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Schlagwort: umweltschutz

Nachhaltigkeit: Trend oder Veränderung?

Nachhaltigkeit scheint eine immer größer werdende Aufmerksamkeit und damit verbundene Beachtung zu bekommen. Der Grund ist vermutlich die auch von Politikern angesprochene negative Veränderung unserer Umwelt. Eine bereits nicht unerhebliche…

Nachhaltigkeit scheint eine immer größer werdende Aufmerksamkeit und damit verbundene Beachtung zu bekommen. Der Grund ist vermutlich die auch von Politikern angesprochene negative Veränderung unserer Umwelt. Eine bereits nicht unerhebliche Anzahl von Menschen hat längst begonnen, bewusster zu leben: Bewusster umweltbewusst.

Ist das Interesse an Nachhaltigkeit nun einfach nur ein Trend oder eine langfristige Veränderung? Ein Trend ist eine neue Meinung beziehungsweise Ansicht, die in der Vergangenheit nicht präsent war oder nur durch Wenige vertreten wurde. Stößt ein Trend auf das Interesse von vielen Menschen, löst dies eine gesellschaftliche Bewegung aus. Eine Veränderung ist in der Regel mit einem Ziel verbunden, das erreicht werden soll. Demnach lässt sich Nachhaltigkeit der Veränderung zuordnen, da es das Ziel ist, der Umwelt nicht mehr zu entnehmen, als verfügbar ist. Zusätzlich beschäftigt sich Nachhaltigkeit durch die Nutzung natürlicher Ressourcen auch damit, die Umwelt nicht oder nicht mehr als überhaupt nötig zu belasten. Doch wie lässt sich dies tatsächlich umsetzen?

Vor allem sollte man berücksichtigen, dass kein Mensch perfekt ist, aber jeder die Möglichkeit hat, bei sich selbst zu beginnen. Ob man ab sofort recyclingfähige Verpackungen kauft oder zu einem Ökostrom-Anbieter wechselt spielt letzten Endes keine Rolle. Das Wichtigste ist, dass man sich mit Nachhaltigkeit auseinandersetzt und einen Schritt in die Richtung geht, die man für sich gewählt und als richtig befunden hat. Vorwürfe hingegen helfen nicht, sie verleiten nur zu Diskussionen und Streitereien, die nicht nur kraftraubend sind, sondern auch unnötig. Schließlich kann man niemanden dazu zwingen – in diesem Punkt lebt es sich mit dem Motto „Leben und leben lassen“ am Besten.

Um zurück zur eigentlichen Frage zu kommen, wie sich Nachhaltigkeit tatsächlich umsetzen lässt, hier einige Anregungen:

• Energiesparlampen benutzen

• Beim Kauf von Waschmitteln darauf achten, dass keine Weichmacher enthalten sind – die übrigens auch die Kleidung strapazieren

• Statt zur Post mit dem Auto zu fahren, laufen oder das Fahrrad benutzen

• Weniger Fleisch essen: „Eine Senkung der Fleischproduktion würde den Klimawandel bremsen und gleichzeitig Hunderttausende Todesfälle durch Herzerkrankungen verhindern.“ Sueddeutsche.de

• Vorausschauende Fahrweise im Auto: Spart Sprit und schont die Umwelt, zum Beispiel wenn von weitem eine rote Ampel in Sicht ist, Fuß vom Gas nehmen und den Schwung ausnutzen

• Elektronische Geräte komplett abschalten, Stecker ziehen oder Schalter an Mehrfachsteckern umlegen. Auch im Standby-Modus wird Strom verbraucht.

• Regionale Lebensmittel einkaufen, Transporte stoßen viel CO2 aus.

• Stofftaschen statt Plastiktüten kaufen, diese sind stabiler und wesentlich umweltfreundlicher.

• Wäsche mit niedriger Temperatur waschen, für die meisten Waschmittel reichen 30 bzw. 40 Grad aus um die Wäsche zu reinigen. AEG führt übrigens seit neuestem Öko-Waschmaschinen.

