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Kategorie: Inspiration.

10 Tage Vipassana in Dharamkot: Lasst die Affen los!

Das Taxi hält vor einem großen, in gelb-grün-weiß bemalten Metalltor, das die Sicht auf einen Waldpfad freigibt. „Himachal Vipassana Centre Dhamma Sikhara“ ist über dem Eingang zu lesen. Mein Magen…

Das Taxi hält vor einem großen, in gelb-grün-weiß bemalten Metalltor, das die Sicht auf einen Waldpfad freigibt. „Himachal Vipassana Centre Dhamma Sikhara“ ist über dem Eingang zu lesen. Mein Magen wird flau, meine Knie zittrig, ich kann es noch gar nicht realisieren: Einmal ausgestiegen und durchgeschritten bin ich für die nächsten zehn Tage drin. Dann gibt es kein Zurück. Dann sitze ich fest, buchstäblich: Zehn Stunden Tag für Tag werde ich sitzen und die Meditationstechnik Vipassana praktizieren. Und zwar nur Vipassana.

Schweigend, ohne mit den Mitmeditierenden zu sprechen, ohne ein Buch zu lesen, ohne Musik zu hören, ohne zu telefonieren und auch ohne Notizen zu machen, denn Handys, Laptop, Stifte, Blöcke… kurz, jede Ablenkung wird am Eingang abgegeben.

„Beware of monkeys.“, dieses Schild ist eines der ersten Dinge, die ich nach der Einschreibprozedur auf der Suche nach meinem Schlafplatz für die nächsten elf Tage im Zentrum sehe. Dass es hier oben in der Himalayaregion in einem der angeblich „schönsten Vipassana-Zentren“ Indiens von Affen nur so wimmelt, das hatte ich bis jetzt offenbar erfolgreich verdrängt. Daraus wird jetzt aber nichts mehr: „Schaut den Affen nicht in die Augen,“, nimmt die Warnung vor den angeblich über 50 Klettertieren im Wald bei der Einführung abends fast mehr Platz ein als die Erklärung der Hausordnung für die nächsten zehn Tage, „zeigt keine Zähne, belästigt sie nicht, dann werden sie euch auch in Ruhe lassen.“

Achtung, Affengefahr! Foto: Doris

Achtung, Affengefahr!

Na, wirklich beruhigend klingt das nicht. Als dann noch die Portugiesin Melissa, die schon im letzten Jahr hier ihren ersten Vipassana-Kurs besuchte und somit so wie ich „old student“ ist, davon erzählt, dass damals eine Teilnehmerin von einem Affen am Bein gepackt wurde, ist es mit meiner Ruhe völlig vorbei. Irgendwie habe ich mir einen sicheren, geschützten Rahmen für die anstrengenden, nächsten Tage anders vorgestellt…

Monkey, monkeys, nichts als monkeys... Foto: Doris

Monkey, monkeys, nichts als monkeys…

„Euch steht eine tiefschürfende Operation bevor.“, erklärt uns S.N. Goenka am Abend in einer der ab sofort täglich stattfindenden Videobotschaften, die zum Abschluss des Tages gezeigt werden. Mit einem Buddha-Lächeln sitzt er uns auf der Leinwand gegenüber, der gebürtige Burmese, der Vipassana in Indien und der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Mit sonorer Stimme, schier durch den Bildschirm auf uns zukriechender Wärme und unwiderstehlicher Geduld bringt er uns die Technik näher, durch die Buddha und andere Praktizierende nach ihm zur Erleuchtung gefunden hat.

Zehn Stunden sitzen wir zehn Tage lang hier in der Dhamma-Halle. Foto: Doris

Zehn Stunden sitzen wir zehn Tage lang hier in der Dhamma-Halle.

Die Erleuchtung, hach, die ist auch das „final goal“ von uns rund vierzig Frauen und zwanzig Männern aller Nationalitäten sowie sämtlicher Alters- und sozialer Stufen, die sich hier in strikter Geschlechtertrennung versammelt haben. Aber zuerst einmal steht das Ziel im Vordergrund, die nächsten zehn Tage durchzuhalten. Und das Ziel ist schon groß genug…

Männer- und Frauenbereiche sind streng getrennt - hier ein Blick "hinüber" zu den Männern. Foto: Doris

Männer- und Frauenbereiche sind streng getrennt – hier ein Blick „hinüber“ zu den Männern.

4.00 Uhr: Aufstehen.
4.30 – 6.30 Uhr: Meditation in der Dhamma Halle
6.30 – 7.00 Uhr: Frühstück
8.00 – 9.00 Uhr: Gruppenmeditation
9.00 – 11.00 Uhr: Meditation
11.00 – 11.30 Uhr: Mittagessen
13.00 – 14.30 Uhr: Meditation
14.30 – 15.30 Uhr: Gruppenmeditation
15.30 – 17.00 Uhr: Meditation
17.00 – 17.30 Uhr: Abend-Tee
18.00 – 19.00 Uhr: Gruppenmeditation
19.00 – 20.30 Uhr: Videodiskurs durch S.N. Goenka
20.30 – 21.00 Uhr: Meditation
21.30 Uhr: Licht aus, Nachtruhe!

So sieht der Tagesablauf der nächsten Tage aus, der bei jedem Kurs der gleiche ist und nur durch das regelmäßige vegetarische Essen etwas an Würze bekommt – so scheint es. Eine Täuschung, wie so vieles Andere.

Das Essen in der Halle läuft ebenfalls schweigend ab. Foto: Doris

Das Essen in der Halle läuft während des Kurses ebenfalls im Stillen ab. Hier ein Bild vom letzten Tag, an dem das Schweigen aufgebrochen wird.

Tag 1: „Auch wenn ihr wolltet, könntet ihr keine Notizen zu euren Gedanken machen,“, bringt S.N. Goenka am Abend die Zusammenfassung des ersten Tages auf den Punkt, „sie sind so sprunghaft wie Affen, die sich von einem Ast zum Nächsten schwingen. Unfassbar.“ Ich werde mich daran gewöhnen, dass er scheinbar Gedanken lesen kann… „Abgesehen davon, dass ihr gar keine Notizen machen dürft.“, fügt der bescheidene Guru mit verschmitztem Grinsen hinzu. Ich halte mich daran, ertappe mich nur immer wieder dabei, in Gedanken bereits die Sätze dieses Posts zu formulieren. Soviel zum Thema Konzentration aufs Meditieren.

Was tue ich hier überhaupt? Jetzt ist gerade wirklich der schlechteste Zeitpunkt! Wie soll ich das bloß aushalten? Gedanken wie diese sind noch die harmlosesten, die mir an diesem ersten Tag durch den Kopf schießen. Konzentration auf den Atem, der die nächsten Tage zur Einführung gefordert wird, ist unmöglich. Und dazu diese Schmerzen: Ich kann nicht sitzen, mal zwickt es hier, mal brennt es dort, mein Rücken ist eingefroren, meine Schultern pochen schmerzhaft, es tut einfach alles weh. Ich will aus meiner Haut fahren, durch das Tor in die Gegenrichtung hinauslaufen – verdammt, wie soll ich zehn solche Tage schaffen?

