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Auf Safari durch Jordanien oder: Die Suche nach dem Anfang

Kennt Ihr das: Ihr sprudelt über vor Geschichten, Eindrücke überschlagen sich, Ihr wollt alles erzählen, loswerden, mitteilen… Aber wo anfangen?! Und wo aufhören?! Und wie kriegt Ihr alles dazwischen unter?! So…

Kennt Ihr das: Ihr sprudelt über vor Geschichten, Eindrücke überschlagen sich, Ihr wollt alles erzählen, loswerden, mitteilen… Aber wo anfangen?! Und wo aufhören?! Und wie kriegt Ihr alles dazwischen unter?! So geht es mir gerade, wenn ich an Jordanien und meine zehn Tage dort denke. Ich habe so viel erlebt, bin so vielen Menschen begegnet – und möchte ein adäquates Bild des Landes malen. Eines, das der Vielfalt gerecht wird. Eines, das die Menschen in ihrer Buntheit darstellt. Und vor allem eines, das die großartigen grünen und ökologischen Ansätze des arabischen Landes zeigt. Es überrascht Euch wohl nicht, dass Letzteres einer der Gründe war, warum ich UNBEDINGT nach Jordanien wollte! Doch jetzt, jetzt weiß ich nicht, wie und wo ich anfangen soll… und dabei ist doch der Anfang einer Geschichte das Entscheidende!

Vielleicht sollte ich bei Osama beginnen, den ich über CouchSurfing kennen gelernt und in Amman gleich zweimal getroffen habe. Eigentlich habe ich ja bei ihm wegen eines Schlafplatzes angefragt, was ich bekommen habe, war aber viel mehr. Keine Couch wohlgemerkt, denn Osama schläft derzeit selbst bei seinen Eltern – nicht unüblich für Jordanier, die unverheiratet sind. Beim gebürtigen Palästinenser, der in Saudi Arabien aufgewachsen ist, hat es aber einen anderen Grund: Der Wanderfreak, der vor fünf Jahren mit seiner Initiative Explore Jordan Trekking- und Hikingtouren geführt hat, ist erst vor drei Wochen von einem einjährigen Studienaufenthalt aus Südafrika und Malawi zurückgekehrt. Dorthin ist er als einer von vier jungen Leuten – drei Männer, eine Frau – von der jordanischen Nonprofit-Organisation RSCN (Royal Society of Conservation of Nature) geschickt worden. Die Organisation, die unter anderem auch von USAID finanziell unterstützt wird, ist im Auftrag der jordanischen Regierung für Umweltschutz, die Errichtung, Instandhaltung und Betreibung der derzeitigen Naturschutzgebiete sowie mit der Marke „Wild Jordan“ für die Entwicklung eines umwelt- und sozial-verträglichen Tourismus zuständig. Osama und die drei anderen sollten sich das nachhaltige südafrikanische Modell der Nature Guides anschauen, davon lernen und jetzt in Jordanien implementieren. In den vier Lodges und Unterkünften, die es derzeit in den Reservaten Jordaniens gibt (Dana, Ajloun, Azraq und Mujib), sollen sie Angebote für TouristInnen entwickeln – und als Nature Guides Hauptansprechpartner für die Gäste sein. So erhofft man sich, dass die TouristInnen mehr Angebote in Anspruch nehmen und somit länger bleiben – wie es auch schon in Südafrika funktioniert. Und Osama und seine KollegInnen sollen auch weitere Nature Guides ausbilden, Leute, die die Natur achten und schützen – und das den TouristInnen beibringen. Etwas, das derzeit noch weniger oft der Fall ist, denn seit Neuestem lieben die JordanierInnen zwar das Wandern, sehen es aber eher als Happening – Naturschutz steht da oft an letzter Stelle.

