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Schlagwort: Meditation

Maskerade des Glücklichseins – Wie der Alltag uns zu geschminkten Clowns macht

„Naaa, wie waren deine Ferien?“, fragt meine Kollegin Susanne lächelnd. Ich senke meine Kaffeetasse. „Ach du“, sage ich und schaue dabei zum Fenster hinaus, wo dicke Regentropfen – vielleicht sind es auch…

„Naaa, wie waren deine Ferien?“, fragt meine Kollegin Susanne lächelnd. Ich senke meine Kaffeetasse. „Ach du“, sage ich und schaue dabei zum Fenster hinaus, wo dicke Regentropfen – vielleicht sind es auch Schneeflocken – gegen das Fenster klatschen, „abgesehen davon, dass mein Freund Schluss gemacht hat, ich einmal in der Notambulanz saß, ein anderes Mal der Notarzt mit Blaulicht kam und meiner Tante das Haus abgebrannt ist, ganz gut. Und deine?“ Sie starrt mich an und beginnt an ihrem Kugelschreiber herumzulutschen, als könne sie aus ihm eine angemessene Reaktion saugen. Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass ihre Frage rhetorisch gemeint war, aber mir ist heute einfach mal nach Wahrheit. Zu anstrengend erscheint mir das Aufsetzen meiner Maske. Aber warum sind wir eigentlich so, wenn wir auf der Arbeit sind? Warum gibt es von uns eine private Version und eine, die dauerglücklich im Büro sitzen muss?

Da steht der Manager bei der Präsentation vor seinen Kollegen, ein Schatten seiner selbst, zeigt höchste Professionalität und in Wahrheit weint er innerlich um seine verstorbene Mutter. Die Kassiererin sitzt an der Kasse und jedes Mal, wenn jemand die Ritter Sport Alpenmilch kauft, schießt ein schmerzvolles Projektil voller Adrenalin mitten durch ihr Herz, weil sie an die strahlenden Augen ihres Ex-Mannes denkt, wenn sie ihm die Schokolade mitgebracht hat. „War beim Einkauf alles in Ordnung?“, fragt sie lächelnd, aber mit leeren Augen. Wir sitzen mit Liebeskummer am Arbeitsplatz und wenn uns der Kollege fragt, wie es uns geht, antworten wir: „Gut, danke.“ Heute habe ich mit meiner Antwort die natürliche Ordnung aus dem Gleichgewicht gebracht und genau das will mir Susanne auch zu verstehen geben, indem sie meint: „Oh verdammt, das tut mir leid. Na ja, wir reden später darüber, ich muss noch ein paar Sachen kopieren.“

Als ich nach der Trennung von meinem Freund die sechste Taschentuch-Box geleert hatte und die Ferien langsam dem Ende nahten, googelte ich, ob man sich wegen Liebeskummer krankschreiben lassen kann. Immerhin kann daraus das lebensbedrohliche Broken-Heart-Syndrom entstehen. Wegen Liebeskummer haben sich schon viele Menschen das Leben genommen. Warum also nicht zuhause bleiben und dem Kummer seinen Lauf lassen? Ich las Antworten wie „die eigene Gefühlslage hat im Job nichts verloren“ oder „Arbeit und Privatleben muss man trennen können“. Selbst die Süddeutsche Zeitung schreibt: „So weh eine Trennung auch tut – im Berufsalltag sollten private Probleme keine Rolle spielen.“* Nun saß ich vor meinem Laptop und eine einzige Frage schwirrte durch meinen Kopf: Warum eigentlich? Warum betreten wir jeden Morgen aufs Neue diese Bühne mit einem Lächeln, als hätten wir es uns mit Theaterschminke ins Gesicht gemalt und mit Haarspray fixiert? Warum ist es nicht in Ordnung, vor den Kollegen zu weinen? Und warum darf ich mich, wenn ich einen Beruf mit viel Kundenkontakt habe, nicht krankschreiben lassen, wenn ich Kummer habe?

Brokenheart

Keine zehn Minuten, nachdem meine Kollegin Susanne mich stehengelassen hat, betrete ich meine Bühne: Das Klassenzimmer 202. Mein Publikum: Die 5b. Während ich den Schlüssel in das Schloss stecke und die Meute hinter mir durch den Flur tobt, schminke ich mir innerlich mein Lächeln auf. „Guten Morgen, liebe 5b!“, sage ich, als wäre ich die gut gelaunte Mami mit der gut gelaunten Familie aus der gut gelaunten Lätta-Werbung. Den Schüler Michael, der in der letzten Reihe sitzt, kann ich an diesem Tag nicht aufrufen. Er heißt genauso wie mein Ex-Freund und ich will nicht riskieren, dass die Tränen mein Lächeln abwaschen. Die Kleinen kann ich täuschen, sie sind ohnehin zu beschäftigt mit dem Katzenskelett, das ich vorne auf den Tisch gestellt habe, sodass sie nichts von meinem gebrochenen Herzen sehen.

In der zweiten Stunde stehe ich vor der 10c. „Wie waren Ihre Ferien?“, fragt eine Schülerin. „Nicht so gut“, antworte ich jetzt ehrlich, weil ich schlecht lügen kann. „Warum nicht?“, fragt sie mit großen Augen und ich erkläre kurz die Lage, ähnlich wie ich es bei Susanne getan habe. Die Klasse hört zu, bekundet danach ihr Mitgefühl und ist an diesem Tag ganz besonders ruhig und zeigt sich ausgesprochen freundlich. So brav waren sie das letzte Mal gewesen, als ich eine Lehrprobe hatte. „Es tut mir leid, dass ich eure Klassenarbeiten noch nicht korrigiert habe“, entschuldige ich mich am Ende der Stunde. „Das ist nicht schlimm, wir brauchen die nicht so dringend zurück“, antwortet Florian, der sonst ganz still ist und sich nie meldet. „Vielleicht sollten Sie am Wochenende auch lieber mal wegfahren als unsere Arbeiten zu korrigieren“, ergänzt Paul, ein Schüler, mit dem ich seit Wochen Auseinandersetzungen habe. „Und übrigens“, wirft jetzt noch Luis ein, „der Typ muss ein ganz schöner Idiot sein, wenn er Sie verlässt.“ Durch die Klasse geht eine Welle von „Ja, genau!“ und „Aber wirklich!“. Beim Verlassen des Klassenzimmers muss ich lächeln. Es ist ein echtes Lächeln, das meine Schüler mir aufs Gesicht zaubern. Und auch, wenn sie in dieser Stunde vielleicht nicht ganz so viel über die Struktur der DNA gelernt haben, so haben sie gelernt, dass es in Ordnung ist, traurig zu sein und Schwäche zu zeigen. Das ist vermutlich mehr als man ihnen in ihrer ganzen Schullaufbahn je beigebracht hat. Was aber habe ich in dieser Stunde gelernt? Nicht das, was mir mein erster Chef während meiner Ausbildungszeit beigebracht hat, nämlich Professionalität. Ich habe etwas ganz anderes und viel Wertvolleres gelernt: Nur wenn man selbst Menschlichkeit zeigt, kann man Menschlichkeit erfahren.

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Einer Kassiererin, die mir ihre Traurigkeit zeigt, würde ich sicher ein paar tröstende Worte spenden. Vielleicht würde aber auch ihr Chef sagen: „Bleiben Sie besser zuhause und erholen sich ein paar Tage.“ – wenn sie ihn nur fragte. Natürlich kann man einwenden, dass Arbeit auch ablenkt, aber manchmal muss man dem Herz Zeit geben, zu heilen und diese Zeit muss man sich zugestehen. Glück ist kein Zufall, es ist eine Wahl, die jeder Einzelne von uns hat. Aber ich strebe nach Authentizität, das gilt auch für das Glücklichsein.

Während meiner Meditation am Nachmittag überkommt mich bei den Gedanken an meine zehnte Klasse ein ganz leichtes, aber sehr warmes Gefühl von echtem Glück. Ein Glücklichsein, das erst durch eine Fremd- und daraus folgend durch eine Selbstbejahung ausgelöst wurde. Meine Schüler haben mich dazu gebracht, zu mir selbst und meinen Gefühlen zu stehen, kurz: Es macht mich glücklich, unglücklich sein zu dürfen. Ich werde bald wieder fröhlich vor meiner 10c stehen, aber dann werden die Schüler wissen, dass mein Lächeln echt ist, weil ich bei der Maskerade des Glücklichseins nicht mehr mitspiele.

