Eco. Life. Style.

Kategorie: KUNST HALLT NACH

SALE – im LENTOS Linz: Nur mehr für kurze Zeit!

Kennt ihr das Gefühl, wenn man* mit der besten Freundin stundenlang durch Boutiquen zieht und in aufregenden Probiersessions Zeit und einfach alles vergisst? In der Ausstellung INES DOUJAK – SALE…

Kennt ihr das Gefühl, wenn man* mit der besten Freundin stundenlang durch Boutiquen zieht und in aufregenden Probiersessions Zeit und einfach alles vergisst?

In der Ausstellung INES DOUJAK – SALE im Lentos Kunstmuseum erlebte ich ein Revival dieses Gefühls. Mitten im großen Saal des LENTOS laden Kleiderstangen mit Röcken, Kleidern, Overalls und Mänteln aus tollen Stoffen und in stylischen Schnitten zum Anprobieren ein und die Museumshalle verwandelt sich noch bis 21. Mai 2018 in einen Pop-up Store.

Neben Probiersession-Feeling erzeugt Ines Doujak mehrfach angenehme Gefühle, die aber bei genauerer Betrachtung der Werke ins Stocken geraten. Die österreichische Künstlerin vernäht das Offensichtliche mit komplexen Sinnebenen und chiffriert das Politische auf modische Weise.

Ines Doujak, Karneval

Schmutzige Geheimnisse, blutende Pferde, freche Plünderer, brennende Nähmaschinen, gequälte Affen und dreckige Ideologien. In ihren Werken verwebt Doujak künstlerische Praxis mit kritischen Labels und formuliert mit Nadelstichen ihre vielschichtige Kritik unter anderem an der Modeindustrie. Textiler Zwirn verstrickt mit metaphorischen Fäden, die es zu entwickeln gilt.

Das Saalheftchen benennt das politische Feld der Globalisierung und daraus resultierende Konsequenzen: #Freihandelsabkommen, #Transportkosten, #Ausbeutung, #Rassismus, #Tierqual.

Ines Doujak, Kriminalaffe

Jedes Werk könnte Ausgangspunkt sein, um Fragen zu konkreten Entwicklungen in Gesellschaft und Politik zu eröffnen. Doch ich schließe an dieser Stelle und empfehle den Besuch der Ausstellung: SALE – nur mehr für kurze Zeit im Lentos Linz.

Ausstellungsansicht, großer Saal im LENTOS Kunstmuseum Linz

Danke an mein zauberhaftes Fotomodell Jasmin Maria David!

INES DOUJAK – SALE
LENTOS Kunstmuseum Linz
Ernst-Koref-Promenade 1, 4020 Linz

Über Pfingsten geöffnet!

Kuratorin: Hemma Schmutz

Keine Kommentare zu SALE – im LENTOS Linz: Nur mehr für kurze Zeit!

ANIMAL UTOPIA – Hoffnungsvoll nach vorne malen

Das Buch ANIMAL UTOPIA beleuchtet das künstlerische Schaffen von Maler Hartmut Kiewert und schenkt Hoffnung ohne die Realität zu verklären. Kunst mit gegenwärtigen Praktiken verknüpfen Im Vorwort eröffnet Publizistin und…

Das Buch ANIMAL UTOPIA beleuchtet das künstlerische Schaffen von Maler Hartmut Kiewert und schenkt Hoffnung ohne die Realität zu verklären.

Kunst mit gegenwärtigen Praktiken verknüpfen

Im Vorwort eröffnet Publizistin und Journalistin Hilal Sezgin die Auseinandersetzung mit Kiewerts Gemälden anhand ihrer assoziativen Betrachtung. Sie stellt klare Bezüge her zwischen den utopischen Malereien Kiewerts, den realen Praktiken der Tierproduktionsindustrie und den Verhaltensweisen von Schweinen. Das Gemälde Herbst (2012) erinnert Sezgin an ein reales Ereignis, das sich 1959 in Australien ereignete. Beim Unfall eines Tiertransporters mit Schweinen konnten „etliche von ihnen entkommen und bildeten im Namadgi National Park eine beständige Population“. (ANIMAL UTOPIA, 12)

Bild: Harmut Kiewert, Herbst, Öl auf Leinwand, 60 x 100 cm, 2012

Was-wäre-Wenn in Bild und Text

Mit Worten bringt Sezgin auf Papier, was Kiewert mit Pinseln auf der Leinwand festhält, wenn sie beschreibt, was alles möglich wäre, wenn ein Schwein den gegenwärtigen Haltungssystem entkommen könnte. „Schweinemütter würden sich bequem hinlegen, um ihre Jungen zu säugen. Sie würden ihnen Nester in kleinen, mit Laub gepolsterten Gruben anlegen und müssten die Nase nicht in traurigen Ersatzhandlungen über den leeren Spaltenboden schieben.“ (ANIMAL UTOPIA, 13)

Kiewerts Gemälde spielen laut Sezgin „mit einem Was-wäre-wenn, aber es ist kein naives Was-wäre-wenn, sondern eines, in dem Absperrungen und Schranken und Wunden noch sichtbar sind.“

Bild: Hartmut Kiewert, Nest, Öl auf Leinwand, 150 x 190 cm, 2013

Kunstgeschichte schreiben

Die Texte zu Kiewerts Werken hat Kunsthistorikerin und Herausgeberin der Fachzeitschrift Tierstudien, Jessica Ullrich, verfasst. Ullrich beschreibt Werke und die künstlerische Entwicklung Kiewerts, stellt kunsthistorische Bezüge her, vollzieht eine Einordnung der bildlichen Darstellungen in Kiewerts Werkkomplex und zeichnet ein ausführliches Porträt seines Schaffens. Auf vermittelnde Art eröffnet Ullrich den Rezipient*innen den Zugang zu Kiewerts Kunst.

Bild: Hartmut Kiewert, Randstreifen, Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm, 2015

Kunst als Medium der Hoffnung

Am Ende des Textteils, bevor der 100-seitige Farbbildteil beginnt, verweist Jessica Ullrich auf die Bedeutung des Begriffs Utopie und präsentiert zwei Begriffsdefinitionen. Die des Philosophen Max Horkheimer, für ihn ist Utopie „die Kritik dessen, was ist und die Darstellung dessen, was sein soll“ und die Definition des Philosophen Ernst Bloch, für ihn steht Utopie für das „Denken nach vorn“. (ANIMAL UTOPIA, 85) Die Essenz von Kiewerts künstlerischer Postition fasst Ullrich an mehreren Textstellen und konstatiert zu guter Letzt: „Die auf seinen Tableaus realisierten Ziele einer imaginierten, aber sich tatsächlich gesellschaftlich vorbereitenden Revolution der Tier-Mensch-Beziehung sind Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Spezies. Und so bleibt auch für Hartmut Kiewert der Geist der Utopie dem Prinzip Hoffnung verbunden.“ (ANIMAL UTOPIA, 85)

ANIMAL UTOPIA ist eine Künstlermonografie mit gesellschaftlicher Relevanz. Ausführlich und erkenntnisreich gelingt die Auseinandersetzung mit herrschafts- und gesellschaftskritisch Kunst. Kunst, die den Mut hat sich den tief verwurzelten karnisitischen und speziesistischen Denktraditionen in der Gesellschaft kritisch gegenüber zu stellen.

ANIMAL UTOPIA
Verlag compassion media, 2017
Hardcover, 28 Euro
ISBN 978-3-9816425-6-8

Website des Künstlers Hartmut Kiewert
Statement des Künstlers zu Theorie und Praxis seiner Maltechnik

Vielen Dank für das Rezeptionsexemplar an compassion media!

ANIMAL UTOPIA ist hier erhältlich.

 

Wer jetzt gleich noch mehr über einzelne Kunstwerke und Hartmut Kiewerts Kunst lesen möchte, sei auf folgende KUNST HALLT NACH Kolumnen verwiesen:
Kunst verändert den Blick – ANIMAL UTOPIA

Da sitzt ein Schwein am Sofa – Nachhalltige Kunst von Hartmut Kiewert

Herrschaft und Gewalt im Fadenkreuz – Hartmut Kiewerts Gewährsmänner

 

Was magst du an Kunstbüchern/Katalogen besonders?

