Warum ich (trotzdem) reise!

Monday 10th, September 2012 / 01:27 von
Warum ich (trotzdem) reise!Alle Bilder: Doris

“Wir sollten wieder sesshaft werden, statt permanent unterwegs zu sein und CO2 zu emittieren.” Die Aussage war noch eine der harmloseren, die der Volkswirt und Attac-Berater Niko Paech im Interview mit der Süddeutschen Zeitung getroffen hat. Der Standpunkt von jemandem, der selbst nur ein einziges Mal in seinem Leben in einem Flieger gesessen ist, rüttelt ganz schön an mir. Und nein, das liegt nicht daran, dass ich sie im Flugzeug auf dem Weg nach Porto zu meiner ersten Travel Blogger Konferenz lese. Aber paradoxer könnte die Situation wohl kaum sein.

Ein Gespräch über eine Reise nach Bali hier, Erzählungen vom Yoga-Retreat in Mexiko dort und eine Autoralley durch die Mongolei als Einstiegspräsentation, dazwischen Suchmaschinen-Websites, PR-Agenturen, Tourismusbüros etc. die mit uns BloggerInnen über noch bessere Vermarktungsmöglichkeiten sprechen. Hier geht es um eine meiner größten Leidenschaften, darum, wofür ich morgens aufstehe und wovon ich nächstens träume. Hier geht es um das Geschäft, das wohl eine der negativsten Klimabilanzen aufweist, die es gibt: Ums Reisen!

Der internationale Flugverkehr trägt mittlerweile mit sieben Prozent zur globalen Erwärmung bei, die Treibhausgaswirkung der Flugemission ist dreimal so hoch wie bei Kohlendioxid, das auf der Erde produziert wird – bei diesen Fakten dreht sich mir der Magen um! Und wenn man der aktuellen – vermutlich realistischen – Airbus-Prognose, die der Flugzeughersteller in London veröffentlicht hat, Glauben schenkt, wird allein die Zahl der Passagiermaschinen in den nächsten 20 Jahren von derzeit rund 15.000 auf mehr als 32.000 ansteigen. Dass man das auch mit der höchsten Ausgleichszahlung an atmosfair und Co nicht kompensieren kann, sagt uns der Hausverstand. Eine lahme Gewissensberuhigung, was sonst? 

Chart der David-Suzuki-Foundation

“Klimabewusst zu fliegen heißt wohl eher nicht zu fliegen.”, die Lösung, die Attac-Geschäftsführer Wilhelm Zwirner liefert, ist kurz und radikal. Oder um wieder Paech zu zitieren, der sich auch weigert, bei Klimakonferenzen im fernen Rio dabei zu sein: “Die beste Energie ist die, die wir nicht verbrauchen.” Und ich kann nur sagen: Ich gebe beiden Recht.

Genauso Recht wie Chris Haslam, Autor und Reiseberichterstatter, der sagt: “Es ist so: Hör nicht auf zu fliegen. Hör nicht auf, das Außergewöhnliche und Exotische zu besuchen. Hör nicht auf, dein Hart-Verdientes zu den Menschen zu bringen, deren Leben und Zukunft genau davon abhängt und hör nicht auf, hinaus zu gehen und Zeugnis davon abzugeben, die Änderungen zu sehen, denen unser Planet ausgesetzt ist.” Das ist nämlich die andere Seite des Reisens: Abgesehen davon, dass Tourismus eine Lebensgrundlage für Menschen darstellt, öffnet Unterwegssein die Augen, lässt uns wachsen, Begegnung findet statt, inspiriert, macht uns toleranter… Zumindest das Reisen, das ich kenne!

Radikale Aussagen und Ansichten wie die von Paech, der den”vor der Fassade der Weltoffenheit komfortablen und globalen Lebensstil” an den Pranger stellt, sind vermutlich wichtig für Diskussion, fürs Umdenken, fürs Schlechte-Gewissen-Schaffen. Und keine Frage: Hochachtung, dass er so lebt! Aber ich weiß nicht, wie es euch geht, doch mich schrecken solche Aussagen ab: So sehr, dass ich dann gar nichts ändere und so weitermache wie bisher, weil ich dieses hehre Ziel ja ohnehin nicht erreiche. Und das ist dann wohl die völlig falsche Reaktion!

