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Schlagwort: Religion

Mein Leben mit einem Syrer: Kulturelle Unterschiede zwischen Syrien und Österreich

Ursprünglich bin ich im Sommer nach Traiskirchen gefahren um zu helfen und mir dabei mein eigenes Bild zu machen, unabhängig von den Medien. Die beiden daraus entstanden Artikel könnt ihr…

Ursprünglich bin ich im Sommer nach Traiskirchen gefahren um zu helfen und mir dabei mein eigenes Bild zu machen, unabhängig von den Medien. Die beiden daraus entstanden Artikel könnt ihr hier nachlesen: Traiskirchen – Der Weg der Spenden und Meine Erfahrungen in Traiskirchen. Aus dieser Idee ist jetzt, sechs Monate später, etwas ganz anderes gewachsen als ursprünglich gedacht: Eine neue Beziehung und viele neue Freundschaften. Wir kommen immer wieder zusammen, egal ob zum Helfen, privat bei Feiern, beim Heurigen, bei Ausflügen – die in den Medien gerne erwähnte „Integration“ ist bei uns kein großes Thema, jeder respektiert den anderen. Weil das aber am besten geht, wenn man einander versteht und ein paar Hintergründe kennt, haben Mahmoud und ich nun in diesem ersten von zwei Artikeln festgehalten, wo genau denn die kulturellen Unterschiede liegen.

Begrüßungen und Berührungen

Für Muslime in Syrien gibt es keine Berührungen zwischen Männern und Frauen außerhalb der Familie (Cousins und Cousinen ausgenommen), dementsprechend auch kein Händeschütteln oder Bussi-Bussi zur Begrüßung. Stattdessen wird der Friedensgruß „Salaam aleikum“ (Friede sei mit dir) ausgesprochen. Männer unter sich können sich die Hände schütteln oder sich umarmen, ebenso Frauen untereinander – nur die Berührungen zwischen den Geschlechtern sind üblicherweise nicht gern gesehen, da diese als erotisch empfunden werden können und man keinerlei Versuchung aufkommen lassen möchte.

Bei all meinen Besuchen in Traiskirchen und bei syrischen Freunden hat noch nie jemand meine ausgestreckte Hand abgelehnt – und aus Höflichkeit hätte mich vermutlich auch nie jemand darauf angesprochen –, nur einmal habe ich von Problemen in einer syrisch-österreichischen Freundschaft gehört, bei der eine verheiratete Muslimin einem österreichischen Mann nicht die Hand schütteln wollte, wodurch ich erstmals auf dieses Thema aufmerksam wurde. Viele akzeptieren das Händeschütteln, auch wenn es nicht die favorisierte Begrüßungsart ist, weil es hier üblich ist. Alles, was darüber hinausgeht – Umarmungen, Bussi-Bussi und so weiter – überschreitet dann aber die persönliche Distanzzone.

Religionen, Respekt und Weihnachten

In Syrien gab es vor dem Krieg mehrere Religionsgemeinschaften, die friedlich und respektvoll miteinander umgegangen sind. Die größte Gruppe waren Muslime, gefolgt von Christen, Juden, Alawiten, Ismailiten, Drusen und Jesiden. Muslimen war es erlaubt, ihre Gebete in christlichen Kirchen zu beten und umgekehrt. Im Islam selbst gibt es kein Weihnachtsfest (Jesus wird als Mensch und Prophet Gottes angesehen und nicht als sein Sohn) und entsprechend auch keine Christbäume. Trotzdem gab es in Syrien an großen öffentlichen Plätzen diese geschmückten Bäume. Waren Muslime mit Christen befreundet, wurde diesen auch häufig aus Respekt ein Baum geschenkt (als Muslim hatte man natürlich keinen eigenen daheim). Umgekehrt wiederum haben die meisten Christen im Ramadan auf Essen außerhalb von (christlichen) Restaurants verzichtet. Muslimische Restaurant-Besitzer haben im Ramadan geschlossen, nur christliche Eigentümer haben geöffnet – wenn auch aus Respekt mit verklebten Scheiben, damit niemand beim Essen zusehen kann. Zur Info: Während dem Fastenmonat Ramadan dürfen Muslime erst nach Sonnenuntergang essen. Es gibt zwei große Feste im Islam: Das Opferfest (das wichtigste) und das Fest des Fastenbrechens (nach dem Fastenmonat Ramadan).

