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Kategorie: KUNST HALLT NACH

KUNST HALLT NACH: Herrschaft und Gewalt im Fadenkreuz – Hartmut Kiewerts „Gewährsmänner“

Im anthropozentrischen Netzkunst-Gewalt-Experiment markiert das virtuelle Fadenkreuz die lebende Ratte als Abschussziel. Im Gemälde „Gewährsmänner“ (siehe Titelbild), stellt es Unterdrückungsordnungen und Gewaltstrukturen in Frage, anstatt sie zu bestätigen. „Gewährsmänner“ von Hartmut…

Im anthropozentrischen Netzkunst-Gewalt-Experiment markiert das virtuelle Fadenkreuz die lebende Ratte als Abschussziel. Im Gemälde „Gewährsmänner“ (siehe Titelbild), stellt es Unterdrückungsordnungen und Gewaltstrukturen in Frage, anstatt sie zu bestätigen.

„Gewährsmänner“ von Hartmut Kiewert

Wir sehen einen braunen Hirsch mit blauem Fadenkreuz am Brustkorb. Er befindet sich im Sturz, ist umringt von Jagdhunden und zwei männlichen Personen in Warnwesten. Stehend, der Philosoph René Descartes [1] „der die Trennung zwischen Mensch und Tier auf die Spitze trieb“ und auf dem Pferd sitzend „Damien Hirst [2], der Tiere als reines Material für seine künstlerischen Arbeiten sieht und dafür auch umbringen lässt.“ [3] Beide Männer blicken aus dem Bild zu den Betrachtenden. „Die beiden sind sich offenbar darüber bewusst, dass sie beobachtet werden, lassen aber trotzdem nicht von ihrer grausamen Tat ab. Die Betrachtenden werde ein stückweit zu Komplizen.“, so Künstler Hartmut Kiewert.

Der dunkle Hintergrund verbirgt beinahe ihre vorsätzliche Mausklickmentalität – Descartes richtet eine Fernbedienung auf den Hirsch, Hirst dokumentiert die Szene mit einem Mobiltelefon.

Gustave Courbet, Hirschjagd im Winter, 1867, Öl auf Leinwand, 355 x 505 cm, Musée des Beaux-Arts et d'archéologie de Besançon | Public Domain

Bild: Gustave Courbet, Hirschjagd im Winter, 1867, Öl auf Leinwand, 355 x 505 cm, Musée des Beaux-Arts et d’archéologie de Besançon | Public Domain

„Hirschjagd im Winter“ von Gustave Courbet

Als Vorlage zu „Gewährsmänner“ diente „Hirschjagd im Winter“ (The kill of deer), ein Werk des leidenschaftlichen Jägers und für seine realistische Malerei berühmten Künstlers Gustave Courbet. Er berichtete voller Begeisterung von den prachtvollen Tieren, die durch seine Hand getötet wurden. [4] Das Werk zeigt das Ende einer Parforcejagd (Halali) [5]  in winterlicher Landschaft.

Herrschaftskritische Kunst

Einzelne Bildelemente wurden von Kiewert zitiert, verändert und ergänzt. Laut Künstler gilt das Fadenkreuz „als Unterstreichung des abgekarteten ‚Spiels‘ der Jagd, bei dem der Hirsch das ausgemachte Opfer und Verlierer ist.“

Kiewerts Werk bietet ein Gegenstück zu anthropozentrischer Kunst, die vorherrschende Herrschaftsmechanismen bekräftigt. Es verweist auf die Notwendigkeit zur Hinterfragung von dominierenden Ausgrenzungs- und Diskriminierungsprozessen und emanzipiert sich so von herrschaftlichen Bildregimen. Achtung: Bei legitimationsfreier Konfrontation könnte sich die selbstauferlegte Vorherrschaft des Menschen als Konstrukt erweisen.

Vielen Dank an Hartmut Kiewert für die Beantwortung meiner Fragen und die zur Verfügung gestellten Bilder!

Kennst du Kunstwerke, die etwas kritisch hinterfragen?

