen Kombanwa (jap. für Guten Abend) , ließ das Wasser im einzigen Waschbecken ab und machte Platz, sodass ich mir die Hände waschen konnte. Ich grüßte ebenfalls, bedankte mich und zog weiter.

Nach etwa zehn Metern machte ich kehrt. Er staunte, als ich nur Sekunden später wieder vor ihm stand. Ich fragte ihn, ob er heute schon etwas gegessen hat. Er schüttelt langsam und nachdenklich den Kopf.

Ich nahm mein Portemonnaie und gab ihm 1.000 Yen. Erst auf mein Drängen hin nahm er es an und wünschte mir eine gute Nacht. Der Betrag in Yen entspricht etwa acht Euro. Das ist nicht viel, jedoch würden davon sicher ein paar Mahlzeiten rausspringen. Ich freute mich, etwas vermeintlich Gutes getan zu haben.

Auf der Suche nach einem Restaurant schlenderte ich durch die Straßen Hiroshimas und entdeckte das perfekte Restaurant: Ein Grill hatte mich neugierig gemacht. Ich trat näher und entdeckte eine kleine Broschüre mit der Aufschrift „Welcome Ekohiiki. This is Hiroshima.“.

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Schon auf der ersten Innenseite der Broschüre hatte mich das Ekohiiki überzeugt: Sämtliche Zutaten stammen ausschließlich aus der Region um Hiroshima! Wow, hier musste ich einfach bleiben, denn bisher kam mir Japan zwar qualitativ hochwertig, aber keinesfalls nachhaltig vor!

Ich wurde, wie immer, auf freundlichste Art und Weise herein gebeten und sofort mit Fragen über meine Herkunft gelöchert. Während die beiden Köche mein Abendessen zubereiteten, folgten weitere Fragen vom Kellner. In diesem Punkt ist Japan kurios. Entweder sind die Japaner total schüchtern und bekommen keinen Ton heraus oder sie sind extrem neugierig und fragen dich Löcher in den Bauch. Zweiteres ist mir natürlich viel lieber. Und irgendwie machte das auch Spaß, denn ich konnte Gegenfragen stellen und so auch mal hinter die Kulissen dieses spannenden Landes schauen.

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Das Essen wurde vor meinen Augen zubereitet und war himmlisch. Ich liebe die japanische Küche. Die Japaner haben meiner Meinung nach eine ganz besondere Beziehung zu Lebensmitteln. Sie gehen viel behutsamer mit ihnen um und bereiten sie mit der gleichen Liebe und Sorgfalt zu, mit der sie die Speisen auch verputzen.

Fleisch ist in Japan beispielsweise extrem teuer, was ich als „Kein-Fleisch-Esser“ absolut unterstütze, damit eine gewisse Wertschöpfung erfolgt. Spätestens durch den Blick auf das eigene Budget erfolgt das Umdenken zum geringen Fleischkonsum. Davon sind wir in Deutschland mit 500 Gramm Hack für 99 Cent leider noch lange entfernt…

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Kurz nachdem ich bis auf das letzte Reiskörnchen alles vertilgt hatte nahm ich eine Karte von Hiroshima sowie mein Telefon und einen Stift aus meiner Tasche, um bei einem weiteren Sake den folgenden Tag zu planen. Als ich gerade in den Busfahrplan vertieft war tauchte Hitoshi wieder neben mir auf. Wir verbrachten noch eine weitere tolle Stunde mit Sake und kulturellem Austausch, bis ich die Rechnung bestellte. Mein Trinkgeld nahmen sie natürlich nicht an und deuteten stattdessen auf die kleine Broschüre. Ekohiiki heißt „Etwas Gutes tun“. Sie haben es gerne gemacht, aus dem Herzen heraus.

Und so schloss sich der Kreis zwischen dem Mann auf der Toilette, dem Ekohiiki und mir.

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Reisender oder Tourist: Warum Dabeisein eben NICHT alles ist

Zuhause ist es doch am Schönsten. Ein Spruch, den ich im Normalfall nicht unbedingt unterschreiben würde. Im Moment tue ich es doch. Und zwar doppelt und dreifach. Ein paar Tage…

Zuhause ist es doch am Schönsten.

Ein Spruch, den ich im Normalfall nicht unbedingt unterschreiben würde. Im Moment tue ich es doch. Und zwar doppelt und dreifach.

Ein paar Tage Belgien, ein Wochenende in Riga, auf Kurzvisite in Zürich, dann mal eben auf die Alp, Wandertage in Tirol – und einen halben Tag später schon im Flieger nach Alaska sitzen. Mit Zwischenstopp in Seattle, wohlgemerkt. Und das waren bloß die letzten fünf Wochen! In diesem Sommer war ich öfters unterwegs als zuhause. Meine Freunde haben sich kaum noch gemeldet, wohl wissentlich, dass ich ohnehin nicht im Lande wäre. Mein Zimmer habe ich nur betreten, um den Koffer hinein zu stellen und den Rucksack heraus zu nehmen. In meiner Wohnung hat es sich der Staub so richtig gemütlich gemacht, weil ich noch nicht einmal dazu gekommen bin, die Putzfrau anzurufen. Und und und.

Kann man zu viel reisen? Seit dem Sommer weiß ich: Ja, man kann. So sehr ich das Unterwegssein liebe, Hochmomente noch und nöcher hatte, so viele großartige Leute wieder gesehen oder erst kennen gelernt habe, es läuft auf eines hinauf: Ich habe mich übernommen. Schlicht und einfach.

Und doch bin ich sehr froh, diese Grenzerfahrung – andere springen Bungee, ich betreibe Extreme-”Reising” – gemacht zu haben. Mir ist nämlich einiges klar geworden. Einiges, das mir zwar schon bewusst war, das ich aber im Übermut des Reisen-Könnens verdrängt habe. Einiges, das ich mit euch teilen und das ich vor allem für meine zukünftigen Reisen beachten möchte. Ich hab es mir versprochen!

“Wie magst du deine Reisen?”, Dustin hat mir diese Frage per Email gestellt. Er ist einer, den mein Reisepartner Ingo und ich gleich am ersten Tag in Alaska “aufgegabelt” und in den Nationalpark Denali mitgenommen haben. Er ist einer, der schon überall war und noch überall hin möchte. Er ist einer, der mich versteht. “Die meisten meiner Reisen sind, wie ich sie möchte.”, erkläre ich ihm: “Spontan, abenteuerlich, Reisen, auf denen ich vieles erlebe – auch den Alltag, auf denen ich Leute treffe, auf denen positive Überraschungen Platz haben und auf denen ich im Fluss bin und beobachte, wie der Zauber funktioniert.”. Genau, all das ist Reisen für mich.

Dustin sucht auch das Erleben und Erspüren auf Reisen. Ein Grund, warum er mich versteht. Foto: Doris

Dustin sucht auch das Erleben und Erspüren auf Reisen. Ein Grund, warum er mich versteht.