Keine Kommentare zu ANIMAL UTOPIA – Hoffnungsvoll nach vorne malen

Affe oder Mensch? Chris Mosers Skulptur „artgerecht“

Ein Kopf – zwei Gesichter. Chris Moser übersetzt einen lang anhaltenden und komplexen Diskurs in eine Skulptur, die unkompliziert und ausdrucksstark Position bezieht. Das Werk „artgerecht“ ist bald in Imst…

Ein Kopf – zwei Gesichter. Chris Moser übersetzt einen lang anhaltenden und komplexen Diskurs in eine Skulptur, die unkompliziert und ausdrucksstark Position bezieht. Das Werk „artgerecht“ ist bald in Imst zu sehen, hier ein kleiner Vorgeschmack.

Die Gipsbüste zeigt eine Figur mit zwei Gesichtern. Das Gesicht eines Menschen und das Gesicht eines Schimpansen, die an den Hinterköpfen ineinander verschmolzen sind und so eine Einheit bilden. Unter dem Hals formt sich die Skulptur zu einem runden Sockel, der am unteren Ende die Aufschrift trägt: „…artgerecht ist nur die freiheit ist artgerecht ist nur die freiheit ist argerecht ist nur die freiheit ist artgerecht….“[1]

Chris Moser, artgerecht, 2017

Chris Moser, artgerecht, 2017

Radikale Verbundenheit

Die Frage, wer denn nun wen anblickt, beziehungsweise, ob das Tier zurückblickt, den Menschen anblicken kann, wird hier ad absurdum geführt. In der Verschmelzung von Mensch und Tier hin zu einem hybriden Wesen provoziert Moser eine tiefgreifende In-Frage-Stellung der ohnehin unscharfen und verschwommenen Speziesgrenze in künstlerischer Form und verweist auf die Verbundenheit von Mensch und Tier.

Mit Verbundenheit, im wissenschaftlichen Kontext, beschäftigt sich Susanna Magdalena Karr in ihrer Publikation „Verbundenheit. Zum wechselseitigen Bezogensein von Menschen und Tieren“ (Neofelis Verlag), in dem sie schreibt: „Das Anerkennen der Verbundenheit als Gegebenheit fordert weitreichende Revisionen im Umgang mit anderen Lebensformen. So wird die Kategorisierung aller nicht-menschlichen Lebewesen als „Material“ oder „Produkt“ fallen müssen.“

Frei von Überlegenheitsgefühlen

Problematisiert wird die vom Menschen selbst auferlegte Superiorität in der Tierwelt, seine Überlegenheits- und Allmachtsgefühle, die ähnlich wie bei Rassismus und Sexismus auf Ab- und Ausgrenzung beruhen, um Diskriminierung zu legitimieren und zu forcieren. Die Dekonstruktion dieser veralteten kategorialen Grenzen befreit in erster Linie den Menschen selbst und macht Hierarchisierung und stures Beharren auf menschlicher, männlicher, oder weißer Dominanz überflüssig. Chris Moser Werk „artgerecht“ ist bei der KUNSTSTRASSE IMST erstmals öffentlich zu sehen.

Chris Moser, hier beim Modellieren der Skulptur artgerecht, 2017

Vielen Dank an Chris Moser für die zur Verfügung gestellten Fotografien und die Möglichkeit der Erstveröffentlichung!

Chris Moser lebt und arbeitet als Künstler, Buchautor und politischer Aktivist in Tirol.
Künstlerische Medien: Bildhauerei, Grafik, Collage/Assemblage
Facebook
Website

Neueste Publikation: Chris Moser, Viva la Rebellion. Ein Aufruf zum Widerstand, 978-3-902873-58-3, Kyrene Verlag, 2016 – gelesen von Victoria Windtner.

[1] Mich erinnert der Spruch an das Buch „Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen“, von Publizistin und Philosophin Hilal Sezgin. Sezgin tritt für einen liberalen Islam ein und engagiert sich für die Rechte von Tieren. Der Spruch ist nach Auskunft von Chris Moser jedoch schon viel älter als das Buch.
[2] Chris Moser in meiner Kolumne: KUNST HALLT NACH: Bist du ein Homo ABER? – Radikalkunst von Chris Moser; Lähmende Endlosschleifen durchbrechen – Radikalkunst von Chris Moser

Keine Kommentare zu Affe oder Mensch? Chris Mosers Skulptur „artgerecht“

Lähmende Endlosschleifen durchbrechen – Radikalkunst von Chris Moser

Ein Gipsschädel als Perpentuum Mobile der „Denk“-Bewegung. Flexischläuche verbinden die Gesichtsöffnungen mit der Wirbelsäule und vice versa. Chris Moser veranschaulicht in seiner neuesten Skulptur einen Kreislauf der vermeintlichen Ohnmächtigkeit und…

Ein Gipsschädel als Perpentuum Mobile der „Denk“-Bewegung. Flexischläuche verbinden die Gesichtsöffnungen mit der Wirbelsäule und vice versa. Chris Moser veranschaulicht in seiner neuesten Skulptur einen Kreislauf der vermeintlichen Ohnmächtigkeit und fordert Selbstbestimmung und Eigenverantwortung.

Von den Augen in den Hinterkopf, aus dem Ohr zum Mund, aus der Nase ins Rückenmark, aus dem Hinterkopf ins Auge, aus dem Mund zum Ohr, aus dem Rückenmark in die Nase. Sinneseindrücke und Wahrnehmungswelten sind auf einen in sich rotierenden Mechanismus beschränkt.

Solo-Bubble-Performance

Der Bildhauer Chris Moser nimmt Bezug auf das sich im Kreis drehende Denken von Menschen, auch im Sinne einer Unabrückbarkeit von Überzeugungen und ideologischen Glaubensystemen. Im Gegensatz zum Werk „homo ABER„[1] argumentiert diese Figur nicht gegen Reflexionen der Außenwelt, sondern entzieht sich völlig der Auseinandersetzung mit dieser. Die Wahrnehmungswelt dieses Wesens wird auf die eigene Vorstellungswelt reduziert und (Selbst-)Reflexion ist damit unmöglich.

Bestehende Ansichten, Meinungen, Glaubenssätze und Denkformen zirkulieren unentwegt. Es scheint, als könnte nichts neues, anderes in diesen Kreislaufs hinzu kommen. Eine skulpturale Gestaltung der soziokulturellen Filterblase #Bubble? Eine Art Endlosschleife einer Solo-Bubble-Performance?

Chris Moser bei der Arbeit am Werk: EIGENverantwortlich! VERschwörung? SELBSTbestimmt, Sockelbüste, Gips und Accessoires, 2017

Selbstbestimmt den Kreislauf durchbrechen

Selbstreflexion und das ausdrückliche Hinterfragen von „eingespielten Abläufen“ fordert Chris Moser. Um die konfrontative Wirkung zu verstärken steht die Büste auf einem Sockel und wird damit auf Augenhöhe der Betrachter*innen gesetzt. Moser wendet sich direkt an die Betrachter*innen seiner Werke und konfrontiert sie mit provokanten Fragen:

„Sind immer die ANDEREN das problem?
oder eigene gewohnheiten?
teil des problems oder teil der lösung?
… sind die einfachsten erklärungen tatsächlich die besten?
– beeinflussen, manipulieren & versklaven euch wirklich ‚die medien‘ – die ihr doch freiwillig konsumiert?
– haben ‚die grosskonzerne‘ wirklich zuviel macht
– dennoch kauft ihr freiwillig ihre produkte?
– fristet ihr wirklich euer dasein im ‚erzwungenen materialismus‘ während ihr materialistische bedürfnisse stillt?
– ist am ende vielleicht gar keine ‚verschwörung‘ verantwortlich für dieses kranke leben, sondern ihr selbst?
– scheissen euch womöglich gar nicht die ‚mainstreammedien‘ den kopf voll, sondern ihr selbst?“

Chris Moser, Skizze der Arbeit: EIGENverantwortlich! VERschwörung? SELBSTbestimmt!, Sockelbüste, Gips und Accessoires, 2017

Schläuche rausreißen!