Muslime sind Menschen wie du und ich, jeder macht Fehler, niemand ist perfekt. „Wenn jemanden ein Fehler unterläuft, heißt das nicht, dass die Religion schlecht ist; wenn ich einen Fehler mache, ist das mein persönlicher Fehler, nicht der meiner Religion.“ Und: „Mache Scherze über mich, rede schlecht über mich – aber niemals über meinen Gott, meine Religion oder Propheten – die Religion ist immer raus. Scherze unter Freunden: Ja – aber niemand kennt Gott persönlich – wie kann man da über ihn scherzen? Man scherzt ja auch nicht über Verstorbene“.

Frauen, Verhüllung und Arbeit

Ich erinnere mich noch gut an den Sommer und eines meiner ersten Gespräche mit der plumpen Frage: „Dass Frauen nicht Auto fahren können und sich verhüllen müssen, liegt daran, dass ihr als Männer das für sie bestimmt?“ Unzählige Gespräche später weiß ich: Die meisten Frauen entscheiden sich freiwillig für den Hi­dschab (das Kopftuch) – nicht alle, aber die meisten können sich aussuchen, ob sie dies tragen möchten oder nicht, dementsprechend gab es auch keine Bestrafungen und man sah vereinzelt auch Frauen ohne Kopftuch auf der Straße – die Rede ist hier wieder von der Zeit vor dem Krieg. Der Grund für das Tragens des Kopftuches aus religiöser Sicht beruft sich auf das entsprechende Gebot (sowohl im Quran als auch in den Überlieferungen).

Und auch bei der Wahl Kopftuch, ja oder nein, geht es in erster Linie darum, die Reize zu verhüllen (nicht sexuell aufreizend zu wirken) und nicht jeden Bereich des Körpers jedermann zu zeigen. Die Frau gilt als etwas ganz Besonderes, vergleichbar mit einem Diamanten. „Wenn du etwas ganz ganz besonders wertvolles hättest, würdest du es auch nicht groß auf der Straße zur Schau stellen und es von jedem angreifen lassen, oder?“ Als weitere Gründe kann man Tradition aufführen, Mode, Abgrenzung und Zugehörigkeit.

Für mich ist dieses Thema mehr eine Frage, was man für sich persönlich als in Ordnung empfindet und was nicht. Manche fühlen sich wohl, im Mini-Rock tanzen zu gehen und Aufmerksamkeit zu erregen, andere tragen diesen nur in Anwesenheit ihres Freundes, wieder andere würden nie einen zu kurzen Rock tragen (hier auch wieder die Frage: „Welche Länge ist zu kurz?“) und bevorzugen Hosen und wieder andere eben den Hidschab.

Frauen in Syrien gingen (aus kulturellen, nicht aus religiösen Gründen*) kaum arbeiten, es war Sache des Mannes für den Lebensunterhalt zu sorgen, wenn auch dafür 15-Stunden-Tage notwendig waren. Die Frau erledigte den Haushalt, kümmerte sich um die Kinder und die Einkäufe – wobei Frauen nie schwere Dinge tragen sollten, deshalb meist telefonische Bestellung inklusive Lieferservice. Das erklärt auch, warum mir im Sommer beim Sortieren und Schlichten der Spenden immer unverzüglich die vollen Boxen abgenommen wurden. Hierzu auch gleich meine nächste Frage, „Frauen dürfen also nicht rausgehen?“ und die Antwort darauf: „Natürlich dürfen sie rausgehen, sie können überall hingehen, wo sie hinwollen und auch den Führerschein machen!“.

„Warum aber dann nicht arbeiten?“ „Bei der Arbeit wird es (notgedrungener Weise) auch Kontakt mit Männern geben, am Anfang nur oberflächlich, aber nach einer Zeit fängt man an über Privates und Probleme zu reden, man bückt sich nach dem Stift… Und man kann alles kontrollieren, nur keine Gefühle. Wenn Frauen zum Shoppen oder ähnlichem gehen, werden sie nur die notwendigsten Gespräche mit den Verkäufern führen, niemals aber mit ihnen scherzen oder gar flirten. Und möchten sie arbeiten, dann bevorzugt mit Frauen oder Kindern, aber auch hier wird darauf geachtet, dass man zum Beispiel nicht in den Ausschnitt sehen kann, wenn die Lehrerin sich vorbeugt.“

