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Schlagwort: Protest

KUNST HALLT NACH: Mensch und Ratte als Versuchstiere – Florian Mehnerts Projekt „11 Tage“

Eine lebende Ratte als Zielobjekt im künstlerischen Experiment. Ein Einblick in die Auseinandersetzung mit dem Experiment „11 Tage“ und dem Austausch mit dem Künstler Florian Mehnert: Das Projekt „11 Tage“…

Eine lebende Ratte als Zielobjekt im künstlerischen Experiment. Ein Einblick in die Auseinandersetzung mit dem Experiment „11 Tage“ und dem Austausch mit dem Künstler Florian Mehnert:

Das Projekt „11 Tage“

Ein Online-Livestream. Gezeigt wird eine Installation mit einer lebendigen, weißen Ratte. Diese befindet sich in einer weißen Box (siehe Titelbild). Am unteren Rand ragt ein Waffenlauf ins Bild. Etwas oberhalb befindet sich ein Fadenkreuz. Die UserInnen können über die Frage: „Soll die Ratte am Leben bleiben?“ abstimmen, die Waffe bewegen und bekommen in Aussicht gestellt, dass zu einem späteren Zeitpunkt die Waffe scharf gestellt sein wird und die Möglichkeit entsteht, mit der Waffe auf die Ratte zu schießen.

Das Experiment erlangte viel Aufmerksamkeit …

Ernstzunehmend wurde vermittelt, dass die Möglichkeit zur Tötung der Ratte als ein reales und künftig stattfindendes Ereignis zu verstehen sei. Die Reaktionen der Menschen waren und sind sehr unterschiedlich. Einige begrüßten die Möglichkeit dieses realen Ego-Shooters oder gratulierten zum Mut des Künstlers, andere äußerten Beleidigungen oder Drohungen aufgrund seines Vorhabens.

Das zentrale und gewaltsamste Element – die in Aussicht gestellte, brutale Tötung der Ratte durch UserInnen – schockierte sehr viele Menschen und veranlasste zu erstatteten Anzeigen, gestarteten Petitionen und bekundeten Protesten. Alles um zu verhindern, dass die Ratte innerhalb dieses Experiments tatsächlich zu Tode kommen könnte.

… und nahm ein vorzeitiges Ende

Informationen zufolge wurde die Installation von den zuständigen Behörden und der Polizei aufgesucht und der Künstler vernommen [1]. Die Ratte befand sich in einem guten gesundheitlichen Zustand und der Künstler hat diese freiwillig zur Sicherstellung ans Veterinäramt übergeben. Am selben Tag, dem 17. März 2015, wurde das Experiment vorzeitig beendet, Florian Mehnert beteuert seither: „Es war nie geplant, die Ratte zum Abschuss freizugeben, die Waffe wirklich scharf zu schalten, auch wenn der technische Aufbau der Installation dies ermöglicht.“

Der Künstler

Florian Mehnert widmet sich in seinen Videoarbeiten und Rauminstallationen häufig gesellschaftlichen und politischen Themen. Den Werken wohnen schwere Inhalte und grenzüberschreitende Methoden inne. Überwachung und die Konsequenzen daraus wurden bereits im Projekt „Waldprotokolle“ (2013) thematisiert. Mehnert trat selbst in die Rolle des Überwachenden und installierte in einem Wald Wanzen, um die Gespräche von PassantInnen aufzuzeichnen und diese anschließend zu veröffentlichen. Die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privaten werden dabei aufgelöst. Im Projekt „Menschentracks“ (2014) wurden diese Grenzen bewusst verletzt. Mehnert hackte Smartphones, um deren Kameras fernzusteuern, das gewonnene Videomaterial wurde in einer Installation veröffentlicht. Der Künstler will dabei die „Bedeutung, den Verlust und den Wert unserer Privatsphäre in der vernetzten Gegenwart“ [2] hinterfragen.

In „11 Tage“ steigerte sich seine Rolle. Der Künstler erschuf eine Situation, die Online-UserInnen zu Überwachenden macht und ihnen in Aussicht stellt, von einer Schusswaffe Gebrauch machen zu können, um ein Lebewesen zu töten. Der Künstler ist Urheber, denn er schuf diese potenzielle Hinrichtungsstätte, Überwacher, weil er das Verhalten der RezipientInnen beobachtet und Anführer, da er bestimmen kann, ob eine Waffe mit tödlicher Munition zum Einsatz kommen wird oder nicht. Inwieweit hat der Künstler hier die Rolle derer (Staat, Militär etc.) eingenommen, die er selbst kritisiert? „Ich nehme als Künstler hier keinesfalls die Rolle derer ein, die ich kritisiere. Die Installation versetzt aber den Rezipienten in die Position des Überwachenden und des Drohnenpiloten.“, so Florian Mehnert.