Für mich gibt es nur diesen Weg: Mich zu bemühen, so bewusst, so nachhaltig, so klimaschonend, so ausgleichend, kurz, so gut wie möglich zu reisen. Ja, ich fliege – aber nicht bei jeder Gelegenheit einfach irgendwo hin, meistens bin ich öffentlich unterwegs. 24/7 Klimaanlagen gibt es nicht, unter anderem deshalb, weil ich meist bei Einheimischen schlafe, ich ernähre mich vegetarisch und ja, ich mache Fehler! Aus Unwissenheit, weil ich nicht besser darüber nachgedacht habe, weil ich ein Mensch bin und weil ich – hoffentlich – laufend dazu lerne.

“Was kann ein Reisender tun? Der Zynische sagt nichts, der Hoffende sagt viel.”, ganz klar, Dan und Audrey von Uncornered Market zählen zu letzteren. Das Ehepaar arbeitet als Reiseblogger und -consultants mit Non-Profit-Organisationen zusammen, macht grüne Initiativen in aller Welt bekannt, reist selbst so nachhaltig wie möglich und sind United Nations Botschafter für das Sustainable Tourism Council (GSTC) – auch auf einer Travel Blogger Konferenz wie der in Porto.

Dreimal dürft Ihr raten, zu welcher Kategorie ich gehöre…

Über den Autor

Doris ist Schreibende, Reisende mit Basis in Wien und vor allem eine, die nicht still sitzen kann. Am liebsten schreibt sie inspirierende, mutmachende Geschichten von unterwegs oder daheim. Dabei geht es ihr um Menschen, die die Welt nicht nur entdecken, sondern in ihr auch positive Spuren hinterlassen.

Alle Artikel von Doris

7 Comments on “Warum ich (trotzdem) reise!

  • Es ist möglich auch ohne Flieger zu reisen UND gerade bei dieser Art des Reisens lernt man erst die Welt so richtig kennen. Ich weiß schon, viele wollen es einfach nicht hören, dieses an sich logische Argument, dass Fliegen eine Öko-Todsünde ist. Aber die Zahlen sprechen dafür und der hoffentlich funktionierende Hausverstand ebenso.
    Rechtfertigungsargumenten, wie “die Leute in der Zielregion profitieren ja von meiner Reise” sind ebenso schwachsinnig wie zu behaupten, dass man als Radfahren ohnehin das Klima genug schont. Fakt ist, mit einem Überseeflug zerstöre ich diese schöne Klimabilanz die ich als Radfahrer habe und bin der des Autofahrers gleichauf. Also liegt das Problem meiner Meinung nach wie bei vielen anderen Dingen daran, dass Menschen zu bequem sind. Die Bequemheit des Menschen behindert das Bestreben derer, die wirklich eine bessere Welt wollen.

    Mag sein, dass es Situationen im Leben gibt, wo ein Flug unausweichlich ist, aber dann muss es sich schon auszahlen, d.h. dann bleibe ich auch entsprechend lange im Zielgebiet.
    Unfassbar sind Menschen, die sich als “Öko” outen und dann für 3 Wochen nach Bali fiegen etc. Das ist doch meilenweit entfernt von irgendeiner noch so kleinen Form von Nachhaltigkeit.

    Reply
  • Danke für den Link. Da kann ich sicher das eine oder andere als Inspiration nehmen.

    Wenn man die Anreise schon als Reisen und Abenteuer sieht, fällt es vielleicht leichter stundenlang im Bus zu sitzen oder die Nacht im Zug zu verbringen.