Und wenn nichts davon passiert? Dann fühle ich mich als Tourist, nicht als Reisende. Dann war ich nur dabei, nicht mittendrin. Dann habe ich sicher mindestens einen dieser Faktoren außer Acht gelassen:

1. Ich will (er)leben

Ein Land zu erkunden, das besteht für mich nicht nur aus Autofahren und Foto-Stopps machen. Es heißt für mich auch nicht, am Pool des Hotels zu liegen – so schön dieser auch ist. Ich will raus. Nein, falsch, ich will rein: In die Kultur, unter Menschen, ins Leben. Ich will Berge erklettern und den Fels spüren, nicht nur aus der Ferne bestaunen. Ich will die Sonne mit Yoga begrüßen, nicht nur zuschauen, wie es andere tun. Ich will das Gericht selbst probieren und dann wieder ausspucken (!), nicht nur hören, wie grauenvoll es denn schmecke. Ich will alles versuchen und lieber das Scheitern riskieren, als es gar nicht erst zu tun!

 Ich will alles ausprobieren, riskiere lieber und scheitere (wie in diesem Fall), als es gar nicht zu versuchen. Foto: Conny de Beauclair

Ich will alles ausprobieren, riskiere lieber und scheitere (wie in diesem Fall), als es gar nicht zu versuchen. Foto: Conny de Beauclair

2. Tausche Kamera gegen Herz

Klingt superkitschig, ich weiß, aber ich kann es nicht besser benennen. Ich war lange Foto-Verweigererin: Bin drei Monate lang durch Australien gereist und habe jetzt vielleicht 15 Bilder davon; ganze Beziehungen existieren nicht – zumindest nicht auf Film, in meiner Erinnerung dafür umso stärker. Klar ist das schade und jetzt habe ich auch meist die Kamera oder ein Handy in der Hand, um ein Erlebnis zu dokumentieren. Doch möchte ich eines nicht vergessen: Das Wichtigere ist das Erlebnis selbst, das Gefühl dazu und die Erfahrung, die wir machen. Da verzichte ich lieber auf das perfekte Foto und tauche ein in den Moment – davon habe ich auf längere Sicht mehr. Und jeder andere auch.

3. Freiheit für den Flow

Ich finde Menschen, die ihre Pläne einhalten, bewundernswert. Solche, die Hotelzimmer buchen und dann auch genau zum angegebenen Zeitpunkt dort sind. Immer. Solche, die Routen für Roadtrips fünf Monate im Vorhinein planen – und vor Ort nicht davon abweichen. Wunderbar. Ich bin keine davon! Ich brauche Freiheit: Freiheit, um meine schon vorhandenen Pläne zu ändern, von ihnen abzuweichen, um in den Fluss zu kommen. Für viele ist das anstrengend, weil ungeplanter, chaotischer. Stimmt alles. Und doch ist es für mich das, was mich das Reisen genießen lässt. Denn immer dann, wenn ich in diesem Flow bin und darauf vertraue, geschehen die Wunder. Dann öffnen sich Türen, die normalerweise verschlossen sind. Dann finden Begegnungen mit Menschen statt, dann passieren die Überraschungen, dann entstehen Geschichten.

Lass dich treiben, genieß den Flow und schau, was passiert. Foto: Doris

Lass dich treiben, genieß den Flow und schau, was passiert.

4. Vorbereitung ist alles

Mag sich jetzt wie ein Widerspruch zu Punkt 2 anhören, ist es aber ganz und gar nicht. Ich liebe es, in einem Land spannende Projekte zu entdecken, mit ähnlich tickenden Menschen in Kontakt zu treten, vielleicht Gesprächspartner zu finden. Was ich dafür brauche? Zeit im Vorfeld. Und die habe ich mir zum Beispiel bei dem Hin- und Hergehopse im Sommer nicht geleistet. Ein Fehler: Dann entdeckt man das interessante Projekt nämlich erst vor Ort – blöderweise dann, wenn die Verantwortlichen Urlaub haben. Oder ich habe schon das Zugticket für die Weiterreise gekauft, ausgerechnet für den Tag, an dem ich die Outdoor-Trekking-Tour machen könnte. Tja, ich lerne (hoffentlich) aus Fehlern!

5. Die Länge ist doch wichtig

Besser gesagt: Für mich ist das schnelle und kurze Reisen nichts. Heute hier, morgen dort und übermorgen wieder fort? Nein, danke! Ich hab es getan, gerade auch jetzt im Sommer. Kurztrips von ein paar Tagen sind großartig, aber sie befriedigen meine Reiseansprüche nicht. Deshalb: Lieber länger und weniger (Länder, Regionen) als kürzer und mehr unterwegs sein.

Das Motto werde ich mir zu Herzen nehmen - gesehen im 25hours Hotel in Zürich. Foto: Doris

Das Motto werde ich mir zu Herzen nehmen – gesehen im 25hours Hotel in Zürich.

6. Pufferzeiten

Mitternacht: Ankunft in Wien. Am nächsten Mittag: Abreise aus Wien. Ich habe mir in diesem Sommer kaum Pufferzeiten gegönnt, hatte oft nur einen halben Tag zuhause, bevor ich wieder weitergezogen bin. Wie wichtig aber gerade diese Zeiten dazwischen sind, ist mir dadurch erst klar geworden. Nicht nur, um ein bisschen zuhause zu sein, sondern vor allem, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Um die angesprochene Planung und Einstimmung auf das nächste Ziel zu haben. Um einfach nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit dem Geist anzukommen und wieder reisefertig zu werden.

7. M… wie Menschen

Ich bin vielleicht eine Kulturbanausin, mag sein. Aber ich lerne ein Land lieber über Menschen als über Museen (oder sonstige Sehenswürdigkeiten) kennen. Letztere sind nämlich ein Stückchen austauschbar. Erstere ganz und gar nicht. Nicht umsonst entstehen meine liebsten Geschichten aus Begegnungen, nicht umsonst bleiben diese mir am meisten in Erinnerung und nicht umsonst prägen diese meine Reisen am meisten.

Für mich sind es immer die Begegnungen, die eine Reise zu etwas Besonderem machen. Foto: Doris

Für mich sind es immer die Begegnungen, die eine Reise zu etwas Besonderem machen.

So, jetzt kennt ihr meine Vorlieben. Bitte erinnert mich daran, sollte ich sie mal wieder vergessen und euch von anderen Reise-Plänen erzählen! Bitte, danke!

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Neun Zürcher Sommer-Spartipps: (Fast) gratis, aber nicht umsonst

“Zürich ist sooo schön, aber soooo unglaublich teuer.” Wie oft habe ich diese Aussage schon gehört? Sie stimmt ja auch: Wer nach Zürich reist, muss schon eine dicken Geldbörse einstecken…

“Zürich ist sooo schön, aber soooo unglaublich teuer.” Wie oft habe ich diese Aussage schon gehört? Sie stimmt ja auch: Wer nach Zürich reist, muss schon eine dicken Geldbörse einstecken und damit rechnen, für uns Euro-NutzerInnen horrende Preise zu zahlen. Ein Mittagessen um 20 CHF (das sind umgerechnet rund 18 Euro) ist beinahe ein Schnäppchen, für eine Tageskarte für die Verkehrsbetriebe berappt man 8,40 CHF und in Sachen Alkohol kommt man – wie ich festgestellt habe – mit Bier meist noch am Besten davon.