 

Quellen:
Website von Hartmut Kiewert
KIEWERT, Hartmut, »mensch_tier«, Münster 2012
[1] Rene Descartes war davon überzeugt, dass „Tiere“ affektgesteuerte Biomaschinen, instinkthafte Wesen ohne Vernunft, Sprache und Bewusstsein sind. Vgl. Discours de la méthode, V. 9 – 12.
[2] Zeitgenössischer Künstler, der bekannt für seine in Formaldehyd präsentierten Tierleichen ist.
[3] + [6] E-Mail Interview mit Hartmut Kiewert.
[4] TITEUX, Gilbert, Auf der (Traum-) Fährte des Hochwilds. Zu Courbets Jagdbildern, in: Ausstellungskatalog, Courbet – Ein Traum von der Moderne (Schirn Kunsthalle Frankfurt, 15. Oktober 2010 – 20. Januar 2011) Hrsg. HERDIG, Klaus, HOLLEIN, Max, 72
[5] Parforcejagd, franz. par force ‚mit Gewalt‘. Form der Hetzjagd zu Pferde mit laut jagender Hundemeute auf ein einzelnes Stück Wild. Im 17. und 18. Jahrhundert besonders beliebt. Einschränkungen seit dem 19. Jahrhundert, heute in einigen Ländern verboten.

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KUNST HALLT NACH: Mensch und Ratte als Versuchstiere – Florian Mehnerts Projekt „11 Tage“

Eine lebende Ratte als Zielobjekt im künstlerischen Experiment. Ein Einblick in die Auseinandersetzung mit dem Experiment „11 Tage“ und dem Austausch mit dem Künstler Florian Mehnert: Das Projekt „11 Tage“…

Eine lebende Ratte als Zielobjekt im künstlerischen Experiment. Ein Einblick in die Auseinandersetzung mit dem Experiment „11 Tage“ und dem Austausch mit dem Künstler Florian Mehnert:

Das Projekt „11 Tage“

Ein Online-Livestream. Gezeigt wird eine Installation mit einer lebendigen, weißen Ratte. Diese befindet sich in einer weißen Box (siehe Titelbild). Am unteren Rand ragt ein Waffenlauf ins Bild. Etwas oberhalb befindet sich ein Fadenkreuz. Die UserInnen können über die Frage: „Soll die Ratte am Leben bleiben?“ abstimmen, die Waffe bewegen und bekommen in Aussicht gestellt, dass zu einem späteren Zeitpunkt die Waffe scharf gestellt sein wird und die Möglichkeit entsteht, mit der Waffe auf die Ratte zu schießen.

Das Experiment erlangte viel Aufmerksamkeit …

Ernstzunehmend wurde vermittelt, dass die Möglichkeit zur Tötung der Ratte als ein reales und künftig stattfindendes Ereignis zu verstehen sei. Die Reaktionen der Menschen waren und sind sehr unterschiedlich. Einige begrüßten die Möglichkeit dieses realen Ego-Shooters oder gratulierten zum Mut des Künstlers, andere äußerten Beleidigungen oder Drohungen aufgrund seines Vorhabens.

Das zentrale und gewaltsamste Element – die in Aussicht gestellte, brutale Tötung der Ratte durch UserInnen – schockierte sehr viele Menschen und veranlasste zu erstatteten Anzeigen, gestarteten Petitionen und bekundeten Protesten. Alles um zu verhindern, dass die Ratte innerhalb dieses Experiments tatsächlich zu Tode kommen könnte.

… und nahm ein vorzeitiges Ende

Informationen zufolge wurde die Installation von den zuständigen Behörden und der Polizei aufgesucht und der Künstler vernommen [1]. Die Ratte befand sich in einem guten gesundheitlichen Zustand und der Künstler hat diese freiwillig zur Sicherstellung ans Veterinäramt übergeben. Am selben Tag, dem 17. März 2015, wurde das Experiment vorzeitig beendet, Florian Mehnert beteuert seither: „Es war nie geplant, die Ratte zum Abschuss freizugeben, die Waffe wirklich scharf zu schalten, auch wenn der technische Aufbau der Installation dies ermöglicht.“