Beim gemeinsamen Einkaufen, bei dem zwei Einkaufstaschen gefüllt werden, gilt für mich üblicherweise: Eine für den Mann, eine (die leichtere) für die Frau. Die muslimisch-syrische Variante: Beide (oder bei Bedarf auch noch mehr) trägt der Mann, die Frau gar nichts. „Findest du das fair? Wir haben zwei Taschen und sind zwei Leute?“ „Männer sind viel stärker, ihr Körper ist dafür gemacht, (schwere) Arbeit zu verrichten – der der Frauen nicht. Wer wird gewinnen, wenn wir armdrücken? Was ist nun also fair?“

In Syrien gab es keine Wochenenden, es wurde ununterbrochen und über Jahre hinweg gearbeitet sofern man eine Arbeit hatte. 12-Stunden-Tage waren meist Minimum in der Privatwirtschaft und das bis zu einem Alter von etwa 45 Jahren, bis dahin hatte man sich Haus, Auto etc. geleistet und einen Puffer für unsere hier sogenannte „Pension“ angespart.

 

Hier möchten wir den ersten Teil beenden, im zweiten Artikel werden wir dann über Familie, Heirat, Essen und Vorurteile berichten. Wenn es Fragen zu den hier bereits erwähnten Themen gibt, bitte gerne einen Kommentar hinterlassen.

 

* Im Islam ist es den Frauen nicht untersagt, auch mit Männern zu arbeiten, mit der Bedingung einen gewissen Abstand und Umgang an den Tag zu legen.

23 Kommentare zu Mein Leben mit einem Syrer: Kulturelle Unterschiede zwischen Syrien und Österreich

Interview mit einer buddhistischen Nonne

Manche Begegnungen hinterlassen Spuren, berühren etwas tief in dir drinnen, können nicht ungeschehen gemacht werden. Es ist mittlerweile vier Jahre her, dass ich Bianca kennen gelernt habe. Damals haben wir…

Manche Begegnungen hinterlassen Spuren, berühren etwas tief in dir drinnen, können nicht ungeschehen gemacht werden. Es ist mittlerweile vier Jahre her, dass ich Bianca kennen gelernt habe. Damals haben wir zusammen Service bei einem Vipassana Zehn-Tages-Kurs in Österreich gegeben, gemeinsam gekocht, geputzt und uns um die Meditierenden gekümmert. Nur drei Tage lang. Doch die Begegnung mit Bianca war und ist für mich eine solche. Eine, die ich in meinem Herzen trage.

Knapp Anfang 20 war sie damals, hatte aber etwas an sich, das mich – die zehn Jahre Ältere – staunen ließ: Ernsthaftigkeit, Konsequenz, tiefes Verständnis – und das hinter der hübschen Schale einer zierlichen, langhaarigen Blondine, die wohl jedem Mann ins Auge stach, und deren spitzbübisches Lachen ihre Lebenslust verriet.

Wir sind in Kontakt geblieben: Getroffen haben wir uns selten später, sie war viel unterwegs, ist zu ihrem Liebsten nach Italien gezogen, doch über Facebook klappte es gut. Und irgendwann war genau dort so in etwa zu lesen: „Ich lebe jetzt in Thailand und bin buddhistische Nonne.“

Wow!

Das war vor über einem Jahr. Jetzt auf Heimaturlaub habe ich Mae Chee Bianca, wie die gebürtige Österreicherin nun heißt, einige Fragen gestellt. Sie hat sie mir geduldig und ausführlich beantwortet, und ich darf ihre Einsichten mit euch teilen.  Unter der Bedingung, dass die Antworten „zum Wohle für die Allgemeinheit veröffentlicht“ werden und ich „kein Geld damit verdiene“. Versprochen:

Doris: Mae Chee Bianca, wie sah dein Weg zu diesem Leben aus?

Mae Chee Bianca: Es war ein langsam wachsender Prozess. Meine Eltern haben mich von klein auf sehr alternativ erzogen, doch Religion war bei uns eigentlich kein besonderes Thema, schon gar nicht Buddhismus. Unabhängigkeit war für mich immer sehr wichtig. Ich habe früh, mit 15 Jahren, zu arbeiten begonnen, bin dann kurze Zeit später alleine in eine Wohnung weg von der Familie gezogen und musste/wollte somit relativ schnell selbstständig und erwachsen sein.

