Wie bereit bist du zu vergessen?

Monday 20th, January 2014 / 22:21 von
Wie bereit bist du zu vergessen?Bild: Christliche Initiative Romero (CIR)

Alles ab einem Euro, das T-Shirt nur fünf Euro, die Markenjacke 149 Euro. Überall prasseln verschiedenste Preise auf uns ein und versuchen, uns in ihren Bann zu ziehen. Nur wenige Menschen machen sich Gedanken darüber, wie diese Preise zu Stande kommen oder welche Faktoren für die Preisgestaltung im Produktionsland eine Rolle spielen. “Klar, ist halt Massenware und deswegen günstiger.” Mit diesem Argument ist der günstige Preis somit für den Käufer ausreichend begründet. Das Gewissen ist beruhigt, die Frage nach den Produktionsbedingungen oder anderen Faktoren verstummt unbeantwortet.

Erst wenn in Asien wieder eine Fabrik einstürzt und zig ArbeiterInnen unter sich begräbt oder ein Brand einige Menschen das Leben kostet, fragt man sich möglicherweise ob den günstigen Preis vieler Produkte andere mit einem sehr hohem Preis bezahlen – zum Beispiel mit ihrem Leben. Vielleicht insbesondere dann, wenn in besagten Fabriken auch Kleidung für den deutschsprachigen oder europäischen Markt produziert wurde.

Die Macht der Konsumenten

“Aber was soll ich denn mit denen da* drüben zu tun haben?” Meiner Meinung nach eine ganze Menge! Unternehmen sind angewiesen auf die Verkäufe ihrer Produkte, da sie diese vorfinanzieren müssen, bis sie dann schlussendlich vor uns im Laden liegen. Verkaufen die Unternehmen nichts, haben sie nicht nur keinen Gewinn gemacht, sondern auch noch Verluste wegen der zuvor gezahlten Kosten eingefahren. Daraus ergibt sich für den Kunden, den Verbraucher – schlicht gesagt: Für dich – eine ganze Menge Macht. Mit deinem Einkauf steuerst du, in welche Unternehmen dein Geld wandert.

In der Wirtschaft gibt es einen Grundsatz: “Wer Erfolg hat, hat Recht.” Das heißt, wenn ein beliebiges europäisches Unternehmen seine Waren von einem Kooperationspartner in Asien bezieht, der zu einem Stundenlohn von 0,75 Euro produzieren lässt, können wir als Verbraucher Produkte zu einem sehr günstigen Preis kaufen. Günstige Preise führen üblicherweise zu hohen Verkaufszahlen. So zieht das Unternehmen einen maximalen Gewinn aus den Produkten, denn die Gewinnspanne ist aufgrund der niedrigen Produktionskosten hoch und wächst mit jedem verkauften Stück. Erfolg wird an hohen Gewinnen gemessen. Wenn also ein Unternehmen auf diesem Weg hohe Gewinn einfährt, gibt ihm der Erfolg Recht.

FabrikBangladesch_Taslima Akhter-klein
Bild: Clean Clothes Campaign (CCC), Taslima Akhter

In der letzten Zeit ist allerdings die Philosophie von Unternehmen hinsichtlich ihrer Produktionsbedingungen ein wenig mehr in den Blick der Kunden gerückt. Denn: “Menschen ausbeuten ist ja schon echt fies.” So etwas möchte man ja nicht unterstützen, immerhin will man auch das eigene Gewissen ruhig halten. Sonst wäre man ja gezwungen etwas zu verändern. Und dass die Kunden sich beginnen dafür zu interessieren, das interessiert wiederum die Unternehmen. Denn wer möchte schon mit einem Image als Ausbeuter dastehen oder von einem Shitstorm aufgrund von unzumutbaren Arbeitsbedingungen betroffen sein.

Die verstummten Fragen sprechen lassen

Ich glaube, die Entfernung zu den ArbeiterInnen macht es uns leicht, wenig nachdenken zu müssen. Doch eine ganz einfache Frage kann das Problem viel näher an uns heran holen. “Was wäre, wenn ich eine der ArbeiterInnen persönlich kennen würde?” Würde ich dann auch von ihr verlangen, dass sie für unter einen Euro die Stunde schuften muss und das bei einem Arbeitstag von weit über 14 Stunden? Was für Gefühle löst es bei mir aus, wenn ich daran denke, dass die kleine Tochter die gleiche Arbeit machen muss wie ihre Mutter? Wie geht es mir bei dem Gedanken, dass beide zusammen trotzdem ihre Familie damit nicht ernähren können?

Textilfabrik Nicaragua_2_2012_CIR-2
Bild: Christliche Initiative Romero (CIR)

Alles Fragen, die wir gerne verdrängen.
Alles Fragen, die auch mit der Firmenphilosophie zusammenhängen.
Alles Fragen, die ein Kunde mit seiner Kaufentscheidung beeinflussen kann.