Am Abend erreicht mich eine WhatsApp-Nachricht von Susanne. „Wie geht’s dir?“, fragt sie mit einem lächelnden Emoticon dahinter – dieses Mal weiß ich, dass die Frage nicht rhetorisch gemeint und das Emoticon ein echtes Lächeln ist.

 

* sueddeutsche.de/karriere/beruf-und-private-probleme-wie-man-sich-bei-liebeskummer-im-job-verhaelt, 13.1.2016

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Blogvorstellung: ganzherzig mit ganz viel Herz (Tipps für mehr Selbstliebe inside!)

Heute gibt es wieder eine Blogvorstellung von mir, dafür habe ich mir einen – Achtung, Wortwitz! – ganz herzigen Blog namens ganzherzig ausgesucht. ganzherzig ist auch als Online-Magazin wie The bird’s…

Heute gibt es wieder eine Blogvorstellung von mir, dafür habe ich mir einen – Achtung, Wortwitz! – ganz herzigen Blog namens ganzherzig ausgesucht. ganzherzig ist auch als Online-Magazin wie The bird’s new nest zu verstehen und wurde von Maria Ma ins Leben gerufen.

Was aber bedeutet ganzherzig? „Ganzherzig ist die Steigerung von halbherzig und bedeutet auf dein Herz zu hören und die Dinge mit Achtsamkeit und deiner inneren Stimme entsprechend auszuführen. Dies ist heutzutage keine leichte Sache, sondern eher eine Lebensaufgabe. Wir sind durch Medien und gesellschaftliche Ansprüche oft so zugespamt, dass wir unsere eigene innere Stimme nicht mehr hören können, oder gar keinen Zugang dazu haben. Ich persönlich glaube aber, dass es uns und unserer Umwelt besser gehen würde, wenn wir uns wieder mehr mit uns selbst und damit auch unserer Umgebung verbinden würden.“ Das schreibt Maria über ihr Herzstück – entschuldigt bitte, aber diese Wortwitze schreiben sich gerade einfach von alleine – mir hat diese Passage so gut gefallen, dass ich euch diese nicht vorenthalten wollte.

Aber auch die Person hinter ganzherzig wirkt genau so, wie sie ihr Magazin genannt hat – ich verkneife mir jetzt den schlechten Wortwitz. Maria Ma sieht total sympathisch aus und auch ihre Beschreibung klingt interessant. Sie hat das Magazin im Jahr 2013 gegründet und widmet sich damit vorwiegend ihrer Leidenschaft auf Yoga, Indien und veganer Ernährung. Ich habe früher auch sehr lange und leidenschaftlich gerne Yoga gemacht und frage mich gerade warum ich das eigentlich jetzt nicht mehr mache…?

Im ersten Moment war ich zugegeben ein bisschen erschlagen von so vielen Bildern und Infos, die gleich auf der Startseite auf einen zukommen. Wenn man sich dann aber einen Überblick verschafft hat, entdeckt man ein… zwei… oder eher ganz viele Themen, die einen interessieren und einen Blick wert sind. Gleich ins Auge gestochen ist mir aber das wundervolle Logo, das mit grün-türkiser Wasserfarbenoptik besticht.

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An dieser Stelle wäre es jetzt an der Zeit, sich für einen Artikel zu entscheiden und euch diesen näher vorzustellen. Das entpuppt sich aber leider als schwieriger als gedacht, ich kann mich einfach nicht entscheiden. Schließlich bin ich über den Artikel „Selbstliebe lernen – 5 Tipps, wie du dein eigener Soulmate werden kannst“ gestolpert. Diesen finde ich perfekt um ihn euch vorzustellen, denn ich glaube viele von uns sollten lernen, sich selbst einfach mehr zu lieben und nicht ganz so selbstkritisch zu sein.

Maria gibt folgende Tipps:

1. Steh morgens mit einem Lächeln auf. Wenn du dann im Badezimmer vor dem Spiegel stehst, sag ein paar nette Dinge zu deinem Spiegelbild wie zum Beispiel „Wie hast du geschlafen?“ oder auch „Ich liebe dich!“.

2. Verwöhne dich selbst und fange damit schon beim Frühstück an. Höre nicht auf Diät-Bücher sondern auf deine Intuition. Maria ist davon überzeugt, dass dir dein Körper immer genau sagen wird, was er gerade braucht.

3. Nimm dir jeden Morgen etwas Zeit für ein kurzes Yoga- oder Meditationsritual, wie zum Beispiel ein paar Sonnengrüße, eine zehnminütige Atemmeditation, oder auch das Wiederholen eines Mantras.

4. Stelle dir selbst mehrmals täglich die Frage „Wie geht es dir?“ und beantworte sie selbst. Wenn es dir gut geht, ist alles in Ordnung. Wenn du die Frage aber nur negativ beantworten kannst, versuche etwas an deiner Ausgangssituation zu ändern, bis sie wieder stimmt.

5. Nimm dir regelmäßig Zeit für Entspannung und Wellness. Überlege dir, was dir gut tut und plane diese Entspannungszeiten fix in deinen Zeitplan ein.

Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Stöbern auf ganzherzig und entschuldige mich nochmals für die ganzen schlechten Wortwitze. Ich nehme mir jetzt meine wohlverdiente Entspannungszeit und das solltet ihr auch!

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Achtsamkeit – Eine Einführung

Stress und Hektik gehören in unserer Gesellschaft zur ganz normalen Tagesordnung und so ziemlich jeder hat das Gefühl, er oder sie habe zu wenig Zeit. Schon lange rät das lateinische…

Stress und Hektik gehören in unserer Gesellschaft zur ganz normalen Tagesordnung und so ziemlich jeder hat das Gefühl, er oder sie habe zu wenig Zeit. Schon lange rät das lateinische Lebensmotto „Carpe diem“ – Genieße den Tag! – oder in neuerer Zeit „YOLO!“ – You only live once! Doch irgendwie fällt es uns trotzdem immer so schwer, dies auch zu tun.

Ständig hetzen wir den Häkchen unserer To-Do-Liste hinterher oder vertrösten uns auf die Zeit nach dem Studium, nach diesem Arbeitsauftrag, nach dieser stressigen Phase. Und als wenn das nicht genug wäre, ist da dann immer noch diese Stimme in unserem Kopf, die meint, das alles kommentieren zu müssen: „Das ist nicht gut genug.“, „Ich habe heute schon wieder zu wenig getan.“, „Die anderen sind besser als ich.“, „Mein Leben ist doof.“, „Ich werde die Deadline für mein Projekt nicht einhalten können.“. Während wir unseren Fehlern aus der Vergangenheit nachhängen oder uns mit Wünschen und Sorgen über die Zukunft beschäftigen, vergessen wir das Hier und Jetzt. Der einzige Moment, in dem das Leben wirklich stattfindet.

Achtsamkeit (oder auf Englisch Mindfulness) kann uns helfen, wieder zum jetzigen Moment zurück zu finden. Achtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit offen und ohne Urteil auf das Hier und Jetzt zu richten und einfach zu sein. Das klingt eigentlich relativ simpel, aber unser Geist ist es gewöhnt, ständig auf Autopilot zu schalten und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Besonders in unserer heutigen Zeit, in der wir mit Smartphones überall erreichbar und online sind und alles beschleunigt wird, fällt es besonders schwer, einfach zu sein. Zahlreiche Studien zeigen, dass Achtsamkeit sehr effektiv negative Emotionen und Angst reduzieren kann und gleichzeitig unser Wohlbefinden und unseren Umgang mit Stress verbessern kann.

Wie wir achtsamer werden

Achtsamkeit ist wie ein Muskel. Je öfter wir ihn trainieren, desto stärker wird er. Ebenso wie man seine Bauchmuskeln durch verschiedene Übungen stärken kann, kann Achtsamkeit auf verschiedene Weisen kultiviert werden. Achtsamkeit kann aktiv durch Meditation geübt werden, aber auch im ganz normalen Alltag. Probiert beispielsweise einmal, euch ganz bewusst die Zähne zu putzen. Zu spüren, wie die Bürste auf der Oberfläche der Zähne schrubbt, der Geschmack der Zahnpasta, das Geräusch des Zähneputzens.