Nachdem ich mit 18 meine Buch-und Medienwirtschaftslehre abgeschlossen hatte, ging ich für fast ein Jahr nach Israel zur Freiwilligenarbeit ins Kibbutz. Dies war die erste Begegnung mit einer religiösen Gemeinschaft, aber damals war es mehr das Abenteuer das mich anlockte – Religion hatte damals noch keine Bedeutung für mich. Als ich dann nach Österreich zurückkehrte merkte ich, dass mir irgendetwas fehlte. Ich war einfach nicht glücklich.

Die Jahre vergingen und ich probierte viele verschiedene Jobs, Schulen, Männer und Länder. Doch kein Glück war in Sicht. Die Verzweiflung war groß, damals war ich wirklich an einem Punkt, an dem ich oft nur mehr sterben wollte – weil nichts im Leben mehr Sinn ergab.

Irgendwann in Indien traf ich dann eine deutsche Frau, die mir von Vipassana Meditation erzählte. Es klang spannend. Nach Indien bereiste ich England und im Hertfordshire fand ich ein Meditationszentrum, so probierte ich einen Zehn-Tages-Kurs. Dies war meine erste (bewusste) Begegnung mit der Meditation, ich war gerade 21 geworden und mein ganzes Leben sollte sich durch diesen Kurs ändern, der ausschlaggebend für meine spirituelle Entwicklung war.

In der Meditation machte ich sehr tiefe Erfahrungen, es kam viel Ruhe, Zufriedenheit aber auch Weisheit und Einsicht über die wahre Natur dieser Existenz. Ich wusste: „Eines Tages werde ich in Asien leben und den Menschen helfen“.

Doch damals war mir noch nicht bewusst in welcher Form – über Buddhismus wusste ich äußerst wenig -, und das Alltagsleben holte mich zu schnell wieder ein, somit vergaß ich bald  was ich erlebte. Doch das Unglück riss nicht ab, nichts konnte mich zufrieden stellen, so reiste ich weiter hin und her, arbeitet dies und das.

Vor fast zwei Jahren kam dann die Einsicht: „Entweder ich verändere mein Leben JETZT oder ich kann so nicht mehr weiter machen.“ So buchte ich einen Flug bis nach Yangon in Burma und blieb dort für drei Monate in einem buddhistischen Kloster/Meditationszentrum um mich der intensiven Vipassana Meditation zu widmen. Wir meditierten jeden Tag bis zu 18 Stunden. Anfangs war es sehr schwer, doch nach einiger Zeit begann ich mich zu verändern, es kamen viele der alten Einsichten wieder und noch viele neue dazu und langsam stellte sich ein tiefer Gleichmut und Zufriedenheit ein.

Nach den drei Monaten wusste ich nur noch eines: „Ich will mein Leben der Meditation widmen – um mir selbst und all den Menschen, die leiden und auf der Suche sind, zu helfen – denn es gibt einen Weg heraus, es gibt tiefes Glück und Zufriedenheit bereits IN UNSerem Herzen – wir müssen es nur wieder finden und uns öffnen.

Nachdem ich diesen Entschluss getroffen hatte reiste ich nach Thailand und ordinierte als Mae Chee (8-Regel Nonne) in der Buddhistischen Thai Theravada Tradition. Seitdem lebe ich in Thailand, einem Land in dem viele Menschen die wahren Werte und Gründe unserer Existenz noch nicht vergessen haben.

Gab es einen besonderen Moment der Entscheidung – oder war das ein schleichender Prozess?

Es war mehr oder weniger ein „schleichender“ Prozess. Ich hätte mir früher niemals vorstellen können Nonne zu werden, ich war alles andere als brav. Doch die Meditation hat mich geläutert und belehrt was im Leben wirklich wichtig ist, wie man ein wirklich guter Mensch wird, sein Leben richtig nützt und auch anderen damit hilft.

Die Ordination war das Ergebnis tiefer Einsicht, es gab Momente da war ich einfach eins mit allen/m und der Sinn des Lebens war vollkommen klar, ich wusste ich bin bereits vollkommen, und es muss nichts und niemand mehr dazukommen.

Ich weiß, du hattest ein Meditationsvisum zum Einstieg – was ist das genau?

Für Burma hatte ich ein dreimonatiges Meditations- oder Religious-Visum. Man benötigt momentan eigentlich nur einen Einladungsbrief vom Meditationszentrum, den man per Mail bei den jeweiligen Klöstern beantragen kann. Manchmal dauert es etwas länger. Das Visum habe ich bei der Myanmar Embassy in Bangkok beantragt, es dauerte nur zwei Tage, aber manchmal kann es auch zwei Wochen oder länger dauern und möglicherweise wird es nicht jedem gewährt.