Einzige gute Nachricht: Die Affen lassen sich nicht sehen. Noch nicht?

Tag 2: „Heute geht es schon ein bisschen besser.“, fasst S.N. Goenka am Abend wieder einmal treffend zusammen. Ja, es ist besser… die Konzentrationsspanne wächst von 0,111 auf 0,112 Sekunden, die Schmerzen haben sich im Körper verteilt, meine Muskeln sind vom Sitzen erstarrt.

In der Dhamma-Halle wird an jeder Ecke und an jedem Ende gehustet und geschnupft (die Rülps- und Furzgeräusche erwähne ich jetzt mal nicht): Kein Wunder, hier oben in den Bergen und vor allem aufgrund des schattigen Waldes ist es eiskalt. Ich gehe mit drei Decken, meinem Schlafsack sowie all meiner Kleidung ins Bett und werde in der Nacht durch mein eigenes Bibbern geweckt. Und ich bin da wohl keine Ausnahme…

Der laaange Weg ist das Ziel?! Foto: Doris

Der laaange Weg ist das Ziel?

Tag 3: „Mist, ich habe eine Idee: Ich muss hier raus!“ Wenn ein Aufenthalt im Affenwald etwas bewirkt, dann dass die Kreativität nur so durch alle Knochen fährt. Jeden Moment, so scheint es, habe ich einen anderen – besonders großartigen – Einfall, finde ich eine andere Lösung für Probleme da draußen; sämtliche Beziehungen der vergangenen Jahre kaue ich durch, führe Streit- und Versöhnungsgespräche, schlichte Kleiderkästen neu und beschließe wieder einmal, in Zukunft alles ganz anders zu machen.

Während wir in Stille meditieren (bzw. es versuchen), wird in Indien Diwali gefeiert: Musik klingt bis in unsere stillen Hallen, Böller werden durch die Gegend geschossen werden – und die Affen zeigen heute, was sie drauf haben. Ein Stampf-, Schrei- und Grölkonzert dröhnt von Nachmittag bis in den Abend im Wald, die Affen sitzen auf den Wegen, machen sich breit – und versetzen mich in eine Art Starre. Als ich beim Zähneputzen einen Affen in ein paar Meter Entfernung sitzen sehe, flüchte ich in die Duschkammer und traue mich erst wieder heraus, als ich jemand anderen kommen höre. Der Affe ist längst weg…

Tag 4: Nach tagelanger Vorbereitung mit Atemübungen wird heute endlich den neuen StudentInnen die Vipassana-Technik beigebracht. Es ist keine „übliche“ Meditation, sondern es geht darum, Empfindungen am Körper wahrzunehmen und diese zu beobachten. Ohne zu reagieren, ohne aus dem Gleichgewicht zu gelangen. Durch die Erfahrung am eigenen Körper stellt man fest, dass alles vergänglich ist, durchbricht Denkmuster und lernt sein Verhalten zu kontrollieren.

Schmerzen, Zwicken, Zwacken, Brennen, Jucken, Hitze… alle Empfindungen sind gleich: Alle sind weder gut, noch schlecht, sondern entstehen und vergehen. Warum auf etwas heftig mit Ablehnung oder Sehnsucht reagieren, wenn es ohnehin nicht dauerhaft bleibt?

Luxus sieht anders aus, Wohlfühlen eigentlich auch: Meine Kammer für 10 Tage. Foto. Doris

Luxus sieht anders aus, Wohlfühlen eigentlich auch: Meine Kammer für 10 Tage.

Tag 5: Halbzeit – und mir fällt es plötzlich wie Schuppen von den Augen: Vipassana ist meine einzige Chance. Oder überhaupt die einzige Chance. Wer kennt nicht diese schlauen Sprüche: Sei nicht so jähzornig! Liebe dich selbst, dann lieben dich auch andere! Blablabla… Wie bitte?!?!? Vipassana ist eine Lösung, ein Weg, der wahrhaftig glücklich macht – weil das Glück nicht von außen, von vorhandenen Erfolgsmomenten, der Beförderung, dem neuen Kleid, dem perfekten Liebhaber abhängt.

Als ich auf der schmutzbeschmierten Scheibe im Essbereich einen der vielen „Be happy :)!“-Schriftzüge entdecke, muss ich lächeln. I am happy!

Tag 6: Ich bin fertig, ich will nicht mehr, ich habe alles gelernt! So einsichtig und „erleuchtet“ ich gestern auch war, heute will ich einfach nur raus. In mein normales Leben. Endlich meine Ideen umsetzen. Endlich wieder ohne Zittern einschlafen. Endlich wieder reden, wieder lesen, wieder schreiben…

Ausgerechnet an diesem Tag passiert dann eine Sitzung, in der ich „es“ schaffe: Mein Fuß ist – wie üblich – im Lotus eingeschlafen. Ein Gefühl, das ich hasse und bei dem ich sofort Stellung wechseln muss aus unerfindlicher Panik, dass mein Fuß abfällt. Nicht diesmal. Diesmal bleibe ich sitzen, bewege mich nicht, schaffe es ausgeglichen zu bleiben und nicht in Angst zu verfallen. Und tatsächlich: Mein Fuß „erwacht“ wieder, ohne dass ich etwas mache. Ein unglaubliches Gefühl der Leichtigkeit, der Freiheit, der Erkenntnis durchströmt meinen Körper: Alles ist ständiges Entstehen und Vergehen, ich habe es am eigenen Leib erfahren!

„Gratuliere, Ihr habt den sechsten Tag überstanden.“, beglückwünscht S.N. Goenka uns abends und erklärt, dass der zweite und der sechste Tag angeblich die Schwierigsten seien. Mit den meisten „Drop-Outs“. Ich bin stolz: Auf mich, auf uns alle! Erst später stelle ich fest, dass auch wir drei Abbrecherinnen verzeichnen mussten. Eine Australierin, eine Russin und eine Inderin haben die zehn Tage nicht durchgehalten.

Licht am Ende des Tunnels.. Naja, noch vier Tage! Foto: Doris

Licht am Ende des Tunnels. Naja, noch vier Tage!

Tag 7, 8 und 9:  Ich habe das Gefühl, dass die Tage vorüberziehen. In den Sitzungen selbst kann ich mich mal besser, mal schlechter konzentrieren. Aber ich hadere nicht mehr, ich habe mich abgefunden, meinen Frieden erlangt. Und doch zähle ich die Stunden: Noch dreißig Stunden Meditieren, noch zwanzig Stunden….