• Fenster abdichten lassen, sodass weniger geheizt werden muss.

• Unter Tags lieber ein- bis zweimal mit offenen Fenstern für zwei Minuten lüften, anstatt Fenster ständig gekippt zu lassen.

• Innerorts im vierten oder fünften Gang fahren. Fahren mit hoher Drehzahl erhöht den Treibstoffverbrauch.

Mein letzter Punkt ist gegenseitiger Respekt. Gegenseitiger Respekt ist insofern nachhaltig, da so zwischenmenschlicher Stress reduziert werden kann, was einerseits das Leben angenehmer macht und uns andererseits so mehr Energie über bleibt, um Rücksicht auf unsere Umwelt zu nehmen. Und dies auch gegenüber Menschen, die sich nicht so sehr mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen, schließlich ist das Leben kein Wettbewerb und niemand sollte zu etwas gezwungen werden, das er nicht möchte. Jeder Mensch findet seinen eigenen Weg, ob mit oder ohne Fleisch oder Ökostrom. Jeder kann, aber niemand muss!

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Im Namen der Schildkröte

„Es gibt so Wahnsinnige, die nur wegen der Schildkröten herauskommen. Und wenn die eine entdecken, dann holen sie sie aus dem Meer, halten sie an einem Bein hoch, posen damit…

„Es gibt so Wahnsinnige, die nur wegen der Schildkröten herauskommen. Und wenn die eine entdecken, dann holen sie sie aus dem Meer, halten sie an einem Bein hoch, posen damit herum, machen Fotos und zeigen die dann stolz auf Facebook ihren Freunden!“ Davids Stimme überschlägt sich, sein Spanisch wird schneller, so schnell, dass ich nur noch hoffen kann, es richtig verstanden zu haben. Aber eigentlich will ich das gar nicht verstehen – schon gar nicht, nachdem ich selbst vollkommen aus dem Häuschen war, als mein Tauchlehrer David Novillo unter Wasser plötzlich seine Hand ausgestreckt und mit dem Finger nach oben gedeutet hat: Eine Schildkröte! Über mir!

Und ich war nicht die Einzige. Kollegin Anja ist beim Ruf „Schildkröte“ vom Boot ins Meer gesprungen, um mit einem der „Green Girls“, wie David und sein Team die sanften Riesen liebevoll nennen, ein Weilchen mit zu schwimmen.

Zwölf dieser Green Girls haben David und seine Kollegen seit 2004 betreut: „Wir wachen über den Tieren, kontrollieren ihr Wachstum,“, erklärt er mir, „und wir retten sie, falls sie einen Unfall oder andere Schwierigkeiten hatten.“ Von letzterem sind wir heute Zeugen geworden: Ein „grünes Mädel“ hatte sich beim Plastikmüll, der – wie so oft – im Meer gelandet ist, geschnitten und musste – auch wie so oft – zur medizinischen Versorgung gebracht werden.

David ist engagierter Umweltschützer. Foto: Doris

David ist engagierter Umweltschützer.

Derzeit gibt es sechs Stück dieser Chelona Mida in Puertito de Adeje im Süden Teneriffas, dort in der touristischen Region der kanarischen Insel, wo auch noch immer umstrittene Walbeobachtungsfahrten angeboten werden. Und wo in der Hochsaison täglich mehr als 150 Menschen mit Booten zur Bucht fahren, um dort zu schnorcheln, zu tauchen, die Unterwasserwelt zu berühren, lautstark zu feiern – und leider gar nicht sorgsam mit der Natur umzugehen. Ebenso verhalten sich leider auch die acht privaten Schnorchelboote, die Touristen alle vier Stunden in die Meeresregion karren.

Über 150 Menschen fahren regelmäßig in das Gebiet, um zu tauchen und zu schnorcheln. Ruhe, denkste! Foto: Doris

Über 150 Menschen täglich fahren regelmäßig in das Gebiet, um zu tauchen und zu schnorcheln. Ruhe? Denkste!