Für die weitere Auseinandersetzung halte ich es durchaus für wichtig, neben beispielsweise ausführenden Rollen auch zugrundeliegende Mechanismen und voraussetzende Systeme zu berücksichtigen und hinterfragen.

Warum das alles?

Die Intention des Künstlers ist es, auf Themen wie Überwachung, bewaffneter Drohneneinsatz, Gamification [3] und Abstumpfung durch visualisierte Gewalt in den Medien hinzuweisen. „Die Installation […] veranschaulicht abstrakte Sachverhalte […], mehr noch, sie führt in ihrer Umsetzung sogar zu der Möglichkeit, die anonyme gezielte Tötung konkret nachzuvollziehen.“, so der Künstler.

Bild: Detail, Sicht auf Außenseite der Box mit technischen Apparaturen, Paintballwaffe verpixelt; im Innenraum dahinter befand sich die lebendige Ratte, 2015 | © Florian Mehnert

Künstler ↔ Werk ↔ Publikum

Welche Rolle spielt das Publikum?

Die Involvierung des Publikums könnte als werkimmanenter Teil verstanden werden. Die Rollen der/des Einzelnen sind unterschiedlich; beispielsweise unsichtbarer Zuseher, aktive Umfragenteilnehmerin, potenzieller Waffenbenutzer oder außerhalb des Werks aktiv werdende Unterzeichnerin einer Petition. „Die vielen Petitionen zeigen, dass Menschen, wenn sie tatsächlich einmal Einfluss nehmen können, sich konsequent engagieren, auch wenn es dann nur darum geht eine einzige Ratte zu retten.“, so Mehnert.

RezipientInnen legen Fokus falsch

„12% der User haben die Rettung der Ratte fokussiert, 82% haben dies nicht getan, sondern den tatsächlichen Impetus des Projekts erkannt und setzen sich in Folge dessen mit der Thematik auseinander.“, rechnet Florian Mehnert vor.

Florian Mehnerts Einschätzung gegenüber den RezipientInnen seines Projekts erzeugt Irritationen. Der Künstler schlussfolgert, dass „diese Rezipienten“ die leicht zu verstehenden Komponenten des Projekts, nämlich die „vermeintliche Rettung“ der Ratte und den „bösen Künstler“ zum Ventil benutzt haben für „die aufgestaute Wut und Hilflosigkeit aufgrund all der tausenden armen Laborraten, die man nicht zu retten vermag.“ Es dürfte sich laut Mehnert um „ein bestimmtes, relativ kleines, dafür aber umso lauteres ‚Klientel‘“ handeln, dass „auch für andere Laborratten protestieren“ würde, so Mehnert. [4]

Es ist doch nur eine Ratte

Die weiße Ratte ist als „klassisches Versuchstier“ zu betrachten, verwendet „um auf real existierende menschliche Opfer aufmerksam zu machen“, erklärt der Künstler und gibt an, dass von RezipientInnen differenziert werden muss, weil „eine Ratte in der Regel keineswegs die gleiche Wertigkeit wie die eines Mensch einnimmt.“ Doch wenn die Ratte im Experiment symbolisch für einen Mensch steht, wäre der Einsatz, der den Tod verhindern will nicht wünschenswert?

Was meint das Tierschutzgesetz? TierSchG §1: „[…] Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Stellt ein Kunstexperiment für die GesetzgeberIn diesen „vernünftigen Grund“ dar?

Bild: Stahlkonstruktion, Box aus Polyethylen, Servomotoren, Ardiuno Board, Webcam, Paintballwaffe, lebende Ratte (hier nicht sichtbar) 2015, 195 x 60 x 145 cm | © Florian Mehnert

Bild: Stahlkonstruktion, Box aus Polyethylen, Servomotoren, Ardiuno Board, Webcam, Paintballwaffe (200 Bar), lebende Ratte (hier nicht sichtbar) 2015, 195 x 60 x 145 cm | © Florian Mehnert

Fazit

Aufmerksamkeit um jeden Preis – wer profitiert davon?

