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Kategorie: Inspiration.

Kann man Glück lernen?

Fast jeder Mensch hat sich in seinem Leben schon einmal die Frage gestellt: Was ist das, Glück? Wie kann ich glücklicher werden? Meist denken wir dann an einen kurzen Moment, in…

Fast jeder Mensch hat sich in seinem Leben schon einmal die Frage gestellt: Was ist das, Glück? Wie kann ich glücklicher werden? Meist denken wir dann an einen kurzen Moment, in dem alles stimmt – ein leckeres Essen, Zeit mit dem Liebsten oder ein schöner Urlaubstag. Alles Situationen, die schnell wieder vorüber sind. Auch der Erwerb materieller Dinge, wie beispielsweise eine neue Handtasche, neue Schuhe, oder etwas Schönes zum Anziehen, kann uns für eine gewisse Zeit tatsächlich glücklicher machen, ohne Frage. Jedoch leider auch nur für kurze Zeit.

Scheinbar ist das Glück ein sehr flüchtiges Phänomen – man kann es nicht festhalten oder einfangen. Wäre es nicht schön, nicht nur kurzfristige Glücksmomente zu erleben, sondern dauerhaft Glück, Lebenszufriedenheit und Erfüllung zu finden? “Nein, das ist nicht möglich”, denken sehr viele Menschen, “solche Momente sind selten und finden im Alltag kaum statt.”

Zwei Arten von Glück

Bei einer Studie über Lottogewinner wurde festgestellt, dass diese zwar, als sie von ihrem Gewinn erfuhren, verständlicherweise ein sehr großes Glücksgefühl empfanden, ein halbes Jahr später allerdings schon nicht mehr glücklicher waren als der Durchschnitt der Bevölkerung. Im Gegenteil, sie konnten sich über kleine Begebenheiten, wie zum Beispiel Aufmerksamkeiten von Freunden, nicht mehr so sehr freuen wie vor dem Gewinn. Wie lange hast du dich nach dem Kauf der Handtasche oder etwas anderem noch darüber gefreut? Das ist die Art von Glück, bei der wir intensive, aber vorübergehende Glücksgefühle empfinden – ein Glück, das an äußere Bedingungen geknüpft ist.

Glücksgefühle haben eines gemeinsam

Die andere Art von Glück liegt in uns selbst und jeder hat dieses Potenzial in sich. Seit einiger Zeit beschäftigt sich die Hirnforschung mit den guten Gefühlen und hat sich auf die Suche gemacht. Durch Experimente wurde festgestellt, wie in uns das Gefühl von Glück entsteht. Dabei stellte sich heraus, dass Glücksgefühlen eines gemeinsam ist: Während wir Glücksmomente erleben, vergessen wir unsere festen Vorstellungen und Konzepte. Unser gewohnheitsmäßiges Denken tritt in den Hintergrund.

Wir denken in diesen Momenten nicht darüber nach, ob wir besser oder schlechter sind als jemand anderes. Wir müssen nicht irgendetwas beweisen oder darstellen, sondern befinden uns ganz im Augenblick, sind frei davon, irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen oder diese auf unsere Mitmenschen zu projizieren. Das Ego hat Pause. Keine Ängste, die aus Erlebnissen aus der Vergangenheit auf gegenwärtige Situationen übertragen werden und keine Befürchtungen über die Zukunft trüben unser momentanes Empfinden. Es gibt ein Muster, das allen erfüllten, glücklichen Momenten zugrunde liegt.

Glück ist lernbar

Eine wirklich verlässliche innere Zufriedenheit zu erlangen, unabhängig von äußeren Faktoren und flüchtigen Glücksmomenten, ist demnach möglich, Glück ist also lernbar. Wir müssen lediglich Eigenschaften kultivieren, die uns Abstand nehmen lassen von unseren steifen Vorstellungen, Projektionen, inneren Filmen und Glaubensmustern. Das geschieht unter anderem dann, wenn wir dankbar sind, jemandem helfen und liebevoll zu uns selbst sind. Mit sich selbst gut Freund sein, sich so zu behandeln, wie man einen guten Freund behandeln würde, bei dem man auch mit einem Augenzwinkern über seine Macken hinweg sieht, damit wäre die Welt schon ein Stück freudvoller.

Ein mit sich zufriedener Mensch empfindet weniger Neid, Zorn und Missgunst, ist eher bereit anderen ihre Erfolge und ihr Glück zu gönnen. Eigenschaften wie Dankbarkeit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zu pflegen führt dazu, dass wir uns insgesamt zufriedener und glücklicher fühlen und auch unsere Beziehungen von einer tieferen und ausgeglicheneren Qualität sind. Wir haben alle diesen großen Schatz in uns. Wir können unsere positiven Eigenschaften und Gefühle kultivieren und somit unsere gesamte Lebenszufriedenheit und unsere Beziehungen untereinander verbessern. Dieses Glück haben wir somit weitestgehend selbst in der Hand, es ist nicht unbedingt an äußere Bedingungen geknüpft. Positive Gefühle haben messbare Auswirkung auf unser Immunsystem, auf die Stabilität unserer Beziehungen und unser Durchhaltevermögen, was letztendlich eine Voraussetzung von erfolgreichen Unternehmungen ist.

Was kannst du nun konkret tun, um glücklicher und zufriedener zu sein? Es hat wenig Sinn, sich hinzusetzen und auf das Glück zu warten. Kleine wiederkehrende Handlungen, die Gewohnheiten schaffen, sind das Geheimnis. Handlungen, die zu Gewohnheiten werden, die uns letztendlich helfen, das Glas nicht mehr als halb leer anzusehen. Folgende Übungen, am besten täglich durchgeführt, können helfen, dein Glücksempfinden zu trainieren:

1. Positiver Tagesrückblick
In dieser Übung geht es darum, den Tag gut abzuschließen. Mit welcher Einstellung wir in den Schlaf gehen, hat Einfluss auf unsere Schlafqualität und wie wir am nächsten Morgen aufstehen. Diese Übung richtet unseren Fokus auf die positiven Ereignisse des Tages.

Der positive Tagesrückblick beinhaltet zwei Teile:
Teil 1: Du legst dir ein schönes Notizbuch oder -heft zu, in das es dir Freude macht zu schreiben. In dieses Heft schreibst du eine Woche lang jeden Abend mindestens drei Ereignisse auf, die schön waren an diesem Tag. Das müssen keine großen Sachen sein, es können Erlebnisse sein wie ein Sonnenstrahl, der auf deinen Schreibtisch gefallen ist, ein angenehmes Gefühl nach dem Duschen oder Baden, aber auch tolle Erfolge und Begegnungen.
Teil 2: Im zweiten Schritt stellst du dir die Frage: „Was habe ich dazu beigetragen, dass ich diese Erlebnisse als schön und positiv erlebt habe?“ Die Antworten schreibst du ebenfalls in dein Buch.
Als Beispiel: „Es war heute schön, dass ein Sonnenstrahl auf meinen Schreibtisch gefallen ist. Was habe ich dazu beigetragen, dass es schön war? Ich habe den Sonnenstrahl wahrgenommen. Ich habe mir Zeit genommen, ihn zu betrachten.“ oder „Ich habe mir Zeit genommen ein Bad zu nehmen, ich habe es genossen.“ Du wirst merken, wie sich zunehmend positive Gefühle bei dir einstellen.

2. Die Freundlichkeitsübung
Sei mindestens einmal am Tag freundlich zu jemandem. Lasse jemanden an der Kasse vor, trage der Nachbarin die Einkäufe die Treppe hoch oder mache jemandem ein nettes Kompliment.

3. Auszeit im Alltag
Schreibe eine Liste mit mindestens 20 Dingen, die dir wirklich Spaß machen und dir gut tun. Dinge, die du in 15 bis 30 Minuten machen kannst. Dann verabrede dich jeden Tag für 15 oder 30 Minuten mit dir selbst. Diesen Termin schreibe in deinen Terminkalender. Nun suchst du dir jeden Tag für diesen Termin eine Sache aus, auf die du gerade Lust hast. So nimmst du dir jeden Tag eine kleine Auszeit aus deinem Alltag. Du wirst sehen, danach wirst du mit mehr Schwung durch den restlichen Tag gehen.

4. Meditation
Fünf bis zehn Minuten am Tag sind völlig ausreichend. Du brauchst dich auch nicht in komplizierten Schneidersitzpositionen zu verrenken. Es reicht, wenn du dich so hinsetzt, dass es dir bequem ist und nichts weh tut. Das kann auch auf einem Stuhl sein, falls du zum Beispiel Knieprobleme hast. Du kannst mit offenen oder geschlossenen Augen meditieren. Falls du mit offenen Augen meditierst, konzentriere dich auf ein Objekt vor dir. Es ist völlig egal, was es ist. Das Objekt hat lediglich die Funktion, zu erkennen, wann du abgelenkt bist und deine Gedanken dich beschäftigen. Es geht nicht darum, die Gedanken abzuschalten, sondern sie vorbeiziehen zu lassen und ihnen für einen Moment keine Aufmerksamkeit zu schenken. Richte deine Aufmerksamkeit dann immer wieder auf dein Meditationsobjekt. Möchtest du mit geschlossenen Augen meditieren, dann konzentriere dich auf deinen Atem, wie er kommt und geht.

In der Meditation wird es dir mit der Zeit immer leichter fallen, Ereignissen, die im Moment nicht von Relevanz sind, keine Bedeutung zu geben. Es wird dir immer leichter fallen, dich gedanklich nicht andauernd in der Vergangenheit oder Zukunft zu bewegen. Häufiges Gedankenkreisen und Grübeln verringern sich und du erfährst mehr innere Ruhe. Die Fähigkeiten, die wir in der Meditation kultivieren, sind auch im täglichen Leben sehr nützlich. So merken wir durch die erhöhte Achtsamkeit schon viel früher, wenn uns wenig nützliche Gefühlsregungen überfallen, und können dadurch zum Beispiel einen sinnlosen Wutanfall im Keim ersticken, bevor er seine zerstörerische Wirkung entfaltet.

5. Echte Begegnungen
Ein Glücksfaktor wird in der heutigen digitalen Zeit immer mehr vernachlässigt: Inspirierende echte Begegnungen mit Menschen. Evolutionär sind wir als soziale Wesen konzipiert. Echte positive Begegnungen setzten in uns Glückshormone frei. Plane daher mindestens einmal in der Woche ein Treffen mit einem guten Freund oder einer guten Freundin ein. Gute Gespräche sind immer energetisierend.