Meditation

Beim Meditieren geht es nicht darum, einen bestimmten Zustand erlangen zu wollen oder entspannter zu werden. Es geht einfach nur darum, das was ist, anzunehmen und damit zu sein. Die Atmung ist dabei ein sehr hilfreicher Anker um stets ins Hier und Jetzt zurückzufinden. Achtsamkeit ist eine Praxis, die durch verschiedene Mechanismen das Wohlbefinden erhöhen kann. Für mich ist Achtsamkeit mittlerweile der Schlüssel für jede Lebenssituation.

Vier Mechanismen der Achtsamkeit

Ein Aspekt der Achtsamkeit ist das Beobachten. Durch das bloße Observieren des eigenen Körpers, der Gefühle, Gedanken und Umgebung, kann man oft ein klareres Verständnis für sich selbst entwickeln. So kann man beispielsweise besser erkennen, was bestimmte körperliche Regungen bedeuten und was für Emotionen bestimmte Situationen in einem hervorrufen. Dieses Bewusstsein kann einem helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ein weiterer Teil der Achtsamkeit ist Akzeptanz. Bei diesem Aspekt geht es darum, das was ist, anzunehmen. Vielleicht möchtest du einmal kurz die Augen schließen und in dich hinein horchen. Was fühlst du? Spürst du irgendwo Schmerzen, Kälte, Wärme? Fühlst du dich gut oder vielleicht gestresst, ängstlich, oder spürst du vielleicht gar nicht so viel? Probiere, wie es sich anfühlt, wie es wäre, wenn das, was auch immer du fühlst, einfach okay ist. Es darf da sein. Achtsamkeit ist das Gefühl, dass man selbst okay ist und dass man auch negative Gefühle umarmen kann. Ein häufiges Missverständnis ist der Glaube, dass Akzeptanz bedeutet, man solle nichts in seinem Leben ändern und tatenlos Schmerz ertragen. Darum geht es nicht. Es geht vielmehr darum, die Erfahrung, die man in diesem Moment hat, erst einmal zu akzeptieren und zu erlauben. Das verschafft Ruhe und Gelassenheit. Aus dieser Akzeptanz heraus kann man dann leichter handeln und Dinge ändern. Wenn ich beispielsweise Angst davor habe, einen Raum mit vielen Menschen zu betreten, dann ist es vollkommen okay, dass ich Angst habe. Ich muss mich dafür nicht verurteilen und kann diese Angst umarmen. Aber weil ich mich nicht von meiner Angst bestimmen lassen möchte, werde ich trotzdem den Raum betreten und mit milder Aufmerksamkeit beobachten, wie ich mich fühle und was ich wahrnehme. Durch Akzeptanz kann man seine automatische Reaktionen auf das Leben verhindern und vielmehr proaktiv das eigene Handeln mit Bewusstsein und im Einklang mit seinen Werten gestalten.

Der dritte Mechanismus, das Nicht-Urteilen hängt mit der Akzeptanz zusammen. Kann ich meine Erfahrung und andere Menschen, so wie sie sind, annehmen? Wir haben die Tendenz, alles mit einem Label zu versehen und Dinge zu bewerten. Dieses ist schlecht, jenes ist gut. Urteile beschränken unsere Wahrnehmung. Aber was ist, wenn ich erkennen kann, dass meine Gedanken, andere Menschen, die Dinge und ich selbst einfach sind – ohne zu werten? Wir neigen dazu, schöne Zustände herbei zu wünschen und an ihnen festhalten zu wollen. Gleichzeitig wollen wir unangenehme Zustände so schnell wie möglich loswerden. Doch was ist, wenn ich erkenne, dass das Leben ein ständiger Wandel ist? Wenn ich merke, dass ich mich nicht ständig gut fühlen kann und wenn ich weiß, dass auch diese depressive Verstimmung wieder vorbei gehen wird?

Durch Achtsamkeit merkt man, dass hinter der unmittelbaren Erfahrung noch jemand steht, der das alles merkt und sieht. Eine Art Meta-Bewusstsein, das uns helfen kann, besser los zu lassen, weniger zu urteilen, mehr zu genießen und weniger Stress zu haben. Dies ist der vierte Aspekt, die Nicht-Identifikation. Durch dieses Bewusstsein wird es mir möglich, mich nicht mehr vollständig über meine Gefühlswelt zu identifizieren. Es gibt einen Teil in mir, der Angst hat und einen Teil in mir der diese Angst beobachtet. Ich merke, dass ich mehr bin als meine Angst und meine Gedanken.

Der Einstieg in die Achtsamkeitspraxis

Ihr könnt damit beginnen, euch achtsam die Zähne zu putzen. Der Muskel kann auf verschiedene Weisen trainiert werden. Jeder Schritt in der Gegenwart ist ein Schritt, durch den wir tief mit dem Leben verbunden sind.

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Nadine sucht das Glück: Das Glück liegt im Inneren

Sri Swami Sivananda, ein alter Yoga-Meister sagte vor vielen Jahren: „Ein Leben der Liebe, der Güte, der Nachsicht, ist die einzige Versicherung für Frieden und Glück sowohl für den Einzelnen,…

Sri Swami Sivananda, ein alter Yoga-Meister sagte vor vielen Jahren: „Ein Leben der Liebe, der Güte, der Nachsicht, ist die einzige Versicherung für Frieden und Glück sowohl für den Einzelnen, als auch für die Welt als Ganzes.“

Vor einigen Tagen bat mich eine Freundin, sie zu einem Meditationsworkshop in ein buddhistisches Zentrum zu begleiten. Ich verstehe wenig vom Buddhismus, hege aber ein gewisses Interesse dafür. Von meinen wenigen Meditationserfahrungen weiß ich, dass mir diese spirituellen Praktiken immer sehr gut getan haben. Sie musste mich also nicht lange bitten. Aufgeregt ob der Frage, was uns denn an diesem Sonntagnachmittag erwarten würde, machten wir uns gemeinsam auf den Weg in die Räumlichkeiten eines buddhistischen Vereins. Ich rechnete mit einigen wenigen Teilnehmern und einem Workshopleiter, der in meiner Vorstellung einem Trainer oder Coach entsprach. Eine Person, die sich gut auskennt und gewiss in der Lage ist, eine Meditation hervorragend anzuleiten. Die Überraschung war groß, als wir uns in einer sehr großen Runde von interessierten Menschen einem Mönch gegenübersitzen sahen.

Dieser Mönch, gekleidet in die traditionelle Tracht seines Ordens, strahlte so viel Ruhe und Zufriedenheit aus. Er wirkte, als wäre er ganz im Reinen mit sich und der Welt, als wäre die Gratwanderung zwischen Glück und Unglück, zwischen Freud und Leid ein einfacher Balanceakt, den man mit einem Lächeln im Gesicht und verbundenen Augen meistern könnte. Dieser Mönch erschien mir wie das wandelnde Abbild von Gelassenheit und Freude. Freude über sein Dasein, über seine Aufgabe, über seine Herausforderungen. Und auch über die vielen Menschen, die sich versammelt hatten, um mit ihm zu meditieren und von ihm zu lernen.

Er zeigte uns drei verschiedene Meditationstechniken. Die Meditation über die Atmung war mir vorher schon bekannt, die Meditation über die Liebe und das Mitgefühl waren mir neu. „Stellt euch vor wie es wäre, wenn kein Mensch, kein Lebewesen auf der Welt leiden müsste. Wäre das nicht wundervoll?“ Der Gedanke an eine Welt frei von Leid brachte ihn zum Lächeln, machte ihn glücklich. „Wenn man Mitgefühl mit einem Menschen hat, kann man diesem kein negatives Gefühl entgegen bringen. Mitgefühl schützt uns vor Hass, vor Eifersucht, vor Neid. Das Mitgefühl beschützt uns vor allen schlechten Gefühlen.“ Diese wenigen Worte waren die Einleitung zu einer Meditationsübung, bei der wir aufgerufen waren Mitgefühl zu empfinden. Wenn man an all das Schlechte denkt, dass auf unserer Welt passiert, ist man so weit vom Glück entfernt, wie nur irgendwie möglich. Mit diesem neuen Gedanken, mit dem Mitfühlen, Annehmen und Anerkennen, kommt man dem Glück aber wieder einen Schritt näher.

