Eco. Life. Style.

Autor: Victoria

Schweine und Schweinebauern in der kalkulierten Strukturtragödie

Geringes Einkommen und schlechte Haltungsbedingungen gehören dazu – den wahren Preis für billiges (Schweine-)Fleisch bezahlen Menschen und Tiere hinter den Fleischproduktionskulissen. Für Schweinehalter „ist eine sehr schwierige Zeit“, sagt Schweinebauer…

Geringes Einkommen und schlechte Haltungsbedingungen gehören dazu – den wahren Preis für billiges (Schweine-)Fleisch bezahlen Menschen und Tiere hinter den Fleischproduktionskulissen.

Für Schweinehalter „ist eine sehr schwierige Zeit“, sagt Schweinebauer Bernhard Seidl, er hält 540 Mastschweine in seinem konventionell geführten Betrieb in Oberösterreich. Existenzangst, Identitätskrisen und die gesellschaftliche Geringschätzung trüben die Freude an seiner Arbeit als Landwirt. „Das Produkt wird nicht mehr wertgeschätzt, die menschliche Arbeit nicht fair entlohnt“, so der Schweinebauer. Trotz hohem Bedarf an Schweinefleisch ist die Anzahl der Schweinehalter in Österreich in den vergangenen 20 Jahren von 112.080 auf 26.075 (2015) geschrumpft.

Eine Frage der Haltung

Im knallharten System der Fleischproduktionskette zählt allein Masse und Preis, Big-Player dominieren den Markt, Interessensvertretungen halten still oder starten Image-Aktionen. Doch „keiner traut sich neue Wege anzudenken und zu gehen. Man müsste querdenken“, erklärt Schweinebauer Seidl „günstig hat immer einen Haken“.

Konventionelle Schweinezucht- und Schweinemastanlage in Österreich | Bild: IST/Initiative SteirerInnen gegen Tierfabriken

Konventionelle Schweinezucht- und Schweinemastanlage in Österreich | Bild: IST/Initiative SteirerInnen gegen Tierfabriken

Ob bäuerlicher Familienbetrieb oder Agrarindustrie – billiges Fleisch bedeutet intensive Tierhaltung: Hohe Subventionen, niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen, viele Tiere auf wenig Raum, geschlossene Stallsysteme, Vollspaltenböden, betäubungslose Kastrationen, Akkordschlachtungen…

Intensivtierhaltung, auch Massentierhaltung genannt „beginnt dort, wo sich Tiere aufgrund der Haltungsbedingungen nicht mehr nach ihrer Art verhalten können“, sagt Anton Sutterlüty von der Initiative SteirerInnen gegen Tierfabriken. Fleischqualität und Regionalität allein sagen nichts über die Haltungsform aus.

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Bild: Hans Brexmeier / pixabay.com

Globale Schlachtplatte

Freihandelsabkommen wie CETA und TTIP sind radikale Schritte im vorherrschenden Stil. Mit massiv gesenkten Transportkosten werden die Standortvorteile Österreichs getilgt . „Im Supermarkt liegt dann billiges Schweinefleisch aus den USA. Die Frage ist, wie lange es dauert bis österreichische Bauern nicht mehr konkurrenzfähig sind“, verdeutlicht Steffen Nichtenberger von Greenpeace Österreich. „Österreichische Standards werden durch den Preisdruck sinken, nicht morgen, aber übermorgen.“

Schweinebauer Seidl ist über die Entwicklungen ebenfalls besorgt: „Wer diese Freihandelsabkommen nicht als Bedrohung sieht, verschließt die Augen vor der Realität.“  Sutterlüty verweist auf die strukturelle Selbstzerstörung: „Große Konzerne werden immer größer und reicher, während die Kleinen verschwinden. Die Ausweitung des Marktes, führt zu weiterem Bauernsterben“.

Mit TTIP werden zudem „mühsam erkämpfte Tierschutzstandards erst aufgeweicht und letztlich auflöst“, gibt Harald Hofner, Präsident von pro-tier, dem Verband der österreichischen Tierschutzorganisationen, zu bedenken. „Das Hochhalten des Tierschutzes ist schon innerhalb der Europäischen Union schwer genug. TTIP wird mittelfristig jede politische Tierschutzarbeit verunmöglichen.“

Ferkel in einer Aufzuchtanlage in Deutschland | Bild: PETA Deutschland e.V.

Ferkel in einer Aufzuchtanlage in Deutschland | Bild: PETA Deutschland e.V.

Der Ag-Gag-Import

Erfolgreich importiert wurden von der Agrarpolitik bereits „Ag-Gags“ (agriculture gags), also Rechtstexte, die das aktive Interesse an den Produktionsbedingungen kriminalisieren. Der Blick in den Stall wird zur Verwaltungsstraftat erklärt, so beispielsweise im Entwurf zur österreichischen Schweinegesundheitsverordnung und im geltenden Betretungsverbot in Oberösterreich. Laut BefürworterInnen dieser Rechtstexte zum „Schutz von landwirtschaftlichem Eigentum“, wolle man dadurch unerwünschte Recherchen in Tierproduktionbetrieben verhindern.

Als Rechtfertigung wird von InteressensvertreterInnen häufig der Schweinestall mit dem privaten, bäuerlichen Wohnzimmer gleichgesetzt. Doch ist das öffentliche Interesse an landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen tatsächlich mit Voyeurismus vergleichbar?

Lippenbekenntnisse bei Konsumverhalten

Geht es um das eigene Konsumverhalten behaupten viele Menschen auf hohe Standards bei Herstellung und Haltungsbedingungen Wert zu legen. Mit den tatsächlichen Verkaufszahlen stimmen diese persönlichen Konsumtheorien jedoch nicht überein. „Der Markt fordert was anderes als die Lippenbekenntnisse“, so Seidl.

Beim (Schweine-)Fleisch zählt auch für die Konsumierenden vor allem eines: Billig, billiger, am billigsten. Völlig entfremdet scheinen die Vorstellungen der Konsumenten und Konsumentinnen von den realen Herstellungsbedingungen zu sein. „Es ist ein Fehler, dass Möbelhäuser Schnitzel für 2,90 Euro anbieten, denn zu diesem Preis ist keine Produktion möglich“, erklärt Seidl. „Mit der Kaufentscheidung hat der Konsument in der Hand wohin der Weg geht. Wären die Menschen bereit faire Preise zu bezahlen, könnte auch die Haltungsbedingungen verbessert werden.“

Bild: Hans Brexmeier / pixabay.com

Bild: Hans Brexmeier / pixabay.com

In Österreich wurden vergangenes Jahr 5.414.000 Schweine geschlachtet, von ihrem Fleisch isst durchschnittlich jede(r) 39 Kilo im Jahr, 98 Prozent stammen aus konventioneller Produktion, nur knapp zwei Prozent aus alternativen Betriebsformen, wie biologischer Landwirtschaft.

Mutige Alternativen

„Am schönsten im Zusammenleben mit den Schweinen ist es, Zeit in der Herde zu verbringen“, erklärt Bio-Freiland-Bäuerin Elfriede Sonnleitner, auf ihrem Bio-Freilandhof Simandl in Oberösterreich leben 124 Mangalitza-Wollschweine. „Die Schweine in ihrer Lebendigkeit zu sehen, sie in ihrem Sein und Tun zu beobachten“, genießt die Bäuerin besonders “wenn sie herkommen, grunzen und sich streicheln lassen.“

In der konventionellen Produktion werden Mastschweine bereits vor dem ersten Zahnwechsel getötet, „diese Tiere sind zum Schlachtzeitpunkt noch Kinder mit dem Gewicht von Erwachsenen“, so Sonnleitner. Die Bio-Freiland-Haltung ist „eine Alternative zur Massentierhaltung. Wir wollen den Tieren mit Würde begegnen, ihnen Bewegungsraum und Zeit zum wachsen lassen. Interessierte sind am Hof willkommen, Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung sind uns wichtig“.

Was in der trügerischen Fleischreklame bloß Wohlfühl-Werbetaktik ist, gehört am Simandlhof zum Konzept: Gras, Frischluft, Sonnenlicht, Platz und soziale Kontakte. „Wenn wir schon Tiere essen, dann sind wir ihnen ein artgerechtes Leben schuldig“, so Sonnleitner.