Wenn wir also mehr Glück und Zufriedenheit in unser Leben ziehen wollen, ist es sinnvoll, die oben genannten Eigenschaften zu kultivieren. Wir müssen uns jedoch nicht für das eine entscheiden und das andere aufgeben. An äußere Bedingungen geknüpftes Glück hat genauso seine Berechtigung wie nachhaltiges Glück, welches durch Sinn und Bedeutung entsteht. Verfolgen wir allerdings ausschließlich ein nur an äußere Bedingungen gebundenes Glück und dem Glück verheißenden Konsumtrend, sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Das ist ein auf Sand gebautes, wenig nachhaltiges Glück.

Viel Freude wünsche ich dir beim Trainieren deines Glücksgefühls!

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#ThisIsMyEurope: Pedro Castro aus Portugal

Vor dem Hintergrund der europäischen Turbulenzen habe ich mich auf die Mission begeben, europäische Werte und Anliegen zu identifizieren. In der Interview-Serie #ThisIsMyEurope spreche ich mit Menschen rund um den Kontinent und versuche herauszufinden,…

Vor dem Hintergrund der europäischen Turbulenzen habe ich mich auf die Mission begeben, europäische Werte und Anliegen zu identifizieren. In der Interview-Serie #ThisIsMyEurope spreche ich mit Menschen rund um den Kontinent und versuche herauszufinden, was für sie „Europa“ bedeutet. Dieses Mal habe ich Pedro interviewt, als der Portugiese gerade in Warschau angekommen ist.

„Unsere Generation wuchs mit der Idee eines Europas auf, die sich im Laufe der letzten Jahre irgendwie angefangen hat aufzulösen. “ Pedro Castro (32) ist kürzlich in Polens Hauptstadt gezogen. Ich spreche mit ihm über Skype während er seine Familie in der Umgebung von Porto besucht.

Pedro hat eine Änderung in seinem Verständnis von Europa als Kontinent und Union gleichermaßen bemerkt. „Ich weiß, es klingt drastisch, aber das Europa, das wir heute kennen, wird vielleicht in 20 Jahre nicht mehr existieren. Ich denke, diese Realität ist viel näher als wir denken.“ , jedoch ist seine Prognose nicht absolut düster. „Ich bin ein Optimist. Ich denke, wir werden in letzter Minute eine Lösung finden. Es ist Pragmatismus: Wenn wir es nicht tun, verlieren wir alle.“

Freiheit

Pedro schätzt die Freiheit, die Europa geschaffen hat. „Als Kontinent mögen wir Schwierigkeiten haben herauszufinden, wo wir nach diesen Jahrzehnten der Integration stehen, aber auf einer persönlichen Ebene bietet Europa eine große Freiheit. Es ist faszinierend, so viele Kulturen auf unserem eigenen Kontinent anzutreffen.“ Pedro bekam davon als Student einen ersten Eindruck. „Ich ging vor zehn Jahren weg um im Ausland zu leben und jetzt habe ich Freunde in ganz Europa.“ Er fühlt sich als Teil seiner neuen Heimatstadt Warschau. „Unsere Integration ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine soziale. Trotz dieser Krisen, die wir erleben, respektieren wir uns noch gegenseitig als Menschen. Ich liebe die Freiheit, die im Zentrum des Europäisch-Seins liegt.“

Erst im vergangenen Jahr hatte Pedro eine Tennis-Akademie in der kleinen portugiesischen Stadt Santa Maria de Feira geführt. Jetzt arbeitet er für einen Multinationalen Betrieb in Polens Hauptstadt in einem Job, den er innerhalb eines Monats gefunden hatte. Jeder, der sich darüber wundert, einen professionellen Sportler in so einer Berufswahl zu sehen, wäre ebenso überrascht zu hören, dass er vor seiner Tennisausbildung an einer juristischen Fakultät studiert und diese absolviert hatte. „Ich fand früh heraus, dass die typischen materialistischen Karrierewege für mich nicht der richtige Weg sind. Ich arbeite aus Leidenschaft.“ Flexibel zu sein kam ihm zu Gute: „Persönlich profitiere ich sehr stark von der Integration der EU. Ich kann ganz einfach von einer Stadt in die nächste durch ganz Europa reisen, einen Job finden und ein neues Leben beginnen. Es ist so einfach, weißt du! Es gibt auf der Welt keine Organisation wie diese.“

Ironie

Es mag ironisch sein, dass es die wirtschaftliche Integration war, die Pedro erlaubt hat, nach Alternativen für den anspruchsvollen westlichen Lebensstil zu suchen. „Wir alle leben mehr und mehr in ähnlichen westlichen kapitalistischen Gesellschaften und das ist schlecht. Aber hier im Osten, kann ich etwas anderes erleben. An diesem Ort, der zugleich vertraut und doch fremd ist, kann ich nach einem Raum suchen, den ich für mich selbst designe. Weit weg von der perfekten Form, ständig hart zu arbeiten.“

Freiheit hat auch seine Schattenseiten. „Wir können viel und leicht darüber reden, frei zu sein, aber wir müssen genau prüfen, was das bedeutet. Niemand ist vollkommen frei.“ Die westliche Welt hat klar definierte Rollen. „Die Idee der Freiheit die man uns verkauft, hat sehr viel mit Kontrolle zu tun. Ich schätze wirklich das Niveau auf dem ich persönlich entscheiden kann was ich tue und entscheiden kann wo ich arbeite. Aber auf der Ebene der Gesellschaft, bin ich vielleicht nur ein Welpe in den Händen eines anderen Menschen.“ Pedro spürt, dass der Gesellschaftsstruktur widerstanden werden kann. „Wenn du dich glücklich schätzen kannst, deine eigenen Identität zu finden – wer du bist, nicht was von dir erwertet wird -, ermöglicht dir die Europäische Gesellschaft diese Freiheit zu erwerben.“

Trotz des Verlustes der Richtung, sieht Pedro eine gemeinsame Zukunft für Europa. „Wie ich schon sagte, die Grundlinie dieses aktuellen Europas ist zu wichtig für alle inkludierten Länder.“ Was können wir tun? „Wir müssen Unterschiede respektieren, während unsere Solidarität und Verständnis füreinander wachsen können. Das fehlte in Griechenland und es fehlt jetzt auch in den anderen Ländern die nicht bereit sind, Deutschlands Weg in der Flüchtlingsfrage beizustehen. Aber wir werden ernsteren Krisen sehen, als wir bisher gehabt haben, also was wird passieren?“ Er drückt das Ganze mit einem Achselzucken aus: “ Natürlich weiß ich es nicht. Ich bin wirklich nur sehr gespannt zu sehen, wohin wir gehen. “

 

Dieser Artikel wurde auf Oneworld.nl erstveröffentlicht, dieses Interview ist Teil 2 der Serie #ThisIsMyEurope von Reinier Vriend. Vielen Dank an Moni für die Übersetzung!

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#ThisIsMyEurope: Lucile Pouthier aus Frankreich

Vor dem Hintergrund der europäischen Turbulenzen habe ich mich auf die Mission begeben, europäische Werte und Anliegen zu identifizieren. In der Interview-Serie #ThisIsMyEurope spreche ich mit Menschen rund um den Kontinent und versuche herauszufinden,…

Vor dem Hintergrund der europäischen Turbulenzen habe ich mich auf die Mission begeben, europäische Werte und Anliegen zu identifizieren. In der Interview-Serie #ThisIsMyEurope spreche ich mit Menschen rund um den Kontinent und versuche herauszufinden, was für sie „Europa“ bedeutet. Das erste Interview habe ich mit Lucile aus Paris geführt.

Lucile Pouthier, Doktorandin, klingt streng als ich sie über die wichtigsten Werte Europas befrage. „Ich muss dich warnen, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach Schönheitswettbewerb, aber ich glaube, der wichtigste Mehrheit ist Frieden.“ Sie lacht. Selbst über die dürftige Skype-Verbindung schafft sie ein sympathisches Auftreten. „Wir werden nicht täglich damit konfrontiert, aber vor mehr als sechzig Jahren waren wir aktiv dabei uns gegenseitig zu töten. Der Frieden, den wir jetzt haben, ist eine verdammte Leistung!“

Familiengeschichte

Luciles Wertschätzung für Europas Rolle im täglichen Frieden stamm ursprünglich aus ihrer Familiengeschichte. „Als ich noch klein war, erzählten meine Großeltern mir Geschichten aus ihrer Jugend. Du weißt, wie Menschen, die dem Tod nah waren den Drang haben, ihre Vergangenheit und Erfahrungen zu teilen? Ich war eine aufmerksame Zuhörerin und stellte Fragen.“ Luciles Großmutter mütterlicherseits war Bulgarin. Sie verließ ihre Heimat als der Eiserne Vorhang errichtet wurde, getrennt von ihrer Familie, die später von der Sicherheitspolizei dazu gezwungen wurde, sie zu verstoßen und für die nächsten zehn Jahre den Kontakt zu ihr vollständig abzubrechen. Ihre Großmutter väterlicherseits wuchs in der Nähe der Stadt Besancon im Osten Frankreichs auf, einem Gebiet, das in beiden Weltkriegen ernsthaft betroffen war. Ihr Großvater wiederum hatte im ersten Weltkrieg gekämpft.

