Spätestens seit dem Unglück am 24. April 2013, als die Textilfabrik Rana Plaza in der Nähe von Dhaka in Bangladesch einstürzte, haben wir alle von den schlechten Arbeitsbedingungen in der Modebranche erfahren. 1.138 Menschen kamen dabei ums Leben, mehr als 2.500 wurden verletzt. Einen Tag zuvor wurde die Fabrik wegen schwerer Baumängel polizeilich gesperrt. Dennoch wurden mehr als 3.000 Menschen von den Fabrikbetreibern gezwungen ihre Arbeit aufzunehmen. Um neun Uhr stürzte das Gebäude ein.

Ein paar Monate davor brach ein Feuer in einer Textilfabrik in Pakistan aus. Dabei kamen rund 300 Menschen ums Leben. Anfang diesen Jahres begann der Prozess gegen den Textildiscounter KiK in Deutschland, der in dieser Textilfabrik produzierte. Die Klage könnte allerdings wegen Verjährung abgewiesen werden. 2017 explodierte ein Boiler in einer Textilfabrik in Bangladesch. Dabei starben 13 Menschen, mehr als 50 wurden schwer verletzt.

Who made my clothes?

Der 24. April ist seit 2014 zum Fashion Revolution Day geworden, der Gedenktag an die Opfer dieses Unglücks. Weltweit haben sich in knapp 100 Ländern Menschen zusammengefunden, die Konsumenten und Modewelt wachrütteln und auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen in diesen Textilfabriken aufmerksam machen wollen.

Das Rana Plaza-Gebäude (Bild: Solidarity Center)

Mehr als 90 Prozent unserer Kleidung wird im asiatischen Raum produziert. Zweitgrößtes Exportland – nach China – ist Bangladesch mit rund 7.000 Textilfabriken, in denen unsere Kleidung produziert wird. Die Arbeitsbedingungen in diesen Ländern sind verheerend, 70 Stunden Wochen keine Seltenheit. Der monatliche Mindestlohn wurde nach dem Unglück von Rana Plaza zwar auf 5.300 Taka (ca. 55 Euro) erhöht, große Unternehmen wollen allerdings nur bedingt mehr zahlen. Schließlich würde dann der Preis eines T-Shirts im Verkauf um ein oder zwei Euro steigen. Ein Euro, der für die Näherinnen viel bedeuten und uns Konsumenten nicht schaden würde. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Einkaufspreise sinken für die Auftraggeber und die Mode bleibt für den Konsumenten weiterhin günstig.

Seit kurzem existiert die sehr interessante Karte „Mapped in Bangladesch“ auf der Bekleidungsfabriken in Bangladesch angezeigt werden, inklusive der Information, für welche Marken sie produzieren, wohin sie exportieren, wie viel Prozent Frauen in der Fabrik arbeiten und vieles weitere.

Made in Europe

Nach dem großen Unglück in 2013 wandern immer mehr Auftraggeber nach Europa zurück. Viele Unternehmen rühmen sich damit, in Europa zu produzieren. „Made in Europe“ hört sich natürlich immer besser an als „Made in Bangladesch“. Und schließlich herrschen in Europa faire und soziale Arbeitsbedingungen. Oder doch nicht? Die Clean Clothes Campaign hat einen umfassenden Bericht über die Sweatshops Europas erstellt.

Die Arbeitsbedingungen in diesen sind vergleichbar mit denen im asiatischen Raum – menschenunwürdig und existenzbedrohend! So ist zum Beispiel der gesetzliche Mindestlohn in Bulgarien, Mazedonien und Rumänien niedriger als in China. In Moldawien und in der Ukraine liegt er sogar unter dem gesetzlichen Mindestlohn von Indonesien. Und selbst der gesetzliche Mindestlohn wird oft nicht bezahlt. Laut befragten Arbeitern in Ungarn beträgt der niedrigste Nettolohn inklusive Überstunden und Zuschlägen 197 Euro im Monat. Knapp 50 Euro weniger als das Gesetz vorgibt.

In den Sweatshops Europas wird für die unterschiedlichsten Firmen produziert. Auftraggeber sind allerdings nicht nur Fast Fashion Labels wie H&M, C&A, Zara und Mango, auch hochpreisige Designermarken wie Gucci, Dolce&Gabbana, Louis Vuitton und Versace lassen in Süd-Osteuropa produzieren. Doch egal für welche Marke schlussendlich genäht wird, die Arbeitsbedingungen sind immer dieselben und die Stimmen der Arbeiter sind eindeutig:

„Ich habe der Vorgesetzten gesagt, ich könne an dieser Maschine nicht atmen. Es seien bereits 30 Grad in der Fabrik, und wenn wir diese Maschine bedienen, würde es noch viel heißer. Da nahm sie das heiße Abluftrohr der Maschine, richtete es auf die Gesichter von mir und meiner Kollegin und sagte: ˏDas ist euer Problem, und wenn ihr damit nicht zurechtkommt, gibt es genug Leute, die darauf warten, euren Platz einzunehmen!´“  

Aus der Ukraine hört man: „Meine Familie muss für Elektrizität und Wasser monatlich 86 Euro bezahlen [das entspricht dem gesetzlichen Mindestlohn und dem Standardlohn].“

Ein weiterer Grund für die Produktion in Europa ist Zeit. Fast Fashion Labels wie zum Beispiel H&M und Zara bringen bis zu 24 Kollektionen im Jahr auf den Markt. Sie wollen immer schneller immer mehr Kleidung in die Läden im Westen bringen. Das funktioniert natürlich mit einer nahen Produktionsstätte am besten. Im Vergleich zu den Transportwegen von Asien mit rund vier Wochen, brauchen die Stücke von Osteuropa nur ein bis drei Tage in die Läden.