Mangalitza-Schweine am Simandl-Hof | Bild: Sonnleitner

Töten und töten lassen

Kein leichtes Thema für die Schweinebäuerin ist die Tötung der Tiere „es ist ein Unterschied ob ein Tier stirbt oder aktiv getötet wird.“ Also ganz direkt gefragt: Wie fühlt es sich an zu sehen, wie die Tiere, mit denen man selbst Zeit verbracht hat und die man aufwachsen gesehen hat, vertrauensvoll in den Transporter [1] steigen, der sie auf ihre letzte Reise, hin zum Schlachter bringt? „Es spürt sich sehr schräg an, tut uns weh und wirft viele Fragen auf“, erklärt Sonnleitner. Der Bäuerin hilft bei diesem innerlichen Konflikt der Artenschutzgedanke: „Würden wir sie nicht essen, würde es sie gar nicht geben. Wir tragen zu neuem Leben bei und gönnen ihnen das Aufwachsen; das Essen und Schlachten ist in diesem Kreislauf mit eingebunden.“

Bild: EstudioWebDace / pixabay.com

Bild: EstudioWebDace / pixabay.com

Hartnäckiges Tellerdilemma

Reportagen und Berichte über die Zustände in der Massentierhaltung und Fleischproduktionskette [3] schockieren und das Interesse der Menschen am Wohl der Tiere scheint zu steigen. Doch trotz Empörung und Mitgefühl genießen wir die „ach so armen Tiere“ in Form von Schweinebraten und Steak, warum? „Keiner will, dass Tiere gequält werden, doch es gibt hier eine kognitive Dissonanz. Es besteht eine Kluft zwischen Einsicht und Umsetzung“, erklärt der katholische Theologe und Ethik-Professor Kurt Remele. „Es findet eine Verdrängung der Problematik statt.“

Aber wenn die Tiere ein schönes, artgerechtes Leben haben, ist es doch ethisch unproblematisch diese Tiere für den eigenen kulinarischen Genuss zu töten bzw. töten zu lassen. „Ein häufiges Argument, aber Tiere sind nicht für den Menschen da. Sie werden für die Fleischproduktion instrumentalisiert, ihr Eigenwert und Wille zum Leben wird nicht wahrgenommen“, so der Ethik-Professor.

Die christliche Tierethik „findet schöne, hehre Worte; würdevoll wird über Tiere geschrieben, aber es fehlt an konkreten Konsequenzen“, kritisiert Remele. Eine neue christliche Tierethik [2] müsse auf schwammige Formulierungen verzichten und sich aussprechen trauen, was nicht alle hören wollen, Remele selbst geht dabei mutig voran: „Wenn eine Ernährung ohne das Töten von Tieren möglich ist, bezweifle ich, dass wir das Recht haben Tiere zu züchten, um diese zu töten.“

 

Eine Kurzversion des Artikels ist erschienen in: Information-Diskussion Nr. 286, „ESSEN – Leichte Kost oder schwer verdaulich?“, Katholische ArbeitnehmerInnenbewegung Oberösterreich, Juli 2016

[1] Laut Angaben der Simandl Website werden die Tiere mit Futter auf den Tiertransporter gelockt, der sie zur Hofschlachtung bei einem anderen Landwirt bringt.
[2] Remele, Kurt, Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine neue christliche Tierethik, 2016
[3] www.schlachthofskandal.at

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Jagdliches Spiel zur Förderung der Gewaltakzeptanz bei Kindern

Abknallen, Erschießen, Töten – eine kulturelle Praxis erfordert die Sozialisierung des Nachwuchses.  „Kindchen, schieß‘ doch mal das Wildschwein nieder!“ Den kleinen Gästen am „Fest der Natur 2016“ in Linz (Organisation: Ressort…

Abknallen, Erschießen, Töten – eine kulturelle Praxis erfordert die Sozialisierung des Nachwuchses.

 „Kindchen, schieß‘ doch mal das Wildschwein nieder!“

Den kleinen Gästen am „Fest der Natur 2016“ in Linz (Organisation: Ressort für Naturschutz (FPÖ) und Genussland Oberösterreich) wurden am Stand des OÖ Landesjagdverbandes Gewehre mit Gummiband-Schieß-Vorrichtung aus Holz angeboten und dazu eingeladen Wildschweine und Hirsche (ebenfalls aus Holz) abzuschießen.

Schießstand für Kinder am „Fest der Natur“. Aussteller: OÖ Landesjagdverband

Ein unverfängliches Spiel? Der Anschein von Harmlosigkeit und Sanftmut verstärkt sich durch ein Malbuch mit dem Titel „Wir malen was lebt in Wald und Flur“ und eine Fototafel, diese zeigt einen älteren Jäger, der gemeinsam mit einer jungen weiblichen Person, im Beisein eines Hundes, ein Bäumchen pflanzt.

„Es ist in Ordnung andere Lebewesen mit Waffen zu verletzen.“

Die Präsentation des Kinder-Schießstandes und die Aufforderung zum Töten-Spielen mit Waffen erzeugt und bestätigt soziale und ethische Normativitäten. Die Einführung von Kindern in die gebräuchliche Gewaltpraxis und die Verwendung von Waffen erfolgt spielerisch und mit dem Anspruch auf Selbstverständlichkeit. Vermittelt wird, dass die Gewaltausübung an Lebewesen und die Benutzung von Schusswaffen als „normal“, „unproblematisch“ und „gesellschaftlich anerkannt“, gilt und zu akzeptieren ist.

Waffenattrappe und Tiere aus Holz zum Töten-Spielen

Stell sich die Frage: Was hat die Einladung zum Waffengebrauch und Töten-Spielen auf einer „familienfreundlichen“ Veranstaltung des Landes Oberösterreich zu suchen?

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Da sitzt ein Schwein am Sofa! Nachhal(l)tige Kunst von Hartmut Kiewert

Schweine auf Sofas, Teppichen und Parkettböden – diese Bilder irritieren nicht nur kurzfristig die Wahrnehmung, sie haben das Potenzial unsere Sichtweise nachhaltig zu verändern. Künstler Harmut Kiewert befreit die Schweine…

Schweine auf Sofas, Teppichen und Parkettböden – diese Bilder irritieren nicht nur kurzfristig die Wahrnehmung, sie haben das Potenzial unsere Sichtweise nachhaltig zu verändern.

Künstler Harmut Kiewert befreit die Schweine aus „den menschengemachten Ausbeutungsarchitekturen“ und zeigt sie „an Orten, an denen sie üblicherweise nicht vorkommen, weil sie hinter den Wänden der Mastanlagen und Schlachthöfen verborgen bleiben“.

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Hartmut Kiewert, Sight Unseen 2, 2016, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm

Soziale Konstrukte in Frage stellen

Dabei geht es nicht um die Vermenschlichung von Schweinen oder ein Plädoyer „für Schweine als ‚Haustiere'“, sondern der „Irritationsmoment, das Disparate der gezeigten Situation“ wird genutzt, um „die Kategorie ‚Nutztier‘ in Frage zu stellen“, so der Künstler.

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Hartmut Kiewert, Parkett II, 2011, Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm

Diese Kunst hat den Mut gesellschaftsrelevante Themen aufzugreifen und mit emanzipatorischer Kraft bezieht sie Stellung zu den thematisierten Problematiken. Für den herrschaftskritischen Künstler sollte „die Beziehung von Menschen zu Schweinen frei von Herrschaft und Ausbeutung sein und immer auf freiwilliger Basis geschehen“. Für die Realität bedeutet das: „Menschen sollten aufhören Schweine zu züchten, gefangen zu halten und zu töten.“

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Hartmut Kiewert, Nest, 2013, Öl auf Leinwand, 150 x 190 cm

Kiewerts Werkserie Utopia ist „die Verbildlichung einer möglichen, friedlichen Koexistenz und Interaktion auf Augenhöhe zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren“.

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Hartmut Kiewert, Café, 2016, Öl auf Leinwand, 134 x 200 cm

Folgende drei Bilder hängen an meinen vier Wänden – über dem Sofa, beim Schreibtisch und in der Diele. Momentan sind es Poster – doch ich träume von den Originalen.

Emanzipatorische Kunst trifft Kunstgeschichte

Mit den Werke Im Freien und Evolution of Revolution verknüpft Kiewert seine Utopia mit kunsthistorischen Elementen. Im Jahr 1863 wurde der Maler Èduardo Manet vom französischen Salon zurückgewiesen, als er sein Gemälde Frühstück im Freien vorstellte, auf dem er eine nackte Frau mit bekleideten Männer auf einer Wiese Picknicken lässt.

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Édouard Manet, Frühstück im Freien, 1863, Öl auf Leinwand, 208 × 264 cm | Bild: Public Domain

Über 150 Jahre später rüttelt Kiewert an den herrschenden Konventionen, wenn in seinem Bild Im Freien „die Schweine nicht in der Kühltasche, sondern am Gehweg anzutreffen sind“.

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Nackte Frauenhaut wird in Kiewerts emanzipatorischer Kunst bedeckt. So auch im Bild Evolution of Revolution, es zeigt eine Neuinterpretation von Eugéne Delacroixs Die Freiheit führt das Volk an von 1830.