Ein aufsehenerregendes Projekt mit erheblichem Potenzial, Auseinandersetzungen und Diskussionen zu verschiedenen Themen hervorzurufen. Doch können diese reißerischen Methoden und vorsätzlichen Polarisierungen eine seriöse Auseinandersetzung ermöglichen? Ist das Konzept des Projekts ausgearbeitet genug, um schwierigen Inhalten und moralischen Fragen tatsächlich gerecht zu werden? Wo und wie grenzt sich das Experiment von den Elementen ab, die es versucht zu kritisieren? Wird die zerstörerische Gewalt an Lebewesen, die Abstumpfung und Senkung der Hemmschwellen durch Visualisierung von Gewalt, der Prozess Gamification, die Taten rücksichtsloser Machtpositionen und das Töten unschuldiger Lebewesen durch das Projekt „11 Tage“ tatsächlich in Frage gestellt oder vielmehr bekräftigt?

Kunst kann sichtbar machen

Es gibt viele Themen, die Aufmerksamkeit, Hinterfragung und Veränderung erfordern, Kunst kann eine Möglichkeit sein, um uns auf diese Themen aufmerksam zu machen. Fest steht, dass viele Menschen bereit sind zu handeln, wenn Handlungsbedarf und Handlungsmöglichkeiten sichtbar werden. Die Not von Betroffenen, ob Menschen oder andere Tiere, gegeneinander auszuspielen ist dem Engagement für gesellschaftsrelevante Themen nicht dienlich. Vielmehr wird dadurch sichtbar, wo die Grenzen und Barrieren im Denken derer sind, die in herrschaftlichen Systemen ganz selbstverständlich die Rolle der/des Unterdrückenden einnehmen.

Tiere in der Kunst

Kunst, die lebende Tiere zu Objekten erklärt und auf anthropozentrische Weise benutzt, reflektiert das, was oft unhinterfragt, tagtäglich in unsere Gesellschaft passiert. Die Freiheit der Kunst sollte aber dort enden, wo Rechte und Schutz anderer Lebewesen von künstlerischen Umsetzungen bedroht werden.

Vielen Dank an Florian Mehnert für die ausführliche Beantwortung meiner Fragen und die zur Verfügung gestellten Bilder!

Was denkst du über den Verlauf des Experiments? Kennst du andere künstlerische Projekte, in denen lebende Tiere verwendet werden?

 

[1] Laut Auskunft der Tierschutzpartei ist ein Verfahren gegen den Künstler anhängig und die Staatsanwaltschaft hat eigene Ermittlungen aufgenommen.
[2] Website des Künstlers
[3] Als Gamification wird der Prozess bezeichnet, der Prinzipien aus Spielen (bspw. Mechanik, Design, Denken) in spielfremde Kontexte überführt.
[4] Hier wird Bezug genommen auf Reaktionen von RezipientInnen, die den Tod der Ratte innerhalb des Projekts zu verhindern versuchten. Die Differenzierung von an den Künstler gerichtete Beleidigungen, Drohungen, etc. wurde klar kommuniziert.

 

Quellen
Website zum Projekt 11 Tage
Online-Zeitungsberichte und Blogbeiträge
E-Mail Interview mit Florian Mehnert
E-Mail Kontakt mit Vorsitzender vom Landesverband Hamburg von Partei Mensch Umwelt Tierschutz
Stoppen Sie das Rattenexperiment, Keine Ausstellungen für Tierquäler (Auszug Petitionen)
Website Partei Mensch Umwelt Tierschutz

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Drei Finger gegen die Junta – Wie eine Hand Angst verbreitet

Es war eine einfache Geste, die den Respekt für eine gefallene Verbündete ausdrücken sollte. Eine erhobene Hand mit drei ausgestreckten Fingern, die für Dankbarkeit, Respekt und Abschied stehen. Eine andere…

Es war eine einfache Geste, die den Respekt für eine gefallene Verbündete ausdrücken sollte. Eine erhobene Hand mit drei ausgestreckten Fingern, die für Dankbarkeit, Respekt und Abschied stehen. Eine andere Deutung besagt, dass die Geste für die Ideale der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – steht.

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Bild: Khaosod English

Nicht nur im Film „Die Tribute von Panem“ – Originaltitel „The Hunger Games“ – entwickelte sich dieser Gruß zum Zeichen der Revolution gegen die Herrschenden, sondern er wurde auch von Demonstrierenden in Thailand verwendet, um gegen die aktuelle Militärregierung zu protestieren.

