Jedes Jahr reisen rund zehn Millionen Menschen weltweit in ein anderes Land um dort ehrenamtlich zu arbeiten. Ein großer Teil dieser Gruppe arbeitet mit Kindern in Familien-Ersatz-Situationen, wie zum Beispiel Waisenhäuser oder Kinderheime. Die gut gemeinte Hilfe kann den Kindern jedoch in vielerlei Hinsicht schaden. Deshalb empfehle ich jedem, sein Geld, seine Zeit und Mühe an anderer Stelle einzusetzen. Ansonsten verschlimmert ihr die Situation der Kinder vor Ort.

Eine Reise als ehrenamtlicher Helfer zu einem Projekt mit Kindern beinhaltet Risiken, die sich lange über den eigentlichen Aufenthalt hinweg auswirken. Die folgenden Meinungen sind meine eigenen, basieren aber auf solider wissenschaftlicher Forschung. Hier sind vier Gründe, weshalb ich jedem kategorisch abrate, ehrenamtlich in Waisenhäusern zu arbeiten.

1. Ehrenamtliche Arbeit normalisiert unerwünschten Kontakt mit Kindern

In den Niederlanden kann man nicht einfach so in eine Kindertagesstätte hineinwandern. Das wurde beschlossen, um Menschen mit schlechten Absichten daran zu hindern, die Kinder in ihrer schutzbedürftigen Position auszunützen. In anderen Ländern ist der Zugang zu Kindern leichter. Ehrenamtliche Arbeit in Waisenhäusern und Kinderheimen hilft Menschen, die diese Arbeit aus zweifelhaften Motiven machen möchten, den Zugang zu Kindern zu erleichtern und normalisieren. Betrachte deine eigene Reise und multipliziere sie mit hunderttausend. Jetzt stelle dir vor, wie leicht es ist, sich in einer Gruppe dieser Größe zu verstecken. Das ist genau der Grund, weshalb Kinderbetreuung in den Niederlanden von so viel Paranoia umgeben ist. Ehrenamtliche Arbeit in Waisenhäusern ermöglicht Missbrauch.

2. Ehrenamtliche Arbeit stört die Bindung

Kinder bauen relativ schnell Bindungen auf. Eine sichere Bindung zu einem anderen Menschen schafft die Voraussetzung für Glück und mentale Gesundheit. Kinder in Waisenhäusern kämpfen im Vorhinein meistens schon mit unsicheren Bindungen – das letzte, das diese Kinder brauchen, ist eine weitere unsichere Bindung. Ihr werdet euch vielleicht denken: „Was machen diese drei Wochen im Leben eines Kindes denn schon für einen Unterschied?“ Jedoch ist ehrenamtliche Arbeit eine gut geölte Maschinerie und ein neues Gesicht folgen auf ein weiteres – und das sehr rasch. Bei so vielen wechselnden Personen fragt man sich zu recht: Wer unterhält hier wen? Ehrenamtliche Arbeit ist dazu da, den Interessen der Kinder zu dienen. Im Falle der vielen kurzen Anwesenheiten schadet eure Arbeit den Kindern aber mehr, als sie nützt.

3. Unzureichendes Wissen und Qualifikation

Die meisten Ehrenamtlichen haben keine entsprechende Ausbildung für den Bereich, in dem sie aushelfen. Das ist weniger schlimm, wenn sie eine Wand bemalen, als wenn sie mit einem Kind in Berührung kommen. In den Niederlanden erlauben wir nur Menschen mit jahrelanger Erfahrung und spezieller Ausbildung, mit Kindern zu arbeiten. Kinder sind – verständlicherweise – sehr viel komplizierter als ein Malerpinsel und ein schlechte Betreuung hat einen viel schwereren und dauerhaften Effekt. Es ist verständlich, dass Menschen sich gerne ausprobieren wollen, um herauszufinden was ihnen liegt und was sie gerne tun. Aber eine Welt, in der Waisenhäuser als Experimentierfeld für Ehrenamtliche herhalten müssen, und so nicht die nötige Betreuung und das wichtige stabile Umfeld bieten, sind – schlichtweg gesagt – äußerst uncool.

4. Ehrenamtliche Arbeit unterstützt ein fehlendes Pflegesystem

Da Waisenhäuser für ehrenamtliche Helfer so beliebte Ziele sind und dadurch so viel Hilfe und finanzielle Unterstützung erhalten, entwickeln sich Alternativen nur sehr langsam. Warum haben wir in den Niederlanden keine Waisenhäuser? Vor langer Zeit fanden wir heraus, dass Pflegefamilien oder direkte Unterstützung von Familien für das Kind viel besser sind. In Ländern, die nicht so viel Geld in solche Systeme investieren können, wird ein System, das durch diese Art von Tourismus Geld einbringt, nicht so schnell geändert oder abgeschafft werden. Da wir aber wissen, dass dieses System nicht funktioniert, haben wir die Verantwortung, es nicht zu unterstützen. Mit ehrenamtlicher Arbeit in einem Waisenhaus oder Kinderheim unterstützt ihr dieses System sowohl direkt als auch indirekt. So verhindert ihr die Entwicklung eines besseren Systems.

Heutzutage haben schon viele ehrenamtliche Helfer die falsche Überzeugung aufgegeben, die Welt retten zu können. Das ist eine wunderbare Entwicklung. Darüber hinaus solltet ihr zusätzlich sicher stellen, dass durch eure Anwesenheit nicht noch mehr Schaden entsteht. Bei ehrenamtlicher Arbeit in Waisenhäusern oder Kinderheimen ist dies praktisch unmöglich, daher rate ich jedem absolut davon ab, dies zu unterstützen.

Die Organisation „Better Volunteering. Better Care.“ hat eine Petition gegen Waisenhaus- und Kinderheim-Tourismus gestartet. Vielen Dank für eure Unterschrift!

 

Dieser Artikel wurde auf Oneworld.nl erstveröffentlicht. Vielen Dank an Moni für die Übersetzung!

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