Eco. Life. Style.

Schlagwort: Alltag

Achtsamkeit – Eine Einführung

Stress und Hektik gehören in unserer Gesellschaft zur ganz normalen Tagesordnung und so ziemlich jeder hat das Gefühl, er oder sie habe zu wenig Zeit. Schon lange rät das lateinische…

Stress und Hektik gehören in unserer Gesellschaft zur ganz normalen Tagesordnung und so ziemlich jeder hat das Gefühl, er oder sie habe zu wenig Zeit. Schon lange rät das lateinische Lebensmotto „Carpe diem“ – Genieße den Tag! – oder in neuerer Zeit „YOLO!“ – You only live once! Doch irgendwie fällt es uns trotzdem immer so schwer, dies auch zu tun.

Ständig hetzen wir den Häkchen unserer To-Do-Liste hinterher oder vertrösten uns auf die Zeit nach dem Studium, nach diesem Arbeitsauftrag, nach dieser stressigen Phase. Und als wenn das nicht genug wäre, ist da dann immer noch diese Stimme in unserem Kopf, die meint, das alles kommentieren zu müssen: „Das ist nicht gut genug.“, „Ich habe heute schon wieder zu wenig getan.“, „Die anderen sind besser als ich.“, „Mein Leben ist doof.“, „Ich werde die Deadline für mein Projekt nicht einhalten können.“. Während wir unseren Fehlern aus der Vergangenheit nachhängen oder uns mit Wünschen und Sorgen über die Zukunft beschäftigen, vergessen wir das Hier und Jetzt. Der einzige Moment, in dem das Leben wirklich stattfindet.

Achtsamkeit (oder auf Englisch Mindfulness) kann uns helfen, wieder zum jetzigen Moment zurück zu finden. Achtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit offen und ohne Urteil auf das Hier und Jetzt zu richten und einfach zu sein. Das klingt eigentlich relativ simpel, aber unser Geist ist es gewöhnt, ständig auf Autopilot zu schalten und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Besonders in unserer heutigen Zeit, in der wir mit Smartphones überall erreichbar und online sind und alles beschleunigt wird, fällt es besonders schwer, einfach zu sein. Zahlreiche Studien zeigen, dass Achtsamkeit sehr effektiv negative Emotionen und Angst reduzieren kann und gleichzeitig unser Wohlbefinden und unseren Umgang mit Stress verbessern kann.

Wie wir achtsamer werden

Achtsamkeit ist wie ein Muskel. Je öfter wir ihn trainieren, desto stärker wird er. Ebenso wie man seine Bauchmuskeln durch verschiedene Übungen stärken kann, kann Achtsamkeit auf verschiedene Weisen kultiviert werden. Achtsamkeit kann aktiv durch Meditation geübt werden, aber auch im ganz normalen Alltag. Probiert beispielsweise einmal, euch ganz bewusst die Zähne zu putzen. Zu spüren, wie die Bürste auf der Oberfläche der Zähne schrubbt, der Geschmack der Zahnpasta, das Geräusch des Zähneputzens.

Meditation

Beim Meditieren geht es nicht darum, einen bestimmten Zustand erlangen zu wollen oder entspannter zu werden. Es geht einfach nur darum, das was ist, anzunehmen und damit zu sein. Die Atmung ist dabei ein sehr hilfreicher Anker um stets ins Hier und Jetzt zurückzufinden. Achtsamkeit ist eine Praxis, die durch verschiedene Mechanismen das Wohlbefinden erhöhen kann. Für mich ist Achtsamkeit mittlerweile der Schlüssel für jede Lebenssituation.

Vier Mechanismen der Achtsamkeit

Ein Aspekt der Achtsamkeit ist das Beobachten. Durch das bloße Observieren des eigenen Körpers, der Gefühle, Gedanken und Umgebung, kann man oft ein klareres Verständnis für sich selbst entwickeln. So kann man beispielsweise besser erkennen, was bestimmte körperliche Regungen bedeuten und was für Emotionen bestimmte Situationen in einem hervorrufen. Dieses Bewusstsein kann einem helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ein weiterer Teil der Achtsamkeit ist Akzeptanz. Bei diesem Aspekt geht es darum, das was ist, anzunehmen. Vielleicht möchtest du einmal kurz die Augen schließen und in dich hinein horchen. Was fühlst du? Spürst du irgendwo Schmerzen, Kälte, Wärme? Fühlst du dich gut oder vielleicht gestresst, ängstlich, oder spürst du vielleicht gar nicht so viel? Probiere, wie es sich anfühlt, wie es wäre, wenn das, was auch immer du fühlst, einfach okay ist. Es darf da sein. Achtsamkeit ist das Gefühl, dass man selbst okay ist und dass man auch negative Gefühle umarmen kann. Ein häufiges Missverständnis ist der Glaube, dass Akzeptanz bedeutet, man solle nichts in seinem Leben ändern und tatenlos Schmerz ertragen. Darum geht es nicht. Es geht vielmehr darum, die Erfahrung, die man in diesem Moment hat, erst einmal zu akzeptieren und zu erlauben. Das verschafft Ruhe und Gelassenheit. Aus dieser Akzeptanz heraus kann man dann leichter handeln und Dinge ändern. Wenn ich beispielsweise Angst davor habe, einen Raum mit vielen Menschen zu betreten, dann ist es vollkommen okay, dass ich Angst habe. Ich muss mich dafür nicht verurteilen und kann diese Angst umarmen. Aber weil ich mich nicht von meiner Angst bestimmen lassen möchte, werde ich trotzdem den Raum betreten und mit milder Aufmerksamkeit beobachten, wie ich mich fühle und was ich wahrnehme. Durch Akzeptanz kann man seine automatische Reaktionen auf das Leben verhindern und vielmehr proaktiv das eigene Handeln mit Bewusstsein und im Einklang mit seinen Werten gestalten.