Nachdem ich aber – nicht zuletzt wegen meiner vielen Sommerreisen – nicht gerade Lust darauf hatte, noch mehr Geld auszugeben, habe ich mich auf die Suche nach einigen Gratis- oder sagen wir besser Fast-Gratis-Möglichkeiten begeben. Unterstützt durch meine lokalen Freunde, versteht sich. Und siehe da: Es gibt einiges, das Zürich auch für die schmäleren Börsen bietet.

Hier sind meine Spartipps – und auch die sind gratis, aber sicher nicht umsonst.

1. Wasser

Nach Zürich eine leere, wieder befüllbare Flasche mitzunehmen (oder einen Vapur-Beutel, den ich nach vielem Ausprobieren absolut empfehlen kann), lohnt allemal. Überall gibt es Brunnen und Hähne, bei denen man sich einfach Wasser nachfüllen kann. Verdursten ausgeschlossen.

2. Züri rollt

“Gratis Veloverleih” – und das in Zürich! Die Integrationsinitiative “Züri rollt” bietet an sieben Standorten, in der ganzen Stadt verteilt, brandneue, gut gewartete Fahrräder an. Für einen Einsatz von 20 CHF kann man diese dann auch tatsächlich kostenfrei nutzen, vorausgesetzt, man gibt sie bis spätestens 21.30 Uhr des selben Tages zurück. Wer sie – wie ich – über Nacht behalten möchte, zahlt 10 CHF Euro pro Tag. Durchaus eine lohnende Investition, mit der man außerdem neben dem Umwelt- noch einen sozialen Beitrag leistet. Denn “Züri rollt” beschäftigt Asylsuchende und Stellenlose der Stadt.

3. Bäckeranlage

Es gibt einige Grünwiesen in Zürich, auf denen man einfach den Tag vertrödeln kann. Die Bäckeranlage ist allerdings speziell und besonders angesagt: Auf dieser Grünfläche am Ende der Lokal-Meile Langstraße ist immer etwas los. Da picknicken untertags die Familien, üben sich Alt- und Neu-Hippies im Jonglieren und trinken Freundesgruppen schon einmal ein oder zwei oder drei Bier miteinander. Wenn es dann noch ein Gratis-Konzert gibt, ist kaum mehr ein Plätzchen im Grün zu finden. Getränke nimmt man entweder mit oder holt sie im Lokal mitten auf der Anlage, wo man übrigens auch kostenlos aufs – überraschend saubere – WC gehen kann.

4. Kafi Duzis

Eine meiner Lieblings-Entdeckungen in Zürich. Im Szeneviertel Zürich West öffnet den ganzen Sommer lang an einem Sonntag im Monat das Kafi Duzis seine Pforten und lässt Alt, Jung, Junggebliebene, schlicht alle, hinein in den Privat-Garten. Bei diesem “Performance Venue” gibt es Gratis-Livemusik, supergünstige Getränke, hausgemachte Burger oder Couscous-Salat um 6 CHF.

Hier sind wir - im Duzis. Couscoussalat um 6 CHF. Foto: Doris

Hier sind wir – im Duzis. Couscoussalat um 6 CHF.

Zur Nachspeise darf man sich an Melonen, Torten oder Marshmallows bedienen oder holt sich vom “Eismann” ein cremiges Dessert à 2 CHF. Und wer noch Lust hat, stöbert ein bisschen durch den Flohmarkt.

Kafi Duzis, eines meiner Highlights in Zürich. Foto: Doris

Kafi Duzis, eines meiner Highlights in diesem Zürcher Sommer.

5. Oberer Letten

Zürich oder vielmehr die Zürcher sind im Sommer wirklich gesegnet. Da können sie sich nicht nur im Zürcher See gratis abkühlen, sondern auch an der Limmat. Besonders nett fand ich die Anlage Oberer Letten, wo es kostenlose Dusch-, Umkleide-, WC- und Depot-Anlagen und außerdem jede Menge Liegefläche für die Badenden gibt. Dann geht man ein Stückchen vor, schmeißt sich in den kühlen Fluss und lässt sich zum Ausgangspunkt zurücktreiben – echt fein!

Oberer Letten - reinspringen ins kühle Nass & dann in der Sonne trocknen. Foto: Doris

Oberer Letten – reinspringen ins kühle Nass und dann in der Sonne trocknen.

6. Rote Fabrik/Sommerkino

Auch im Kulturzentrum Rote Fabrik gibt es gerade im Sommer einige Events, die (beinah) gratis sind. Das Sommer-Open-Air-Kino ist so eine Veranstaltungsreihe, bei der nur nach einer Kollekte, also einer freiwilligen Spende, gefragt wird. Wer dann außerdem noch eigene Getränke mitnimmt, der kommt wirklich recht günstig davon.

Die Rote Fabrik verlangt meist Eintritt, im Sommerkino aber bloß Kollekte. Foto: Doris

Die Rote Fabrik verlangt meist Eintritt, im Sommerkino aber bloß Kollekte.

7. Flohmarkt am Helvetiaplatz

Es ist angeblich der älteste Flohmarkt von Zürich, sicher aber einer der größten. Und am Helvetiaplatz kann man wirklich noch Schnäppchen finden. Dort verkaufen nämlich Privatleute und Profi-Markttandler ihr Hab und Gut. Jeden Samstag bis ca. 17 Uhr.

Am Flohmarkt findet man gute Schnäppchen, auch in Zürich. Foto: Doris

Am Flohmarkt findet man gute Schnäppchen, auch in Zürich.

8. Haus Hiltl

“Man kann hier herkommen, sich gratis Wasser holen, kostenlos das WiFi nutzen und Zeit verbringen.”, empfängt uns Rolf Hiltl in seinem Haus. Es ist das weltweit älteste vegetarische Restaurant (seit 1898) – und natürlich musste ich es deshalb besuchen. Leider fand zur Zeit kein Kochkurs statt, ich hätte gerne einen besucht, auch wenn dieser ganz und gar nicht gratis ist. Ebenso wenig wie das restliche Angebot des Gourmet-Hauses, das neben Restaurant und Kochschule Bar, Club, Laden und den ersten vegetarischen Metzger der Schweiz umfasst.

Mahlzeit im Hiltl! Foto: Doris

Mahlzeit im Hiltl!

Doch wie gesagt: Wer wirklich nur das Ambiente genießen möchte, der kann bei Wasser und WiFi ins Hiltl schnuppern. Ich garantiere aber für nichts: Wer dann nämlich einen Blick auf das großartige Buffet wirft, wird wohl schwach werden. Geldbörse hin oder her…

9. CouchSurfing oder AirBnb

Ihr könnt es kaum mehr lesen, oder? Ich weiß, ich promote CouchSurfing und dessen großen, kostenpflichtigen Bruder ganz schön, aber ich bin nun einmal ein Fan davon. Wer nicht das Glück hat, so wie ich bei Freunden unterzukommen, sollte gerade in teureren Städten wie Zürich einen Blick auf die Plattformen werfen. Man kann nur gewinnen: Neue Freunde zum Beispiel – und mehr Geld für die vielen anderen Aktivitäten in Zürich…

Abhängen an der Roten Fabrik. Was wäre ein Sommer ohne? Foto: Doris

Mit alten und neuen Freunden abhängen an der Roten Fabrik. Was wäre ein Sommer ohne?