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Eugène Delacroix, Die Freiheit führt das Volk an, 1830, Öl auf Leinwand, 260 x 325 cm | Bild: Public Domain

Im Werk wird neben Schwein, Rind, Lamm und Geflügel auch das durch Edoardo Kac berühmt gewordene GFP Bunny (2000) aus der Knechtschaft des Menschen befreit. Der grüne Hase steht hier nicht als Symbol für BioArt, sondern repräsentativ für jegliche Verwendung von Tieren in der Kunst.

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Hartmut Kiewert, Evolution of Revolution, 2012, Öl auf Leinwand, 180 x 225 cm

Schweinerealitäten thematisieren

Es hat mich sehr berührt, als ich die dargestellte Szene zum ersten Mal sah und den dazugehörigen Werktitel las. Heute hängt diese Darstellung direkt über meinem Schreibtisch, sie motiviert und inspiriert mich dazu vorherrschende Schweinerealitäten zu erkennen, mich zu empören, Fragen zu stellen und darüber zu schreiben.

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Hartmut Kiewert, Wir verlassen die Erde, 2012, Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm

Denkst du künstlerische Werke können unsere Sichtweise auf „Nutztiere“ verändern?

 

Website des Künstlers Hartmut Kiewert
Statement des Künstlers zu Theorie und Praxis seiner Maltechnik
Kolumnenbeitrag: Herrschaft und Gewalt im Fadenkreuz – Hartmut Kiewerts “Gewährsmänner”

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Tanzend gegen brutale Jagdpraxis. Poledance-Künstlerin Christine Unger im Interview

Im Rotlichtmilieu prominent und im artistischen Sport populär – das Tanzen an der Stange erlangt nun politisch-aktivistische Dimension. Poledance-Künstlerin Christine Unger greift zur Stange, um auf Missstände in der Jagd aufmerksam…

Im Rotlichtmilieu prominent und im artistischen Sport populär – das Tanzen an der Stange erlangt nun politisch-aktivistische Dimension. Poledance-Künstlerin Christine Unger greift zur Stange, um auf Missstände in der Jagd aufmerksam zu machen. Für KUNST HALLT NACH hat die Unternehmerin meine Fragen beantwortet.

Victoria: Wieso schlüpfen Sie in ihrer Performance, als tanzende Frau, in die Rolle eines wehrlosen Rehes?

Christine Unger: Ich möchte dem Publikum bewusst machen, wie ein Reh vermutlich fühlt und in welchem panischen Zustand es sich befindet, wenn es eingesperrt ist und nicht mehr fliehen kann – mit Gekläffe von Jagdhunden und Schüssen im Hintergrund, die immer näher kommen …

© VGT | Daniela Deml

Protest-Poledance-Performance von Christine Unger gegen die Jagd auf gezüchtete und eingezäunte Tiere | Bild: VGT/Daniela Deml

Mit ihrer Performance, die sie Anfang April am Wiener Stephansplatz präsentierte, unterstützt Christine Unger eine Kampagne des Vereines gegen Tierfabriken (VGT). Die Kampagne thematisiert explizit eine sehr umstrittene Jagdpraxis – das Jagen auf gezüchtete, ausgesetzte und eingezäunte Tiere. „Ich möchte bewirken, dass dies in Zukunft verboten und verhindert wird“, so die Poledance-Künstlerin.

Der einst als verrucht betrachtete Tanz an der Stange wird in einer artistischen Weise ausgeübt und bekommt mit Ihrer Intention eine politische Dimension. Sollte künstlerisches Potenzial viel häufiger zur Bewusstseinsbildung und gegen Missstände eingesetzt werden?

Ich finde diesen Weg gut, um mehr Aufmerksamkeit zu erregen, aufzurütteln, zum Nachdenken anzuregen und Dinge plastischer und bewusster zu machen.

Hat die Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung?

Ich sehe Kunst als ein Tool, um auf Missstände aufmerksam zu machen und die Gesellschaft dadurch auf ihre Verantwortung hinzuweisen.

In ihrem Unternehmen First Impression coacht Christine Unger, als ausgebildete Typ-, und Imageberaterin andere Menschen in Sachen Etikette und Umgangsformen. Als Expertin für anständiges und diszipliniertes Auftreten bietet sie Kinder-Knigge Kurse für bessere Tischmanieren an oder berät Businessmanager in Sachen sichere Erscheinung.

© Christine Unger

Bild: Christine Unger

Wie selbstverständlich ist es für Sie aus ihrem professionellen Umfeld auf die Straße zu treten, um öffentlich für politische und gesellschaftsrelevante Themen einzutreten?

Es war und ist für mich keineswegs selbstverständlich. Bei so einer Aktion „entblöße“ ich nicht nur notgedrungen meine Beine oder etwas mehr (weil ich sonst keinen Halt auf der Polestange habe und abstürze), sondern mache mich insgesamt leichter verwundbar. Eine derartige Aktion und Choreographie ist zudem mit viel Schweiß, Zeitaufwand, Organisation und auch Geld verbunden….

Woher kommt die Motivation aktiv in der Öffentlichkeit aufzutreten?

Die Zeit ist reif, Dinge zu verändern, die schon seit viel zu langer Zeit nicht in Ordnung sind! Ich kann einfach nicht mehr, wie das die allermeisten Menschen tun, wegsehen und so tun, wie wenn alles in Ordnung wäre. Zu groß ist das Leid, das wir verursachen und es wird früher oder später immense Auswirkung auf uns alle haben. Generell ist mir ein redliches und ethisch hochwertiges Miteinander ein riesiges Anliegen und eine konstruktive Kommunikation.

© VGT

Bild: VGT

Herrschaftskritik mit emanzipatorischer Kraft

„Ich versuche, die Angst und die Gefühle des Tiers durch den Tanz sichtbar und damit bewusster zu machen“, erklärt Christine Unger im Interview und verweist damit auf die künstlerische Intention und Praxis ihrer Performance. Denn eine bedeutsame Quelle für den künstlerischen Akt dieser Poledance-Performance ist das Einfühlungsvermögen in die Situationen Anderer. In diesem Fall, die Situation eines, vor Hunden und bewaffneten Menschen, flüchtenden Rehs innerhalb eines eingezäunten Gebiets.

Das Reh ist dem Menschen im gegenwärtigen Herrschaftssystem schutz-, und rechtlos ausgeliefert. Innerhalb entsprechender Glaubenssysteme sozialisiert, betrachtet es der Mensch als natürlich und selbstverständlich nicht menschliche Lebewesen als Objekte für eigenen Zwecke zu ge-, ver- und missbrauchen.

Die non-verbale Ausdrucksweise des Tanzes kann als Prozess verstanden werden, der die anerkannte Situation des Anderen, Unterdrückten, Ausgegrenzten in die eigene Gefühls-, Gedanken- und Wahrnehmungswelt übersetzt. Um- und Missstände, die außerhalb des Blickfelds der Öffentlichkeit liegen, werden im öffentlichen Raum in deren Blickfeld überführt und eine Konfrontation bewirkt. Die emanzipatorische Kraft dieser herrschaftskritischen Kunst ist auf mehreren Ebenen angesiedelt.[1]

© Christine Unger

Bild: Christine Unger

Zum Poledance inspiriert wurde die Tänzerin von ihrem Tango-Argentino-Lehrer, der „meinte ich hätte nicht genügend Körperspannung“, so Unger. Bei ihr zu Hause steht die Poledance Stange im Gästezimmer. Wir hoffen, diese und die Bewegungskünste von Christine Unger bald wieder im öffentlichen Raum sehen zu können.

Für welche Themen werden Sie in Zukunft wieder zur Stange greifen?

Für Themen, die der VGT (Verein gegen Tierfabriken) aufgreift, insbesondere die Themen Pelz(produktion) und barbarisches Abschlachten von („Nutz“-)Tieren.

Was möchten Sie den Leser*innen der Kolumne KUNST HALLT NACH noch mitteilen?

„Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten“ (Christian Morgenstern) Bitte sehen Sie nicht mehr weg und hinterfragen Sie Ihren Fleisch- und Milchproduktkonsum, Pelz und Leder tragen, Tierversuche und generell Billigware – alles hat seinen Preis! Mittlerweile gibt es wirklich wunderbare Alternativen – alles nur eine Frage des Interesses und der Beschäftigung damit!

Vielen Dank für das Gespräch und ihr persönliches Engagement!

 

Hier könnt ihr die Poledance-Performance von Christine Unger sehen. In diesem Video versucht ein verletztes Reh im Jagdgatter zu flüchten [Achtung, Video enthält Gewalt gegen Tiere].