Chris Moser wendet sich direkt an die Akteur*innen im gesellschaftlichen System. Diese Akteur*innen sind wir. Jeder und Jede einzelne*n von uns, die dieser Gesellschaft angehören und durch das eigene, oft unreflektierte Verhalten, zum Bestehen problematischer Zustände beitragen. Mit enormer Dichte konfrontiert uns der politische Künstler mit Themen wie Konsumverhalten, Materialismus, Kapitalismus, medialer Manipulation und Verschwörungstheorien. Indirekt nimmt er Bezug auf vorherrschende Ideologien, deren prägende Wirkung und Dominanz, die meist unerkannt und unsichtbar bleiben und ermutigt zum Durchbrechen der eigenen Denk- und Handlungsgrenzen.

Danke an Chris Moser für die Erlaubnis, die ersten Fotografien des Werkes „EIGENverantwortlich! VERschwörung? SELBSTbestimmt!“ in diesem Kolumnenbeitrag zu veröffentlichen.

Chris Moser lebt und arbeitet als Künstler, Buchautor und politischer Aktivist in Tirol.
Künstlerische Medien: Bildhauerei, Grafik, Collage/Assemblage
Facebook
Website

Neueste Publikation: Chris Moser, Viva la Rebellion. Ein Aufruf zum Widerstand, 978-3-902873-58-3, Kyrene, 2016 – gelesen von Victoria Windtner.

[1] Bist du ein Homo ABER? – Radikalkunst von Chris Moser

Keine Kommentare zu Lähmende Endlosschleifen durchbrechen – Radikalkunst von Chris Moser

Kunst verändert den Blick – >ANIMAL UTOPIA<

„Die letzte Tierfabrik wurde geschlossen. Ehemalige Tierproduktionsstätten verfallen zu Ruinen.“ So, oder so ähnlich könnte eine News-Meldung aussehen, wenn Hartmut Kiewerts >ANIMAL UTOPIA< wahr wird und Menschen den Blick auf…

„Die letzte Tierfabrik wurde geschlossen. Ehemalige Tierproduktionsstätten verfallen zu Ruinen.“ So, oder so ähnlich könnte eine News-Meldung aussehen, wenn Hartmut Kiewerts >ANIMAL UTOPIA< wahr wird und Menschen den Blick auf das Tier nachhaltig veränderten.

Utopische Kunst als Gesellschaftskritik

Der Künstler Hartmut Kiewert schafft seit mehreren Jahren politische Kunst und legt in seiner künstlerischen Auseinandersetzung den Fokus auf gesellschaftsrelevante Themen. Im speziellen beschäftigt ihn das herrschaftliche Ausbeutungssystem von sogenannten „Nutztieren“. Seine Kunst bezieht Stellung zur Problematik der vorherrschenden Mensch-Tier-Beziehung und verdeutlicht mit emanzipatorischer Kraft: „Schau mal, so könnten wir auch mit Tieren umgehen“.

Kiewert zeigt, wie es sein könnte, wenn sich die von Objektivierung und Herrschaft geprägte Beziehung zwischen Mensch und Tier verändert und ein friedliches Zusammenleben möglich wird. So manche Unbequemlichkeit in Zusammenhang mit dieser Veränderung spricht Kiewert klar an, wenn er beispielsweise in Interviews sagt: “Menschen sollten aufhören Schweine zu züchten, gefangen zu halten und zu töten.”[1]

Bild: Hartmut Kiewert, Teppich III, Öl auf Leinwand, 160 x 190 cm, 2017

Inhaltlich nimmt Kiewert bei manchem Werk Bezug auf historische Anhaltspunkte, die den aktuellen Blick auf das Tier geprägt haben. Beispielsweise im Werk „Gewährsmänner“, wo er den Philosophen René Descartes und den Gegenwartskünstler Damian Hirst in ein Jagdgemälde von Gustave Courbet des 19. Jahrhunderts setzt. Mit diesen Aneignungen und Reinszenierungen kunsthistorischer Werke, wie auch in den Gemälden Im Freien“ oder „Evolution of Revolution , rüttelt er an gegenwärtigen Konventionen und stellt historische Bezüge her, die entschlüsselt werden wollen.

ANIMAL UTOPIA, Verlag compassion media, erscheint im Herbst 2017

Kommenden Herbst erscheint im Verlag compassion media ein Katalog, der über 100 Werke des Malers Hartmut Kiewert zeigen wird. Das gemeinschaftliche Projekt des zeitgenössischen Künstlers mit dem Verlag, >ANIMAL UTOPIA<, soll dazu beitragen „langfristig eine neue Sicht auf Tiere zu etablieren“, den „rein anthropozentrischen Blick zu relativieren“ und den Betrachtenden ermöglichen, „diesen fühlenden sozialen Lebewesen auf eine neue, empathische Art zu begegnen.“

Das Vorwort im Katalog stammt von Philosophin und Journalistin Hilal Sezgin, die Begleittexte von Kunsthistorikerin und Tierstudienherausgeberin Jessica Ullrich.

Bild: Harmut Kiewert, Herbst, Öl auf Leinwand, 60 x 100 cm, 2012

>ANIMAL UTOPIA< unterstützen

Zur Finanzierung des Projekts wurde die Crowdfunding Kampagne >ANIMAL UTOPIA< gestartet, die sehr erfolgreich angelaufen ist. Bis 20. August 2017 kann jede*r das Projekt unterstützen und damit dazu beizutragen, dass „aus der Utopie eines friedlichen Zusammenlebens im Idealfall ein Ist-Zustand“ wird.

Denkst du politische Kunst kann unseren Blick verändern?

 

Zur Crowdfunding Kampagne >ANIMAL UTOPIA<
Website des Künstlers Hartmut Kiewert
Statement des Künstlers zu Theorie und Praxis seiner Maltechnik

Weitere Artikel zur Kunst von Hartmut Kiewert auf The bird’s new nest:
Da sitzt ein Schwein am Sofa! Nachhal(l)tige Kunst von Hartmut Kiewert
Herrschaft und Gewalt im Fadenkreuz – Hartmut Kiewerts „Gewährsmänner“

[1] Da sitzt ein Schwein am Sofa! Nachhal(l)tige Kunst von Hartmut Kiewert

Keine Kommentare zu Kunst verändert den Blick – >ANIMAL UTOPIA<

Sergio Bambaren – Interview mit einem Schriftsteller und Träumer

Begegnungen zwischen Mensch* und Tier sind in seinen Büchern allgegenwärtig. In der Rezension zu seinem neuesten Buch „Das Fenster zur Sonne“ wird Sergio Bambaren als „stiller und kritischer als je…

Begegnungen zwischen Mensch* und Tier sind in seinen Büchern allgegenwärtig. In der Rezension zu seinem neuesten Buch „Das Fenster zur Sonne“ wird Sergio Bambaren als „stiller und kritischer als je zuvor“ beschrieben. Ich habe nachgefragt, was der Schriftsteller über reale Konsequenzen der dominierenden Mensch-Tier-Beziehungen denkt, wie sein Schreiballtag aussieht, und ob er tatsächlich denkt, dass Träumer*innen die Welt verändern können.

Die englische Version des Artikels findet ihr im Anschluss, das Interview wurde ursprünglich auf Englisch geführt.

Victoria: Hat das Schreiben von Büchern Ihr Leben verändert?

Sergio Bambaren: Es hat mein Leben komplett verändert, zum Positiven. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es so viele Menschen auf der Welt gibt, die ihr eigenes Leben so sehr in Frage stellen wie ich es mit meinem eigenen tue. Das gibt mir Hoffnung, dass wir die Welt zu einer besseren machen können, für uns alle.

Welches Buch hatte den größten Einfluss auf Ihr Leben?

Ich denke, alle von ihnen. Es sind alles wahre Geschichten mit ein bisschen Fiktion. Aufgaben, die das Leben mir gegeben hat und die ich mit meinen Lesern teile. Ihre E-Mails sind das größte Geschenk, das man mir machen kann!

interview_komp

Wie sieht Ihre tägliche Routine aus, wenn Sie schreiben? Welchen Effekt haben Deadlines auf den kreativen Schreibprozess?