    Ansonsten kann ich nur jedem empfehlen mal eine Fernwanderung oder eine Radreise mit wenig Gepäck zu machen. Da ist der Weg immer das Ziel, ist man der Natur so nah wie nie auf Städtereisen, trifft man auch interessante Menschen, tut etwas für seine Gesundheit und für die Umwelt (“zero CO2 emissions”) 🙂

    Viele Grüße aus Franken,

    Christof

    Reply
  • littlemissitchyfeet

    Hi Christof, sehe es genauso – einige Gedanken zu meiner Art des Reisens (und viell. Inspiration fuer deinen Post) gibts hier http://www.littlemissitchyfeet.com/von-oko-nomaden-gut-reisenden-und-solchen-die%C2%B4s-werden-wollen/. Manchmal ist aber das langsame Reisen echt schlimm…wenn ich da an meine Busreise nach Lyon mit stundenlangem Warten in der Kaelte denke. Oder an Nachtzuege nach Berlin… Aber ich tus auch immer wieder 🙂 lg Doris

    Reply
  • Ein Fernflug nach New York verursacht in etwa so viele CO2-Emissionen wie ein Jahr lang Auto fahren. Eine CO2-Kompensation verbessert die Bilanz ein wenig, aber am besten ist natürlich möglichst wenig oder gar nicht zu fliegen. Manchmal kann oder will man nicht auf den Flug verzichten, oft gibt es aber Alternativen. Kleines Beispiel: Als ich letztes Jahr zu Fuß über die Alpen nach Venedig lief, bin ich mit dem Zug zurück nach Deutschland gefahren. War eine problemlose, gemütliche Rückreise. Fast alle, die ich unterwegs in den Bergen traf, haben ein Flugzeug genommen und schaut mich ganz verwundert an, als ich erzählte, dass ich die Bahn nehme. Auch muss es nicht immer der Dschungel auf Borneo sein. Abenteuer warten auch vor der Haustür! Werde auf meinem Blog auch mal etwas zum Thema emissionsarme Reisen schreiben.

    Viele Grüße aus Franken,

    Christof

    Reply
  • “Die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit ist wohl die, dass die Moral von der Religion mit Beschlag belegt wurde.”

    Arthur C. Clarke

    Ist die Natur in irgendeiner Weise sparsam und bescheiden? Nein, sie ist in ihrer überquellenden Fülle und Vielfalt geradezu verschwenderisch. Womit kann sie sich das leisten? Sie betreibt in allen Bereichen ein perfektes Recycling. Warum kann der Mensch das nicht, obwohl die Basistechnologien längst entwickelt sind? Er ist noch immer religiös!

    Wer die monokausale Ursache aller Zivilisationsprobleme nicht kennt, die seit jeher von der Religion (künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten) aus dem Begriffsvermögen der halbwegs zivilisierten Menschheit ausgeblendet wird, kommt auf die verrücktesten Ideen. Ein gewisser Herr Paech und alle anderen “Kritiker”, die den elementaren Erkenntnisprozess der Auferstehung noch nicht durchlaufen haben, sind dringend therapiebedürftig:

    http://www.deweles.de/files/behandlung_eines_privatpatienten.pdf

    Reply
  • also ich hab irgendwie immer ein bissi ein schlechtes gewissen, wenn ich fliege, rechtfertige mir das aber dann irgendwie wieder mit folgenden argumenten: ich habe kein auto, fahre das ganze jahr über mit dem rad oder den öffis, da mach ichs also irgendwie wieder ein bissi gut. UND: reisen macht mich und viele andere zu einem besseren menschen. behaupte ich jetzt einfach mal. zum einen macht es mich glücklich und zum anderen wird man doch viel offener anderen menschen und kulturen gegenüber. man sieht die welt mit anderen augen, lernt die natur zu schätzen. im ausland, aber auch zu hause.

    Reply
    • littlemissitchyfeet

      Ja,es ist en verd…schwierges thema. Aber ich glaube, sich mal bewusst zu werden, ist schon ein schritt. Danke, dass du teilst, dass es dir da wie mir geht!

      Reply

Kommentar verfassen

Suche

The bird’s new nest auf…

Give-Away.

Newsletter.

Hier kannst du dich für den wöchentlichen Newsletter von The bird's new nest anmelden:

Schon gelesen?

Ads.

Blogheim.at Logo