[1] Exkurs: Mensch denke hier auch an die jagdlichen Aktivitäten von Männern, die häufig in enger Verbindung mit sexuellen Dienstleistungen von Frauen stehen. Oder auch an den Jagdjargon, der tier- und frauenfeindliche Assoziationen befördert und sich im alltäglichen Sprachgebrauch manifestiert hat.[2] Beispielsweise die Begriffe Luder: „Jedes tote Tier, mit dem man Raubwild und Raubzeug anlocken möchte“ [3]; oder Schnalle: „Das äußere Geschlechtsteil beim weiblichen Haarraubwild und beim Hund.“[4].
[2] Vgl. MÜTHERICH, Birgit, Tierrechte: Sie sind die anderen[3] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de
[4] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de

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Jagd: ServusTV ändert kurzfristig Pläne für Diskussion

Der Fernsehsender ServusTV hat kurzfristig die Pläne für Talk im Hangar 7 zur Diskussion über Jagd geändert und DiskussionsteilnehmerInnen ausgeschlossen. Hat die Jägerschaft interveniert? Vergangenen Donnerstagabend diskutierten fünf männliche –…

Der Fernsehsender ServusTV hat kurzfristig die Pläne für Talk im Hangar 7 zur Diskussion über Jagd geändert und DiskussionsteilnehmerInnen ausgeschlossen. Hat die Jägerschaft interveniert?

Vergangenen Donnerstagabend diskutierten fünf männliche – davon vier selbst jagende – Diskussionsteilnehmer mit Michael Fleischhacker im Talk im Hangar 7 zum Thema „Wald, Wild, Waidmänner: Wie viel Jagd braucht die Natur?“. Sowohl das Thema, als auch die Diskussionsteilnehmer waren bis zwei Tage vor der Ausstrahlung von der Sendungsredaktion anders geplant.

Von „Wozu brauchen wir die Jagd?“ zu „Wie viel Jagd braucht die Natur?“

Bereits Wochen vor dem Ausstrahlungstermin wurde Elia Schneeweiß, Mitherausgeberin von „Die Jägerin“, in den Talk am Hangar 7 eingeladen, um mit Josef Eder (Landesjägermeister von Salzburg), Franz Puchegger (Jäger, Förster und Obmann des ökologischen Jagdverbandes) und Martin Balluch (Jagdgegner, Tierschützer und Obmann des Vereins gegen Tierfabriken) zum Thema „Lizenz zum Töten – Wozu brauchen wir die Jagd?“ zu diskutieren.

Kurzfristig erfuhr die einzig weibliche Diskutantin per Mail, dass sie doch nicht an der Talk im Hangar 7 Diskussion teilnehmen werde. Warum das Konzept zur Sendung völlig umgeworfen wurde und nun Josef Eder, Franz Puchegger, Klaus Hackländer (Wildbiologe), Hubert Stock (langjähriger Berufsjäger) und Florian Asche (Jäger und Anwalt) ohne sie diskutierten weiß die Jägerin nicht, hält aber fest: „Wäre ich dabei gewesen, hätte viel differenzierter über den Begriff Gatterjagd diskutiert werden müssen.“

In Österreich gibt es laut Gatterbesitzerin Schneeweiß einige Gatterbetriebe, die sich nicht an die Richtlinien halten. „Da wird auf kleinsten Flächen Wild zum Abschuss gezüchtet, das hat mit ethisch vertretbarer Jagd nichts zu tun“, so die Jägerin.

Balluch: „Auftrag mich auszuschließen kam von ganz oben“

Neben Schneeweiß wurde auch Gatterjagd-Kritiker Martin Balluch kurzerhand aus der Sendung ausgeladen. Balluch ist sich sicher, dass für seinen Ausschluss die Jägerschaft bei ServusTV interveniert hat: „Mir wurde von Servus TV mitgeteilt, dass der Auftrag mich auszuladen von ganz oben kam.“

Dabei wäre es „sehr interessant mit Martin Balluch über Gatterjagd zu diskutieren“, so Schneeweiß, die es für denkbar hält, dass „Einzelpersonen aus der Jägerschaft Druck auf ServusTV ausgeübt haben, damit Martin Balluch aus der Sendung ausgeschlossen wird.“ 

ServusTV zugeknöpft

Laut ServusTV sind die Änderungen beim inhaltlichen Konzept zur Sendung der Präzisierung des Themas geschuldet und die Gästeliste wurde geändert, weil man beschlossen hat „ausschließlich mit ausgewiesenen Jagdexperten zu diskutieren“, so das offizielle Statement.

Konkrete Fragen, warum es zur kurzfristigen Änderung des Sendungskonzeptes kam und warum Schneeweiß und Balluch aus der Diskussion ausgeschlossen wurden, werden von ServusTV nicht beantwortet. Auch der Verdacht, dass von der Jägerschaft Druck auf ServusTV ausgeübt worden sei „werde nicht kommentiert“, heißt es bei Servus TV.

Laut Informationen aus dem Sender wurden alle Beschäftigten bei ServusTV angehalten, über keine Details zur Sache zu sprechen.

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Bist du ein Homo ABER? – Radikalkunst von Chris Moser

Künstler Chris Moser konfrontiert uns schonungslos mit der Fratze der Pseudoargumentation. Hässliche Zähne, weit aufgerissener Mund, schwarz-rote Augen, die Wirbelsäule dringt aus dem Nacken und über ihr glänzt eine merkwürdige Mechanik….

Künstler Chris Moser konfrontiert uns schonungslos mit der Fratze der Pseudoargumentation. Hässliche Zähne, weit aufgerissener Mund, schwarz-rote Augen, die Wirbelsäule dringt aus dem Nacken und über ihr glänzt eine merkwürdige Mechanik. Mitten im abscheulichen Kopf steckt eine rote Axt, eine Brille schwächt den monsterhaften Charakter dieser Büste und ein Schriftzug betitelt sie. Es ist ein „Homo ABER“! Wir können seinen Schrei beinahe hören.

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Homo ABER?

Der „Homo ABER“ kann laut Künstler Chris Moser im weitesten Sinne als Gegenstück zum anthropologischen Begriff des „Homo Faber“ gesehen werden. Der „Homo Faber“, als schaffender Mensch, führt durch sein Handeln Veränderungen herbei, im Gegensatz zu ihm sucht der „Homo ABER“ stets nach Argumenten, um sein Handeln oder Nicht-Handeln zu legitimieren.
Symbolisch steht der „Homo ABER“ für die Aussagen, die am Sockel zu lesen sind. Diese Phrasen sind austauschbar – das pseudo-argumentative ABER hinter den leeren Wortfetzen bleibt bestehen. Will sich der „Homo ABER“ weiterentwickeln ist laut Moser Bewusstseinsbildung notwendig.

Auszug Sockelbeschriftung:
„Ich bin bestimmt nicht rassistisch, ABER“
„Mir tun die Tiere ja auch leid, ABER“
„Natürlich müssen wir die Mitwelt schützen, ABER“
„Klar sollten Kinder nicht geschlagen werden, ABER“
„Mir tun Flüchtlinge ja auch leid, ABER“
„Natürlich bin ich gegen Gewalt, ABER“

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Bild: Chris Moser, homo ABER, Gips, Accessoires, 2015 | © Chris Moser

Radikalkunst

Das Werk steht für den manipulativen Moment in Mosers Kunst: „Wer diese Arbeit kennt und in Zukunft eine der bekannten unseligen ABER-Phrasen hört, erkennt in der SprecherIn unvermeidbar die Fratze des „Homo ABER“. Wer solche Aussagen (noch) selbst tätigt, ertappt sich dabei, selbst abstoßender „Homo ABER“ zu sein!“ [1]

Konfrontativ, provokant und erbarmungslos ist die Kunst des Tirolers. In der Provokation sieht Moser sein Stilmittel, nämlich „das Brecheisen, um die verkrusteten Schalen von Gleichgültigkeit und Politikverdrossenheit aufzubrechen“[2]. Sein Kunstbegriff ist eindeutig: „Ganz allgemein denke ich, dass KünstlerInnen die Verantwortung haben, sich klar zu positionieren. […] Solange Ungerechtigkeit und Ausbeutung herrschen, ist es die Pflicht der Kunst […] dagegen vorzugehen.“[3] Schweigt die Kunst zu gesellschaftsrelevanten Themen, ist sie bloße Dekoration, dient der Zerstreuung, der Ablenkung und unterstützt so Unrecht und Gewalt.[4]

Kunst oder Aktivismus?

