Aus der Redaktion. Hört die Trauer jemals auf?

Sunday 19th, October 2014 / 20:18 von
Aus der Redaktion. Hört die Trauer jemals auf?Bild: geralt / pixabay.com

Heute geht die Kolumne “Aus der Redaktion.” aus der Sommerpause. “Nach Mitte Oktober?” denken sich nun vermutlich viele von euch, “Der Sommer ist doch schon lange vorbei.” Das stimmt, und eigentlich sollte der heutige Kolumnenbeitrag sich auch darum drehen, welche – zum Teil ausgefallenen – Fragen ich immer wieder zu The bird’s new nest gestellt bekomme. Und dieses Thema ist in gewisser Weise auch der Grund, wieso der Beitrag so lange auf sich warten ließ. Denn “Aus der Redaktion.” dreht sich ja um The bird’s new nest, unsere Online-Redaktion und die Dinge, mit denen ich mich zur Zeit beschäftige. Und das war diesen Sommer und auch jetzt meine familiäre Situation.

Wer diesen Kolumnenbeitrag von mir gelesen hat, weiß, dass meine Mutter Anfang Februar eine Gehirnblutung hatte und seitdem schwerstbehindert ist. Bis kurz vor dem Sommer war sie im Krankenhaus, dann ging es darum, ob sie in ein Pflegeheim kommt, oder ob wir mit Unterstützung einer 24-Stunden-Pflege sie auch zu Hause betreuen können. Die Wahl fiel auf letzteres und die Hoffnung war groß, dass sich der Zustand meiner Mutter zu Hause verbessern würde. Aber leider war das Gegenteil der Fall. Die von der Organisation beauftragte Pflegekraft hatte – abgesehen von weiteren Problemen – das Gerät für die Sauerstoffzufuhr falsch bedient, anstatt es täglich zu desinfizieren und neues Wasser einzufüllen, hatte sie das Wasser immer wieder nur nachgefüllt. Das kam leider erst dann heraus, als meine Mutter mit einer schweren Bakterieninfektion ins Krankenhaus gekommen war. Genauso wie die Tatsache, dass die Pflegekraft meiner Mutter nur die Hälfte der benötigten Flüssigkeit verabreicht hatte. Als meine Mutter nach einem Monat Heimpflege wieder ins Krankenhaus kam, war sie komplett dehydriert und lebensgefährlich erkrankt. “Sie wird es vermutlich nicht überleben.” war die Diagnose der Ärzte. Mein Vater war verzweifelt und machte sich große Vorwürfe. Hätte er die Pflegekraft besser kontrollieren müssen? War die Entscheidung, meine Mutter nach Hause zu nehmen ein Fehler? Und was passiert jetzt?

Man könnte meinen, dass es eine Erleichterung für uns hätte sein sollen, dass meine Mutter nun wieder unter kompetenter ärztlicher Aufsicht war. Leider war die Abteilung, in der meine Mutter lag, nicht erfahren mit schwerbehinderten Patienten, die eine bestimmte Pflege benötigen. Mehrmals kam mein Vater zu meiner Mutter ins Zimmer – er war jeden Tag zu beiden Besuchszeiten bei ihr – und fand sie mit hochrotem Kopf und kaum Luft bekommend vor, weil wieder einmal niemand den Schleim aus ihrer Luftröhre abgesaugt hatte. Eine Ärztin meinte überhaupt zu meinem Vater “man solle meine Mutter doch einfach sterben lassen, weil das ist doch kein Leben mehr”. Mein Vater, der mit seinen bald 80 Jahren den zweiten Weltkrieg mitbekommen hatte, fand sich an das Dritte Reich erinnert, und bestand darauf, dass meine Mutter nicht einfach in ein Zimmer zum Sterben abgeschoben wird, sondern dass der Schlauch in ihrer Luftröhre wie erforderlich betreut wird. Denn das Argument der Ärztin, “wenn das verschmutzt ist bemerken wir es eh, wenn sie dann eine Lungenentzündung bekommt”, war für ihn einfach nur eine Katastrophe. Genauso wie für mich, und das war es auch, was mich neben The bird’s new nest den gesamten Sommer (und danach) beschäftigt hat. “Mir geht es so schlecht.”, sagt mein Vater oft zu mir. Mir ging es auch schlecht, aber das will ich ihm nicht sagen, ich will ihn nicht noch mehr belasten. Also tue ich das, was viele in so einer Situation tun – mich in die Arbeit vergraben um mich abzulenken. Und mich immer mehr zu überarbeiten.