In Ajloun wird gerade ein ökologisches Gebäude für Trainings errichtet. Foto: Doris

In Ajloun wird gerade ein ökologisches Gebäude für Trainings errichtet. Foto: Doris

Stattfinden soll die Ausbildung der Nature Guides im Trainingszentrum in Ajloun, einem der wenigen grünen Gebiete des Landes, von dessen Fläche nur 1 – 2% bewaldet sind. Seit drei Jahren wird – unter der Aufsicht eines jordanischen Architekten – ein hochmodernes, Energie-autarkes Gebäude errichtet; natürlich auf den Felsen erbaut, aus Steinen der Region und mit einer Brücke zum Haupteingang thront es wie eine neuartige Burg auf dem Berg – daran hat es mich zumindest erinnert, als ich dieser Tage dort war und die Baustelle besucht habe.
Über 300 StudentInnen sollen im Zentrum Platz haben – natürlich nicht nur, um zu NaturführerInnen ausgebildet zu werden. Nein, es schwebt dem RSCN-Manager Chris Johnson, einem Briten, der seit über 20 Jahren in Jordanien lebt und arbeitet, vor, im Zentrum alles lehren zu lassen, was mit Umwelt und Ökologie zu tun hat. Praxis nahe soll die Ausbildung sein – und durch die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern wie Südafrika oder der Alfred Töpfer Akademie für Naturschutz in Deutschland will man den StudentInnen auch die Möglichkeit geben, außerhalb Jordaniens Erfahrung zu sammeln. Außerdem soll in Ajloun das größte Bio-Restaurant des Landes entstehen, in dem Produkte aus der Region verwendet werden – und das Gebiet, das schon jetzt bei den Einheimischen beliebt ist, zu einem noch populäreren Ausflugsziel machen.
Es ist ein langfristiges Unterfangen, das erst im nächsten Jahr schrittweise in Betrieb geht, auch wenn das Gebäude selbst bereits in 2 – 3 Monaten fertig gestellt wird. Aber so lange brauchen Osama, seine KollegInnen sowie der Rest des Teams, um Unterrichtspläne zu erstellen und Details auszuarbeiten. Und ich bin beeindruckt, dass ein so langfristiger Plan trotz des wirtschaftlichen und politischen Drucks möglich ist – normalerweise wird ja gerade in Krisenzeiten gern auf kurzfristiges Notfallsprogramm gesetzt. Nicht in Jordanien, zumindest nicht nur!

Das ist einer von zwei Jeeps für die erste Safari in Jordanien. Foto: Doris

Das ist einer von zwei Jeeps für die erste Safari in Jordanien. Derzeit steht er in Amman beim „Wild Jordan Café“, dem Büro und Sitz der RSCN. Foto: Doris

Oder soll ich mit der ersten Safari Jordaniens beginnen? Am 7. Mai wird dieses Projekt feierlich und offiziell dem Sponsor Arab Bank präsentiert. Zwei Jeeps stehen bereit, um als High-End-Angebot – TouristInnen nach dem südafrikanischen Modell in der Gegend von Ajloun, etwa 70 km außerhalb der Hauptstadt Amman, die seltenen Oryx-Antilopen zu zeigen. Ab Juni sollen zweimal täglich bis zu 12 Personen von einem Guide um „a significant amount of money“ durch die Wildnis dieses Gebiets gefahren werden. An eine Kooperation mit 5-Stern-Hotels ist ebenfalls gedacht.
Wie alle anderen touristischen Angebote soll auch die Safari dazu dienen, der Bevölkerung zu verdeutlichen, dass die Natur wichtig ist, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Und gerade deshalb muss sie geschützt und bewahrt werden!

Paradiesische Natur in Jordanien. Foto: Doris

Paradiesische Natur in Jordanien. Foto: Doris

Die Safari ist das erste Projekt, an dem Osama und die drei anderen RückkehrerInnen aus Südafrika arbeiten. Und es ist der erste Versuch der RSCN, ein Luxus-Angebot für TouristInnen zu offerieren, während die anderen Produkte eher im mittleren Preissegment angesiedelt sind. Doch nicht nur für ausländische Gäste, auch für die BewohnerInnen der armen Region rund um Ajloun ist die Safari gedacht. Jeden Freitag – wie unser Samstag der Beginn des Wochenendes in Jordanien – sollen sie die Möglichkeit haben, kostengünstig an einer Fahrt teilzunehmen und dadurch der Natur ihrer Heimat näher zu kommen. So der Plan.