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7 Quick-Tipps für ein Wochenende in Riga

Skurril! Wenn ich mein Wochenende in Riga in einem Wort zusammenfassen müsste, hätte ich gleich dieses hier parat. Die Geschichten von jungen Frauen, die dem Alkohol zugeneigt sind, gern die…

Skurril! Wenn ich mein Wochenende in Riga in einem Wort zusammenfassen müsste, hätte ich gleich dieses hier parat. Die Geschichten von jungen Frauen, die dem Alkohol zugeneigt sind, gern die ganze zwanzigköpfige Großfamilie einladen, wenn der – vermeintliche – Liebste aus dem Ausland zu Besuch kommt, und die Maniküre jedem romantischen Stelldichein vorziehen… ich habe sie vor einigen Wochen noch als lustige Einzelfälle abgetan. Dafür würde ich jetzt meine Hand nicht mehr ins Feuer legen.

„Was machen wir denn in Riga?“, hat meine belgische Freundin noch gefragt, bevor wir am Freitag nach durchwachter Nacht in den Flieger gestiegen sind. „Egal, Hauptsache, wir haben Spaß!“, habe ich daraufhin gemeint, und so haben wir uns ohne großes Vorwissen und – abgesehen von obigen Erzählungen – unbelastet auf die Stadt gestürzt, in der rund die Hälfte der zwei Millionen Letten wohnen.

Born to be wild - Riga ist noch nicht ganz gezähmt. Gut so. Foto: Doris

Born to be wild – Riga ist noch nicht ganz gezähmt. Gut so.

Hätten wir beide vorher mehr Zeit zum Einlesen gehabt, vielleicht wären wir etwas besser vorbereitet gewesen – und hätten höchstwahrscheinlich einige Lacher und ganz sicher einige gerunzelte Stirnfalten weniger gehabt. Hatten wir aber nicht. Für alle, denen es ähnlich geht, gibt es hier meine Quick-Tipps für ein Wochenende in Riga!

Bunte, luftig-leichte Alltagsszenen aus Riga. Foto: Doris

Bunte, luftig-leichte Alltagsszenen aus Riga.

1. Wer RyanAir fliegt…

…ist selber schuld. Die Erfolgsmeldung zuerst: Wir zählten sowohl beim Hin- als auch beim Rückflug zu den 90 Prozent aller Flüge mit der Billig(?)linie, die pünktlich bzw. sogar im Voraus angekommen sind. Damit hat es sich mit den Erfolgsmeldungen auch. Woran man sonst merkt, dass man RyanAir fliegt? Vielleicht daran, dass einen die Stewardess aufweckt, damit man ihr den Müll seiner Nachbarn reicht – obwohl Letztere wach und durchaus willig waren, den Mist selbst weiterzugeben? Oder daran, dass man selbst seinen Duty-Free-Kauf noch ins Handgepäck stopfen muss, auch wenn überall steht, dass ein Teil dankenswerter mit an Bord darf? Oder daran, dass man am Flughafen in Riga unvorbereiteter Weise noch einmal rund acht Euro bezahlen muss, um durchs Check-In zu gelangen. So billig war das wohl dann doch nicht… Beim nächsten Mal nehme ich dann wohl lieber von Wien aus Lufthansa oder Finnair.

Ein Auto braucht man in Riga kaum, genauso wenig wie die Öffis. Foto: Doris

Ein Auto braucht man in Riga kaum, genauso wenig wie die Öffis.

2. Riga ist begehbar

Wer sich so wie wir schon am Flughafen darüber freut, bei der Tourismus-Information praktischerweise ein Öffi-Ticket für seinen Aufenthalt kaufen zu können, wird schnellstens feststellen: Das braucht man gar nicht. In Riga ist so ziemlich alles zu Fuß ergehbar – und für die Gebiete, für die man die Tram oder den Bus benötigt, sind die 0,70 Lats (1 Lats = 100 Santims) durchaus in Ordnung. Auf die rund fünf Lats, die wir für ein Rundum-Drei-Tage-Ticket ausgegeben haben, sind wir jedenfalls trotz einiger Öffi-Fahrten nicht gekommen.

 3. Seid dankbar, bedient zu werden

„Wo ist denn bei Ihnen das WC?“ Schiefer Blick, hochgezogene Augenbraue, kurzes Kinn-nach-oben-Schieben später die Antwort: „Ja, wir haben ein WC!“ „Wo finde ich denn den nächsten Bankomat?“, die Frage an der Kasse nach Kauf einer Postkarte. „Ich bin beschäftigt. Fragen Sie einfach eine Junge. Gehen Sie bitte!“ ist die Antwort der Verkäuferin. Situationen wie diese haben uns durchaus immer wieder spüren lassen, wie dankbar wir eigentlich zu sein haben, überhaupt unser Geld irgendwo lassen zu können und bedient zu werden. Ein oder zwei Mal hätte uns eine Kellnerin beinah den Teller entgegen geworfen. Natürlich haben wir beschämt ein leises „Danke“ gehaucht. Wir haben ja schließlich Manieren…

Deftiges Lettisches Essen. Foto: Doris

Deftiges Lettisches Essen.

4. Postkarten findet man überall und Postkästen sind gelb

Nein, ich habe nicht zu viel vom (übrigens grauenvollen, nicht einmal mit Cranberry-Saft genießbaren) „Nationalgetränk“ Black Balsam getrunken, bevor ich diese Überschrift geschrieben habe. Tatsächlich war es ein Leichtes, eine Postkarte samt Briefmarke in Riga zu kaufen – die gibt es in jedem Eckladen. Eine größere Herausforderung war es da schon, einen Postkasten zu finden. Nachdem wir etliche Mal ein „Tut mir leid, ich habe keine Ahnung, wo es einen gibt.“ zur Antwort bekommen haben, war diese dann doch eine Enthüllung: „Wo man Postkasten einwirft? Ach, das sind so gelbe Boxen, die finden sich irgendwo in der Stadt.“ Aha, darauf wären wir im Traum nicht gekommen! Ein heißer Tipp: Fündig wurden wir dann übrigens im Radisson Blue Hotel, wo man einen Abstecher zur Skyline Bar schon einmal fürs Einwerfen der Postkarten nutzen kann! (Apropos Skyline Bar: Eintritt kostet dort leider ab 19 Uhr 2 LATS, aber die Drinks bzw. das Essen dort ist auch nicht viel teurer als an anderen Orten. Und der Blick von oben über die Stadt ist recht schön, wenn auch durch Glasfenster.)

 Riga: Überblick mit meinen Quick-Tipps. Foto: Doris

Riga von oben – nicht von der Skyline Bar, sondern von der Academy of Science. Auch sehr schön!

