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Schlagwort: Interview

»Wir alle haben das Bedürfnis, uns als Teil der Natur zu begreifen.« Plötzlich Gänsevater Michael Quetting im Interview

Michael Quetting (44), Laborleiter am Max-Planck-Institut in Radolfzell, führte ein Forschungsprojekt mit Graugänsen durch. Doch was als Tierversuch geplant war, endete für ihn in einer einzigartigen Lebenserfahrung, bei der er…

Michael Quetting (44), Laborleiter am Max-Planck-Institut in Radolfzell, führte ein Forschungsprojekt mit Graugänsen durch. Doch was als Tierversuch geplant war, endete für ihn in einer einzigartigen Lebenserfahrung, bei der er zu sich selbst zurückfand und sich wieder als Teil der ihn umgebenden Natur begriff. In seinem Buch Plötzlich Gänsevater, das als Spiegel-Bestseller gelistet ist, beschreibt er die Erlebnisse mit den Graugänsen, angefangen bei der Geschichte von Nils Holgersson, die er den Gänsen noch im Ei vorliest, bis hin zur Entlassung seiner Schützlinge in die Freiheit.

Ich habe den sympathischen Autor im Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell getroffen und mit ihm über seine Erfahrungen gesprochen, über sein Ankommen bei sich selbst, über Tierversuche und über sein neues Buch.

Cat: Micha, kannst du mir vielleicht erstmal das Projekt ganz kurz skizzieren?

Michael Quetting: Bei uns dreht sich alles um Tierwanderung. Das können auch andere Tiere als Vögel sein, zum Beispiel Aale, die von Schottland nach Nordamerika schwimmen. Wir haben uns damals sehr für Vögel interessiert und vor allem für eine neue Generation von Datenloggern. Durch diese aufkommende Handynutzung wird die Sensorik total günstig, beispielsweise Beschleunigungs-, Lage- oder GPS-Sensoren. Also dachten wir, wenn die so günstig sind, packen wir die auf ein Messgerät, so streichholzschachtelgroß, und schauen, ob wir diese Daten auswerten können, wenn wir das Gerät einem Tier, in unserem Fall einem Vogel, auf den Rücken binden.

Um welche Daten geht es da genau?

Beispielsweise um Windgeschwindigkeit oder -richtung. Wenn jetzt zum Beispiel ein Bergsteiger im Himalaya in einem Basislager sitzt, kann er auf unserer Animal-Tracker-App sehen, die Streifengans Schorschi fliegt gerade an Annapurna vorbei auf 7.000 Meter, dann könnte er die Livedaten von Schorschi abfragen und wüsste dann, wie die Windgeschwindigkeit da oben ist. Im Moment weiß niemand, wie der Wind 2.000 Meter über Radolfzell ist, das kann man bisher nur näherungsweise bestimmen.

Was ist das denn für eine App? Kann die jeder runterladen?

Mit der App Animal Tracker kann jeder besenderte Tiere melden und deren Migrationsroute nachvollziehen. Und ja, jeder kann sie runterladen, sie ist gratis. (Anmerkung Cat: Ich habe die App am Abend nach dem Interview getestet und bin total begeistert. Es ist absolut spannend zu sehen, wie weit manche Vögel fliegen, aber auch die Routen von bestimmten Säugetieren kann man mit der App nachvollziehen.)

Flugroute eines Steinadlers in der App Animal Tracker. Foto: Cat

Auf Facebook habe ich gelesen, dass man dir vorwirft, es sei ethisch nicht korrekt gewesen, was ihr gemacht habt, weil ihr der Gänsemutter ihre Eier weggenommen habt. Wie stehst du dazu?

Das ist definitiv so, es ist ethisch wahrscheinlich nicht korrekt. Es war als Tierversuch geplant, aufgeschrieben, eingereicht und von der Ethikkommission in Freiburg als Tierversuch genehmigt. In erster Linie war es ein Forschungsprojekt zur Gewinnung von wissenschaftlichen Daten und die Tiere waren Forschungsplattformen, fliegende Messplattformen, reduziert gesagt. Da war erstmal nichts mit knuffigen Gänsekindern und so, das kam alles erst später. Die Prioritäten haben sich total verschoben. Zum Schluss war es Gänsefamilie mit Gänsevater mit Nebenbeiwerk wissenschaftliches Experiment.