Das liebe ich am meisten. Ich habe keine tägliche Routine. Jeder Tag ist ein neues Abenteuer, das es zu entdecken gilt. In einer gewissen Art und Weise habe ich mein Leben wiederentdeckt. Ich entscheide, was ich mit meiner Zeit tue. Manchmal, weit weg vom Lärm der Massen, mitten in der Natur in meinen „Haus des Lichts“, weiß ich nicht einmal welcher Tag es ist oder welche Uhrzeit wir haben. Ich lasse mich treiben in den Gezeiten des Meeres und dem Wechsel der Jahreszeiten.

Normalerweise schreibe ich in der Nacht, in der Stille der Einsamkeit, mit einem Himmel voller Sterne und dem Meer direkt vor mir. Inspiration ist wie Melancholie. Du weißt nie, wann sie kommt. Deadlines waren nie ein Problem. Wenn ich schreibe, was mein Herz mir sagt, gibt es keine Deadlines.

Warum schreiben Sie über Tiere in Ihren Büchern? Sind sie eine Art von Metapher oder denken Sie wirklich über Ihre realen Umstände in der Gesellschaft nach?

Alle Tiere und Kreaturen über die ich schreibe sind real. Ich schwimme mit Walen und Delfinen, ein kleiner wilder Fuchs namens Chiqui kommt und geht in meinem Haus, die Schildkröten, die Krabben, sie alle existieren. Die Natur gibt immer mehr zurück als sie nimmt, darum kommen die meisten Dinge, die ich gelernt habe, von der Natur. Ich kann diese nicht mit der menschlichen Gesellschaft vergleichen. Tiere kennen keine Gier, Neid, Vergeltung, Hass. Sie lassen sich einfach vom Leben selbst treiben.

interview5

Denken Sie, die Dominanzbeziehung zwischen Mensch und Tier sollte sich ändern? Wenn ja, wie sollte diese Änderung aussehen?

Ich bin Vegetarier, also kann ich mit Konsequenz sprechen. Das Leben ist wertvoll für mich, sei es das einer Ameise oder das eines Elefanten. Wir sollten die Natur respektieren und von ihr lernen. Auf die gleiche Art sollten wir uns gegenseitig respektieren für das, was wir sind. Grausamkeit gegenüber Tieren, selbst Bäumen, ist etwas, das ich nicht verstehen kann, also versuche ich für die zu kämpfen, die nicht für sich selber kämpfen können.

Denken Sie, die industrielle Massentierhaltung ist ein Problem?

Sie ist die größte Grausamkeit von allen. So wie sich die Welt langsam in ein großes Shoppingcenter verwandelt, füttern wir die Tiere nur um sie dann zu essen. Es ist komisch, wie wir in unserer westlichen Gesellschaft einen Pandabären oder einen Delfin niedlich finden. Aber eine Kuh? Sie ist nur Fleisch. Diese Art zu denken werde ich nie verstehen. Für mich ist jedes Leben heilig.

Am Anfang Ihres neuen Buches schreiben Sie: „Manche Vögel sind nicht dafür gemacht im Käfig zu leben.“ Was bedeutet das? Welche Vögel sind denn dafür gemacht im Käfig zu leben? Ist das nur eine Metapher für Ihr eigenes Leben oder denken Sie da wirklich an reale Vögel in realen Käfigen?

Ich habe viele Jahre meines Lebens von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags gearbeitet. Ich habe mich gefühlt als wäre ich ein Gefangener des Systems, in dem ich gelebt habe. Ich habe mich schrecklich gefühlt. Warum sollte ich den Regeln der Gesellschaft folgen in der ich gelebt habe, wenn mein Herz mir sehnsuchtsvoll sagt, dass Zeit mein wertvollstes Geschenk ist? Also beschloss ich zu arbeiten um mir selbst mehr Zeit zum Leben zu geben. Ich musste einige materialistische Opfer bringen, aber ich habe nie zurück geblickt. Obwohl ich jedermanns Art zu leben respektiere, kann ich nur von mir selbst und dem was ich mit meinem Leben getan habe, sprechen.

Was ist die Kernaussage ihrer Bücher? Können Träumer die Wirklichkeit verändern?

Das Leben hat mich zu einem Schriftsteller gemacht. Ich schreibe einfache Bücher mit unterschiedlichen Lektionen oder Botschaften in jedem einzelnen. Können Träumer die Welt verändern? Träumer sind diejenigen, die die Welt verändern! Ich zitiere Albert Einstein: „Die einzige Sache, die meine Träume und Vorstellungskraft behindert, ist meine Bildung.“ Selbst Steve Jobs (Gründer von Apple) sagte das, und dieser war nie auf einer Schule. Wir müssen unseren Kindern beibringen, an ihre Träume zu glauben.

Zum besseren Verständnis des Ziels/der Aussage Ihres Buches – vielleicht, wie man das Leben noch sehen kann oder wie man es leben könnte – denken Sie, es ist einfacher eine Geschichte voller Metaphern und zum Beispiel sprechenden Tieren zu erfinden? Also kein trockenes Beratungsbuch, das erklärt wie man ein Leben in Harmonie führen kann. Sondern eher ein Märchen, mit der Hoffnung des Autors, dass der Leser sich an die Metaphern erinnert und sie in sein eigenes Leben überleitet?

Das ist der Punkt an dem wir an einen schmalen Grat kommen. Träumer werden normalerweise „Menschen, die nicht in der realen Welt leben“ genannt. Aber was ist die reale Welt? Was die Mehrheit denkt oder tut? Ich spreche mit Tieren und begnüge mich damit, dass ich weiss, dass es so ist. Wenn du dich einmal von all den Dogmen, die man dir beigebracht hat zu glauben, losgelöst hast, verliert das Wort „unmöglich“ seine Bedeutung. Alles ist möglich, selbst das Sprechen mit Tieren… zumindest soweit ich weiß. Wenn ich es tun kann, dann kann es jeder tun, wenn man bereit ist seine „Komfortzone“ zu verlassen und zu seinen Träumen zu fliegen… und sobald du gesehen hast, dass es möglich ist, fühlt es sich ganz natürlich an, aber nochmals, es ist ein sehr schmaler Grat es zu verstehen.

Danke für alles! …Ein Träumer…

 

Neben seiner Karriere als Schriftsteller ist Sergio Bambaren Gründer und Präsident der Organisation DELPHIS, einer NGO zum Schutz der Meere, die sich um das Ökosystem der Meeresküsten und aller dort beheimateten Tiere kümmert und diese schützen möchte.

Webseite von Sergio Bambaren
Facebook-Seite von Sergio Bambaren

Vielen Dank an Sergio Bambaren für das Interview, seine Bücher und die Botschaft, die an eine Vielzahl an Menschen verbreitet wird!
Vielen Dank an Ecaterina Leonte für die grossartigen Bilder!

Vielen Dank an die Buchhandlung Fürstelberger Linz und die Gesellschaft für Kulturpolitik (gfk) für den Abend mit Sergio Bambaren in Linz und Moritz Stoepel für seine hervorragende Darstellung bei der Lesung an diesem Abend.

Vielen Dank an Moni für die Übersetzung!

*Die Begriffe Mensch und Tier sind im Artikel kursiv gesetzt, um auf deren sozio-kulturelle Konstruktion zu verweisen.

(1) http://www.sbambaren.com/career.html#development

 

Here is the English version of the article for all who want to read the original version of the interview:

Encounter between humans and animals are omnipresent in his books. In the recension to his book „The house of light“, he is described as „more quiet and critical than ever“. So I asked Sergio Bambaren, what he thinks about the consequences of the dominant human-animal-relationship, how his daily life as an author looks like and if he actually thinks, that dreamers could change the world.

Has the writing of books changed your life?

It has changed my life completely, for the best. I never imagined there were so many people around the world questioning their own lives as I was doing with my own. And that gives me hope that we can make a better world, for all.

Which book had the biggest effects on your life?


I guess all of them. They are all true stories, with a bit of fiction. Lessons that life has given me, and that I share with my readers. Their e-mails are the biggest present I can get!

interview_komp

What is your daily routine, if you’re writing?
 Which effects have deadlines on the creative writing process?

That’s what I love the most. I don’t have a daily routine. Every day is a new adventure to discover. In some way, I recovered my life. I decide what I do with my time. Sometimes, far from the madding crowds in the middle of Nature in my little “House of Light” I don’t remember what day is, or what is the time. I just flow with the tides of the ocean and the change of seasons.

