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Mein Leben mit einem Syrer: Kulturelle Unterschiede (Teil 2)

Im ersten Teil ging es um Themen wie „Begrüßungen und Berührungen“ oder „Frauen, Verhüllung und Arbeit“. Nun folgt Teil 2 mit weiteren Themen. Über die Familie und das Heiraten „Sind die…

Im ersten Teil ging es um Themen wie „Begrüßungen und Berührungen“ oder „Frauen, Verhüllung und Arbeit“. Nun folgt Teil 2 mit weiteren Themen.

Über die Familie und das Heiraten

„Sind die beiden verheiratet?“, lautete erst kürzlich eine Frage von Österreichern, als ein syrisches Paar mit Kindern bei ihnen eine Wohnmöglichkeit fand. Beide hatten unterschiedliche Nachnamen und auch der Altersunterschied von vierzehn Jahren war erst etwas ungewohnt. Die Erklärung: Um die Familie der Frau zu respektieren, tauscht man den Namen nach der Heirat üblicherweise nicht aus. Zusätzlich geht diese Regelung auch auf die Osmanen zurück, wo es noch keine Nachnamen gab und man nach dem Vater benannt wurde, sprich „Tochter/Sohn von“ um nachvollziehen zu können, aus welcher Familie man stammt. Der Stamm richtete sich nach dem Stammesoberhaupt, in dem Fall nach dem Vater. Somit war es unüblich, dass die Frau den Namen/Nachnamen des Mannes annahm, weil sie ja nicht aus seinem Stamm stammte. Der Altersunterschied kommt daher, dass die Familie und in weiterer Folge die Kinder als äußerst wichtig gelten, der Mann diese sein ganzes Leben lang zeugen kann und er erst ein schönes Zuhause „erarbeitet“, bevor es ans heiraten geht.

Unsere „europäischen“ Beziehungen gibt es bei syrischen Muslimen kaum – gefällt einem Mann eine Frau, gilt es, sie nach der Telefonnummer ihrer Eltern zu fragen – oder – eine andere Variante: Eine dritte Person zu schicken, um ihre Ehre nicht zu verletzen. Es liegt dann an ihr, ihm die Nummer zu geben oder abzulehnen. Anschließend findet ein Telefonat zwischen seinen und ihren Eltern statt und wenn alles gut läuft, ein Treffen zwischen den beiden samt Eltern. Es wird unter anderem über seinen Job geredet (und auch „überprüft“ ob er wirklich dort arbeitet, wo er angibt und allgemeine Informationen eingeholt). Sind nach wie vor alle (!) einverstanden, können sich die beiden verloben und somit sozusagen eine „Kennenlernphase“ (wahlweise geheim oder öffentlich) starten, bei der – wenn gewünscht – Händeschütteln erlaubt ist, aber keine Küsse und kein Geschlechtsverkehr. Und wenn man sich sicher ist, dass man zueinander passt, heiratet man nach maximal zwei Jahren.

Schweinefleisch, Pferde und Hunde

Laut Quran verbietet Gott den Menschen den Verzehr von Schweinefleisch, es gilt somit als „haram“ (verboten), ebenso wie das Trinken von Alkohol oder das Konsumieren von Drogen. Muslime halten sich strikt an diese Verbote, da sie von deren Sinnhaftigkeit überzeugt sind. Alles was Gott erlaubt ist gut für die Menschen, alles was er verbietet, schadet ihnen (unabhängig davon, ob er das sofort „erkennt“ oder nicht). Und während man vor über tausend Jahren noch nicht genau über Schweine als Überträger von Bakterien Bescheid wusste beziehungsweise forschen konnte, gibt es heute immer mehr Forschungen in diese Richtung gehend, zum Beispiel der Nipah-Virus oder der Aujeszky-Virus (übrigens auch der Grund, warum Katzen und Hunde kein rohes Schweinefleisch essen sollten) – und hier auch noch ein Link zu einem „nicht muslimischen“ Gesundheitsratgeber, in welchem ebenfalls vom Verzehr von Schweinefleisch abgeraten wird. Auch im Christentum wurde übrigens (im Alten Testament, geht auf Mose zurück) das Schwein als unreines Tier bezeichnet, das nicht verzehrt werden sollte.

Es wird im Islam auch allgemein kein Tier gegessen, das selbst Fleischfresser ist beziehungsweise Blut frisst oder trinkt. Als Grund der Abneigung kann man heute zum Beispiel anführen, dass man beim Verzehr von „brutalen“ Tieren deren Veranlagung und Gene zum Töten sowie auch dessen Verlangen nach Blut in sich aufnimmt. Ich persönlich finde hier den Satz „du bist was du isst“ sehr passend.

Praktizierende Muslime essen „halal-Fleisch“ (halal bedeutet übersetzt „erlaubt/zulässig“), bei dem man Tiere händisch nach einem kurzen Gebet (in Österreich natürlich auch unter Einhaltung der Tierschutzgesetze und mit zusätzlicher Betäubung, Quelle: das biber) schlachtet und ausbluten lässt. Im Gegenzug dazu steht „haram-Fleisch“ (haram bedeutet übersetzt „verboten“). Pferdefleisch wird von Syrern ebenfalls nicht gegessen – dies aber aus Respekt und weil Pferde für Araber ein Teil ihrer Geschichte und Nation sind.

