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KUNST HALLT NACH: Radikalkunst für Kunstsammler

Ein Schwein steigt vom Kreuz und greift zum Bolzenschneider. In dieser Kolumne seht ihr Radikalkunst. Die erste Bronzeskulptur von Künstler und Tierrechtsaktivist Chris Moser. Mit Bolzenschneider, Panzerknackermaske und schelmischem Lächeln…

Ein Schwein steigt vom Kreuz und greift zum Bolzenschneider. In dieser Kolumne seht ihr Radikalkunst. Die erste Bronzeskulptur von Künstler und Tierrechtsaktivist Chris Moser.

Mit Bolzenschneider, Panzerknackermaske und schelmischem Lächeln steht die Schweinefigur aufrecht und mit voller Entschlossenheit auf einem Sockel mit der Aufschrift: total liberation. Das erste in Bronze gegossene Werk Chris Mosers ist für den Künstler selbst „in vielerlei Hinsicht ein ganz persönlicher Abriss meines Schaffens“. Das liegt wohl auch daran, dass das Werk einige Referenzpunkte zu seiner Person, seinem Ouvre und seiner Haltung aufweist.

Das Leid durchbrechen

Den Anstoß für die Entstehung des Bronzegusses total liberation war eine Anfrage des Kunstgießmeisters Walter Rom. Dieser war so begeistert von Mosers Werk schweINRI, dass er die Skulptur in Bronze gießen wollte. schweINRI ist im Jahr 1999 entstanden und zeigt ein gekreuzigtes Schwein. Im aufrecht hängendem Schweinekörper stecken Messer und Gabel, die daran erinnern, dass Schweine meist ausschließlich zum menschlichen Verzehr geboren und getötet werden. Neben dem Besteck dringen auch Spritzen in die Haut des Schweins ein. Hier nimmt Moser Bezug auf Tierversuche und die Nutzung von Schweinen im medizinischen Bereich.

Die Schweinefigur am Holzkreuz repräsentiert ein Wesen, das hilflos dem menschlichen Zugriff auf seinen Körper ausgeliefert ist. Dem Unterdrücker ergeben, blickt es mutlos zu Boden. Für Moser wäre es „inhaltlich problematisch gewesen, dieses gekreuzigte Schwein, diese Manifestation des Leidens derart monumental und unverrückbar in Bronze zu gießen“. Deshalb entwickelte er das Werk weiter und das leidende Schwein hat im Werk total liberation seine Opferrolle verlassen. Es wurde zur selbstbewusst, kämpferischen Akteurin. Das Schwein steht auf zwei Beinen, träckt eine Maske über den Augen, die sonst nur Menschen tragen und hält einen Bolzenschneider in den Händen. Hier findet eine Anthropomophisierung, also eine Art von Vermenschlichung statt. Mit dieser Darstellungsform wird die schweinliche Selbstermächtigung betont. Neben der Schweinefigur selbst, bringt auch der Bolzenschneider eine Geschichte mit.

Chris Moser, total liberation, Bronze, Gußform, Gipsmodell, 2019

Chris Moser, total liberation, Bronze, Gußform, Gipsmodell, 46 x 17,5 cm, 2019

Polizeibericht mit Bolzenschneider

Der „Wiener Neustädter Tierschutzprozesses“ brachte Polizeiberichte zu Tage, in denen Chris Moser als „der Bolzenschneider“ bezeichnet wurde. Bei der Hausdurchsuchung, die im Zuge seiner Verhaftung im Jahr 2008 stattfand, wurde aus dem Werkzeug in seinem Atelier ein Bolzenschneider beschlagnahmt. Der Beiname „Bolzenschneider“ fand später auch Einzug in die Abschlussberichte des Gerichts. Der Bildhauer Chris Moser wird darin mit „alias ‚der Bolzenschneider‘“ betitelt. Die damalige Richterin Arleth thematisierte Mosers Werkzeug in der Gerichtsverhandlung und fragte ihn, warum er überhaupt einen Bolzenschneider besitze. Im Dokumentarfilm Der Prozess (Gerald Igor Hauzenberger, 2011) erzählt Chris Moser von dieser Episode seines Lebens. Die Szene untergräbt alle Missdeutungen, indem der Künstler mit Bolzenschneider in den Händen eine Baustahlgittermatte für eine Kunstinstallation schneidet. Er braucht den Bolzenschneider für die Arbeit an seinen Kunstwerken. Moser wurde von allen Anklagepunkten freigesprochen und den Bolzenschneider, der sich lange Zeit in der Asservartenkammer der Polizei befand, hat er mittlerweile zurückbekommen.