5. Come and join the music

Auf den Straßen, in den Gassen, auf den Plätzen – überall wird in Riga musiziert, gesungen, getanzt, gespielt. Und gleich unser erster Abend in Riga bleibt unvergesslich: Den haben wir nämlich im Ala Folk Club verbracht, entdeckt auf Empfehlung von Kristine vom Blue Cow Hostel. Im Kellergewölbe in der Altstadt versammelt sich Jung und Alt, echte (und unechte) Letten, es gibt – angeblich einzigartige – lettische Kost (selbst für VegetarierInnen wie mich), mein neues Lieblingsbier Madona und dazu noch freundliche Bedienung. Der Höhepunkt war aber sicher die Live-Band, zu der ein bereits etwas tapsiger Mann mit Irokesenhaarschnitt ausladend die Hüften geschwungen und damit seine um zwei Köpfe höhere Freundin beeindruckt hat. Ich liebe Shows wie diese, oder wie die am anderen Tag im Rockabilly House, wo sich doch tatsächlich eine 80jährige Wilma Feuerstein in Leoparden-Fetzen abgeshakt hat, dass es nicht nur für die langhaarigen Hawaii-Hemden tragenden Live-Band-Mitglieder ein Fest war!

6. Sonntag ist Ruhetag

Auch wenn Riga angeblich als „zweite Stadt, die niemals schläft“ bezeichnet wird, sonntags habe ich definitiv das Gegenteil festgestellt: Da standen wir nämlich – fast – überall vor verschlossenen Türen und dort, wo uns der Guide noch „pulsierendes Treiben“ oder „bunte Märkte“ versprochen hat, war der Ausdruck der gähnenden Leere noch eine Untertreibung. Vielleicht lag das in diesem Fall aber auch daran, dass die Tall Ships Race zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder in Rigas Hafen eingekehrt sind – und da haben sich die Letten getummelt, ich sag’s euch!

Bei Nacht und bei Tage haben sich die Letten gern am Hafen beim Tall Ships Race getummelt. Foto: Doris

Bei Nacht und bei Tage haben sich die Letten gerne am Hafen beim Tall Ships Race getummelt.

7. Offline geht anders

„Typisch Osteuropa,“, meint meine Freundin, die neben der belgischen auch die ungarische und rumänische Staatsbürgerschaft hat, bei der Ankunft in Riga, „WiFi ist überall!“ Recht hat sie. Die lettische Hauptstadt war also wohl nicht die ideale Station, um mein Experiment „Ich reise zum ersten Mal seit drei Jahren ohne Notebook.“ anzutreten – überall lockte das Internet. Gratis, oft ohne Code, was für ein Traum für Junkies wie mich!

 

Offenlegung: Danke an HostelBookers für die Vermittlung ans Blue Cow Hostel und die Einladung, dort zu übernachten. Ich kann die Wohnzimmer-Atmosphäre und zentrale Lage nur empfehlen! Die Ansichten und Meinungen in der Geschichte bleiben meine eigenen.

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Bonner Comebacks: Aus alt macht neu

Aus-alt-macht-neu-Konzept. Die kleingeschriebene Zeile in der U-Bahn von Bonn, von deren Existenz ich bis vor ein paar Tagen noch nicht einmal gewusst habe, zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. 2007 haben…

Aus-alt-macht-neu-Konzept. Die kleingeschriebene Zeile in der U-Bahn von Bonn, von deren Existenz ich bis vor ein paar Tagen noch nicht einmal gewusst habe, zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. 2007 haben sich die Stadtwerke Bonn entschlossen, statt 25 neue Bahnmodelle die ältesten Fahrzeuge wieder zu beleben. Da wurde die letzten Jahre in den eigenen Werkstätten geschraubt, entkernt, demontiert, Fahrerkabinen vergrößert und alle Züge mit Energie sparenden Antrieben versorgt: Kurz, keine Schraube der B-Wagen aus den Jahren 1974 bis 1977 blieb auf der anderen. Heraus kam das “Comeback des Jahres”, wie die lokalen Zeitungen die Jungfernfahrt dieser re- oder besser gesagt upcycelten Stadtbahnwagen im März euphorisch gefeiert haben.

Aus alt macht neu: Vor dieser Herausforderung standen wohl nicht nur die Bonner Öffis, es ist eine Idee, mit der sich die ganze Stadt beschäftigen muss(te). Was ist denn eigentlich aus Bonn geworden, fast 15 Jahre, nachdem es seine Identität als deutsche Hauptstadt verloren hat?

Was die Bonner im Sommer tun? Das Leben am Rhein und im Grün genießen, was sonst?! Foto: Doris

Was die Bonner im Sommer tun? Das Leben am Rhein und im Grün genießen, was sonst?! Foto: Doris

Statt der erwarteten, ausgestorbenen Betonklötze empfangen mich schicke Stadthäuser mit fein säuberlichem Blumengesteck an den Fenstern. Wo früher die deutsche Verwaltung zugange war, haben Institutionen der UNO oder auch die Zentrale von Fairtrade einen Hauch des Internationalen gebracht. Nicht steife Anzugträger mit Aktentaschen und forschem Schritt bevölkern die überschaubare Innenstadt, sondern junges, lässiges Publikum – noch haben sie keine Ferien, die Studenten. Statt fadem Grau-in-Grau begrüßt mich Bonn mit viel Grün, auf dem sich die Leute an Sommertagen wie diesen gern breit machen, pflastersteinigen Fußgängerzonen – und natürlich dem Rhein. An der Uferpromenade wird gejoggt und flaniert oder Rad gefahren, je nach Belieben, sicher aber die viel besprochene Geselligkeit der Rheinländer in den Biergärten unter Beweis gestellt. Von denen gibt es übrigens entlang der Promenade so viele, dass man es nie bis ins 82 km entfernte Koblenz schafft, auch wenn das theoretisch möglich wäre. Doch ein “Bönnsch”, wie das Bier hier in Bonn genannt wird, geht immer. Soviel habe ich schon gelernt…

Wer mit dem Bönnsch in der Hand am Rhein entlang radelt... Foto: Doris

Wer mit dem Bönnsch in der Hand am Rhein entlang radelt… Foto: Doris

Manchmal komme ich “zufällig” an Orte, die mich positiv überraschen. Bonn und die Region, deren Siebengebirge die Einheimischen ob ihres Erholungswerts zum Schwärmen bringt, zählen dazu. Gezielt auf meine “Bucket-List” hätte ich die Stadt, die schon wegen ihrer leichten Begehbarkeit das Dörfliche nicht abstreifen kann (will sie es?), aber nicht gesetzt. Damit bin ich wohl nicht allein.

“Wir möchten die Reisenden anziehen, die sich bisher nicht für Bonn interessiert haben”, erklärt mir Thomas Lenz, seines Zeichens PR-Berater des “BaseCamp Young Hostel”. Was hier im in die Jahre gekommenen Industrieviertel entstanden ist, ist ein einzigartiges Konzept, nicht nur für die rund 307.500 Einwohner-Stadt am Rhein, sondern weltweit: Inspiriert von einem Teil des Berliner Hüttenpalast ist vor Kurzem das Base Camp entstanden. Ein …  ja, was ist denn überhaupt?