Der Künstler

Florian Mehnert widmet sich in seinen Videoarbeiten und Rauminstallationen häufig gesellschaftlichen und politischen Themen. Den Werken wohnen schwere Inhalte und grenzüberschreitende Methoden inne. Überwachung und die Konsequenzen daraus wurden bereits im Projekt „Waldprotokolle“ (2013) thematisiert. Mehnert trat selbst in die Rolle des Überwachenden und installierte in einem Wald Wanzen, um die Gespräche von PassantInnen aufzuzeichnen und diese anschließend zu veröffentlichen. Die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privaten werden dabei aufgelöst. Im Projekt „Menschentracks“ (2014) wurden diese Grenzen bewusst verletzt. Mehnert hackte Smartphones, um deren Kameras fernzusteuern, das gewonnene Videomaterial wurde in einer Installation veröffentlicht. Der Künstler will dabei die „Bedeutung, den Verlust und den Wert unserer Privatsphäre in der vernetzten Gegenwart“ [2] hinterfragen.

In „11 Tage“ steigerte sich seine Rolle. Der Künstler erschuf eine Situation, die Online-UserInnen zu Überwachenden macht und ihnen in Aussicht stellt, von einer Schusswaffe Gebrauch machen zu können, um ein Lebewesen zu töten. Der Künstler ist Urheber, denn er schuf diese potenzielle Hinrichtungsstätte, Überwacher, weil er das Verhalten der RezipientInnen beobachtet und Anführer, da er bestimmen kann, ob eine Waffe mit tödlicher Munition zum Einsatz kommen wird oder nicht. Inwieweit hat der Künstler hier die Rolle derer (Staat, Militär etc.) eingenommen, die er selbst kritisiert? „Ich nehme als Künstler hier keinesfalls die Rolle derer ein, die ich kritisiere. Die Installation versetzt aber den Rezipienten in die Position des Überwachenden und des Drohnenpiloten.“, so Florian Mehnert.

Für die weitere Auseinandersetzung halte ich es durchaus für wichtig, neben beispielsweise ausführenden Rollen auch zugrundeliegende Mechanismen und voraussetzende Systeme zu berücksichtigen und hinterfragen.

Warum das alles?

Die Intention des Künstlers ist es, auf Themen wie Überwachung, bewaffneter Drohneneinsatz, Gamification [3] und Abstumpfung durch visualisierte Gewalt in den Medien hinzuweisen. „Die Installation […] veranschaulicht abstrakte Sachverhalte […], mehr noch, sie führt in ihrer Umsetzung sogar zu der Möglichkeit, die anonyme gezielte Tötung konkret nachzuvollziehen.“, so der Künstler.

Bild: Detail, Sicht auf Außenseite der Box mit technischen Apparaturen, Paintballwaffe verpixelt; im Innenraum dahinter befand sich die lebendige Ratte, 2015 | © Florian Mehnert

Künstler ↔ Werk ↔ Publikum

Welche Rolle spielt das Publikum?

Die Involvierung des Publikums könnte als werkimmanenter Teil verstanden werden. Die Rollen der/des Einzelnen sind unterschiedlich; beispielsweise unsichtbarer Zuseher, aktive Umfragenteilnehmerin, potenzieller Waffenbenutzer oder außerhalb des Werks aktiv werdende Unterzeichnerin einer Petition. „Die vielen Petitionen zeigen, dass Menschen, wenn sie tatsächlich einmal Einfluss nehmen können, sich konsequent engagieren, auch wenn es dann nur darum geht eine einzige Ratte zu retten.“, so Mehnert.

RezipientInnen legen Fokus falsch

„12% der User haben die Rettung der Ratte fokussiert, 82% haben dies nicht getan, sondern den tatsächlichen Impetus des Projekts erkannt und setzen sich in Folge dessen mit der Thematik auseinander.“, rechnet Florian Mehnert vor.