I normally write at night, in the quietness of my solitude, with a sky full of stars and the ocean in front of me. Inspiration is like melancholy. You never know when it’s gonna come. Deadlines have never been a problem. If I write what my heart speaks to me, there is no deadline at all.

Why do you write about animals in your books? Are the animals in your books metaphors, or do you think about their real circumstances in our society?


All animals and creatures I write about are real. I swim with whales and dolphins, a little wild fox called Chiqui comes and goes around my home, the turtles, the crabs, they are all real. Nature always gives back more than what it takes, so most of the things I’ve learnt in life come from Nature. I cannot compare them with human society. Animals don’t feel greed, envy, vengeance, hate. They just flow with life itself.

interview5

Do you think the dominant relationship between human and animals needs a change? If so, how should that change be?

I am vegetarian, so I can speak with consequence. Life is precious to me, be that of an ant, or an elephant. We should respect Nature and learn from it. The same way we should respect each other for who we are. Cruelty to animals, even trees, is something I cannot understand, so I try to fight for those who cannot fight for themselves.

Do you think the mass industry is a problem?


It’s the biggest cruelty of all. Just as the world finally turns into a big shopping-center, we feed animals just to eat them. It’s funny how in our Western society, we adore a panda bear or a dolphin. But a cow? That’s just meat. I will never understand this way of thinking. For me, all life is sacred.

At the beginning of your new book you write: „Some birds are not made for living in a cage¨ What does that mean? Which birds are made for living in a cage? Is it only metaphor for your own life, or do you also think about real birds, in real cages?

I worked many years of my life from eight in the morning to five o’clock in the afternoon. I felt I was a prisoner of the system I lived in. I felt miserable. Why should I follow the rules of the society in which I lived, when my heart was yearning to tell me that time is my most precious gift? So I decided to work to give myself more time to live. I had to make some material sacrifices, but I never looked back. Though I respect everyone’s way of looking at life, I can only talk about me and what I did with my life.

What is the main massage of all your books?
 Can dreamers change the reality?

Life made me a writer. I write simple books with a different lesson or message on each of them. Can dreamers change the world? Dreamers are those who change the world! Quoting Albert Einstein: “The only thing that has hinder my dreams and my imagination is my education.” If not, Steve Jobs (Founder of Apple) said the same, and never went to school. We have to teach our children to believe in their dreams.

For the understanding of your aim/message of the book – maybe, how life could also be seen and should be lived – do you think it is easier to create a story which is full of metaphoric things and for example speaking animals? So no dry counselling book which tells how to live a life in harmony. But rather a „fairy tale“ and the hope of the author/you that the reader recognizes the metaphoric advices and transfer some of them in his/her own live?

This is where there is a very fine line to be crossed. Dreamers are normally called “people who don’t live in the real world.” But what is the real world? What the majority think or do? I do speak with animals, and suffice to me that I know it’s true. Once you free yourself of all the dogmas we have been taught to believe in, suddenly the word “impossible” is meaningless. Everything is possible, even talking with animals…at least that I know. If I can do it, anyone can do it, if they are willing to leave the “safe” zone and fly towards their dreams…and once you see it can be done, it just seems so natural, but again, a very fine-line to understand.

Thanks for all! ….a dreamer…

 

Beside his career as an author, Sergio Bambaren is founder and president of  the organization DELPHIS, a marine conservation NGO, „that protects and takes care of the coastal marine ecosystems and all the animals that live in them (ocean and beach)“, so Sergio.

Website of Sergio Bambaren
Facebook-Site of Sergio Bambaren

Thanks to Sergio Bambaren for the interview, the books, and the message you bring to a broad public!
Thanks to Ecaterina Leonte for the great pictures!

Thanks to Bookshop Fürstelberger Linz and Gesellschaft für Kulturpolitik (gfk) for the evening with Sergio Bambaren in Linz and Moritz Stoepel for his awesome artistic play reading at this evening.

*The terms human and animal are italic because of their social and cultural construction.

(1) http://www.sbambaren.com/career.html#development

2 Kommentare zu Sergio Bambaren – Interview mit einem Schriftsteller und Träumer

Vulva Vulva! Das geniale Genital als Kunstobjekt gegen das Schubladen-Denken

Wer bestimmt was Frau*sein bedeutet? Ist meine Vulva politisch? Werde ich auf sie reduziert? Die drei Künstlerinnen Jacqueline Korber, Sonja Reiter-Gaisberger und Johanna Steiner beschäftigen sich mit „der Frau an…

Wer bestimmt was Frau*sein bedeutet? Ist meine Vulva politisch? Werde ich auf sie reduziert?

Die drei Künstlerinnen Jacqueline Korber, Sonja Reiter-Gaisberger und Johanna Steiner beschäftigen sich mit „der Frau an sich in all den Facetten ihrer Weiblichkeit“ und präsentierten in der Ausstellung DIE EINE SIE IST im Woferlstall (E.I.K.E. Forum) Bad Mitterndorf in der Steiermark ihre realisierten Werke.

Dort begegnete ich einer Kommode mit drei Schubladen…

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Gips in Kommode

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Gips in Kommode

Im kraftvollen, aber unaufdringlichen Werk „schubladisiert is glei amoi!“ setzt Jacqueline Korber den weiblichen Körper ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und das mit einer klaren Botschaft an uns!

Eine Kommode. Drei Schubladen.  Zehn Frauen.

Die oberste und die unterste Schublade der Kommode ist geschlossen. Die mittlere Schublade hat ihren für sie vorgesehenen Platz verlassen  – sie liegt auf der Ablagefläche des Möbelstücks. In ihr enthalten sind zehn Gipsabdrücke von weiblichen Vulven.

Der Inhalt der untersten, geschlossenen Schublade wird aufgrund des Freiraums, der durch die fehlende mittlere Schublade entsteht, einsehbar. Der Torso einer weiblichen Person liegt darin. Die oberste Schublade muss geöffnet werden, um zu sehen, was sich in ihr befindet. Es sind drei Gipsabdrücke von Brüsten. „Frauen werden auf ihre Körperlichkeit und ihr Äußeres reduziert, oft auf Brüste und Vulva“, erklärt die Künstlerin.

Insgesamt waren zehn Frauen bereit für dieses künstlerische Werk einen Abdruck von ihrer Vulva, ihren Brüsten, oder des Oberkörpers machen zu lassen. Nur drei von ihnen, erzählt die Künstlerin, haben ihre eigene Vulva als Gipspositiv in der Ausstellung wiedererkannt. Für Korber ein Beweis dafür, dass „jede Lady öfter den Spiegel zur Hand nehmen und ihre Vulva betrachten sollte.“

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016

Sexistisches Schubladen-Denken

„Jacqueline, warum hast du nicht die Telefonnummern dazugeschrieben?“, fragte ein männlicher Ausstellungsbesucher witzelnd die Künstlerin. Eine Frage die das offenbart, was Korber unter anderem zu thematisieren versucht – Frau* wird auf ihr Geschlecht reduziert und zum Objekt degradiert. In der Ausstellung „geht es nicht um die Frau in der Opferrolle, oder um mangelnde Gleichberechtigung oder überhaupt um Gleichberechtigung – es geht ums Mensch sein.“ [1]

Ein weiterer Ausstellungsbesucher stellte den Vergleich zwischen den ausgestellten Gipspositiven der weiblichen Vulven mit einer Jagdstrecke [2] auf. Auch in einer sexistischen Alltagssprache finden sich Analogien, beispielsweise wenn von „Schnalle“ oder „Luder“ als abwertende Bezeichnung für eine Frau gesprochen wird. Beide Begriffe stammen aus dem Jagdjargon: „Schnalle“ bezeichnet das äußere Geschlechtsteil beim weiblichen Haarraubwild und beim Hund. [3] “Luder” ist jedes tote Tier, mit dem man Raubwild und Raubzeug anlocken möchte. [4]

„Jagdgebiete des Mannes“

Eine Verknüpfung die häufiger auftritt: „Tiere und Frauen verbindet, dass sie im ‚unendlichen Jagdgebiet‘ des Mannes auch ganz konkret als Beute und Opfer auftreten. So lassen sich vielfältige Verbindungen zwischen Frauen und (gejagten) Tieren oder zerlegten Tierkörpern nachweisen, die sich vom Bedeutungsfeld der Jagd über das Ritual des Fleischessens und die Pornografie bis hinein in Gewaltdarstellungen und Gewalthandlungen erstrecken.“ [5]

Die Kommentare der beiden männlichen Besucher (oben) zeigen: Korbers Werk bewegt sich an der unscharfen Grenze zwischen Reproduktion und Auflösung von Reduktion. 

