Eco. Life. Style.

Kategorie: Kolumnen.

Sergio Bambaren – Interview mit einem Schriftsteller und Träumer

Begegnungen zwischen Mensch* und Tier sind in seinen Büchern allgegenwärtig. In der Rezension zu seinem neuesten Buch „Das Fenster zur Sonne“ wird Sergio Bambaren als „stiller und kritischer als je…

Begegnungen zwischen Mensch* und Tier sind in seinen Büchern allgegenwärtig. In der Rezension zu seinem neuesten Buch „Das Fenster zur Sonne“ wird Sergio Bambaren als „stiller und kritischer als je zuvor“ beschrieben. Ich habe nachgefragt, was der Schriftsteller über reale Konsequenzen der dominierenden Mensch-Tier-Beziehungen denkt, wie sein Schreiballtag aussieht, und ob er tatsächlich denkt, dass Träumer*innen die Welt verändern können.

Die englische Version des Artikels findet ihr im Anschluss, das Interview wurde ursprünglich auf Englisch geführt.

Victoria: Hat das Schreiben von Büchern Ihr Leben verändert?

Sergio Bambaren: Es hat mein Leben komplett verändert, zum Positiven. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es so viele Menschen auf der Welt gibt, die ihr eigenes Leben so sehr in Frage stellen wie ich es mit meinem eigenen tue. Das gibt mir Hoffnung, dass wir die Welt zu einer besseren machen können, für uns alle.

Welches Buch hatte den größten Einfluss auf Ihr Leben?

Ich denke, alle von ihnen. Es sind alles wahre Geschichten mit ein bisschen Fiktion. Aufgaben, die das Leben mir gegeben hat und die ich mit meinen Lesern teile. Ihre E-Mails sind das größte Geschenk, das man mir machen kann!

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Wie sieht Ihre tägliche Routine aus, wenn Sie schreiben? Welchen Effekt haben Deadlines auf den kreativen Schreibprozess?

Das liebe ich am meisten. Ich habe keine tägliche Routine. Jeder Tag ist ein neues Abenteuer, das es zu entdecken gilt. In einer gewissen Art und Weise habe ich mein Leben wiederentdeckt. Ich entscheide, was ich mit meiner Zeit tue. Manchmal, weit weg vom Lärm der Massen, mitten in der Natur in meinen „Haus des Lichts“, weiß ich nicht einmal welcher Tag es ist oder welche Uhrzeit wir haben. Ich lasse mich treiben in den Gezeiten des Meeres und dem Wechsel der Jahreszeiten.

Normalerweise schreibe ich in der Nacht, in der Stille der Einsamkeit, mit einem Himmel voller Sterne und dem Meer direkt vor mir. Inspiration ist wie Melancholie. Du weißt nie, wann sie kommt. Deadlines waren nie ein Problem. Wenn ich schreibe, was mein Herz mir sagt, gibt es keine Deadlines.

Warum schreiben Sie über Tiere in Ihren Büchern? Sind sie eine Art von Metapher oder denken Sie wirklich über Ihre realen Umstände in der Gesellschaft nach?

Alle Tiere und Kreaturen über die ich schreibe sind real. Ich schwimme mit Walen und Delfinen, ein kleiner wilder Fuchs namens Chiqui kommt und geht in meinem Haus, die Schildkröten, die Krabben, sie alle existieren. Die Natur gibt immer mehr zurück als sie nimmt, darum kommen die meisten Dinge, die ich gelernt habe, von der Natur. Ich kann diese nicht mit der menschlichen Gesellschaft vergleichen. Tiere kennen keine Gier, Neid, Vergeltung, Hass. Sie lassen sich einfach vom Leben selbst treiben.

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Denken Sie, die Dominanzbeziehung zwischen Mensch und Tier sollte sich ändern? Wenn ja, wie sollte diese Änderung aussehen?

Ich bin Vegetarier, also kann ich mit Konsequenz sprechen. Das Leben ist wertvoll für mich, sei es das einer Ameise oder das eines Elefanten. Wir sollten die Natur respektieren und von ihr lernen. Auf die gleiche Art sollten wir uns gegenseitig respektieren für das, was wir sind. Grausamkeit gegenüber Tieren, selbst Bäumen, ist etwas, das ich nicht verstehen kann, also versuche ich für die zu kämpfen, die nicht für sich selber kämpfen können.

Denken Sie, die industrielle Massentierhaltung ist ein Problem?

Sie ist die größte Grausamkeit von allen. So wie sich die Welt langsam in ein großes Shoppingcenter verwandelt, füttern wir die Tiere nur um sie dann zu essen. Es ist komisch, wie wir in unserer westlichen Gesellschaft einen Pandabären oder einen Delfin niedlich finden. Aber eine Kuh? Sie ist nur Fleisch. Diese Art zu denken werde ich nie verstehen. Für mich ist jedes Leben heilig.

Am Anfang Ihres neuen Buches schreiben Sie: „Manche Vögel sind nicht dafür gemacht im Käfig zu leben.“ Was bedeutet das? Welche Vögel sind denn dafür gemacht im Käfig zu leben? Ist das nur eine Metapher für Ihr eigenes Leben oder denken Sie da wirklich an reale Vögel in realen Käfigen?

Ich habe viele Jahre meines Lebens von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags gearbeitet. Ich habe mich gefühlt als wäre ich ein Gefangener des Systems, in dem ich gelebt habe. Ich habe mich schrecklich gefühlt. Warum sollte ich den Regeln der Gesellschaft folgen in der ich gelebt habe, wenn mein Herz mir sehnsuchtsvoll sagt, dass Zeit mein wertvollstes Geschenk ist? Also beschloss ich zu arbeiten um mir selbst mehr Zeit zum Leben zu geben. Ich musste einige materialistische Opfer bringen, aber ich habe nie zurück geblickt. Obwohl ich jedermanns Art zu leben respektiere, kann ich nur von mir selbst und dem was ich mit meinem Leben getan habe, sprechen.

Was ist die Kernaussage ihrer Bücher? Können Träumer die Wirklichkeit verändern?

Das Leben hat mich zu einem Schriftsteller gemacht. Ich schreibe einfache Bücher mit unterschiedlichen Lektionen oder Botschaften in jedem einzelnen. Können Träumer die Welt verändern? Träumer sind diejenigen, die die Welt verändern! Ich zitiere Albert Einstein: „Die einzige Sache, die meine Träume und Vorstellungskraft behindert, ist meine Bildung.“ Selbst Steve Jobs (Gründer von Apple) sagte das, und dieser war nie auf einer Schule. Wir müssen unseren Kindern beibringen, an ihre Träume zu glauben.

Zum besseren Verständnis des Ziels/der Aussage Ihres Buches – vielleicht, wie man das Leben noch sehen kann oder wie man es leben könnte – denken Sie, es ist einfacher eine Geschichte voller Metaphern und zum Beispiel sprechenden Tieren zu erfinden? Also kein trockenes Beratungsbuch, das erklärt wie man ein Leben in Harmonie führen kann. Sondern eher ein Märchen, mit der Hoffnung des Autors, dass der Leser sich an die Metaphern erinnert und sie in sein eigenes Leben überleitet?

Das ist der Punkt an dem wir an einen schmalen Grat kommen. Träumer werden normalerweise „Menschen, die nicht in der realen Welt leben“ genannt. Aber was ist die reale Welt? Was die Mehrheit denkt oder tut? Ich spreche mit Tieren und begnüge mich damit, dass ich weiss, dass es so ist. Wenn du dich einmal von all den Dogmen, die man dir beigebracht hat zu glauben, losgelöst hast, verliert das Wort „unmöglich“ seine Bedeutung. Alles ist möglich, selbst das Sprechen mit Tieren… zumindest soweit ich weiß. Wenn ich es tun kann, dann kann es jeder tun, wenn man bereit ist seine „Komfortzone“ zu verlassen und zu seinen Träumen zu fliegen… und sobald du gesehen hast, dass es möglich ist, fühlt es sich ganz natürlich an, aber nochmals, es ist ein sehr schmaler Grat es zu verstehen.

Danke für alles! …Ein Träumer…

 

Neben seiner Karriere als Schriftsteller ist Sergio Bambaren Gründer und Präsident der Organisation DELPHIS, einer NGO zum Schutz der Meere, die sich um das Ökosystem der Meeresküsten und aller dort beheimateten Tiere kümmert und diese schützen möchte.

Webseite von Sergio Bambaren
Facebook-Seite von Sergio Bambaren

Vielen Dank an Sergio Bambaren für das Interview, seine Bücher und die Botschaft, die an eine Vielzahl an Menschen verbreitet wird!
Vielen Dank an Ecaterina Leonte für die grossartigen Bilder!

Vielen Dank an die Buchhandlung Fürstelberger Linz und die Gesellschaft für Kulturpolitik (gfk) für den Abend mit Sergio Bambaren in Linz und Moritz Stoepel für seine hervorragende Darstellung bei der Lesung an diesem Abend.

Vielen Dank an Moni für die Übersetzung!

*Die Begriffe Mensch und Tier sind im Artikel kursiv gesetzt, um auf deren sozio-kulturelle Konstruktion zu verweisen.

(1) http://www.sbambaren.com/career.html#development

 

Here is the English version of the article for all who want to read the original version of the interview:

Encounter between humans and animals are omnipresent in his books. In the recension to his book „The house of light“, he is described as „more quiet and critical than ever“. So I asked Sergio Bambaren, what he thinks about the consequences of the dominant human-animal-relationship, how his daily life as an author looks like and if he actually thinks, that dreamers could change the world.

Has the writing of books changed your life?

It has changed my life completely, for the best. I never imagined there were so many people around the world questioning their own lives as I was doing with my own. And that gives me hope that we can make a better world, for all.

Which book had the biggest effects on your life?


I guess all of them. They are all true stories, with a bit of fiction. Lessons that life has given me, and that I share with my readers. Their e-mails are the biggest present I can get!

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What is your daily routine, if you’re writing?
 Which effects have deadlines on the creative writing process?