Auf das Mitgefühl folgte die Liebe. „Könnt ihr euch vorstellen, wie es wäre, wenn alle Lebewesen auf der Welt rundum glücklich wären? Wenn jeder alles hätte, was er braucht? Könnt ihr euch vorstellen, dass es keinen Kummer, kein Unglück mehr gibt? Wäre das nicht wunderschön?“ Ja! Es wäre großartig, wenn dem so wäre! Sich dieses Bild im Geiste auszumalen ist eine Wohltat für die Seele. Der Gedanke, dass jeder Mensch und jedes Lebewesen gänzlich frei von Leid und bis ins Innerste von Glück durchdrungen leben könnte, vermittelte mir ein Gefühl von Wohlbehagen.
„Das Glück trägt man in seinem tiefsten Inneren. Jeder kann daraus schöpfen, die eigenen Quellen versiegen nie.“ Mitgefühl und Liebe sind die Quellen, die wir in uns tragen. Während der zweistündigen Meditationsübungen und Erzählungen saß ich einem Mönch gegenüber, der es ganz offensichtlich geschafft hat, seine Quellen zu finden und zu nutzen. Die ganze Zeit über spielte ein Lächeln auf seinen Lippen. Die ganze Zeit über vermittelte er ein Gefühl der Sicherheit. Alles darf sein, alles wird gut.

Liebe, Güte und Nachsicht. Liebe und Mitgefühl. Ja, das sind Eigenschaften, die ich gerne an mir sehen möchte. Oft gelingt das gut, manchmal aber fällt es mir schwer mit Liebe im Herzen hinzusehen, gütig und nachsichtig zu sein. Wenn es wieder einmal nicht gelingen mag, werde ich an den Mönch denken und mir seine Worte zu Herzen nehmen. Mein Glück liegt in meinem Inneren, es wartet nur darauf gefunden zu werden.

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Sort of Sophie – Dieses Jahr wird irgendwie alles besser.

In meinem letzten Kolumnenbeitrag ging es um das bewusste Nichtstun mit dem Ziel, einen Zustand der Entspannung zu erreichen und gleichzeitig neue Kräfte und Energien aufzubauen. Heute möchte ich euch…

In meinem letzten Kolumnenbeitrag ging es um das bewusste Nichtstun mit dem Ziel, einen Zustand der Entspannung zu erreichen und gleichzeitig neue Kräfte und Energien aufzubauen. Heute möchte ich euch ein paar Methoden für die aktive Schaffung von Ruhe-Inseln im Alltag vorstellen. Damit meine ich die Einrichtung und Wahrnehmung von kurzen gedanklichen Auszeiten, die man auch gut in einen langen Arbeitstag integrieren kann.

Gleich vorweg: Diese Übungen sind etwas sehr Persönliches. Es gilt in erster Linie zu experimentieren und zu beobachten, denn wir Menschen sind alle verschieden und daher funktioniert natürlich nicht jede Technik bei jedem gleich gut. Probiert die Techniken einfach aus und seht, was mit euch passiert, was am besten funktioniert und was ihr für euch selbst erfolgreich abändern könnt. Das Wichtigste ist immer, dass ihr euch wohl dabei fühlt.

Die folgenden Übungen zur Schaffung eurer Ruhe-Inseln nehmen jeweils nur drei bis zehn Minuten Zeit in Anspruch. Am Anfang kann es möglicherweise etwas länger dauern, wenn die Gedanken noch zu schnell abschweifen und unbedingt zu dem komplexen Projekt auf dem Schreibtisch zurückkehren wollen. Aber auch hier gilt: Übung macht den Meister.

Ruhe-Insel 1: Platz zum Atmen
Zum Einstieg liegt der Fokus auf der bewussten Atmung. Atmet durch die Nase ein und zählt dabei gedanklich langsam bis sechs. Haltet die Luft kurz an. Dann atmet durch den leicht geöffneten Mund wieder aus, zählt dabei ebenfalls langsam bis sechs. Das Ganze wiederholt ihr zehnmal hintereinander. Meistens spürt man nach dieser ersten Übung schon einen deutlichen Unterschied zu vorher. Die Atmung ist einer der wichtigsten Bestandteile der Entspannung überhaupt, denn schon bei der kleinsten Aufregung verändert sie sich. Das Herz schlägt schneller, die Atemfrequenz wird erhöht. Schnellere Atmung bedeutet aber gleichzeitig flachere und damit weniger effektive Atmung. Daher müssen wir zuallererst immer zu einer ruhigen, tiefen Atmung zurückfinden. Oft reichen diese bewussten Atemzüge schon als Entspannung für Zwischendurch, weil die meisten von uns das richtige Atmen im Laufe der Zeit verlernt haben.

Ruhe-Insel 2: Negatives Eliminieren
Was gibt es, das euch aus eurer Mitte bringt? Welche Personen, Projekte oder Pflichten bewirken, dass ihr euch schon beim bloßen Gedanken daran verspannt? Seid ehrlich zu euch selbst. Nur keine Scheu, es kann und wird euch niemand kontrollieren oder gar mit dem Finger auf euch zeigen. Es dürfen also durchaus auch die eigenen Kinder sein.

Wenn ihr den oder die Übeltäter identifiziert habt, stellt euch vor, ihr packt all diese kleinen und großen Ärgernisse in ein Segelboot. Habt ihr es fertig beladen, dann holt tief Luft, atmet ganz langsam aus und füllt das Segel mit eurem Atem. Seht ihr, wie das Boot sich langsam in Bewegung setzt? Mit jedem Atemzug entfernt es sich weiter. Winkt ihm hinterher und beobachtet, wie es mit dem Ballast langsam am Horizont verschwindet.

Übrigens: Je konkreter ihr seid, desto besser funktioniert dieses Gedankenspiel. Wenn also genau „diese eine Kollegin“ euch gerade den letzten Nerv raubt, schickt auch nur sie auf die Reise und hebt euch den Rest für ein anderes Mal auf. Der Vorrat an Segelbooten ist unerschöpflich.

Ruhe-Insel 3: Gedankenreise
Versetzt euch gedanklich zurück in den letzten (schönen!) Urlaub oder malt euch euren absoluten Traumurlaub aus. Wo seid ihr? Wie sieht die Landschaft aus? Was macht ihr? Seid ihr am Strand? Spürt ihr den warmen Sand zwischen euren Zehen? Weht euch eine salzige Meeresbrise die Haare ins Gesicht? Malt euch die Details aus. Das kann der Duft einer schönen Blume sein, genauso wie das Gefühl, nach einer langen Wanderung auf einem dreitausend Meter hohen Gipfel zu stehen und in die Ferne zu blicken. Fantasiert und genießt die Zeit. Achtet dabei auf eine ruhige, tiefe Atmung.

Wenn ihr fertig seid, steht nicht sofort wieder auf und stürzt euch in die nächste Besprechung oder auf den nächsten Punkt der To-do-Liste, sondern schließt die Übung bewusst ab. Atmet ein paar ruhige Atemzüge tief durch und räkelt, streckt oder windet euch. Spannt alle Muskeln an, haltet die Spannung für ein paar Sekunden und dann lasst wieder los. Bedankt euch bei euch selbst für die Aufmerksamkeit, am besten mit einem Lächeln. Dann kann es weiter gehen.

 

Solltet ihr diese Übungen am Arbeitsplatz machen, kommen wir um ein Thema nicht herum: Wie geht man mit Störungen um? Das Telefon läutet, das E-Mail-Postfach füllt sich, die Kollegen (oder Zuhause: die Kinder) stehen plötzlich da. Im Idealfall führt ihr die Übungen zumindest am Anfang an einem ruhigen Ort durch, wo all diese Störquellen nicht vorhanden sind. Wenn ihr einmal euren eigenen Weg gefunden habt, bringen euch Störungen aber nicht mehr so durcheinander, wie es am Anfang der Fall sein kann. Wichtig ist auf jeden Fall, dass ihr euch nicht unter Druck setzt. Wenn die Gedanken abschweifen, führt sie behutsam wieder zurück, aber ärgert euch nicht darüber. Es ist ganz normal, ein Gedankenchaos hervor zu rufen, wenn man mit dem Üben beginnt.