Es gibt andere Versuchsleiter, die sagen, nach Abschluss des Experiments sind die Tiere zu euthanasieren, weil sie keine Möglichkeit mehr haben, sich in der Natur zurechtzufinden. Bei mir war das von Anfang an eine Bedingung. Ich habe gesagt, ich mache das nur, wenn die Tiere nachher in die Freiheit entlassen werden. Egal, was das für die bedeutet. Die Chance, dass eine geprägte Graugans in der Freiheit zurechtkommt, ist natürlich geringer als wenn sie dort groß wird. Es lauern einfach viele Gefahren da draußen. Die Gans kennt dann keine Angst vor Füchsen und weiß auch nicht, wie sie sich verhalten muss, damit der Fuchs sie nachts nicht frisst. Klar, das ist in ihrem genetischen Programm schon auch verankert, aber durch die Prägung haben sie definitiv einen Nachteil.

Foto: Michael Quetting

Woher hattest du denn diese Eier? Ich meine, was wäre ansonsten mit den Küken passiert?

Die Eier waren von einem Züchter in Norddeutschland.

Wozu züchtet er die?

Die Eier sind eine Delikatesse.

Das heißt, du hast den Gänsen ja eigentlich das Leben gerettet, oder?

Im Prinzip schon, ja.

Warum hast du das bisher noch nie so kommuniziert, wenn der Vorwurf kam? Das würde das Argument ja entkräften, schließlich hast du dem Muttertier dann gar nicht die Eier weggenommen.

Es ist mir einfach egal, es interessiert mich nicht. Den hardcore-militanten PETA-Freaks kannst du eh erzählen, was du willst.

Ja, da gibt’s vermutlich ein paar sehr dogmatische Exemplare. Du hast aber sicher auch schon vielen Gänsen das Leben gerettet, weil du sie jetzt nicht mehr isst, oder?  

(lacht) Ja, wahrscheinlich. Ich habe halt eine sehr intensive, persönliche Beziehung zu ihnen aufgebaut.

Aber nicht, weil du sagst, sie sind besonders intelligent oder irgendwas, warum man sie nicht mehr essen sollte.

Nein, Quatsch, es ist total bigottes Verhalten! Es gibt keinen Grund, warum ich keine Gänse esse, aber Rinder oder Schweine. Ich kann kein rationales Argument anführen, wo ich sagen würde, ich esse keine Gänse, weil… Wobei es natürlich immer noch mehr Sinn macht, eine Wildgans zu essen als ein Schwein aus Massentierhaltung. Dann lieber eine Graugans, die irgendein Jäger schießt.

Da hast du vermutlich Recht. Aber kommen wir zurück zu deinem Projekt. Wie sah so ein normaler Arbeitstag aus während des Projekts?

Eigentlich war es kein richtiger Arbeitstag. Ich musste gegen halb fünf oder fünf aufstehen und ins Bett ging es wieder, wenn es dunkel wurde. Der Tag war schon relativ lang.

Aber obwohl der Tag auf seine Art so stressig war, bist du doch in eine neue Welt eingetaucht, ganz ohne Computer, Menschen und den Stress, den man sonst so hat. Ich glaube, heute nennt man das Detox.

Jaja, auf jeden Fall, das war eine sehr besinnliche Zeit, in der man bei sich selber ankommen und in sich reinschauen konnte. Notgedrungen natürlich.

Hat sich das Ganze auf dein Privatleben ausgewirkt?

Ich hatte zu der Zeit eigentlich kein Privatleben. Meine Kinder kamen dann schon nach den ersten zwei, drei Wochen mal am Wochenende und haben sogar da übernachtet. Die ersten Wochen wollte ich aber wirklich niemanden sehen, damit die Gänse sich auf mich fokussieren.

Das ist sicher auch nicht so leicht, wenn man sein Privatleben für so ein Projekt vollständig aufgibt. Was war denn ansonsten die größte Herausforderung für dich?