That’s what I love the most. I don’t have a daily routine. Every day is a new adventure to discover. In some way, I recovered my life. I decide what I do with my time. Sometimes, far from the madding crowds in the middle of Nature in my little “House of Light” I don’t remember what day is, or what is the time. I just flow with the tides of the ocean and the change of seasons.

I normally write at night, in the quietness of my solitude, with a sky full of stars and the ocean in front of me. Inspiration is like melancholy. You never know when it’s gonna come. Deadlines have never been a problem. If I write what my heart speaks to me, there is no deadline at all.

Why do you write about animals in your books? Are the animals in your books metaphors, or do you think about their real circumstances in our society?


All animals and creatures I write about are real. I swim with whales and dolphins, a little wild fox called Chiqui comes and goes around my home, the turtles, the crabs, they are all real. Nature always gives back more than what it takes, so most of the things I’ve learnt in life come from Nature. I cannot compare them with human society. Animals don’t feel greed, envy, vengeance, hate. They just flow with life itself.

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Do you think the dominant relationship between human and animals needs a change? If so, how should that change be?

I am vegetarian, so I can speak with consequence. Life is precious to me, be that of an ant, or an elephant. We should respect Nature and learn from it. The same way we should respect each other for who we are. Cruelty to animals, even trees, is something I cannot understand, so I try to fight for those who cannot fight for themselves.

Do you think the mass industry is a problem?


It’s the biggest cruelty of all. Just as the world finally turns into a big shopping-center, we feed animals just to eat them. It’s funny how in our Western society, we adore a panda bear or a dolphin. But a cow? That’s just meat. I will never understand this way of thinking. For me, all life is sacred.

At the beginning of your new book you write: „Some birds are not made for living in a cage¨ What does that mean? Which birds are made for living in a cage? Is it only metaphor for your own life, or do you also think about real birds, in real cages?

I worked many years of my life from eight in the morning to five o’clock in the afternoon. I felt I was a prisoner of the system I lived in. I felt miserable. Why should I follow the rules of the society in which I lived, when my heart was yearning to tell me that time is my most precious gift? So I decided to work to give myself more time to live. I had to make some material sacrifices, but I never looked back. Though I respect everyone’s way of looking at life, I can only talk about me and what I did with my life.

What is the main massage of all your books?
 Can dreamers change the reality?

Life made me a writer. I write simple books with a different lesson or message on each of them. Can dreamers change the world? Dreamers are those who change the world! Quoting Albert Einstein: “The only thing that has hinder my dreams and my imagination is my education.” If not, Steve Jobs (Founder of Apple) said the same, and never went to school. We have to teach our children to believe in their dreams.

For the understanding of your aim/message of the book – maybe, how life could also be seen and should be lived – do you think it is easier to create a story which is full of metaphoric things and for example speaking animals? So no dry counselling book which tells how to live a life in harmony. But rather a „fairy tale“ and the hope of the author/you that the reader recognizes the metaphoric advices and transfer some of them in his/her own live?

This is where there is a very fine line to be crossed. Dreamers are normally called “people who don’t live in the real world.” But what is the real world? What the majority think or do? I do speak with animals, and suffice to me that I know it’s true. Once you free yourself of all the dogmas we have been taught to believe in, suddenly the word “impossible” is meaningless. Everything is possible, even talking with animals…at least that I know. If I can do it, anyone can do it, if they are willing to leave the “safe” zone and fly towards their dreams…and once you see it can be done, it just seems so natural, but again, a very fine-line to understand.

Thanks for all! ….a dreamer…

 

Beside his career as an author, Sergio Bambaren is founder and president of  the organization DELPHIS, a marine conservation NGO, „that protects and takes care of the coastal marine ecosystems and all the animals that live in them (ocean and beach)“, so Sergio.

Website of Sergio Bambaren
Facebook-Site of Sergio Bambaren

Thanks to Sergio Bambaren for the interview, the books, and the message you bring to a broad public!
Thanks to Ecaterina Leonte for the great pictures!

Thanks to Bookshop Fürstelberger Linz and Gesellschaft für Kulturpolitik (gfk) for the evening with Sergio Bambaren in Linz and Moritz Stoepel for his awesome artistic play reading at this evening.

*The terms human and animal are italic because of their social and cultural construction.

(1) http://www.sbambaren.com/career.html#development

2 Kommentare zu Sergio Bambaren – Interview mit einem Schriftsteller und Träumer

Vulva Vulva! Das geniale Genital als Kunstobjekt gegen das Schubladen-Denken

Wer bestimmt was Frau*sein bedeutet? Ist meine Vulva politisch? Werde ich auf sie reduziert? Die drei Künstlerinnen Jacqueline Korber, Sonja Reiter-Gaisberger und Johanna Steiner beschäftigen sich mit „der Frau an…

Wer bestimmt was Frau*sein bedeutet? Ist meine Vulva politisch? Werde ich auf sie reduziert?

Die drei Künstlerinnen Jacqueline Korber, Sonja Reiter-Gaisberger und Johanna Steiner beschäftigen sich mit „der Frau an sich in all den Facetten ihrer Weiblichkeit“ und präsentierten in der Ausstellung DIE EINE SIE IST im Woferlstall (E.I.K.E. Forum) Bad Mitterndorf in der Steiermark ihre realisierten Werke.

Dort begegnete ich einer Kommode mit drei Schubladen…

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Gips in Kommode

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Gips in Kommode

Im kraftvollen, aber unaufdringlichen Werk „schubladisiert is glei amoi!“ setzt Jacqueline Korber den weiblichen Körper ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und das mit einer klaren Botschaft an uns!

Eine Kommode. Drei Schubladen.  Zehn Frauen.

Die oberste und die unterste Schublade der Kommode ist geschlossen. Die mittlere Schublade hat ihren für sie vorgesehenen Platz verlassen  – sie liegt auf der Ablagefläche des Möbelstücks. In ihr enthalten sind zehn Gipsabdrücke von weiblichen Vulven.

Der Inhalt der untersten, geschlossenen Schublade wird aufgrund des Freiraums, der durch die fehlende mittlere Schublade entsteht, einsehbar. Der Torso einer weiblichen Person liegt darin. Die oberste Schublade muss geöffnet werden, um zu sehen, was sich in ihr befindet. Es sind drei Gipsabdrücke von Brüsten. „Frauen werden auf ihre Körperlichkeit und ihr Äußeres reduziert, oft auf Brüste und Vulva“, erklärt die Künstlerin.

Insgesamt waren zehn Frauen bereit für dieses künstlerische Werk einen Abdruck von ihrer Vulva, ihren Brüsten, oder des Oberkörpers machen zu lassen. Nur drei von ihnen, erzählt die Künstlerin, haben ihre eigene Vulva als Gipspositiv in der Ausstellung wiedererkannt. Für Korber ein Beweis dafür, dass „jede Lady öfter den Spiegel zur Hand nehmen und ihre Vulva betrachten sollte.“

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016

Sexistisches Schubladen-Denken

„Jacqueline, warum hast du nicht die Telefonnummern dazugeschrieben?“, fragte ein männlicher Ausstellungsbesucher witzelnd die Künstlerin. Eine Frage die das offenbart, was Korber unter anderem zu thematisieren versucht – Frau* wird auf ihr Geschlecht reduziert und zum Objekt degradiert. In der Ausstellung „geht es nicht um die Frau in der Opferrolle, oder um mangelnde Gleichberechtigung oder überhaupt um Gleichberechtigung – es geht ums Mensch sein.“ [1]

Ein weiterer Ausstellungsbesucher stellte den Vergleich zwischen den ausgestellten Gipspositiven der weiblichen Vulven mit einer Jagdstrecke [2] auf. Auch in einer sexistischen Alltagssprache finden sich Analogien, beispielsweise wenn von „Schnalle“ oder „Luder“ als abwertende Bezeichnung für eine Frau gesprochen wird. Beide Begriffe stammen aus dem Jagdjargon: „Schnalle“ bezeichnet das äußere Geschlechtsteil beim weiblichen Haarraubwild und beim Hund. [3] “Luder” ist jedes tote Tier, mit dem man Raubwild und Raubzeug anlocken möchte. [4]

„Jagdgebiete des Mannes“

Eine Verknüpfung die häufiger auftritt: „Tiere und Frauen verbindet, dass sie im ‚unendlichen Jagdgebiet‘ des Mannes auch ganz konkret als Beute und Opfer auftreten. So lassen sich vielfältige Verbindungen zwischen Frauen und (gejagten) Tieren oder zerlegten Tierkörpern nachweisen, die sich vom Bedeutungsfeld der Jagd über das Ritual des Fleischessens und die Pornografie bis hinein in Gewaltdarstellungen und Gewalthandlungen erstrecken.“ [5]

Die Kommentare der beiden männlichen Besucher (oben) zeigen: Korbers Werk bewegt sich an der unscharfen Grenze zwischen Reproduktion und Auflösung von Reduktion. 

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Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Detail

Aufgreifen und Sichtbar machen

Korber wiederholt die Reduktion, die sich als gesellschaftliches Phänomen im Denken über die Frau* manifestiert, indem sie die Verringerung der Frau* auf das Geschlechtsteil in Gipspositiven vergegenständlicht. Eine unsichtbare Denkform wird demonstrativ sichtbar gemacht und so ein emanzipativer Akt vollzogen.

Die Künstlerin entzieht den RezipientInnen die Möglichkeit die Schublade mit den Vulven zu schließen. Die dauerhafte Präsentation verdeutlicht die Allgegenwärtigkeit von normativen Geschlechteridentitäten und Vergeschlechtlichungsprozessen und kann als Aufforderung zur Auseinandersetzung verstanden werden.

Blockieren und Auflösen

Als Metapher für Kategorisierung, Zuschreibung und Codierung verstanden, steht die nicht-schließbare Schublade gegen jede endgültige Einordnung innerhalb eines bestehenden, begrenzenden Denksystems.

„Es gibt so viele Teile und Teilchen in mir und meinem Sein, dass es ausgeschlossen ist nur ‚typisch weibliches‘ leben zu können oder auch zu wollen. Stereotyp weiblich – ich würd mich doch nur selbst betrügen. Ich bin Ich, in und mit all meinen Facetten und Farben“, erklärt Korber.