Indoor-Camping, Event-Camping, Übernachten in historischen Wohnwägen – die Namen tragen der Idee kaum Rechnung. „Wir sind eine schlafbare Kunstinstallation„, beschreibt es Lenz, der mich gemeinsam mit seinem Kollegen Clemens Brecht durch die frühere Parfüm-Lagerhalle führt. Wo vor einigen Jahren noch Lancôme seine Düfte gestapelt hat, strahlen jetzt 15 Campingwägen um die Wette. Rockabillies, Hausboot, Flowerpower, Safari, …. – wer hier übernachten möchte, der hat die Wahl der Qual. Jeder der alten Wägen, die – klischeegerecht – vor allem aus Holland und Osteuropa importiert worden sind, trägt einen sprechenden Namen.

Safari, Jägerhütte oder Drag Queen? Welchen nehm ich denn heute? Foto: Doris

Safari, Jägerhütte oder Drag Queen? Welchen nehm ich denn heute? Foto: Doris

Und nicht nur das: Die Film-Plastikerin Marion Seul hat die Campingwägen in bewohnbare Kulissen verwandelt. Stilecht hat die Bonnerin, die dem Namen ihres Unternehmens „Blendwerk Werkstatt – Atelier Für Unbeschaffbares“ alle Ehre machtRequisiten – oder vielmehr Einrichtung – vom Flohmarkt und Trödler geholt. “Es geht um die Liebe zum Detail”, erzählt sie mir, die heute zufällig ebenfalls im BaseCamp vorbeischaut. Es ist ihr erster Tag nach dem Segelurlaub – ihrem ersten seit fünf Jahren – und schon geht sie wieder frisch ans Werk, denn noch ist die Dekoration der Airstreams ausständig. Auch den kleinen “Schrebergärten”, die vor jedem Wagen zu finden sind, fehlt der letzte Schliff.

Jeder Wagen hat einen kleinen Garten vor der Wagentür. Foto: Doris

Jeder Wagen hat einen kleinen Garten vor der Wagentür. Foto: Doris

Für Außenstehende wie mich ist dieser Work-in-progress nicht wahrnehmbar. Da strahlt der prunkvoll überladene Wagen “Drag Queen”, der in Kinderaugen gern als pinker Prinzessinnenwagen durchgeht (ja, eigene Assoziationen sind erlaubt), innen und außen mit Glitter-Glamour als gäbe es kein Morgen. Gegenüber übt sich “Zen” in Askese, buddhistische Gebetsfahnen sind sein einziger Schmuck. Und beim Anblick des Weltenbummler-Campers, der ganz in Stadt- und Landkarten gehüllt ist, schlägt mein Reiseherz höher. Entschieden, der wäre meiner!

MEINER. Der Weltenbummler. Foto: Doris

MEINER. Der Weltenbummler. Foto: Doris

Wie gut, dass Geschmäcker und Ansprüche unterschiedlich sind, denke ich mir, als mich Thomas Lenz zu den zwei Zügen führt. Hier lässt sich in Schlaf- oder Liegewägen das nachempfinden, was ich schon bei meiner Anreise von Wien nach Bonn im Zug live erlebt habe: Eine Übernachtung auf engstem Raum mit Sardinengefühl und Ohrschutzpflicht. Perfekt… vielleicht nicht für mich, dafür aber für Schulklassen oder Jugendgruppen. “Anders als in einer Herberge mit Zimmern auf mehreren Stockwerken können hier Aufsichtspersonen alle im Blickfeld haben”, macht mir Lenz klar, “und die Schüler erleben pures Abenteuer.” Wie zum Beispiel, wenn sie – wie schon passiert – die Halle mit den Rollschuhen erobern, die eigentlich zu Deko-Zwecken auf einem Camper-Dach montiert waren.

Schlafen in der Bahn? Das habe ich live, andere buchen dafür das BaseCamp. Foto: Doris

Schlafen in der Bahn? Das habe ich live, andere buchen dafür das BaseCamp. Foto: Doris

Gut, dass man im BaseCamp flexibel ist: Eine Einstellung, die es nicht nur bei Jugendgruppen, sondern auch für Veranstaltungen braucht. Dass die Räumlichkeit, die technisch alle Stücke spielt, für Events taugt, hat sie bereits unter anderem bei der Social Bar unter Beweis gestellt. Weitere Gelegenheiten werden sicher folgen: “Wir sind überrascht, wie viele Bonner Interesse an unserem Platz haben”, wundert sich Lenz über Schaulustige, die noch vor der offiziellen Eröffnungsfeier Ende des Monats zu Besuch kommen, oder über lokale Familien, die samt Kind & Kegel hier Auszeit von ihrer Heimatstadt nehmen.

Ein Abenteuerspielplatz ist das BaseCamp auch draußen. Außerdem können die Wohnwägen auchfür Events z.B. dorthin gefahren werden. Foto: Doris

Ein Abenteuerspielplatz ist das BaseCamp auch draußen. Außerdem können die Wohnwägen auch für Events z.B. dorthin gefahren werden. Foto: Doris

Sprachs, und zeigt mir die Toiletten und Badezimmer, die in der Halle eingebaut wurden – wie es sich für einen “echten” Campingplatz gehört. Eher außergewöhnlich für einen eben solchen ist hingegen die Putzfrau, die in dem Moment mit weißer Bettwäsche ihr Rollwägelchen an mir vorbei zieht. “Darf ich ein Foto machen?” Die Dame mit Migrationshintergrund versteht meine Frage nicht, doch ein Anruf bei ihrem Sohn hilft: Ja, freilich, übersetzt dieser, und schon wirft sie sich in Pose. Schön platziert vor dem originalen Trabi-Zelt, das auf dem Kult-Wagen angebracht ist. Auch darin kann man natürlich übernachten.

Eine Putzfrau auf dem Campingplatz? Das BaseCamp ist eben anders. Foto: Doris

Eine Putzfrau auf dem Campingplatz? Das BaseCamp ist eben anders. Foto: Doris

Die Führung geht weiter – ins zweite Geschoß, wo allmorgendlich auf neu renovierten Schreinerbänken mit sündteurer Glasdecke das Frühstücksbuffet serviert wird. An der Wand stehen alte knatschblaue Kinostühle, die einem ehemaligen Bonner Filmtheater entnommen wurden und wohl genauso weggeworfen worden wären wie die mit ihren 10 Jahren fast schon „antiquen“-TV-Bildschirme. Hier sind auch diese wieder zu etwas gut, und sei es “nur” zur Deko der Küche.

Einmal im BaseCamp, einmal in der Bonner Innenstadt – Telefonzellen werden hier zu Bücherkästen. Foto: Doris

Oder um wie die knallrote Telefonzelle im Zwischengeschoß als Bücherregal herzuhalten – eine Idee, mit der das Base Camp übrigens einmal Bonn zitiert. Denn auch dort wurde in deutscher Pragmatik ein unnötig gewordenes Geschenk der britischen Insel zu einer Tauschbörse für gebrauchte Bücher umfunktioniert.