Chris Mosers Kunst und sein Engagement als politischer Aktivist lassen sich nicht voneinander abgrenzen. Seine Kunst ist Teil seines politischen Aktivismus. Als Angeklagter im sogenannten Tierschutzprozess wurde seine künstlerische Intention vom Gericht hinterfragt und sein Aktivismus kriminalisiert. Moser wurde freigesprochen (aus bewiesener Unschuld, rechtskräftig) und fand in seinem Plädoyer im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Wiener Neustadt klare Worte: „Ich werde nicht auf Gerechtigkeit hoffen, sondern weiterhin dafür kämpfen! Für die Befreiung von Mensch und Tier, für die Freiheit der Kunst! Somit schließe ich mit einem Zitat Bertolt Brechts: Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zu Pflicht!”[5]

Fazit

Moser adressiert die Betrachtenden direkt, verweist dabei unmissverständlich auf die Verantwortung jedes einzelnen Menschen und will diese zum Nach- und Umdenken ermutigen. Als notwendige Voraussetzung einer emanzipatorischen Kraft stellt Moser dominierende Herrschaftsmechanismen und Hierarchiekonzeptionen in Frage, beleuchtet Ausbeutungs- und Unterdrückungsprozesse und fordert mittels dem Symbol der Axt die Zerschlagung von traditionellen Denk- und Handlungsstrukturen.

Chris Moser lebt und arbeitet als Künstler, Buchautor und politischer Aktivist in Tirol.
Künstlerische Medien: Bildhauerei, Grafik, Collage/Assemblage
Facebook
Website

 

Quellen:
Der Prozess. Ein Film zur §278a-Thematik von Igor G. Hauzenberger, 2011
Green Seven Report 2013 – Chris Moser
MOSER, Chris, Die Kunst Widerstand zu leisten. Wie mit § 278 a im Tierschutzprozess Freiheit untergraben und Kunst zum Verbrechen wurde. Ein Tatsachenbericht, Kyrene Verlag, 2012
MOSER, Chris, M.E, Kyrene Verlag, 2013
objects? of art! (Katalog zur Ausstellung am 6. Tierrechtskongress Wien, 10. bis 12. Oktober 2014), Wien 2014
Tierschutzprozess. Effektiver Tierschutz und gelebte Demokratie in Gefahr

[1] E-Mail Interview mit Chris Moser
[2] MOSER, Chris, M.E, Kyrene Verlag, 2013, S.20
[3] MOSER, M.E, S.24
[4] Vgl. MOSER, M.E, S.24
[5] MOSER, Chris, Die Kunst Widerstand zu leisten. Wie mit § 278 a im Tierschutzprozess Freiheit untergraben und Kunst zum Verbrechen wurde. Ein Tatsachenbericht, Kyrene Verlag, 2012, S.16

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KUNST HALLT NACH: Herrschaft und Gewalt im Fadenkreuz – Hartmut Kiewerts „Gewährsmänner“

Im anthropozentrischen Netzkunst-Gewalt-Experiment markiert das virtuelle Fadenkreuz die lebende Ratte als Abschussziel. Im Gemälde „Gewährsmänner“ (siehe Titelbild), stellt es Unterdrückungsordnungen und Gewaltstrukturen in Frage, anstatt sie zu bestätigen. „Gewährsmänner“ von Hartmut…

Im anthropozentrischen Netzkunst-Gewalt-Experiment markiert das virtuelle Fadenkreuz die lebende Ratte als Abschussziel. Im Gemälde „Gewährsmänner“ (siehe Titelbild), stellt es Unterdrückungsordnungen und Gewaltstrukturen in Frage, anstatt sie zu bestätigen.

„Gewährsmänner“ von Hartmut Kiewert

Wir sehen einen braunen Hirsch mit blauem Fadenkreuz am Brustkorb. Er befindet sich im Sturz, ist umringt von Jagdhunden und zwei männlichen Personen in Warnwesten. Stehend, der Philosoph René Descartes [1] „der die Trennung zwischen Mensch und Tier auf die Spitze trieb“ und auf dem Pferd sitzend „Damien Hirst [2], der Tiere als reines Material für seine künstlerischen Arbeiten sieht und dafür auch umbringen lässt.“ [3] Beide Männer blicken aus dem Bild zu den Betrachtenden. „Die beiden sind sich offenbar darüber bewusst, dass sie beobachtet werden, lassen aber trotzdem nicht von ihrer grausamen Tat ab. Die Betrachtenden werde ein stückweit zu Komplizen.“, so Künstler Hartmut Kiewert.

Der dunkle Hintergrund verbirgt beinahe ihre vorsätzliche Mausklickmentalität – Descartes richtet eine Fernbedienung auf den Hirsch, Hirst dokumentiert die Szene mit einem Mobiltelefon.

Gustave Courbet, Hirschjagd im Winter, 1867, Öl auf Leinwand, 355 x 505 cm, Musée des Beaux-Arts et d'archéologie de Besançon | Public Domain

Bild: Gustave Courbet, Hirschjagd im Winter, 1867, Öl auf Leinwand, 355 x 505 cm, Musée des Beaux-Arts et d’archéologie de Besançon | Public Domain

„Hirschjagd im Winter“ von Gustave Courbet

Als Vorlage zu „Gewährsmänner“ diente „Hirschjagd im Winter“ (The kill of deer), ein Werk des leidenschaftlichen Jägers und für seine realistische Malerei berühmten Künstlers Gustave Courbet. Er berichtete voller Begeisterung von den prachtvollen Tieren, die durch seine Hand getötet wurden. [4] Das Werk zeigt das Ende einer Parforcejagd (Halali) [5]  in winterlicher Landschaft.

Herrschaftskritische Kunst

Einzelne Bildelemente wurden von Kiewert zitiert, verändert und ergänzt. Laut Künstler gilt das Fadenkreuz „als Unterstreichung des abgekarteten ‚Spiels‘ der Jagd, bei dem der Hirsch das ausgemachte Opfer und Verlierer ist.“

Kiewerts Werk bietet ein Gegenstück zu anthropozentrischer Kunst, die vorherrschende Herrschaftsmechanismen bekräftigt. Es verweist auf die Notwendigkeit zur Hinterfragung von dominierenden Ausgrenzungs- und Diskriminierungsprozessen und emanzipiert sich so von herrschaftlichen Bildregimen. Achtung: Bei legitimationsfreier Konfrontation könnte sich die selbstauferlegte Vorherrschaft des Menschen als Konstrukt erweisen.

Vielen Dank an Hartmut Kiewert für die Beantwortung meiner Fragen und die zur Verfügung gestellten Bilder!

Kennst du Kunstwerke, die etwas kritisch hinterfragen?

 

Quellen:
Website von Hartmut Kiewert
KIEWERT, Hartmut, »mensch_tier«, Münster 2012
[1] Rene Descartes war davon überzeugt, dass „Tiere“ affektgesteuerte Biomaschinen, instinkthafte Wesen ohne Vernunft, Sprache und Bewusstsein sind. Vgl. Discours de la méthode, V. 9 – 12.
[2] Zeitgenössischer Künstler, der bekannt für seine in Formaldehyd präsentierten Tierleichen ist.
[3] + [6] E-Mail Interview mit Hartmut Kiewert.
[4] TITEUX, Gilbert, Auf der (Traum-) Fährte des Hochwilds. Zu Courbets Jagdbildern, in: Ausstellungskatalog, Courbet – Ein Traum von der Moderne (Schirn Kunsthalle Frankfurt, 15. Oktober 2010 – 20. Januar 2011) Hrsg. HERDIG, Klaus, HOLLEIN, Max, 72
[5] Parforcejagd, franz. par force ‚mit Gewalt‘. Form der Hetzjagd zu Pferde mit laut jagender Hundemeute auf ein einzelnes Stück Wild. Im 17. und 18. Jahrhundert besonders beliebt. Einschränkungen seit dem 19. Jahrhundert, heute in einigen Ländern verboten.

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KUNST HALLT NACH: Mensch und Ratte als Versuchstiere – Florian Mehnerts Projekt „11 Tage“

Eine lebende Ratte als Zielobjekt im künstlerischen Experiment. Ein Einblick in die Auseinandersetzung mit dem Experiment „11 Tage“ und dem Austausch mit dem Künstler Florian Mehnert: Das Projekt „11 Tage“…

Eine lebende Ratte als Zielobjekt im künstlerischen Experiment. Ein Einblick in die Auseinandersetzung mit dem Experiment „11 Tage“ und dem Austausch mit dem Künstler Florian Mehnert:

Das Projekt „11 Tage“

Ein Online-Livestream. Gezeigt wird eine Installation mit einer lebendigen, weißen Ratte. Diese befindet sich in einer weißen Box (siehe Titelbild). Am unteren Rand ragt ein Waffenlauf ins Bild. Etwas oberhalb befindet sich ein Fadenkreuz. Die UserInnen können über die Frage: „Soll die Ratte am Leben bleiben?“ abstimmen, die Waffe bewegen und bekommen in Aussicht gestellt, dass zu einem späteren Zeitpunkt die Waffe scharf gestellt sein wird und die Möglichkeit entsteht, mit der Waffe auf die Ratte zu schießen.