Die Künstlerin plädiert für eine Weiblichkeit, die sich nicht nur von Vergleichen mit dem Männlichen emanzipiert, sondern auch darauf verweist, dass es DIE EINE Weiblichkeit nicht gibt.

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Detail

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Detail

Geniales Genital – Let’s talk about…?

In der Auseinandersetzung ist mir aufgefallen, dass es für das weibliche Genital wenig geläufige Bezeichnungen gibt, die nicht derb, vulgär oder aus anderen Gründen unbrauchbar sind. Warum ist das nur so?

Das Wort Genital (von lat. Genus, dt. Geburt, Herkunft, Abstammung) wird beispielsweise neben Fortpflanzungsorgan auch mit Geschlechtsteil übersetzt, was bei Korber die Frage aufwirft: „Warum ist in diesem Wort, dass etwas so wunderbares beschreibt, ‚schlecht‘ enthalten? – Gehsuper würd mir besser gefallen!“ Die Künstlerin setzt sich über den gängigen Sprachgebrauch hinweg und spricht von „Gehsuperteilen“ „Lalas“ und „Mumus“.

„Durch unser geniales Genital erblickt ein kleiner Mensch zum ersten Mal das Licht der Welt“, bemerkt Korber wertschätzend und reißt damit die Schublade der Mutterschaft auf, an der sie zugleich rüttelt, wenn sie nach dem vorherrschenden Frau=Mutter-Vorstellungen fragt und was es für das Frau*sein bedeutet, wenn bei einer Frau* kein Kinderwunsch besteht.

An die Lalas und Mumus dieser Welt!

Den eigenen Körper „annehmen und lieben lernen [6] lautet die Aussage der drei in der Ausstellung gezeigten Künstlerinnen, sie wollen „keine Ideale erfüllen müssen und sich keine Klischees überstülpen lassen“, so der Pressetext von Jasmin Maria David.

„Erkenne dich selbst – entdecke und erfahre dich. Wechsle die Perspektiven. Tausche dich aus. Hör zu. Lerne deine Einzigartigkeit schätzen. Im Innen und im Außen. Und lass nicht Andere sagen, wer oder gar was du bist“, so Korber.

 

Jaqueline Korber lebt und arbeitet als Fotografin und Künstlerin in Bad Mitterndorf in der Steiermark in Österreich.
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[1] Vgl. DAVID, Jasmin Maria, Pressetext zur Ausstellung „DIE EINE SIE IST“, 2016
[2] Bei einer Jagdstrecke werden alle Lebewesen, die während der zuvor stattgefundenen (Gesellschafts-) Jagd verfolgt und getötet wurden, in einer Reihe aufgelegt und traditionell mit Zweigen belegt. Die Zweige werden zuvor mit dem Blut des Tieres versehen und anschließend trägt der Jäger, der das Tier erschossen hat den blutigen Zweig an seinem Hut.
[3] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de
[4] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de
[5] MÜTHERICH, Birgit, Tierrechte: Sie sind die anderen
[6] Vgl. DAVID, Jasmin Maria, Pressetext zur Ausstellung „DIE EINE SIE IST“, 2016

Das Wort Frau wird mit einem *(Stern) markiert, um auf die sozio-kulturellen Konstruktionen von Geschlechteridentitäten zu verweisen.

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Da sitzt ein Schwein am Sofa! Nachhal(l)tige Kunst von Hartmut Kiewert

Schweine auf Sofas, Teppichen und Parkettböden – diese Bilder irritieren nicht nur kurzfristig die Wahrnehmung, sie haben das Potenzial unsere Sichtweise nachhaltig zu verändern. Künstler Harmut Kiewert befreit die Schweine…

Schweine auf Sofas, Teppichen und Parkettböden – diese Bilder irritieren nicht nur kurzfristig die Wahrnehmung, sie haben das Potenzial unsere Sichtweise nachhaltig zu verändern.

Künstler Harmut Kiewert befreit die Schweine aus „den menschengemachten Ausbeutungsarchitekturen“ und zeigt sie „an Orten, an denen sie üblicherweise nicht vorkommen, weil sie hinter den Wänden der Mastanlagen und Schlachthöfen verborgen bleiben“.

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Hartmut Kiewert, Sight Unseen 2, 2016, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm

Soziale Konstrukte in Frage stellen

Dabei geht es nicht um die Vermenschlichung von Schweinen oder ein Plädoyer „für Schweine als ‚Haustiere'“, sondern der „Irritationsmoment, das Disparate der gezeigten Situation“ wird genutzt, um „die Kategorie ‚Nutztier‘ in Frage zu stellen“, so der Künstler.

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Hartmut Kiewert, Parkett II, 2011, Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm

Diese Kunst hat den Mut gesellschaftsrelevante Themen aufzugreifen und mit emanzipatorischer Kraft bezieht sie Stellung zu den thematisierten Problematiken. Für den herrschaftskritischen Künstler sollte „die Beziehung von Menschen zu Schweinen frei von Herrschaft und Ausbeutung sein und immer auf freiwilliger Basis geschehen“. Für die Realität bedeutet das: „Menschen sollten aufhören Schweine zu züchten, gefangen zu halten und zu töten.“

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Hartmut Kiewert, Nest, 2013, Öl auf Leinwand, 150 x 190 cm

Kiewerts Werkserie Utopia ist „die Verbildlichung einer möglichen, friedlichen Koexistenz und Interaktion auf Augenhöhe zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren“.

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Hartmut Kiewert, Café, 2016, Öl auf Leinwand, 134 x 200 cm

Folgende drei Bilder hängen an meinen vier Wänden – über dem Sofa, beim Schreibtisch und in der Diele. Momentan sind es Poster – doch ich träume von den Originalen.

Emanzipatorische Kunst trifft Kunstgeschichte

Mit den Werke Im Freien und Evolution of Revolution verknüpft Kiewert seine Utopia mit kunsthistorischen Elementen. Im Jahr 1863 wurde der Maler Èduardo Manet vom französischen Salon zurückgewiesen, als er sein Gemälde Frühstück im Freien vorstellte, auf dem er eine nackte Frau mit bekleideten Männer auf einer Wiese Picknicken lässt.

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Édouard Manet, Frühstück im Freien, 1863, Öl auf Leinwand, 208 × 264 cm | Bild: Public Domain

Über 150 Jahre später rüttelt Kiewert an den herrschenden Konventionen, wenn in seinem Bild Im Freien „die Schweine nicht in der Kühltasche, sondern am Gehweg anzutreffen sind“.

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Nackte Frauenhaut wird in Kiewerts emanzipatorischer Kunst bedeckt. So auch im Bild Evolution of Revolution, es zeigt eine Neuinterpretation von Eugéne Delacroixs Die Freiheit führt das Volk an von 1830.

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Eugène Delacroix, Die Freiheit führt das Volk an, 1830, Öl auf Leinwand, 260 x 325 cm | Bild: Public Domain

Im Werk wird neben Schwein, Rind, Lamm und Geflügel auch das durch Edoardo Kac berühmt gewordene GFP Bunny (2000) aus der Knechtschaft des Menschen befreit. Der grüne Hase steht hier nicht als Symbol für BioArt, sondern repräsentativ für jegliche Verwendung von Tieren in der Kunst.

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Hartmut Kiewert, Evolution of Revolution, 2012, Öl auf Leinwand, 180 x 225 cm

Schweinerealitäten thematisieren

Es hat mich sehr berührt, als ich die dargestellte Szene zum ersten Mal sah und den dazugehörigen Werktitel las. Heute hängt diese Darstellung direkt über meinem Schreibtisch, sie motiviert und inspiriert mich dazu vorherrschende Schweinerealitäten zu erkennen, mich zu empören, Fragen zu stellen und darüber zu schreiben.

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Hartmut Kiewert, Wir verlassen die Erde, 2012, Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm

Denkst du künstlerische Werke können unsere Sichtweise auf „Nutztiere“ verändern?

 

Website des Künstlers Hartmut Kiewert
Statement des Künstlers zu Theorie und Praxis seiner Maltechnik
Kolumnenbeitrag: Herrschaft und Gewalt im Fadenkreuz – Hartmut Kiewerts “Gewährsmänner”

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Tanzend gegen brutale Jagdpraxis. Poledance-Künstlerin Christine Unger im Interview

Im Rotlichtmilieu prominent und im artistischen Sport populär – das Tanzen an der Stange erlangt nun politisch-aktivistische Dimension. Poledance-Künstlerin Christine Unger greift zur Stange, um auf Missstände in der Jagd aufmerksam…

Im Rotlichtmilieu prominent und im artistischen Sport populär – das Tanzen an der Stange erlangt nun politisch-aktivistische Dimension. Poledance-Künstlerin Christine Unger greift zur Stange, um auf Missstände in der Jagd aufmerksam zu machen. Für KUNST HALLT NACH hat die Unternehmerin meine Fragen beantwortet.

Victoria: Wieso schlüpfen Sie in ihrer Performance, als tanzende Frau, in die Rolle eines wehrlosen Rehes?

Christine Unger: Ich möchte dem Publikum bewusst machen, wie ein Reh vermutlich fühlt und in welchem panischen Zustand es sich befindet, wenn es eingesperrt ist und nicht mehr fliehen kann – mit Gekläffe von Jagdhunden und Schüssen im Hintergrund, die immer näher kommen …

© VGT | Daniela Deml

Protest-Poledance-Performance von Christine Unger gegen die Jagd auf gezüchtete und eingezäunte Tiere | Bild: VGT/Daniela Deml

Mit ihrer Performance, die sie Anfang April am Wiener Stephansplatz präsentierte, unterstützt Christine Unger eine Kampagne des Vereines gegen Tierfabriken (VGT). Die Kampagne thematisiert explizit eine sehr umstrittene Jagdpraxis – das Jagen auf gezüchtete, ausgesetzte und eingezäunte Tiere. „Ich möchte bewirken, dass dies in Zukunft verboten und verhindert wird“, so die Poledance-Künstlerin.

Der einst als verrucht betrachtete Tanz an der Stange wird in einer artistischen Weise ausgeübt und bekommt mit Ihrer Intention eine politische Dimension. Sollte künstlerisches Potenzial viel häufiger zur Bewusstseinsbildung und gegen Missstände eingesetzt werden?

