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Schlagwort: reduktion

Vulva Vulva! Das geniale Genital als Kunstobjekt gegen das Schubladen-Denken

Wer bestimmt was Frau*sein bedeutet? Ist meine Vulva politisch? Werde ich auf sie reduziert? Die drei Künstlerinnen Jacqueline Korber, Sonja Reiter-Gaisberger und Johanna Steiner beschäftigen sich mit „der Frau an…

Wer bestimmt was Frau*sein bedeutet? Ist meine Vulva politisch? Werde ich auf sie reduziert?

Die drei Künstlerinnen Jacqueline Korber, Sonja Reiter-Gaisberger und Johanna Steiner beschäftigen sich mit „der Frau an sich in all den Facetten ihrer Weiblichkeit“ und präsentierten in der Ausstellung DIE EINE SIE IST im Woferlstall (E.I.K.E. Forum) Bad Mitterndorf in der Steiermark ihre realisierten Werke.

Dort begegnete ich einer Kommode mit drei Schubladen…

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Gips in Kommode

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Gips in Kommode

Im kraftvollen, aber unaufdringlichen Werk „schubladisiert is glei amoi!“ setzt Jacqueline Korber den weiblichen Körper ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und das mit einer klaren Botschaft an uns!

Eine Kommode. Drei Schubladen.  Zehn Frauen.

Die oberste und die unterste Schublade der Kommode ist geschlossen. Die mittlere Schublade hat ihren für sie vorgesehenen Platz verlassen  – sie liegt auf der Ablagefläche des Möbelstücks. In ihr enthalten sind zehn Gipsabdrücke von weiblichen Vulven.

Der Inhalt der untersten, geschlossenen Schublade wird aufgrund des Freiraums, der durch die fehlende mittlere Schublade entsteht, einsehbar. Der Torso einer weiblichen Person liegt darin. Die oberste Schublade muss geöffnet werden, um zu sehen, was sich in ihr befindet. Es sind drei Gipsabdrücke von Brüsten. „Frauen werden auf ihre Körperlichkeit und ihr Äußeres reduziert, oft auf Brüste und Vulva“, erklärt die Künstlerin.

Insgesamt waren zehn Frauen bereit für dieses künstlerische Werk einen Abdruck von ihrer Vulva, ihren Brüsten, oder des Oberkörpers machen zu lassen. Nur drei von ihnen, erzählt die Künstlerin, haben ihre eigene Vulva als Gipspositiv in der Ausstellung wiedererkannt. Für Korber ein Beweis dafür, dass „jede Lady öfter den Spiegel zur Hand nehmen und ihre Vulva betrachten sollte.“

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016

Sexistisches Schubladen-Denken

„Jacqueline, warum hast du nicht die Telefonnummern dazugeschrieben?“, fragte ein männlicher Ausstellungsbesucher witzelnd die Künstlerin. Eine Frage die das offenbart, was Korber unter anderem zu thematisieren versucht – Frau* wird auf ihr Geschlecht reduziert und zum Objekt degradiert. In der Ausstellung „geht es nicht um die Frau in der Opferrolle, oder um mangelnde Gleichberechtigung oder überhaupt um Gleichberechtigung – es geht ums Mensch sein.“ [1]

Ein weiterer Ausstellungsbesucher stellte den Vergleich zwischen den ausgestellten Gipspositiven der weiblichen Vulven mit einer Jagdstrecke [2] auf. Auch in einer sexistischen Alltagssprache finden sich Analogien, beispielsweise wenn von „Schnalle“ oder „Luder“ als abwertende Bezeichnung für eine Frau gesprochen wird. Beide Begriffe stammen aus dem Jagdjargon: „Schnalle“ bezeichnet das äußere Geschlechtsteil beim weiblichen Haarraubwild und beim Hund. [3] “Luder” ist jedes tote Tier, mit dem man Raubwild und Raubzeug anlocken möchte. [4]

„Jagdgebiete des Mannes“

Eine Verknüpfung die häufiger auftritt: „Tiere und Frauen verbindet, dass sie im ‚unendlichen Jagdgebiet‘ des Mannes auch ganz konkret als Beute und Opfer auftreten. So lassen sich vielfältige Verbindungen zwischen Frauen und (gejagten) Tieren oder zerlegten Tierkörpern nachweisen, die sich vom Bedeutungsfeld der Jagd über das Ritual des Fleischessens und die Pornografie bis hinein in Gewaltdarstellungen und Gewalthandlungen erstrecken.“ [5]

Die Kommentare der beiden männlichen Besucher (oben) zeigen: Korbers Werk bewegt sich an der unscharfen Grenze zwischen Reproduktion und Auflösung von Reduktion. 

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Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Detail

Aufgreifen und Sichtbar machen

Korber wiederholt die Reduktion, die sich als gesellschaftliches Phänomen im Denken über die Frau* manifestiert, indem sie die Verringerung der Frau* auf das Geschlechtsteil in Gipspositiven vergegenständlicht. Eine unsichtbare Denkform wird demonstrativ sichtbar gemacht und so ein emanzipativer Akt vollzogen.