LademitTorso_Korber_komp

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Detail

Aufgreifen und Sichtbar machen

Korber wiederholt die Reduktion, die sich als gesellschaftliches Phänomen im Denken über die Frau* manifestiert, indem sie die Verringerung der Frau* auf das Geschlechtsteil in Gipspositiven vergegenständlicht. Eine unsichtbare Denkform wird demonstrativ sichtbar gemacht und so ein emanzipativer Akt vollzogen.

Die Künstlerin entzieht den RezipientInnen die Möglichkeit die Schublade mit den Vulven zu schließen. Die dauerhafte Präsentation verdeutlicht die Allgegenwärtigkeit von normativen Geschlechteridentitäten und Vergeschlechtlichungsprozessen und kann als Aufforderung zur Auseinandersetzung verstanden werden.

Blockieren und Auflösen

Als Metapher für Kategorisierung, Zuschreibung und Codierung verstanden, steht die nicht-schließbare Schublade gegen jede endgültige Einordnung innerhalb eines bestehenden, begrenzenden Denksystems.

„Es gibt so viele Teile und Teilchen in mir und meinem Sein, dass es ausgeschlossen ist nur ‚typisch weibliches‘ leben zu können oder auch zu wollen. Stereotyp weiblich – ich würd mich doch nur selbst betrügen. Ich bin Ich, in und mit all meinen Facetten und Farben“, erklärt Korber.

Die Künstlerin plädiert für eine Weiblichkeit, die sich nicht nur von Vergleichen mit dem Männlichen emanzipiert, sondern auch darauf verweist, dass es DIE EINE Weiblichkeit nicht gibt.

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Detail

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Detail

Geniales Genital – Let’s talk about…?

In der Auseinandersetzung ist mir aufgefallen, dass es für das weibliche Genital wenig geläufige Bezeichnungen gibt, die nicht derb, vulgär oder aus anderen Gründen unbrauchbar sind. Warum ist das nur so?

Das Wort Genital (von lat. Genus, dt. Geburt, Herkunft, Abstammung) wird beispielsweise neben Fortpflanzungsorgan auch mit Geschlechtsteil übersetzt, was bei Korber die Frage aufwirft: „Warum ist in diesem Wort, dass etwas so wunderbares beschreibt, ‚schlecht‘ enthalten? – Gehsuper würd mir besser gefallen!“ Die Künstlerin setzt sich über den gängigen Sprachgebrauch hinweg und spricht von „Gehsuperteilen“ „Lalas“ und „Mumus“.

„Durch unser geniales Genital erblickt ein kleiner Mensch zum ersten Mal das Licht der Welt“, bemerkt Korber wertschätzend und reißt damit die Schublade der Mutterschaft auf, an der sie zugleich rüttelt, wenn sie nach dem vorherrschenden Frau=Mutter-Vorstellungen fragt und was es für das Frau*sein bedeutet, wenn bei einer Frau* kein Kinderwunsch besteht.

An die Lalas und Mumus dieser Welt!

Den eigenen Körper „annehmen und lieben lernen [6] lautet die Aussage der drei in der Ausstellung gezeigten Künstlerinnen, sie wollen „keine Ideale erfüllen müssen und sich keine Klischees überstülpen lassen“, so der Pressetext von Jasmin Maria David.

„Erkenne dich selbst – entdecke und erfahre dich. Wechsle die Perspektiven. Tausche dich aus. Hör zu. Lerne deine Einzigartigkeit schätzen. Im Innen und im Außen. Und lass nicht Andere sagen, wer oder gar was du bist“, so Korber.

 

Jaqueline Korber lebt und arbeitet als Fotografin und Künstlerin in Bad Mitterndorf in der Steiermark in Österreich.
Facebook
Website

 

[1] Vgl. DAVID, Jasmin Maria, Pressetext zur Ausstellung „DIE EINE SIE IST“, 2016
[2] Bei einer Jagdstrecke werden alle Lebewesen, die während der zuvor stattgefundenen (Gesellschafts-) Jagd verfolgt und getötet wurden, in einer Reihe aufgelegt und traditionell mit Zweigen belegt. Die Zweige werden zuvor mit dem Blut des Tieres versehen und anschließend trägt der Jäger, der das Tier erschossen hat den blutigen Zweig an seinem Hut.
[3] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de
[4] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de
[5] MÜTHERICH, Birgit, Tierrechte: Sie sind die anderen
[6] Vgl. DAVID, Jasmin Maria, Pressetext zur Ausstellung „DIE EINE SIE IST“, 2016

Das Wort Frau wird mit einem *(Stern) markiert, um auf die sozio-kulturellen Konstruktionen von Geschlechteridentitäten zu verweisen.

Keine Kommentare zu Vulva Vulva! Das geniale Genital als Kunstobjekt gegen das Schubladen-Denken

Da sitzt ein Schwein am Sofa! Nachhal(l)tige Kunst von Hartmut Kiewert

Schweine auf Sofas, Teppichen und Parkettböden – diese Bilder irritieren nicht nur kurzfristig die Wahrnehmung, sie haben das Potenzial unsere Sichtweise nachhaltig zu verändern. Künstler Harmut Kiewert befreit die Schweine…

Schweine auf Sofas, Teppichen und Parkettböden – diese Bilder irritieren nicht nur kurzfristig die Wahrnehmung, sie haben das Potenzial unsere Sichtweise nachhaltig zu verändern.

Künstler Harmut Kiewert befreit die Schweine aus „den menschengemachten Ausbeutungsarchitekturen“ und zeigt sie „an Orten, an denen sie üblicherweise nicht vorkommen, weil sie hinter den Wänden der Mastanlagen und Schlachthöfen verborgen bleiben“.

Kiewert_sight_unseen_2

Hartmut Kiewert, Sight Unseen 2, 2016, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm

Soziale Konstrukte in Frage stellen

Dabei geht es nicht um die Vermenschlichung von Schweinen oder ein Plädoyer „für Schweine als ‚Haustiere'“, sondern der „Irritationsmoment, das Disparate der gezeigten Situation“ wird genutzt, um „die Kategorie ‚Nutztier‘ in Frage zu stellen“, so der Künstler.

Kiewert_parkett

Hartmut Kiewert, Parkett II, 2011, Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm

Diese Kunst hat den Mut gesellschaftsrelevante Themen aufzugreifen und mit emanzipatorischer Kraft bezieht sie Stellung zu den thematisierten Problematiken. Für den herrschaftskritischen Künstler sollte „die Beziehung von Menschen zu Schweinen frei von Herrschaft und Ausbeutung sein und immer auf freiwilliger Basis geschehen“. Für die Realität bedeutet das: „Menschen sollten aufhören Schweine zu züchten, gefangen zu halten und zu töten.“

Kiewert_nest

Hartmut Kiewert, Nest, 2013, Öl auf Leinwand, 150 x 190 cm

Kiewerts Werkserie Utopia ist „die Verbildlichung einer möglichen, friedlichen Koexistenz und Interaktion auf Augenhöhe zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren“.

Kiewert_Café

Hartmut Kiewert, Café, 2016, Öl auf Leinwand, 134 x 200 cm

Folgende drei Bilder hängen an meinen vier Wänden – über dem Sofa, beim Schreibtisch und in der Diele. Momentan sind es Poster – doch ich träume von den Originalen.

Emanzipatorische Kunst trifft Kunstgeschichte

Mit den Werke Im Freien und Evolution of Revolution verknüpft Kiewert seine Utopia mit kunsthistorischen Elementen. Im Jahr 1863 wurde der Maler Èduardo Manet vom französischen Salon zurückgewiesen, als er sein Gemälde Frühstück im Freien vorstellte, auf dem er eine nackte Frau mit bekleideten Männer auf einer Wiese Picknicken lässt.