Das Pappsatt macht genau das - und passt genau in den Vorgarten des BaseCamps. Foto: Doris

Das Pappsatt macht genau das – und passt genau in den Vorgarten des BaseCamps. Foto: Doris

Nach ein paar Stunden muss ich mich vom BaseCamp verabschieden, nicht aber vom Upcycling-Konzept: Vor den Toren der früheren Lagerhalle steht das “Pappsatt“Damit hat sich der ehemalige Manager aus der Versicherungsbranche, Peter Genske, seinen Kindheitstraum Traum erfüllt: Neben seinem Catering-Geschäft hat er einen mobilen Burgerladen eröffnet – und als Autodidakt einen ausrangierten US-amerikanischem Vorbild Schulbus mit Küche (Zimmer, Kabinett) ausgestattet. Mit Fleisch von einem Bonner Partner, überraschend frischen Brötchen – ebenfalls von einem regionalen Bäcker –, selbst gemachten Pommes und würzigem VeggieBurger (me-me-me) erfreut er seit acht Wochen nicht nur Passanten und Vorbeifahrer, die nach Bonner Tradition schon einmal zwanzig Minuten vor geschlossenem Schranken auf die Bahn und somit die Überquerung der Schienen warten. Auch die Gäste des Base Camps sowie des angrenzende Bonnox Boarding House & Hotel, das dem gleichen Besitzer gehört, sind nur die ersten, durchaus zufriedenen Probeesser: Bald wird der Ansturm noch größer, denn gegenüber werden in Kürze täglich 300 – 400 Arbeiter auf der Großbaustelle erwartet. Was als Industriegebiet eher heruntergekommen ist, soll nämlich zu einem hippen Wohnviertel werden und scharrt als nächstes “Comeback des Jahres” schon in den Startlöchern. Wie war das noch einmal mit dem Bonner Aus-alt-macht-neu-Konzept?

Was sonst noch so in Bonn passiert ist und was entsteht, wenn 28 Reiseblogger auf einem Raum versammelt sind, lest Ihr hier >>

Offenlegung: Danke an die Region Bonn für die Einladung, unser erstes Treffen der offenen Plattform für deutschsprachige Reiseblogger bei Euch abhalten und die Gegend erkunden zu können! Die Meinungen und Ansichten in der Geschichte bleiben meine eigenen.

12 Kommentare zu Bonner Comebacks: Aus alt macht neu

Fortgeblasen: Von Zweien, die seit 20 Jahren unter Segeln leben

Wir verstehen unsere Reisen nicht als Aussteigen auf Zeit, wir haben einen Lebensstil gefunden, der uns fasziniert und inspiriert und werden, solange wir dazu Lust haben, versuchen, unserer Liebe zur…

Wir verstehen unsere Reisen nicht als Aussteigen auf Zeit, wir haben einen Lebensstil gefunden, der uns fasziniert und inspiriert und werden, solange wir dazu Lust haben, versuchen, unserer Liebe zur See treu zu bleiben.

Es ist dieser Satz, der BesucherInnen auf der Website von fortgeblasen gleich zu Anfang in die Augen sticht. Zumindest mir ist es so ergangen. Nein, die beiden Österreicher Claudia und Jürgen sind nicht ausgestiegen, sondern mitten im Leben. Ein Leben, das für viele ungewöhnlich erscheinen mag, sind die beiden doch seit 1995 gemeinsam unterwegs – einen Großteil der Zeit davon über die Weltenmeere segelnd.

Ich habe die beiden dazu via E-Mail befragt. Hier sind Claudias Antworten – direkt aus Grönland. Genauer gesagt von der Westküste Grönland Sisimiut, dort sind die beiden nämlich gerade unterwegs ins arktische Kanada, um die Nordwest Passage zu fahren.

Doris: Ihr seid seit 1995 unterwegs, wie kam es dazu?

Claudia: Ich würde mal sagen: Die „zwei Richtigen“ haben sich gefunden. Wir waren beide reiselustig und so sind wir bald aufgebrochen.

Sie führen ein Leben, das für andere ein "Ausstieg" ist - für sie nicht. Foto: fortgeblasen

Sie führen ein Leben, das für andere ein „Ausstieg“ ist – für sie nicht.

Ihr wart ja beide sehr jung – 20 und 24 Jahre alt -, wie sehr hat sich euer Anspruch ans Leben, ans Reisen seither verändert?

Wie sehr hat sich unser Anspruch ans Leben geändert? Wir sind uns zwar nicht ganz sicher, ob wir die Frage richtig verstehen, aber wenn es darum geht, wie sich unsere Lebensanschauungen verändert haben, dann können wir vielleicht sagen, dass wir über die Jahre möglicherweise etwas unangepasster geworden sind, falls das geht. Unser Bedürfnis nach Selbstbestimmtheit und Freiheit ist, glaube ich, stärker geworden  Ich glaube schon, dass wir von unserem eingeschlagenen Lebensweg sehr geprägt worden sind und so ist es möglich, dass wir leicht exzentrisch geworden sind.

Die La Belle Epoque haben sie selbst restauriert. Foto: Fortgeblasen

Die La Belle Epoque haben die beiden selbst restauriert.

Die Änderung unseres Anspruchs ans Reisen? Ich denke, der ist vollwertiger geworden. Als Jugendliche steckte in mir sicher noch der Drang in die Fremde nach dem Motto „Österreich ist langweilig“ drin, das ist natürlich komplett verschwunden. Dafür ist heute das „Rundum“ wichtiger geworden – Wetterkunde, Wissen über Natur, Kultur, Beobachtungen. Die Zusammenhänge verstehen lernen, das eigene Verständnis von der Welt immer wieder erneuern. Gerade deshalb passt für uns auch das Segeln so gut: Denn damit zwingen wir uns praktisch, mit der Natur zu leben, die Abläufe zu beobachten, zu verstehen und damit umgehen zu lernen. Natürlich hat sich aber mit dem Alter auch der Anspruch des Reisens geändert: Die Strapazen unserer ersten Segelreise würde ich nicht mehr haben wollen – oder anders gesagt, wir sind etwas „g’scheiter“ geworden und wissen etwas mehr, wie es geht.

Wie viele dieser Jahre habt ihr auf einem bzw. mehreren Segelbooten verbracht – und gibt es da nie den Moment, wo ihr wieder festen Boden unter den Füßen haben wollt?

Etwas über acht Jahre. Über die Frage muss ich lachen, denn natürlich gibt’s die Momente – zum Beispiel, als wir im Jahr 2000 in einem Sturm in Seenot geraten waren und per Hubschrauber vom leck geschlagenen Boot abgeborgen wurden.

Das Leben auf hoher See ist zum Alltag geworden. Foto: fortgeblasen

Das Leben auf hoher See ist zum Alltag geworden.

Eure Seite fortgeblasen.at soll auch ein Infopool für Lang-SeglerInnen sein – was sind die drei wichtigsten Tipps, die ihr diesen geben könnt?

Es gibt nicht drei wichtige Tipps, deshalb der Infopool. Und falls es die gibt, müssen die auf keinen Fall für jeden gelten. Ich denke, wenn ich jemandem einen „Einsteiger-Tipp“ geben will, dann ist das der, dass man nicht den gängigen Ansichten über Boot und Material, den gängigen Routen über die Weltmeere oder den gängigen Zeitplänen der Segler folgen muss. Vieles ist möglich und Schafe gibt es schon genug! Das heißt allerdings nicht, dass wir Segelreisen ohne Plan und ohne Informationen über die Segelgebiete machen oder empfehlen.