Pronto Moda – Fast Fashion made in Italy

Was hört sich noch besser an als „Made in Europe“? Richtig, „Made in Italy“! Ihr kennt doch bestimmt diese Shops, in denen groß angekündigt wird „Mode aus Italien zu günstigen Preisen“. Da kann doch was nicht stimmen!

Im Zentrum der „pronto moda“ steht die Stadt Prato kurz vor Florenz. Prato war schon im Spätmittelalter für seinen Textilhandel bekannt. Das „Lumpenzentrum Europas“, wie man die Stadt auch nannte, war ein wichtiges Einwanderungsgebiert für Italiener aus dem Süden. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Prato zu einer Industriestadt mit Schwerpunkt Stoffherstellung. Durch die Finanzkrise 2008 mussten viele italienische Stoffproduzenten schließen. Einwanderer gibt es seit den 90ern trotzdem viele. Diesmal kommen die Menschen allerdings aus China. Chinesische Hilfsarbeiter arbeiten viel und sie arbeiten schnell, heißt es. Laut der italienischen Wirtschaftsjournalistin Silvia Pieraccini, produzieren die chinesischen Betriebe in Prato jeden Tag rund eine Million Kleidungsstücke. Im Industrieviertel der Stadt gibt es fast 5.000 gemeldete Betriebe. Der Großteil davon Textilunternehmen.

Die Arbeitsbedingungen sind mit denen in den Textilfabriken in Bangladesch zu vergleichen. Viele Chinesen arbeiten und leben an einem Ort – in der Produktionshalle. Ein 18-Stunden-Tag und ein Einkommen von einem Euro pro Stunde oder weniger ist keine Seltenheit. Und auch dort kam es im Dezember 2013 zu einem Brand in einer Textilfabrik, wo sieben Menschen starben.

Greenwashing – Wie sich die Großen reinwaschen wollen

Dass der Trend zu Nachhaltigkeit in der Modebranche immer stärker wird, merkt man auch bei den großen Konzernen. H&M kennzeichnet seine „nachhaltigere“ Kollektion mit seinem CONSCIOUS-Siegel, C&A seine „nachhaltigeren“ Stücke mit „WearTheChange“. Bio-Baumwolle und recycelte Materialien hören sich zwar toll an, aber werden die Näherinnen und Näher, die diese Stücke produzieren, dann auch besser bezahlt? 2013 kündigte der schwedische Modekonzern an, dass 850.000 ArbeiterInnen in seinen Zulieferfabriken bis 2018 ein existenzsichernder Lohn bezahlt werde. Die Zeit ist abgelaufen, doch es werden weiterhin nur Armutslöhne gezahlt.

Mit dem Slogan „Turn around, H&M“ erinnerte eine Gruppe von AktivistInnen der Clean Clothes Kampagne in Stockholm die TeilnehmerInnen der Jahreshauptversammlung von H&M am 8. Mai 2018 daran, dass die 2,6 Mrd. USD Gewinn mehr als genug sind, um den Skandal mit den Hungerlöhnen in den Fabriken sofort zu beenden. (Bild: CCC)

Wenn man sich die Informationen auf deren Websites durchliest, fällt der Begriff „nachhaltiger“ sehr oft. Die Unternehmen wollen in Zukunft mehr auf „nachhaltigere“ Materialien und „nachhaltigere“ Produktionsbedingungen setzen. Zwischen „nachhaltiger“ und „nachhaltig“ ist dennoch ein großer Unterschied. Die Materialien sind nachhaltiger als zuvor, was nicht schwierig ist, die Produktionsbedingungen sind auch nachhaltiger als zuvor, was erst recht keine Herausforderung darstellen sollte. Es ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. An Glaubwürdigkeit fehlt es dennoch. Nicht zuletzt, weil diese Unternehmen eigene Siegel verwenden, die sich nach ihren eigenen Standards richten und ihre eigene Definition von Nachhaltigkeit haben.

It’s Time for a Fashion Revolution

Rana Plaza hat die Modeindustrie geprägt. Viele Konsumenten stellen sich und der Modewelt am Fashion Revolution Day die bekannte Frage „Who made my clothes?“. Dennoch gibt es noch genug Menschen, die sich keine Gedanken darüber machen, wer, wie und wo ihre Kleidung hergestellt wurde und für die Kleidung ein Wegwerfprodukt geworden ist. Kaum jemand kann sich vorstellen, wie viel Arbeit hinter einem Kleid steckt. Wie auch, wenn ein Kleid oft keine 20 Euro kostet? Was sind schon 20 Euro? Zwei Mal tragen, dann weg damit.

Ich lasse als Modedesignerin von Anfang an meine Kollektionen unter fairen und sozialen Arbeitsbedingungen in einer sozialökonomischen Schneiderei in Wien produzieren. Die Augen werden dann oft sehr groß, wenn neue Kundinnen erfahren, dass meine Stücke in Österreich produziert werden. Ein Ding der Unmöglichkeit? Im Gegenteil! Als ich mein Label gegründet habe, kam mir gar nicht erst der Gedanke irgendwo im Ausland zu produzieren. Seit die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der Textilbranche verstärkt ans Tageslicht gerückt sind, lege ich noch mehr Wert darauf, meinen Kunden und meinen Mitmenschen klar zu machen, dass es so nicht weitergehen kann und dass es sehr wohl möglich ist, unter fairen, nachhaltigen und sozialen Bedingungen Kleidung herzustellen.

Wenn es kleine Modelabels schaffen, warum schaffen es dann die Großen nicht?

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