Florian Mehnerts Einschätzung gegenüber den RezipientInnen seines Projekts erzeugt Irritationen. Der Künstler schlussfolgert, dass „diese Rezipienten“ die leicht zu verstehenden Komponenten des Projekts, nämlich die „vermeintliche Rettung“ der Ratte und den „bösen Künstler“ zum Ventil benutzt haben für „die aufgestaute Wut und Hilflosigkeit aufgrund all der tausenden armen Laborraten, die man nicht zu retten vermag.“ Es dürfte sich laut Mehnert um „ein bestimmtes, relativ kleines, dafür aber umso lauteres ‚Klientel‘“ handeln, dass „auch für andere Laborratten protestieren“ würde, so Mehnert. [4]

Es ist doch nur eine Ratte

Die weiße Ratte ist als „klassisches Versuchstier“ zu betrachten, verwendet „um auf real existierende menschliche Opfer aufmerksam zu machen“, erklärt der Künstler und gibt an, dass von RezipientInnen differenziert werden muss, weil „eine Ratte in der Regel keineswegs die gleiche Wertigkeit wie die eines Mensch einnimmt.“ Doch wenn die Ratte im Experiment symbolisch für einen Mensch steht, wäre der Einsatz, der den Tod verhindern will nicht wünschenswert?

Was meint das Tierschutzgesetz? TierSchG §1: „[…] Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Stellt ein Kunstexperiment für die GesetzgeberIn diesen „vernünftigen Grund“ dar?

Bild: Stahlkonstruktion, Box aus Polyethylen, Servomotoren, Ardiuno Board, Webcam, Paintballwaffe, lebende Ratte (hier nicht sichtbar) 2015, 195 x 60 x 145 cm | © Florian Mehnert

Bild: Stahlkonstruktion, Box aus Polyethylen, Servomotoren, Ardiuno Board, Webcam, Paintballwaffe (200 Bar), lebende Ratte (hier nicht sichtbar) 2015, 195 x 60 x 145 cm | © Florian Mehnert

Fazit

Aufmerksamkeit um jeden Preis – wer profitiert davon?

Ein aufsehenerregendes Projekt mit erheblichem Potenzial, Auseinandersetzungen und Diskussionen zu verschiedenen Themen hervorzurufen. Doch können diese reißerischen Methoden und vorsätzlichen Polarisierungen eine seriöse Auseinandersetzung ermöglichen? Ist das Konzept des Projekts ausgearbeitet genug, um schwierigen Inhalten und moralischen Fragen tatsächlich gerecht zu werden? Wo und wie grenzt sich das Experiment von den Elementen ab, die es versucht zu kritisieren? Wird die zerstörerische Gewalt an Lebewesen, die Abstumpfung und Senkung der Hemmschwellen durch Visualisierung von Gewalt, der Prozess Gamification, die Taten rücksichtsloser Machtpositionen und das Töten unschuldiger Lebewesen durch das Projekt „11 Tage“ tatsächlich in Frage gestellt oder vielmehr bekräftigt?

Kunst kann sichtbar machen

Es gibt viele Themen, die Aufmerksamkeit, Hinterfragung und Veränderung erfordern, Kunst kann eine Möglichkeit sein, um uns auf diese Themen aufmerksam zu machen. Fest steht, dass viele Menschen bereit sind zu handeln, wenn Handlungsbedarf und Handlungsmöglichkeiten sichtbar werden. Die Not von Betroffenen, ob Menschen oder andere Tiere, gegeneinander auszuspielen ist dem Engagement für gesellschaftsrelevante Themen nicht dienlich. Vielmehr wird dadurch sichtbar, wo die Grenzen und Barrieren im Denken derer sind, die in herrschaftlichen Systemen ganz selbstverständlich die Rolle der/des Unterdrückenden einnehmen.

Tiere in der Kunst

Kunst, die lebende Tiere zu Objekten erklärt und auf anthropozentrische Weise benutzt, reflektiert das, was oft unhinterfragt, tagtäglich in unsere Gesellschaft passiert. Die Freiheit der Kunst sollte aber dort enden, wo Rechte und Schutz anderer Lebewesen von künstlerischen Umsetzungen bedroht werden.

Vielen Dank an Florian Mehnert für die ausführliche Beantwortung meiner Fragen und die zur Verfügung gestellten Bilder!

Was denkst du über den Verlauf des Experiments? Kennst du andere künstlerische Projekte, in denen lebende Tiere verwendet werden?