Chris Moser in der Kunstgießerei Rom in Kundl

Chris Moser in der Kunstgießerei Rom in Kundl

In Bronze gegossen

In Zusammenarbeit mit der Kunstgießerei Walter Rom aus Kundl in Tirol sind die Bronzefiguren von total liberation entstanden. Die Gießerei wird seit 1928 als Familienbetrieb geführt. Kunstgießer Walter Rom erlernte das Giesserhandwerk im Betrieb seiner Eltern. Die Firma hat sich auf die Restaurierung denkmalgeschützter Bronzeskulpturen spezialisiert. Gearbeitet wird mit dem Wachsausschmelzverfahren bei größeren und mit Keramikschalenformverfahren bei kleineren Formen, beispielsweise Büsten, Skulpturen und Reliefe.

Die Skulptur total liberation ist in kleiner Auflage entstanden und kann käuflich erworben werden. Oder wie Chris Moser mit einem Augenzwinkern betont: „ENDLICH! Chris Mosers RADIKALKUNST fürs Kaminsims in den Salons besserbetuchter Bewunder_Innen seiner wegweisenden Kunst!“

Chris Moser beim Anfertigen des Gipsmodells für den Bronzeguss. Am rechten Unterarm trägt er seine Forderung in die Haut tätowiert.

Chris Moser beim Anfertigen des Gipsmodells für den Bronzeguss. Am rechten Unterarm trägt er seine Forderung in die Haut tätowiert.

Eindringlich

Aktuell arbeitet der Künstler an einer weiteren Serie von Bronzefiguren. Er betont, dass trotz der Arbeit mit Bronze, seine Werke „nicht durch den Materialwert, sondern den künstlerischen Wert und seine Aussage“ definiert werden sollen. Den Schriftzug total liberation trägt Chris Moser auch als Tattoo in der eigenen Haut. Und damit schließt sich der Kreis auch zu seiner Haltung. Mit künstlerischer Eindringlichkeit verhandelt Moser in seiner Kunst vorherrschende Unterdrückungsstrukturen. Er fordert die Überwindung dieser gewaltvollen Ausbeutungssysteme und hat dies nun auch in Bronze verewigt.

Wer Interesse daran hat eine Bronzefigur zu erwerben, nimmt am besten direkt mit dem Künstler Kontakt auf.

@chris.moser.radikalkunst
www.radikalkunst.net

Chris Moser in der Kolumne KUNST HALLT NACH:

Affe oder Mensch? Chris Mosers Skulptur „artgerecht“
Bist du ein Homo ABER? – Radikalkunst von Chris Moser
Lähmende Endlosschleifen durchbrechen – Radikalkunst von Chris Moser

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ANIMAL UTOPIA – Hoffnungsvoll nach vorne malen

Das Buch ANIMAL UTOPIA beleuchtet das künstlerische Schaffen von Maler Hartmut Kiewert und schenkt Hoffnung ohne die Realität zu verklären. Kunst mit gegenwärtigen Praktiken verknüpfen Im Vorwort eröffnet Publizistin und…

Das Buch ANIMAL UTOPIA beleuchtet das künstlerische Schaffen von Maler Hartmut Kiewert und schenkt Hoffnung ohne die Realität zu verklären.

Kunst mit gegenwärtigen Praktiken verknüpfen

Im Vorwort eröffnet Publizistin und Journalistin Hilal Sezgin die Auseinandersetzung mit Kiewerts Gemälden anhand ihrer assoziativen Betrachtung. Sie stellt klare Bezüge her zwischen den utopischen Malereien Kiewerts, den realen Praktiken der Tierproduktionsindustrie und den Verhaltensweisen von Schweinen. Das Gemälde Herbst (2012) erinnert Sezgin an ein reales Ereignis, das sich 1959 in Australien ereignete. Beim Unfall eines Tiertransporters mit Schweinen konnten „etliche von ihnen entkommen und bildeten im Namadgi National Park eine beständige Population“. (ANIMAL UTOPIA, 12)