Warum gelangt so ein Gruß aus der Fiktion in die Realität?

Um dies erklären zu können, muss ich noch einmal auf den Kinofilm zurückgreifen. Die Ausgangssituation im Film beschreibt das sogenannte „Kapitol“, welches die herrschende Klasse darstellt. Um das Kapitol herum gibt es 13 Distrikte, wobei Distrikt 13 beim letzten Bürgerkrieg vollständig zerstört wurde. Die übrig gebliebenen Distrikte arbeiten unter schlechten Bedingungen und immer der staatlichen Willkür ausgesetzt, um das Kapitol mit allen angenehmen Dingen zu versorgen, die dort gewünscht und benötigt werden. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft also. Und es braucht nicht all zu viel Fantasie, um sich auszumalen, dass diese nur durch Angst und Gewalt aufrecht erhalten werden kann. Doch jede Gewalt zieht irgendwann einmal Gegengewalt nach sich. Immer auf dem schmalen Grad zur Revolution.

Springen wir in die Realität

„In Thailand hat das Militär nach monatelangen politischen Tumulten die Regierung abgesetzt und die Verfassung außer Kraft gesetzt. Armeechef Prayuth Chan-Ocha erklärte, die „bewaffneten Streitkräfte, die Königliche Luftwaffe und die Polizei“ hätten die Macht übernehmen müssen, nachdem es den politischen Gegnern nicht gelungen war, ihre Differenzen am Verhandlungstisch zu lösen. Prayuth brach damit seine Zusage aus den vergangenen Tagen, dass das Militär nicht die Macht im Land übernehmen werde. […] Als ersten Schritt verhängte die Armee eine landesweite nächtliche Ausgangssperre. Die Thailänder rief Prayuth zur Zurückhaltung auf. „Wir bitten die Bevölkerung, nicht in Panik zu verfallen und ihr Leben normal weiterzuführen.“

Tagesschau am 22.05.2014

Da hatte man also bereits die ersten Parallelen in Form von politischer Unruhe und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Was bedeutete dies im Weiteren für die Thailänder? Prayuth schränkte die Pressefreiheit ein: Zehn Fernsehsender mussten ihren Betrieb einstellen. Die Armee befahl Sendern, ihre Mitteilungen zu übertragen. Presseorgane wurden angehalten, nur genehmigte Fakten zu transportieren, um die Aufgabe der Armee, den Frieden zu wahren, nicht zu unterwandern, wie es nach einem Bericht der „Bangkok Post“ hieß. Ausgangssperren, Medienzensur, Demonstrationsverbot. Das klingt doch alles nach einem ganz normal weitergeführten Leben. In Panem, aber leider mittlerweile auch in Thailand.

Der Dreifinger-Salut wurde erstmals bei einer Demonstration in einem Einkaufszentrum im Bangkoker Stadtteil Asoke dokumentiert. Eine Gruppe von etwa 30 Personen hatte sich über Facebook zu der Aktion verabredet. Die Versammlung wurde vom Militär aufgelöst, sechs Teilnehmer wurden festgenommen. Dann kam der November 2014, in dem 5 Studenten vorübergehend festgenommen wurden, weil sie Premierminister Prayut Chan-O-Cha mit dem Drei-Finger-Zeichen begrüßt hatten, welches in dem Film der Gruß der Aufständischen ist. Doch genau dieser Ablauf unterstützt erst die weitere Verbreitung des Dreifinger-Grußes und so breiten sich Proteste dieser Art weiter in Thailand aus.

„Jede Verwendung des Spotttölpelsymbols ist verboten.“ Präsident Snow, Herrscher über das Kapitol in Panem

Ich weiß nicht genau, was mich mehr erschreckt. Dass die Bücher der „Tribute von Panem“ so nahe an der Realität sind, oder dass anscheinend Machthaber immer noch nicht verstanden haben, dass es eine Kette von Abfolgen gibt, die meist unwiderruflich in Gang gesetzt wird, wenn ein Rädchen ins andere greift. Wie also reagierten die Machthaber in Thailand auf den Drei-Finger-Gruß? Thailändische Studenten wurden verhaftet, nachdem sie den Premierminister mit dem Dreifinger-Gruß aus „Panem“ gegrüßt hatten. Laut dem Anwalt der Verhafteten wurden seine Mandanten dazu gedrängt, einen Verzicht auf sämtliche politischen Aktivitäten zu unterzeichnen. Sie wurden danach zwar freigelassen, müssen sich nun aber wegen eines Verstoßes gegen das Militärgesetz vor Gericht verantworten. An anderer Stelle: Laut Berichten von N-TV hatte eine Kinobesucherin im Rahmen der Kinopremiere „das Antiregierungszeichen“ gemacht. Das bedeutete für die Dame dann:

„Ein Verhör solle nun Klarheit bringen, ob die Frau wegen der Tat in ein „Militärlager zur Verhaltensanpassung“ gebracht werde, sagte Polizeioberst Kittikorn Boonsom.“

Inzwischen reicht offenbar schon eine Kinokarte für die „Tribute“ aus, um den Argwohn der Militärjunta auf sich zu ziehen. Der Student Ratthapol Supasopon hatte Freikarten verteilt, bevor er festgenommen wurde. „Es ist nur eine Aktivität, um den Film zu sehen“, sagte er kurz zuvor. „Wir werden die drei Finger nicht zeigen. Jeder hat Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Heute gibt es in Thailand keine Freiheit mehr.“

„Der stille Protest kann aber schnell zum Gegenteil von Freiheit führen. Dieses Foto zeigt, wie Zivilpolisten eine Frau festnehmen. Ihr Vergehen: Sie stand an einer Straßenkreuzung und trug eine Maske mit der Aufschrift „People“. Laut anderen Berichten hat sie auch den Dreifinger-Salut gezeigt. Laut „Bangkok Post“ überlegt die Militärjunta inzwischen, den Gruß zu verbieten. Zumindest wer auf Aufforderung seinen Arm nicht senkt, soll künftig festgenommen werden.“

Nachdem sich Armeechef Prayut Chan-ocha zum mächtigsten Mann des Landes ernannt hatte, setzte er die Verfassung außer Kraft. Seitdem sind Versammlungen mit mehr als fünf Personen verboten, die Meinungs- und Pressefreiheit stark eingeschränkt. Laut Human Rights Watch wurden bislang mehr als 200 Oppositionelle, Politiker und Journalisten festgenommen. Die Organisation erkennt inzwischen „Zeichen für die Errichtung einer Diktatur“. Panem oder Thailand – Fiktion oder Realität?

Ein persönliches Fazit

Die meisten Menschen hier in Europa können sich glücklich schätzen, dass wir uns mit so Luxusfragen wie „Was möchte ich heute Abend essen?“,  „In welchem Club gehe ich feiern?“ oder „Welchen Kinofilm schaue ich mir heute Abend an?“ beschäftigen können. Was dies aber alles erst ermöglicht, ist ein einfaches, unscheinbares Wort, welches erst eine riesige Bedeutung erlangt, wenn man es nicht mehr leben kann: Freiheit. Gerade der heutigen Jugend wird nachgesagt, dass sie sich kaum noch für irgendwelche politischen Dinge interessiert. Ich bin der Meinung, dass wir ein wenig verwöhnt sind, was die allgemeine Situation angeht. Wir können sagen, was wir wollen, mag es richtig oder falsch sein, und müssen nicht um unser Leben bangen. Wir dürfen hinaus gehen, solange und so oft wir wollen, und wir dürfen treffen wen wir wollen.

Zum Abschluss dieses, zugegeben ungewohnten, Artikels möchte ich euch mit einem Zitat des Darstellers von Präsident Snow, Donald Sutherland, verabschieden, welches ich aus einem Interview mit der Bild-Zeitung entnommen habe:

„Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit! Kämpft für eure Selbstbestimmung!“ [Dieses Zitat twittern]. Oder kopieren und [bei Facebook posten]

Und nun geht hinaus und vertretet eure Ideale!