_

Édouard Manet, Frühstück im Freien, 1863, Öl auf Leinwand, 208 × 264 cm | Bild: Public Domain

Über 150 Jahre später rüttelt Kiewert an den herrschenden Konventionen, wenn in seinem Bild Im Freien „die Schweine nicht in der Kühltasche, sondern am Gehweg anzutreffen sind“.

Kiewert_Im_Freien

Nackte Frauenhaut wird in Kiewerts emanzipatorischer Kunst bedeckt. So auch im Bild Evolution of Revolution, es zeigt eine Neuinterpretation von Eugéne Delacroixs Die Freiheit führt das Volk an von 1830.

freiheitführt

Eugène Delacroix, Die Freiheit führt das Volk an, 1830, Öl auf Leinwand, 260 x 325 cm | Bild: Public Domain

Im Werk wird neben Schwein, Rind, Lamm und Geflügel auch das durch Edoardo Kac berühmt gewordene GFP Bunny (2000) aus der Knechtschaft des Menschen befreit. Der grüne Hase steht hier nicht als Symbol für BioArt, sondern repräsentativ für jegliche Verwendung von Tieren in der Kunst.

kiewert_evolution-of-revolution

Hartmut Kiewert, Evolution of Revolution, 2012, Öl auf Leinwand, 180 x 225 cm

Schweinerealitäten thematisieren

Es hat mich sehr berührt, als ich die dargestellte Szene zum ersten Mal sah und den dazugehörigen Werktitel las. Heute hängt diese Darstellung direkt über meinem Schreibtisch, sie motiviert und inspiriert mich dazu vorherrschende Schweinerealitäten zu erkennen, mich zu empören, Fragen zu stellen und darüber zu schreiben.

Kiewert_verlassen

Hartmut Kiewert, Wir verlassen die Erde, 2012, Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm

Denkst du künstlerische Werke können unsere Sichtweise auf „Nutztiere“ verändern?

 

Website des Künstlers Hartmut Kiewert
Statement des Künstlers zu Theorie und Praxis seiner Maltechnik
Kolumnenbeitrag: Herrschaft und Gewalt im Fadenkreuz – Hartmut Kiewerts “Gewährsmänner”

Keine Kommentare zu Da sitzt ein Schwein am Sofa! Nachhal(l)tige Kunst von Hartmut Kiewert

Tanzend gegen brutale Jagdpraxis. Poledance-Künstlerin Christine Unger im Interview

Im Rotlichtmilieu prominent und im artistischen Sport populär – das Tanzen an der Stange erlangt nun politisch-aktivistische Dimension. Poledance-Künstlerin Christine Unger greift zur Stange, um auf Missstände in der Jagd aufmerksam…

Im Rotlichtmilieu prominent und im artistischen Sport populär – das Tanzen an der Stange erlangt nun politisch-aktivistische Dimension. Poledance-Künstlerin Christine Unger greift zur Stange, um auf Missstände in der Jagd aufmerksam zu machen. Für KUNST HALLT NACH hat die Unternehmerin meine Fragen beantwortet.

Victoria: Wieso schlüpfen Sie in ihrer Performance, als tanzende Frau, in die Rolle eines wehrlosen Rehes?

Christine Unger: Ich möchte dem Publikum bewusst machen, wie ein Reh vermutlich fühlt und in welchem panischen Zustand es sich befindet, wenn es eingesperrt ist und nicht mehr fliehen kann – mit Gekläffe von Jagdhunden und Schüssen im Hintergrund, die immer näher kommen …

© VGT | Daniela Deml

Protest-Poledance-Performance von Christine Unger gegen die Jagd auf gezüchtete und eingezäunte Tiere | Bild: VGT/Daniela Deml

Mit ihrer Performance, die sie Anfang April am Wiener Stephansplatz präsentierte, unterstützt Christine Unger eine Kampagne des Vereines gegen Tierfabriken (VGT). Die Kampagne thematisiert explizit eine sehr umstrittene Jagdpraxis – das Jagen auf gezüchtete, ausgesetzte und eingezäunte Tiere. „Ich möchte bewirken, dass dies in Zukunft verboten und verhindert wird“, so die Poledance-Künstlerin.

Der einst als verrucht betrachtete Tanz an der Stange wird in einer artistischen Weise ausgeübt und bekommt mit Ihrer Intention eine politische Dimension. Sollte künstlerisches Potenzial viel häufiger zur Bewusstseinsbildung und gegen Missstände eingesetzt werden?

Ich finde diesen Weg gut, um mehr Aufmerksamkeit zu erregen, aufzurütteln, zum Nachdenken anzuregen und Dinge plastischer und bewusster zu machen.

Hat die Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung?

Ich sehe Kunst als ein Tool, um auf Missstände aufmerksam zu machen und die Gesellschaft dadurch auf ihre Verantwortung hinzuweisen.

In ihrem Unternehmen First Impression coacht Christine Unger, als ausgebildete Typ-, und Imageberaterin andere Menschen in Sachen Etikette und Umgangsformen. Als Expertin für anständiges und diszipliniertes Auftreten bietet sie Kinder-Knigge Kurse für bessere Tischmanieren an oder berät Businessmanager in Sachen sichere Erscheinung.

© Christine Unger

Bild: Christine Unger

Wie selbstverständlich ist es für Sie aus ihrem professionellen Umfeld auf die Straße zu treten, um öffentlich für politische und gesellschaftsrelevante Themen einzutreten?

Es war und ist für mich keineswegs selbstverständlich. Bei so einer Aktion „entblöße“ ich nicht nur notgedrungen meine Beine oder etwas mehr (weil ich sonst keinen Halt auf der Polestange habe und abstürze), sondern mache mich insgesamt leichter verwundbar. Eine derartige Aktion und Choreographie ist zudem mit viel Schweiß, Zeitaufwand, Organisation und auch Geld verbunden….

Woher kommt die Motivation aktiv in der Öffentlichkeit aufzutreten?

Die Zeit ist reif, Dinge zu verändern, die schon seit viel zu langer Zeit nicht in Ordnung sind! Ich kann einfach nicht mehr, wie das die allermeisten Menschen tun, wegsehen und so tun, wie wenn alles in Ordnung wäre. Zu groß ist das Leid, das wir verursachen und es wird früher oder später immense Auswirkung auf uns alle haben. Generell ist mir ein redliches und ethisch hochwertiges Miteinander ein riesiges Anliegen und eine konstruktive Kommunikation.

© VGT

Bild: VGT

Herrschaftskritik mit emanzipatorischer Kraft

„Ich versuche, die Angst und die Gefühle des Tiers durch den Tanz sichtbar und damit bewusster zu machen“, erklärt Christine Unger im Interview und verweist damit auf die künstlerische Intention und Praxis ihrer Performance. Denn eine bedeutsame Quelle für den künstlerischen Akt dieser Poledance-Performance ist das Einfühlungsvermögen in die Situationen Anderer. In diesem Fall, die Situation eines, vor Hunden und bewaffneten Menschen, flüchtenden Rehs innerhalb eines eingezäunten Gebiets.

Das Reh ist dem Menschen im gegenwärtigen Herrschaftssystem schutz-, und rechtlos ausgeliefert. Innerhalb entsprechender Glaubenssysteme sozialisiert, betrachtet es der Mensch als natürlich und selbstverständlich nicht menschliche Lebewesen als Objekte für eigenen Zwecke zu ge-, ver- und missbrauchen.

Die non-verbale Ausdrucksweise des Tanzes kann als Prozess verstanden werden, der die anerkannte Situation des Anderen, Unterdrückten, Ausgegrenzten in die eigene Gefühls-, Gedanken- und Wahrnehmungswelt übersetzt. Um- und Missstände, die außerhalb des Blickfelds der Öffentlichkeit liegen, werden im öffentlichen Raum in deren Blickfeld überführt und eine Konfrontation bewirkt. Die emanzipatorische Kraft dieser herrschaftskritischen Kunst ist auf mehreren Ebenen angesiedelt.[1]

© Christine Unger

Bild: Christine Unger

Zum Poledance inspiriert wurde die Tänzerin von ihrem Tango-Argentino-Lehrer, der „meinte ich hätte nicht genügend Körperspannung“, so Unger. Bei ihr zu Hause steht die Poledance Stange im Gästezimmer. Wir hoffen, diese und die Bewegungskünste von Christine Unger bald wieder im öffentlichen Raum sehen zu können.