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät... Foto: Doris

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät…

Tag 10: Ein seltsamer Tag, der letzte Tag, der Tag des Redens! Das Schweigen, das wir die letzten zehn Tage aufrecht erhalten haben, ist heute zu Ende. Dabei ist das Schweigen der Teil bei Vipassana, der mir am leichtesten fällt. Ich erinnere mich, dass ich bei meinem ersten Vipassana-Kurs Ende 2008 noch bewusst länger beim Meditieren geblieben bin, als es hieß: Ihr dürft wieder sprechen. Ich konnte noch nicht, war überfordert vom Lärm, vom Pulsieren, vom Lebendigsein und habe mich erst nach einigen Minuten hinaus unter Menschen getraut.

Heute ist alles anders. Heute plaudere ich von Anfang an. Der Tagesablauf ist aufgelockert – meditiert wird trotzdem. Keine zehn, sondern „nur“ um die acht Stunden. „Ich konnte mich nicht konzentrieren, bin jedes einzelne Gespräch in Gedanken durchgegangen.“, erzählt mir Priti, eine der new students, später von ihrer schwierigen Meditationserfahrung an diesem Tag. Und doch müssen wir genau das lernen: Das Meditieren „trotz“ des Redens, trotz des Alltags, trotz anderer Verpflichtungen.

Die Grenzen werden am letzten Tag aufgebrochen. Foto: Doris

Die Grenzen werden am letzten Tag aufgebrochen: Wir dürfen uns am Gelände wieder frei(er) bewegen.

Heute gehen wir einmal nicht um 21 Uhr schlafen, sondern kauern uns mit Matratzen und Decken bewaffnet draußen ins Gras und auf die Wege so lange, bis uns die Eiseskälte in die Schlafsäcke treibt.

Tag 11: Ich habe es geschafft. Um 7.30 Uhr – nach der Morgenmeditation und dem Frühstück – ist der Zehn-Tage-Vipassana-Kurs offiziell zu Ende. Doch die richtige Herausforderung beginnt erst, das weiß ich schon jetzt: Jeden Tag soll man – morgens und abends – je eine Stunde meditieren, jedes Jahr einen Kurs besuchen und natürlich in jedem freien Moment Vipassana praktizieren. Ich bin sehr motiviert!

„Vipassana ist die Kunst zu leben und zu sterben,“, gibt uns S.N. Goenka auf den Weg, „glücklich, friedvoll und harmonisch!“ Und ich muss an ihn denken, diesen dicklichen, alten Inder mit Reibeisenstimme und unglaublich warmer Ausstrahlung, der in der ersten Oktober-Woche gestorben ist. Vermutlich mit einem Lächeln auf den Lippen, denn er hat diese Kunst zweifellos beherrscht!

Wir haben es geschafft: Die Mädels am letzten Tag! Foto: Anupama

Wir haben es geschafft: Die Mädels am letzten Tag! Foto: Anupama

Und die Affen? Die haben sich dezent im Hintergrund gehalten, sich nur ab und an lautstark auf den Blechdächern bemerkbar gemacht, mittags Teilnehmerinnen beim Zähneputzen beobachtet (was die Komisches machen, die Menschen!) und uns mit ihrem Familienprogramm – von Entlausung bis Auf-Bäume-Jagen – unterhalten. Sie haben wohl gewusst, dass wir mit dem Affenzirkus in unseren Köpfen genügend zu tun haben. Recht haben sie! Be happy!

 

Himachal Vipassana Center Dharamkot, PO: McLeod Ganj – 176219, Dharamsala, Distt. Kangra. Himachal Pradesh, India. Telefon: [91] 92184-14051 , [91] 92184-14050 (Office hours: Montag – Samstag: 4-5pm), E-Mail: info@sikhara.dhamma.org, Infos und Bewerbung für alle Kurse weltweit unter www.dhamma.org

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The Happy Ones: 13 Mal zum Glück

Das Glück lässt und lässt mich nicht los: Zuerst meine Reise ins Königreich Bhutan, und jetzt stolpere ich noch zufällig – okay, fast zufällig – über das hier: Eine Reise zu den 13…

Das Glück lässt und lässt mich nicht los: Zuerst meine Reise ins Königreich Bhutan, und jetzt stolpere ich noch zufällig – okay, fast zufällig – über das hier: Eine Reise zu den 13 glücklichsten Ländern der Welt, um herauszufinden, was die Menschen dort so zufrieden macht. Das ist nicht meine Idee, sondern die der Holland-Deutschen Maike van den Boom. Sie plant, mit Fotograf und Kameramann loszuziehen – abhängig davon, wie viele Sponsoren sie finden kann. Ansonsten geht sie allein mit Kamera bewaffnet auf die Suche nach dem Glück.

Doris: Maike, wie kam es zur Idee deiner Reise?

Maike: Als professionelle Rednerin zum Thema „Glück“ beschäftige ich mich seit einigen Jahren intensiv mit dem Thema – auch im internationalen Vergleich. Natürlich fällt dann auf, dass Deutschland trotz relativen Wohlstands, Demokratie und Fortschritts in allen Studien zu Glück und Lebenszufriedenheit auf Plätzen wie 26 (World Database of Happiness), 22 (OECD Better Life Index) oder gar 47 (Gallup Studie 2012) landet (Anm.: Österreichs Positionierung ist ähnlich). Lateinamerika hingegen – eine Region mit starkem sozialen Gefälle, hoher Kriminalität und Korruption, wie Mexiko, Panama oder Kolumbien – befindet sich weit vor uns. Was ist der Grund? Diese Frage beschäftigt mich seit meiner Rückkehr aus den Niederlanden und Mexiko. Und: Können wir von Ihnen lernen? Deshalb beschloss ich Mitte 2012, den kühlen Zahlen Leben einzuhauchen. Ich werde mich auf die Reise machen in die (nach dem World Database of Happiness) 13 glücklichsten Länder dieser Welt – Costa Rica, Dänemark, Island, Schweiz, Finnland, Mexiko, Norwegen, Kanada, Panama, Schweden, Australien, Kolumbien und Luxemburg – um dort vor Ort mit Bürgern, Wissenschaftlern und Korrespondenten zu sprechen. Denn – so mein Motto – „Du musst mit Menschen reden, wenn du etwas erfahren möchtest.“. Die Idee hatte ich übrigens morgens, einfach so, als ich meiner Tochter beim Anziehen half. „Und wenn ich einfach mal hinfahre und nachfrage?“

Ich war vor kurzem in Bhutan, was hältst du von dem Glücksnationalprodukt, das dort als Index für den „Erfolg“ des Landes hergenommen wird? Sollte das in Deutschland, Österreich oder sogar überall auch eingeführt werden?