Habt ihr diese (oder andere) Übungen schon ausprobiert? Was sind eure Erfahrungen damit? Was sind eure Tricks, um zwischendurch den Kopf frei zu bekommen?

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Sort of Sophie – Dieses Jahr wird irgendwie alles besser.

Heute geht es wie angekündigt um das Thema Auszeit. Zeit für Auszeit, um genau zu sein. Wir alle sind auf sie angewiesen. Ein gesunder Geist braucht einen gesunden Körper und…

Heute geht es wie angekündigt um das Thema Auszeit. Zeit für Auszeit, um genau zu sein. Wir alle sind auf sie angewiesen. Ein gesunder Geist braucht einen gesunden Körper und beides kann nur mit ausreichenden Entspannungsphasen zwischendurch erreicht und in weiterer Folge auch aufrecht erhalten werden.

Und doch hetzen wir die meiste Zeit durch das viel zu kurze Leben, anstatt immer wieder bewusst einen Schritt zurück zu machen und die Ruhe regieren zu lassen. Wir stressen uns von einem Termin zum nächsten, stopfen jede noch so kleine Lücke in unseren Terminkalendern mit Verpflichtungen und Verabredungen zu, um nur ja nichts zu verpassen. Dreimal die Woche zum Sport, weil man fit sein muss. Volkshochschulkurs, man will sich schließlich weiterbilden. Tanzen gehen, weil man sich selbst und den anderen zeigen will, dass man es noch kann. Essen und Trinken mit Freunden, weil die sozialen Kontakte unbedingt gepflegt werden müssen, denn sonst wird bestimmt schlecht von einem gedacht. Gehören auch noch Partner und Kinder zum Leben, sieht der Tagesablauf gleich noch etwas gedrängter aus.

Da ist es wirklich kein Wunder, dass einem früher oder später die Luft zum Atmen fehlt. Man arbeitet Terminpläne und To-Do-Listen lange Zeit pflichtbewusst und voller Energie ab, ist irgendwann aber plötzlich erst morgens, bald auch tagsüber müde, bekämpft solche Gefühle der „Schwäche“ jedoch mit Hilfe von Kaffee oder Energydrinks. Nur nicht zeigen, dass man jetzt eigentlich etwas anderes braucht. Man kommt am Abend nach Hause und was ist dann? Sobald man die Wohnungstür hinter sich geschlossen hat, bricht die Erschöpfung über einen herein. Tun wir etwas dagegen? Nein. Am nächsten Morgen beginnt das Spiel von Neuem. Und so etwas nennen wir tatsächlich Leben? Hier läuft doch etwas gehörig falsch.

Wenn sich diese Ohnmacht erst einmal eingestellt hat, ist es meist schon zu spät, um vorsorglich zu handeln. Man hat bereits viel zu lange die Bedürfnisse von Körper und Geist ignoriert. Dementsprechend lange braucht es auch, um beides wieder in Einklang zu bringen. Und doch ist es keineswegs unmöglich. Man muss sich nur der Tatsache bewusst werden, dass es auf die gewohnte Art und Weise nicht mehr weiter gehen kann, und die offenbar ungesunde Lebensweise ändern.

Der erste Schritt dazu lautet: Termine streichen.

Ja, es tut mir leid, aber es ist so. Es führt kein Weg daran vorbei. Mit einem vollen Terminkalender kann man sich nicht entspannen. Sobald Termine mehr Belastung als Freude darstellen, muss man sich – zumindest von einigen – vorläufig trennen. Man muss nicht jeden Tag und jeden Abend auf Achse sein, wenn es einem mehr Energie raubt, als es gibt. Es ist weder Schande, noch ist es ein Ausdruck von Schwäche, wenn man sich einmal ganz bewusst zurückzieht, um durchzuatmen. Und einfach mal nichts zu tun.

„Was, Nichtstun? Iiiiiieh, das geht doch nicht!“ werden jetzt viele denken. Zu Unrecht. Nichtstun fällt heutzutage den meisten Menschen schwer, denn:

„Das ist vergeudete Zeit!“
„Aber ich habe doch so viel zu tun!“
„Ich kann nicht, ich muss… !“
„Das ist langweilig!“
„Das bringt doch nichts!“
„Nichtstun ist asozial!“

Dabei wird übersehen, dass Nichtstun nicht mit dem meist negativ behafteten Wort Untätigkeit verwechselt werden darf. Unsere italienischen Nachbarn wissen schon deutlich mehr damit anzufangen. „Dolce far niente“ – das süße Nichtstun. Müßiggang. Sich einfach mal treiben lassen. Das klingt doch gleich viel besser, oder?

Aber nicht nur Nichtstun fällt den Menschen schwer, auch das bewusste Alleinsein. Alleine zu sein hat aber nicht automatisch mit Einsamkeit zu tun. Sondern mit Selbstrespekt und Regeneration. Viele Kinder lernen in der heutigen Zeit nicht mehr, dass man sich auch alleine beschäftigen kann und sollte. Ohne Freunde, ohne Ablenkung elektronischer Geräte. Immer muss der Schalter auf „On“ stehen, denn „Off“ wäre Schwäche. Und Schwäche darf nicht sein. Schwäche ist böse. So ist bei vielen Kindern und Erwachsenen Überforderung vorprogrammiert. Dabei benötigt ein Kinderhirn genauso wie das Hirn eines Erwachsenen Pausen, um sich weiterentwickeln zu können. Wenn man die ganze Zeit nur auf „Aufnahme“ gestellt ist, geht irgendwann gar nichts mehr. Ein Muskel benötigt auch eine Regenerationsphase, um wachsen zu können. Dem Muskel gestatten wir diese Phase des Nichtstuns. Unserem Geist nicht. Dabei hat er es mindestens genauso nötig.

Probiert es aus! Tretet einfach einmal einen Schritt zurück, streicht einen Termin aus eurem Kalender – oder falls ihr nicht anders könnt, tragt euch einen Termin dafür ein – und macht nichts. Ihr werdet erstaunt sein, was euer Kopf so alles zustande bringt, wenn ihr ihn komplett frei macht. Wenn ihr einmal nicht an To-Do-Listen, Geschäftstermine, Kinder, die schmutzige Wäsche oder den Geburtstag der Schwiegermutter denkt. Schließt die Augen und nehmt euch selbst und eure Atmung wahr.

Es funktioniert nicht? Es schwirren alle möglichen Gedanken durch den Kopf? Der Geist will nicht zur Ruhe kommen und ihr ertappt euch, wie ihr an eure Pflichten denkt? Dann ist es umso wichtiger, diese Übung immer und immer wieder zu machen. Nur Geduld – auch Nichtstun will gelernt sein.

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10 Tage Vipassana in Dharamkot: Lasst die Affen los!

Das Taxi hält vor einem großen, in gelb-grün-weiß bemalten Metalltor, das die Sicht auf einen Waldpfad freigibt. „Himachal Vipassana Centre Dhamma Sikhara“ ist über dem Eingang zu lesen. Mein Magen…

Das Taxi hält vor einem großen, in gelb-grün-weiß bemalten Metalltor, das die Sicht auf einen Waldpfad freigibt. „Himachal Vipassana Centre Dhamma Sikhara“ ist über dem Eingang zu lesen. Mein Magen wird flau, meine Knie zittrig, ich kann es noch gar nicht realisieren: Einmal ausgestiegen und durchgeschritten bin ich für die nächsten zehn Tage drin. Dann gibt es kein Zurück. Dann sitze ich fest, buchstäblich: Zehn Stunden Tag für Tag werde ich sitzen und die Meditationstechnik Vipassana praktizieren. Und zwar nur Vipassana.

Schweigend, ohne mit den Mitmeditierenden zu sprechen, ohne ein Buch zu lesen, ohne Musik zu hören, ohne zu telefonieren und auch ohne Notizen zu machen, denn Handys, Laptop, Stifte, Blöcke… kurz, jede Ablenkung wird am Eingang abgegeben.