Als am Vorabend der deutschen Invasion die anrückenden Truppen kamen, hob er sie in einen Wagen und floh zu Fuß aus der Stadt. Als der Kommandant der französische Armee, Kommandant Pétain, die Kapitulation angekündigt, brach der alte Mann in Tränen aus. „Das ist immer bei ihr geblieben“. Diese Geschichten haben einen bleibenden Eindruck auf Lucile gemacht. „Erst seit kurzem erkenne ich, wie wertvoll es ist, Menschen aus dieser Zeit mit gelebter Erfahrung gekannt zu haben. Ein vereintes Europa ist etwas, das wir oft für selbstverständlich halten, aber es ist nicht selbstverständlich.“

#TIME-Lucile

Anschläge in Paris

Ich spreche mit Lucile nach ihrer Rückkehr nach Paris. In Südafrika führt sie Studien für ihr Doktorat in Kulturwissenschaften über dessen Strafjustiz und Straffvollzugssystem durch. Als sie vor einem Jahr nach Paris zurückkehrt, erreicht sie es kurz nach dem Anschlag von Charlie Hedbo. Dieses Jahr war ihr Timing nicht viel besser. Sie landete eine Woche nach den jüngsten Angriffen. Sie hat Mühe dabei, ihr Lager in einer Stadt aufzuschlagen, wo die Reaktion der Menschen auf die Anschläge Ausmaße annimmt, die sie nicht verkraften kann. „Es hat mich verfolgt zu sehen, wie schnell Demonstrationen der Trauer und Einheit einer patriotischen Kriegsstimmung wichen. Wir sind ernsthaft verletzt. Aber wir sollten bereit sein, auf uns selbst zu sehen.“

Lucile sieht einen Nachteil in Europas derzeitige Form. „Der Frieden, den wir für uns selbst geschnitzt haben, ist manchmal zum Nachteil der anderen. Wir fordern Gleichheit, Freiheit, Vielfalt und Menschenrechte, durch die wir eine Identität aufgebaut haben. Aber wir halten doppelte Standards.“ Sie erwähnt die Rolle der Türkei im Fernhalten der Flüchtlinge von der EU als ein Beispiel: „Unabhängig von einer Verschlechterung der Menschenrechtslage in ihrem Land ist die Türkei nun aufgefordert, die EU wieder zu verbinden. Europa vergisst bequem ihre eigene Verantwortung für den Status in dem sich der Mittlere Osten jetzt befindet.“

Lucile sieht eine Zukunft für Europa in dessen Neigung zur Kritik. „Nach den jüngsten Angriffen hier in Paris gab es Stimmen, die fast militärisch die Idee förderten, der Terror könnte nur überwunden werden, wenn wir genauso weitermachten wie bisher. Es überrascht mich, wie viele Menschen der Begründung zustimmten.“ Der Klimagipfel COP12 brachte eine Veränderung. „Er zeigte die Absurdität auf, einen konsumorientierten Lebensstils als Merkmal für französische Identität zu rebranden. Das ist keine Lösung. Genauso wenig wie auf unbestimmte Zeit einen Ausnahmezustand zu halten oder Menschen, die in Europa geboren wurden, ihre Nationalitäten auszutreiben.“ Luciles Hoffnung liegt in der Fähigkeit Europas, die Diskrepanzen zwischen den Werten und deren Anwendung zu bemerken. „Wir sollten unseren Standards gerecht werden, egal wie ehrgeizig sie sind. Die Geschichten meiner Großeltern sind eine düstere Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht.“

 

Dieser Artikel wurde auf Oneworld.nl erstveröffentlicht, dieses Interview ist Teil 1 der Serie #ThisIsMyEurope von Reinier Vriend. Vielen Dank an Moni für die Übersetzung!

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Maskerade des Glücklichseins – Wie der Alltag uns zu geschminkten Clowns macht

„Naaa, wie waren deine Ferien?“, fragt meine Kollegin Susanne lächelnd. Ich senke meine Kaffeetasse. „Ach du“, sage ich und schaue dabei zum Fenster hinaus, wo dicke Regentropfen – vielleicht sind es auch…

„Naaa, wie waren deine Ferien?“, fragt meine Kollegin Susanne lächelnd. Ich senke meine Kaffeetasse. „Ach du“, sage ich und schaue dabei zum Fenster hinaus, wo dicke Regentropfen – vielleicht sind es auch Schneeflocken – gegen das Fenster klatschen, „abgesehen davon, dass mein Freund Schluss gemacht hat, ich einmal in der Notambulanz saß, ein anderes Mal der Notarzt mit Blaulicht kam und meiner Tante das Haus abgebrannt ist, ganz gut. Und deine?“ Sie starrt mich an und beginnt an ihrem Kugelschreiber herumzulutschen, als könne sie aus ihm eine angemessene Reaktion saugen. Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass ihre Frage rhetorisch gemeint war, aber mir ist heute einfach mal nach Wahrheit. Zu anstrengend erscheint mir das Aufsetzen meiner Maske. Aber warum sind wir eigentlich so, wenn wir auf der Arbeit sind? Warum gibt es von uns eine private Version und eine, die dauerglücklich im Büro sitzen muss?

Da steht der Manager bei der Präsentation vor seinen Kollegen, ein Schatten seiner selbst, zeigt höchste Professionalität und in Wahrheit weint er innerlich um seine verstorbene Mutter. Die Kassiererin sitzt an der Kasse und jedes Mal, wenn jemand die Ritter Sport Alpenmilch kauft, schießt ein schmerzvolles Projektil voller Adrenalin mitten durch ihr Herz, weil sie an die strahlenden Augen ihres Ex-Mannes denkt, wenn sie ihm die Schokolade mitgebracht hat. „War beim Einkauf alles in Ordnung?“, fragt sie lächelnd, aber mit leeren Augen. Wir sitzen mit Liebeskummer am Arbeitsplatz und wenn uns der Kollege fragt, wie es uns geht, antworten wir: „Gut, danke.“ Heute habe ich mit meiner Antwort die natürliche Ordnung aus dem Gleichgewicht gebracht und genau das will mir Susanne auch zu verstehen geben, indem sie meint: „Oh verdammt, das tut mir leid. Na ja, wir reden später darüber, ich muss noch ein paar Sachen kopieren.“

Als ich nach der Trennung von meinem Freund die sechste Taschentuch-Box geleert hatte und die Ferien langsam dem Ende nahten, googelte ich, ob man sich wegen Liebeskummer krankschreiben lassen kann. Immerhin kann daraus das lebensbedrohliche Broken-Heart-Syndrom entstehen. Wegen Liebeskummer haben sich schon viele Menschen das Leben genommen. Warum also nicht zuhause bleiben und dem Kummer seinen Lauf lassen? Ich las Antworten wie „die eigene Gefühlslage hat im Job nichts verloren“ oder „Arbeit und Privatleben muss man trennen können“. Selbst die Süddeutsche Zeitung schreibt: „So weh eine Trennung auch tut – im Berufsalltag sollten private Probleme keine Rolle spielen.“* Nun saß ich vor meinem Laptop und eine einzige Frage schwirrte durch meinen Kopf: Warum eigentlich? Warum betreten wir jeden Morgen aufs Neue diese Bühne mit einem Lächeln, als hätten wir es uns mit Theaterschminke ins Gesicht gemalt und mit Haarspray fixiert? Warum ist es nicht in Ordnung, vor den Kollegen zu weinen? Und warum darf ich mich, wenn ich einen Beruf mit viel Kundenkontakt habe, nicht krankschreiben lassen, wenn ich Kummer habe?

Brokenheart

Keine zehn Minuten, nachdem meine Kollegin Susanne mich stehengelassen hat, betrete ich meine Bühne: Das Klassenzimmer 202. Mein Publikum: Die 5b. Während ich den Schlüssel in das Schloss stecke und die Meute hinter mir durch den Flur tobt, schminke ich mir innerlich mein Lächeln auf. „Guten Morgen, liebe 5b!“, sage ich, als wäre ich die gut gelaunte Mami mit der gut gelaunten Familie aus der gut gelaunten Lätta-Werbung. Den Schüler Michael, der in der letzten Reihe sitzt, kann ich an diesem Tag nicht aufrufen. Er heißt genauso wie mein Ex-Freund und ich will nicht riskieren, dass die Tränen mein Lächeln abwaschen. Die Kleinen kann ich täuschen, sie sind ohnehin zu beschäftigt mit dem Katzenskelett, das ich vorne auf den Tisch gestellt habe, sodass sie nichts von meinem gebrochenen Herzen sehen.

In der zweiten Stunde stehe ich vor der 10c. „Wie waren Ihre Ferien?“, fragt eine Schülerin. „Nicht so gut“, antworte ich jetzt ehrlich, weil ich schlecht lügen kann. „Warum nicht?“, fragt sie mit großen Augen und ich erkläre kurz die Lage, ähnlich wie ich es bei Susanne getan habe. Die Klasse hört zu, bekundet danach ihr Mitgefühl und ist an diesem Tag ganz besonders ruhig und zeigt sich ausgesprochen freundlich. So brav waren sie das letzte Mal gewesen, als ich eine Lehrprobe hatte. „Es tut mir leid, dass ich eure Klassenarbeiten noch nicht korrigiert habe“, entschuldige ich mich am Ende der Stunde. „Das ist nicht schlimm, wir brauchen die nicht so dringend zurück“, antwortet Florian, der sonst ganz still ist und sich nie meldet. „Vielleicht sollten Sie am Wochenende auch lieber mal wegfahren als unsere Arbeiten zu korrigieren“, ergänzt Paul, ein Schüler, mit dem ich seit Wochen Auseinandersetzungen habe. „Und übrigens“, wirft jetzt noch Luis ein, „der Typ muss ein ganz schöner Idiot sein, wenn er Sie verlässt.“ Durch die Klasse geht eine Welle von „Ja, genau!“ und „Aber wirklich!“. Beim Verlassen des Klassenzimmers muss ich lächeln. Es ist ein echtes Lächeln, das meine Schüler mir aufs Gesicht zaubern. Und auch, wenn sie in dieser Stunde vielleicht nicht ganz so viel über die Struktur der DNA gelernt haben, so haben sie gelernt, dass es in Ordnung ist, traurig zu sein und Schwäche zu zeigen. Das ist vermutlich mehr als man ihnen in ihrer ganzen Schullaufbahn je beigebracht hat. Was aber habe ich in dieser Stunde gelernt? Nicht das, was mir mein erster Chef während meiner Ausbildungszeit beigebracht hat, nämlich Professionalität. Ich habe etwas ganz anderes und viel Wertvolleres gelernt: Nur wenn man selbst Menschlichkeit zeigt, kann man Menschlichkeit erfahren.

Foto 1

Einer Kassiererin, die mir ihre Traurigkeit zeigt, würde ich sicher ein paar tröstende Worte spenden. Vielleicht würde aber auch ihr Chef sagen: „Bleiben Sie besser zuhause und erholen sich ein paar Tage.“ – wenn sie ihn nur fragte. Natürlich kann man einwenden, dass Arbeit auch ablenkt, aber manchmal muss man dem Herz Zeit geben, zu heilen und diese Zeit muss man sich zugestehen. Glück ist kein Zufall, es ist eine Wahl, die jeder Einzelne von uns hat. Aber ich strebe nach Authentizität, das gilt auch für das Glücklichsein.