Dana Biosphere Par, eine Erfolgsgeschichte. Foto: Doris

Dana Biosphere Par, eine Erfolgsgeschichte. Foto: Doris

Oder vielleicht sollte ich bei meinem Besuch im Dana Biosphären Reservat anfangen? Interessiert man sich für das umwelt- und sozial-fördernde touristische Angebot Jordaniens, führt kein Weg an der 20jährigen Erfolgsgeschichte dieses größten Naturschutzgebiets des Landes vorbei. Während der Rest des Landes – egal, ob Hotel, Tourguides oder Museum – wegen der politischen Lage in den Nachbarstaaten mit BesucherInnen-Rückgang kämpft, können sich die Reservate und Unterkünfte in den Naturschutzgebieten nicht beklagen. „Wir haben nur noch ein Zimmer ab dem 1. Mai frei“, habe auch ich gelesen, als ich mich Monate zuvor schon wegen einer Übernachtung in Jordaniens einzigem Öko-Hotel, der Feynan Eco Lodge in Dana, erkundigt habe. An ein Umbuchen in die beiden anderen RSCN-Unterkünfte der Region, Rummana Camp oder Dana Guesthouse, war kurzfristig auch nicht mehr zu denken – alles restlos ausgebucht. Also habe ich die beschwerliche Reise in den Talkessel nach Feynan, das nur per Auto oder zu Fuß erreichbar ist, auf mich genommen. Drei bis dreieinhalb Stunden dauert die Fahrt von Madaba dorthin – und nachdem es keine Busse auf dieser Strecke gibt, bleibt nichts Anderes als eine Fahrt mit dem „Taxi“: Ganz und gar nicht ökologisch, weiß ich schon, aber wenigstens die soziale Komponente passt. Denn wenn man einen Fahrer aus der Gemeinde rund um Feynan nimmt, sich somit auf einen wenig luxuriösen Jeep ohne Klimaanlage (eine Herausforderung bei 35 Grad Hitze) und eine schweigsame Fahrt einlässt (Englisch sprechen die Wenigsten aus der Community), dann kommen die 70 JDs (etwas mehr in Euros) dem Fahrer zugute.

Wanderung durch Dana. Foto: Doris

Wanderung durch Dana. Foto: Doris

Generell ist das Dana Biosphären Reservat nämlich nicht nur ein Umweltprojekt, das das Areal von 308 km2 vor dem immer wieder drohenden Mineralienabbau und der Abholzung schützt, sondern auch ein erfolgreiches Community-Projekt: 25 Menschen, 20 davon aus den umliegenden Beduinendörfern, arbeiten zum Beispiel in der Feynan Eco Lodge, nocheinmal genauso viele im Dana Guesthouse. Dazu kommen noch die Beduinen-Fahrer, die Gäste in der Gegend herumkutschieren (wie mich von Madaba ins Ressort bzw. die Wanderer zu ihren Touren) oder die Nachbarin, die exklusiv das Brot fürs Ecohotel bäckt – sie alle hätten ohne diese touristischen Projekte keine Lebensgrundlage in Dana, müssten ihre Heimat verlassen, um zu überleben.