Ich finde diesen Weg gut, um mehr Aufmerksamkeit zu erregen, aufzurütteln, zum Nachdenken anzuregen und Dinge plastischer und bewusster zu machen.

Hat die Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung?

Ich sehe Kunst als ein Tool, um auf Missstände aufmerksam zu machen und die Gesellschaft dadurch auf ihre Verantwortung hinzuweisen.

In ihrem Unternehmen First Impression coacht Christine Unger, als ausgebildete Typ-, und Imageberaterin andere Menschen in Sachen Etikette und Umgangsformen. Als Expertin für anständiges und diszipliniertes Auftreten bietet sie Kinder-Knigge Kurse für bessere Tischmanieren an oder berät Businessmanager in Sachen sichere Erscheinung.

© Christine Unger

Bild: Christine Unger

Wie selbstverständlich ist es für Sie aus ihrem professionellen Umfeld auf die Straße zu treten, um öffentlich für politische und gesellschaftsrelevante Themen einzutreten?

Es war und ist für mich keineswegs selbstverständlich. Bei so einer Aktion „entblöße“ ich nicht nur notgedrungen meine Beine oder etwas mehr (weil ich sonst keinen Halt auf der Polestange habe und abstürze), sondern mache mich insgesamt leichter verwundbar. Eine derartige Aktion und Choreographie ist zudem mit viel Schweiß, Zeitaufwand, Organisation und auch Geld verbunden….

Woher kommt die Motivation aktiv in der Öffentlichkeit aufzutreten?

Die Zeit ist reif, Dinge zu verändern, die schon seit viel zu langer Zeit nicht in Ordnung sind! Ich kann einfach nicht mehr, wie das die allermeisten Menschen tun, wegsehen und so tun, wie wenn alles in Ordnung wäre. Zu groß ist das Leid, das wir verursachen und es wird früher oder später immense Auswirkung auf uns alle haben. Generell ist mir ein redliches und ethisch hochwertiges Miteinander ein riesiges Anliegen und eine konstruktive Kommunikation.

© VGT

Bild: VGT

Herrschaftskritik mit emanzipatorischer Kraft

„Ich versuche, die Angst und die Gefühle des Tiers durch den Tanz sichtbar und damit bewusster zu machen“, erklärt Christine Unger im Interview und verweist damit auf die künstlerische Intention und Praxis ihrer Performance. Denn eine bedeutsame Quelle für den künstlerischen Akt dieser Poledance-Performance ist das Einfühlungsvermögen in die Situationen Anderer. In diesem Fall, die Situation eines, vor Hunden und bewaffneten Menschen, flüchtenden Rehs innerhalb eines eingezäunten Gebiets.

Das Reh ist dem Menschen im gegenwärtigen Herrschaftssystem schutz-, und rechtlos ausgeliefert. Innerhalb entsprechender Glaubenssysteme sozialisiert, betrachtet es der Mensch als natürlich und selbstverständlich nicht menschliche Lebewesen als Objekte für eigenen Zwecke zu ge-, ver- und missbrauchen.

Die non-verbale Ausdrucksweise des Tanzes kann als Prozess verstanden werden, der die anerkannte Situation des Anderen, Unterdrückten, Ausgegrenzten in die eigene Gefühls-, Gedanken- und Wahrnehmungswelt übersetzt. Um- und Missstände, die außerhalb des Blickfelds der Öffentlichkeit liegen, werden im öffentlichen Raum in deren Blickfeld überführt und eine Konfrontation bewirkt. Die emanzipatorische Kraft dieser herrschaftskritischen Kunst ist auf mehreren Ebenen angesiedelt.[1]

© Christine Unger

Bild: Christine Unger

Zum Poledance inspiriert wurde die Tänzerin von ihrem Tango-Argentino-Lehrer, der „meinte ich hätte nicht genügend Körperspannung“, so Unger. Bei ihr zu Hause steht die Poledance Stange im Gästezimmer. Wir hoffen, diese und die Bewegungskünste von Christine Unger bald wieder im öffentlichen Raum sehen zu können.

Für welche Themen werden Sie in Zukunft wieder zur Stange greifen?

Für Themen, die der VGT (Verein gegen Tierfabriken) aufgreift, insbesondere die Themen Pelz(produktion) und barbarisches Abschlachten von („Nutz“-)Tieren.

Was möchten Sie den Leser*innen der Kolumne KUNST HALLT NACH noch mitteilen?

„Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten“ (Christian Morgenstern) Bitte sehen Sie nicht mehr weg und hinterfragen Sie Ihren Fleisch- und Milchproduktkonsum, Pelz und Leder tragen, Tierversuche und generell Billigware – alles hat seinen Preis! Mittlerweile gibt es wirklich wunderbare Alternativen – alles nur eine Frage des Interesses und der Beschäftigung damit!

Vielen Dank für das Gespräch und ihr persönliches Engagement!

 

Hier könnt ihr die Poledance-Performance von Christine Unger sehen. In diesem Video versucht ein verletztes Reh im Jagdgatter zu flüchten [Achtung, Video enthält Gewalt gegen Tiere].

[1] Exkurs: Mensch denke hier auch an die jagdlichen Aktivitäten von Männern, die häufig in enger Verbindung mit sexuellen Dienstleistungen von Frauen stehen. Oder auch an den Jagdjargon, der tier- und frauenfeindliche Assoziationen befördert und sich im alltäglichen Sprachgebrauch manifestiert hat.[2] Beispielsweise die Begriffe Luder: „Jedes tote Tier, mit dem man Raubwild und Raubzeug anlocken möchte“ [3]; oder Schnalle: „Das äußere Geschlechtsteil beim weiblichen Haarraubwild und beim Hund.“[4].
[2] Vgl. MÜTHERICH, Birgit, Tierrechte: Sie sind die anderen[3] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de
[4] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de

Keine Kommentare zu Tanzend gegen brutale Jagdpraxis. Poledance-Künstlerin Christine Unger im Interview

Bist du ein Homo ABER? – Radikalkunst von Chris Moser

Künstler Chris Moser konfrontiert uns schonungslos mit der Fratze der Pseudoargumentation. Hässliche Zähne, weit aufgerissener Mund, schwarz-rote Augen, die Wirbelsäule dringt aus dem Nacken und über ihr glänzt eine merkwürdige Mechanik….

Künstler Chris Moser konfrontiert uns schonungslos mit der Fratze der Pseudoargumentation. Hässliche Zähne, weit aufgerissener Mund, schwarz-rote Augen, die Wirbelsäule dringt aus dem Nacken und über ihr glänzt eine merkwürdige Mechanik. Mitten im abscheulichen Kopf steckt eine rote Axt, eine Brille schwächt den monsterhaften Charakter dieser Büste und ein Schriftzug betitelt sie. Es ist ein „Homo ABER“! Wir können seinen Schrei beinahe hören.

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Homo ABER?

Der „Homo ABER“ kann laut Künstler Chris Moser im weitesten Sinne als Gegenstück zum anthropologischen Begriff des „Homo Faber“ gesehen werden. Der „Homo Faber“, als schaffender Mensch, führt durch sein Handeln Veränderungen herbei, im Gegensatz zu ihm sucht der „Homo ABER“ stets nach Argumenten, um sein Handeln oder Nicht-Handeln zu legitimieren.
Symbolisch steht der „Homo ABER“ für die Aussagen, die am Sockel zu lesen sind. Diese Phrasen sind austauschbar – das pseudo-argumentative ABER hinter den leeren Wortfetzen bleibt bestehen. Will sich der „Homo ABER“ weiterentwickeln ist laut Moser Bewusstseinsbildung notwendig.

Auszug Sockelbeschriftung:
„Ich bin bestimmt nicht rassistisch, ABER“
„Mir tun die Tiere ja auch leid, ABER“
„Natürlich müssen wir die Mitwelt schützen, ABER“
„Klar sollten Kinder nicht geschlagen werden, ABER“
„Mir tun Flüchtlinge ja auch leid, ABER“
„Natürlich bin ich gegen Gewalt, ABER“

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Radikalkunst

Das Werk steht für den manipulativen Moment in Mosers Kunst: „Wer diese Arbeit kennt und in Zukunft eine der bekannten unseligen ABER-Phrasen hört, erkennt in der SprecherIn unvermeidbar die Fratze des „Homo ABER“. Wer solche Aussagen (noch) selbst tätigt, ertappt sich dabei, selbst abstoßender „Homo ABER“ zu sein!“ [1]

Konfrontativ, provokant und erbarmungslos ist die Kunst des Tirolers. In der Provokation sieht Moser sein Stilmittel, nämlich „das Brecheisen, um die verkrusteten Schalen von Gleichgültigkeit und Politikverdrossenheit aufzubrechen“[2]. Sein Kunstbegriff ist eindeutig: „Ganz allgemein denke ich, dass KünstlerInnen die Verantwortung haben, sich klar zu positionieren. […] Solange Ungerechtigkeit und Ausbeutung herrschen, ist es die Pflicht der Kunst […] dagegen vorzugehen.“[3] Schweigt die Kunst zu gesellschaftsrelevanten Themen, ist sie bloße Dekoration, dient der Zerstreuung, der Ablenkung und unterstützt so Unrecht und Gewalt.[4]

Kunst oder Aktivismus?

Chris Mosers Kunst und sein Engagement als politischer Aktivist lassen sich nicht voneinander abgrenzen. Seine Kunst ist Teil seines politischen Aktivismus. Als Angeklagter im sogenannten Tierschutzprozess wurde seine künstlerische Intention vom Gericht hinterfragt und sein Aktivismus kriminalisiert. Moser wurde freigesprochen (aus bewiesener Unschuld, rechtskräftig) und fand in seinem Plädoyer im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Wiener Neustadt klare Worte: „Ich werde nicht auf Gerechtigkeit hoffen, sondern weiterhin dafür kämpfen! Für die Befreiung von Mensch und Tier, für die Freiheit der Kunst! Somit schließe ich mit einem Zitat Bertolt Brechts: Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zu Pflicht!”[5]

Fazit

Moser adressiert die Betrachtenden direkt, verweist dabei unmissverständlich auf die Verantwortung jedes einzelnen Menschen und will diese zum Nach- und Umdenken ermutigen. Als notwendige Voraussetzung einer emanzipatorischen Kraft stellt Moser dominierende Herrschaftsmechanismen und Hierarchiekonzeptionen in Frage, beleuchtet Ausbeutungs- und Unterdrückungsprozesse und fordert mittels dem Symbol der Axt die Zerschlagung von traditionellen Denk- und Handlungsstrukturen.