Während meiner Meditation am Nachmittag überkommt mich bei den Gedanken an meine zehnte Klasse ein ganz leichtes, aber sehr warmes Gefühl von echtem Glück. Ein Glücklichsein, das erst durch eine Fremd- und daraus folgend durch eine Selbstbejahung ausgelöst wurde. Meine Schüler haben mich dazu gebracht, zu mir selbst und meinen Gefühlen zu stehen, kurz: Es macht mich glücklich, unglücklich sein zu dürfen. Ich werde bald wieder fröhlich vor meiner 10c stehen, aber dann werden die Schüler wissen, dass mein Lächeln echt ist, weil ich bei der Maskerade des Glücklichseins nicht mehr mitspiele.

Am Abend erreicht mich eine WhatsApp-Nachricht von Susanne. „Wie geht’s dir?“, fragt sie mit einem lächelnden Emoticon dahinter – dieses Mal weiß ich, dass die Frage nicht rhetorisch gemeint und das Emoticon ein echtes Lächeln ist.

 

* sueddeutsche.de/karriere/beruf-und-private-probleme-wie-man-sich-bei-liebeskummer-im-job-verhaelt, 13.1.2016

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20 Jahre LUSH: Interview mit LUSH-Mitbegründerin Rowena Bird

Rowena Bird ist eines der sechs Gründungsmitglieder von LUSH, die das britische Kosmetikunternehmen 1995 aufbauten und zu weltweitem Erfolg führten. Als Produktentwicklerin vieler LUSH Bestseller, wie der Make-up Linie Emotional Brilliance, beweist die ausgebildete…

Rowena Bird ist eines der sechs Gründungsmitglieder von LUSH, die das britische Kosmetikunternehmen 1995 aufbauten und zu weltweitem Erfolg führten. Als Produktentwicklerin vieler LUSH Bestseller, wie der Make-up Linie Emotional Brilliance, beweist die ausgebildete Kosmetikerin ein einzigartiges Gespür für Design, Farben und Innovation. Darüber hinaus ist Ro’ maßgeblich für den LUSH Spa und die Etablierung neuer Geschäftsbeziehungen sowie die weltweite Expansion der Marke verantwortlich. Rowena hat in diesem Interview einiges über sich verraten:

20 Jahre LUSH – wie fühlt sich das an?

Wie im Traum (lacht). Als wir mit LUSH anfingen, wollten wir einfach nur gute Kosmetikprodukte herstellen. Es gab keinen Businessplan, vieles hat sich von selbst ergeben. LUSH und ich sind sozusagen gemeinsam groß geworden. Mittlerweile gibt es uns in mehr als 51 Ländern. Unglaublich!

1995_Lush_Gründer_Rowena ganz rechts

So unglaublich wie der neue Flagship-Store auf der Oxford Street in London, wo es über 200 Neuheiten zu kaufen gibt.

Stimmt, das war schon verrückt. Ursprünglich sollte es nur eine kleine exklusive Reihe für das neue Geschäft in London geben. Dann haben wir uns überlegt, was wir den LUSH Fans schenken können und viele unserer Ideen umgesetzt. Wir haben einfach mal einen Geburtstag mit richtig vielen Überraschungen organisiert (lacht). Nun teilen wir diese Überraschungen mit der ganzen Welt.

Eine deiner wichtigsten Aufgaben bei LUSH ist die Entwicklung neuer Produkte. Wie lange dauert es jeweils, bis du zufrieden bist?

Das ist ganz unterschiedlich. Zum Teil passiert das ganz schnell und manchmal tüfteln wir mehrere Jahre lang an einer Neuheit weil alles perfekt sein muss. Ich sage niemals nie und arbeite gerne auch mal länger an Ideen.

Woher kommen die Ideen für Neuheiten?

Ich lasse mich oft von den Wünschen unserer Kunden und Kundinnen inspirieren – oder von meinen persönlichen Bedürfnissen, die sich laufend ändern. Seitdem ich vier bin habe ich mich für Kosmetik interessiert. Damals war es der Lippenstift meiner Mutter und die Bürste meiner Tante mit der ich mir ein Wunderland erschaffen habe. Diese innere Kreativität ging mir glücklicherweise nicht verloren.

Rowena_Bird_Lush_Store

Warst du schon immer an möglichst natürlichen Zutaten interessiert? Wie wichtig ist dir der Inhalt?

Ich habe früh die Vorteile von möglichst frischen Produkten entdeckt. Die Kunden interessieren sich heute ebenfalls mehr dafür, was genau in den Produkten steckt, wie sie wirken und woher die Inhaltsstoffe kommen. Wir bei LUSH haben uns von Anfang an für eine transparente Kommunikation entschieden. Trotzdem darf die Magie nicht fehlen.

Magie? Deine neueste Entwicklung heißt Magical Moringa.

Oh ja! Diese Creme ist pure Magie. Ich habe so viele schöne Rohstoffe kennenlernen dürfen. Zum Beispiel Arganöl aus Marokko, Rosenholzöl aus Chile und auch Moringa aus Ghana. Ich wollte diese drei Zutaten miteinander vereinen. Herausgekommen ist eine wunderbare pflegende Creme, die nicht fettet und der Haut ein magisches Gefühl gibt.

Was schaffst du es, dass dein Job dir auch nach 20 Jahren noch gefällt?

Ich habe ein absolut großartiges Team und den tollsten Job der Welt. Mich begleitet eine Art Check-Liste für meine Träume und Wünsche. Wenn ich da ab und zu ein Häkchen setze und zudem noch meine Ideen verwirklichen kann, bleibe ich ein glücklicher Mensch (lacht).

 

In diesem Video von LUSH könnt ihr Rowena Bird als Frau im Liegestuhl sehen. Der Hauptdarsteller ist übrigens Simon Constantine, der Sohn von Gründer Mark Constantine.

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Empathie – Die Basis des Zusammenlebens von Mensch und Tier

Die meisten Kinder sind von Geburt an neugierig. Sie erkunden ihre Umgebung und sind an allen anderen Dingen und Lebewesen interessiert. Das ist Teil eines angeborenen Bedürfnisses: Die Welt kennen…

Die meisten Kinder sind von Geburt an neugierig. Sie erkunden ihre Umgebung und sind an allen anderen Dingen und Lebewesen interessiert. Das ist Teil eines angeborenen Bedürfnisses: Die Welt kennen zu lernen und die Wesen, mit denen sie diese Welt teilen. Es sind entscheidende Momente in der Entwicklung des Kindes, denn – abhängig von ihrer jeweiligen Erziehung und den Erfahrungen, die sie machen – entwickeln sich Empathie und emotionale Intelligenz. In unserer Gesellschaft unterliegen sowohl das soziale Umfeld als auch das Erziehungssystem dem Speziesismus, der den Mensch als ranghöchstes Lebewesen betrachtet. Alle anderen Lebewesen werden ihm als minderwertig untergeordnet, sie haben folglich nicht die gleichen Rechte. Während ihrer Kindheit wird den meisten Kindern auf indirekte und subtile Weise vermittelt, dass die einzige Rolle der Tiere auf unserer Welt darin besteht, vom Mensch in jedweder Form benutzt zu werden. Anzeichen von Zärtlichkeit oder Mitleid mit einem Tier – vor allem mit den so genannten Nutztieren – werden im Entwicklungsprozess vieler Kinder als Zeichen von Schwäche und Unreife abgetan.

So erzählt ein Bauer in dem Dokumentarfilm „Das friedliche Reich“: „Ich wuchs in einer Bauernfamilie auf und mir wurde als Kind beigebracht, dass die Tiere für unseren Gebrauch da sind und dass dies Teil eines natürlichen Kreislaufes von Geburt und Tod ist. Ich habe das geglaubt, aber ich dachte mir auch, dass das irgendwie keinen Sinn ergibt. Denn wir hatten auch Hunde und Katzen und ich hatte eine enge Beziehung zu meinen Hunden. Wir waren wie beste Freunde, wir haben alles zusammen gemacht, doch mit den Nutztieren war das nicht so. Ich wusste nicht warum und fragte meine Mutter. Sie sagte mir, dass es normal sei sich schlecht zu fühlen wenn man Tiere tötet, um sie zu essen. Aber man dürfe sich das nicht anmerken lassen, sondern für sich behalten. Und das letzte was ich wolle, sei doch wohl als schwach zu gelten.“

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Dieser Prozess von schon fast brutaler Dissoziation und Desensibilisierung, der den Kindern beigebracht wird, scheint auf den Bauernhöfen und im Viehgeschäft notwendig. Im kleinerem Maßstab geschieht es ebenso in der Erziehung der Großstadtkinder, die darüber hinaus weniger persönliche Erlebnisse mit Nutztieren haben. Alles läuft auf sehr subtile Weise ab. Beispielsweise lesen wir den Kindern Geschichten vor, die lächelnde und glückliche Nutztiere zeigen. Diese Nutztiere geben geradezu mit Dankbarkeit ihren Körper für das Produkt her, das aus ihnen gemacht wird. All die Grausamkeit, die Nutztiere tagtäglich erleiden, wird ausgelassen, das Wort „Tod“ niemals erwähnt. Es werden vage Begriffe benutzt, um sich auf bestimmte Körperteile zu beziehen, beispielsweise verwendet man „Lende“ statt „Kalbfleisch“, „Schinken“ anstelle von „Schweinekeule“. Darüber hinaus wird das tierische Endprodukt unkenntlich gemacht und das bis zu dem Punkt, der es unmöglich macht, eine Verbindung zwischen den Lebensmitteln aus dem Supermarkt und den Tieren, von denen sie stammen, herzustellen.

Am Ende gehen viele Kinder dann davon aus, dass die Milch von einem unendlichen Brunnen stammt und Schnittkäse oder Nuggets von einer Fabrik kommen, die wie Kekse oder Brot produziert werden, oder dass es Fischstäbchenfische gibt. Die Kinder werden älter und bleiben unwissend oder auch ignorant gegenüber der schmerzlichen Wahrheit, die die Nutztiere sowohl auf Bauernhöfen als auch in grösserer Massentierhaltung erleiden und vor der Bauern, Produzenten und deren Kinder die Augen verschließen (müssen). Denn für die meisten Menschen ist die Vorstellung untragbar, für den grausamen Tod eines anderen Lebewesens verantwortlich zu sein, wenn auch oft nur indirekt durch den Fleischkonsum. Hackbraten, Steak, Filet – sie sind alle hübsch dekoriert angerichtet und verschleiern so die Tatsache, dass vor uns ein totes Tier auf unserem Teller liegt, das wegen uns Schmerzen und Qualen erleiden musste.