Hike Guide Mohammed in Feynan beim Sunset Hike. Foto: Doris

Hike Guide Mohammed in Feynan beim Sunset Hike. Foto: Doris

Aber auch ohne dieses Hintergrundwissen ist ein Besuch des Dana Biosphären Parks und der Feynan Eco Lodge zu empfehlen. Wer schon einmal mit einem der Wanderführer zum täglichen gratis Sunset-Hike aufgebrochen ist, dann auf der Anhöhe den süßlichen Beduinentee zu Flötenmusik serviert bekommen hat, wird mir das bestätigen – auch wenn das mit dem Sonnenuntergang in meinem Fall dank des Sandwinds von Ägypten nicht ganz geklappt hat. Genauso bestätigen wie derjenige, der schon einmal im nur mit Kerzen beleuchteten Haus das reichhaltige, ausschließlich vegetarische Abendessen verspeist hat. Oder derjenige, der am nächsten Tag – wie ich – den Fußmarsch nach Dana in Angriff genommen hat und auf dem Weg nicht nur Kamelen in freier Wildbahn begegnet, sondern vor allem alle paar Meter von Ziegen hütenden Beduinen zum Tee geladen worden ist und sich dabei dann mit Händen und Füßen verständigt hat. Da verschmerzt man irgendwie auch die Unkosten von um die 100 JDs, die für eine Übernachtung samt Abendessen drauf gehen – immerhin werden die ja für die Beduinen-Gemeinde und den Naturschutz eingesetzt!

Kein elektrisches Licht abends nur Kerzenschein in Feynan EcoLodge. Foto: Doris

Kein elektrisches Licht abends nur Kerzenschein in Feynan EcoLodge. Foto: Doris

Zu Gast nicht bei Ziegen sondern bei Beduinen auf einen Tee. Foto: Doris

Zu Gast nicht bei Ziegen sondern bei Beduinen auf einen Tee. Foto: Doris

Oder vielleicht sollte ich doch mit meiner Rückfahrt von Dana nach Madaba beginnen: Nicht, weil ich dabei einen der schlimmsten Sandstürme (oder besser gesagt, den ersten richtigen) meines Lebens mitgekriegt habe, sondern weil sie mit zwei hochinteressanten Personen stattfand. Saleh, der Fahrer, der im „richtigen Leben“ englischsprachige TouristInnen durch die Gegend führt, Wanderungen organisiert und sich damals ebenfalls – erfolglos – für den Südafrika-Auslandsaufenthalt beworben hatte, und Bassam. „Mein Name heißt der Lachende“, erklärt mir Letzterer, als er ins Auto einsteigt, ganz in der weißen Tracht der Beduinen gekleidet. Nomen est omen. Bassam war zig Jahre Wanderführer, dann Manager des Rumman Campsites in Dana und arbeitet jetzt – in seiner Rente – ehrenamtlich im Nature Shop des Campingplatzes weiter. Als Kind ist er noch als Beduine mit seiner Familie herumgezogen und dann sesshaft geworden. Er erzählt mir davon und berichtet zum Beispiel, dass es das Müllproblem, das Jordanien jetzt ganz offensichtlich hat – überall flattern Plastikbeutel in der Gegend herum, Abfallberge häufen sich, die ägyptischen Gastarbeiter kommen mit dem Säubern nicht nach -, damals in Bassams Kindheit nicht gegeben hat. Damals nutzten die umherziehenden Beduinen alles, was die Natur zu bieten hatte, weil sie es ja zum (Über)Leben brauchten und nutzten; Abfall wurde wieder verwertet, nein, erst gar nicht produziert. „Ich wünschte, wir würden zu dieser Beziehung zur Natur wieder zurück finden“, meint Bassam mit seinem berühmten ruhigen Lächeln – und ich denke mir zum wiederholten Mal, dass das, was in Jordanien gilt, auch für uns in Europa wünschenswert wäre.

Die Müllberge sind ein großes Problem in Jordanien. Foto: Doris

Die Müllberge sind ein großes Problem in Jordanien. Foto: Doris

Keine Frage, Jordanien ist ein faszinierendes Land – und ich möchte in jedem Fall wieder zurück. Allein schon, um an einer Safari teilzunehmen oder das fertige Trainingszentrum in Ajloun zu sehen. Oder um weitere Reservate zu besichtigen, in anderen Naturschutzgebieten – wie dem in Azraq – zu wandern oder weitere Canyons zu durchwaten. Ich werde einfach Expedia und Co. wegen günstiger Flüge im Auge behalten.