„Beware of monkeys.“, dieses Schild ist eines der ersten Dinge, die ich nach der Einschreibprozedur auf der Suche nach meinem Schlafplatz für die nächsten elf Tage im Zentrum sehe. Dass es hier oben in der Himalayaregion in einem der angeblich „schönsten Vipassana-Zentren“ Indiens von Affen nur so wimmelt, das hatte ich bis jetzt offenbar erfolgreich verdrängt. Daraus wird jetzt aber nichts mehr: „Schaut den Affen nicht in die Augen,“, nimmt die Warnung vor den angeblich über 50 Klettertieren im Wald bei der Einführung abends fast mehr Platz ein als die Erklärung der Hausordnung für die nächsten zehn Tage, „zeigt keine Zähne, belästigt sie nicht, dann werden sie euch auch in Ruhe lassen.“

Achtung, Affengefahr! Foto: Doris

Achtung, Affengefahr!

Na, wirklich beruhigend klingt das nicht. Als dann noch die Portugiesin Melissa, die schon im letzten Jahr hier ihren ersten Vipassana-Kurs besuchte und somit so wie ich „old student“ ist, davon erzählt, dass damals eine Teilnehmerin von einem Affen am Bein gepackt wurde, ist es mit meiner Ruhe völlig vorbei. Irgendwie habe ich mir einen sicheren, geschützten Rahmen für die anstrengenden, nächsten Tage anders vorgestellt…

Monkey, monkeys, nichts als monkeys... Foto: Doris

Monkey, monkeys, nichts als monkeys…

„Euch steht eine tiefschürfende Operation bevor.“, erklärt uns S.N. Goenka am Abend in einer der ab sofort täglich stattfindenden Videobotschaften, die zum Abschluss des Tages gezeigt werden. Mit einem Buddha-Lächeln sitzt er uns auf der Leinwand gegenüber, der gebürtige Burmese, der Vipassana in Indien und der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Mit sonorer Stimme, schier durch den Bildschirm auf uns zukriechender Wärme und unwiderstehlicher Geduld bringt er uns die Technik näher, durch die Buddha und andere Praktizierende nach ihm zur Erleuchtung gefunden hat.

Zehn Stunden sitzen wir zehn Tage lang hier in der Dhamma-Halle. Foto: Doris

Zehn Stunden sitzen wir zehn Tage lang hier in der Dhamma-Halle.

Die Erleuchtung, hach, die ist auch das „final goal“ von uns rund vierzig Frauen und zwanzig Männern aller Nationalitäten sowie sämtlicher Alters- und sozialer Stufen, die sich hier in strikter Geschlechtertrennung versammelt haben. Aber zuerst einmal steht das Ziel im Vordergrund, die nächsten zehn Tage durchzuhalten. Und das Ziel ist schon groß genug…

Männer- und Frauenbereiche sind streng getrennt - hier ein Blick "hinüber" zu den Männern. Foto: Doris

Männer- und Frauenbereiche sind streng getrennt – hier ein Blick „hinüber“ zu den Männern.

4.00 Uhr: Aufstehen.
4.30 – 6.30 Uhr: Meditation in der Dhamma Halle
6.30 – 7.00 Uhr: Frühstück
8.00 – 9.00 Uhr: Gruppenmeditation
9.00 – 11.00 Uhr: Meditation
11.00 – 11.30 Uhr: Mittagessen
13.00 – 14.30 Uhr: Meditation
14.30 – 15.30 Uhr: Gruppenmeditation
15.30 – 17.00 Uhr: Meditation
17.00 – 17.30 Uhr: Abend-Tee
18.00 – 19.00 Uhr: Gruppenmeditation
19.00 – 20.30 Uhr: Videodiskurs durch S.N. Goenka
20.30 – 21.00 Uhr: Meditation
21.30 Uhr: Licht aus, Nachtruhe!

So sieht der Tagesablauf der nächsten Tage aus, der bei jedem Kurs der gleiche ist und nur durch das regelmäßige vegetarische Essen etwas an Würze bekommt – so scheint es. Eine Täuschung, wie so vieles Andere.

Das Essen in der Halle läuft ebenfalls schweigend ab. Foto: Doris

Das Essen in der Halle läuft während des Kurses ebenfalls im Stillen ab. Hier ein Bild vom letzten Tag, an dem das Schweigen aufgebrochen wird.

Tag 1: „Auch wenn ihr wolltet, könntet ihr keine Notizen zu euren Gedanken machen,“, bringt S.N. Goenka am Abend die Zusammenfassung des ersten Tages auf den Punkt, „sie sind so sprunghaft wie Affen, die sich von einem Ast zum Nächsten schwingen. Unfassbar.“ Ich werde mich daran gewöhnen, dass er scheinbar Gedanken lesen kann… „Abgesehen davon, dass ihr gar keine Notizen machen dürft.“, fügt der bescheidene Guru mit verschmitztem Grinsen hinzu. Ich halte mich daran, ertappe mich nur immer wieder dabei, in Gedanken bereits die Sätze dieses Posts zu formulieren. Soviel zum Thema Konzentration aufs Meditieren.

Was tue ich hier überhaupt? Jetzt ist gerade wirklich der schlechteste Zeitpunkt! Wie soll ich das bloß aushalten? Gedanken wie diese sind noch die harmlosesten, die mir an diesem ersten Tag durch den Kopf schießen. Konzentration auf den Atem, der die nächsten Tage zur Einführung gefordert wird, ist unmöglich. Und dazu diese Schmerzen: Ich kann nicht sitzen, mal zwickt es hier, mal brennt es dort, mein Rücken ist eingefroren, meine Schultern pochen schmerzhaft, es tut einfach alles weh. Ich will aus meiner Haut fahren, durch das Tor in die Gegenrichtung hinauslaufen – verdammt, wie soll ich zehn solche Tage schaffen?

Einzige gute Nachricht: Die Affen lassen sich nicht sehen. Noch nicht?

Tag 2: „Heute geht es schon ein bisschen besser.“, fasst S.N. Goenka am Abend wieder einmal treffend zusammen. Ja, es ist besser… die Konzentrationsspanne wächst von 0,111 auf 0,112 Sekunden, die Schmerzen haben sich im Körper verteilt, meine Muskeln sind vom Sitzen erstarrt.

In der Dhamma-Halle wird an jeder Ecke und an jedem Ende gehustet und geschnupft (die Rülps- und Furzgeräusche erwähne ich jetzt mal nicht): Kein Wunder, hier oben in den Bergen und vor allem aufgrund des schattigen Waldes ist es eiskalt. Ich gehe mit drei Decken, meinem Schlafsack sowie all meiner Kleidung ins Bett und werde in der Nacht durch mein eigenes Bibbern geweckt. Und ich bin da wohl keine Ausnahme…

Der laaange Weg ist das Ziel?! Foto: Doris

Der laaange Weg ist das Ziel?

Tag 3: „Mist, ich habe eine Idee: Ich muss hier raus!“ Wenn ein Aufenthalt im Affenwald etwas bewirkt, dann dass die Kreativität nur so durch alle Knochen fährt. Jeden Moment, so scheint es, habe ich einen anderen – besonders großartigen – Einfall, finde ich eine andere Lösung für Probleme da draußen; sämtliche Beziehungen der vergangenen Jahre kaue ich durch, führe Streit- und Versöhnungsgespräche, schlichte Kleiderkästen neu und beschließe wieder einmal, in Zukunft alles ganz anders zu machen.

Während wir in Stille meditieren (bzw. es versuchen), wird in Indien Diwali gefeiert: Musik klingt bis in unsere stillen Hallen, Böller werden durch die Gegend geschossen werden – und die Affen zeigen heute, was sie drauf haben. Ein Stampf-, Schrei- und Grölkonzert dröhnt von Nachmittag bis in den Abend im Wald, die Affen sitzen auf den Wegen, machen sich breit – und versetzen mich in eine Art Starre. Als ich beim Zähneputzen einen Affen in ein paar Meter Entfernung sitzen sehe, flüchte ich in die Duschkammer und traue mich erst wieder heraus, als ich jemand anderen kommen höre. Der Affe ist längst weg…

Tag 4: Nach tagelanger Vorbereitung mit Atemübungen wird heute endlich den neuen StudentInnen die Vipassana-Technik beigebracht. Es ist keine „übliche“ Meditation, sondern es geht darum, Empfindungen am Körper wahrzunehmen und diese zu beobachten. Ohne zu reagieren, ohne aus dem Gleichgewicht zu gelangen. Durch die Erfahrung am eigenen Körper stellt man fest, dass alles vergänglich ist, durchbricht Denkmuster und lernt sein Verhalten zu kontrollieren.