Das Drei-Monats-Visum kann man dann im Land (nach Erlaubnis) auch auf ein Ein-Jahres-Visum verlängern. Man verpflichtet sich jedoch mit diesem Visum in dem Zentrum zu bleiben, zu praktizieren und keine touristischen Reisen zu unternehmen. Man kann jedoch mit den zuständigen Lehrern sprechen. Wenn man vielleicht noch zwei Wochen reisen will, wird das sicher auch möglich sein, aber das Kloster ist in der Zeit der Visumsgültigkeit für dich verantwortlich, deshalb ist es so streng.

Wie hat dein Umfeld reagiert, du warst ja unter anderem auch in einer Beziehung, wie leicht fiel das Abschiednehmen?

Ja, ich war damals in einer Beziehung, doch mein Wunsch nach Befreiung und Einheit mit mir selber war so stark, dass es mir nicht schwer fiel die Beziehung zu beenden. Mein Freund hat das vollkommen verstanden, er fand es sogar gut und wir konnten im Reinen auseinandergehen (er hat ja auch meditiert). Aber natürlich war der Abschied etwas traurig.

Meine Familie, vor allem meine Eltern, haben mich sehr unterstützt – geistig sowie materiell, was sehr hilfreich ist, denn Mönche und Nonnen leben rein von Spenden. Das tun sie immer noch, und auch der Rest meiner Familie. Ich war immer schon ein bisschen „anders“ und sie waren radikale Entscheidungen von mir gewöhnt. Dies war natürlich noch mal ein weiterer Schritt, denn ich hatte nun fast zwei Jahre (aufgrund von intensiven Retreats) zu fast niemandem Kontakt. Doch wir alle wissen, dass wir im Herzen miteinander verbunden sind und dass man letztendlich von allem loslassen muss, denn nichts gehört uns auf dieser Welt…

Mae Chee Bianca ist dort angekommen, wo sie zuhause ist. Foto: Mae Chee Bianca

Mae Chee Bianca ist dort angekommen, wo sie zuhause ist.

Wie kann man sich das Leben im Kloster vorstellen?

Es ist in jedem Kloster unterschiedlich. In Burma haben wir am Tag 18 Stunden meditiert, da gab es sonst nichts, außer Essen und eine halbe Stunde putzen am Tag. Es war wie ein Gefängnis, es wurde auch nichts gesprochen. Doch ich habe das anfangs gebraucht sonst hätte ich nie Disziplin entwickelt.

In Thailand, wo ich jetzt bin, ist es gemäßigter. Wir haben als fixen Tagesplan täglich drei Mal für eine Stunde Chanting, zwei Mal Essen, Säuberung des Klosters und die restliche Zeit haben wir für uns um zu meditieren, zu helfen oder um uns mit anderen auszutauschen. Ein Mal im Monat geben wir einen siebentägigen Retreat, und es kommen sehr viele Westler zu uns in den Tempel, um Meditation zu lernen, da helfe ich gerne mit. Das Tätigkeitsfeld ist vielfältig.

Wie sieht die Gemeinde des Klosters aus?

Der Sangha (die Gemeinschaft, das heißt diejenigen, die dauerhaft hier leben) besteht aus ca. 20 Mönchen, manchmal kommen oder gehen ein paar, drei Nonnen und zwei Laienfrauen. Es kommen aber immer wieder Mönche, Nonnen oder Laien auf Besuch, die für eine Weile bleiben. Auch ich gehe manchmal in den Norden Thailands – wir haben dort ein Waldzentrum, das zu uns gehört, da kann man gut praktizieren wenn man mal etwas mehr Stille braucht, denn der andere Tempel ist nahe zu Bangkok und etwas „geschäftiger“. Es ist also eine kleine Gemeinschaft, was ich als sehr angenehm empfinde.

Wie hast du deinen Lehrer gefunden?

Dies ist eine schwierige Frage, ich würde sagen ich habe ihn nicht gefunden, er war plötzlich einfach da. Manchmal verbringt man lange Zeit nach jemandem zu suchen, aber findet doch nie das oder den RichtigenMan muss sich selber entwickeln und reifen und dann wenn man bereit ist, dann ist der Lehrer plötzlich da. Das ist auch der Punkt an dem man dann seine Anweisungen richtig verstehen und umsetzen kann. Letztendlich müssen wir dann auch lernen, unser eigener Lehrer zu sein, denn Erleuchtung kann nur durch eigene Anstrengung erfolgen. Der Lehrer kann nur den Weg weisen…

Mae Chee Bianca in ihrer Gemeinschaft. Foto: Mae Chee Bianca

Mae Chee Bianca in ihrer Gemeinschaft.