Das Experiment erlangte viel Aufmerksamkeit …

Ernstzunehmend wurde vermittelt, dass die Möglichkeit zur Tötung der Ratte als ein reales und künftig stattfindendes Ereignis zu verstehen sei. Die Reaktionen der Menschen waren und sind sehr unterschiedlich. Einige begrüßten die Möglichkeit dieses realen Ego-Shooters oder gratulierten zum Mut des Künstlers, andere äußerten Beleidigungen oder Drohungen aufgrund seines Vorhabens.

Das zentrale und gewaltsamste Element – die in Aussicht gestellte, brutale Tötung der Ratte durch UserInnen – schockierte sehr viele Menschen und veranlasste zu erstatteten Anzeigen, gestarteten Petitionen und bekundeten Protesten. Alles um zu verhindern, dass die Ratte innerhalb dieses Experiments tatsächlich zu Tode kommen könnte.

… und nahm ein vorzeitiges Ende

Informationen zufolge wurde die Installation von den zuständigen Behörden und der Polizei aufgesucht und der Künstler vernommen [1]. Die Ratte befand sich in einem guten gesundheitlichen Zustand und der Künstler hat diese freiwillig zur Sicherstellung ans Veterinäramt übergeben. Am selben Tag, dem 17. März 2015, wurde das Experiment vorzeitig beendet, Florian Mehnert beteuert seither: „Es war nie geplant, die Ratte zum Abschuss freizugeben, die Waffe wirklich scharf zu schalten, auch wenn der technische Aufbau der Installation dies ermöglicht.“

Der Künstler

Florian Mehnert widmet sich in seinen Videoarbeiten und Rauminstallationen häufig gesellschaftlichen und politischen Themen. Den Werken wohnen schwere Inhalte und grenzüberschreitende Methoden inne. Überwachung und die Konsequenzen daraus wurden bereits im Projekt „Waldprotokolle“ (2013) thematisiert. Mehnert trat selbst in die Rolle des Überwachenden und installierte in einem Wald Wanzen, um die Gespräche von PassantInnen aufzuzeichnen und diese anschließend zu veröffentlichen. Die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privaten werden dabei aufgelöst. Im Projekt „Menschentracks“ (2014) wurden diese Grenzen bewusst verletzt. Mehnert hackte Smartphones, um deren Kameras fernzusteuern, das gewonnene Videomaterial wurde in einer Installation veröffentlicht. Der Künstler will dabei die „Bedeutung, den Verlust und den Wert unserer Privatsphäre in der vernetzten Gegenwart“ [2] hinterfragen.

In „11 Tage“ steigerte sich seine Rolle. Der Künstler erschuf eine Situation, die Online-UserInnen zu Überwachenden macht und ihnen in Aussicht stellt, von einer Schusswaffe Gebrauch machen zu können, um ein Lebewesen zu töten. Der Künstler ist Urheber, denn er schuf diese potenzielle Hinrichtungsstätte, Überwacher, weil er das Verhalten der RezipientInnen beobachtet und Anführer, da er bestimmen kann, ob eine Waffe mit tödlicher Munition zum Einsatz kommen wird oder nicht. Inwieweit hat der Künstler hier die Rolle derer (Staat, Militär etc.) eingenommen, die er selbst kritisiert? „Ich nehme als Künstler hier keinesfalls die Rolle derer ein, die ich kritisiere. Die Installation versetzt aber den Rezipienten in die Position des Überwachenden und des Drohnenpiloten.“, so Florian Mehnert.

Für die weitere Auseinandersetzung halte ich es durchaus für wichtig, neben beispielsweise ausführenden Rollen auch zugrundeliegende Mechanismen und voraussetzende Systeme zu berücksichtigen und hinterfragen.

Warum das alles?

Die Intention des Künstlers ist es, auf Themen wie Überwachung, bewaffneter Drohneneinsatz, Gamification [3] und Abstumpfung durch visualisierte Gewalt in den Medien hinzuweisen. „Die Installation […] veranschaulicht abstrakte Sachverhalte […], mehr noch, sie führt in ihrer Umsetzung sogar zu der Möglichkeit, die anonyme gezielte Tötung konkret nachzuvollziehen.“, so der Künstler.

Bild: Detail, Sicht auf Außenseite der Box mit technischen Apparaturen, Paintballwaffe verpixelt; im Innenraum dahinter befand sich die lebendige Ratte, 2015 | © Florian Mehnert

Künstler ↔ Werk ↔ Publikum

Welche Rolle spielt das Publikum?

Die Involvierung des Publikums könnte als werkimmanenter Teil verstanden werden. Die Rollen der/des Einzelnen sind unterschiedlich; beispielsweise unsichtbarer Zuseher, aktive Umfragenteilnehmerin, potenzieller Waffenbenutzer oder außerhalb des Werks aktiv werdende Unterzeichnerin einer Petition. „Die vielen Petitionen zeigen, dass Menschen, wenn sie tatsächlich einmal Einfluss nehmen können, sich konsequent engagieren, auch wenn es dann nur darum geht eine einzige Ratte zu retten.“, so Mehnert.

RezipientInnen legen Fokus falsch

„12% der User haben die Rettung der Ratte fokussiert, 82% haben dies nicht getan, sondern den tatsächlichen Impetus des Projekts erkannt und setzen sich in Folge dessen mit der Thematik auseinander.“, rechnet Florian Mehnert vor.

Florian Mehnerts Einschätzung gegenüber den RezipientInnen seines Projekts erzeugt Irritationen. Der Künstler schlussfolgert, dass „diese Rezipienten“ die leicht zu verstehenden Komponenten des Projekts, nämlich die „vermeintliche Rettung“ der Ratte und den „bösen Künstler“ zum Ventil benutzt haben für „die aufgestaute Wut und Hilflosigkeit aufgrund all der tausenden armen Laborraten, die man nicht zu retten vermag.“ Es dürfte sich laut Mehnert um „ein bestimmtes, relativ kleines, dafür aber umso lauteres ‚Klientel‘“ handeln, dass „auch für andere Laborratten protestieren“ würde, so Mehnert. [4]

Es ist doch nur eine Ratte

Die weiße Ratte ist als „klassisches Versuchstier“ zu betrachten, verwendet „um auf real existierende menschliche Opfer aufmerksam zu machen“, erklärt der Künstler und gibt an, dass von RezipientInnen differenziert werden muss, weil „eine Ratte in der Regel keineswegs die gleiche Wertigkeit wie die eines Mensch einnimmt.“ Doch wenn die Ratte im Experiment symbolisch für einen Mensch steht, wäre der Einsatz, der den Tod verhindern will nicht wünschenswert?

Was meint das Tierschutzgesetz? TierSchG §1: „[…] Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Stellt ein Kunstexperiment für die GesetzgeberIn diesen „vernünftigen Grund“ dar?

Bild: Stahlkonstruktion, Box aus Polyethylen, Servomotoren, Ardiuno Board, Webcam, Paintballwaffe, lebende Ratte (hier nicht sichtbar) 2015, 195 x 60 x 145 cm | © Florian Mehnert

Bild: Stahlkonstruktion, Box aus Polyethylen, Servomotoren, Ardiuno Board, Webcam, Paintballwaffe (200 Bar), lebende Ratte (hier nicht sichtbar) 2015, 195 x 60 x 145 cm | © Florian Mehnert

Fazit

Aufmerksamkeit um jeden Preis – wer profitiert davon?

Ein aufsehenerregendes Projekt mit erheblichem Potenzial, Auseinandersetzungen und Diskussionen zu verschiedenen Themen hervorzurufen. Doch können diese reißerischen Methoden und vorsätzlichen Polarisierungen eine seriöse Auseinandersetzung ermöglichen? Ist das Konzept des Projekts ausgearbeitet genug, um schwierigen Inhalten und moralischen Fragen tatsächlich gerecht zu werden? Wo und wie grenzt sich das Experiment von den Elementen ab, die es versucht zu kritisieren? Wird die zerstörerische Gewalt an Lebewesen, die Abstumpfung und Senkung der Hemmschwellen durch Visualisierung von Gewalt, der Prozess Gamification, die Taten rücksichtsloser Machtpositionen und das Töten unschuldiger Lebewesen durch das Projekt „11 Tage“ tatsächlich in Frage gestellt oder vielmehr bekräftigt?