Kommen wir zurück zum Titel: Wie bereit bist du, all diese Fakten zu vergessen, wenn du das nächste Mal shoppen gehst? Wenn die Jacke, die du schon immer haben wolltest, von einem Unternehmen stammt, das durch schlechte Arbeitsbedingungen in die Medien geraten ist oder du mit einem 5er Paket T-Shirts für 2,99 liebäugelst?

Du hast eine Meinung zu diesem Thema? Dann teile sie doch mit uns in den Kommentaren zu diesem Artikel.

*Diese Formulierung soll in keinster Weise abwertend gemeint sein, sondern nur als Verdeutlichung der emotionalen Distanz zwischen den Kunden und ArbeiterInnen.

Über den Autor

Jan interessiert sich für asiatische Denkweisen und konkrete Lösungsansätze. Verbringt als Einzelhändler, alleinerziehender Papa und Blogger seine Zeit. Er bloggt des Weiteren in seinem privaten Blog verWandelbar.

Alle Artikel von Jan

2 Comments on “Wie bereit bist du zu vergessen?

  • Du greifst ein Thema auf über das die Leute nicht nachdenken wollen. Vor allem die Konzerne nicht. Minimaler Aufwand, maximaler Gewinn. Aus der nüchternen Sicht der BWLerin perfekt gelöst. Menschen in Indien, Asien sind nur Mittel zum Zweck. Provokativ gefragt: Wo stünde die Welt, ohne Niedriglohnländer?

    Der Witz: Die Konzerne rationalisieren die Arbeiter in Deutschland weg. Und damit die Kaufkraft einer Nation. Wer also soll zukünftige (Marken)Ware aus Asien kaufen? Und womit?

    Leider kaufen wir alle bewusst oder unbewusst diese Waren. Unsere Betroffenheit findet wenn überhaupt nur halbherzig statt. Dann greifen wir zum Designer Shirt und schlüpfen in die Edelhose. Genäht von Frauen aus China, Indien, Indonesien. Leider können wir schlecht auf Kleider verzichten. Und woher die stammen wissen wir meist nicht.

    Aber normal kaufe ich keine T-Shirts für 2,99. Ich nehme die doppelt so teuren aus dem (neuen) Niedriglohnland BRD. Ach nee halt warte … da kommt doch jetzt ein Mindestlohn. Mindestens.

    Reply
    • Gerade weil die Leute darüber nicht nachdenken, wurde es von mir aufgegriffen.

      Menschen werden in Firmen, meiner Meinung nach, zunehmend als Produktionsmittel wahrgenommen die in die gleiche Ecke wie Maschinen gerückt werden. Hinzu kommt das es eine enorm ungleiche Verteilung von Reichtum gibt. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass es immer irgendwo irgendjemanden geben wird der die gleiche Arbeit noch billiger machen wird. Demnach wird es auch immer Billiglohnländer geben. Die entscheidende Frage ist dann allerdings: Wie hoch ist der Lebensstandard in dem jeweiligen Land?

      “Der Witz: Die Konzerne rationalisieren die Arbeiter in Deutschland weg. Und damit die Kaufkraft einer Nation. Wer also soll zukünftige (Marken)Ware aus Asien kaufen? Und womit?”
      Ein sehr guter Punkt! Deutschland ist seit Jahren Exportweltmeister und ich habe vor einiger Zeit einen sehr interessanten Artikel gelesen, dass dies ein großer Risikofaktor ist. Denn wenn der Welthandel sich so verändert, das Exporte problematisch werden, wer soll die Unternehmen denn dann im Inland retten? Die Kaufkraft ist doch nicht vorhanden um den weltweiten Export abzufangen.

      Hier sind Artikel der in die erwähnte Richtung geht: http://www.t-online.de/wirtschaft/id_44877118/deutscher-exportboom-mit-wachsenden-risiken.html
      und http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2013/08/08/deutschland-muss-raus-aus-der-export-falle/

      Der Vorteil an einigen neuen Unternehmen im Kleidungssektor ist das sie sich ganz gezielt versuchen mit dem Thema Soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sich von anderen Mitbewerbern abzugrenzen. Das ist schon mal ein erster Ansatzpunkt wie man ein wenig darauf achten kann, wie und woher die eigene Kleidung kommt. Aber auch das setzt wieder ein bewusstes Wollen voraus. Ein bewusstes Achten auf das, was das Gewissen eigentlich versucht zu verdrängen.

      Reply

Kommentar verfassen

Suche

The bird’s new nest auf…

Give-Away.

Newsletter.

Hier kannst du dich für den wöchentlichen Newsletter von The bird's new nest anmelden:

Schon gelesen?

Ads.

Blogheim.at Logo