Das ist eine gute Frage. Es gab viele Herausforderungen, aber ich glaube, die größte war, sich überhaupt auf das Ganze einzulassen. Wenn du dich nicht darauf einlässt, funktioniert es nicht. Wenn du denkst, ich mach‘ das jetzt einfach mal wie so einen normalen Arbeitstag, ich reiße acht Stunden runter und geh‘ dann wieder heim, das funktioniert halt nicht. Dein Leben ist einfach ganz anders in diesen drei Monaten.

Ja, das glaube ich dir, aber es gab ja sicher auch viele schöne Momente. Was war dein schönstes Erlebnis während des Projekts? 

Es gab viele schöne Erlebnisse. Aber ich glaube, die schönsten Erlebnisse waren schon, die Gänse aus dem Brutautomat rauszuholen, sie das erste Mal anzufassen, diesen Kontakt herzustellen und natürlich das erste Mal mit ihnen zu fliegen, das war schon sehr beeindruckend.

Foto: Michael Quetting

 Sicher auch, dass sie dann wieder mit dir gelandet sind.

Genau, es sind halt sehr soziale Tiere. Die wissen genau, dass sie dich da nicht verlieren dürfen.

Aber nach und nach waren sie ja dann irgendwann alle weg. Machst du dir manchmal Gedanken, was aus ihnen geworden sein könnte oder weißt du es sogar?

Nein, wissen tu ich das nicht. Von zwei weiß ich es, weil sie jetzt in einem Tierpark leben und einen hat man mal gesehen mit seiner eigenen Familie.

Woran erkennt man deine Gänse denn?

Die sind beringt, es gibt nicht so viele Graugänse, die beringt sind. Die Frau, die die Gans gesehen hat, hat sie fotografiert und auf dem Foto konnte man die Nummer auf dem Ring lesen.

Dann können wir ja in Zukunft Ausschau nach ihnen halten. Inwiefern hat die Zeit mit den Gänsen so rückblickend dein Leben oder dich selbst verändert?

Zum einen war das der Abschluss einer relativ schwierigen Zeit damals mit meiner Scheidung, da war das schon cool, mal drei Monate zu haben, in denen man sich nur um sich selber und um die Tiere kümmern muss. Aber auch, dass man in der Natur sein und bei sich selber ankommen kann. Da hat sich in gewisser Weise der Kreis geschlossen. Andererseits ist es natürlich auch so, wenn du mal so nah mit und in der Natur lebst für ein paar Wochen, dann wird dir auch bewusst, dass du einfach ein Teil von diesem großen Ganzen bist, dann öffnet sich dein Blick für andere Sachen, die du sonst gar nicht mehr wahrnimmst.

Was zum Beispiel?

Keine Ahnung, beispielsweise Insekten. Oder dass die Sonne aufgeht und dich wärmt, dass um dich herum alles lebt, dass es ganz viele soziale Systeme gibt, die da miteinander interagieren, dass Tiere Beziehungen untereinander haben, wie dieses Fasanenpaar, das ich in meinem Buch erwähnt habe, dass es aber auch so klassische Beziehungen sind, wie dass er immer rausläuft und guckt, ob die Luft rein ist und sie dann hinterherläuft. Solche Sachen halt.

Was würdest du denn Menschen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, mit auf den Weg geben?

Mit auf den Weg geben würde ich denen, dass es ganz wichtig ist, dass man sich Zeiten für sich selber schafft, um sich selber anzuschauen, um in Kontakt mit sich selber zu kommen. Viele Menschen sind überhaupt nicht mehr im Kontakt mit sich selber. Diese Bedürfnisbefriedigung liegt ja immer im Außen. Der Mensch versucht, seine Defizite dadurch zu befriedigen, dass er immer im Außen ist. Aber die eigentliche Zufriedenheit kriegt man nicht im Außen. Die kriegst du nur, wenn du nach innen schaust.

Foto: Michael Quetting

Peter Wohlleben hat ja auch diesen Bestseller geschrieben, Das geheime Leben der Bäume. Was glaubst du, warum sind diese Bücher, die sich mit Natur beschäftigen, gerade so erfolgreich?

