Maskerade des Glücklichseins – Wie der Alltag uns zu geschminkten Clowns macht

Saturday 16th, January 2016 / 20:09 von
Maskerade des Glücklichseins –  Wie der Alltag uns zu geschminkten Clowns machtAlle Bilder: Cat

„Naaa, wie waren deine Ferien?”, fragt meine Kollegin Susanne lächelnd. Ich senke meine Kaffeetasse. „Ach du“, sage ich und schaue dabei zum Fenster hinaus, wo dicke Regentropfen – vielleicht sind es auch Schneeflocken – gegen das Fenster klatschen, „abgesehen davon, dass mein Freund Schluss gemacht hat, ich einmal in der Notambulanz saß, ein anderes Mal der Notarzt mit Blaulicht kam und meiner Tante das Haus abgebrannt ist, ganz gut. Und deine?” Sie starrt mich an und beginnt an ihrem Kugelschreiber herumzulutschen, als könne sie aus ihm eine angemessene Reaktion saugen. Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass ihre Frage rhetorisch gemeint war, aber mir ist heute einfach mal nach Wahrheit. Zu anstrengend erscheint mir das Aufsetzen meiner Maske. Aber warum sind wir eigentlich so, wenn wir auf der Arbeit sind? Warum gibt es von uns eine private Version und eine, die dauerglücklich im Büro sitzen muss?

Da steht der Manager bei der Präsentation vor seinen Kollegen, ein Schatten seiner selbst, zeigt höchste Professionalität und in Wahrheit weint er innerlich um seine verstorbene Mutter. Die Kassiererin sitzt an der Kasse und jedes Mal, wenn jemand die Ritter Sport Alpenmilch kauft, schießt ein schmerzvolles Projektil voller Adrenalin mitten durch ihr Herz, weil sie an die strahlenden Augen ihres Ex-Mannes denkt, wenn sie ihm die Schokolade mitgebracht hat. „War beim Einkauf alles in Ordnung?“, fragt sie lächelnd, aber mit leeren Augen. Wir sitzen mit Liebeskummer am Arbeitsplatz und wenn uns der Kollege fragt, wie es uns geht, antworten wir: „Gut, danke.“ Heute habe ich mit meiner Antwort die natürliche Ordnung aus dem Gleichgewicht gebracht und genau das will mir Susanne auch zu verstehen geben, indem sie meint: „Oh verdammt, das tut mir leid. Na ja, wir reden später darüber, ich muss noch ein paar Sachen kopieren.“

Als ich nach der Trennung von meinem Freund die sechste Taschentuch-Box geleert hatte und die Ferien langsam dem Ende nahten, googelte ich, ob man sich wegen Liebeskummer krankschreiben lassen kann. Immerhin kann daraus das lebensbedrohliche Broken-Heart-Syndrom entstehen. Wegen Liebeskummer haben sich schon viele Menschen das Leben genommen. Warum also nicht zuhause bleiben und dem Kummer seinen Lauf lassen? Ich las Antworten wie „die eigene Gefühlslage hat im Job nichts verloren“ oder „Arbeit und Privatleben muss man trennen können“. Selbst die Süddeutsche Zeitung schreibt: „So weh eine Trennung auch tut – im Berufsalltag sollten private Probleme keine Rolle spielen.“* Nun saß ich vor meinem Laptop und eine einzige Frage schwirrte durch meinen Kopf: Warum eigentlich? Warum betreten wir jeden Morgen aufs Neue diese Bühne mit einem Lächeln, als hätten wir es uns mit Theaterschminke ins Gesicht gemalt und mit Haarspray fixiert? Warum ist es nicht in Ordnung, vor den Kollegen zu weinen? Und warum darf ich mich, wenn ich einen Beruf mit viel Kundenkontakt habe, nicht krankschreiben lassen, wenn ich Kummer habe?