Du bist gerade auf Heimaturlaub: Wie ist das für dich?

Es ist eigentlich ganz normal – für mich zumindest. Die Leute reagieren manchmal überrascht, weil sie „so etwas wie mich“ selten sehen, aber meistens gibt es positive Reaktionen und die Leute zeigen Interesse. Jeder ist doch im Grunde auf der Suche nach irgendetwas, die meisten füllen diese Lücke mit materiellen Dingen, aber im Grunde suchen doch alle nach Einheit…

Wenn man eine Weile praktiziert kommt man irgendwann an den Punkt, wo man sich wirklich und wunderbar in sich selber zu Hause fühlt und dann ist es egal wohin man geht, man fühlt sich überall zu Hause und alle sind deine Familie, dies ist ein Ergebnis der Herzöffnung, die Differenzierungen fallen weg.

Hast du Unterschiede festgestellt, darin, wie dich Leute behandeln, aber auch, wie du (be)handelst?

Ja, es gibt Unterschiede, das liegt aber sicherlich auch an der Kleidung (hier in Österreich – in Thailand kennen sie das ja, aber auch nicht unbedingt von Westlern). Manche sind zuerst etwas skeptisch, doch im Laufe des Gesprächs können sie sich meist öffnen.

Man muss den Leuten mit einem offenen Herzen begegnen, ohne Vorurteile, dann kann nicht viel schiefgehen. Die Lehre des Buddhas ist das Dhamma, oder das Gesetz der Natur, damit konnte ich bis jetzt jeden „überzeugen“, denn es ist ja nicht mein Gesetz oder das Gesetz des Buddhismus, es ist ein „Gesetz“ das für alle da ist, egal von woher wir kommen.

Ich behandle die Menschen nun viel behutsamer als früher, denn ich habe gelernt wie wichtig es ist, seine Worte weise zu wählen und vor allem auf den Ton der Stimme zu achten, in dem man mit Menschen spricht. Wir können so viel spüren und so leicht verletzen. Wenn man respektvoll zu den Leuten spricht, dann sprechen sie (früher oder später) auch respektvoll zu einem, das ist ein Teil von Karma und auch Teil des Edlen Achtfachen Pfades: Rechte Rede.

Bist du jetzt dein Leben lang Nonne – oder kannst du wieder in ein weltliches Leben zurück?

Mein Wunsch ist es Nonne zu bleiben, denn es ist meine Berufung. Ich habe nicht nur einfach den Kopf rasiert und die Kleidung gewechselt – es war eine wirkliche Bewusstseinsveränderung und Entwicklung.

Manchmal ist es nicht einfach, doch das ist ja in jedem Leben so und man muss einfach jeden Tag sein Bestes geben –  immer wieder aufstehen, egal wie oft man hinfällt. Der ganze Weg, ist ein Weg der Reinigung – des Geistes/der Herzöffnung. Wir müssen uns frei machen von jeglichen Erwartungen im Leben und versuchen im Hier und Jetzt zu leben, die Gegenwart ist das einzige was zählt – die einzige Realität, alles andere ist entweder vergangen oder noch nicht da.

Ich habe viele Dinge im Leben getan und dies ist sicher der bis jetzt schwierigste Weg, aber gleichzeitig auch der Schönste. Er gibt mir soviel Sinn.

Wir können wieder in ein weltliches Leben zurück, doch meistens wenn man einen bestimmten Punkt überschritten hat, will man das gar nicht mehr, es ist einfach kein Verlangen nach vielen weltlichen Dingen mehr da…

Danke für das wundervolle Gespräch, Mae Chee Bianca!

 

„Mögen wir alle voller Frieden und Freude sein, möge unser Geist voll Licht und Zuversicht strahlen, mögen wir Toleranz und Mitgefühl für uns selbst und unsere Mitmenschen entwickeln und unseren Geist erheben für eine bessere Welt – für eine Einheit.“ Mae Chee Bianca

 

NAMO TASSA BHAGAVATO ARAHATO SAMMA-SAMBUDDHASSA
Verehrung dem Erhabenen, Heiligen, vollkommen Selbst-Erwachten

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