Bedingt durch diese schnelllebige Internet-Informationsflutwelt, die dich rein kognitiv schon total überlädt, ist dieses Bedürfnis danach, sich als Teil der Natur oder eines universellen Systems zu begreifen, immer größer geworden. Das ist ja archaisch tief in jedem von uns verwurzelt. So wie andere Grundbedürfnisse des menschlichen Seins, wie der Trieb sich fortzupflanzen oder auch einfach sich geliebt zu fühlen.

Apropos Fortpflanzung, welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen der Erziehung von Menschen- und Gänsekindern?

Oh, da gibt’s einige. Auf beide musst du dich einlassen, du darfst nichts anderes nebenher machen. Die zeigen dir schon, wo die Musik spielt. Die tollen Sachen, die du erleben kannst, mit Menschen- oder Tierkindern, die entstehen erst, wenn du dich drauf einlässt. Man kann Gänsekindern natürlich auch nur bedingt Grenzen setzen und bestimmte Sachen, die einen nerven, wie diese Kackerei oder so, das kannst du ihnen nicht abgewöhnen, das machen die halt. Die Möglichkeiten sind begrenzt.

Nils Holgersson lebt ja auch eine Zeitlang mit Gänsen zusammen. Den Spitznamen bekommst du also sicher sehr oft. Nervt der dich schon?

Das kommt daher, dass ich den Gänsen, als sie noch im Ei waren, immer aus Nils Holgersson vorgelesen habe. Das hab‘ ich halt blöderweise mal gesagt und seitdem sagt das irgendwie jeder. Also es nervt mich eigentlich nicht, ich finde die Geschichte ja ganz nett.

Hast du schon ein neues Buch geplant?

Ja schon, aber ich habe noch keinen Verlag gefunden. Ich habe das zweite Buch deswegen geschrieben, weil ich einer gewissen Bevölkerungsschicht mal die Augen öffnen wollte. Das wäre auch definitiv mein letztes Buch in die Richtung gewesen.

Was hast du denn geschrieben oder ist das geheim?

Nee, gar nicht. Bedingt durch die Ehe mit einer Pferdenärrin, deren Lebensinhalt ausschließlich aus der Liebe und dem Umgang mit Pferden und anderen Tieren bestand und eben durch diese Gänsegeschichte habe ich viel mehr Einblick in Tier-Mensch-Beziehungen bekommen. Wie kann sowas aussehen und was passiert da? Dann wird dir erstmal bewusst, wie krank solche Tier-Mensch-Beziehungen oft sind, obwohl die meisten Leute denken, sie tun alles für ihr Tier. Guck dir mal die vielen Reiterinnen an, die ihr Pferd vierundzwanzig Stunden am Tag in eine enge Box stellen, in der es sich kaum umdrehen kann, holen es höchstens einmal am Tag für eine halbe Stunde raus, sitzen drauf und pesen durchs Gelände. Und dann wundern sie sich, dass ihr Pferd krank wird. Weil es den ganzen Tag in einer engen Box steht und aufgeschütteltes Heu fressen muss, von dem es eine Staublunge bekommt. Ach, da gibt es zigtausend Beispiele.

Find ich ein super Thema und bin gespannt darauf. 

Vielen Dank, Micha, für das schöne und interessante Interview und dafür, dass mich ein Buch endlich mal wieder in seinen Bann gezogen hat!

Plötzlich Gänsevater macht Wissenschaft emotional und zeigt uns, wie grenzen- und bedingungslos Liebe sein kann. Das Buch lässt uns träumen und abtauchen, es lässt uns staunen, lachen, aber auch weinen. Und das Wichtigste: es lässt uns für einen Moment den Atem anhalten.

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Nadine sucht das Glück: Glück ist schrillernd

„Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.“ So das Geständnis von Siegfried Lenz, einem deutschen Schriftsteller in seinem Werk „Die Erzählungen“. Mir geht es ganz ähnlich, auch…

„Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.“ So das Geständnis von Siegfried Lenz, einem deutschen Schriftsteller in seinem Werk „Die Erzählungen“. Mir geht es ganz ähnlich, auch ich möchte die Welt verstehen und benötige dafür Geschichten. Noch mehr als die Welt als Ganzes möchte ich aber die Menschen verstehen, die ihre Geschichten erzählen. Was bringt sie zum Lachen, was zum Weinen? Welche Abenteuer haben sie schon erlebt und für welche wappnen sie sich gerade? Wovon träumen sie, worauf hoffen sie? Und vor allem, was macht sie glücklich? Was ist es, das ihre Energiereserven auffüllt und sie auch in schweren Zeiten die Zuversicht nicht verlieren lässt? Was ist es, das sie aus ihrem Inneren heraus strahlen lässt? Immer wieder stelle ich mir diese Fragen. Erst vor kurzem ist mir die Problematik daran aufgefallen. Ich stelle mir diese Fragen. Mir selbst, als würde ich die Antworten kennen. Dabei sind doch die anderen Menschen die einzigen, die mit ihren Geschichten meine Fragen beantworten können.

Die erste Person, die ich gebeten habe, mir ihre Geschichte zu erzählen nennt sich Yogi. Wir kennen uns mittlerweile schon seit einigen Jahren und haben gemeinsam gelacht, getanzt und über Gott und die Welt geredet. Über ihre persönliche Glücksgeschichte haben wir allerdings noch nie gesprochen. Bei einem gemeinsamen Kaffeehausbesuch und anschließendem Spaziergang am Donaukanal haben wir das aber nachgeholt. Vorhang auf für Yogi, hier kommt ihre Geschichte!

„2012 war das beste Jahr meines Lebens. Ich war das ganze Jahr lang auf Weltreise, war frei und ungezwungen und konnte einfach nur das tun, worauf ich Lust hatte. Was ich mache, mit wem ich rede, wen ich kennenlernen möchte, wohin ich gehe – all das war ganz allein meine Entscheidung. Ich war ein ganzes Jahr lang auf Urlaub, wer würde das nicht großartig finden?“ Zwölf Monate lang durch die Welt zu reisen und ganz frei entscheiden zu können, welchen Weg man als nächstes einschlägt, macht ganz gewiss glücklich. Daran zweifle ich nicht. Ob es diese Freiheit ist, die sie als größtes Glück empfand, habe ich sie gefragt. „Nein, das war großartig, aber dass ich Orte kennen lernen durfte, an denen ich mich heimisch fühle, das war die beste Erfahrung. Und auch die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen und Kulturen waren ein großes Glück.
In Venice Beach, Los Angeles hatte ich das erste Mal auf meiner Reise dieses Gefühl. Das ist ein Ort, an dem ich bleiben könnte, weil die Menschen entspannt sind und das Lebensgefühl frei ist. Ein fantastisches Buchgeschäft gibt es dort. Es gibt Açaí-Eis aus Brasilien, Bongo-Spieler, das Meer rauscht, man radelt die Strandpromenade entlang und fühlt sich wie in Baywatch.

Ein noch stärkeres „Hier bin ich zu Hause“-Gefühl hatte ich in Kambodscha. Eigentlich habe ich nichts über dieses Land gewusst. Ich musste aus Thailand ausreisen, weil mein Visum ausgelaufen war. Der Grenzübertritt zu Kambodscha war der am nächsten gelegene. In Thailand zog ich von einem Ort zum anderen, wollte nie weiter und verliebte mich doch sofort wieder in mein nächstes Ziel. Ich wollte Thailand nicht verlassen, landete aber doch ganz unvermutet in meinem Lieblingsland.“

In Gedanken reise ich nach Kambodscha. Was weiß ich eigentlich über dieses Land und die Leute dort? Nichts. Ich habe mich noch nie damit auseinandergesetzt. Yogi nimmt einen Schluck von ihrem brasilianischen Kaffee und erzählt weiter: „Die Leute in Kambodscha sind so liebenswert. Obwohl ihre jüngste Vergangenheit nicht immer leicht war und die Spuren des Genozids in den Siebzigern nach wie vor präsent sind, sind sie aufgeschlossen und offen. Ich war fasziniert und fragte mich, wie das überhaupt möglich sein konnte. Zwischen all diesen Menschen, die trotz ihrer schlechten Erfahrungen so lebensfroh geblieben sind, fühlte ich mich zu Hause.“