Du musst immer die Kultur im Auge behalten. Klar ist das eine gute Idee und es gibt bereits eine Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die sich damit beschäftigt. Wir sind jedoch in Deutschland noch so sehr darauf getrimmt, zu denken, dass die Arbeit vor dem Vergnügen kommt und Fortschritt über alles geht, dass man alle behutsam daran gewöhnen muss, zu denken, Glück kommt vor dem Erfolg und begünstigt ihn sogar. Plus, dass Fortschritt dann auf einmal gar nicht mehr so wichtig ist.

Maike fragt Menschen von der Straße nach ihren glücklichsten Momenten. Foto: Maike van den Boom

Du fragst ja die Menschen nach ihrem glücklichsten Moment: Was ist deiner?

Ich habe witzigerweise keinen absolut glücklichsten Moment. Ich kenne viele Glücksmomente am Tag, die sich wie Perlen an einander reihen.

Du hast vor, Experten in den jeweiligen Ländern zum Glück zu befragen: Hast du schon alle ausfindig gemacht bzw. wie hast du diese ausgewählt?

Ich habe Prof. Ruut Veenhoven, den Gründer des World Database of Happiness, in den Niederlanden interviewt. Und der kennt alle anderen Glücksforscher auf der Welt. Mit seiner Empfehlung habe ich sie dann alle angeschrieben und mit manchen telefoniert, zum Beispiel mit Kolumbien über Skype. Und sie waren alle ausnahmslos spontan dazu bereit. Zwei Länder haben leider keine Experten. So be it. Aber sie sind alle an Bord! Und es ist sehr interessant, wer sich mit Glück beschäftigt: Psychologen, Politologen, Soziologen, Philosophen, Wirtschaftswissenschaftler…

Ruut Veenhoven und Maike im Gespräch. Foto: Maike van der Boom

Wie verarbeitest du die Ergebnisse dann – was möchtest du damit tun? 

Ziel meiner Reise ist herauszufinden, was andere Menschen glücklich macht. Und was wir hier in Deutschland von ihnen lernen könnten. Entweder werde ich einen Dokumentarfilm drehen oder auch ein Buch darüber schreiben.

Ich habe gelesen, du hast auch ein Kind zuhause: Wie vereinbarst du deine Familie mit dieser Reise?

Ich bin alleinerziehend, habe aber wunderbare aktive Eltern, leider in einer anderen Stadt. Während ich auf Reisen bin, wohnen sie in meiner Wohnung. Die Reisen sind aber auch so geplant, dass ich maximal drei Wochen am Stück von zu Hause weg sein werde. Das heißt, in jedem Land bin ich ca. zwei bis drei Tage. Ein absoluter Marathon. Aber gemütlich im Fünf-Sterne-Hotel um die Welt tuckern kann ja jeder. Träume zu leben innerhalb der Rahmenbedingungen, die dir das Leben stellt, das ist eines der Geheimnisse des Glücklichseins.

Geheimnisse des Glücks. Foto: Maike van den Boom

Du bist selbst als Holländerin und Deutsche aufgewachsen: Was können die Holländer in Sachen Glück von den Deutschen lernen und umgekehrt?

Na ja, die Holländer schneiden in allen Studien signifikant besser ab als wir Deutschen, obwohl sie über sich selber auch immer sagen, sie würden so viel jammern. Ruut Veenhoven hat deutlich gesagt, dass der Aspekt der persönlichen Freiheit eine große Rolle spielt. Individualisierte Länder mit viel persönlicher Freiheit, scheinen sehr viel glücklicher zu sein. Die Holländer führen die Liste der freien Völker an. Sie dürfen Drogen konsumieren, ihr Lebensende bestimmen, und so weiter.

Ich persönlich finde, wir sollten uns selber nicht so wichtig nehmen und das Leben feiern. Wir haben ja nur eins. Wir sollten das Positive sehen, nicht die Gefahren, die überall lauern und nach dem suchen, was uns verbindet, nicht nach dem, was uns trennt.

Was die Holländer von uns lernen können? Ich denke die Disziplin, die wir in allem aufbringen. Denn glücklich sein, das kommt nicht immer von alleine. Manchmal muss man sich ganz schön anstrengen, das Positive zu sehen, oder sich daran zu erinnern, dankbar zu sein. Und das erfordert Disziplin. Wenn wir uns in Deutschland etwas vorgenommen haben, dann schaffen wir das auch. Nur – noch nicht jeder hat sich vorgenommen glücklich zu sein.

Danke für das Gespräch!

 

Mehr über das Projekt erfahrt Ihr auf der Website und der Facebook-Page.

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Als Nomade leben, arbeiten und die Welt verändern? Es geht!

„Warum willst du dich auf einen einzigen Platz beschränken, den du Heimat nennst, wenn doch der ganze Planet so viel anzubieten hat?“ Tudor Tarlev möchte sich in keinem Fall beschränken lassen….

„Warum willst du dich auf einen einzigen Platz beschränken, den du Heimat nennst, wenn doch der ganze Planet so viel anzubieten hat?“ Tudor Tarlev möchte sich in keinem Fall beschränken lassen. Seit er 16 ist, ist er auf einer unternehmerischen Reise – als Nomade. „Ich schätze, ich kann mein Dorf in Moldawien Heimat nennen, aber da bin ich nur ein paar Wochen im Jahr.“ Den Rest der Zeit ist der „chronische Unternehmer und Aktivitätsjunkie mit sechs Start-Ups in Planung und großen Misserfolgen“ als selbst ernannter „Veränderungsagent“ unterwegs in ganz Europa, um positive, nachhaltige Projekte durchzuführen. Ich habe Tudor zu seinem Lebensstil und seinen Projekten befragt – und vielleicht inspirieren sie auch dich:

Doris: Tudor, du bezeichnest dich als „Nomade und Unternehmer“ – was genau machst du? 

Tudor: Ich habe meine unternehmerische Laufbahn gestartet als ich 16 war, während meiner Zeit auf dem College in Moldawien, als ich Wirtschaft studiert habe. Nach einigen Monaten kam mir der Gedanke, dass man die Seite der wirtschaftlichen Entwicklung nur dann verstehen kann, wenn man selbst ein Unternehmen gründet und zum Wachsen bringt. Das Konzept des Nomadentums kam 2011 dazu, als ich von Moldawien nach Rumänien übersiedelt bin und dort aktiv an lokalen und regionalen Treffen in Europa teilgenommen habe. Damals habe ich eine einfache Entdeckung gemacht: Du kannst mit deinem Unternehmen keine globale Auswirkungen haben oder haben wollen, wenn du nicht mit deiner Gemeinschaft in Kontakt bist, deine Märkte kennst, starke Netzwerke pflegst, kulturelle Hintergründe anschaust und das, was die Menschen bewegt, wo auch immer sie sind.