Auch wenn es sich nach wenig anhören mag, sechs Schildkröten sind in dieser Region schon ein positives Zeichen und ein Verdienst, der David und seinen mittlerweile zehn Kollegen der privaten Non-Profit-Organisation Oceáno Sostenible zuzusprechen ist. 2004 hat der PADI Tauchinstrukteur gemeinsam mit anderen in einem Gebiet von 50 Quadratmeter begonnen, eine Meeresschutzzone einzurichten, um die Flora und Fauna der Region von einer zerstörerischen, nicht einheimischen Seeigelplage zu befreien und wieder zu regenerieren. Außerdem arbeitet die Organisation in einem SeaLab, wo sie wissenschaftliche Daten sammelt und auswertet. Mittlerweile hat sich das Gebiet vervielfacht und ist auf über 100.000 Quadratmeter angewachsen. Die Seeigel sind unter Kontrolle, und die sechs Schildkröten sind nicht die einzigen Zeichen, dass sich die Unterwasserwelt wieder etwas erholt: Seepferdchen oder Barrakudas sind bei den Tauch- und Schnorchelgängen zu entdecken.

Da habe ich noch recht waghalsig aus der Wäsche geschaut. Noch. Foto: Doris

Da habe ich noch recht waghalsig aus der Wäsche geschaut, bevor ich dann abgetaucht bin. Noch.

Damit gibt sich Oceáno Sostenible aber natürlich nicht zufrieden – die Arbeit geht weiter: „Unsere wichtigste Arbeit ist es, das Verantwortungsbewusstsein und den Respekt der Tauchzentren und privaten Taucher gegenüber den Schildkröten zu erhöhen,“, erklärt mir David später, „vor allem, weil wir täglich mehrere Male dort hin fahren.“ Seine Non-Profit-Organisation selbst hat mit dem FlyOver Tauchunternehmen, das von der Inselregierung und dem Fremdenverkehrsamt Turismo de Tenerife unterstützt wird, ein spezielles Angebot für Touristen geschaffen: Damit auch Anfänger die Unterwasserwelt in Puertito de Adeje kennen lernen können, begleiten erfahrene Taucher wie David Leute ohne Erfahrung – wie mich – nach unten. Die eine Hand auf der Nase (zum Druckausgleich), die andere gehalten von David oder einem seiner Kollegen gibt es das Taucherlebnis sozusagen im Schnelldurchgang – und man erfährt noch dazu etwas über die Unterwasserwelt der Region. Und das Beste: Zehn Prozent der Gewinne von FlyOver gehen wieder an Projekte von Oceáno Sostenible.

Bording... Foto: Doris

Bording…

Und Projekte gibt es genug:  Es geht nämlich bei Oceáno Sostenible nicht nur darum, Touristen einen nachhaltigen Umgang mit der (Unter-)Wasserwelt zu zeigen, sondern auch Einheimischen – vor allem den Kindern. Um das auch den Kleinen bewusst zu machen, werden ab September wieder Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen in das ebenfalls entstandene Maritime Lernzentrum geladen. Und sie werden kommen – wie schon die über 900 Kinder und Jugendlichen in der Vorsaison, mit denen David gearbeitet hat. Der gibt mir zum Schluss übrigens noch ein Zitat der Native Americans auf den Weg mit: „Das Land ist nicht ein Erbe unserer Eltern, es ist ein Erbstück für unsere Kinder.“ – auch das Wasserland der Schildkröten.

Reisebloggerin MrsBerry war ebenfalls dabei und hat geniale Unterwasser-Bilder gemacht. Dieses Video stammt von ihr.

 

Wer einen FlyOver-Tauchgang versuchen möchte, meldet sich am besten über die Website bei David und seinem Team. Nicht in freier Wildbahn, aber Schildkröten (und mehr) gibt es übrigens auch im Loro Parque im Norden Teneriffas zu sehen.