Die Künstlerin entzieht den RezipientInnen die Möglichkeit die Schublade mit den Vulven zu schließen. Die dauerhafte Präsentation verdeutlicht die Allgegenwärtigkeit von normativen Geschlechteridentitäten und Vergeschlechtlichungsprozessen und kann als Aufforderung zur Auseinandersetzung verstanden werden.

Blockieren und Auflösen

Als Metapher für Kategorisierung, Zuschreibung und Codierung verstanden, steht die nicht-schließbare Schublade gegen jede endgültige Einordnung innerhalb eines bestehenden, begrenzenden Denksystems.

„Es gibt so viele Teile und Teilchen in mir und meinem Sein, dass es ausgeschlossen ist nur ‚typisch weibliches‘ leben zu können oder auch zu wollen. Stereotyp weiblich – ich würd mich doch nur selbst betrügen. Ich bin Ich, in und mit all meinen Facetten und Farben“, erklärt Korber.

Die Künstlerin plädiert für eine Weiblichkeit, die sich nicht nur von Vergleichen mit dem Männlichen emanzipiert, sondern auch darauf verweist, dass es DIE EINE Weiblichkeit nicht gibt.

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Detail

Jacqueline Korber, „schubladisiert is glei amoi“, 2016, Detail

Geniales Genital – Let’s talk about…?

In der Auseinandersetzung ist mir aufgefallen, dass es für das weibliche Genital wenig geläufige Bezeichnungen gibt, die nicht derb, vulgär oder aus anderen Gründen unbrauchbar sind. Warum ist das nur so?

Das Wort Genital (von lat. Genus, dt. Geburt, Herkunft, Abstammung) wird beispielsweise neben Fortpflanzungsorgan auch mit Geschlechtsteil übersetzt, was bei Korber die Frage aufwirft: „Warum ist in diesem Wort, dass etwas so wunderbares beschreibt, ‚schlecht‘ enthalten? – Gehsuper würd mir besser gefallen!“ Die Künstlerin setzt sich über den gängigen Sprachgebrauch hinweg und spricht von „Gehsuperteilen“ „Lalas“ und „Mumus“.

„Durch unser geniales Genital erblickt ein kleiner Mensch zum ersten Mal das Licht der Welt“, bemerkt Korber wertschätzend und reißt damit die Schublade der Mutterschaft auf, an der sie zugleich rüttelt, wenn sie nach dem vorherrschenden Frau=Mutter-Vorstellungen fragt und was es für das Frau*sein bedeutet, wenn bei einer Frau* kein Kinderwunsch besteht.

An die Lalas und Mumus dieser Welt!

Den eigenen Körper „annehmen und lieben lernen [6] lautet die Aussage der drei in der Ausstellung gezeigten Künstlerinnen, sie wollen „keine Ideale erfüllen müssen und sich keine Klischees überstülpen lassen“, so der Pressetext von Jasmin Maria David.

„Erkenne dich selbst – entdecke und erfahre dich. Wechsle die Perspektiven. Tausche dich aus. Hör zu. Lerne deine Einzigartigkeit schätzen. Im Innen und im Außen. Und lass nicht Andere sagen, wer oder gar was du bist“, so Korber.

 

Jaqueline Korber lebt und arbeitet als Fotografin und Künstlerin in Bad Mitterndorf in der Steiermark in Österreich.
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[1] Vgl. DAVID, Jasmin Maria, Pressetext zur Ausstellung „DIE EINE SIE IST“, 2016
[2] Bei einer Jagdstrecke werden alle Lebewesen, die während der zuvor stattgefundenen (Gesellschafts-) Jagd verfolgt und getötet wurden, in einer Reihe aufgelegt und traditionell mit Zweigen belegt. Die Zweige werden zuvor mit dem Blut des Tieres versehen und anschließend trägt der Jäger, der das Tier erschossen hat den blutigen Zweig an seinem Hut.
[3] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de
[4] Lexikon zur Waidmannssprache auf jagd.de
[5] MÜTHERICH, Birgit, Tierrechte: Sie sind die anderen
[6] Vgl. DAVID, Jasmin Maria, Pressetext zur Ausstellung „DIE EINE SIE IST“, 2016

Das Wort Frau wird mit einem *(Stern) markiert, um auf die sozio-kulturellen Konstruktionen von Geschlechteridentitäten zu verweisen.

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Sonntagslektüre: Nimm dir Zeit für Gutes

Die Krux mit dem Überfluss – In Anlehnung an John Naishs „Genug“ Laut Wörterbuch bezeichnet Überfluss den Zustand, wenn eine Menge von etwas vorhanden ist, die viel größer ist als…

Die Krux mit dem Überfluss – In Anlehnung an John Naishs „Genug“

Laut Wörterbuch bezeichnet Überfluss den Zustand, wenn eine Menge von etwas vorhanden ist, die viel größer ist als der Bedarf. Soviel zur Erklärung. Die Frage, die sich mir aufdrängt: Wo ist das bei uns der Fall? Wovon haben wir möglicherweise zu viel? Haben wir überhaupt zu viel?