Bild: Harmut Kiewert, Herbst, Öl auf Leinwand, 60 x 100 cm, 2012

Was-wäre-Wenn in Bild und Text

Mit Worten bringt Sezgin auf Papier, was Kiewert mit Pinseln auf der Leinwand festhält, wenn sie beschreibt, was alles möglich wäre, wenn ein Schwein den gegenwärtigen Haltungssystem entkommen könnte. „Schweinemütter würden sich bequem hinlegen, um ihre Jungen zu säugen. Sie würden ihnen Nester in kleinen, mit Laub gepolsterten Gruben anlegen und müssten die Nase nicht in traurigen Ersatzhandlungen über den leeren Spaltenboden schieben.“ (ANIMAL UTOPIA, 13)

Kiewerts Gemälde spielen laut Sezgin „mit einem Was-wäre-wenn, aber es ist kein naives Was-wäre-wenn, sondern eines, in dem Absperrungen und Schranken und Wunden noch sichtbar sind.“

Bild: Hartmut Kiewert, Nest, Öl auf Leinwand, 150 x 190 cm, 2013

Kunstgeschichte schreiben

Die Texte zu Kiewerts Werken hat Kunsthistorikerin und Herausgeberin der Fachzeitschrift Tierstudien, Jessica Ullrich, verfasst. Ullrich beschreibt Werke und die künstlerische Entwicklung Kiewerts, stellt kunsthistorische Bezüge her, vollzieht eine Einordnung der bildlichen Darstellungen in Kiewerts Werkkomplex und zeichnet ein ausführliches Porträt seines Schaffens. Auf vermittelnde Art eröffnet Ullrich den Rezipient*innen den Zugang zu Kiewerts Kunst.

Bild: Hartmut Kiewert, Randstreifen, Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm, 2015

Kunst als Medium der Hoffnung

Am Ende des Textteils, bevor der 100-seitige Farbbildteil beginnt, verweist Jessica Ullrich auf die Bedeutung des Begriffs Utopie und präsentiert zwei Begriffsdefinitionen. Die des Philosophen Max Horkheimer, für ihn ist Utopie „die Kritik dessen, was ist und die Darstellung dessen, was sein soll“ und die Definition des Philosophen Ernst Bloch, für ihn steht Utopie für das „Denken nach vorn“. (ANIMAL UTOPIA, 85) Die Essenz von Kiewerts künstlerischer Postition fasst Ullrich an mehreren Textstellen und konstatiert zu guter Letzt: „Die auf seinen Tableaus realisierten Ziele einer imaginierten, aber sich tatsächlich gesellschaftlich vorbereitenden Revolution der Tier-Mensch-Beziehung sind Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Spezies. Und so bleibt auch für Hartmut Kiewert der Geist der Utopie dem Prinzip Hoffnung verbunden.“ (ANIMAL UTOPIA, 85)

ANIMAL UTOPIA ist eine Künstlermonografie mit gesellschaftlicher Relevanz. Ausführlich und erkenntnisreich gelingt die Auseinandersetzung mit herrschafts- und gesellschaftskritisch Kunst. Kunst, die den Mut hat sich den tief verwurzelten karnisitischen und speziesistischen Denktraditionen in der Gesellschaft kritisch gegenüber zu stellen.

ANIMAL UTOPIA
Verlag compassion media, 2017
Hardcover, 28 Euro
ISBN 978-3-9816425-6-8

Website des Künstlers Hartmut Kiewert
Statement des Künstlers zu Theorie und Praxis seiner Maltechnik

Vielen Dank für das Rezeptionsexemplar an compassion media!

ANIMAL UTOPIA ist hier erhältlich.

 

Wer jetzt gleich noch mehr über einzelne Kunstwerke und Hartmut Kiewerts Kunst lesen möchte, sei auf folgende KUNST HALLT NACH Kolumnen verwiesen:
Kunst verändert den Blick – ANIMAL UTOPIA

Da sitzt ein Schwein am Sofa – Nachhalltige Kunst von Hartmut Kiewert

Herrschaft und Gewalt im Fadenkreuz – Hartmut Kiewerts Gewährsmänner

 

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