So, und jetzt verratet mir mal bitte, wo ich anfangen soll… Ihr versteht mein Dilemma bei so vielen spannenden Geschichten, oder?!

Offenlegung: Danke an Jordan Tourism Board für die Unterstützung in den ersten Tagen sowie die Finanzierung des Transports nach/ von Jordanien. Meinungen und Ansichten in dieser Geschichte sind und bleiben meine eigenen.
Der Text erscheint mit freundlicher Unterstützung von Expedia. 

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Raum trifft Reise trifft The Last Bus Café

„Es war ja von jeher ein Weltreiseprojekt!“. Wie bitte!? Die Worte kamen unerwartet. Ich bin doch in einem Café, wohlgemerkt einem, das mir als „Lokal von Hippies“ empfohlen wurde. Und…

„Es war ja von jeher ein Weltreiseprojekt!“. Wie bitte!? Die Worte kamen unerwartet. Ich bin doch in einem Café, wohlgemerkt einem, das mir als „Lokal von Hippies“ empfohlen wurde. Und jetzt geht es plötzlich um eine Weltreise? Bitte gaaanz langsam.

Zugegeben, ich musste ja grinsen: Nachdem ich gerade einen Plaschelregen geduldig im Auto abgewartet habe, werde ich an der Schwelle des „The Last Bus Café“ von fünf lustigen, etwas älteren Damen und einem jungen, blondhaarigen Mädchen begrüßt. Genüsslich vor sich hinrauchend sitzen sie vor der Tür des zeltförmigen Baus: „Wir machen Pause“, erklärt mir eine der Grazien – und wenn ich Fragen zum Café hätte, soll ich mich doch am besten an Mike wenden, der gerade hinter der Bar steht: „Er hat alles gegründet und kann mir das ernsthaft erklären.“ Mh, ernsthaft, will ich das?!

The Last Bus Café Interior. Foto: Doris

The Last Bus Café Interior. Foto: Doris

Was ich aber sicher will ist das, was mich nach dem Öffnen der Tür erwartet: Wow, mir fehlen einmal die Worte! Ein buntes Sammelsurium an Dekostücken, Bildern, Postern, Schallplatten schmückt die Wände. An einer Holzstange zuckelt eine kleine Dampflok vorbei. In einem Eck steht eine elektrische Orgel. Aus dem Schallplattenspieler tönt „All you need is Love“. Und hinter der Bar, die mich an die Küche meiner Oma erinnert, putzt gerade ein grauhaariger Herr die Gläser. Mike.

Postkarten und ein Gästebuch im Last Bus Café. Foto: Doris

Postkarten und ein Gästebuch im Last Bus Café. Foto: Doris

Zuerst noch unsicher taut der Erbauer und Hauptbetreiber des Cafés während unseres Gesprächs auf, zeigt mir seine Lieblingsstücke, erklärt mir, dass er nur 100% vegetarisches, frisch gekochtes Essen anbietet („ich mag das Wort vegan nicht, aber es findet sich nichts Tierisches bei uns“) und es hasst, wenn er – wie gestern – Gäste ablehnen muss. Wegen Überfüllung. Seit zwei Jahren betreibt er das Café und auch wenn die Leute sogar 3 – 4 Stunden Anreise in Kauf nehmen, ist es bei Weitem nicht Kostendeckend: „Ja, wir müssen eine Pause einlegen und uns überlegen, wie es weitergeht“, meint er nachdenklich. Wie froh ich bin, dass diese „Nachdenkpause“ am nächsten Tag beginnt, und ich das Café heute noch erlebe, das könnt Ihr Euch denken…

The Last Bus Café, ein Sammelplatz an Schönem. Foto: Doris

The Last Bus Café, ein Sammelplatz an Schönem. Foto: Doris

„Ich arbeite zu viel im Café und lasse mich vom eigentlichen Projekt der Reise zu stark ablenken“, bedauert Mike. Wie, eigentliches Projekt Reise?