 

[1] Laut Auskunft der Tierschutzpartei ist ein Verfahren gegen den Künstler anhängig und die Staatsanwaltschaft hat eigene Ermittlungen aufgenommen.
[2] Website des Künstlers
[3] Als Gamification wird der Prozess bezeichnet, der Prinzipien aus Spielen (bspw. Mechanik, Design, Denken) in spielfremde Kontexte überführt.
[4] Hier wird Bezug genommen auf Reaktionen von RezipientInnen, die den Tod der Ratte innerhalb des Projekts zu verhindern versuchten. Die Differenzierung von an den Künstler gerichtete Beleidigungen, Drohungen, etc. wurde klar kommuniziert.

 

Quellen
Website zum Projekt 11 Tage
Online-Zeitungsberichte und Blogbeiträge
E-Mail Interview mit Florian Mehnert
E-Mail Kontakt mit Vorsitzender vom Landesverband Hamburg von Partei Mensch Umwelt Tierschutz
Stoppen Sie das Rattenexperiment, Keine Ausstellungen für Tierquäler (Auszug Petitionen)
Website Partei Mensch Umwelt Tierschutz

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KUNST HALLT NACH: Karikaturen und Nachhaltigkeit? Karikaturist Bruno Haberzettl im Interview

Für den freien Zeichner und Illustrator Bruno Haberzettl ist es eine Selbstverständlichkeit, seine zeitgenössische Satire gesellschaftsrelevanten Themen zu widmen. Nachhaltigkeit spielt in einigen seiner Werken eine große Rolle – ich habe mit ihm…

Für den freien Zeichner und Illustrator Bruno Haberzettl ist es eine Selbstverständlichkeit, seine zeitgenössische Satire gesellschaftsrelevanten Themen zu widmen. Nachhaltigkeit spielt in einigen seiner Werken eine große Rolle – ich habe mit ihm darüber gesprochen.

Es ist Ihnen, nach eigenen Angaben, ein Bedürfnis den AkteurInnen und ProtagonistInnen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft „die Masken herunterzureißen“ und deren „wahres Gesicht zu offenbaren“. Was wollen Sie sichtbar machen?

Bruno Haberzettl: Mir scheint es äußerst wichtig, dass sich WählerInnen, KonsumentInnen und ArbeitnehmerInnen nicht vom Glanz der Oberflächlichkeit beeindrucken lassen, der von Politik und Wirtschaft so großzügig und höchst professionell versprüht wird. Es ist doch bezeichnend, dass EntscheidungsträgerInnen in führenden Positionen nicht selten SoziopathInnen sind. Solange diese schneidig und telegen daherkommen, verzeiht die gleichgültige Öffentlichkeit ihre Charakterschwächen.

Bild: Bruno Haberzettl, „Ist wurscht, wir sind keine großen Fischesser!“ - Nur keine Sorgen im Urlaub …2011 | © Bruno Haberzettl

„Ist wurscht, wir sind keine großen Fischesser!“ – Nur keine Sorgen im Urlaub…, 2011 | Bild: Bruno Haberzettl

Welche Bedeutung hat das Thema Umweltschutz für Sie? Mit „Naturlieb Ja! – Aber. Wirtschaftswachstum um jeden Preis“ wird dem Thema in Ihrem neuen Buch »Brunos nackte Tatsachen« (Ueberreuter, 2014) ein ganzes Kapitel gewidmet.

Bruno Haberzettl: Das Thema Umwelt- und Naturschutz sollte oberste Priorität haben. Unser Wirtschaftssystem, basierend auf ewigem Wirtschaftswachstum, führt uns geradewegs in die Katastrophe. Wir opfern dafür ein natürliches System, das sich in Millionen von Jahren entwickelt und sich durch seine Dynamik und unendlichen Vernetzungen bis heute bewährt hat. Alles, was für uns existentiell wichtig ist, leiten wir davon ab. Was nützt uns unser Pseudowohlstand, wenn wir zum Beispiel kein sauberes Trinkwasser mehr haben? Die Zerstörung der Natur für wirtschaftliche Interessen hat sich als das schlechteste Geschäft aller Zeiten herausgestellt. Die daraus resultierenden Naturkatastrophen ziehen – auch bei uns – Reparaturzahlungen in Milliardenhöhe mit sich. Dagegen ist die Umweg-Rentabilität erhalten gebliebener Naturräume unbezahlbar!