Brokenheart

Keine zehn Minuten, nachdem meine Kollegin Susanne mich stehengelassen hat, betrete ich meine Bühne: Das Klassenzimmer 202. Mein Publikum: Die 5b. Während ich den Schlüssel in das Schloss stecke und die Meute hinter mir durch den Flur tobt, schminke ich mir innerlich mein Lächeln auf. „Guten Morgen, liebe 5b!“, sage ich, als wäre ich die gut gelaunte Mami mit der gut gelaunten Familie aus der gut gelaunten Lätta-Werbung. Den Schüler Michael, der in der letzten Reihe sitzt, kann ich an diesem Tag nicht aufrufen. Er heißt genauso wie mein Ex-Freund und ich will nicht riskieren, dass die Tränen mein Lächeln abwaschen. Die Kleinen kann ich täuschen, sie sind ohnehin zu beschäftigt mit dem Katzenskelett, das ich vorne auf den Tisch gestellt habe, sodass sie nichts von meinem gebrochenen Herzen sehen.

In der zweiten Stunde stehe ich vor der 10c. „Wie waren Ihre Ferien?“, fragt eine Schülerin. „Nicht so gut“, antworte ich jetzt ehrlich, weil ich schlecht lügen kann. „Warum nicht?“, fragt sie mit großen Augen und ich erkläre kurz die Lage, ähnlich wie ich es bei Susanne getan habe. Die Klasse hört zu, bekundet danach ihr Mitgefühl und ist an diesem Tag ganz besonders ruhig und zeigt sich ausgesprochen freundlich. So brav waren sie das letzte Mal gewesen, als ich eine Lehrprobe hatte. „Es tut mir leid, dass ich eure Klassenarbeiten noch nicht korrigiert habe“, entschuldige ich mich am Ende der Stunde. „Das ist nicht schlimm, wir brauchen die nicht so dringend zurück“, antwortet Florian, der sonst ganz still ist und sich nie meldet. „Vielleicht sollten Sie am Wochenende auch lieber mal wegfahren als unsere Arbeiten zu korrigieren“, ergänzt Paul, ein Schüler, mit dem ich seit Wochen Auseinandersetzungen habe. „Und übrigens“, wirft jetzt noch Luis ein, „der Typ muss ein ganz schöner Idiot sein, wenn er Sie verlässt.“ Durch die Klasse geht eine Welle von „Ja, genau!“ und „Aber wirklich!“. Beim Verlassen des Klassenzimmers muss ich lächeln. Es ist ein echtes Lächeln, das meine Schüler mir aufs Gesicht zaubern. Und auch, wenn sie in dieser Stunde vielleicht nicht ganz so viel über die Struktur der DNA gelernt haben, so haben sie gelernt, dass es in Ordnung ist, traurig zu sein und Schwäche zu zeigen. Das ist vermutlich mehr als man ihnen in ihrer ganzen Schullaufbahn je beigebracht hat. Was aber habe ich in dieser Stunde gelernt? Nicht das, was mir mein erster Chef während meiner Ausbildungszeit beigebracht hat, nämlich Professionalität. Ich habe etwas ganz anderes und viel Wertvolleres gelernt: Nur wenn man selbst Menschlichkeit zeigt, kann man Menschlichkeit erfahren.

Foto 1

Einer Kassiererin, die mir ihre Traurigkeit zeigt, würde ich sicher ein paar tröstende Worte spenden. Vielleicht würde aber auch ihr Chef sagen: „Bleiben Sie besser zuhause und erholen sich ein paar Tage.“ – wenn sie ihn nur fragte. Natürlich kann man einwenden, dass Arbeit auch ablenkt, aber manchmal muss man dem Herz Zeit geben, zu heilen und diese Zeit muss man sich zugestehen. Glück ist kein Zufall, es ist eine Wahl, die jeder Einzelne von uns hat. Aber ich strebe nach Authentizität, das gilt auch für das Glücklichsein.

Während meiner Meditation am Nachmittag überkommt mich bei den Gedanken an meine zehnte Klasse ein ganz leichtes, aber sehr warmes Gefühl von echtem Glück. Ein Glücklichsein, das erst durch eine Fremd- und daraus folgend durch eine Selbstbejahung ausgelöst wurde. Meine Schüler haben mich dazu gebracht, zu mir selbst und meinen Gefühlen zu stehen, kurz: Es macht mich glücklich, unglücklich sein zu dürfen. Ich werde bald wieder fröhlich vor meiner 10c stehen, aber dann werden die Schüler wissen, dass mein Lächeln echt ist, weil ich bei der Maskerade des Glücklichseins nicht mehr mitspiele.