 

Kleines Update noch am Rande:


Quellenangaben und zum Weiterlesen:

http://www.khaosodenglish.com/detail.php?newsid=1418379319
http://www.tagesschau.de/ausland/thailand-kriegsrecht100.html
http://www.bravo.de/josh-hutcherson-panem-gruss-beim-basketball-spiel-250139.html
http://www.tagesschau.de/ausland/militaerputsch-thailand100.html
http://www.filmstarts.de/nachrichten/18490092.html
http://www.n-tv.de/politik/Thailands-Junta-fuerchtet-Tribute-von-Panem-article14004366.html
http://passauwatchingthailand.com/2014/06/01/mit-drei-gestreckten-fingern-gegen-die-militarmachthaber/
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/die-tribute-von-panem-gruss-aus-hunger-games-in-thailand-verboten-a-1003957.html
http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/thailand-gruss-aus-tribute-von-panem-fuehrt-zu-festnahmen/11008760.html
http://www.jabberjays.net/2014/11/18/the-hunger-games-mockingjay-part-1-discussion/
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/tribute-von-panem-thailand-proteste-gegen-militaerregierung-a-973121.html

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Von Hochverrat bis Abtreibung: Protestwandern im Wiener Stil

„Suchen Sie etwas?“ Ich traue mich gar nicht, mich umzudrehen: Die Frage hört sich alles andere als einladend an. Ich stehe hier in einem Hinterhof eines Wohngebäudes im 4. Wiener…

„Suchen Sie etwas?“ Ich traue mich gar nicht, mich umzudrehen: Die Frage hört sich alles andere als einladend an. Ich stehe hier in einem Hinterhof eines Wohngebäudes im 4. Wiener Gemeindebezirk und fühle mich instinktiv wie ein Eindringling. Nach dem Tonfall zu urteilen offensichtlich zu Recht. „Ist das der Eingang zum Planquadrat?“, ich versuche so selbstbewusst zu klingen wie möglich und deute auf eine versperrte Gittertür im Hof. „Wie kommen Sie hier überhaupt herein?“, geht die Fragestunde weiter, wobei sich die Stimme jetzt eher neugierig als gestört anhört, „das ist nur der Eingang für die BewohnerInnen des Hauses. Das offizielle Tor finden Sie zwei Häuser weiter.“ Tatsächlich: Grün und fett leuchtet das Schild „Planquadrat“ über der großen Tür bei Margaretenstraße Nummer 28. Wie ich das übersehen konnte ist und bleibt mir ein Rätsel. Genauso wie ich daran die letzten Jahre vorbei laufen konnte. Schließlich bin ich hier in meiner Wiener Nachbarschaft.

Zwei Männer sind in ihr Tischtennisspiel vertieft, ein anderer läuft seinem Kleinen hinterher, der offenbar gerade die Freude am Tretroller entdeckt hat; Mütter backen mit ihren Kindern Sandkuchen und ein älterer Herr liest genüsslich auf der Bank seine Zeitung – die Grünfläche im 4. Bezirk scheint ein hundsordinärer Wiener Park zu sein. Der Eindruck täuscht! Gegründet 1977 ist das Planquadrat der einzig öffentlich zugängliche Park in Wien, der – Achtung, jetzt kommt´s – von einem privaten Verein geführt wird. Schuld daran sind die beiden Filmemacher Helmut Voitl und Elisabeth Guggenberger, die für eine TV-Show über die Probleme der Stadtenwicklung mit Menschen darüber gesprochen haben, wie sie ihre Umgebung gestalten könnten. Offensichtlich mit nachhaltiger Wirkung: Daraus entstand nämlich der Park, der seither von den Mitgliedern des Vereins verwaltet wird. Und die kümmern sich nicht nur um die alltäglichen Reparaturen oder Gartenarbeiten, sondern organisieren auch ein Sommerfest und vieles mehr – wie es sich für einen Park eben gehört.

Seit 1977 wird das Planquadrat im 4. Bezirk privat geführt, ist aber ein öffentlicher Park. Foto: Doris

Seit 1977 wird das Planquadrat im 4. Bezirk privat geführt, ist aber ein öffentlicher Park. Foto: Doris

Warum ich das alles weiß? Das Planquadrat ist eine von zwölf aktuellen Stationen des Ersten Wiener Protestwanderwegs – und auf dem bin ich heute unterwegs. Wobei es ja kein richtiger Wanderweg mit Anfang und Ziel ist, dafür liegen die Orte zu weit auseinander. Vom Touri-Magneten Stephansdom bis zum unabhängigen Kulturzentrum Arena, vom Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch (!) bis hin zur Stopfenreuther Au, wo man in den 80er Jahren erfolgreich gegen ein Wasserkraftwerk protestiert hat – in einem Tag kann man die alle unmöglich abmarschieren. Darum geht es auch nicht.

Screenshot der aktuell 12 Stationen des Protestwanderwegs.