Für welche Themen werden Sie in Zukunft wieder zur Stange greifen?

Für Themen, die der VGT (Verein gegen Tierfabriken) aufgreift, insbesondere die Themen Pelz(produktion) und barbarisches Abschlachten von („Nutz“-)Tieren.

Was möchten Sie den Leser*innen der Kolumne KUNST HALLT NACH noch mitteilen?

„Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten“ (Christian Morgenstern) Bitte sehen Sie nicht mehr weg und hinterfragen Sie Ihren Fleisch- und Milchproduktkonsum, Pelz und Leder tragen, Tierversuche und generell Billigware – alles hat seinen Preis! Mittlerweile gibt es wirklich wunderbare Alternativen – alles nur eine Frage des Interesses und der Beschäftigung damit!

Vielen Dank für das Gespräch und ihr persönliches Engagement!

 

Hier könnt ihr die Poledance-Performance von Christine Unger sehen. In diesem Video versucht ein verletztes Reh im Jagdgatter zu flüchten [Achtung, Video enthält Gewalt gegen Tiere].

[1] Exkurs: Mensch denke hier auch an die jagdlichen Aktivitäten von Männern, die häufig in enger Verbindung mit sexuellen Dienstleistungen von Frauen stehen. Oder auch an den Jagdjargon, der tier- und frauenfeindliche Assoziationen befördert und sich im alltäglichen Sprachgebrauch manifestiert hat.[2] Beispielsweise die Begriffe Luder: „Jedes tote Tier, mit dem man Raubwild und Raubzeug anlocken möchte“ [3]; oder Schnalle: „Das äußere Geschlechtsteil beim weiblichen Haarraubwild und beim Hund.“[4].
[2] Vgl. MÜTHERICH, Birgit, Tierrechte: Sie sind die anderen[3] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de
[4] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de

Keine Kommentare zu Tanzend gegen brutale Jagdpraxis. Poledance-Künstlerin Christine Unger im Interview

Bist du ein Homo ABER? – Radikalkunst von Chris Moser

Künstler Chris Moser konfrontiert uns schonungslos mit der Fratze der Pseudoargumentation. Hässliche Zähne, weit aufgerissener Mund, schwarz-rote Augen, die Wirbelsäule dringt aus dem Nacken und über ihr glänzt eine merkwürdige Mechanik….

Künstler Chris Moser konfrontiert uns schonungslos mit der Fratze der Pseudoargumentation. Hässliche Zähne, weit aufgerissener Mund, schwarz-rote Augen, die Wirbelsäule dringt aus dem Nacken und über ihr glänzt eine merkwürdige Mechanik. Mitten im abscheulichen Kopf steckt eine rote Axt, eine Brille schwächt den monsterhaften Charakter dieser Büste und ein Schriftzug betitelt sie. Es ist ein „Homo ABER“! Wir können seinen Schrei beinahe hören.

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Homo ABER?

Der „Homo ABER“ kann laut Künstler Chris Moser im weitesten Sinne als Gegenstück zum anthropologischen Begriff des „Homo Faber“ gesehen werden. Der „Homo Faber“, als schaffender Mensch, führt durch sein Handeln Veränderungen herbei, im Gegensatz zu ihm sucht der „Homo ABER“ stets nach Argumenten, um sein Handeln oder Nicht-Handeln zu legitimieren.
Symbolisch steht der „Homo ABER“ für die Aussagen, die am Sockel zu lesen sind. Diese Phrasen sind austauschbar – das pseudo-argumentative ABER hinter den leeren Wortfetzen bleibt bestehen. Will sich der „Homo ABER“ weiterentwickeln ist laut Moser Bewusstseinsbildung notwendig.

Auszug Sockelbeschriftung:
„Ich bin bestimmt nicht rassistisch, ABER“
„Mir tun die Tiere ja auch leid, ABER“
„Natürlich müssen wir die Mitwelt schützen, ABER“
„Klar sollten Kinder nicht geschlagen werden, ABER“
„Mir tun Flüchtlinge ja auch leid, ABER“
„Natürlich bin ich gegen Gewalt, ABER“

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Radikalkunst

Das Werk steht für den manipulativen Moment in Mosers Kunst: „Wer diese Arbeit kennt und in Zukunft eine der bekannten unseligen ABER-Phrasen hört, erkennt in der SprecherIn unvermeidbar die Fratze des „Homo ABER“. Wer solche Aussagen (noch) selbst tätigt, ertappt sich dabei, selbst abstoßender „Homo ABER“ zu sein!“ [1]

Konfrontativ, provokant und erbarmungslos ist die Kunst des Tirolers. In der Provokation sieht Moser sein Stilmittel, nämlich „das Brecheisen, um die verkrusteten Schalen von Gleichgültigkeit und Politikverdrossenheit aufzubrechen“[2]. Sein Kunstbegriff ist eindeutig: „Ganz allgemein denke ich, dass KünstlerInnen die Verantwortung haben, sich klar zu positionieren. […] Solange Ungerechtigkeit und Ausbeutung herrschen, ist es die Pflicht der Kunst […] dagegen vorzugehen.“[3] Schweigt die Kunst zu gesellschaftsrelevanten Themen, ist sie bloße Dekoration, dient der Zerstreuung, der Ablenkung und unterstützt so Unrecht und Gewalt.[4]

Kunst oder Aktivismus?

Chris Mosers Kunst und sein Engagement als politischer Aktivist lassen sich nicht voneinander abgrenzen. Seine Kunst ist Teil seines politischen Aktivismus. Als Angeklagter im sogenannten Tierschutzprozess wurde seine künstlerische Intention vom Gericht hinterfragt und sein Aktivismus kriminalisiert. Moser wurde freigesprochen (aus bewiesener Unschuld, rechtskräftig) und fand in seinem Plädoyer im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Wiener Neustadt klare Worte: „Ich werde nicht auf Gerechtigkeit hoffen, sondern weiterhin dafür kämpfen! Für die Befreiung von Mensch und Tier, für die Freiheit der Kunst! Somit schließe ich mit einem Zitat Bertolt Brechts: Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zu Pflicht!”[5]

Fazit

Moser adressiert die Betrachtenden direkt, verweist dabei unmissverständlich auf die Verantwortung jedes einzelnen Menschen und will diese zum Nach- und Umdenken ermutigen. Als notwendige Voraussetzung einer emanzipatorischen Kraft stellt Moser dominierende Herrschaftsmechanismen und Hierarchiekonzeptionen in Frage, beleuchtet Ausbeutungs- und Unterdrückungsprozesse und fordert mittels dem Symbol der Axt die Zerschlagung von traditionellen Denk- und Handlungsstrukturen.

Chris Moser lebt und arbeitet als Künstler, Buchautor und politischer Aktivist in Tirol.
Künstlerische Medien: Bildhauerei, Grafik, Collage/Assemblage
Facebook
Website

 

Quellen:
Der Prozess. Ein Film zur §278a-Thematik von Igor G. Hauzenberger, 2011
Green Seven Report 2013 – Chris Moser
MOSER, Chris, Die Kunst Widerstand zu leisten. Wie mit § 278 a im Tierschutzprozess Freiheit untergraben und Kunst zum Verbrechen wurde. Ein Tatsachenbericht, Kyrene Verlag, 2012
MOSER, Chris, M.E, Kyrene Verlag, 2013
objects? of art! (Katalog zur Ausstellung am 6. Tierrechtskongress Wien, 10. bis 12. Oktober 2014), Wien 2014
Tierschutzprozess. Effektiver Tierschutz und gelebte Demokratie in Gefahr

[1] E-Mail Interview mit Chris Moser
[2] MOSER, Chris, M.E, Kyrene Verlag, 2013, S.20
[3] MOSER, M.E, S.24
[4] Vgl. MOSER, M.E, S.24
[5] MOSER, Chris, Die Kunst Widerstand zu leisten. Wie mit § 278 a im Tierschutzprozess Freiheit untergraben und Kunst zum Verbrechen wurde. Ein Tatsachenbericht, Kyrene Verlag, 2012, S.16

Keine Kommentare zu Bist du ein Homo ABER? – Radikalkunst von Chris Moser

Was möchtest du finden?