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Tierrettungshöfe, Tierschutzhöfe und Gnadenhöfe stellen eine Alternative zu all dem dar. Sie zeigen uns eine bessere Welt. Tier und Mensch leben in Koexistenz, ohne einander in irgendeiner Weise zu schaden oder die Freiheit und Lebensqualität des anderen Lebewesens einzuschränken. Kinder lernen dort die Bedürfnisse und Eigenarten der sogenannten Nutztiere kennen. Sie lernen, mit ihnen zu fühlen, genauso wie sie es mit ihren Hunden und Katzen Zuhause tun. Und sie sehen, dass es einen anderen, unkonventionellen Weg gibt, der auf Respekt und gegenseitiger Wertschätzung basiert.

PädagogInnen und KinderpsychologInnen bestätigen die hohe Bedeutung des Erlernens von Empathie. Ein gesundes Einfühlungsvermögen ist die Basis für ausgewogene soziale Beziehungen und ein stabiles Selbstwertgefühl. Etwa im ersten Lebensjahr werden Kinder sich ihrer selbst bewusst und fangen an, andere Menschen von sich selbst zu unterscheiden. Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr sind sie fähig zu verstehen, dass andere Lebewesen ihre eigenen Gefühle haben. Rund um das sechste Lebensjahr begreifen sie, dass andere Menschen ihre eigene Lebensgeschichte haben und dass diese ihre emotionalen Reaktionen beeinflusst. Mit etwa zehn Jahren können sie sich in die Lage anderer hinein versetzen und die Gefühle anderer Lebewesen verstehen. Diese gesamte Entwicklung wird durch einen grundlegenden Lernprozess bei Kindern stimuliert: Nachahmung. Bei der Kindererziehung sind daher nicht nur Erklärungen über richtig und falsch erforderlich, sondern vor allem müssen diese Erklärungen mit den Handlungen und Taten der Erwachsenen übereinstimmen.

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Die vegane Lebensweise ist für Tiere und Menschen der höchste Ausdruck für Gerechtigkeit, Respekt und Empathie und bringt Vorteile für Mensch, Tier und Umwelt. Unter den Studien, die Dr. Ernst W. Heinrich zusammengestellt hat, zeigt sich beispielsweise, dass die durchschnittliche Intelligenz veganer Kinder höher ist, als die von nicht vegan lebenden Kindern. Gründe dafür sind eine gesündere, weniger toxische Ernährung, was wesentlich für eine hohe intellektuelle Leistungsfähigkeit ist, sowie die Bildung einer intensiven Empathiefähigkeit. Die Basis dazu ist eine antispeziesistische Erziehung, die Tier und Mensch den gleichen Wert zuspricht, und den Kindern zeigt, wie man respektvoll mit anderen Lebewesen umgeht und zusammenlebt. Gerade die Entwicklung von Empathie im frühen Kindesalter ist eine Grundlage dafür, dass sie später einmal jedem Lebewesen mit Respekt und Aufrichtigkeit gegenüber treten.

Letztendlich ist das der Wegweiser in eine bessere Zukunft für uns alle.

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Zwischen Nostalgie und ökologischem Bewusstsein

Erst letztens ist es mir wieder passiert: Ein Freund von mir veröffentlichte ein Bild seines neuen Autos. Nichts allzu dramatisches möchte man denken, und bei jedem anderen Auto wäre das…

Erst letztens ist es mir wieder passiert: Ein Freund von mir veröffentlichte ein Bild seines neuen Autos. Nichts allzu dramatisches möchte man denken, und bei jedem anderen Auto wäre das vermutlich auch eine Meldung, der ich nicht lange Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Es war allerdings ein alter VW Käfer. Das Auto, welches es mir aus irgendeinem Grund seit jeher angetan hat. Ich weiß nicht warum, vielleicht liegt es daran, dass ich auch in Autos immer noch Parallelen zu menschlichen Gesichtszügen sehe. Die Scheinwerfer werden dabei zu Augen, die Stoßstange ersetzt den Mund, so in etwa. So gibt es Autos, die nach meiner Ansicht sympathisch aussehen, andere eher kühl, manche sogar grimmig. Mein Freund, der sich weitaus mehr für Autos interessiert als ich, schüttelt jedes Mal lachend den Kopf, wenn mein einziges Argument gegen ein Auto, welches er aufgrund technischer Details nahezu hinreißend findet, lautet: „Mir gefällt die Mimik nicht.“

Zurück nun aber zum VW Käfer: Im Affekt direkt erst einmal auf „Gefällt mir“ geklickt. Normalerweise bin ich im Netz eher stiller Beobachter, überlege mir mehrfach, ob ich einen Beitrag tatsächlich sichtbar für alle kommentieren soll, oder nicht doch besser eine private Nachricht schreibe. Und so kamen auch nach diesem „Gefällt mir“ die ersten Zweifel: Was sage ich damit eigentlich aus? Offensichtlich natürlich, dass mir dieses Auto gefällt. Vielleicht noch, dass mir gefällt, dass er es sich gekauft hat. Aber nicht auch, dass ich ein Auto toll finde, welches ökologisch gesehen eine kleine Katastrophe ist? Der Energieverbrauch wird von anderen, moderneren Fahrzeugen dieser Zeit klar geschlagen. Außerdem, eigentlich fahre ich doch sowieso nicht gerne Auto. Ich versuche es so gut es geht zu vermeiden, nehme bei annehmbarem Wetter das Fahrrad, ansonsten Bus und Bahn. Kann ich es also tatsächlich gut finden, dass nun weitere Abgase in unser ohnehin schon belastetes Ökosystem geblasen werden? Wo ist die Grenze zwischen Nostalgie und Nachhaltigkeit, ökologischer Verantwortung?

Bei meiner Ernährung fiel es mir recht leicht, auf gewisse Dinge wegen meiner persönlichen moralischen Überzeugung zu verzichten. Ich denke, es geht nicht nur mir so, dass bestimmte Gerichte an Erinnerungen und Gefühle geknüpft sind. Bei mir waren das immer Palatschinken. Für die, die es nicht kennen: Es ist eine Süßspeise. Crêpes werden dabei mit einer Mischung aus Quark, Rosinen und etwas Zitronensaft gefüllt, gerollt, und im Ofen gebacken. Dies war als Kind mein absolutes Lieblingsessen, und eine absolute Besonderheit, denn Palatschinken gab es nur höchst selten, da der Rest der Familie meine Begeisterung nur in Maßen geteilt hat. Da ich für Quark leider bisher noch keinen zufriedenstellenden Ersatz finden konnte, ist das ein Gericht, welches ich mir schon manchmal wünsche. Aber da fällt mir das verzichten Verzichten nicht so schwer. Ich arbeite auch an meiner veganen Quarkversion!

In anderen Bereichen bin ich leider noch nicht soweit. Ich liebe beispielsweise CDs. Natürlich, letztendlich landet das Lied als Datei auf einem mobilen Abspielgerät und somit bräuchte ich für Musikgenuss unterwegs nur die mp3-Datei. Dennoch liebe ich es, eine CD in der Hand zu halten, mir das Cover anzusehen, das Booklet durchzublättern, und sie in mein Regal zu stellen. Sie immer mal wieder heraus zu holen, und mich an Momente zu erinnern. Dieses Gefühl können mir Dateien auf meiner Festplatte einfach nicht ersetzen. Gleiches gilt für Bücher: Ich persönlich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich zu lange auf einen Bildschirm schaue. Ich weiß, mittlerweile soll es ziemlich gute E-Book-Reader geben. Diese sind aber, achtet man auf ihre Materialien und darauf wie kurzlebig technische Geräte heutzutage (so alt bin ich noch gar nicht, aber trotzdem!) sind, wohl auch keine echte Alternative. Außerdem ist es irgendwie nicht das gleiche. Ein Buch in der Hand zu halten, die Seiten umzuschlagen, ein Lesezeichen hineinzustecken. Es im Laden auszusuchen, ein paar Zeilen zu lesen, das Cover zu betrachten.Vermutlich wäre ein Bibliotheksausweis die beste Wahl. Man ist natürlich gebunden an Rückgabefristen und eventuell muss man auch warten, bis ein bestimmtes Buch wieder oder endlich überhaupt ausleihbar ist, aber man vermeidet auch, dass Bücher, während sie eben nicht gelesen werden, ungenutzt verstauben.
Mittlerweile gibt es vielerorts auch öffentliche Bücherschränke, an denen sich jeder frei bedienen und etwas herausnehmen oder hineingeben kann. So bekommen Bücher quasi ein „zweites Leben“. Die Auswahl ist natürlich begrenzt und man weiß nie, was einen nun erwartet. Aber das kann auch spannend sein, und vielleicht entdeckt man ja auch den einen oder anderen neuen Autoren für sich. Also: Öffentliches Bücherregal suchen oder bei der nächstgelegenen Bibliothek registrieren. Das Gefühl, ein Buch in das eigene Regal zu stellen, ersetzt das natürlich nicht.

Nostalgie, Entscheidungen aufgrund von Emotionen, zu Zeiten in denen wir immer wieder auf die Knappheit von Rohstoffen hingewiesen werden. Wenn ich ehrlich bin: Die Entscheidung für die CD oder das Buch sind nicht ökologisch. Sie sind auch nicht nachhaltig, oder zumindest ist die Nachhaltigkeit nicht der entscheidende Faktor bei meiner Kaufentscheidung. Es geht um den Mehrwert, um das, was der Kauf in mir auslöst. Um meine Nostalgie. Und das leider auf Kosten der Umwelt.

Wie seht ihr das? In welchen Situationen haltet ihr an einer nostalgischen Idee fest, obwohl es nachhaltigere Alternativen gäbe? Kennt ihr das Gefühl überhaupt? Ich bin noch auf dem Weg. Immerhin: Ich habe meinen Taschenkalender abgeschafft. Dieses Jahr ist das erste, in dem ich keinen verwende und ich habe es auch im nächsten Jahr nicht vor. Die Termine sind nun alle auf meinem Smartphone. So richtig glücklich bin ich damit noch nicht, aber ich merke, wie ich mich daran gewöhne.

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Die Glücksbringer Teil 4: Glücksgemeinde Schömberg

Deutschland hat nicht nur eine Glücksministerin, nahe der Stadt Pforzheim gibt es auch eine Glücksgemeinde. Ob die 7.800 Einwohner des Heilklimatischen Kurorts Schömberg im Nordschwarzwald mit seinen vier Ortsteilen tatsächlich glücklicher ist als andere,…

Deutschland hat nicht nur eine Glücksministerin, nahe der Stadt Pforzheim gibt es auch eine Glücksgemeinde. Ob die 7.800 Einwohner des Heilklimatischen Kurorts Schömberg im Nordschwarzwald mit seinen vier Ortsteilen tatsächlich glücklicher ist als andere, das verrät mir Christina Lehnhoff M.A., Leiterin Touristik & Kur.