Jetzt bin ich dabei, ein Sozialunternehmen namens Dreamups zu gründen, ausgehend von Österreich. Das Team ist aber sehr international und besteht aus Nomaden.

Screenshot der Website Dreamups.

Dreamups ist im August 2012 gestartet, die Plattform möchte als eine Art „Bibliothek“ fungieren, in der jeder sein Buch/sein Wissen einbringen und mit Gleichgesinnten teilen und jeder alles Wissen übernehmen/ansehen kann. Alle Anweisungen aus der Bibliothek sind nachhaltige und mit Leidenschaft entwickelte Lösungen. Die Idee ist, Lösungen in einem simplen “do it yourself” Format zugänglich zu machen, um von lokalen Gemeinschaften und Individuen weltweit genutzt zu werden.

Foto: Tudor Tadev

Wann und warum hast du dich für ein Leben als Nomade entschieden?

Ich nenne es keine Entscheidung, es war mehr als Lebensstil, der sich über die Zeit entwickelt hat, als ich versucht habe, mich weiter zu bewegen, zu lernen und mein Netzwerk zu schaffen. Zumindest jetzt, wo ich mich um weniger Dinge kümmern muss und mehr Bewegungsfreiheit habe, möchte ich so viel wie möglich entdecken und gleichzeitig etwas Positives für die Welt kreieren.

Was sind die größten Herausforderungen und Chancen deines Lebensstils? 

Die größte Herausforderung sind wohl die Ressourcen – du hast keinen fixen Job und du musst ja von etwas leben, also musst du entweder als Freelancer gut sein, oder dein Start-Up läuft so gut, dass es deine Kosten deckt. Eine andere Herausforderung ist dein Können und das Vertrauen: Wie organisierst du deine Arbeit und einen Erfolg außerhalb eines normalen, geregelten Büroalltags, manchmal mit Menschen, die auf der anderen Seite des Ozeans leben? Sozial: Manchmal ist es hart, sich in eine lokale Gemeinschaft zu integrieren und alle Möglichkeiten zu entdecken, die sie für dich bietet. Das Geheimnis ist, den Fluss zu genießen, Menschen zu vertrauen und dich selbst jeden Tag zu fragen: Welchen Wert habe ich für andere geschaffen?

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Kannst du bitte deine Reise beschreiben? Die Landkarte auf deiner Website sieht spannend aus! 

Naja, die Landkarte ist einfach zu erklären: Ich habe einige Projekte in Moldawien, Rumänien und Österreich gegründet. Die restlichen Länder habe ich mehr für Gemeinschaftsprojekte, Konferenzen, Kongresse und zur unternehmerischen Forschung besucht. Andere wie die Niederlande oder Deutschland sind potenzielle Umfelder für zukünftige Entwicklungsprojekte. In den nächsten Jahren werden die Punkte auf der Landkarte rasant zunehmen, nachdem ich plane, jedes Jahr neue Länder anzuschauen, dort zu leben und innerhalb der Dreamups Gemeinschaft zu arbeiten.

Foto: Tudor Tadev

Du lebst gerade in Österreich – ist das das Ende deines Nomadendaseins oder bloß eine Pause? 

Der genaue Ort ist Dreamicon Valley, Siegendorf, eine halbe Stunde südlich von Wien. Da ist auch das Hauptquartier der Dreamups und der Platz, an den wir alle drei Monate zusammenkommen, um zu evaluieren und die nächsten Schritte für die kommenden drei Monate zu überlegen. Den Rest der Zeit bin ich unterwegs, um Möglichkeiten zu entdecken und positive Auswirkungen auf die Welt zu haben.

Was sind deine größten Projekte bisher, worauf bist du am meisten stolz? 

Eine meiner besten Erfahrungen war TEDxChisinau.com, ein großartiges Team und etwas, was ich geschafft habe, zum Wachsen zu bringen und dadurch Lösungen für die lokale Gemeinschaft zu schaffen. Jetzt führt Elena, eine Freundin aus Moldawien, das Projekt und sie übertreffen alle Erwartungen, die wir im ersten Moment hatten. Ich liebe das, was sie derzeit machen. Die zweite Sache sind meine Lebenserfahrungen, all die großartigen Menschen, die ich getroffen habe, und meine Bankrotterklärungen; sie haben meine Zukunft enorm bereichert. Das letzte und aufregendste ist mein neues Baby, Dreamups – eine globale Plattform für Menschen, um nachhaltige Lösungen zu entdecken und zu erschaffen. Es ist einfach riesig und ich freue mich sehr auf seine Entwicklung.

Foto: Tudor Tadev

Kannst du auch noch etwas Genaueres zu deinem neuen Projekt, einem Buch verraten? 

Die Arbeitslosenrate wird in Zukunft noch mehr werden, weil alles automatisiert und technologisiert wird. Dann können wir zu dem Moment kommen, wo Menschen in vielen Bereichen nicht mehr gebraucht werden. Aber es gibt einen Platz, wo man sie immer brauchen wird – in ihrer Gemeinschaft und der Familie. Ich stelle mir eine Zeit vor, wenn Menschen zu ihren Wurzeln zurück kommen und ein viel mehr von den Werten geprägtes Leben führen, zum Beispiel ihr eigenes Essen produzieren, Selbstgemachtes und Upcycling-Produkte nutzen. Es ist großartig zu begreifen, dass wir unsere Fähigkeiten außerhalb des Arbeitsmarkts einsetzen können und trotzdem unseren Lebensunterhalt verdienen und Mehrwert schaffen. Das wird der Moment sein, an dem jede Person ein Künstler, ein Erschaffer sein darf. Das Buch nennt sich “DO nomads” und wird eine interaktive Reise mit Aufgaben und Herausforderungen sein, die es zu meistern gilt, und deshalb wird die Erfahrung für jeden Leser einzigartig sein. Eine Geschichte in Echtzeit, die die Erfahrung anderer Menschen darstellt und Einblicke gibt, wie man Neues erschafft und diesen Weg meistert. Es ist eine Reise über vier Jahre, und ich hoffe, dass das Stück Kunst 2015 öffentlich zugänglich wird. Um zu verstehen, was ich sage, lest am besten Robots Will Steal Your Job, But That’s OK von Federi Pistono oder We Are All Artists Now von Seth Godin.

Danke, Tudor!

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Meine ZEAM und ich: Wie man mit einem Baum verreist

Solite heißt sie, meine neue Reisebegleitung. Nachhaltig ist sie, natürlich und vor allem ganz schön alt. Über 300 Jahre genauer gesagt. Und sie ist nicht allein. 51.242 ihrer Geschwister sollen…

Solite heißt sie, meine neue Reisebegleitung. Nachhaltig ist sie, natürlich und vor allem ganz schön alt. Über 300 Jahre genauer gesagt. Und sie ist nicht allein. 51.242 ihrer Geschwister sollen in die Welt hinaus geschickt werden. Diese abertausenden kleinen Zirbenholzstücke, ZEAM genannt, haben eines gemeinsam: Sie alle stammen von einer 300jährigen Zirbe am Zirbitzkogel in der Steiermark. Ein Baum, der jetzt die Welt erobert entdeckt – Stück für Stück.