Offenlegung: Danke an Condor, GCE und Turismo de Tenerife für die Einladung. Die Meinungen und Ansichten in der Geschichte bleiben meine eigenen.

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Mein Teekränzchen mit den Baum-BesetzerInnen in Bilston

Es ist 17.00 Uhr. Ich komme pünktlich, pünktlich zum Teekränzchen. Nichts Ungewöhnliches, werdet Ihr sagen, schließlich befinde ich mich in Großbritannien – und die Briten (auch die Schotten, ja) lieben…

Es ist 17.00 Uhr. Ich komme pünktlich, pünktlich zum Teekränzchen. Nichts Ungewöhnliches, werdet Ihr sagen, schließlich befinde ich mich in Großbritannien – und die Briten (auch die Schotten, ja) lieben doch ihren Tee. Schon ungewöhnlich, sage ich! Das hat nicht nur mit meinen TischgenossInnen – wobei, einen Tisch haben wir gar nicht – zu tun, sondern vor allem mit der Umgebung. Wir befinden uns in den Wäldern rund um die Kleinstadt Bilston eine zirka 20-minütige Autofahrt von der schottischen Hauptstadt Edinburgh entfernt. Seit 10 Jahren besetzen dort UmweltschützerInnen buchstäblich die Bäume und hausen in der Natur, um gegen die Zerstörung des Waldlandes zugunsten einer Straße zu protestieren.

„Wir sind die BeschützerInnen des Waldes“, erklärt mir Will, der mich mit der Frage „Tee oder Kaffee?“ in der Runde begrüßt hat. Der Brite ist als Forstarbeiter für die Regierung vor rund drei Jahren – oder sind es schon dreieinhalb (!?) – auf die Truppe gestoßen. Die Entdeckung kam gelegen, wurde er ein Monat vorher doch geschieden und hauste in seinem Auto. Statt weiter auf dem Rücksitz zu übernachten, zog er samt vierbeinigem Freund in den Wald, baute sich ein Baumhaus und lebt seither immer wieder hier. „Umweltschützer war ich schon vorher“, erklärt er, während er das Teewasser auf der Feuerstelle aufsetzt, „aber seitdem ich hier in Bilston wohne, bin ich erst so richtig als Aktivist unterwegs.“ Ein Engagement, für das er vor rund einem Monat verhaftet wurde, als er gegen einen nuklearen Reaktor in der Nähe von Glasgow protestiert hat.

Der Eingang zum Camp. Foto: Doris

Der Eingang zum Camp. Foto: Doris

So wie Will sind auch die Spanierin Monika, ein tschechisches Pärchen und der Schotte Chris in den Wäldern gelandet. Jede(r) hat eine andere Geschichte. Jede(r) kommt, geht – und kommt vielleicht wieder. Von denjenigen, die das Camp vor 10 Jahren gegründet haben, ist keine(r) mehr dabei. „Nur diejenigen, denen es ernst ist, überwintern hier“, erklärt mir Will, der in der  internationalen Truppe für die Instandhaltung der Baumhäuser sowie für die Solar-Energie (Wifi gibt es teilweise, Duschen nicht) zuständig ist und fügt hinzu „bei der Kälte und dem Wind muss man sich schon gut um sich selbst kümmern.“ Da gibt es keine Alkoholleichen oder Dauer-Parties.

Manchmal müssen die BewohnerInnen bei Wind unter der Brücke schlafen. Foto: Doris

Manchmal müssen die BewohnerInnen bei Wind unter der Brücke schlafen. Foto: Doris

Anders im Sommer. „Im August findet das Edinburgh Festival statt“, meint der Brite, der bis vor einem Monat noch als Forstarbeiter tätig war, „und da nutzen ganz viele hier die Gelegenheit, gratis zu übernachten, plündern die Gemeinschafts-Kühlschränke, bringen selbst nichts ein, verschwinden in die Stadt und kümmern sich nicht um die anderen.“ Auch sonst wird die Gastfreundschaft des Camps gern (über)strapaziert: „Wir haben um die drei, vier BesucherInnen in der Woche“, so Will – vor allem CouchSurferInnen sind oft in Bilston Glen zu Gast und übernachten in den Baumhäusern. Die gehören übrigens – wie das meiste andere – der Allgemeinheit.