In the unlikely event that one day two Bristol F.L.F. Loddeka Buses should leave the depot in the north of Scotland carrying the sound system quarried here, then the quantum mechanics will have done their job. The lost cause and abandoned dreams corporation shall not have done theirs.“ (Schild im Café)

Und so beginnt eine halbe Stunde nachdem ich The Last Bus Café betreten habe, die „Führung“ über das Grundstück, das Mike vor 25 Jahren von einem Künstler geschenkt bekommen hat – „um einen Raum für Kreativität zu schaffen“. Der Brite, der selbst wie eine der Angestellten auf dem Areal wohnt – „je nachdem, wo Platz ist“ -, zeigt mir ein paar Unterkünfte. Einen ehemaligen Wassercontainer. Oder ein Bahnabteil. Fixe Preise dafür gibt es nicht, aber wenn Leute kommen, können sie ein oder zwei Tage dort wohnen.

Eine kuschelige Wohneinheit, in der Mike manchmal übernachtet oder auch serviert, wenn das Café voll ist. Foto: Doris

Eine kuschelige Wohneinheit, in der Mike manchmal übernachtet oder auch serviert, wenn das Café voll ist. Foto: Doris

„Ich bestimme nicht über das Leben anderer“, an Mike ist ein Philosoph verloren gegangen, „aber die richtigen Leute kommen ohnehin.“ Und wenn mal keine(r) dort wohnt, dann werden auch schon einmal Gäste hinplatziert und mit Essen aus dem Café versorgt. Schließlich soll es nicht so sein wie gestern, dass jemand nach Hause geschickt wird.

Das Gesamtkunstwerk Last Bus Café, Foto: Doris

Das Gesamtkunstwerk Last Bus Café, Foto: Doris

Ich bin jetzt schon beeindruckt, dabei fehlt das Herzstück noch: Das Depot. „Ich schäme mich, es gerade herzuzeigen“, erklärt mir Mike, bevor er die Werkstatttür öffnet, „normalerweise darf kein solches Chaos herrschen. Alles soll glänzen und strahlen, aber ich habe mich zu sehr ablenken lassen.“ Ich bin auf alles vorbereitet. Denke ich. Falsch gedacht, denn was mich im Depot erwartet, das übersteigt meine Vorstellungskraft: Es ist ein Farbenmeer an Schätzen. Bunte Kinosessel, ein knalloranges Auto, daneben ein türkises – und an beiden Seiten zwei Doppeldeckerbusse, wie sie hier in Schottland für den öffentlichen Verkehr verwendet werden.

Eines der Projekte, das Mike vom Basteln am Bus ablenkt. Foto: Doris

Eines der Projekte, das Mike vom Basteln am Bus ablenkt. Foto: Doris

Beide sollen in spätestens zwei Jahren auf die Straße, erzählt mir Mike von seinem Projekt. Durch Europa, über die Seidenstraße, … die schwierigen Routen möchte er bereisen, allein oder in (Stückweiser) Begleitung, wie es eben kommt. Schon die letzten 25 Jahre hat Mike in dem Bus gewohnt, den er jetzt Schritt für Schritt wieder zu einem Passagierbus umfunktioniert. Sitze müssen hinein. Ersatzteile werden besorgt. Alles ist Kostenintensiv, es sind Einzelstücke, fast schon Antiquitäten: „Schau, dieser Motor wurde schon nicht mehr produziert“, öffnet er die Motorhaube und zeigt mir – ganz Bastler – seinen Stolz, „aber nur für diesen Bus wurde er noch einmal hergestellt.“ Bis aufs Schweißen macht er alles selbst – wenn er sich nicht gerade wieder von anderen Projekten ablenken lässt. Von Musikaufnahmen im eigenen Studio, das im 2. Stock des Depots zu finden ist, zum Beispiel.