„Dir geht es um nachhaltige und bewusste Reisegeschichten – ich denke, wir passen zusammen.“ Mit diesem Mail begann meine Geschichte mit Solite. Oder besser gesagt mit Martin Neitz, der mich kontaktiert und mir heute meine ZEAM (steirisch für Zirbe) mit auf den Weg gegeben hat. Er ist nicht nur „Reiseführer“ des Baums, auch die Idee für das Projekt stammt von ihm. Ursprünglich hätte es ein Ahornbaum sein sollen, der in Einzelteilen in die Weltgeschichte geschickt werden wollte. Dass es dann doch die Zirbe wurde – eine der heilsamsten Bäume, der entschleunigt und dem sogar die Fähigkeit zugesprochen wird, die Herzfrequenz zu senken – hat wohl so kommen müssen.

Vor einem Jahr war der Moment, als Martin am steirischen Zirbitzkogel „seine“ Zirbe gefunden und selbst geschnitten hat. Alt war sie, hatte kaum mehr grüne Zweige. Jetzt steht an ihrer Stelle eine neue Zirbe. Und aus dem Baum, der „am Ende“ war, entstand etwas Neues: 300 – 400 dieser ZEAM, die Martin jeweils einzeln bearbeitet, schleift und formt, sind schon unterwegs. Verschickt oder übergeben in einem recycelten Pappkarton kann so der Baum im Sinn der Nachhaltigkeit weiterleben.

Über 123.489 Kilometer in 19 Ländern haben die ZEAM bereits zurück gelegt und so „eine Verbindung über den Erdball geschaffen“, heißt es auf der Website. Woher man das weiß? Jedes Zirbenholzstück hat seinen eigenen Code und einen Namen (wie meine Solite): Registriert man sich damit auf zeam.at, kann man die Reise der ZEAM aufzeichnen und verfolgen. Nicht nur seine, sondern auch andere, die unterwegs sind.

Da hängt eine ZEAM am Zaun mit Blick auf die Wüste. In einem Video erlebt eine ZEAM mit selbst gebastelter Sonnenbrille, die der ihrer Besitzerin aufs Haar gleicht, Xtreme Strassenbahnfahring in Wien. Ja, die Zirbenholzstücke kommen ohne Zweifel ganz schön viel herum. „Die meisten wollen ihre ZEAM gar nicht mehr hergeben“, erzählt mir Martin mit einem lachenden und weinenden Auge, ist das doch Teil der Idee: Die kleinen Holzstücke sollen weiter gegeben werden und dann mit einem anderen Menschen ihre Reise fortsetzen.

„Erst neulich habe ich ein Mail von einem gewissen Karl Gamper in meiner Inbox gehabt, der meine Visitenkarte zusammen mit einer ZEAM auf seinem Schreibtisch gefunden hat,“, berichtet Martin, der nicht nur mit Leidenschaft, sondern auch mit finanziellen Mitteln voll und ganz bei der Sache ist, „wie er dazu gekommen ist, das ist mir und ihm ein Rätsel.“ Ja, die Wege der ZEAM sind unergründlich. Als Zeichen der Dankbarkeit, der Wertschätzung der Verbundenheit können die Zirbenholzstücke verschenkt werden. „Einer der Reisenden gibt die ZEAM als Erinnerung an seine verstorbene Frau weiter.“, so Martin, der berührende Geschichten wie diese seit dem Start des Projekts vor einigen Monaten öfters erlebt.

Und Solite und ich? Wir haben unsere Reisefreundschaft erst einmal gebührend gefeiert. Mit einem unfreiwilligen Bad in einer Taufe mit Gelbem Muskateller. Nicht das Ende, sondern erst der Anfang von der Reise eines (Stück) Baumes.

 

Wer auch eine ZEAM sein Eigen nennen oder an einen lieben Menschen verschenken möchte, kann sie derzeit online bestellen (8,23 Euro zuzügl. Versandkosten). In Zukunft sollen die Zirbenholzstücke darüber hinaus in ausgewählten Läden verkauft werden. 

Ab sofort erhält man auch Newsflashes über den aktuellen Status seiner ZEAM in die Inbox. Die Reise von Solite könnt Ihr auf zeam.at/zeam/Solite/ weiter verfolgen. 

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Meditation in der U-Bahn: Augen zu und – Stille!

„Reumannplatz! Achtung, Türen schließen!“, so die Stimme in den Wiener Linien. Wie auf Kommando gehen nicht nur die Türen der U-Bahnlinie U1 zu, sondern es schließen sich auch die Augen…

„Reumannplatz! Achtung, Türen schließen!“, so die Stimme in den Wiener Linien. Wie auf Kommando gehen nicht nur die Türen der U-Bahnlinie U1 zu, sondern es schließen sich auch die Augen meiner SitznachbarInnen. Ein paar Fotos später mache ich es ihnen gleich und versinke ebenfalls in der Stille. Schließlich sitze ich genau deshalb hier: Nicht, um von A nach B zu kommen, sondern um beim fünften UrBan Meditation Flashmob mit 21 anderen das gemeinsame Meditieren in der U-Bahn zu erleben.

Sich mit einer Gruppe zu treffen, um gemeinsam zwischen Anfangsstation und Endhaltestelle in der U-Bahn demonstrativ die Augen zuzumachen und zu meditieren? Als ich vor einigen Monaten von der Idee gehört habe, war ich wenig begeistert. Für mich ist Meditieren etwas Stilles. Etwas Privates. Etwas, das ich nicht zur Schau stellen möchte. Warum sollte ich das dann mit anderen in der U-Bahn tun?

Aber neugierig wie ich bin, wollte ich das Ganze einmal ausprobieren: Und endlich, letzten Donnerstag hat es geklappt.

Ich war überrascht! Davon, wie selbstverständlich und natürlich diese Reise in die Stille war. Kein lautes Zur-Schau-Stellen, kein Beweisen-Wollen. Ich habe einfach in der U-Bahn die Augen geschlossen, versucht, bei mir zu bleiben und mich durch die Handy-Streitgespräche neben mir genauso wenig ablenken zu lassen wie durch Gedränge in der Hauptverkehrszeit. Dass ich das zufällig zeitgleich mit anderen getan habe, das ist wohl bloß den anderen Mitfahrenden aufgefallen – wie mir die skeptischen Blicke meines Gegenübers beim Aussteigen aus der U-Bahn verraten haben.