Doris: Fühlen Sie sich glücklich? Und wenn ja, warum?

Christina Lehnhoff: Ich persönlich zähle mich meist zu den glücklichen Menschen. Selbst wenn manchmal ein Tag verhagelt ist – nicht immer läuft alles so, wie man es sich wünscht – zählt doch eher die Balance in aller Polarität des Lebens. Und da habe ich das Glück, ein Leben führen zu können, welches mir auf der einen Seite viel Raum für persönliche und berufliche Freiheiten lässt und gleichzeitig kreativen Spielraum einräumt. Das heißt aber auch, gezielt seine Energie auf die guten Dinge im Leben zu lenken statt sich im Frust zu suhlen. Meckerer sind in der Regel unglückliche Menschen. In Summe bedeutet für mich ein glückliches Leben, mit sich im Reinen zu sein. Doch ist Glück ist ein so großes Wort. Geht es oftmals nicht vielmehr um Zufriedenheit – den Frieden mit sich selber?

Schömberg ist eine Glücksgemeinde: Was heißt das für Sie und wie kam es dazu?

2009 hat der damalige Tourismuschef nach einem USP für Schömberg gesucht. Heraus kam das Glück. Was ursprünglich als Marketing-Gag geplant war hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Eine Lenkungsgruppe aus Gemeinderäten, Kirchenvertretern und Verwaltung hat ein Zukunftskonzept für Schömberg erarbeitet. Ziel ist es, als Gemeinschaft den Rahmen und die Grundlagen für sinnerfülltes, gutes und gelingendes Leben in all seinen Facetten zu schaffen und im Konfliktfall werthaltige Ziele vor monetäre zu setzen.

Für mich als Tourismusverantwortliche bedeutet dies, nicht immer auf „Höher, Schneller Weiter“ zu setzen, sondern die kleinen und wertvollen Dinge hervorzuheben, die wir hier im Schwarzwald haben. Und das ist vor allem die Natur. Hier gilt es, sie in all ihren Facetten erlebbar zu machen, sei es in Form von geführten Wanderungen, Veranstaltungen wie „Die lange Nacht der Natur“, Waldwochenenden für die ganze Familie oder Wanderlesungen, die Wanderung und Autorenlesung gleichzeitig sind, Yogawochen, Achtsamkeitstraining et cetera. Auch fand 2014 sehr erfolgreich die vierte Schömberger Glückswoche statt, eine Woche mit vielen Veranstaltungen, Vorträgen und Workshops zum Thema Glück und gutes Leben, Naturerlebnissen und Entschleunigung – alles Themen, die uns ein bisschen aus unserem stressigen Alltag und dem Hamsterrad des „Immer Mehr“ entführen.Image

Ein essentieller Wert ist die Beteiligung der BürgerInnen und demzufolge der Lebensqualität: Welche Maßnahmen setzen Sie auf diesem Schritt? Wie wird das möglich?

Es gab eine Arbeitsgruppe aus Bürgern und interessierten, die 2011 eine erste Bürgerbefragung auf den Weg gebracht hat. Es gab einen Wettbewerb zu sichtbaren Installationen zum Thema Glück, Anfang 2013 wurden die Bürger Schömbergs eingeladen, ihre Idee für das Glück in Schömberg beizusteuern und Anregungen zu geben, wie wir als Gemeinde auf Bedürfnisse und Wünsche wirksam eingehen können. Leider war die Resonanz sehr verhalten – und das ist sie heute noch.

Sicherheit – Freiheit – Sinn: Diese drei Werte sind stark verankert. Warum gerade diese?

Sicherheit und Freiheit sind die wichtigsten Werte in einer Demokratie. In vielen Teilen dieser Erde sind sie abhanden gekommen oder waren noch nie vorhanden. Diese Werte geben uns Halt und Raum. Außerdem leben wir in einer Zeit der Sinnorientierung. Wir sind auf der Suche nach dem, was uns wirklich wichtig ist. Das ist in unserer multioptionalen Zeit sehr unübersichtlich geworden. Dadurch, dass wir uns damit beschäftigen, haben wir die Chance uns weiterzuentwickeln und zu Individuen zu werden. Nutzen wir sie!

„Schömberg möchte bis zum Jahr 2020 […] zum körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefinden seiner Bürgerinnen und Bürger beitragen“ schreiben Sie: Wie weit sind Sie dabei? 

Wir versuchen, die ersten Schritte auf dem Weg zu einer Gemeinwohlökonomie-Gemeinde zu gehen: ecogood.org

Inwieweit hat sich das Glück in der Gemeinde verstärkt? Wie messen Sie das – gibt es Studien dazu? 

Zur Zeit ist die zweite Bürgerbefragung in Arbeit. Der Vergleich mit der ersten wird zeigen, wie sich das Glücksempfinden verändert hat.

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Was haben Sie in Ihrer Arbeit am Glück und in einer Glücksgemeinde für sich persönlich, aber auch für andere, die es Ihnen gleich tun wollen, gelernt?

Man kann Menschen für solch abstrakte Themen begeistern. Das Glück kann man keinem überstülpen. Manche Menschen brauchen ihr Unglück. Manche Menschen haben Angst vor dem Glück. Und für manche hört das Glück beim Glücksklee auf. Und ich habe dabei vor allem ein gelernt: Gelassenheit.

Jetzt hat Deutschland auch eine „Glücksministerin“ – gibt es da Kontakte und wenn ja, wie sehen diese aus?

Selbstverständlich. Einen ersten Kontakt gab es 2013. Die Glücksministerin Gina Schöler hat unsere Bürgermeisterin Bettina Mettler interviewt. Wir haben das Ministerium, welches auf Spenden angewiesen ist, bei einem Filmevent in Mannheim unterstützt. „What Happiness is“ ist ein wunderbarer Roadmovie von Harald Friedl. Er dokumentiert ein weltweit einzigartiges Projekt im Königreich Bhutan. Beamte und Beamtinnen des Ministeriums für Glück sind acht Monate lang unterwegs, um mit dicken Fragebögen das Glück im Land zu ermitteln. Den Film haben wir übrigens auch in unserer Glückswoche gezeigt und Harald Friedl folgte unserer Einladung nach Schömberg. Schömberg und Bhutan verbindet das Thema Glück und damit eine lockerer Partnerschaft. Gina Schöler hat uns in unserer diesjährigen Glückswoche wunderbar unterstützt, es gibt einen regelmäßigen Austausch. Und wir entwickeln jetzt schon Ideen für die nächste Schömberger Glückswoche 2016.

Danke und noch viel Glück! 

 

Hier geht es zur Website der Glücksgemeinde: www.schoemberg.de

 

Hier findet ihr “Die Glücksbringer Teil 1: Glückstrainerin Diana Grabowski“.

Und hier zu Teil 2 über Glücksministerin Gina Schöler.

Der dritte Teil: „Die Glücksbringer Teil 3: “die Sinnstifter” über das Schulfach Glück

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Die Glücksbringer Teil 3: „die Sinnstifter“ über das Schulfach Glück

„Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass Glück hauptsächlich von drei Faktoren bestimmt wird: Den Genen (50%), den Lebensumständen (10%) und zu 40% (!) von unserer persönlichen Einstellung“, wissen Margot Maaß und Siegfried…

„Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass Glück hauptsächlich von drei Faktoren bestimmt wird: Den Genen (50%), den Lebensumständen (10%) und zu 40% (!) von unserer persönlichen Einstellung“, wissen Margot Maaß und Siegfried Neubauer, die als „die Sinnstifter“ Unternehmen und Einzelpersonen in Sachen Glück beraten. Damit wir von Kindesbeinen an Glücksgewohnheiten etablieren, haben sie in Kooperation mit dem Fritz-Schubert-Institut die Initiative “Schulfach Glück Österreich” gegründet. „Ich habe in den vergangenen Jahren erlebt, was vielen jungen Menschen fehlt, wenn sie von der Schule in den Arbeitsmarkt eintreten: Lebenskompetenz, Eigenverantwortlichkeit, Freude an der Leistung und manche stellen sich auch die Frage nach dem Sinn im Leben“, so Maaß über ihre Intention, „das sind jene Themen, die wir mit dem ‚Schulfach Glück‘ stärken wollen.“ Seit dem Schuljahr 2009/10 steht das Glück mittlerweile an über 130 Schulen in Österreich und Deutschland auf dem Lehrplan. Mit Erfolg! So wirkt es sich laut einer Heidelberger Studie aus dem Jahr 2012 nicht nur positiv auf das Selbstwertgefühl der SchülerInnen aus, auch LehrerInnen profitieren von den praktischen Übungen: „Damit begeben sie sich selber auf die Suche, was Glück für sie bedeutet und werden so zu Schatzsuchern, nicht nur bei ihren Schülern.

Doris: Fühlen Sie sich glücklich? Und wenn ja, warum? 

Maaß: Die Liste an Momenten, Menschen und Möglichkeiten, die für mich persönlich Glück bedeuten, ist lange. Dafür bin ich sehr dankbar. Dankbarkeit ist übrigens ein wichtiger Schlüssel zum Glücklichsein, weil sie den Blick schärft, das Gute in seinem Leben zu sehen.

Neubauer: Suche den Sinn im Leben und du wirst Glück finden. Glück ist in den meisten Fällen also kein einmalig erreichter Zustand, sondern es erneuert sich immer wieder selbst, indem man in seinem Leben große oder kleine Dinge tut, die für einen selbst Sinn machen. Genau das versuche ich.

Sie arbeiten sowohl mit Unternehmen als auch Einzelpersonen und üben sich darin, Sinn zu stiften. Warum ist dieser so wichtig fürs Glück – haben Sie konkrete Fallbeispiele aus der Praxis? 