Oder vom Café, das Mike gern so hinterlassen würde, dass es sich selbst trägt. Wobei, diese Ablenkung hat ja auch viel Gutes. Das kann ich wie unzählige andere Gäste von The Last Bus Café bestätigen…

Der Last Bus: Mike hat darin über 25 Jahre gewohnt, jetzt möchte er damit um die Welt reisen. Foto: Doris

Der Last Bus: Mike hat darin über 25 Jahre gewohnt, jetzt möchte er damit um die Welt reisen. Foto: Doris

Für welches andere Café wurde schon ein Lied geschrieben?

Offenlegung: Danke an VisitScotland, die mir ein Auto zu Verfügung gestellt haben, um Schottland zu erkunden.

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Mein Teekränzchen mit den Baum-BesetzerInnen in Bilston

Es ist 17.00 Uhr. Ich komme pünktlich, pünktlich zum Teekränzchen. Nichts Ungewöhnliches, werdet Ihr sagen, schließlich befinde ich mich in Großbritannien – und die Briten (auch die Schotten, ja) lieben…

Es ist 17.00 Uhr. Ich komme pünktlich, pünktlich zum Teekränzchen. Nichts Ungewöhnliches, werdet Ihr sagen, schließlich befinde ich mich in Großbritannien – und die Briten (auch die Schotten, ja) lieben doch ihren Tee. Schon ungewöhnlich, sage ich! Das hat nicht nur mit meinen TischgenossInnen – wobei, einen Tisch haben wir gar nicht – zu tun, sondern vor allem mit der Umgebung. Wir befinden uns in den Wäldern rund um die Kleinstadt Bilston eine zirka 20-minütige Autofahrt von der schottischen Hauptstadt Edinburgh entfernt. Seit 10 Jahren besetzen dort UmweltschützerInnen buchstäblich die Bäume und hausen in der Natur, um gegen die Zerstörung des Waldlandes zugunsten einer Straße zu protestieren.

„Wir sind die BeschützerInnen des Waldes“, erklärt mir Will, der mich mit der Frage „Tee oder Kaffee?“ in der Runde begrüßt hat. Der Brite ist als Forstarbeiter für die Regierung vor rund drei Jahren – oder sind es schon dreieinhalb (!?) – auf die Truppe gestoßen. Die Entdeckung kam gelegen, wurde er ein Monat vorher doch geschieden und hauste in seinem Auto. Statt weiter auf dem Rücksitz zu übernachten, zog er samt vierbeinigem Freund in den Wald, baute sich ein Baumhaus und lebt seither immer wieder hier. „Umweltschützer war ich schon vorher“, erklärt er, während er das Teewasser auf der Feuerstelle aufsetzt, „aber seitdem ich hier in Bilston wohne, bin ich erst so richtig als Aktivist unterwegs.“ Ein Engagement, für das er vor rund einem Monat verhaftet wurde, als er gegen einen nuklearen Reaktor in der Nähe von Glasgow protestiert hat.

Der Eingang zum Camp. Foto: Doris

Der Eingang zum Camp. Foto: Doris

So wie Will sind auch die Spanierin Monika, ein tschechisches Pärchen und der Schotte Chris in den Wäldern gelandet. Jede(r) hat eine andere Geschichte. Jede(r) kommt, geht – und kommt vielleicht wieder. Von denjenigen, die das Camp vor 10 Jahren gegründet haben, ist keine(r) mehr dabei. „Nur diejenigen, denen es ernst ist, überwintern hier“, erklärt mir Will, der in der  internationalen Truppe für die Instandhaltung der Baumhäuser sowie für die Solar-Energie (Wifi gibt es teilweise, Duschen nicht) zuständig ist und fügt hinzu „bei der Kälte und dem Wind muss man sich schon gut um sich selbst kümmern.“ Da gibt es keine Alkoholleichen oder Dauer-Parties.