Chris Moser lebt und arbeitet als Künstler, Buchautor und politischer Aktivist in Tirol.
Künstlerische Medien: Bildhauerei, Grafik, Collage/Assemblage
Facebook
Website

 

Quellen:
Der Prozess. Ein Film zur §278a-Thematik von Igor G. Hauzenberger, 2011
Green Seven Report 2013 – Chris Moser
MOSER, Chris, Die Kunst Widerstand zu leisten. Wie mit § 278 a im Tierschutzprozess Freiheit untergraben und Kunst zum Verbrechen wurde. Ein Tatsachenbericht, Kyrene Verlag, 2012
MOSER, Chris, M.E, Kyrene Verlag, 2013
objects? of art! (Katalog zur Ausstellung am 6. Tierrechtskongress Wien, 10. bis 12. Oktober 2014), Wien 2014
Tierschutzprozess. Effektiver Tierschutz und gelebte Demokratie in Gefahr

[1] E-Mail Interview mit Chris Moser
[2] MOSER, Chris, M.E, Kyrene Verlag, 2013, S.20
[3] MOSER, M.E, S.24
[4] Vgl. MOSER, M.E, S.24
[5] MOSER, Chris, Die Kunst Widerstand zu leisten. Wie mit § 278 a im Tierschutzprozess Freiheit untergraben und Kunst zum Verbrechen wurde. Ein Tatsachenbericht, Kyrene Verlag, 2012, S.16

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KUNST HALLT NACH: Herrschaft und Gewalt im Fadenkreuz – Hartmut Kiewerts „Gewährsmänner“

Im anthropozentrischen Netzkunst-Gewalt-Experiment markiert das virtuelle Fadenkreuz die lebende Ratte als Abschussziel. Im Gemälde „Gewährsmänner“ (siehe Titelbild), stellt es Unterdrückungsordnungen und Gewaltstrukturen in Frage, anstatt sie zu bestätigen. „Gewährsmänner“ von Hartmut…

Im anthropozentrischen Netzkunst-Gewalt-Experiment markiert das virtuelle Fadenkreuz die lebende Ratte als Abschussziel. Im Gemälde „Gewährsmänner“ (siehe Titelbild), stellt es Unterdrückungsordnungen und Gewaltstrukturen in Frage, anstatt sie zu bestätigen.

„Gewährsmänner“ von Hartmut Kiewert

Wir sehen einen braunen Hirsch mit blauem Fadenkreuz am Brustkorb. Er befindet sich im Sturz, ist umringt von Jagdhunden und zwei männlichen Personen in Warnwesten. Stehend, der Philosoph René Descartes [1] „der die Trennung zwischen Mensch und Tier auf die Spitze trieb“ und auf dem Pferd sitzend „Damien Hirst [2], der Tiere als reines Material für seine künstlerischen Arbeiten sieht und dafür auch umbringen lässt.“ [3] Beide Männer blicken aus dem Bild zu den Betrachtenden. „Die beiden sind sich offenbar darüber bewusst, dass sie beobachtet werden, lassen aber trotzdem nicht von ihrer grausamen Tat ab. Die Betrachtenden werde ein stückweit zu Komplizen.“, so Künstler Hartmut Kiewert.

Der dunkle Hintergrund verbirgt beinahe ihre vorsätzliche Mausklickmentalität – Descartes richtet eine Fernbedienung auf den Hirsch, Hirst dokumentiert die Szene mit einem Mobiltelefon.

Gustave Courbet, Hirschjagd im Winter, 1867, Öl auf Leinwand, 355 x 505 cm, Musée des Beaux-Arts et d'archéologie de Besançon | Public Domain

Bild: Gustave Courbet, Hirschjagd im Winter, 1867, Öl auf Leinwand, 355 x 505 cm, Musée des Beaux-Arts et d’archéologie de Besançon | Public Domain

„Hirschjagd im Winter“ von Gustave Courbet

Als Vorlage zu „Gewährsmänner“ diente „Hirschjagd im Winter“ (The kill of deer), ein Werk des leidenschaftlichen Jägers und für seine realistische Malerei berühmten Künstlers Gustave Courbet. Er berichtete voller Begeisterung von den prachtvollen Tieren, die durch seine Hand getötet wurden. [4] Das Werk zeigt das Ende einer Parforcejagd (Halali) [5]  in winterlicher Landschaft.

Herrschaftskritische Kunst

Einzelne Bildelemente wurden von Kiewert zitiert, verändert und ergänzt. Laut Künstler gilt das Fadenkreuz „als Unterstreichung des abgekarteten ‚Spiels‘ der Jagd, bei dem der Hirsch das ausgemachte Opfer und Verlierer ist.“

Kiewerts Werk bietet ein Gegenstück zu anthropozentrischer Kunst, die vorherrschende Herrschaftsmechanismen bekräftigt. Es verweist auf die Notwendigkeit zur Hinterfragung von dominierenden Ausgrenzungs- und Diskriminierungsprozessen und emanzipiert sich so von herrschaftlichen Bildregimen. Achtung: Bei legitimationsfreier Konfrontation könnte sich die selbstauferlegte Vorherrschaft des Menschen als Konstrukt erweisen.

Vielen Dank an Hartmut Kiewert für die Beantwortung meiner Fragen und die zur Verfügung gestellten Bilder!

Kennst du Kunstwerke, die etwas kritisch hinterfragen?

 

Quellen:
Website von Hartmut Kiewert
KIEWERT, Hartmut, »mensch_tier«, Münster 2012
[1] Rene Descartes war davon überzeugt, dass „Tiere“ affektgesteuerte Biomaschinen, instinkthafte Wesen ohne Vernunft, Sprache und Bewusstsein sind. Vgl. Discours de la méthode, V. 9 – 12.
[2] Zeitgenössischer Künstler, der bekannt für seine in Formaldehyd präsentierten Tierleichen ist.
[3] + [6] E-Mail Interview mit Hartmut Kiewert.
[4] TITEUX, Gilbert, Auf der (Traum-) Fährte des Hochwilds. Zu Courbets Jagdbildern, in: Ausstellungskatalog, Courbet – Ein Traum von der Moderne (Schirn Kunsthalle Frankfurt, 15. Oktober 2010 – 20. Januar 2011) Hrsg. HERDIG, Klaus, HOLLEIN, Max, 72
[5] Parforcejagd, franz. par force ‚mit Gewalt‘. Form der Hetzjagd zu Pferde mit laut jagender Hundemeute auf ein einzelnes Stück Wild. Im 17. und 18. Jahrhundert besonders beliebt. Einschränkungen seit dem 19. Jahrhundert, heute in einigen Ländern verboten.

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KUNST HALLT NACH: Mensch und Ratte als Versuchstiere – Florian Mehnerts Projekt „11 Tage“

Eine lebende Ratte als Zielobjekt im künstlerischen Experiment. Ein Einblick in die Auseinandersetzung mit dem Experiment „11 Tage“ und dem Austausch mit dem Künstler Florian Mehnert: Das Projekt „11 Tage“…

Eine lebende Ratte als Zielobjekt im künstlerischen Experiment. Ein Einblick in die Auseinandersetzung mit dem Experiment „11 Tage“ und dem Austausch mit dem Künstler Florian Mehnert:

Das Projekt „11 Tage“

Ein Online-Livestream. Gezeigt wird eine Installation mit einer lebendigen, weißen Ratte. Diese befindet sich in einer weißen Box (siehe Titelbild). Am unteren Rand ragt ein Waffenlauf ins Bild. Etwas oberhalb befindet sich ein Fadenkreuz. Die UserInnen können über die Frage: „Soll die Ratte am Leben bleiben?“ abstimmen, die Waffe bewegen und bekommen in Aussicht gestellt, dass zu einem späteren Zeitpunkt die Waffe scharf gestellt sein wird und die Möglichkeit entsteht, mit der Waffe auf die Ratte zu schießen.

Das Experiment erlangte viel Aufmerksamkeit …

Ernstzunehmend wurde vermittelt, dass die Möglichkeit zur Tötung der Ratte als ein reales und künftig stattfindendes Ereignis zu verstehen sei. Die Reaktionen der Menschen waren und sind sehr unterschiedlich. Einige begrüßten die Möglichkeit dieses realen Ego-Shooters oder gratulierten zum Mut des Künstlers, andere äußerten Beleidigungen oder Drohungen aufgrund seines Vorhabens.

Das zentrale und gewaltsamste Element – die in Aussicht gestellte, brutale Tötung der Ratte durch UserInnen – schockierte sehr viele Menschen und veranlasste zu erstatteten Anzeigen, gestarteten Petitionen und bekundeten Protesten. Alles um zu verhindern, dass die Ratte innerhalb dieses Experiments tatsächlich zu Tode kommen könnte.

… und nahm ein vorzeitiges Ende

Informationen zufolge wurde die Installation von den zuständigen Behörden und der Polizei aufgesucht und der Künstler vernommen [1]. Die Ratte befand sich in einem guten gesundheitlichen Zustand und der Künstler hat diese freiwillig zur Sicherstellung ans Veterinäramt übergeben. Am selben Tag, dem 17. März 2015, wurde das Experiment vorzeitig beendet, Florian Mehnert beteuert seither: „Es war nie geplant, die Ratte zum Abschuss freizugeben, die Waffe wirklich scharf zu schalten, auch wenn der technische Aufbau der Installation dies ermöglicht.“

Der Künstler

Florian Mehnert widmet sich in seinen Videoarbeiten und Rauminstallationen häufig gesellschaftlichen und politischen Themen. Den Werken wohnen schwere Inhalte und grenzüberschreitende Methoden inne. Überwachung und die Konsequenzen daraus wurden bereits im Projekt „Waldprotokolle“ (2013) thematisiert. Mehnert trat selbst in die Rolle des Überwachenden und installierte in einem Wald Wanzen, um die Gespräche von PassantInnen aufzuzeichnen und diese anschließend zu veröffentlichen. Die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privaten werden dabei aufgelöst. Im Projekt „Menschentracks“ (2014) wurden diese Grenzen bewusst verletzt. Mehnert hackte Smartphones, um deren Kameras fernzusteuern, das gewonnene Videomaterial wurde in einer Installation veröffentlicht. Der Künstler will dabei die „Bedeutung, den Verlust und den Wert unserer Privatsphäre in der vernetzten Gegenwart“ [2] hinterfragen.