Während Yogi von Kambodscha und den Leuten dort erzählt, leuchten ihre Augen. Die Erinnerung an ihre Zeit dort bereitet ihr offensichtlich viel Freude. Mir drängt sich die Frage auf, wie es sich jetzt anfühlt, fernab Asiens und eineinhalb Jahre später. „Kambodscha ist mein Land, dort soll ich sein. An diesem Gedanken hat sich bis heute nichts geändert.“ Yogi scheint in der Ferne ihr Herz an eine zweite Heimat verloren zu haben. So sehr sie die Monate dort genossen hat, so wenig vergessen sind auch die weniger schönen Erinnerungen. „Nach acht Monaten Reisezeit hatte ich ein so genanntes Travel Burnout. Obwohl ich mich so heimisch fühlte, ging es mir nicht gut. Es gab ständig nur Reis und Nudeln, überall war es schmutzig, ständig wurde ich als Touristin von Händlern bedrängt, die mir etwas verkaufen wollten. Ich nahm mir eine Auszeit und verbrachte einige Tage in der Hauptstadt von Kambodscha. Dort gönnte ich mir seltene Luxustage. Ich ging zum Frisör, kaufte mir ein hübsches Kleid und mietete ein Zimmer in einem Hostel, das neben einem hervorragenden Kaffeehaus lag. Diese Auszeit vom Reisen hat mir das Land noch näher gebracht, weil ich gesehen habe, dass es mich auch aufbauen kann, wenn es mir schlecht geht.“ Ich habe noch nie von einem Travel Burnout gehört und bin überrascht, wie offen Yogi darüber spricht. So schlecht es ihr ging, so fabelhaft ist es, dass sie eine so positive Erkenntnis gewinnen konnte.

„Während meiner Tage in Phnom Penh habe ich auch einen Fotokurs besucht, weil Fotografie auf dieser Reise zu meiner Leidenschaft und meiner Möglichkeit geworden ist, besondere Momente einzufangen und anderen zugänglich zu machen. Ich habe viele Einheimische fotografiert. An meinem letzten Tag habe ich beim Ausflug mit dem Fotokurs eine runzlige, alte Kambodschanerin ohne Zähne fotografiert. Ihr liebenswertes, aufgeschlossenes Lächeln hat mich berührt und mir noch mehr verdeutlicht, wie sehr ich dieses Land liebe.“

cambodian by Yogi

Yogis Aufenthalt in Kambodscha endete wiederum, weil ihr Visum auslief. „An der Grenze habe ich geweint. Ich wollte nicht weg.“ So eng fühlte sie sich dem Land verbunden, dass der Abschied schmerzte. Die nächsten Tage in Vietnam konnten den Kummer nicht lindern. „Die Menschen in Vietnam waren ganz anders als in Kambodscha. Sie waren viel verschlossener, trugen meistens Mundschutz und tief ins Gesicht gezogene Hüte. Ich hatte das Gefühl von Gesichtslosen umgeben zu sein. Außerdem war es, als hätte ich, egal wo ich hin kam, das ganze Touristenprogramm schon gesehen. Immer die gleichen Tempel, die gleichen Bauten und die gleichen Wasserfälle. Ich hatte nicht das Gefühl noch etwas Neues zu erleben. Deshalb habe ich meine Reise in den Norden auf halbem Weg abgebrochen und bin wieder zurück nach Kambodscha gefahren.“