Am Abend erreicht mich eine WhatsApp-Nachricht von Susanne. „Wie geht’s dir?“, fragt sie mit einem lächelnden Emoticon dahinter – dieses Mal weiß ich, dass die Frage nicht rhetorisch gemeint und das Emoticon ein echtes Lächeln ist.

 

* sueddeutsche.de/karriere/beruf-und-private-probleme-wie-man-sich-bei-liebeskummer-im-job-verhaelt, 13.1.2016

Über den Autor

Cat kennt man im Süden Deutschlands als “Die mit dem Käfer”, denn sie fährt einen VW Käfer namens Balduin. Wenn sie nicht gerade on the road ist oder mit öligen Fingern unter Balduin liegt, genießt sie die Natur mit ihrem Hund, schreibt einen neuen Roman oder steht vor einer Klasse und lehrt diese Biologie und Deutsch, denn sie ist Lehrerin an einem Gymnasium. Außerdem arbeitet sie nebenher als Texterin und Lektorin. Cat ist Flexi-Veganerin, isst zu Hause vegan und unterwegs notfalls vegetarisch.

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20 Comments on “Maskerade des Glücklichseins – Wie der Alltag uns zu geschminkten Clowns macht

  • mylifemyturnde

    Ein wirklich schöner Artikel, der zum Nachdenken anregt.
    Das wahnsinnig schöne an Kindern, sie haben einfach noch dieses Menschliche in sich. Manch einem Erwachsenen ist das leider über die Jahre abhanden gekommen, was ich persönlich sehr schade finde.
    Über die Jahre habe ich gelernt, eben genau diese Fassade abzulegen. Wenn es mir schlecht geht, geht es mir eben schlecht und das darf dann auch ruhig jeder wissen. 😀

    Liebe Grüße
    Lola

    Reply
  • Feiner Text. Total süße Reaktionen von deinen SchülerInnen. Ich denke, wenn man echte Gefühle zeigt bekommt man auch echte zurück.

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  • Die Reaktion der Klasse ist ja wirklich süß! Das macht einem als werdende Lehrerin Hoffnung, dass es auch so werden kann 🙂 Danke für den Beitrag!

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  • Sehr schöner Artikel. Und so wahr! 🙂
    Ich gehör zu den Menschen, die vom Wesen her nur selten überhaupt in der Lage sind, ihre Gefühle zu verstecken. Inzwischen hab ich mich damit “abgefunden” und find da auch nichts Schlimmes mehr dran, denn so bin ich immerhin – aber leider gibt es einfach viele Menschen, die so gar nicht damit umgehen können, wenn jemand plötzlich zu weinen anfängt oder was auch immer. 😉 Aber das sollte deren Problem sein und nicht meins. Und ich denke, es könnte der Gesellschaft nur guttun, wenn man anderen endlich zugestehen würde, die eigenen Gefühle offen zu zeigen, statt jemanden, der eben das tut, womöglich gar von oben herab zu behandeln oder zu tun, als wären Gefühle ein absolutes Tabu. 🙁

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  • Jeder von uns setzt seine Masken auf, was in einem gewissen Umfang völlig ok ist, damit wir den Alltag bewältigt bekommen. Allerdings ist doch nichts Schlimmes daran ein Emotionen zu zeigen, wenn es gerade nicht so läuft, wie wir uns das Leben vorgestellt haben. Im Gegenteil – unsere Kinder sollten in uns Vorbilder sehen, die ihre Gefühle ernst nehmen und nicht verstecken. Das ist der beste Weg gemeinsam damit umzugehen. Finde es toll, dass du nicht hinter dem Berg gehalten hast! Deine Schüler werden dies als lehrreiche Lektion für das eigene Leben sicherlich mitnehmen. Trau dich in Zukunft ein bisschen mehr “Du” zu sein.

    Gruß
    Annie

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  • annabuecherstapel

    Sehr wahre Worte – ich merke selber auch, wie man immer wieder die Maske aufsetzt und so funktioniert, wie es alle erwarten, obwohl man etwas anderes will. Ich versuche selber auch noch herauszufinden, wie ich mehr ich werde.
    Aber ja, Schwäche zeigen ist nicht erlaubt… heute muss man gesund, stark, schön und einfach perfekt sein – es muss alles schnell, einfach und noch schneller funktionieren… 🙁 eine traurige Entwicklung.