Note to all peeps: This is a protest site after all. Although there is no rent, it is not the reason we are here. If you do not care for the future of the land and just want a free coffee then go find a cardboard box!“ (Schild im Camp)

„Was, du willst schon gehen?“, meinen Aufbruch nach dem einstündigen Teekränzchen sieht Will gar nicht gern, und John, ein weiterer Engländer, der gestern erst ins Camp gekommen ist, bietet mir eine Zigarette sowie belegte Brötchen an. Letztere kommen übrigens wie der Großteil des Essens aus dem Supermarkt, genauer gesagt von dem, was im Supermarkt weggeworfen werden würde. Nein, Dumpster Diving ist in Schottland auch nicht legaler als bei uns – aber in Bilston Glen hat man sich mit der Gemeinde arrangiert. „Früher waren wir nicht gern gesehen“, bestätigt Will meinen Verdacht, „doch nachdem wir seit Jahren friedlich hier leben und nie Anlass zur Aufregung war, schaut sogar die lokale Polizei ab und an vorbei, um zu prüfen, ob alles in Ordnung ist.“

Jedes Baumhaus im Camp sieht anders aus. Foto: Doris

Jedes Baumhaus im Camp sieht anders aus. Foto: Doris

Vielleicht muss sie das gar nicht mehr lange tun: Vor Kurzem hieß es, dass das 10-Millionen-Straßenbauprojekt fallen gelassen wird. Jetzt warten die UmweltschützerInnen auf den endgültigen Bescheid. Was dann aus Bilston Glen wird? „Für wen sollen wir die Baumhäuser stehen lassen? Nein, wir bauen das Camp natürlich ab „, erklärt Will und fügt stolz hinzu, „und wir könnten zeigen, dass man 10 Jahre einen friedlichen Protest aufrecht erhalten und dann verschwinden kann, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Aber selbst wenn die Stunden, Wochen und Monate des Bilston Glen Baumhauslagers – zum Glück – gezählt sind, gibt es noch viel zu tun. Zum Beispiel im „Schwestercamp“ Faslane Peace Camp, dem längsten aktiven Friedenslager der Welt, wo seit 1982 gegen den Einsatz von nuklearen Waffen protestiert wird. Vielleicht verlagern ja Will und die anderen nach dem – friedlichen – Abriss von Bilston Glen ihr Engagement dorthin…

Auf Wunsch von Will und den anderen habe ich auf Fotos verzichtet. 

Mehr über das Projekt gibt es auf der Facebook-Profilseite und auf der Website, die allerdings derzeit wenig genutzt wird. Wegen einer Übernachtung kontaktiert die Gruppe am besten über CouchSurfing – oder macht es so wie ich: Geht einfach hin und lasst Euch auf ein Teekränzchen ein. 

Offenlegung: Danke an VisitScotland, die mir ein Auto zu Verfügung gestellt haben, um Schottland zu erkunden.

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Malediven: Putztrupp statt Cocktail

Ein paar Inseln – eine kleiner und einsamer als die andere – umgeben von mal tiefblauem, mal türkisfarbenem Meer, das in der Sonne glitzert. Honeymoon-Paradies mitten im Nirgendwo, wo die…

Ein paar Inseln – eine kleiner und einsamer als die andere – umgeben von mal tiefblauem, mal türkisfarbenem Meer, das in der Sonne glitzert. Honeymoon-Paradies mitten im Nirgendwo, wo die einzige Sorge darin besteht, welchen Cocktail man sich zuerst an den Pool liefern lassen soll. Ich gebe zu, mein Bild von den Malediven war ein sehr einseitiges (ein Grund, warum mich der Inselstaat nicht interessiert hat). Bis bei den ERDgesprächen der Film The Island President über den ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Inselstaats Mohamed Nasheed gezeigt wurde.