In „11 Tage“ steigerte sich seine Rolle. Der Künstler erschuf eine Situation, die Online-UserInnen zu Überwachenden macht und ihnen in Aussicht stellt, von einer Schusswaffe Gebrauch machen zu können, um ein Lebewesen zu töten. Der Künstler ist Urheber, denn er schuf diese potenzielle Hinrichtungsstätte, Überwacher, weil er das Verhalten der RezipientInnen beobachtet und Anführer, da er bestimmen kann, ob eine Waffe mit tödlicher Munition zum Einsatz kommen wird oder nicht. Inwieweit hat der Künstler hier die Rolle derer (Staat, Militär etc.) eingenommen, die er selbst kritisiert? „Ich nehme als Künstler hier keinesfalls die Rolle derer ein, die ich kritisiere. Die Installation versetzt aber den Rezipienten in die Position des Überwachenden und des Drohnenpiloten.“, so Florian Mehnert.

Für die weitere Auseinandersetzung halte ich es durchaus für wichtig, neben beispielsweise ausführenden Rollen auch zugrundeliegende Mechanismen und voraussetzende Systeme zu berücksichtigen und hinterfragen.

Warum das alles?

Die Intention des Künstlers ist es, auf Themen wie Überwachung, bewaffneter Drohneneinsatz, Gamification [3] und Abstumpfung durch visualisierte Gewalt in den Medien hinzuweisen. „Die Installation […] veranschaulicht abstrakte Sachverhalte […], mehr noch, sie führt in ihrer Umsetzung sogar zu der Möglichkeit, die anonyme gezielte Tötung konkret nachzuvollziehen.“, so der Künstler.

Bild: Detail, Sicht auf Außenseite der Box mit technischen Apparaturen, Paintballwaffe verpixelt; im Innenraum dahinter befand sich die lebendige Ratte, 2015 | © Florian Mehnert

Künstler ↔ Werk ↔ Publikum

Welche Rolle spielt das Publikum?

Die Involvierung des Publikums könnte als werkimmanenter Teil verstanden werden. Die Rollen der/des Einzelnen sind unterschiedlich; beispielsweise unsichtbarer Zuseher, aktive Umfragenteilnehmerin, potenzieller Waffenbenutzer oder außerhalb des Werks aktiv werdende Unterzeichnerin einer Petition. „Die vielen Petitionen zeigen, dass Menschen, wenn sie tatsächlich einmal Einfluss nehmen können, sich konsequent engagieren, auch wenn es dann nur darum geht eine einzige Ratte zu retten.“, so Mehnert.

RezipientInnen legen Fokus falsch

„12% der User haben die Rettung der Ratte fokussiert, 82% haben dies nicht getan, sondern den tatsächlichen Impetus des Projekts erkannt und setzen sich in Folge dessen mit der Thematik auseinander.“, rechnet Florian Mehnert vor.

Florian Mehnerts Einschätzung gegenüber den RezipientInnen seines Projekts erzeugt Irritationen. Der Künstler schlussfolgert, dass „diese Rezipienten“ die leicht zu verstehenden Komponenten des Projekts, nämlich die „vermeintliche Rettung“ der Ratte und den „bösen Künstler“ zum Ventil benutzt haben für „die aufgestaute Wut und Hilflosigkeit aufgrund all der tausenden armen Laborraten, die man nicht zu retten vermag.“ Es dürfte sich laut Mehnert um „ein bestimmtes, relativ kleines, dafür aber umso lauteres ‚Klientel‘“ handeln, dass „auch für andere Laborratten protestieren“ würde, so Mehnert. [4]

Es ist doch nur eine Ratte

Die weiße Ratte ist als „klassisches Versuchstier“ zu betrachten, verwendet „um auf real existierende menschliche Opfer aufmerksam zu machen“, erklärt der Künstler und gibt an, dass von RezipientInnen differenziert werden muss, weil „eine Ratte in der Regel keineswegs die gleiche Wertigkeit wie die eines Mensch einnimmt.“ Doch wenn die Ratte im Experiment symbolisch für einen Mensch steht, wäre der Einsatz, der den Tod verhindern will nicht wünschenswert?

Was meint das Tierschutzgesetz? TierSchG §1: „[…] Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Stellt ein Kunstexperiment für die GesetzgeberIn diesen „vernünftigen Grund“ dar?

Bild: Stahlkonstruktion, Box aus Polyethylen, Servomotoren, Ardiuno Board, Webcam, Paintballwaffe, lebende Ratte (hier nicht sichtbar) 2015, 195 x 60 x 145 cm | © Florian Mehnert

Bild: Stahlkonstruktion, Box aus Polyethylen, Servomotoren, Ardiuno Board, Webcam, Paintballwaffe (200 Bar), lebende Ratte (hier nicht sichtbar) 2015, 195 x 60 x 145 cm | © Florian Mehnert

Fazit

Aufmerksamkeit um jeden Preis – wer profitiert davon?

Ein aufsehenerregendes Projekt mit erheblichem Potenzial, Auseinandersetzungen und Diskussionen zu verschiedenen Themen hervorzurufen. Doch können diese reißerischen Methoden und vorsätzlichen Polarisierungen eine seriöse Auseinandersetzung ermöglichen? Ist das Konzept des Projekts ausgearbeitet genug, um schwierigen Inhalten und moralischen Fragen tatsächlich gerecht zu werden? Wo und wie grenzt sich das Experiment von den Elementen ab, die es versucht zu kritisieren? Wird die zerstörerische Gewalt an Lebewesen, die Abstumpfung und Senkung der Hemmschwellen durch Visualisierung von Gewalt, der Prozess Gamification, die Taten rücksichtsloser Machtpositionen und das Töten unschuldiger Lebewesen durch das Projekt „11 Tage“ tatsächlich in Frage gestellt oder vielmehr bekräftigt?

Kunst kann sichtbar machen

Es gibt viele Themen, die Aufmerksamkeit, Hinterfragung und Veränderung erfordern, Kunst kann eine Möglichkeit sein, um uns auf diese Themen aufmerksam zu machen. Fest steht, dass viele Menschen bereit sind zu handeln, wenn Handlungsbedarf und Handlungsmöglichkeiten sichtbar werden. Die Not von Betroffenen, ob Menschen oder andere Tiere, gegeneinander auszuspielen ist dem Engagement für gesellschaftsrelevante Themen nicht dienlich. Vielmehr wird dadurch sichtbar, wo die Grenzen und Barrieren im Denken derer sind, die in herrschaftlichen Systemen ganz selbstverständlich die Rolle der/des Unterdrückenden einnehmen.

Tiere in der Kunst

Kunst, die lebende Tiere zu Objekten erklärt und auf anthropozentrische Weise benutzt, reflektiert das, was oft unhinterfragt, tagtäglich in unsere Gesellschaft passiert. Die Freiheit der Kunst sollte aber dort enden, wo Rechte und Schutz anderer Lebewesen von künstlerischen Umsetzungen bedroht werden.

Vielen Dank an Florian Mehnert für die ausführliche Beantwortung meiner Fragen und die zur Verfügung gestellten Bilder!

Was denkst du über den Verlauf des Experiments? Kennst du andere künstlerische Projekte, in denen lebende Tiere verwendet werden?

 

[1] Laut Auskunft der Tierschutzpartei ist ein Verfahren gegen den Künstler anhängig und die Staatsanwaltschaft hat eigene Ermittlungen aufgenommen.
[2] Website des Künstlers
[3] Als Gamification wird der Prozess bezeichnet, der Prinzipien aus Spielen (bspw. Mechanik, Design, Denken) in spielfremde Kontexte überführt.
[4] Hier wird Bezug genommen auf Reaktionen von RezipientInnen, die den Tod der Ratte innerhalb des Projekts zu verhindern versuchten. Die Differenzierung von an den Künstler gerichtete Beleidigungen, Drohungen, etc. wurde klar kommuniziert.

 

Quellen
Website zum Projekt 11 Tage
Online-Zeitungsberichte und Blogbeiträge
E-Mail Interview mit Florian Mehnert
E-Mail Kontakt mit Vorsitzender vom Landesverband Hamburg von Partei Mensch Umwelt Tierschutz
Stoppen Sie das Rattenexperiment, Keine Ausstellungen für Tierquäler (Auszug Petitionen)
Website Partei Mensch Umwelt Tierschutz

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KUNST HALLT NACH: Karikaturen und Nachhaltigkeit? Karikaturist Bruno Haberzettl im Interview

Für den freien Zeichner und Illustrator Bruno Haberzettl ist es eine Selbstverständlichkeit, seine zeitgenössische Satire gesellschaftsrelevanten Themen zu widmen. Nachhaltigkeit spielt in einigen seiner Werken eine große Rolle – ich habe mit ihm…

Für den freien Zeichner und Illustrator Bruno Haberzettl ist es eine Selbstverständlichkeit, seine zeitgenössische Satire gesellschaftsrelevanten Themen zu widmen. Nachhaltigkeit spielt in einigen seiner Werken eine große Rolle – ich habe mit ihm darüber gesprochen.

Es ist Ihnen, nach eigenen Angaben, ein Bedürfnis den AkteurInnen und ProtagonistInnen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft „die Masken herunterzureißen“ und deren „wahres Gesicht zu offenbaren“. Was wollen Sie sichtbar machen?