Schmerzen, Zwicken, Zwacken, Brennen, Jucken, Hitze… alle Empfindungen sind gleich: Alle sind weder gut, noch schlecht, sondern entstehen und vergehen. Warum auf etwas heftig mit Ablehnung oder Sehnsucht reagieren, wenn es ohnehin nicht dauerhaft bleibt?

Luxus sieht anders aus, Wohlfühlen eigentlich auch: Meine Kammer für 10 Tage. Foto. Doris

Luxus sieht anders aus, Wohlfühlen eigentlich auch: Meine Kammer für 10 Tage.

Tag 5: Halbzeit – und mir fällt es plötzlich wie Schuppen von den Augen: Vipassana ist meine einzige Chance. Oder überhaupt die einzige Chance. Wer kennt nicht diese schlauen Sprüche: Sei nicht so jähzornig! Liebe dich selbst, dann lieben dich auch andere! Blablabla… Wie bitte?!?!? Vipassana ist eine Lösung, ein Weg, der wahrhaftig glücklich macht – weil das Glück nicht von außen, von vorhandenen Erfolgsmomenten, der Beförderung, dem neuen Kleid, dem perfekten Liebhaber abhängt.

Als ich auf der schmutzbeschmierten Scheibe im Essbereich einen der vielen „Be happy :)!“-Schriftzüge entdecke, muss ich lächeln. I am happy!

Tag 6: Ich bin fertig, ich will nicht mehr, ich habe alles gelernt! So einsichtig und „erleuchtet“ ich gestern auch war, heute will ich einfach nur raus. In mein normales Leben. Endlich meine Ideen umsetzen. Endlich wieder ohne Zittern einschlafen. Endlich wieder reden, wieder lesen, wieder schreiben…

Ausgerechnet an diesem Tag passiert dann eine Sitzung, in der ich „es“ schaffe: Mein Fuß ist – wie üblich – im Lotus eingeschlafen. Ein Gefühl, das ich hasse und bei dem ich sofort Stellung wechseln muss aus unerfindlicher Panik, dass mein Fuß abfällt. Nicht diesmal. Diesmal bleibe ich sitzen, bewege mich nicht, schaffe es ausgeglichen zu bleiben und nicht in Angst zu verfallen. Und tatsächlich: Mein Fuß „erwacht“ wieder, ohne dass ich etwas mache. Ein unglaubliches Gefühl der Leichtigkeit, der Freiheit, der Erkenntnis durchströmt meinen Körper: Alles ist ständiges Entstehen und Vergehen, ich habe es am eigenen Leib erfahren!

„Gratuliere, Ihr habt den sechsten Tag überstanden.“, beglückwünscht S.N. Goenka uns abends und erklärt, dass der zweite und der sechste Tag angeblich die Schwierigsten seien. Mit den meisten „Drop-Outs“. Ich bin stolz: Auf mich, auf uns alle! Erst später stelle ich fest, dass auch wir drei Abbrecherinnen verzeichnen mussten. Eine Australierin, eine Russin und eine Inderin haben die zehn Tage nicht durchgehalten.

Licht am Ende des Tunnels.. Naja, noch vier Tage! Foto: Doris

Licht am Ende des Tunnels. Naja, noch vier Tage!

Tag 7, 8 und 9:  Ich habe das Gefühl, dass die Tage vorüberziehen. In den Sitzungen selbst kann ich mich mal besser, mal schlechter konzentrieren. Aber ich hadere nicht mehr, ich habe mich abgefunden, meinen Frieden erlangt. Und doch zähle ich die Stunden: Noch dreißig Stunden Meditieren, noch zwanzig Stunden….

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät... Foto: Doris

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät…

Tag 10: Ein seltsamer Tag, der letzte Tag, der Tag des Redens! Das Schweigen, das wir die letzten zehn Tage aufrecht erhalten haben, ist heute zu Ende. Dabei ist das Schweigen der Teil bei Vipassana, der mir am leichtesten fällt. Ich erinnere mich, dass ich bei meinem ersten Vipassana-Kurs Ende 2008 noch bewusst länger beim Meditieren geblieben bin, als es hieß: Ihr dürft wieder sprechen. Ich konnte noch nicht, war überfordert vom Lärm, vom Pulsieren, vom Lebendigsein und habe mich erst nach einigen Minuten hinaus unter Menschen getraut.

Heute ist alles anders. Heute plaudere ich von Anfang an. Der Tagesablauf ist aufgelockert – meditiert wird trotzdem. Keine zehn, sondern „nur“ um die acht Stunden. „Ich konnte mich nicht konzentrieren, bin jedes einzelne Gespräch in Gedanken durchgegangen.“, erzählt mir Priti, eine der new students, später von ihrer schwierigen Meditationserfahrung an diesem Tag. Und doch müssen wir genau das lernen: Das Meditieren „trotz“ des Redens, trotz des Alltags, trotz anderer Verpflichtungen.

Die Grenzen werden am letzten Tag aufgebrochen. Foto: Doris

Die Grenzen werden am letzten Tag aufgebrochen: Wir dürfen uns am Gelände wieder frei(er) bewegen.

Heute gehen wir einmal nicht um 21 Uhr schlafen, sondern kauern uns mit Matratzen und Decken bewaffnet draußen ins Gras und auf die Wege so lange, bis uns die Eiseskälte in die Schlafsäcke treibt.

Tag 11: Ich habe es geschafft. Um 7.30 Uhr – nach der Morgenmeditation und dem Frühstück – ist der Zehn-Tage-Vipassana-Kurs offiziell zu Ende. Doch die richtige Herausforderung beginnt erst, das weiß ich schon jetzt: Jeden Tag soll man – morgens und abends – je eine Stunde meditieren, jedes Jahr einen Kurs besuchen und natürlich in jedem freien Moment Vipassana praktizieren. Ich bin sehr motiviert!

„Vipassana ist die Kunst zu leben und zu sterben,“, gibt uns S.N. Goenka auf den Weg, „glücklich, friedvoll und harmonisch!“ Und ich muss an ihn denken, diesen dicklichen, alten Inder mit Reibeisenstimme und unglaublich warmer Ausstrahlung, der in der ersten Oktober-Woche gestorben ist. Vermutlich mit einem Lächeln auf den Lippen, denn er hat diese Kunst zweifellos beherrscht!

Wir haben es geschafft: Die Mädels am letzten Tag! Foto: Anupama

Wir haben es geschafft: Die Mädels am letzten Tag! Foto: Anupama

Und die Affen? Die haben sich dezent im Hintergrund gehalten, sich nur ab und an lautstark auf den Blechdächern bemerkbar gemacht, mittags Teilnehmerinnen beim Zähneputzen beobachtet (was die Komisches machen, die Menschen!) und uns mit ihrem Familienprogramm – von Entlausung bis Auf-Bäume-Jagen – unterhalten. Sie haben wohl gewusst, dass wir mit dem Affenzirkus in unseren Köpfen genügend zu tun haben. Recht haben sie! Be happy!

 

Himachal Vipassana Center Dharamkot, PO: McLeod Ganj – 176219, Dharamsala, Distt. Kangra. Himachal Pradesh, India. Telefon: [91] 92184-14051 , [91] 92184-14050 (Office hours: Montag – Samstag: 4-5pm), E-Mail: info@sikhara.dhamma.org, Infos und Bewerbung für alle Kurse weltweit unter www.dhamma.org

6 Kommentare zu 10 Tage Vipassana in Dharamkot: Lasst die Affen los!

Meditation in der U-Bahn: Augen zu und – Stille!

„Reumannplatz! Achtung, Türen schließen!“, so die Stimme in den Wiener Linien. Wie auf Kommando gehen nicht nur die Türen der U-Bahnlinie U1 zu, sondern es schließen sich auch die Augen…

„Reumannplatz! Achtung, Türen schließen!“, so die Stimme in den Wiener Linien. Wie auf Kommando gehen nicht nur die Türen der U-Bahnlinie U1 zu, sondern es schließen sich auch die Augen meiner SitznachbarInnen. Ein paar Fotos später mache ich es ihnen gleich und versinke ebenfalls in der Stille. Schließlich sitze ich genau deshalb hier: Nicht, um von A nach B zu kommen, sondern um beim fünften UrBan Meditation Flashmob mit 21 anderen das gemeinsame Meditieren in der U-Bahn zu erleben.