Das Halten von Hunden ist im Islam ebenfalls verboten („haram“), als Ausnahmen gelten der Schutz einer Herde beziehungsweise Farm und die Jagd. Für Muslime gilt der Speichel von Hunden als rituell unrein, deshalb gilt es, nach dem Kontakt mit Hunden oder deren Atem, sich gründlich zu waschen oder zu duschen beziehungsweise die Kleidung zu wechseln. Ähnlich wie oben beschrieben kann man auch hierfür sagen: Alles was Gott erlaubt ist gut für die Menschen, alles was er verbietet, schadet ihnen. Ich kenne allerdings ein paar SyrerInnen, die bei österreichischen Familien mit Hund unterkommen, aber nie ein Wort über den „störenden/unreinen“ Hund verlieren würden. Vielmehr geht es um ein wenig Rücksichtnahme, dass der Hund nicht zwingend alles beschnüffelt und dass der direkte Kontakt für viele sehr unangenehm ist, weil danach eine Dusche notwendig ist.

Über Integration und Neues

Neu sind für SyrerInnen hier in Österreich: Mülltrennung, Zebrastreifen, allgemein das Verkehrssystem inklusive Geschwindigkeitsbeschränkungen, geschlossene Geschäfte am Sonntag und auch unter der Woche Öffnungszeiten „nur“ bis 18, 19 beziehungsweise 20 Uhr, kaum gegenseitiges Helfen (in Syrien werden ohne zu fragen Einkaufstaschen abgenommen, Person per Auto-Stopp mitgenommen…), Alkohol in Torten und Kuchen beziehungsweise allgemein als Konservierungsmittel, süße Hauptspeisen, dunkles Brot und Mineralwasser beziehungsweise kohlensäurehaltige Frucht-Getränke, Hunde im Haus (und in Kinderwägen), Anrufen vor Treffen (und nicht einfach vor der Türe stehen), Stellenwert der Familie und so einiges andere. Beim Punkt Familie kann auch ich etwas neues dazu lernen: Nicht nur einmal habe ich in letzter Zeit gehört: „Wie geht es deinem Papa? Du solltest ihn mal wieder anrufen.“ und wirklich, man schätzt seine Familie und kümmert sich hier leider oft viel zu wenig. „Du kannst eine neue Liebe finden, aber die Liebe zwischen dir und deiner Mama, deinem Papa, deiner Schwester oder deinem Bruder ist absolut unersetzlich.“

Und natürlich ist auch die Sprache neu (inklusive Buchstaben, diese werden in Syrien nur im Englisch-Unterricht verwendet), wobei mir auch hier noch niemand begegnet ist, der diese nicht lernen will. Eher Gegenteiliges ist der Fall und auch der „Deutschkurs Traiskirchen“ ist seit Anfang an immer gut besucht.

Fast alle Syrer wollen nach Kriegsende wieder zurück. „Wir fühlen uns momentan wie Fische ohne Wasser“, um zu zitieren, „das Leben dort ist einfacher für uns – wir lieben Syrien, es ist ein wunderbares Land. Wir sind nicht nach Europa gekommen des Geldes wegen, wir möchten auch niemandem hier den Job wegnehmen, wir sind hergekommen weil wir keine andere Wahl hatten und wir wollen wieder zurück, sobald es möglich ist“.

Das Bild der Medien und Vorurteile

„Wenn all das wirklich stimmt, woher kommt dann das Bild im Kopf vieler europäischer Menschen (einschließlich mir), dass es Steinigungen gibt, die Hände abgehakt werden, Frauen nicht Auto fahren dürfen und so weiter?“, will ich wissen. „Im Islam wird eine Hand abgehakt, wenn man etwas stiehlt (nach Einhaltung einiger Regeln wie zum Beispiel: Der Dieb muss gestehen oder es gibt zwei bis vier Zeugen und einen genauen Plan für den Einbruch inklusive Türe aufbrechen etc. – und: Der Richter muss zustimmen, dass die Person schuldig ist) – ausgenommen sind Dinge, die für das Überleben notwendig sind, wie zum Beispiel Brot oder Geld für Brot. Dieses „Hände abhaken“ gilt aber seit sehr langer Zeit nicht mehr für Syrien sondern wird nur noch in Saudi-Arabien praktiziert! Die Sache mit dem Autofahren betrifft ebenso Saudi-Arabien, in Syrien dürfen Frauen fahren.“

Als wir gemeinsam mit einer österreichischen Freundin Kebap essen sind, die andere Seite: „Bevor wir nach Europa kamen, sahen und hörten wir immer wieder in den Zeitungen und im Fernsehen, in Europa drehe sich alles um Sex und Drogen – es machte den Anschein, als könnte man einfach so auf jeder x-beliebigen Straßenecke oder auf jedem Restaurant-Tisch Geschlechtsverkehr haben – aber das ist genauso wenig wahr wie das Bild welches hier oft in den Medien über uns vermittelt wird“.

Das waren jetzt im gröbsten die kulturellen Unterschiede zwischen Syrien und Österreich – wir könnten noch viel mehr schreiben, möchten an dieser Stelle aber nun auch Teil zwei beenden. Wir, das sind Mahmoud und ich, ohne den dieses Projekt nicht möglich gewesen wäre – unzählige Gespräche, Wiederholungen, Links, Geduld, Übersetzungen – vielen lieben Dank dafür! Dankeschön auch an Betül und Amine fürs Korrekturlesen der Infos!

Hier findet ihr den Link zum ersten Teil, wenn ihr Fragen zu diesen oder auch weiteren Themen gibt, bitte gerne einen Kommentar hinterlassen.

12 Kommentare zu Mein Leben mit einem Syrer: Kulturelle Unterschiede (Teil 2)

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