Ich habe die Dokumentation damals nicht gesehen, aber irgendetwas hat klick gemacht – die Malediven haben mich seither nicht los gelassen. Vielleicht, weil es den Inselstaat bald nicht mehr gibt: Das Paradies mit seinen 1.196 Inseln, von denen 200 bewohnt und weitere 87 als reine „Ressortinseln“ nur TouristInnen vorbehalten sind, droht nämlich wegen der globalen Erwärmung im Meer zu versinken. Eine Gefahr, die Nasheed bis zu seinem („erzwungenen“) Rücktritt im Februar 2012 laut nach außen und innen kommuniziert hat und zu der er wohl auch in Zukunft nicht schweigen wird.*

„Ich denke, dass man als einzelner versuchen sollte etwas zu bewegen und zu verändern. Daher werde ich nicht aufgeben, auch wenn das Ergebnis sein sollte, dass dieser Staat nicht mehr zu retten ist!“ Nein, diese Aussage stammt nicht von Nasheed, nicht von einem anderen Staatsmann der Malediven, sondern von Mascha Blome. Die Deutsche hat sich in den Inselstaat verliebt, als sie als 19-jährige auf der Ressortinsel Machchafishi gearbeitet hat. Nicht, dass ihre ersten Erfahrungen so positiv gewesen wären, ganz im Gegenteil: Sieben-Tage-Woche, Passentzug, keine Ausreisemöglichkeit, kaum Kontakt mit der Familie – und das alles für 400 US-Dollar pro Monat. Die ehemalige Philosophiestudentin, die seit klein auf Meeresbiologin werden wollte, hat am eigenen Leib erfahren, dass die Arbeitsbedingungen vor Ort genauso wenig paradiesisch sind wie so manches andere. „Ich habe auch gehört, dass der gesamte Inselmüll nachts auf Dhonis (Anm.: traditionelle Holzboote) geladen und ins offene Meer geleert wird.“, fügt Mascha hinzu – etwas, was ihr bei ihrem letzten Aufenthalt auf den Malediven bestätigt wurde.

„Seit diesen Erfahrungen haben mich die Malediven und die Menschen dort nicht mehr losgelassen,“, erzählt Mascha, die zurzeit ihr Geld als Sprechstundenhilfe verdient, „ich habe nie aufgehört davon zu träumen, eines Tages wieder auf die Malediven zurück zu kehren und dort etwas Gutes für die Bevölkerung sowie die Umwelt zu tun.“ Das Versprechen, das sie damals gegeben hat, hat sie eingehalten: Vor zwei Jahren hat sie den gemeinnützigen Verein arkipal e.V. (ark = „Arche“, i = „und“ auf Spanisch, pal = „Freund“) gegründet. Gemeinsam mit motivierten Bekannten auf den Malediven und der NGO VFF (Velidhoo Future Foundation) möchte sie Einheimische wie TouristInnen über das Müllproblem aufklären: „Denn das führt unweigerlich auch zum Klimawandel, weil die Fauna und Flora der Inseln und des Meeres wichtig für das Gleichgewicht der Malediven sind. Sind beide angegriffen haben die Inseln keinen natürlichen Schutz mehr.“

Vor allem Ressorts möchte Mascha als Kooperationspartner an Bord holen und versucht im Moment in ihrer Freizeit von Deutschland aus das Projekt bekannter zu machen sowie UnterstützerInnen zu finden, „schließlich sind Hotels nicht unschuldig an der Umweltverschmutzung. Zum Beispiel durch den Müll, der oft im Meer entsorgt wird und durch die Strömung an den Stränden der Einheimischeninseln landet, wo er Tiere und Korallen gefährdet. Oftmals werden auch Palmen, die die Touristen auf so einer Insel erwarten, von anderen Inseln zu den Ressorts transportiert, was wieder zu Erosionsgefahr auf der Spenderinsel führt.“ Um Schuldzuweisungen geht es der Bremerin aber nicht, „wir wollen Alternativen für die Rettung der Malediven und anderer vom Klimaschutz bedrohten Staaten aufzeigen. Auf diese Weise könnten sie (Anm.: die Ressortbetreiber) der Natur etwas zurückgeben.“