„Innehalten. Vorleben. Inspirieren.“, so beschreibt Shaohui, der Gründer von iMeditate, der selbst regelmäßig Atem- sowie Achtsamkeitsmeditation (Vipassana-Meditation) praktiziert, seine Initiative. Warum er Meditieren zum „Volkssport“ machen möchte, und wie er das mit dem Lärm in der U-Bahn sieht, das verrät er mir im Interview:

Doris: Shaohui, wie kamst du auf die Idee zu iMeditateVienna?

Shaohui: Zuerst war die Idee der U-Bahn-Flashmobs. Sie entstand im April 2012 während des zweiten Moduls des Lerngangs „Pioneers of Change„. In jenem Modul ging es darum, mit Prototypen nach außen zu treten. Inspiriert von dem kreativen Aktionismus der Pioneers wurde in mir der Impuls ausgelöst, Meditations-Flashmobs in der U-Bahn zu organisieren. Das Ziel dieser Aktionen ist es, mit Meditation und Stille einen bewussten Kontrastraum zu Hektik, Ablenkung und Anspannung zu schaffen.

Aus diesem Impuls wurde dann die Idee geboren, Meditation als „Volkssport“ zu etablieren und sie einer breiteren Masse zugänglich zu machen. In diesem Prozess ist iMeditateVienna als Name für diese Bewegung entstanden. Inspiriert zu dem Namen hat mich die Meditationsbewegung „I Meditate NY“ in New York, auf die ich im Internet gestoßen bin.

Was ist für dich Meditation?

Meditation ist für mich ein bewusstes mit mir selbst in Verbindung gehen und meine Achtsamkeit auf das, was im gegenwärtigen Moment präsent ist, zu richten. Dabei beobachte ich meinen Atem, meine Körperempfindungen, meine Emotionen, meine Sinneswahrnehmungen oder meine Gedanken ohne sie zu bewerten und an ihnen anzuhaften.

Meditation kenne ich vor allem in der Stille und für sich: Ist es nicht ein Widerspruch, diese Form der Reise nach Innen im öffentlichen Raum zu praktizieren und somit zur Schau zu stellen?

Ich sehe für mich keinen Widerspruch. Meditation ist für mich eine innere Haltung, wie ich dem Leben begegne. Mir geht es darum, den Alltag als Übungsfeld für Meditation zu entdecken und anzunehmen. Wenn ich zuhause auf meinem Meditationskissen sitze, übe ich in äußerer Stille. Wenn ich unterwegs in der U-Bahn sitze, übe ich mich in innerer Stille. Hier möchte ich gerne ein Zitat von Eckhart Tolle einbringen: Jeder störende Lärm kann ebenso hilfreich sein wie äußere Stille. Inwiefern? Wenn du den inneren Widerstand gegen den Lärm aufgibst, so dass er sein darf, wie er ist, führt dich dieses Annehmen auch in den Bereich des inneren Friedens, der inneren Stille.“ Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh sieht keine Trennung zwischen dem formellen Sitzen in Stille und der Achtsamkeitspraxis im Alltag. Er hat fünf konkrete Achtsamkeitsübungen für den Alltag formuliert, wie zum Beispiel aufmerksames Zuhören oder achtsamer Konsum.

Hast du ein besonderes Erlebnis auf der Reise nach Innen gehabt, das du als Schlüsselmoment für dich bezeichnen würdest? 

Bei meiner ersten Begegnung mit Meditation 2006, während eines Zehn-Tage-Vipassana-Retreats in einem Kloster in Thailand, hatte ich am siebten Tag einen kurzen Moment eines Vertiefungszustands. Eine intensive Freude, wie ich sie noch nie empfunden habe, ist durch meinen Körper geströmt. Dieses Erlebnis hat mich neugierig gemacht, mich selbst und meine innere Natur mit Meditation zu erforschen. Ein anderes Erlebnis hatte ich vor zwei Jahren bei einer Vipassana-Meditation. Ich habe eine tiefe Präsenz erfahren und meine Sinneswahrnehmungen waren von intensiver und klarer Qualität.

Was sind deine nächsten Pläne? Ich habe davon gehört, dass du Wien als Meditationshauptstadt positionieren möchtest. 

Die nächsten Pläne sind für mich meine Vision einer „achtsamen“ Stadt niederzuschreiben. Darunter verstehe ich eine Kultur der Achtsamkeit im Miteinander und öffentliche Orte des Rückzugs für Stille und Meditation in der Stadt. Mit dieser Vision will ich konkret Initiativen und Leute, die öffentliche Meditationen machen oder Stille in den öffentlichen Raum bringen, einladen um daraus einen gemeinsamen Traum zu entwickeln. Außerdem arbeite ich gerade an meiner Idee, ein internationales Festival für Meditation und kontemplative Künste in Wien auf die Beine zu stellen. Dies würde sich wunderbar dafür eignen, die Stadt Wien als „Hauptstadt der Meditation“ international zu bewerben.

Wie sind die Reaktionen der Leute bei den Flashmobs?

Die Leute reagieren mit Dankbarkeit, Begeisterung und großem Interesse. Ich habe das Gefühl mit Meditation im öffentlichen Raum das Bedürfnis vieler Menschen gerade im urbanen Alltag nach Entschleunigung, nach Innehalten und nach Zurück-zu-sich-Selbst-finden anzusprechen. Eine schöne Reaktion bei den Flashmobs hatten wir einmal bei einer Schülerin gesehen, die zugestiegen war und einen iMeditateVienna Flyer in die Hand gedrückt bekam. Als ein Sitzplatz frei wurde, setzte sie sich nieder und meditierte bis zur Endstation mit. Beim Aussteigen fragte sie noch nach weiteren Flyern.

Riesig gefreut hat mich auch folgender Erfahrungsbericht einer Teilnehmerin: „Es war sehr berührend für mich, dabei zu sein! Nach dem Einstieg in Hütteldorf versank der Waggon, in dem wir uns befanden, von Augenblick zu Augenblick mehr in Freude. In Schönbrunn war ich so berührt von dieser liebevollen Stille-Welle, in die ich mich eingehüllt fühlte, dass ich Tränen in den Augen hatte. Fahrgäste, die einstiegen, irritierten das Energiefeld – oder waren es wir selber, die sich irritieren ließen? Ich weiß es nicht, ich spürte nur, dass die „Neuen Unbekannten“ bis zur nächsten Station integriert waren. Bis Heiligenstadt ist dann die Zeit stehen geblieben, weil wir maximal zehn Minuten min unterwegs waren. Jetzt, drei Stunden später, strahlt noch immer alles in mir Ruhe, Liebe, Glück und Entschlossenheit aus. Entschlossenheit, solche Kräfte und Initiativen weiterhin zu stärken! Danke!“

Ich sage auch Danke für deine Antworten, Shaohui! Und wir sehen uns wieder, beim Meditieren in der U-Bahn!