Der „Vorwurf“ des Aussteigens, kommt der noch oder hat man euer Leben so akzeptiert? 

Viele Menschen sehen in uns – glaube ich – Aussteiger, wahrscheinlich, weil es nur so in ihr eigenes Weltbild passt und vielleicht auch, weil die Idee des Aussteigen etwas romantisiert wird. Ich bin kein Aussteiger, schon alleine deshalb, weil ich noch nie „eingestiegen“ bin. Zwei Wochen nachdem ich die Matura in der Hand hatte, ging unsere erste Reise (noch nicht mit Segelboot) los. Ich bin aber auch kein Aussteiger, weil wir sehr wohl wie gestört geschuftet haben, damit wir uns dieses Leben irgendwie leisten können. Wir haben uns eine Basis aufgebaut, von der wir jetzt leben können, haben ein winziges Einkommen und zahlen Steuern. Wir sind also nicht ganz draußen aus dem System (also weniger romantisch und mehr pragmatisch…).

Wie sah und sieht eure Familie zuhause eure Entscheidung, so unterwegs zu sein?

Mein Vater hat uns immer gepredigt, dass man nicht einfach träumen soll. Man soll seine Träume in Visionen verwandeln und dann daran arbeiten, sie auch umzusetzen. Ich muss zugeben, dass er sicherlich nicht daran gedacht hat, wohin meine Träume reichen könnten, meine ganze Familie ist so gestrickt – und sie zeigen mir immer wieder, dass sie stolz auf meine Art sind, mich zu verwirklichen (auch wenn sich Mum oft genug Sorgen macht). Jürgens Eltern sind da, glaube ich, sehr einfach gestrickt, nach dem Motto: Wir sind erwachsen und werden schon wissen, was wir tun. Sie geben uns das Gefühl, volles Vertrauen in uns zu haben.

Den schönsten Moment - der ist schwer auszumachen. Foto: fortgeblasen

Der schönste Moment – der ist schwer auszumachen.

Jede Entscheidung für etwas, heißt auch, sich gegen etwas zu entscheiden. Was war oder ist beides für euch?

Es gibt tausend Dinge, die wir gerne machen würden. Es gibt viele Arten an Leben, die interessant für uns wären. Manches verschieben wir auf später (eine Wüstenrallye…), manches wird sich leider nicht ausgehen. Was uns am meisten fehlt, haben wir allerdings nur verschoben: Tiere und die Möglichkeit, unsere Lebensmittel selbst zu produzieren, sprich, eigenes Land. Wir werden sicherlich nicht ewig Segeln und so können wir auch an diesem Wunsch irgendwann mal arbeiten.

Die Frage kommt natürlich immer wieder: Wie verdient ihr euren Lebensunterhalt? Und wie viel Geld braucht ihr überhaupt durchschnittlich im Monat?

Und die Antwort ist immer wieder unbefriedigend: Wir haben uns einen kleinen Besitz aufgebaut, von dem wir Einkommen haben, und man braucht so viel Geld wie man eben hat…

Es gibt wohl viel Atemberaubendes - und Bilder davon auf der Website. Foto: fortgeblasen

Es gibt wohl viel Atemberaubendes – und Bilder davon auf der Website.

Die La Belle Epoque ist euer Schiff, sie gehört euch? Wie lange hat die Restaurierung gedauert und wie wichtig war es für euch, die Restaurierung auch selbst durchzuführen?

Ja, La Belle Epoque ist schuldenfrei und gehört uns, wir haben sie in fünf Jahren komplett restauriert und es war vor allem wichtig für unsere Brieftasche, weil ein Segelboot, wie wir es wollten, nicht einfach am Markt erhältlich ist und ein neuer Werftbau von uns nicht finanzierbar ist. Natürlich hat die Restauration auch den Vorteil, dass wir so unser Schiff in- und auswendig kennen und Wartung und Reparatur selber vornehmen können. Wir wissen so auch ziemlich genau, was das Schifferl alles kann.

Wenn man so lange und so viel unterwegs ist, gibt es dann noch etwas, was auf der „Will-ich-unbedingt-sehen/erleben“-Liste steht?

Vieles… und es wird mit der Erfahrung der Reisen mehr, denn der Horizont wird größer, Vorurteile von außen werden weniger und die Selbstsicherheit, dass man etwas schaffen könnte, wird größer.

So manche Träume werden die Beiden später leben, jetzt ist der Traum auf hoher See dran. Foto: fortgeblasen

So manche Träume werden die beiden später leben, jetzt ist der Traum auf hoher See dran.

Was war der bisher schönste Moment auf der Reise?

Sehr schwer zu sagen, weil wir vor einer Fülle an Eindrücken und schönen Momenten strotzen. Wenn wir aber zur Zeit eine herrliche Phase auswählen sollen, dann gehört da sicher unsere letzte Winterzeit im Eis dazu. Die extreme Stille und Ruhe, die erhabene Natur um uns und das winzige Universum unserer Eisbucht waren sehr sehr herrlich. Aber wenn du nächstes Jahr fragst, ist die Antwort vielleicht wieder ganz anders…

Noch eine Frage zu eurem Leben als Paar: Auf so einem Segelschiff ist man ja meist allein zu zweit unterwegs, oder? Was ist das „Rezept“, dass das so funktioniert?

Wir haben Glück: Wir machen etwas, das wir beide wirklich mögen. Das soll heißen, dass nicht einer nur am Segelboot lebt, weil es der Traum des anderen ist. Im Generellen können wir aber sagen, dass es viel leichter ist, ein gemeinsames Leben zu führen als zwei getrennte Leben unter einen Hut zu bringen, so wie das „normale“ Paare zuhause in Österreich in der Regel machen müssen (zwei verschiedene Arbeitstage, jeder kommt gestresst heim, hat kein Ohr für den anderen, nervt sich plötzlich gegenseitig…). Das ist auch eine unserer Erfahrungen.

In ihre Heimat Österreich kommen sie wohl nicht so schnell zurück. Foto: fortgeblasen

In ihre Heimat Österreich kommen sie wohl nicht so schnell zurück.

Habt ihr eine Botschaft, die ihr anderen mit auf den Weg geben möchtet?

Träum‘ nicht einfach, mach aus deinem Traum eine Vision und dann arbeite daran, deine Vision umzusetzen.

Kommt ihr überhaupt wieder in eure Heimat Österreich zurück?

Wir kommen immer wieder mal nach Österreich, weil wir allerdings zur Zeit Richtung Pazifik aufbrechen, wird es diesmal eine Weile dauern.

Danke, Claudia und Jürgen – ich bin gespannt, wo es euch weiter hin bläst…

 

Wenn ihr ebenfalls wissen wollt, wohin es bei den beiden weiter geht: Auf fortgeblasen.at veröffentlicht das Paar Bilder, Texte und auch den Standort, an dem es sich gerade aufhält.

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