“Warum mache ich zur Entspannung nicht einfach Yoga oder meditiere, so wie früher?” habe ich mich oft gefragt. Und habe es darauf geschoben, dass ich einfach zu viel zu tun habe. Heute ist mir das erste Mal klar geworden, dass ich es deshalb nicht mache, weil ich sofort an meine Mutter denke, sobald ich nicht mit etwas beschäftigt bin. Ich muss daran denken, wie oft ich sie um Luft ringend im Krankenhaus angetroffen habe. Wie sie sich vor Schmerzen krümmt, wenn ihr der lange Schlauch in die Luftröhre eingeführt wird, um ihr den Schleim abzusaugen – mehrmals täglich. Wie sie versucht, zu sprechen, aber nichts sagen kann, weil der Schlauch in der Luftröhre verhindert, dass sie einen Laut von sich geben kann. Wenn sie den Kopf schüttelt, wenn mein Vater sie fragt: “Kennst du mich?” Wenn mein Vater an ihrem Bett steht und zu ihr sagt “Ich liebe dich, du bist du schönste Frau der Welt.” und sie ihn mit verwunderten Augen groß ansieht. Sie weiß nicht, wer wir sind. Sie erkennt uns nicht. Sie weiß nicht, wieso sie im Krankenhaus liegt, warum ihr Ärzte ständig Spritzen geben, ihr Schlauche einführen und sie damit täglich quälen. Warum sie nicht mehr sprechen kann, sich nicht mehr bewegen kann, nicht mehr weiß wo sie ist oder wer sie ist. Und damit war ich den ganzen Sommer beschäftigt und bin es immer noch. Ein Kolumnenbeitrag über Fragen zu The bird’s new nest zu schreiben war für mich deshalb undenkbar. Und ich habe es immer weiter hinausgeschoben. Und heute beschlossen, darüber zu schreiben, was mich tatsächlich beschäftigt.

Eine Frage stellt sich mir aber: Hört die Trauer jemals auf? Kann ich mich mit dem Leiden meiner Mutter abfinden? Wäre sie gestorben, wäre es auch sehr schlimm gewesen, aber so sehe ich sie und meinen Vater und sehe, wie beide leiden – jeder auf seine Weise. Und ich stehe daneben und fühle mich hilflos und überfordert. Letzte Woche hat mein Vater erkannt, dass er mit der Pflege meiner Mutter zu Hause überfordert ist. Denn meine Mutter hat die schwere Bakterieninfektion überlebt und kam wieder nach Hause, wo das Problem mit einer anderen Pflegekraft weiterging. Wieder wurden die Geräte nicht richtig bedient und innerhalb kürzester Zeit war meine Mutter erneut im Krankenhaus. Pflegeheim, das bedeutet nicht nur das Gefühl, dass wir versagt haben – wir haben es nicht geschafft, meine Mutter gemeinsam zu pflegen. Es bedeutet auch Kosten von über 7.000 Euro im Monat. Die Pension meiner Mutter geht bis zu 300 Euro an die Institution, genauso wie ihr Erspartes bis auf 4.000 Euro. Mein Vater ist als ihr Ehemann unterhaltspflichtig. Von seiner Pension muss er jedes Monat 700 Euro zahlen. Ich hoffe, es bleibt ihm genug für die Miete und alle anderen Ausgaben. Das Haus, das meine Eltern gebaut haben, müssen wir verkaufen. Auch alle Ersparnisse meines Vaters fließen ins Pflegeheim. Mein Vater möchte aber noch ein neues (gebrauchtes) Auto kaufen. Grösser als das jetzige, “damit er mit meiner Mutter einen Ausflug zum Haus machen kann”. “Papa, das Haus gibt es dann nicht mehr.”, sage ich.  “Das macht nichts,” sagt er, “dann fahren wir einfach so hin”. “Aber wie willst du das machen,” sage ich, “sie kann doch gar nicht selbstständig im Auto sitzen.” Er antwortet mir nicht, sondern blickt irgendwo in die Ferne.

Was mir bleibt ist die Hoffnung, dass es irgendwann besser wird. Das es besser werden muss. Wie genau das aussehen kann, weiß ich nicht. Nach meinem YouTube-Video haben mich aber so viele Menschen in ähnlichen Situationen angeschrieben, sodass ich weiß, dass viele andere Menschen auch gelernt haben, damit umzugehen. Wird es leichter werden? Wird der erste Gedanke in einer ruhigen Minute irgendwann einmal nicht mehr meiner Mutter gelten? Werde ich irgendwann einmal kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn ich mich wegen etwas freue, weil ich gleich darauf daran denken muss, dass es meiner Mutter vielleicht gerade schlecht geht?

Das sind die Fragen, die mich zur Zeit beschäftigen. Aber jetzt, wo der Einstieg wieder geschafft ist, wird es nächstes Mal das angekündigte Thema geben, damit es weitergeht. Denn irgendwie geht es immer weiter und aufgeben ist einfach keine Option.

Über den Autor

Edda ist die Herausgeberin und Chefredakteurin von The bird's new nest. Sie wohnt an der südlichen Stadtgrenze Wiens, ist Veganerin, kauft ausschließlich Bio-Produkte und ist ein riesiger Tierfreund. Außerdem liebt sie Bücher, Sonnenschein und ihre Badewanne.