Bruno Haberzettl: Mir scheint es äußerst wichtig, dass sich WählerInnen, KonsumentInnen und ArbeitnehmerInnen nicht vom Glanz der Oberflächlichkeit beeindrucken lassen, der von Politik und Wirtschaft so großzügig und höchst professionell versprüht wird. Es ist doch bezeichnend, dass EntscheidungsträgerInnen in führenden Positionen nicht selten SoziopathInnen sind. Solange diese schneidig und telegen daherkommen, verzeiht die gleichgültige Öffentlichkeit ihre Charakterschwächen.

Bild: Bruno Haberzettl, „Ist wurscht, wir sind keine großen Fischesser!“ - Nur keine Sorgen im Urlaub …2011 | © Bruno Haberzettl

„Ist wurscht, wir sind keine großen Fischesser!“ – Nur keine Sorgen im Urlaub…, 2011 | Bild: Bruno Haberzettl

Welche Bedeutung hat das Thema Umweltschutz für Sie? Mit „Naturlieb Ja! – Aber. Wirtschaftswachstum um jeden Preis“ wird dem Thema in Ihrem neuen Buch »Brunos nackte Tatsachen« (Ueberreuter, 2014) ein ganzes Kapitel gewidmet.

Bruno Haberzettl: Das Thema Umwelt- und Naturschutz sollte oberste Priorität haben. Unser Wirtschaftssystem, basierend auf ewigem Wirtschaftswachstum, führt uns geradewegs in die Katastrophe. Wir opfern dafür ein natürliches System, das sich in Millionen von Jahren entwickelt und sich durch seine Dynamik und unendlichen Vernetzungen bis heute bewährt hat. Alles, was für uns existentiell wichtig ist, leiten wir davon ab. Was nützt uns unser Pseudowohlstand, wenn wir zum Beispiel kein sauberes Trinkwasser mehr haben? Die Zerstörung der Natur für wirtschaftliche Interessen hat sich als das schlechteste Geschäft aller Zeiten herausgestellt. Die daraus resultierenden Naturkatastrophen ziehen – auch bei uns – Reparaturzahlungen in Milliardenhöhe mit sich. Dagegen ist die Umweg-Rentabilität erhalten gebliebener Naturräume unbezahlbar!

Bild: Bruno Haberzettl, Gedanken zur Entfesselung der Wirtschaft …, 2013 | © Bruno Haberzettl

Gedanken zur Entfesselung der Wirtschaft …, 2013 | Bild: Bruno Haberzettl

Was mich besonders ärgert: Die Politik setzt komplett auf ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, dass die Naturzerstörung vorantreibt und sogar noch beschleunigt. Ein System, dass auf Autopilot dahin rast, ist natürlich leicht zu verwalten. Und kommt Kritik, wird reflexartig mit Drohungen und Verängstigungen zu Arbeitslosigkeit etc. reagiert – dann kuscht die Masse wieder. Derartige „SystemidiotInnen“ als PolitikerInnen brauchen wir aber nicht, sondern wir brauchen Schach spielende VisionärInnen, die ein paar Züge vorausdenken können.

Bild: Bruno Haberzettl, Die EU-Kommission weiß genau, was uns Bürgern zu unserem Glück fehlt! – Unbegrenzter, amerikanischer Ernährungstraum …, 2014 | © Bruno Haberzettl

Die EU-Kommission weiß genau, was uns Bürgern zu unserem Glück fehlt! – Unbegrenzter, amerikanischer Ernährungstraum …, 2014 | Bild: Bruno Haberzettl

Mit welcher Intention zeichneten Sie im Kapitel „Tief über Europa. Die EU steckt in der Pubertät.“ zum Transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP?

Bruno Haberzettl: Die EU wäre grundsätzlich eine brillante Idee. Wäre sie, wie so laut gepriesen, eine Wertegemeinschaft. Der einzige Wert um den es aber zu gehen scheint, ist das Geld und damit verbunden, die egoistischen wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Mitglieder. So gesehen ist die EU über ihren Gründungsgedanken nie hinausgewachsen. Die massiven Bestrebungen zur Liberalisierung des Welthandels wie zum Beispiel TTIP gehen genau in diese Richtung. Soziale Marktwirtschaft, Eigenbestimmung und Naturschutz gehen dabei schön langsam flöten.

Bild: Bruno Haberzettl, Wertegemeinschaften …, 2011 | © Bruno Haberzettl

Wertegemeinschaften …, 2011 | Bild: Bruno Haberzettl

Wie könnte diese Werteverschiebung aufgehalten und verändert werden?

Bruno Haberzettl: Einer Gesellschaft, die sich aus Überzeugung einer Verkleinerung und Verlangsamung ausspricht und zwar wider aller technischen Möglichkeiten, wäre ein riesiger Entwicklungsschritt gelungen. Für uns EuropäerInnen vielleicht der größte in unserer Geschichte, da wir dadurch erstmals auf den Weg der Nachhaltigkeit kommen würden.

Bild: Bruno Haberzettl, Zum Glück gibt es ja Jäger! Selbst ernannte Naturexperten, die wissen, dass mit einem gezielten Flintenschuss jedes Problem zu lösen ist, 2014 | © Bruno Haberzettl

Zum Glück gibt es ja Jäger! Selbst ernannte Naturexperten, die wissen, dass mit einem gezielten Flintenschuss jedes Problem zu lösen ist, 2014 | Bild: Bruno Haberzettl

Ein Werk, das ursprünglich in Ihrem Buch „Brunos Jagdfieber“ (Ueberreuter, 2013) erschienen ist führt mich zur Frage: Wie nachhaltig ist die Jagd?

Bruno Haberzettl: Die Jagd ist, laut Prof. Josef Reichholf (Zoologe, Ökologe und Evolutionsbiologe), nach der industriellen Landwirtschaft der zweitgrößte Artenfeind! Ökologisch gesehen, löst sie keine Probleme, wie ihre ProtagonistInnen geifernd uns immer wieder einzureden versuchen, sondern sie verursacht diese Probleme vielmehr. Was mich so abstößt, ist die Präpotenz und Aggression, mit der JägerInnen, wider besseren Wissens, ihr bedenkliches Hobby dem Rest der Gesellschaft aufzwingen. Die Jagd ist im negativen Sinn nachhaltig. Sie schafft einen kranken Zustand im natürlichen Gefüge und hält diesen zum Nutzen von FreizeitmörderInnen aufrecht!

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Bruno Haberzettl: Wofür ich mir immer Zeit nehme, sind meine Aktivitäten im Garten und in der Natur. Dazu gehören verschiedene Maßnahmen zur Re-Naturierung. Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit Amphibienschutz und der Anlage von verschiedenen dynamischen Laichgewässern. Mit Leidenschaft lege ich auch Trockensteinmauern verbunden mit Sandflächen für Reptilien. Auch Vogel- und Insektenschutz sind mir wichtig. All diese Maßnahmen gewinnen für mich immer mehr an Bedeutung.

Vielen Dank für das Gespräch, die aufschlussreichen Antworten und ihr persönliches Engagement!

 

In jeder Sonntagsausgabe der österreichischen Tageszeitung »Krone« ist eine Karikatur von Bruno Haberzettl zu finden, in seinen Büchern kommt ihr in den vollen Genuss seiner witzigen und tiefgründigen Satire zu zeitgenössischen Themen.

Cover
Bruno Haberzettl »Brunos nackte Tatsachen«
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2014
Hardcover, 160 Seite mit farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-8000-7597-3
Meine Rezension zum Buch: Humor ist … | »Brunos nackte Tatsachen« von Bruno Haberzettl

 


Bruno Haberzettl »Brunos Jagdfieber«
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2013
Hardcover, 96 Seiten mit farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-8000-7566-9

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KUNST HALLT NACH: Kunst und Nachhaltigkeit? Reines Wasser – Die kostbarste Ressource der Welt

Was hat Kunst mit Nachhaltigkeit zu tun? In meiner Kolumne stelle ich mir unter anderem diese Frage. Den Auftakt dieser Entdeckungsreise bildet ein Besuch der von Stella Rollig und Magnus…

Was hat Kunst mit Nachhaltigkeit zu tun? In meiner Kolumne stelle ich mir unter anderem diese Frage. Den Auftakt dieser Entdeckungsreise bildet ein Besuch der von Stella Rollig und Magnus Hofmüller kuratierten Ausstellung „Reines Wasser. Die kostbarste Ressource der Welt“, die bis 15. Februar 2015 im Lentos Kunstmuseum Linz geöffnet hat.

Wasser macht sauber, glücklich und gesund, ist überlebensnotwendig und wirtschaftlich interessant. Wasser steht im Fokus der künstlerischen Werke von insgesamt 58 KünstlerInnen und KünstlerInnengruppen, die in der Ausstellung präsentiert werden.

Eine riesige Fotografie von Daniel Canogar (siehe Titelbild) katapultiert das Thema Wasserverschmutzung mit einem Schlag in die Ausstellungsräumlichkeiten. Inspiriert vom Great Pacific Garbage Vortex [1] zeigt das Foto unter anderem Trink- und Waschmittelflaschen, Getränkedosen und Plastiktaschen, die in helltürkisem Wasser schwimmen, mitten darin zirka 55 Personen.

The Yes Men, B'EAU-PAL, 2009, mixed installation | © The Yes Men

Bild: The Yes Men, B’EAU-PAL, 2009, mixed installation | © The Yes Men

Eine attraktiv wirkende, jedoch fiktive Wassermarke ließen The Yes Men entstehen. Die Installation thematisiert einen schrecklichen Chemieunfall im Jahre 1984 im indischen Bhopal. Im Zuge ihrer künstlerisch-aktionistischen Aktion wurde die Nachricht verbreitet, der Chemiekonzern Dow Chemical wäre bereit, Entschädigungen an die geschädigten Menschen zu bezahlen. Die Verantwortlichen des Chemiekonzerns waren gezwungen, die angekündigten Entschädigungszahlungen in der Öffentlichkeit zu dementieren.