Manchmal müssen die BewohnerInnen bei Wind unter der Brücke schlafen. Foto: Doris

Manchmal müssen die BewohnerInnen bei Wind unter der Brücke schlafen. Foto: Doris

Anders im Sommer. „Im August findet das Edinburgh Festival statt“, meint der Brite, der bis vor einem Monat noch als Forstarbeiter tätig war, „und da nutzen ganz viele hier die Gelegenheit, gratis zu übernachten, plündern die Gemeinschafts-Kühlschränke, bringen selbst nichts ein, verschwinden in die Stadt und kümmern sich nicht um die anderen.“ Auch sonst wird die Gastfreundschaft des Camps gern (über)strapaziert: „Wir haben um die drei, vier BesucherInnen in der Woche“, so Will – vor allem CouchSurferInnen sind oft in Bilston Glen zu Gast und übernachten in den Baumhäusern. Die gehören übrigens – wie das meiste andere – der Allgemeinheit.

Note to all peeps: This is a protest site after all. Although there is no rent, it is not the reason we are here. If you do not care for the future of the land and just want a free coffee then go find a cardboard box!“ (Schild im Camp)

„Was, du willst schon gehen?“, meinen Aufbruch nach dem einstündigen Teekränzchen sieht Will gar nicht gern, und John, ein weiterer Engländer, der gestern erst ins Camp gekommen ist, bietet mir eine Zigarette sowie belegte Brötchen an. Letztere kommen übrigens wie der Großteil des Essens aus dem Supermarkt, genauer gesagt von dem, was im Supermarkt weggeworfen werden würde. Nein, Dumpster Diving ist in Schottland auch nicht legaler als bei uns – aber in Bilston Glen hat man sich mit der Gemeinde arrangiert. „Früher waren wir nicht gern gesehen“, bestätigt Will meinen Verdacht, „doch nachdem wir seit Jahren friedlich hier leben und nie Anlass zur Aufregung war, schaut sogar die lokale Polizei ab und an vorbei, um zu prüfen, ob alles in Ordnung ist.“

Jedes Baumhaus im Camp sieht anders aus. Foto: Doris

Jedes Baumhaus im Camp sieht anders aus. Foto: Doris

Vielleicht muss sie das gar nicht mehr lange tun: Vor Kurzem hieß es, dass das 10-Millionen-Straßenbauprojekt fallen gelassen wird. Jetzt warten die UmweltschützerInnen auf den endgültigen Bescheid. Was dann aus Bilston Glen wird? „Für wen sollen wir die Baumhäuser stehen lassen? Nein, wir bauen das Camp natürlich ab „, erklärt Will und fügt stolz hinzu, „und wir könnten zeigen, dass man 10 Jahre einen friedlichen Protest aufrecht erhalten und dann verschwinden kann, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Aber selbst wenn die Stunden, Wochen und Monate des Bilston Glen Baumhauslagers – zum Glück – gezählt sind, gibt es noch viel zu tun. Zum Beispiel im „Schwestercamp“ Faslane Peace Camp, dem längsten aktiven Friedenslager der Welt, wo seit 1982 gegen den Einsatz von nuklearen Waffen protestiert wird. Vielleicht verlagern ja Will und die anderen nach dem – friedlichen – Abriss von Bilston Glen ihr Engagement dorthin…

Auf Wunsch von Will und den anderen habe ich auf Fotos verzichtet. 

Mehr über das Projekt gibt es auf der Facebook-Profilseite und auf der Website, die allerdings derzeit wenig genutzt wird. Wegen einer Übernachtung kontaktiert die Gruppe am besten über CouchSurfing – oder macht es so wie ich: Geht einfach hin und lasst Euch auf ein Teekränzchen ein. 

Offenlegung: Danke an VisitScotland, die mir ein Auto zu Verfügung gestellt haben, um Schottland zu erkunden.

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