Bild: Bruno Haberzettl, Gedanken zur Entfesselung der Wirtschaft …, 2013 | © Bruno Haberzettl

Gedanken zur Entfesselung der Wirtschaft …, 2013 | Bild: Bruno Haberzettl

Was mich besonders ärgert: Die Politik setzt komplett auf ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, dass die Naturzerstörung vorantreibt und sogar noch beschleunigt. Ein System, dass auf Autopilot dahin rast, ist natürlich leicht zu verwalten. Und kommt Kritik, wird reflexartig mit Drohungen und Verängstigungen zu Arbeitslosigkeit etc. reagiert – dann kuscht die Masse wieder. Derartige „SystemidiotInnen“ als PolitikerInnen brauchen wir aber nicht, sondern wir brauchen Schach spielende VisionärInnen, die ein paar Züge vorausdenken können.

Bild: Bruno Haberzettl, Die EU-Kommission weiß genau, was uns Bürgern zu unserem Glück fehlt! – Unbegrenzter, amerikanischer Ernährungstraum …, 2014 | © Bruno Haberzettl

Die EU-Kommission weiß genau, was uns Bürgern zu unserem Glück fehlt! – Unbegrenzter, amerikanischer Ernährungstraum …, 2014 | Bild: Bruno Haberzettl

Mit welcher Intention zeichneten Sie im Kapitel „Tief über Europa. Die EU steckt in der Pubertät.“ zum Transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP?

Bruno Haberzettl: Die EU wäre grundsätzlich eine brillante Idee. Wäre sie, wie so laut gepriesen, eine Wertegemeinschaft. Der einzige Wert um den es aber zu gehen scheint, ist das Geld und damit verbunden, die egoistischen wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Mitglieder. So gesehen ist die EU über ihren Gründungsgedanken nie hinausgewachsen. Die massiven Bestrebungen zur Liberalisierung des Welthandels wie zum Beispiel TTIP gehen genau in diese Richtung. Soziale Marktwirtschaft, Eigenbestimmung und Naturschutz gehen dabei schön langsam flöten.

Bild: Bruno Haberzettl, Wertegemeinschaften …, 2011 | © Bruno Haberzettl

Wertegemeinschaften …, 2011 | Bild: Bruno Haberzettl

Wie könnte diese Werteverschiebung aufgehalten und verändert werden?

Bruno Haberzettl: Einer Gesellschaft, die sich aus Überzeugung einer Verkleinerung und Verlangsamung ausspricht und zwar wider aller technischen Möglichkeiten, wäre ein riesiger Entwicklungsschritt gelungen. Für uns EuropäerInnen vielleicht der größte in unserer Geschichte, da wir dadurch erstmals auf den Weg der Nachhaltigkeit kommen würden.

Bild: Bruno Haberzettl, Zum Glück gibt es ja Jäger! Selbst ernannte Naturexperten, die wissen, dass mit einem gezielten Flintenschuss jedes Problem zu lösen ist, 2014 | © Bruno Haberzettl

Zum Glück gibt es ja Jäger! Selbst ernannte Naturexperten, die wissen, dass mit einem gezielten Flintenschuss jedes Problem zu lösen ist, 2014 | Bild: Bruno Haberzettl

Ein Werk, das ursprünglich in Ihrem Buch „Brunos Jagdfieber“ (Ueberreuter, 2013) erschienen ist führt mich zur Frage: Wie nachhaltig ist die Jagd?