Screenshot der aktuell 12 Stationen des Protestwanderwegs.

Gegründet vom Zentrum Polis und dem Autor Martin Auer will der Protestwanderweg, nicht zum Wandern bringen, sondern dazu, Wien neu und anders kennen zu lernen. Vor allem SchülerInnen der Oberstufen will das Projekt ansprechen, steht aber allen Interessierten offen. „Wir möchten Menschen zum Nachdenken anregen“, erzählt mir die Initiatorin Patricia Hladschik, „wir gehen manchmal jahrelang an Orten der Stadt vorbei, ohne zu wissen, welche Geschichte dahinter steckt.“ Ertappt! Ich bin bisher nicht nur am Planquadrat vorbei gelaufen, sondern hatte auch keine Ahnung, dass das Wiener Parlament durch eine Revolution entstanden ist…

Der QR Code sollte auf der Wand des Parlaments angebracht werden. Foto: Doris

Der QR Code sollte auf der Wand des Parlaments angebracht werden. Foto: Doris

„Die Stationen zeigen den Kampf um mehr Gerechtigkeit sowie um Demokratie und Menschenrechte für alle auf“, beschreibt Hladschik die Vielfalt der Orte, „ohne Menschen, die sich engagieren, wäre ja zivilisatorischer Fortschritt nicht möglich.“ Von der Verteilung von Flugblättern bis zur Revolution, von Streiks bis zur Verschwörung – die Formen von Protest sind so vielfältig wie die Stationen selbst. Was an jeder Einzelnen von diesen geschehen ist, erfährt man als ProtestwandererIn (ein schönes Wort, oder?!) direkt vor Ort: Auf Informationstafeln, die mit einem QR Code versehen sind. Einmal das Handy über den mobilen Tag halten – und schon kommt man auf weitere Infos in Text, Audio und Video.

Oh, ein QR Code - leider aber der Falsche. Foto: Doris

Oh, ein QR Code – leider aber der Falsche. Foto: Doris

So der Plan! Leider habe ich nämlich auf meinen Stationen des Protestwanderwegs wenig Glück: Beim Verhütungsmuseum, das für den Kampf um die Beseitigung des Abtreibungsverbots in Österreich steht, entdecke ich zwar gleich einen Aufkleber mit Code. Allein es ist der Falsche. Im Parlament erklärt man mir, dass „irgendwo an der Außenwand“ das Aufhängen der Informationstafel geplant ist – aber meine Suche bleibt vergeblich.

QR Codes und die Tafeln sind derzeit noch nicht an allen Stationen angebracht - eigentlich hab ich sie nur an einem Ort gefunden. Foto: Doris

QR Codes und die Tafeln sind derzeit noch nicht an allen Stationen angebracht – eigentlich hab ich sie nur an einem Ort gefunden. Foto: Doris

Fündig werde ich dann ENDLICH beim Café Hebenstreit und erfahre dort, dass das Kaffeehaus an einen gewissen Franz Hebenstreit erinnert, der mit anderen 1794 in Wien zum Tod verurteilt wurde. Weil er sich für eine demokratische Staatsform eingesetzt hatte! Bei allen anderen Orten bleibe ich aber ebenso wenig unwissend, schließlich sind „alle Stationen schon online zugänglich“, so Patricia Hladschik, „aber es hängen noch nicht alle Tafeln – und die Station am Stephansplatz ist gar nicht mit einer Tafel markiert, weil das dort nicht möglich ist.“ Wie gut, dass der Protestwanderweg dafür die Orte auf einer Google Maps markiert hat – damit finde ich das Symbol der Widerstandsbewegung O5 von 1945 ganz einfach.

Daran geht bald einmal jemand vorbei, am O5 Symbol am Stephansdom. Foto: Doris

Daran geht bald einmal jemand vorbei, am O5 Symbol am Stephansdom. Foto: Doris

Nicht, dass die verglaste Aufschrift gleich neben dem Haupteingang des Stephansdom so unauffällig wäre. Aber wie oft ich (und andere) normalerweise daran – wie am Planquadrat auch – einfach vorbei laufen, das ist eine andere Geschichte…

Auf mein Feedback, dass die Informationstafeln – so sie hängen – nicht einfach zu finden sind, wurde auch gleich reagiert: Mittlerweile ist der genaue Ort im Begleitheft vermerkt – sowas nenne ich schnell! Mehr zum Projekt: www.protestwanderweg.at

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