Maaß: Viktor Frankl war überzeugt, dass der Mensch unabdingbar nach Sinn und Bedeutung in seinem Leben sucht. Für ihn beispielsweise lag der Sinn zum Überleben darin, dass er später jungen Studenten über die psychischen Auswirkungen des Konzentrationslagers berichten wollte. Die Theorie des Wohlbefindens nach Martin Seligman, dem Begründer der Positiven Psychologie umfasst neben dem Sinn weitere vier Elemente: Positives Gefühl, Engagement, positive Beziehungen und Zielerreichung (PERMA Modell). In unserer Arbeit als „die Sinnstifter“ ist es uns wichtig, all diese fünf Faktoren mit einzubeziehen. Zusammengefasst könnte man das so beschreiben: Gemeinsam sinnvolle Ziele erreichen und dabei Freude erleben. Zweifelsohne ist das ein hehres Ziel und permanenter Balanceakt in einer Gesellschaft und Wirtschaft, die von Shareholder Value und Rationalisierungsdruck geprägt ist. Wenn es mir aber als Unternehmer gelingt, eine Kultur zu entwickeln und ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeiter Sinn in ihrem Tun erleben, dann ist das ein Gewinn für jeden einzelnen, der sich auch monetär rechnet, davon sind wir überzeugt.

Neubauer: Nicht umsonst legen immer mehr Vorstände und Geschäftsführer Wert auf eine „sinnstiftende Business Mission und Strategie“, die in den Köpfen UND Herzen der Führungsmannschaft und Mitarbeiter verankert ist.

Warum ist das Glück derzeit so „en vogue“, warum suchen wir – der Wahrnehmung nach – immer stärker nach dem Glück? 

Neubauer: In einer, zumindest von uns erlebten Wohlstandsgesellschaft, in der alles verfügbar ist, in der kaum ein Mangel an materiellen Gütern herrscht, wächst die Bedeutung von immateriellen Werten wie Freundschaft, soziale Zugehörigkeit, Familie, innere Balance und Ähnlichem, selbst wenn es auf Kosten von materiellen Dingen wie Einkommen oder Status geht. Manche Erscheinungen wie Facebook oder Twitter befriedigen diese Bedürfnisse –  aber nur vordergründig. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Mensch irgendwann in seinem Leben drauf kommt, dass seine innere Ausgeglichenheit und sein „Glück“ nicht von außen bestimmt sind sondern von innen. Spätestens dann macht er sich auf den Weg zu sich selbst.

Warum sind manche Menschen – in manchen Regionen, aber auch generell – glücklich und andere nicht? 

Maaß: Felicia Huppert und Timothy So von der Cambridge University haben Eigenschaften definiert, die Menschen dabei unterstützen, sich zu entfalten und aufzublühen (flourishing) und haben dies in 23 europäischen Ländern gemessen. Dänemark führt dieses Ranking an, das heißt 33 Prozent der Dänen erfüllen die Flourishing-Kriterien (Positives Gefühl, Engagement/Interesse, Sinn/Bedeutung im Leben, Selbstachtung, Optimismus, Resilienz, positive Beziehungen). England liegt mit 18 Prozent im Mittelfeld, Russland belegt mit 6 Prozent den letzten Platz. Die Untersuchung hat gezeigt, dass stärkeres Aufblühen mit dem Maß der Ausbildung und Erziehung, höherem Einkommen und verheiratet sein zusammenhängt. Die allgemeine Gesundheit ist ebenfalls in mäßigem Umfang mit Flourishing verbunden. Ziel der Politik sollte es sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Aufblühen der Menschen unterstützen. Das BIP als Indikator um den Wohlstand zu messen, greift jedenfalls zu kurz.

Neubauer: Geht man auf Ernst Fritz-Schubert zurück, so ist auch „die Freiheit der Selbstbestimmung“ von wesentlicher Bedeutung für das Aufblühen des Individuums. Sowohl politisch als auch wirtschaftlich und gesellschaftlich lassen sich hier Parameter finden wie beispielsweise freier Zugang zur Bildung, gelebte Demokratie und Pressefreiheit, oder Religionsfreiheit.

Was braucht es, um glücklich zu sein beziehungsweise was kann jemand, der unglücklich ist, tun, um glücklich zu werden?

Maaß: Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass Glück hauptsächlich von drei Faktoren bestimmt wird: Den Genen (50%), den Lebensumständen (10%) und zu 40% von unserer persönlichen Einstellung. Die gute Nachricht ist daher, Glück kann man lernen, weil wir an unserer Einstellung tagtäglich arbeiten können. Normalerweise verwenden wir viel mehr Zeit dafür, darüber nachzudenken, was alles schiefgelaufen ist. Das ist Nährboden für Angst und Depression. Wenn ich mir jedoch jeden Abend nur zehn Minuten Zeit nehme und drei Dinge aufschreibe, die an diesem Tag gut gelaufen sind und warum sie gut gelaufen sind, richte ich meinen Fokus ganz bewusst auf die guten Momente und Erlebnisse in meinem Leben und ich kann damit mein Glück und Wohlbefinden steigern.

Neubauer: Man kann Glück besonders dann fassen und erleben, wenn man mit offenem Geist und Herzen durch das Leben geht. Das kann man lernen mit Hilfe von Stärkenorientierung, positivem Denken, Eigenverantwortung, gesteigertem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl.

Sie setzen sich außerdem für das Projekt „Glück in der Schule“ ein – warum ist das Ihrer Meinung nach wichtig und wie kamen Sie zu diesem Projekt?

Maaß: Ich habe in den vergangenen Jahren erlebt, was vielen jungen Menschen fehlt, wenn sie von der Schule in den Arbeitsmarkt eintreten: Lebenskompetenz, Eigenverantwortlichkeit, Freude an der Leistung und manche stellen sich auch die Frage nach dem Sinn im Leben – das sind jene Themen, die wir mit dem „Schulfach Glück“ stärken wollen.

Neubauer:Wir müssen wegkommen von alten schulischen Systemelementen, bei denen Schwankungen sowohl nach oben als auch nach unten als störend empfunden werden. Die Aufgabe der Schule hat sich dramatisch geändert. Sie muss in der Lage sein, unsere Kinder und Jugend auf eine Welt vorzubereiten, von der niemand weiß, wie sie in zehn oder 20 Jahren aussehen wird. Als Initiative “Schulfach Glück Österreich” verfolgen wir das Ziel, das “Schulfach Glück“ im Sinne des Begründers Ernst Fritz-Schubert verstärkt in Österreichs Schulen hineinzutragen. Das Weiterbildungsprogramm „Schulfach Glück“ vermittelt Pädagogen inhaltliche und didaktische Grundlagen zur Durchführung von Unterricht, der die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen gezielt fördert: Mit Lebenskompetenz und Lebensfreude zu einem gelingenden Leben.

Lernt man als junger Mensch leichter, glücklich zu sein?

Maaß: Das Problem ist, dass wir im Laufe unseres Lebens wieder verlernen, glücklich zu sein. Die Schule tut ihres dazu. Schule muss zur angstfreien Zone werden! Damit schaffen wir eine Basis, die junge Menschen unterstützt, ihre eigenen Potentiale zu entdecken und diese wirksam einzusetzen.

Neubauer: Zum einen fällt besonders bei Kindern auf, dass sie in der Lage sind im Hier und Jetzt stark zu empfinden, also präsent zu sein. Das ist auch hilfreich für das Gefühl Glück. Zum anderen haben Menschen mit zunehmender Erfahrung deutlich mehr Filter eingebaut, verlieren an sensorischen Fähigkeiten und sind so weniger in der Lage präsent zu sein. Daher kommt in diesem Stadium anderen Elementen wie Reflexionsfähigkeit oder das Erkennen von Vernetzungen eine stärkere Bedeutung zu.

Neben den Schülern sind ja offenbar auch die LehrerInnen eine wichtige Zielgruppe des Fachs „Glück in der Schule“: Warum das? Wie können diese in Ihrem Glück beeinflusst werden? Und gibt es dazu schon Rückmeldungen? 

Maaß:Die Teilnehmer unseres Lehrgangs „Schulfach Glück“ erleben selbst alle praktischen Übungen, körperliche und gemeinschaftliche Herausforderungen die sie dann im Unterricht einbauen können. Damit begeben sie sich selber auf die Suche was Glück für sie bedeutet und werden so zu Schatzsuchern, nicht nur bei ihren Schülern.

Neubauer:Darüber hinaus wollen LehrerInnen in der Ausübung ihres Berufes erfolgreich, also wirksam sein (wie viele andere auch) und so persönlich Erfüllung finden. Die Kenntnisse über das „Schulfach Glück“ und die Anwendung der Methoden und Instrumente im Schulalltag wirken präventiv gegen Abschalten, Berufsausstieg oder Burnout und steigern die Wirksamkeit von LehrerInnen in der Ausübung ihres Berufes enorm.

Hier zwei Statements von LehrerInnen, die an der Weiterbildung zum „Schulfach Glück“ teilgenommen haben:

„Ich habe persönlich ganz viel gelernt: Meine Schüler zu inspirieren, mir von meinen negativ eingestellten Kollegen in der Schule nicht ‚den Schneid abkaufen zu lassen‘, meine eigenen Ziele ernst zu nehmen und mit Schülern positiv zu arbeiten. Außerdem glaube ich mehr als vorher, dass wir kreativ sein müssen, auch mal was Verrücktes wagen und Unterricht ständig weiterentwickeln. Obwohl es manchmal anstrengend war, ich habe viel gelacht in der Weiterbildung. (…)“ Gymnasial-Lehrerin

„Ich bin voller neuer Ideen, die ich in- und außerhalb des Schulfachs Glück anwende. Für mich war das eine unheimlich wichtige Anregung, die meine Schüler direkt zu spüren kriegen. Positiv zu spüren.“ Lehrerin, die zuvor von Anzeichen eines Burn-outs berichtet hatte.

Danke fürs Teilen des Glücks! 

 

Mehr über „die Sinnstifter“ und ihre Projekte findet ihr unter www.diesinnstifter.at

Das Weiterbildungsprogramm „Schulfach Glück“ vermittelt Pädagogen inhaltliche und didaktische Grundlagen zur Durchführung von Unterricht, der die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen gezielt fördert: Mit Lebenskompetenz und Lebensfreude zu einem gelingenden Leben. Details zum Lehrgang, der am 24. Oktober 2014 startet, unter www.schulfachglueck.at

Hier geht es zu “Die Glücksbringer Teil 1: Glückstrainerin Diana Grabowski“.

Und hier zu Teil 2 über Glücksministerin Gina Schöler.