Kunst kann sichtbar machen

Es gibt viele Themen, die Aufmerksamkeit, Hinterfragung und Veränderung erfordern, Kunst kann eine Möglichkeit sein, um uns auf diese Themen aufmerksam zu machen. Fest steht, dass viele Menschen bereit sind zu handeln, wenn Handlungsbedarf und Handlungsmöglichkeiten sichtbar werden. Die Not von Betroffenen, ob Menschen oder andere Tiere, gegeneinander auszuspielen ist dem Engagement für gesellschaftsrelevante Themen nicht dienlich. Vielmehr wird dadurch sichtbar, wo die Grenzen und Barrieren im Denken derer sind, die in herrschaftlichen Systemen ganz selbstverständlich die Rolle der/des Unterdrückenden einnehmen.

Tiere in der Kunst

Kunst, die lebende Tiere zu Objekten erklärt und auf anthropozentrische Weise benutzt, reflektiert das, was oft unhinterfragt, tagtäglich in unsere Gesellschaft passiert. Die Freiheit der Kunst sollte aber dort enden, wo Rechte und Schutz anderer Lebewesen von künstlerischen Umsetzungen bedroht werden.

Vielen Dank an Florian Mehnert für die ausführliche Beantwortung meiner Fragen und die zur Verfügung gestellten Bilder!

Was denkst du über den Verlauf des Experiments? Kennst du andere künstlerische Projekte, in denen lebende Tiere verwendet werden?

 

[1] Laut Auskunft der Tierschutzpartei ist ein Verfahren gegen den Künstler anhängig und die Staatsanwaltschaft hat eigene Ermittlungen aufgenommen.
[2] Website des Künstlers
[3] Als Gamification wird der Prozess bezeichnet, der Prinzipien aus Spielen (bspw. Mechanik, Design, Denken) in spielfremde Kontexte überführt.
[4] Hier wird Bezug genommen auf Reaktionen von RezipientInnen, die den Tod der Ratte innerhalb des Projekts zu verhindern versuchten. Die Differenzierung von an den Künstler gerichtete Beleidigungen, Drohungen, etc. wurde klar kommuniziert.

 

Quellen
Website zum Projekt 11 Tage
Online-Zeitungsberichte und Blogbeiträge
E-Mail Interview mit Florian Mehnert
E-Mail Kontakt mit Vorsitzender vom Landesverband Hamburg von Partei Mensch Umwelt Tierschutz
Stoppen Sie das Rattenexperiment, Keine Ausstellungen für Tierquäler (Auszug Petitionen)
Website Partei Mensch Umwelt Tierschutz

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KUNST HALLT NACH: Karikaturen und Nachhaltigkeit? Karikaturist Bruno Haberzettl im Interview

Für den freien Zeichner und Illustrator Bruno Haberzettl ist es eine Selbstverständlichkeit, seine zeitgenössische Satire gesellschaftsrelevanten Themen zu widmen. Nachhaltigkeit spielt in einigen seiner Werken eine große Rolle – ich habe mit ihm…

Für den freien Zeichner und Illustrator Bruno Haberzettl ist es eine Selbstverständlichkeit, seine zeitgenössische Satire gesellschaftsrelevanten Themen zu widmen. Nachhaltigkeit spielt in einigen seiner Werken eine große Rolle – ich habe mit ihm darüber gesprochen.

Es ist Ihnen, nach eigenen Angaben, ein Bedürfnis den AkteurInnen und ProtagonistInnen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft „die Masken herunterzureißen“ und deren „wahres Gesicht zu offenbaren“. Was wollen Sie sichtbar machen?

Bruno Haberzettl: Mir scheint es äußerst wichtig, dass sich WählerInnen, KonsumentInnen und ArbeitnehmerInnen nicht vom Glanz der Oberflächlichkeit beeindrucken lassen, der von Politik und Wirtschaft so großzügig und höchst professionell versprüht wird. Es ist doch bezeichnend, dass EntscheidungsträgerInnen in führenden Positionen nicht selten SoziopathInnen sind. Solange diese schneidig und telegen daherkommen, verzeiht die gleichgültige Öffentlichkeit ihre Charakterschwächen.

Bild: Bruno Haberzettl, „Ist wurscht, wir sind keine großen Fischesser!“ - Nur keine Sorgen im Urlaub …2011 | © Bruno Haberzettl

„Ist wurscht, wir sind keine großen Fischesser!“ – Nur keine Sorgen im Urlaub…, 2011 | Bild: Bruno Haberzettl

Welche Bedeutung hat das Thema Umweltschutz für Sie? Mit „Naturlieb Ja! – Aber. Wirtschaftswachstum um jeden Preis“ wird dem Thema in Ihrem neuen Buch »Brunos nackte Tatsachen« (Ueberreuter, 2014) ein ganzes Kapitel gewidmet.

Bruno Haberzettl: Das Thema Umwelt- und Naturschutz sollte oberste Priorität haben. Unser Wirtschaftssystem, basierend auf ewigem Wirtschaftswachstum, führt uns geradewegs in die Katastrophe. Wir opfern dafür ein natürliches System, das sich in Millionen von Jahren entwickelt und sich durch seine Dynamik und unendlichen Vernetzungen bis heute bewährt hat. Alles, was für uns existentiell wichtig ist, leiten wir davon ab. Was nützt uns unser Pseudowohlstand, wenn wir zum Beispiel kein sauberes Trinkwasser mehr haben? Die Zerstörung der Natur für wirtschaftliche Interessen hat sich als das schlechteste Geschäft aller Zeiten herausgestellt. Die daraus resultierenden Naturkatastrophen ziehen – auch bei uns – Reparaturzahlungen in Milliardenhöhe mit sich. Dagegen ist die Umweg-Rentabilität erhalten gebliebener Naturräume unbezahlbar!

Bild: Bruno Haberzettl, Gedanken zur Entfesselung der Wirtschaft …, 2013 | © Bruno Haberzettl

Gedanken zur Entfesselung der Wirtschaft …, 2013 | Bild: Bruno Haberzettl

Was mich besonders ärgert: Die Politik setzt komplett auf ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, dass die Naturzerstörung vorantreibt und sogar noch beschleunigt. Ein System, dass auf Autopilot dahin rast, ist natürlich leicht zu verwalten. Und kommt Kritik, wird reflexartig mit Drohungen und Verängstigungen zu Arbeitslosigkeit etc. reagiert – dann kuscht die Masse wieder. Derartige „SystemidiotInnen“ als PolitikerInnen brauchen wir aber nicht, sondern wir brauchen Schach spielende VisionärInnen, die ein paar Züge vorausdenken können.

Bild: Bruno Haberzettl, Die EU-Kommission weiß genau, was uns Bürgern zu unserem Glück fehlt! – Unbegrenzter, amerikanischer Ernährungstraum …, 2014 | © Bruno Haberzettl

Die EU-Kommission weiß genau, was uns Bürgern zu unserem Glück fehlt! – Unbegrenzter, amerikanischer Ernährungstraum …, 2014 | Bild: Bruno Haberzettl

Mit welcher Intention zeichneten Sie im Kapitel „Tief über Europa. Die EU steckt in der Pubertät.“ zum Transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP?

Bruno Haberzettl: Die EU wäre grundsätzlich eine brillante Idee. Wäre sie, wie so laut gepriesen, eine Wertegemeinschaft. Der einzige Wert um den es aber zu gehen scheint, ist das Geld und damit verbunden, die egoistischen wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Mitglieder. So gesehen ist die EU über ihren Gründungsgedanken nie hinausgewachsen. Die massiven Bestrebungen zur Liberalisierung des Welthandels wie zum Beispiel TTIP gehen genau in diese Richtung. Soziale Marktwirtschaft, Eigenbestimmung und Naturschutz gehen dabei schön langsam flöten.

Bild: Bruno Haberzettl, Wertegemeinschaften …, 2011 | © Bruno Haberzettl

Wertegemeinschaften …, 2011 | Bild: Bruno Haberzettl

Wie könnte diese Werteverschiebung aufgehalten und verändert werden?

Bruno Haberzettl: Einer Gesellschaft, die sich aus Überzeugung einer Verkleinerung und Verlangsamung ausspricht und zwar wider aller technischen Möglichkeiten, wäre ein riesiger Entwicklungsschritt gelungen. Für uns EuropäerInnen vielleicht der größte in unserer Geschichte, da wir dadurch erstmals auf den Weg der Nachhaltigkeit kommen würden.

Bild: Bruno Haberzettl, Zum Glück gibt es ja Jäger! Selbst ernannte Naturexperten, die wissen, dass mit einem gezielten Flintenschuss jedes Problem zu lösen ist, 2014 | © Bruno Haberzettl

Zum Glück gibt es ja Jäger! Selbst ernannte Naturexperten, die wissen, dass mit einem gezielten Flintenschuss jedes Problem zu lösen ist, 2014 | Bild: Bruno Haberzettl

Ein Werk, das ursprünglich in Ihrem Buch „Brunos Jagdfieber“ (Ueberreuter, 2013) erschienen ist führt mich zur Frage: Wie nachhaltig ist die Jagd?