Ausgehend von meinem Leben fiel mir beginnend bei Verschleißmaterial wie Stifte oder Papier über Schmuck und Bücher bis hin zu Dekorationsmaterial gleich mal einiges ein. Und ja, ich denke jeder Mensch der westlichen Gesellschaft besitzt zu viel. Ich habe alleine vier Paar schwarze Stöckelschuhe, wobei ich doch ohnehin nur eines auf einmal tragen kann. Warum kaufe ich mir Bücher anstatt sie auszuleihen, obwohl ich mir nur selten die Zeit nehme, ein Exemplar erneut zu lesen? Aus welchem Grund dekoriere ich mein Heim mit Figuren, wenn ich mich doch insgeheim ärgere, da sie mich auf den Verstaubungsgrad meiner Möbel aufmerksam machen?

Ein großer Schritt, um der eigenen Konsumtretmühle ein Ende zu setzen, ist zu hinterfragen, was mir meine Habseligkeiten bedeuten. Sofern sie für mich emotionalen oder finanziellen Wert oder einen Verwendungszweck haben, werde ich sie behalten. Die Kunst liegt darin, die übrigen Dinge herauszufiltern und sich von ihnen zu trennen. Damit meine ich bedeutungslose Dinge, denen keine Beachtung geschenkt wird und die im Keller verstauben.

Ich persönliche verfolge die Absicht, von Zeit zu Zeit zehn Sachen aus meinem Heim zu entfernen, die ich nicht mehr benötige. Darunter fallen ungelesene Magazine, nie eingelöste Gutscheine, Schmuck und Kleidung, die ich nicht mehr trage – oder auch nie getragen habe – und ähnliches. Des Weiteren kategorisiere ich gerne. Beispielsweise habe ich Kisten mit den Aufschriften „Dinge, die ich liebe“, „Dinge, die einen zweitrangig sentimentalen Wert für mich haben“ und „Dinge, die ich immer mal tun wollte“. Somit fällt es mir leichter, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Weg damit! Aber wohin?

Um den ausgewählten Sachen noch ein zweites Leben einzuhauchen, verschenke ich sie. Dies erfordert zwar Mühe, doch meines Erachtens lohnt sich der Aufwand im Nachhinein sehr. Für Bekleidung und Bettwäsche gibt es in jedem größeren Ort meist Container von Hilfsorganisationen. Bücher können in offenen Bücherregalen einen neuen Besitzer finden – oder ihr ein neues Buch. Für größere oder speziellere Dinge eignen sich Tauschbörsen im Internet oder Share&Care-Gruppen auf Facebook. Durch solche Aktionen bin ich schon vielen Menschen begegnet, die mir durch ihre Dankbarkeit den Aufwand des Verschenkens und den Verlust des Gegenstandes allemal zurückgezahlt haben.

Bereits nach kurzer Zeit machte mir dieses Entrümpeln und Aussortieren viel Spaß. Mittlerweile genieße ich es, mich von alten Dingen zu trennen und sie weiter zu geben. Nachdem ich wieder einmal ein oder zwei Schachteln verschenkt habe, fühle ich mich in meinem Zuhause noch wohler, da den verbliebenen Sachen mehr Ausdruck verliehen wird und sich ein befreiendes Gefühl in mir einstellt.

„Genug – Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen“

Für all jene unter euch, die jetzt auf den Geschmack gekommen sind, kann ich John Naishs „Genug – Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen“ sehr empfehlen. Es behandelt gleich mehrere Aspekte des Überflusses wie Informationen, Essen, Auswahl, Glück und Wachstum. Naish ergründet die menschlichen Verhaltensmuster des Sammelns, zeigt dem Leser Bereiche auf, an die er wahrscheinlich nie gedacht hätte und gibt am Ende jedes Kapitels Anleitungen und Hilfestellungen für sinnvolle Reduktion.

Durch dieses Buch wurde ich sensibilisiert, dass es allerhand neue Technologien gibt, die uns nur suggerieren, dass sie einen positiven Einfluss auf unser Leben haben. Anstatt dessen werden wir subtil davon abhängig. Viel zu oft rauben uns Kommunikationsmittel und Informationsmedien unsere kostbarsten Güter: Zeit, Aufmerksamkeit und Energie. Der Autor stellt die richtige Frage, deren Antwort niemand von uns in einem Katalog oder Einkaufszentrum finden sollte. Was ist wirklich wichtig?

Das Buch ist versehen mit vielen themenspezifischen Zitaten, die zum Nachdenken anregen. Eines davon führe ich hier an: „Sie hatte Freunde, die ernsthaft mit Yoga begonnen hatten oder Antidepressiva schluckten oder Survival-Expeditionen in die Wildnis unternahmen, wo man Trinkwasser gewinnt, indem man Tau auf Plastikplanen sammelt. Sie verstand, dass sie sich selbst nicht genug waren. Dass sie fürchteten, nicht glücklich genug oder wertvoll genug oder hübsch genug zu sein – und nicht genug, um eine Leere auszufüllen.“ Jean Thompson, „Wide Blue Yonder“

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