    Danke für den Artikel und das Mut machen – die Klasse war super! Kinder wissen eben doch oft besser, wie man Mensch ist. 🙂

    Liebe Grüße,
    Anna von Annasbuecherstapel.de

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  • Sehr schöner Artikel, dankeschön <3 Er regt einen dazu an, einmal innezuhalten und zu reflektieren. ich habe gerade etwas ähnliches verfasst zum Thema Abgrenzung und NEIN sagen, was man viel zu selten macht.

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    • Der Artikel spricht mir so sehr aus der Seele, danke!!!

      Auch ich habe so eine “10c” (in meinem Fall heißt sie “5B”), die mich mit ihrem Mitgefühl kürzlich sehr berührt hat. Zu sehen, wie empatisch junge Erwachsene sein können, wenn man ihnen das Gefühl vermittelt, dass sie ernst genommen werden, auch, indem man sie ein wenig am eigenen Leben teilhaben lässt, ist wirklich schön und sehr ermutigend!

      Um in diesem Zusammenhang Adorno zu zitieren: “Nicht zuletzt darin liegt die Gefahr, daß es sich wiederhole, daß man es nicht an sich herankommen läßt und den, der auch nur davon spricht, von sich wegschiebt, als wäre er, wofern er es ungemildert tut, der Schuldige, nicht die Täter.”
      Die Unterstützung der Empatiefähigkeit ist also eine jener wesentlichsten Qualitäten, die uns erst gestattet, als Menschen in einer “gesunden” Gesellschaft miteinander zu leben.
      Diese Erkenntnis ist meiner Ansicht nach insbesondere für jene von uns, die in einem pädagogischen Berufsfeld arbeiten, eine ganz zentrale und sollte uns stets in unserem Tun und Handeln leiten.

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  • Sabine Hotho

    Rührender Artikel, frage mich selbst, warum wir nie unser “Ich” zeigen dürfen, und wurde oft ausgestoßen, weil ich es immer tat!
    Hatte dadurch auch viele Feinde, aber wollte mir selbst ins Gesicht schauen können, egal, was Andere denken!
    Nur wer mich ohne Maskerade liebt, liebt mich wirklich, und ich muß Keinem gefallen, außer mir selbst!!! 01623022152 ?

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  • Toller Post! Ich kann mich erinnern als ich von meinen Eltern ausgezogen bin. Ich hatte immer ein extrem gutes Verhältnis zu denen, besonders zu meiner Mutter und meinen Bruder. Und dann der Auszug. Und ich musste bei der Arbeit weinen. Mein ganzer Tagesablauf war von einem Tag auf den anderen anders. Und ich wusste, wenn ich es anderen erzählen würde, würden sie denken, ich sei nicht selbstständig, Muttertöchterchen usw. Und würden mich als schwach sehen. Und selbst wenn das so wäre: Ich hatte nunmal diese Gefühle. Und bei der Arbeit meine Tränen zu verbergen war das schlimmste. Ich hatte richtig einen dicken festen Knoten im Hals deswegen *rethorisch gemeint^^*. Danke, dass du mit uns diese Gedanken geteilt hast! Der hat wirklich mein Herz berührt!

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    • Cat Post author

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, so ähnlich ging es mir auch, als ich von zuhause ausgezogen bin. Und stimmt, da traut man sich auch nicht, das zu sagen… Schade eigentlich, dass man davor Angst haben muss, zu seinen Gefühlen zu stehen. 🙁

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    • Cat Post author

      Very thanks, Doc. Chef Nummer 2, bei dem ich auch einfach so sein kann, wie ich bin. <3 🙂

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  • Gute geschrieben ! Das “Menschliche” am Arbeitsplatz hat leider nicht immer und nicht überall den raum, den es eigentlich verdient. Leider muss es immer öfters und immer mehr dem Streben nach Gewinn und/oder Erfolg Platz machen ….

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  • Sehr gut geschriebener Artikel! Und meiner Meinung nach sollte man die Schminke morgen nicht zu dick auftragen. Auch im Berufsleben sollte Menschlichkeit Ihren Platz haben.

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  • Tolles Thema und guter Artikel, finde ich. Ich hab auch schon oft die Erfahrung gemacht, dass sich Kinder mit wahren Gefühlen oft noch leichter tun als Erwachsene. Und sie es auch schätzen, wenn man ihnen nichts vormacht.

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