Als mir Yogi von ihrer Rückkehr erzählt, freue ich mich richtig. Wie schön, wenn jemand seinem Herzen folgt und auch mal von einem Plan abweicht. „Eigentlich wollte ich in Sihanoukville in einer Strandbar arbeiten. Ich habe mir ein kleines Paradies vorgestellt, wurde aber schwer enttäuscht. Sihanoukville ist ein versifftes Loch voller Drogen und Prostitution, überall begegnet man verlorenen Seelen, die dort hängen geblieben sind.“ Die Enttäuschung steht ihr ins Gesicht geschrieben, allerdings auch das Mitgefühl mit den Menschen dort. „Statt in der Strandbar zu arbeiten habe ich einen Tauchtrip gebucht. Am Morgen als es losgehen sollte, sah ich eine Frau, die mir gefiel. Ich stornierte spontan meinen geplanten Ausflug und buchte stattdessen einen Tauchgang bei ihrer Schule, um sie zu begleiten. Mit dieser Tauchgruppe war eine Übernachtung auf einer anderen Insel geplant, auf der Insel Koh Rong. Ich bin für eine Nacht gekommen und einen Monat geblieben. Das war das Paradies, das ich gesucht hatte.“
Yogi erzählt, dass sie auf Koh Rong Arbeit in einem Guesthouse gefunden hat. Das Hausmädchen dort, die 14-jährige Srey Ni aus dem Einheimischendorf wurde schnell zu ihrer Schwester und Freundin. „Ihre Mutter brachte mir häufig Kokosnüsse aus dem Garten vorbei. Srey Ni und ihre Familie leben auf dieser Insel ohne Autos, ohne Arzt, ohne Hektik. Das Festland ist zweieinhalb Stunden Bootsfahrt entfernt. Srey Ni war erst zwei Mal dort.“ Yogi würde die kleine Kambodschanerin gerne nach Österreich einladen, wenn sie alt genug ist um alleine in Phnom Penh einen Pass beantragen zu können. In Kontakt bleiben können die beiden nur schwer, weil es auf der Insel weder Post noch Computer gibt. Nur wenn einer von Yogis Freunden auf einer Kambodschareise dort Halt macht, können sie sich über dessen Smartphone oder Tablet über Skype sehen und unterhalten. Ich versuche mir vorzustellen, wie Srey Ni auf ihrer kleinen Insel lebt. Ganz ohne die Luxusgüter, die wir gewohnt sind und oftmals nicht sehr wertschätzen. Wer wohl glücklicher ist? Wir mit all unseren Errungenschaften, die den Alltag erleichtern oder Srey Ni und ihre Familie, die ohne Hektik irgendwo im Nirgendwo leben. Ich komme zu keiner Antwort. Vielleicht sollte ich Yogi auf ihrer nächsten Reise begleiten und Srey Ni selbst fragen.

Natürlich will ich wissen, wie es ist, wenn man nach so einer langen Reise wieder nach Hause kommt. „Ich war ein Jahr lang unterwegs. Wieder in Wien zu sein war schwierig, ich hatte es mir anders vorgestellt. Irgendwie hatte ich erwartet, dass ich nach meiner Rückkehr sesshaft werden würde. Dass ich eine neue Wohnung, einen guten Job und eine Partnerin finden würde. Doch es kam anders. Ich lebe immer noch in der gleichen Wohnung und fand weder Job noch Partnerin. Meine Reise war ein Selbstfindungstrip. Ich habe mich auch gefunden, in vielen Facetten erfunden und neu entdeckt. Aber kaum war ich zurück, habe ich mich gleich wieder verloren. Ich wusste nicht, wo ich hin wollte. Sollte ich in Wien bleiben? Zurück nach Asien gehen? In ein ganz anderes Land ziehen? Ich war überfordert von der Fülle an Möglichkeiten, die sich mir bot. Dass ich nicht gleich eine gute Arbeit gefunden habe, hat an meinem Selbstwertgefühl gekratzt. Ich habe mich gefragt, warum ich überhaupt wieder zurück gekommen bin, wo ich doch anscheinend komplett überflüssig war. Das war keine leichte Zeit. Die große Frage, die im Raum schwebte, war: Wenn das mein bestes Jahr war, was soll jetzt noch kommen? Wird alles nur noch halb so gut sein? Wovon soll ich jetzt noch träumen?“ Ich bin beeindruckt, dass Yogi so aufrichtig über diese schwierige Zeit redet. Ein Jahr lang dauerte diese Unsicherheit und Unwissenheit, zwölf Monate voller Selbstzweifel und unbeantworteter Fragen. „2013 endete damit, dass mir ein Bekannter zu Silvester sagte, dass dieses Jahr mein Übergangsjahr gewesen sei. Heute sehe ich das auch so. Die Leere nach meiner Rückkehr war komisch, ich habe lange gebraucht um damit zurechtzukommen. Mittlerweile bin ich aber wieder angekommen und fühle mich wohl in Wien. 2012 war definitiv eines der besten Jahre meines Lebens. Ich freue mich aber auf die, die noch kommen werden. Denn es werden noch viele fantastische Jahre kommen, da bin ich mir sicher.“