Der Wiederaufbau beziehungsweise die Stärkung der schon angegriffenen Riffe mit so genannten Korallentischen, die Einführung von Recycling und Kompostierung, die Aufklärung der Einheimischen sowie der umliegenden Ressorts – auf Mascha wartet im November viel Arbeit, wenn sie für drei Monate auf die Malediven zurückkehrt. Auf lange Sicht ist außerdem geplant, mit der DAM Divers Association Maldives eine Art „Taucherpolizei“ wie am roten Meer zu entwickeln. Diese soll unter anderem darauf achten, dass Korallen nicht für den besten Schnappschuss aufs Spiel gesetzt werden. Zusätzlich möchte die Deutsche den InselbewohnerInnen mit einem Show-House zeigen, wie Kosten sparend und effizient erneuerbare Energien – Solar, LED-Lampen oder Biogasanlagen – sind. Projekte, die arkipal nur mit Hilfe von Spenden umsetzen kann.

„Pro Jahr fliegen allein ca. 60.000 deutsche TouristInnen auf die Malediven,“, berechnet Mascha, die sich vor allem FördermitgliederInnen mit monatlich individuellen Fixbeiträgen für arkipal wünscht, „wenn jeder nur einen Euro spenden würde, wären unsere Träume, Ziele und Projekte viel leichter realisierbar.“ Von den Ressorts kommt im Moment wenig Hilfe: So stand Mascha lange mit einem Hotel in Kontakt, um ein Konservierungsprogramm auf der Insel zu initiieren. „Am Ende wurde uns ein Sechs-Tage-pro-Woche-Job für 350 US-Dollar pro Monat in der Tauchschule angeboten.“ Nicht die einzige enttäuschende Reaktion, bei der man sich fragt, ob die Bemühungen von Ressorts in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz reinster Marketinggag sind.

Dann lieber gar keine TouristInnen? „Die maledivische Regierung unter Nasheed nutzte Teile der Einnahmen und Tourismussteuer, um die Umwelt zu schützen, die Folgen des Klimawandels auszubessern und Gegenmaßnahmen zu ergreifen.“, plädiert Mascha für das „notwendige Übel“ Tourismus, das neben der Fischerei wichtigste Einnahmequelle der Bevölkerung ist. Aber es braucht Regeln. „Die TouristInnen sollten sich vor der Reise auf die Malediven über das Land, die Traditionen, die Umwelt und die Probleme vor Ort informieren und sich dementsprechend verhalten,“, so die Bitte, nein, der Aufruf der Umweltschützerin an uns alle, die wir die Malediven auf der Bucket-List haben, „man sollte hier ansetzen, indem man ihnen auferlegt, einen geringen Betrag an die Einheimischen, NGOs und nachhaltige Projekte zu spenden. Ich denke, indem sie diese einzigartige Umwelt nutzen und genießen, tragen sie eine Verantwortung, diese zu erhalten!“
Statt in den nächsten Cocktail sollten wir vielleicht doch besser in diesen „Putztrupp“ für die Malediven investieren…

 

Danke, Mascha, für das Gespräch und dein Engagement! Finanzielle Unterstützung für das Projekt sind ebenso willkommen wie weitere Mundpropaganda oder Mithilfe vor Ort.

*Mohamed Nasheed, erster demokratischer Präsident, Gründer der Partei MDP (Maledivian Democratic Party), der die Malediven zum ersten klimaneutralen Staat machen wollte, trat im Februar 2012 aufgrund einer Revolte nach nur vier Jahren Amtszeit zurück. Derzeit befindet er sich wieder auf den Malediven und macht für seine nächste Kandidatur im Jahr 2013 Werbung. Mehr auf Wikipedia und im Film The Island President

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