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Die Glücksbringer Teil 2: Glücksministerin Gina Schöler

Manchmal beneide ich meine deutschen Nachbarn. Warum? Sie haben eine Glücksministerin. Ja, richtig gelesen: Seit November 2012 führt Gina Schöler ihr Ministerium für Glück und Wohlbefinden. Was damals als Semesterprojekt an…

Manchmal beneide ich meine deutschen Nachbarn. Warum? Sie haben eine Glücksministerin. Ja, richtig gelesen: Seit November 2012 führt Gina Schöler ihr Ministerium für Glück und Wohlbefinden. Was damals als Semesterprojekt an der Hochschule Mannheim als Kampagnenidee entwickelt wurde, ist für die junge Kommunikationsdesignerin längst zur Beruf(ung) geworden. Seither gibt sie bei Workshops, Seminaren, Aktionstagen und Happynings weiter, was sie als Glücksministerin gelernt hat und ermuntert, sich Fragen zu stellen: Was will ich? Was brauche ich? Was macht mich glücklich? Und sie sorgt dafür, dass bei all dem Glückstraining der Spaß nicht zu kurz kommt. Mit ihrem Glücksspiel zum Beispiel: „Spendiere beim Bäcker heute jemanden einen Kaffee“, steht auf einer der Karten, die mit QR Codes versehen sind. Hat man die Aufgabe erfüllt – mit einem Lächeln, versteht sich -, gibt man die Karte an eine andere Person weiter. So soll diese durch ganz Deutschland wandern und möglichst viele Menschen glücklich machen. Das ist zumindest der Plan von Gina Schöler, die sich als selbsternannte Glücksministerin kein geringeres Ziel gesetzt hat, als Deutschland glücklicher zu machen.

Doris: Wie geht es der Frau Minister? Bist du in deiner Amtszeit glücklicher geworden? Wenn ja, warum? 

Gina Schöler: Ich habe von dieser Thematik unfassbar viel mitgenommen und gelernt. Vorher war ich ein unbeschriebenes Blatt, eine Kommunikationsdesignerin, der es zwar gut geht, die sich aber noch nie die Frage gestellt hat, was sie will, was sie wirklich kann und was sie denn eigentlich glücklich macht. Dann kam das Glück. Und ich lernte und staunte und fragte nach. Und ich lernte auch mich selbst ein Stück weit besser kennen. Man nimmt viel mit, wenn man sich intensiv mit dem „guten Leben“ beschäftigt. Es sind die kleinen Dinge, die man realisiert: Ruhe, Genuss, Aufbruch, Klarheit – das pure Leben in allen Varianten mit allen Sinnen und Emotionen wahrnehmen und genießen. Das kann man lernen und üben und das macht richtig Spaß!

Das Glücksministerium war ja am Anfang ein Studentenprojekt: Wann hast du die Entscheidung getroffen, dass es für dich zu deinem (Berufs)Leben wird? Und warum?

Die Tatsache, dass das Projekt für mich mehr ist als nur ein Studiumsprojekt, war mir sehr schnell klar. Mit soviel Euphorie, Tatendrang, Ideenreichtum und Begeisterung habe ich vorher noch nie ein Projekt bearbeitet. Es hat sehr viel in mir ausgelöst und mir vor allem gezeigt, dass in mir noch viel mehr schlummert und ich mit meiner Fähigkeit der Kommunikation und der Visualisierung mehr erreichen kann: Menschen bewegen und begeistern, einen sinnvollen und glücklichen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Das steckt an und motiviert ungemein und da hat das MfG etwas in mir geweckt, was mich wohl ein Leben lang begleiten wird. Zum einen wollte ich natürlich einfach nicht aufhören, dieses Thema und das Projekt voranzutreiben und auszubauen, zum anderen habe ich einfach nach dem Motto gehandelt, sein Hobby beziehungsweise die Berufung zum Beruf zu machen – was gibt es Schöneres?

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Glück ist gerade im Trend: Warum ist das so? 

Wahrscheinlich würde ich es nicht Trend nennen, man spürt schon den Bedarf eines Wertewandels und genau da setzt das MfG auch an. Fragen stellen, Impulse geben, Reaktionen abwarten, präsent sein, das Ganze leicht greifbar und sympathisch verpacken, so dass alle verstehen, dass jeder sein eigener Glücksexperte werden kann. Es gibt ganz offensichtlich einen großen Bedarf an Veränderung, das spürt man in allen Bereichen, an allen Ecken und Enden. Die Menschen wollen nicht mehr auf der Überholspur leben, sondern auch mal einen Abstecher machen, eine Pause am Wegesrand einlegen, den Rückwärtsgang einlegen. So langsam sickert durch, dass es so nicht weitergehen kann und überall sprießen Ideen und Alternativvorschläge und -konzepte, es ist eine spannende Zeit. Das Leben kann mehr als Profit und Erfolg. Nämlich Glück.

Glück wird größer, wenn man es teilt: Was waren deine besten Glücksmomente – in deinen Kursen, deinen Coachings, deinen Workshops…

Das Beste, das einem passieren kann, sind leuchtende Augen, strahlende Gesichter, kleine Glühbirnen über den Köpfen der Menschen, die gerade realisieren, was sie anders machen und ausprobieren könnten. Nach Events oder Workshops kommen Menschen oft zu mir und schütten nochmal ihr Herz aus, resümieren und erzählen mir von ihren Plänen und Gedanken, wie sie nun in Zukunft mit sich und ihrem Umfeld umgehen möchten. Diese stillen Worte, herzlichen Umarmungen und auch langen E-Mails sind das Größte! Und oft wird gesagt und gedankt, dass sie sich vorher noch nie die Frage nach dem Glück stellten und dies das erste Mal war!

Du führst auch Glücksumfragen durch: Was ist das Ergebnis – wie glücklich sind die Menschen? Und was machen die Glücklichen anders?

Repräsentativ führe ich (noch) keine Umfragen durch, ich stehe mit den Menschen nur sehr oft im Dialog, sowohl online als auch offline. So zum Beispiel in Straßeninterviews, in Form von Malwettbewerben, Online-Diskussionen oder Kampagnen-Aktionen. Persönlich habe ich das Gefühl, dass die Menschen schon ganz glücklich sind, es vielleicht kulturell bedingt nur ganz gut verstehen, das manchmal zu verstecken. Aber gerade durch die kleinen verschiedenen Aktionen der Kampagne merke ich, wie die Leute oft sehr schnell aufblühen, wenn man sie an der richtigen Stelle kitzelt, das macht riesig Spaß! Was die „Glücklichen“ meiner Meinung nach ausmacht: Leben, lieben, lachen. Abenteuerlust, Mut, Entschiedenheit, Neugierde, raus in die Natur, Neues erleben, teilen, helfen, dankbar sein.

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Traurigkeit, Verlust, Unglück – das gehört ja auch zum Leben dazu. Wie sollen wir damit umgehen deiner Meinung und Erfahrung nach? 

Da es zum Glück nicht darum geht als dauergrinsende Honigkuchenpferde das Leben zu bestreiten, gehört es ganz natürlich mit dazu, dass es ein Auf und Ab gibt. Ohne die Tiefen können wir die Höhen gar nicht so zu schätzen wissen und deshalb muss man auch in schweren Zeiten das Unglücklichsein zulassen. Man darf sich nur nicht darin verlieren, dann wird es kritisch. Die Kunst ist es, auch in traurigen Zeiten, die jeder von uns hat, den Ausgleich zu schaffen, das Positive zu sehen oder zumindest zu erahnen und sich selbst wieder aufzurappeln.

Bewusstsein, Reduktion, Zufriedenheit – diese drei Schlagworte stehen auf der Website ganz oben. Warum genau diese drei?

Bewusstsein – aufwachen, die Scheuklappen ablegen und dem alltäglichen Autopiloten entfliehen. Sich seiner selbst, dem Leben und der eigenen Umgebung wieder bewusst werden, sich wesentliche Fragen zu stellen und nicht aufzuhören, nach Antworten zu suchen. Wie will ich leben? Was will ich wirklich? Was kann ich dafür tun? Seine im Laufe des Lebens wandelnde Identität und die damit verbundenen Träumen wahr- und ernstnehmen und an der Umsetzung dieser arbeiten. Wenn ich tanze, tanze ich. Wenn ich schlafe, schlafe ich. Voll und ganz bei der Sache sein, im Hier und Jetzt leben, jeden Moment mit allen Sinnen genießen – all dies fällt uns in der immer schneller werdenden Welt immer schwerer. Ein Plädoyer an die Kunst des Wahrnehmens und des Genießens. Reduktion – ist weniger das neue mehr? Wenn wir abspecken müssen, um auch weiterhin eine nachhaltige, gute und glückliche Zukunft garantieren zu können, müssen wir uns vor Augen führen, was das „mehr“ ist, wenn weniger mehr sein soll. Es sind die wesentliche Dinge, die das Leben lebenswert machen und auf die es sich zu konzentrieren gilt. Es ist unser Glück. Und dafür braucht es nicht viel, vor allem nichts Materielles. Eine Motivation zum Aussortieren und sich wieder frei machen. Äußerlich und innerlich. Beruflich und privat. Materiell und ideell. Lebenskunst ist die Kunst des richtigen Weglassens. Was brauche ich also wirklich? Zufriedenheit – Es gibt genug Zeitdruck und Konkurrenzkampf in unserem Leben. Wenn man bei sich und mit dem, was man ist und hat zufrieden ist, kann man dem Zirkus da draußen gelassener entgegentreten und es berührt einen nicht mehr so sehr. Man darf sich bewusst werden, dass man keinem Ideal hinterherrennen muss, um ein gutes Leben zu führen. Sei du selbst. Alle anderen gibt es schon. Was macht mich glücklich?

Wie geht’s weiter? Was sind die Pläne und nächsten Schritte der Glücksministerin?

Gerade plane ich ganz konkret mehr Workshops und Seminare zu machen. An Schulen und auch an Unternehmen. Ich möchte mit den Menschen noch intensiver und persönlicher zusammenarbeiten und gemeinsam mit ihnen das Bruttosozialglück gestalten und erarbeiten. Ideen und Visionen gibt es viele! Die nächste Zeit werde ich auf einigen Konferenzen in Deutschland und auch in der Schweiz sein, dort das Thema und das Projekt vorstellen und die Leute spielerisch dazu animieren, mitzumachen. Und eventuell hat das MfG auch bald einen offiziellen Sitz, dann ergeben sich nochmal ganz andere Möglichkeiten und Kontakte zu den Bürgern.

Danke und weiterhin viel Glück!

Mehr zum Ministerium für Glück und Wohlbefinden unter ministeriumfuerglueck.de

 

Hier geht es zu „Die Glücksbringer Teil 1: Glückstrainerin Diana Grabowski„.

2 Kommentare zu Die Glücksbringer Teil 2: Glücksministerin Gina Schöler

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