Nachdem mir Yogi ihre Geschichte erzählt hat, die nicht nur eine Geschichte ihrer Reise, sondern auch eine ihres Wachsens und Erwachsenwerdens ist, sitzen wir noch einige Zeit am Wasser und bewundern die Muster, die der Wind an der Wasseroberfläche zeichnet. Ich bin dankbar, dass sie mir von ihrem großen Abenteuer erzählt hat und erfreue mich an den vielen kleinen Glücksstrahlen, die aus den Erzählungen hervor blitzen. Yogi hat nicht nur eine zweite Familie und viele neue Heimaten gefunden, sondern auch ein Stück ihrer selbst. Die Erinnerungen, die Freundschaften, die Einblicke in fremde Kulturen und die Erkenntnisse über sich selbst sind für Yogi wie ein innerlicher Schatz, den sie hütet, aber auch für andere frei gibt.

Zum Abschluss unseres gemeinsamen Nachmittags stelle ich ihr drei Fragen. Immerhin gibt es nicht nur die reisende Yogi, sondern auch noch viele andere. Wer warst du, wer bist du, wer wirst du sein? Zeig mir deine Persönlichkeit, ich möchte wissen wer du bist. Sie beginnt mit der Gegenwart, das ist am einfachsten. „Ich bin eine selbstbewusste, ehrliche, mutige Weltenbummlerin, die ihr Leben nicht nach gesellschaftlichen Normen ausrichtet. Eine Freundin hat ein Wort für mich erfunden, schrillernd. Sie sagt, ich sei schrill und schillernd. Es kümmert mich nicht, wenn mich jemand komisch ansieht.“ Ich muss laut lachen, als ich die von der Freundin kreierte Beschreibung höre. Schrillernd. Schrill, schräg und schillernd. Ja, das passt wunderbar. Während ich mich über die Wortschöpfung amüsiere, sucht sie nach Antworten auf meine beiden anderen Fragen. „Ich war das kritische, alles hinterfragende Leitschaf und auch ein Klassenclown. Schulsüchtig war ich auch, aber nur, weil ich ständig in meine Lehrerinnen verknallt war.“ Die Frage nach der zukünftigen Yogi ist wohl am schwierigsten zu beantworten. „Ich werde erfolgreich sein, erfahren und wissend und die Welt gesehen haben. Letzteres habe ich ja auch jetzt schon erreicht. Am wichtigsten ist mir, dass ich mich auch in Zukunft immer selbst zu schätzen weiß und mein Leben lang so schrillernd bleibe wie ich jetzt bin.“ Beim letzten Satz lächelt sie ob der Gewissheit, dass es tatsächlich so sein wird. Ein Glück, wenn man sich selbst gefunden hat. Ein größeres Glück, wenn man sich selbst gefunden hat und noch dazu gut leiden kann.

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littlemissitchyfeet und The bird’s new nest auf gemeinsamer Reise

Und wohin führt diese Reise? Unsere erste Station ist ein Artikel von littlemissitchyfeet zu The bird’s new nest inklusive einem Interview mit mir. Die Miss hat mir jede Menge interessante…

Und wohin führt diese Reise? Unsere erste Station ist ein Artikel von littlemissitchyfeet zu The bird’s new nest inklusive einem Interview mit mir. Die Miss hat mir jede Menge interessante Fragen gestellt, zum Beispiel was Nachhaltigkeit für mich bedeutet oder was mich an The bird’s new nest besonders stolz macht. Den Artikel, in dem Doris auch erzählt, was sie zu The bird’s new nest geführt hat, könnt ihr hier auf Doris‘ Blog littlymissitchyfeet lesen.

What’s new, pussycat?

Warum das einen eigenen News-Artikel wert ist? Einerseits weil ich mich sehr darüber freue, dass der erste Artikel zu The bird’s new nest verfasst wurde, andererseits weil es das erste Interview war, dass ich zu The bird’s new nest geben durfte. Und last but not least weil das nicht die einzige Station unserer Reise sein wird. Dazu aber ein anderes Mal mehr.

Vielen lieben Dank an littlemissitchyfeet für den Artikel und das Interview!

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