Bruno Haberzettl: Die Jagd ist, laut Prof. Josef Reichholf (Zoologe, Ökologe und Evolutionsbiologe), nach der industriellen Landwirtschaft der zweitgrößte Artenfeind! Ökologisch gesehen, löst sie keine Probleme, wie ihre ProtagonistInnen geifernd uns immer wieder einzureden versuchen, sondern sie verursacht diese Probleme vielmehr. Was mich so abstößt, ist die Präpotenz und Aggression, mit der JägerInnen, wider besseren Wissens, ihr bedenkliches Hobby dem Rest der Gesellschaft aufzwingen. Die Jagd ist im negativen Sinn nachhaltig. Sie schafft einen kranken Zustand im natürlichen Gefüge und hält diesen zum Nutzen von FreizeitmörderInnen aufrecht!

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Bruno Haberzettl: Wofür ich mir immer Zeit nehme, sind meine Aktivitäten im Garten und in der Natur. Dazu gehören verschiedene Maßnahmen zur Re-Naturierung. Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit Amphibienschutz und der Anlage von verschiedenen dynamischen Laichgewässern. Mit Leidenschaft lege ich auch Trockensteinmauern verbunden mit Sandflächen für Reptilien. Auch Vogel- und Insektenschutz sind mir wichtig. All diese Maßnahmen gewinnen für mich immer mehr an Bedeutung.

Vielen Dank für das Gespräch, die aufschlussreichen Antworten und ihr persönliches Engagement!

 

In jeder Sonntagsausgabe der österreichischen Tageszeitung »Krone« ist eine Karikatur von Bruno Haberzettl zu finden, in seinen Büchern kommt ihr in den vollen Genuss seiner witzigen und tiefgründigen Satire zu zeitgenössischen Themen.

Cover
Bruno Haberzettl »Brunos nackte Tatsachen«
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2014
Hardcover, 160 Seite mit farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-8000-7597-3
Meine Rezension zum Buch: Humor ist … | »Brunos nackte Tatsachen« von Bruno Haberzettl

 


Bruno Haberzettl »Brunos Jagdfieber«
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2013
Hardcover, 96 Seiten mit farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-8000-7566-9

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KUNST HALLT NACH: Kunst und Nachhaltigkeit? Reines Wasser – Die kostbarste Ressource der Welt

Was hat Kunst mit Nachhaltigkeit zu tun? In meiner Kolumne stelle ich mir unter anderem diese Frage. Den Auftakt dieser Entdeckungsreise bildet ein Besuch der von Stella Rollig und Magnus…

Was hat Kunst mit Nachhaltigkeit zu tun? In meiner Kolumne stelle ich mir unter anderem diese Frage. Den Auftakt dieser Entdeckungsreise bildet ein Besuch der von Stella Rollig und Magnus Hofmüller kuratierten Ausstellung „Reines Wasser. Die kostbarste Ressource der Welt“, die bis 15. Februar 2015 im Lentos Kunstmuseum Linz geöffnet hat.

Wasser macht sauber, glücklich und gesund, ist überlebensnotwendig und wirtschaftlich interessant. Wasser steht im Fokus der künstlerischen Werke von insgesamt 58 KünstlerInnen und KünstlerInnengruppen, die in der Ausstellung präsentiert werden.

Eine riesige Fotografie von Daniel Canogar (siehe Titelbild) katapultiert das Thema Wasserverschmutzung mit einem Schlag in die Ausstellungsräumlichkeiten. Inspiriert vom Great Pacific Garbage Vortex [1] zeigt das Foto unter anderem Trink- und Waschmittelflaschen, Getränkedosen und Plastiktaschen, die in helltürkisem Wasser schwimmen, mitten darin zirka 55 Personen.

The Yes Men, B'EAU-PAL, 2009, mixed installation | © The Yes Men

Bild: The Yes Men, B’EAU-PAL, 2009, mixed installation | © The Yes Men

Eine attraktiv wirkende, jedoch fiktive Wassermarke ließen The Yes Men entstehen. Die Installation thematisiert einen schrecklichen Chemieunfall im Jahre 1984 im indischen Bhopal. Im Zuge ihrer künstlerisch-aktionistischen Aktion wurde die Nachricht verbreitet, der Chemiekonzern Dow Chemical wäre bereit, Entschädigungen an die geschädigten Menschen zu bezahlen. Die Verantwortlichen des Chemiekonzerns waren gezwungen, die angekündigten Entschädigungszahlungen in der Öffentlichkeit zu dementieren.

Das einundzwanzig Minuten dauernde Video „Flooded Mc Donald’s“ von Superflex, zeigt eine menschenleere, nachgebaute Mc Donald’s Filiale, die langsam mit Wasser überflutet wird. Von vormals knusprigen Pommes bis zum bunten Kinderspielzeug wird alles vom langsam ansteigenden Wasser erfasst – Kurzschlüsse bei elektrischen Geräte und immer trüberer werdendes Wasser sind die Folge. Thematisiert wird der Klimawandel. Mc Donald’s als weltgrößter Rindfleischproduzent hat hier wohl einiges zu verbuchen.

Wie eng Kunst mit Tierschutz zusammenhängen kann, kommt mit dem Werk „Freitagsessen“ von Klaus Rinke – wohl unbeabsichtigt – zum Ausdruck. Dazu zwei Bilder seiner Installation.

Klaus Rinke, Freitagessen, 1987, Wassertisch (mit 12 Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Bild: Klaus Rinke, Freitagsessen, 1987, Wassertisch (mit 12 Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Klaus Rinke, Freitagessen, 1987, Wassertisch (ohne Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Bild: Klaus Rinke, Freitagsessen, 1987, Wassertisch (ohne Karpfen), 13 verschieden konstruierte Stühle, Lichtuhr | © Photo by Reinhard Haider

Neben der Objektbeschriftung zum Werk „Freitagsessen“ ist in der Ausstellung folgender Hinweis zu lesen: „In der ursprünglichen Version von 1987 enthielt der Tisch 12 lebende Karpfen. Dies ist aufgrund des heute geltenden österreichischen Tierschutzgesetzes nicht möglich.“ Neben der Installation wird eine Videoaufnahme von den im Tisch schwimmenden Fischen gezeigt, bevor diese entfernt wurden.

„Hast du heute schon genug getrunken?“ Positiv und mit einer klaren Handlungsanweisung endet die Ausstellung mit einer „Hommage an den Genuss“ [2] von frischem und sauberem Wasser, das nicht selbstverständlich aus der Wasserleitung kommt. Das Lebenswerk von Peter Dreher umfasst um die fünftausend Gemälde von demselben Wasserglas, um die 50 wurden in der Ausstellung gezeigt.

Peter Dreher, Tag um Tag guter Tag, Das Glas, 1974 bis heute, Öl auf Leinwand, 25 x 20 cm | Courtesy WAGNER + PARTNER. © Bildrecht, Wien 2014

Bild: Peter Dreher, Tag um Tag guter Tag, Das Glas, 1974 bis heute, Öl auf Leinwand, 25 x 20 cm | Courtesy WAGNER + PARTNER. © Bildrecht, Wien 2014

„Zu zeigen, dass Wasser weit mehr ist als Mittel zum Zweck“ [2] ist Anliegen dieser Ausstellung, die meinem Eindruck nach behutsam versucht, die Menschen an ein Thema heranzuführen, dass gesellschaftskritisches Potenzial und politischen Sprengstoff in sich trägt.

 

Katalog-ReinesWasser

Stella Rollig, Magnus Hofmüller (Hrsg.)
REINES WASSER. Die kostbarste Ressource der Welt. Publikation zur Ausstellung im LENTOS Kunstmuseum Linz Jung & Jung Verlag
Hardcover, 160 Seiten, farb. Abbildungen, dt.,
ISBN 978-3-99027-064-6

Was hat Kunst mit Nachhaltigkeit zu tun? Kennst du Kunstwerke oder KünstlerInnen, die dieses Thema aufgreifen?

 

Quellen:

[1] Das Phänomen Great Pacific Garbage Vortex beschreibt die Ansammlung von Kunststoffmüll im Ozean und die Wirbel (lat. Vortex), die die kleinen Kunststoffteilchen zum Meeresboden transportieren, welche so ins Ökosystem gelangen.

[2] ROLLIG, Stella, Ein guter Tag, in: Reines Wasser. Die kostbarste Ressource der Welt, (Saalheft zur Ausstellung, 3.10.2014 – 15.2.2015, Lentos Kunstmuseum Linz), Linz, 2014, S. 28

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