Bruno Haberzettl: Die Jagd ist, laut Prof. Josef Reichholf (Zoologe, Ökologe und Evolutionsbiologe), nach der industriellen Landwirtschaft der zweitgrößte Artenfeind! Ökologisch gesehen, löst sie keine Probleme, wie ihre ProtagonistInnen geifernd uns immer wieder einzureden versuchen, sondern sie verursacht diese Probleme vielmehr. Was mich so abstößt, ist die Präpotenz und Aggression, mit der JägerInnen, wider besseren Wissens, ihr bedenkliches Hobby dem Rest der Gesellschaft aufzwingen. Die Jagd ist im negativen Sinn nachhaltig. Sie schafft einen kranken Zustand im natürlichen Gefüge und hält diesen zum Nutzen von FreizeitmörderInnen aufrecht!

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Bruno Haberzettl: Wofür ich mir immer Zeit nehme, sind meine Aktivitäten im Garten und in der Natur. Dazu gehören verschiedene Maßnahmen zur Re-Naturierung. Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit Amphibienschutz und der Anlage von verschiedenen dynamischen Laichgewässern. Mit Leidenschaft lege ich auch Trockensteinmauern verbunden mit Sandflächen für Reptilien. Auch Vogel- und Insektenschutz sind mir wichtig. All diese Maßnahmen gewinnen für mich immer mehr an Bedeutung.

Vielen Dank für das Gespräch, die aufschlussreichen Antworten und ihr persönliches Engagement!

 

In jeder Sonntagsausgabe der österreichischen Tageszeitung »Krone« ist eine Karikatur von Bruno Haberzettl zu finden, in seinen Büchern kommt ihr in den vollen Genuss seiner witzigen und tiefgründigen Satire zu zeitgenössischen Themen.

Cover
Bruno Haberzettl »Brunos nackte Tatsachen«
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2014
Hardcover, 160 Seite mit farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-8000-7597-3
Meine Rezension zum Buch: Humor ist … | »Brunos nackte Tatsachen« von Bruno Haberzettl

 


Bruno Haberzettl »Brunos Jagdfieber«
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2013
Hardcover, 96 Seiten mit farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-8000-7566-9

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KUNST HALLT NACH: Kunst und Nachhaltigkeit? Reines Wasser – Die kostbarste Ressource der Welt

Was hat Kunst mit Nachhaltigkeit zu tun? In meiner Kolumne stelle ich mir unter anderem diese Frage. Den Auftakt dieser Entdeckungsreise bildet ein Besuch der von Stella Rollig und Magnus…

Was hat Kunst mit Nachhaltigkeit zu tun? In meiner Kolumne stelle ich mir unter anderem diese Frage. Den Auftakt dieser Entdeckungsreise bildet ein Besuch der von Stella Rollig und Magnus Hofmüller kuratierten Ausstellung „Reines Wasser. Die kostbarste Ressource der Welt“, die bis 15. Februar 2015 im Lentos Kunstmuseum Linz geöffnet hat.

Wasser macht sauber, glücklich und gesund, ist überlebensnotwendig und wirtschaftlich interessant. Wasser steht im Fokus der künstlerischen Werke von insgesamt 58 KünstlerInnen und KünstlerInnengruppen, die in der Ausstellung präsentiert werden.

Eine riesige Fotografie von Daniel Canogar (siehe Titelbild) katapultiert das Thema Wasserverschmutzung mit einem Schlag in die Ausstellungsräumlichkeiten. Inspiriert vom Great Pacific Garbage Vortex [1] zeigt das Foto unter anderem Trink- und Waschmittelflaschen, Getränkedosen und Plastiktaschen, die in helltürkisem Wasser schwimmen, mitten darin zirka 55 Personen.

The Yes Men, B'EAU-PAL, 2009, mixed installation | © The Yes Men

Bild: The Yes Men, B’EAU-PAL, 2009, mixed installation | © The Yes Men

Eine attraktiv wirkende, jedoch fiktive Wassermarke ließen The Yes Men entstehen. Die Installation thematisiert einen schrecklichen Chemieunfall im Jahre 1984 im indischen Bhopal. Im Zuge ihrer künstlerisch-aktionistischen Aktion wurde die Nachricht verbreitet, der Chemiekonzern Dow Chemical wäre bereit, Entschädigungen an die geschädigten Menschen zu bezahlen. Die Verantwortlichen des Chemiekonzerns waren gezwungen, die angekündigten Entschädigungszahlungen in der Öffentlichkeit zu dementieren.