Das einundzwanzig Minuten dauernde Video „Flooded Mc Donald’s“ von Superflex, zeigt eine menschenleere, nachgebaute Mc Donald’s Filiale, die langsam mit Wasser überflutet wird. Von vormals knusprigen Pommes bis zum bunten Kinderspielzeug wird alles vom langsam ansteigenden Wasser erfasst – Kurzschlüsse bei elektrischen Geräte und immer trüberer werdendes Wasser sind die Folge. Thematisiert wird der Klimawandel. Mc Donald’s als weltgrößter Rindfleischproduzent hat hier wohl einiges zu verbuchen.

Wie eng Kunst mit Tierschutz zusammenhängen kann, kommt mit dem Werk „Freitagsessen“ von Klaus Rinke – wohl unbeabsichtigt – zum Ausdruck. Dazu zwei Bilder seiner Installation.

Klaus Rinke, Freitagessen, 1987, Wassertisch (mit 12 Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Bild: Klaus Rinke, Freitagsessen, 1987, Wassertisch (mit 12 Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Klaus Rinke, Freitagessen, 1987, Wassertisch (ohne Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Bild: Klaus Rinke, Freitagsessen, 1987, Wassertisch (ohne Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Neben der Objektbeschriftung zum Werk „Freitagsessen“ ist in der Ausstellung folgender Hinweis zu lesen: „In der ursprünglichen Version von 1987 enthielt der Tisch 12 lebende Karpfen. Dies ist aufgrund des heute geltenden österreichischen Tierschutzgesetzes nicht möglich.“ Neben der Installation wird eine Videoaufnahme von den im Tisch schwimmenden Fischen gezeigt, bevor diese entfernt wurden.

„Hast du heute schon genug getrunken?“ Positiv und mit einer klaren Handlungsanweisung endet die Ausstellung mit einer „Hommage an den Genuss“ [2] von frischem und sauberem Wasser, das nicht selbstverständlich aus der Wasserleitung kommt. Das Lebenswerk von Peter Dreher umfasst um die fünftausend Gemälde von demselben Wasserglas, um die 50 wurden in der Ausstellung gezeigt.

Peter Dreher, Tag um Tag guter Tag, Das Glas, 1974 bis heute, Öl auf Leinwand, 25 x 20 cm | Courtesy WAGNER + PARTNER. © Bildrecht, Wien 2014

Bild: Peter Dreher, Tag um Tag guter Tag, Das Glas, 1974 bis heute, Öl auf Leinwand, 25 x 20 cm | Courtesy WAGNER + PARTNER. © Bildrecht, Wien 2014

„Zu zeigen, dass Wasser weit mehr ist als Mittel zum Zweck“ [2] ist Anliegen dieser Ausstellung, die meinem Eindruck nach behutsam versucht, die Menschen an ein Thema heranzuführen, dass gesellschaftskritisches Potenzial und politischen Sprengstoff in sich trägt.

 

Katalog-ReinesWasser

Stella Rollig, Magnus Hofmüller (Hrsg.)
REINES WASSER. Die kostbarste Ressource der Welt. Publikation zur Ausstellung im LENTOS Kunstmuseum Linz Jung & Jung Verlag
Hardcover, 160 Seiten, farb. Abbildungen, dt.,
ISBN 978-3-99027-064-6

Was hat Kunst mit Nachhaltigkeit zu tun? Kennst du Kunstwerke oder KünstlerInnen, die dieses Thema aufgreifen?

 

Quellen:

[1] Das Phänomen Great Pacific Garbage Vortex beschreibt die Ansammlung von Kunststoffmüll im Ozean und die Wirbel (lat. Vortex), die die kleinen Kunststoffteilchen zum Meeresboden transportieren, welche so ins Ökosystem gelangen.

[2] ROLLIG, Stella, Ein guter Tag, in: Reines Wasser. Die kostbarste Ressource der Welt, (Saalheft zur Ausstellung, 3.10.2014 – 15.2.2015, Lentos Kunstmuseum Linz), Linz, 2014, S. 28

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Aus der Redaktion. Liebes 2015!

Liebes 2015, Schön, dass du da bist! Schon einen Monat hast du mich begleitet und ich muss sagen, du gefällst mir deutlich besser als 2014. Ich würde das letzte Jahr…

Liebes 2015,

Schön, dass du da bist! Schon einen Monat hast du mich begleitet und ich muss sagen, du gefällst mir deutlich besser als 2014. Ich würde das letzte Jahr zwar nicht durchwegs als schlecht, aber doch als äußerst schwierig bezeichnen.  Dabei fing es sehr vielversprechend an, am 1. Januar 2014 ist The bird’s new nest gestartet und ich war glücklich und motiviert mit einem tollen Team von über 40 Personen den Traum eines Online-Magazins rund um das Thema Nachhaltigkeit zu verwirklichen. Außerdem hatte ich noch viele weitere Pläne – ich wollte in diesem Jahr umziehen und mich aus meinem neuen Home Office heraus selbstständig machen. Das erste Monat verging wie im Flug, denn seit dem Start von The bird’s new nest als Online-Magazin herrscht hier Hochbetrieb – Nachhaltigkeit ist offenbar kein Thema, das nur uns interessiert, sondern auch viele interessierte Leser angesprochen hat.

Im Februar 2014 waren dann aber alle Pläne auf Eis gelegt. Meine Mutter hatte eine Gehirnblutung und lag fast sechs Wochen im Koma. Noch dazu kam die Information, dass die Wohnung, die ich im Mai beziehen wollte nicht rechtzeitig fertiggestellt werden könnte, weil die Gemeinde die Bewilligung zum Bau nun doch nicht erteilt hatte. Des weiteren hatte ich mich schon 2013 für das Unternehmensgründungsprogramm beworben, das Personen in Österreich hilft, sich selbstständig zu machen – doch beim Erstgespräch war mein zukünftiger Betreuer nicht sonderlich begeistert davon, dass ich ihm einerseits nicht sagen konnte, wann ich ein funktionierendes Home Office haben würde, denn noch war unklar, wann meine Wohnung nun fertiggestellt werden würde. Und dass ich mindestens drei Tage die Woche bei meiner Mutter im Spital oder mit meinem Vater verbrachte, um meinen Eltern emotional beizustehen oder wichtige Angelegenheiten zu regeln, war auch keine gute Voraussetzung für eine Selbstständigkeit. Deshalb war die Antwort auf meine Bewerbung auch nicht überraschend: Abgelehnt!

Und was jetzt? Wir wussten damals nicht, ob meine Mutter das Koma überhaupt überleben würde, auf einmal war auch die Finanzierung meiner Wohnung in Gefahr und ich wusste nicht mehr, ob ich überhaupt umziehen würde. Nach dem Schock über die Ablehnung wurde mir klar: In dieser Situation ist es mir so und so nicht möglich, mich selbstständig zu machen. Denn neben der Unsicherheit und Hilflosigkeit, die ich empfand, habe ich auch sehr darunter gelitten, dass es meiner Mutter immer wieder sehr schlecht ging und ich trotz allem meinen Vater entsprechend unterstützen wollte. An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, ich schaffe es einfach nicht mehr.

Und so war Abwarten die Devise. Abwarten, wie sich der Zustand meiner Mutter entwickeln würde. Abwarten, was mit der Finanzierung meiner Wohnung passiert. Abwarten, ob und wann die Wohnung fertiggestellt wird. Aber einfach abwarten und nichts tun ist nicht mein Fall. Außerdem benötigte ich dringend Ablenkung und so habe ich mich entschieden, die Zeit zu nutzen um mich ganz The bird’s new nest zu widmen. Diese Entscheidung, das tolle Team und meine Freunde haben dazu beigetragen, dass ich 2014 überstanden habe und auf einmal du vor der Tür standest, das hoffnungsbringende 2015!

Und du hast tatsächlich wunderbar begonnen! Meiner Mutter geht es auf einmal besser, sie kann sogar wieder ein wenig schreiben! Und obwohl sie ein schwerstbehinderter Pflegefall bleiben wird, gibt es nichts Schöneres für mich, als meine Mutter lächeln zu sehen, wenn ich vor ihr stehe. Ich bin umgezogen! Trotz aller finanziellen Probleme, die sich im letzten Jahr ergeben haben, war es möglich, die Wohnung zu behalten. Den gesamten Dezember letzten Jahres habe ich mit meinem Umzug verbracht und nun sitze ich in meinem neuen Home Office und schreibe diese Zeilen. The bird’s new nest hat sich wunderbar entwickelt! Die Entscheidung, mich voll auf The bird’s new nest zu konzentrieren hat mir nicht nur durch eine sehr schwere Zeit geholfen, sondern hat auch dazu geführt, dass wir die sehr ambitionierten Ziele, die ich für 2014 festgelegt hatte, alle erreicht haben. Ich wurde in das Unternehmensgründungsprogramm aufgenommen! Nachdem klar war, dass ich ab 2015 ein funktionierendes Home Office haben würde, und nach zwei leider missglückten Versuchen der Heimpflege – meine Mutter ist nun gut in einem Geriatriezentrum aufgehoben -, wurde ich zum Programm zugelassen. Dort habe ich nicht nur viele interessante zukünftige Selbstständige kennengelernt, sondern auch sehr viel Zuspruch erfahren, was meine Pläne betrifft. Mit so vielen Menschen zusammenzutreffen, die sich auf den spannenden und sehr herausfordernden Weg der Selbstständigkeit begeben war sehr inspirierend.

In deinem ersten Monat hast du mir also gezeigt, dass die Welt auch wieder besser aussehen kann. Und ich setze große Hoffnungen auf dich! Denn im zweiten Halbjahr diesen Jahres ist geplant, das Unternehmen zu gründen, das so lange auf Realisierung warten musste. The bird’s new nest wird daneben natürlich bestehen bleiben – auch hier wartet noch einiges Spannendes auf euch! Außerdem gibt es Pläne für ein weiteres sehr interessantes Projekt, und ich würde mich sehr freuen, wenn ich dieses in ein paar Wochen vorstellen könnte. Es wird also ein ereignisreiches Jahr werden, und ich freue mich schon darauf!

Schön, dass du da bist, 2015!

Alles Liebe,

Edda

PS: Ein unglaublich großes Dankeschön an alle, die mich und The bird’s new nest in 2014 unterstützt haben. Vielen, vielen Dank!

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