2 Kommentare zu Meditation in der U-Bahn: Augen zu und – Stille!

Laufen für die Umwelt: 5.000 Meilen durch Südamerika

Beim Duschen, beim Beobachten der Wellen auf dem Ozean oder beim Autofahren – das sind Situationen, in denen oft die besten Ideen kommen. Katharine und David, ein 34-jähriges britisches Ökologen-Ehepaar…

Beim Duschen, beim Beobachten der Wellen auf dem Ozean oder beim Autofahren – das sind Situationen, in denen oft die besten Ideen kommen. Katharine und David, ein 34-jähriges britisches Ökologen-Ehepaar wurden zu ihrem unglaublichen Reise-Projekt inspiriert, als sie gerade Seevögel in der Karibik untersuchten. Das war 2009, und drei Jahre später verwirklichen sie ihren Traum. “Wir wollten etwas tun,”, sagen sie in den FAQs auf ihrer Website, “um auf die Weltwunder in Südamerika aufmerksam zu machen und dabei eine einzigartige Expedition unternehmen.” Genau das machen sie gerade. Seit 28. Juli 2012 sind sie auf dem Weg, ohne Unterstützung 5.000 Meilen, also rund 8,047 Kilometer, durch Südamerika zu laufen. Ja, zu laufen!

Im Interview erzählen mir die beiden Abenteurer mehr über ihre Einjahresreise und die körperliche Herausforderung, ihre ganze Ausrüstung – Haus, Büro, Küche, Labor – in einem eigens gebauten Trailer aus Recycling-Material hinter sich her zu ziehen.

Doris: Welche Absicht verfolgt ihr mit eurem Projekt?

Die Motivation sind die Natur und die Tiere darin: Wir möchten für unsere Organisationen “Conservacion Patagonia” und “Birdlife International” Geld sammeln, damit sie bedrohte Lebensräume auf dem Kontinent besser schützen können. Wir möchten außerdem dazu anstiften, selbst für die Umwelt aktiv zu werden und Menschen aus aller Welt mit Südamerika verbinden und sicherstellen, dass unsere täglichen Entscheidungen eher der Natur und dem Ökosystem helfen als ihnen zu schaden.

Wie kamt ihr darauf, die 5.000 Meilen zu laufen?

Wir dachten zuerst daran, von West nach Ost durch den Amazonas zu gehen, doch dann haben wir herausgefunden, dass ein britischer Kollege, Ed Stafford, genau das gerade tut und es gut tut. Wir dachten dann daran, die Länge des Kontinents zu durchwandern oder auf jedem Kontinent auf einen alten Baum zu klettern, aber nach einigen Wochen im Amazonas auf einer ungeführten Expedition war uns klar, dass das Jahre und nicht nur ein Jahr dauern würde. Dann war da das Laufen. Können es unsere Körper monatelang auf diesen schlechten Straßen aushalten und daneben noch unsere ganze Ausrüstung mitschleppen? Wir finden das gerade heraus…

Ihr habt eure Reise gerade erst begonnen, was hat euch bisher am Meisten überrascht?

Die Art, wie Chilenen und Argentininier hupen und uns zuwinken – wir hatten keine Idee davon, dass es so aufregend sein würde, uns auf diesen Straßen laufen zu sehen! Uns wurden Empanadas und Milkshakes durch Autofenster gereicht und ständig fragt uns jemand, ob wir mitfahren möchten! Die Polizei – sowohl in Chile als auch in Argentinien. Wir würden in Großbritannien nicht zur Polizei gehen, um Hilfe zu holen, aber hier bleiben die Polizisten sie stehen, um zu prüfen, ob es uns gut geht, bieten uns Autofahrten an, Essen, heißes Wasser, Campingplätze… Unglaubliche und sehr schöne Überraschungen!

Wie sind die Reaktionen der Leute, die ihr trefft, und hat euch schon eine Person besonders beeindruckt?

Wir liefen vor kurzem nach Puerto Natales in Chile und jemand, der von unserer Expedition gehört hatte, fuhr rund 60 Kilometer, nur um uns zu treffen, ohne zu wissen, ob sie uns wirklich finden würde, ohne uns jemals vorher getroffen zu haben, nur um mit uns einen heißen Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Wir haben in dieser Nacht unser Zelt im Schnee aufgestellt und dann wunderschöne Stunden mit ihr in ihrem Auto verbracht, dabei gegessen, Kaffee getrunken und ihren lieben, aber etwas faulen Hund gestreichelt.

Wie würdet Ihr euren Trip in drei Worten beschreiben?

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Wenn jemand in eure Fußstapfen treten möchte, was würdet ihr ihm/ihr sagen?

1. Es ist wirklich schwierig, Websites und Verbindungen auf dem Laufenden zu halten – trotz aller modernen Mittel, also halte deine Erwartungen niedrig!
2. Mach dich auf kulturelle Differenzen gefasst – und wirf deine Uhr weg!
3. Du brauchst weniger als du denkst. Bereite deine Reise vor, dann verbringe die ersten paar Wochen damit, festzustellen, was du wirklich brauchst und werde den Rest los – jedes Gramm zählt!
4. Kontakte in jeder Stadt sind wichtig!
5. Du wirst nie fertig und bereit sein, also lauf einfach los!

Was habt ihr bereits gelernt, was ihr den zu Hause Gebliebenen mitteilen möchtet?

Komfort und Bequemlichkeit stehen zwischen dir und der echten Erfahrung, Leben, Ehrgeiz, Wissen, allem! Brich da durch oder verbringe dein Leben schlafwandelnd!

Was ist die größten Herausforderung auf der Reise?

Motiviert und in Verbindung zu bleiben. Die Reise soll erst in einem Jahr fertig sein, aber wir sind so ungeduldig und wollen einen Unterschied machen, sodass wir jetzt schon das Gefühl haben, die Zeit rinnt uns durch die Finger – wir müssen konzentriert und vor allem geduldig bleiben.

Was ist die Belohnung, die Freude, die ihr erwartet?

Zu wissen, dass wir schon durch kleine Schritte schützen und einen kleinen Teil von Südamerika vor der Zerstörung bewahren können.

Abgesehen von den drei Missionen „Raise, connect, inspire“ auf Eurer Website, was möchtet ihr jeder für sich erreichen?

David: Laufend zum anderen Ende zu kommen ist mir schon genug!
Katharine: Dass jeder von uns etwas für die Umwelt und die Natur tun kann. Alle unsere Entscheidungen beeinflussen sie, hier die richtigen für die Umwelt zu treffen ist anfangs sicher hart, aber es ist so zufriedenstellend und verblüffend auf lange Sicht gesehen.

Danke für das Gespräch und viel Glück für den Rest der 5.000 Meilen!

Mehr über das Projekt und wie man die beiden unterstützen kann findet ihr hier: 5000mileproject.org

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