Sich mit einer Gruppe zu treffen, um gemeinsam zwischen Anfangsstation und Endhaltestelle in der U-Bahn demonstrativ die Augen zuzumachen und zu meditieren? Als ich vor einigen Monaten von der Idee gehört habe, war ich wenig begeistert. Für mich ist Meditieren etwas Stilles. Etwas Privates. Etwas, das ich nicht zur Schau stellen möchte. Warum sollte ich das dann mit anderen in der U-Bahn tun?

Aber neugierig wie ich bin, wollte ich das Ganze einmal ausprobieren: Und endlich, letzten Donnerstag hat es geklappt.

Ich war überrascht! Davon, wie selbstverständlich und natürlich diese Reise in die Stille war. Kein lautes Zur-Schau-Stellen, kein Beweisen-Wollen. Ich habe einfach in der U-Bahn die Augen geschlossen, versucht, bei mir zu bleiben und mich durch die Handy-Streitgespräche neben mir genauso wenig ablenken zu lassen wie durch Gedränge in der Hauptverkehrszeit. Dass ich das zufällig zeitgleich mit anderen getan habe, das ist wohl bloß den anderen Mitfahrenden aufgefallen – wie mir die skeptischen Blicke meines Gegenübers beim Aussteigen aus der U-Bahn verraten haben.

„Innehalten. Vorleben. Inspirieren.“, so beschreibt Shaohui, der Gründer von iMeditate, der selbst regelmäßig Atem- sowie Achtsamkeitsmeditation (Vipassana-Meditation) praktiziert, seine Initiative. Warum er Meditieren zum „Volkssport“ machen möchte, und wie er das mit dem Lärm in der U-Bahn sieht, das verrät er mir im Interview:

Doris: Shaohui, wie kamst du auf die Idee zu iMeditateVienna?

Shaohui: Zuerst war die Idee der U-Bahn-Flashmobs. Sie entstand im April 2012 während des zweiten Moduls des Lerngangs „Pioneers of Change„. In jenem Modul ging es darum, mit Prototypen nach außen zu treten. Inspiriert von dem kreativen Aktionismus der Pioneers wurde in mir der Impuls ausgelöst, Meditations-Flashmobs in der U-Bahn zu organisieren. Das Ziel dieser Aktionen ist es, mit Meditation und Stille einen bewussten Kontrastraum zu Hektik, Ablenkung und Anspannung zu schaffen.

Aus diesem Impuls wurde dann die Idee geboren, Meditation als „Volkssport“ zu etablieren und sie einer breiteren Masse zugänglich zu machen. In diesem Prozess ist iMeditateVienna als Name für diese Bewegung entstanden. Inspiriert zu dem Namen hat mich die Meditationsbewegung „I Meditate NY“ in New York, auf die ich im Internet gestoßen bin.

Was ist für dich Meditation?

Meditation ist für mich ein bewusstes mit mir selbst in Verbindung gehen und meine Achtsamkeit auf das, was im gegenwärtigen Moment präsent ist, zu richten. Dabei beobachte ich meinen Atem, meine Körperempfindungen, meine Emotionen, meine Sinneswahrnehmungen oder meine Gedanken ohne sie zu bewerten und an ihnen anzuhaften.

Meditation kenne ich vor allem in der Stille und für sich: Ist es nicht ein Widerspruch, diese Form der Reise nach Innen im öffentlichen Raum zu praktizieren und somit zur Schau zu stellen?

Ich sehe für mich keinen Widerspruch. Meditation ist für mich eine innere Haltung, wie ich dem Leben begegne. Mir geht es darum, den Alltag als Übungsfeld für Meditation zu entdecken und anzunehmen. Wenn ich zuhause auf meinem Meditationskissen sitze, übe ich in äußerer Stille. Wenn ich unterwegs in der U-Bahn sitze, übe ich mich in innerer Stille. Hier möchte ich gerne ein Zitat von Eckhart Tolle einbringen: Jeder störende Lärm kann ebenso hilfreich sein wie äußere Stille. Inwiefern? Wenn du den inneren Widerstand gegen den Lärm aufgibst, so dass er sein darf, wie er ist, führt dich dieses Annehmen auch in den Bereich des inneren Friedens, der inneren Stille.“ Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh sieht keine Trennung zwischen dem formellen Sitzen in Stille und der Achtsamkeitspraxis im Alltag. Er hat fünf konkrete Achtsamkeitsübungen für den Alltag formuliert, wie zum Beispiel aufmerksames Zuhören oder achtsamer Konsum.

Hast du ein besonderes Erlebnis auf der Reise nach Innen gehabt, das du als Schlüsselmoment für dich bezeichnen würdest? 

Bei meiner ersten Begegnung mit Meditation 2006, während eines Zehn-Tage-Vipassana-Retreats in einem Kloster in Thailand, hatte ich am siebten Tag einen kurzen Moment eines Vertiefungszustands. Eine intensive Freude, wie ich sie noch nie empfunden habe, ist durch meinen Körper geströmt. Dieses Erlebnis hat mich neugierig gemacht, mich selbst und meine innere Natur mit Meditation zu erforschen. Ein anderes Erlebnis hatte ich vor zwei Jahren bei einer Vipassana-Meditation. Ich habe eine tiefe Präsenz erfahren und meine Sinneswahrnehmungen waren von intensiver und klarer Qualität.

Was sind deine nächsten Pläne? Ich habe davon gehört, dass du Wien als Meditationshauptstadt positionieren möchtest. 

Die nächsten Pläne sind für mich meine Vision einer „achtsamen“ Stadt niederzuschreiben. Darunter verstehe ich eine Kultur der Achtsamkeit im Miteinander und öffentliche Orte des Rückzugs für Stille und Meditation in der Stadt. Mit dieser Vision will ich konkret Initiativen und Leute, die öffentliche Meditationen machen oder Stille in den öffentlichen Raum bringen, einladen um daraus einen gemeinsamen Traum zu entwickeln. Außerdem arbeite ich gerade an meiner Idee, ein internationales Festival für Meditation und kontemplative Künste in Wien auf die Beine zu stellen. Dies würde sich wunderbar dafür eignen, die Stadt Wien als „Hauptstadt der Meditation“ international zu bewerben.

Wie sind die Reaktionen der Leute bei den Flashmobs?

Die Leute reagieren mit Dankbarkeit, Begeisterung und großem Interesse. Ich habe das Gefühl mit Meditation im öffentlichen Raum das Bedürfnis vieler Menschen gerade im urbanen Alltag nach Entschleunigung, nach Innehalten und nach Zurück-zu-sich-Selbst-finden anzusprechen. Eine schöne Reaktion bei den Flashmobs hatten wir einmal bei einer Schülerin gesehen, die zugestiegen war und einen iMeditateVienna Flyer in die Hand gedrückt bekam. Als ein Sitzplatz frei wurde, setzte sie sich nieder und meditierte bis zur Endstation mit. Beim Aussteigen fragte sie noch nach weiteren Flyern.

Riesig gefreut hat mich auch folgender Erfahrungsbericht einer Teilnehmerin: „Es war sehr berührend für mich, dabei zu sein! Nach dem Einstieg in Hütteldorf versank der Waggon, in dem wir uns befanden, von Augenblick zu Augenblick mehr in Freude. In Schönbrunn war ich so berührt von dieser liebevollen Stille-Welle, in die ich mich eingehüllt fühlte, dass ich Tränen in den Augen hatte. Fahrgäste, die einstiegen, irritierten das Energiefeld – oder waren es wir selber, die sich irritieren ließen? Ich weiß es nicht, ich spürte nur, dass die „Neuen Unbekannten“ bis zur nächsten Station integriert waren. Bis Heiligenstadt ist dann die Zeit stehen geblieben, weil wir maximal zehn Minuten min unterwegs waren. Jetzt, drei Stunden später, strahlt noch immer alles in mir Ruhe, Liebe, Glück und Entschlossenheit aus. Entschlossenheit, solche Kräfte und Initiativen weiterhin zu stärken! Danke!“

Ich sage auch Danke für deine Antworten, Shaohui! Und wir sehen uns wieder, beim Meditieren in der U-Bahn!

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