Das einundzwanzig Minuten dauernde Video „Flooded Mc Donald’s“ von Superflex, zeigt eine menschenleere, nachgebaute Mc Donald’s Filiale, die langsam mit Wasser überflutet wird. Von vormals knusprigen Pommes bis zum bunten Kinderspielzeug wird alles vom langsam ansteigenden Wasser erfasst – Kurzschlüsse bei elektrischen Geräte und immer trüberer werdendes Wasser sind die Folge. Thematisiert wird der Klimawandel. Mc Donald’s als weltgrößter Rindfleischproduzent hat hier wohl einiges zu verbuchen.

Wie eng Kunst mit Tierschutz zusammenhängen kann, kommt mit dem Werk „Freitagsessen“ von Klaus Rinke – wohl unbeabsichtigt – zum Ausdruck. Dazu zwei Bilder seiner Installation.

Klaus Rinke, Freitagessen, 1987, Wassertisch (mit 12 Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Bild: Klaus Rinke, Freitagsessen, 1987, Wassertisch (mit 12 Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Klaus Rinke, Freitagessen, 1987, Wassertisch (ohne Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Bild: Klaus Rinke, Freitagsessen, 1987, Wassertisch (ohne Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Neben der Objektbeschriftung zum Werk „Freitagsessen“ ist in der Ausstellung folgender Hinweis zu lesen: „In der ursprünglichen Version von 1987 enthielt der Tisch 12 lebende Karpfen. Dies ist aufgrund des heute geltenden österreichischen Tierschutzgesetzes nicht möglich.“ Neben der Installation wird eine Videoaufnahme von den im Tisch schwimmenden Fischen gezeigt, bevor diese entfernt wurden.

„Hast du heute schon genug getrunken?“ Positiv und mit einer klaren Handlungsanweisung endet die Ausstellung mit einer „Hommage an den Genuss“ [2] von frischem und sauberem Wasser, das nicht selbstverständlich aus der Wasserleitung kommt. Das Lebenswerk von Peter Dreher umfasst um die fünftausend Gemälde von demselben Wasserglas, um die 50 wurden in der Ausstellung gezeigt.

Peter Dreher, Tag um Tag guter Tag, Das Glas, 1974 bis heute, Öl auf Leinwand, 25 x 20 cm | Courtesy WAGNER + PARTNER. © Bildrecht, Wien 2014

Bild: Peter Dreher, Tag um Tag guter Tag, Das Glas, 1974 bis heute, Öl auf Leinwand, 25 x 20 cm | Courtesy WAGNER + PARTNER. © Bildrecht, Wien 2014

„Zu zeigen, dass Wasser weit mehr ist als Mittel zum Zweck“ [2] ist Anliegen dieser Ausstellung, die meinem Eindruck nach behutsam versucht, die Menschen an ein Thema heranzuführen, dass gesellschaftskritisches Potenzial und politischen Sprengstoff in sich trägt.

 

Katalog-ReinesWasser

Stella Rollig, Magnus Hofmüller (Hrsg.)
REINES WASSER. Die kostbarste Ressource der Welt. Publikation zur Ausstellung im LENTOS Kunstmuseum Linz Jung & Jung Verlag
Hardcover, 160 Seiten, farb. Abbildungen, dt.,
ISBN 978-3-99027-064-6

Was hat Kunst mit Nachhaltigkeit zu tun? Kennst du Kunstwerke oder KünstlerInnen, die dieses Thema aufgreifen?

 

Quellen:

[1] Das Phänomen Great Pacific Garbage Vortex beschreibt die Ansammlung von Kunststoffmüll im Ozean und die Wirbel (lat. Vortex), die die kleinen Kunststoffteilchen zum Meeresboden transportieren, welche so ins Ökosystem gelangen.

[2] ROLLIG, Stella, Ein guter Tag, in: Reines Wasser. Die kostbarste Ressource der Welt, (Saalheft zur Ausstellung, 3.10.2014 – 15.2.2015, Lentos Kunstmuseum Linz), Linz, 2014, S. 28

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