Alle Artikel von Edda

5 Comments on “Aus der Redaktion. Hört die Trauer jemals auf?

  • Liebe Edda,
    ich arbeite in einer neurologischen Rehabilitationsklinik und die meisten unserer Patienten hatten eine Gehirnblutung oder einen Schlaganfall. Du schreibst, dass Deine Mutter vom Krankenhaus direkt nach Hause kam. Ist es in Österreich nicht üblich, dass die Patienten erstmal eine Reha bekommen? Gibt es solche Kliniken?
    Es ist sehr wichtig, dass hirngeschädigte Patienten rehabilitiert werden, da einige Funktionen wieder herstellbar sind. Durch entsprechende Therapie, z.B. die Entwöhnung der Trachealkanüle, Aufbau eines Kommunikationskanals, Bewegungsübungen und Schmerztherapie. Die Patienten bleiben meistens einige Monate bei uns und wir haben tolle Erfolge. Wenn möglich, werden die Angehörigen auch mit einbezogen.
    Falls Du mehr darüber wissen möchtest, kannst Du mir gerne mailen: meinliebesfrollein(at)gmx.de
    Viele Grüße und alles Gute
    Stine

    Reply
  • Einen geliebten Menschen derart leiden zu sehen (bei dir ja sogar zwei), ist ein schweres Schicksal, das man tragen muss. Ich selbst habe vor wenigen Wochen meinen Mann verloren. Ich bin Witwe – mit 42 Jahren. Auch er lag einige Zeit in Pflege. Er ist dann gestorben, als es ihm eigentlich schon besser ging. Ganz überraschend. Ich weiß nicht, wieso. Aber ich weiß: Er hat losgelassen. Er hatte keine Kraft mehr. Oft ist der Tod die Erlösung. Wenn deine Mama noch nicht los lässt, dann aus einem Grund: Weil sie weiß, dass sie noch gebraucht wird. Zeit für dich und deinen Papa, das zu realisieren, was passiert. Zeit zum Begreifen. Zeit zum Realisieren. Wenn deine Mama nicht mehr kann, wird sie loslassen. Stephanie

    Reply
  • Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden, nachdem was du schreibst. Aber ich möchte es versuchen. Irgendwann wird es dir besser gehen und du wirst deine Lebensfreude zurück gewinnen. Es kann noch etwas dauern, aber sobald der Ausnahmezustand zum Alltag wird, wird es einfacher. Habt ihr mal überlegt, euch über die Pflegekräfte bzw deren Träger und über das Krankenhaus zu beschweren? Es gibt unabhängige Stellen, die für solche massiven Pflegemängel zuständig sind. Damit kannst du vielleicht deiner Mutter nicht helfen, aber den nachfolgenden Patienten, denen es ähnlich geht. Aus eigenen familiären Situationen weiß ich, wie du dich gerade fühlen musst. Vertrau auf dich und deine innere Stärke. Ich wünsche euch genügend kraft und familiären Zusammenhalt, um die kommende Zeit zu meistern! Auch wenn deine Mutter bewusst vielleicht nicht mehr viel mitbekommt, sie wird eure Liebe und Zuwendung unterbewusst spüren! Liebe Grüße, Frauke

    Reply
  • Oh mein Gott, dass euch etwas so schlimmes passiert ist tut mir so leid und schockiert mich gerade voll. Ich wünsche deiner Mutter alles Gute (ist sie im Akh in Behandlung?) und euch beiden wirklich sehr viel kraft! Das muss eine unglaublich schwere Belastung sein. Ich hoffe, ihr könnt viel kraft tanken, auch wenn deine Mutter nicht mehr weiß, wer ihr seid…

    Alles liebe!!!

    Dani

    Reply
  • Danke für diesen offenen Beitrag und danke fürs mit uns teilen. Ich fühlte mich sofort an den langen Leidensweg meiner Oma erinnert. Nach einem langen Leidensweg, bei dem sie 1 1/2 Jahre nach einer OP Gehirnblutungen bekam und im Anschluss immer weiter abgebaut hat und am Ende nur noch da lag. Es war traurig. Dieses Jahr verstarb einer meiner Opas sehr plötzlich. Ich hatte keine Zeit zurm Abschiednehmen.
    Alles Momente, in denen ich mich fragte, was tun? Was habe ich verpasst?
    Dann verstarb am Dienstag eine meiner Teilnehmerin (18 J.) bei einem Autounfall. Ganz plötzlich war ein sehr jungen Leben vorbei. Ein Schock.
    Aber aus all diesen schlimmen Momenten wurde und wird mir immer bewusster, dass ich das, was ich mache, genießen sollte. Und das versuche ich auch. Jeden Moment kann es vorbei sein und dann will ich mir keine Vorwürfe machen müssen, etwas nicht getan zu haben. Und dies sind auch mal ein Telefonat mit oder Besuch bei meinen Eltern oder damals bei meiner Oma (auch wenn sie es vielleicht nicht mehr bemerkt hat).
    Und vielleicht würde sich deine Mutter in Gedanken auch mit dir für einem schönen Moment von dir freuen.

    Ich wünsche dir und deiner Familie viel Kraft und alles Gute für die nächste Zeit.

    Reply

Kommentar verfassen

Suche

The bird’s new nest auf…

Give-Away.

Newsletter.

Hier kannst du dich für den wöchentlichen Newsletter von The bird's new nest anmelden:

Schon gelesen?

Ads.

Blogheim.at Logo