Der dritte Mechanismus, das Nicht-Urteilen hängt mit der Akzeptanz zusammen. Kann ich meine Erfahrung und andere Menschen, so wie sie sind, annehmen? Wir haben die Tendenz, alles mit einem Label zu versehen und Dinge zu bewerten. Dieses ist schlecht, jenes ist gut. Urteile beschränken unsere Wahrnehmung. Aber was ist, wenn ich erkennen kann, dass meine Gedanken, andere Menschen, die Dinge und ich selbst einfach sind – ohne zu werten? Wir neigen dazu, schöne Zustände herbei zu wünschen und an ihnen festhalten zu wollen. Gleichzeitig wollen wir unangenehme Zustände so schnell wie möglich loswerden. Doch was ist, wenn ich erkenne, dass das Leben ein ständiger Wandel ist? Wenn ich merke, dass ich mich nicht ständig gut fühlen kann und wenn ich weiß, dass auch diese depressive Verstimmung wieder vorbei gehen wird?

Durch Achtsamkeit merkt man, dass hinter der unmittelbaren Erfahrung noch jemand steht, der das alles merkt und sieht. Eine Art Meta-Bewusstsein, das uns helfen kann, besser los zu lassen, weniger zu urteilen, mehr zu genießen und weniger Stress zu haben. Dies ist der vierte Aspekt, die Nicht-Identifikation. Durch dieses Bewusstsein wird es mir möglich, mich nicht mehr vollständig über meine Gefühlswelt zu identifizieren. Es gibt einen Teil in mir, der Angst hat und einen Teil in mir der diese Angst beobachtet. Ich merke, dass ich mehr bin als meine Angst und meine Gedanken.

Der Einstieg in die Achtsamkeitspraxis

Ihr könnt damit beginnen, euch achtsam die Zähne zu putzen. Der Muskel kann auf verschiedene Weisen trainiert werden. Jeder Schritt in der Gegenwart ist ein Schritt, durch den wir tief mit dem Leben verbunden sind.

1 Kommentar zu Achtsamkeit – Eine Einführung

Sort of Sophie – Dieses Jahr wird irgendwie alles besser.

Zuletzt ging es in meiner Kolumne um den Bereich Ernährung und darum, wie man schon mit kleinen, sanften Anpassungen der Essgewohnheiten ohne jegliche Anstrengung die eigene Gesundheit und Lebensqualität verbessern…

Zuletzt ging es in meiner Kolumne um den Bereich Ernährung und darum, wie man schon mit kleinen, sanften Anpassungen der Essgewohnheiten ohne jegliche Anstrengung die eigene Gesundheit und Lebensqualität verbessern kann. Doch was wäre das Thema Ernährung ohne das Thema Bewegung?

Auch in diesem Bereich haben wir nur allzu oft mit unseren beiden lieb gewonnenen Bekannten „Bequemlichkeit“ und „Schweinehund“ zu kämpfen. Der eine mehr (so wie ich zum Beispiel), der andere weniger. Es gibt eine schier unendliche Auswahl an Ausreden, die wir alle schon gehört und vermutlich auch bereits selbst verwendet haben.

Hier ein paar meiner Lieblinge in beliebiger Reihenfolge:
„Es ist zu dunkel!“
„Mir ist zu kalt.“
„Es regnet!“
„Ich bin zu müde!“
„Ich habe Kopfschmerzen.“
„Ich habe Bauchschmerzen.“
„Ich habe doch keine Zeit!“
„Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden!“

Habe ich euch ertappt? Jetzt mal ehrlich! Welche dieser Gründe sind eure „Favoriten“? Ich persönlich schätze ja die Abwechslung. Aber im Ernst. Warum ziehen wir es meist vor, faul auf dem Sofa zu liegen und den Weg des geringsten Widerstands zu wählen, anstatt dem Körper ein Mindestmaß an Aktivität zu gönnen, die er von Natur aus dringend braucht und die ihm so gut tut? Wenn man den Körper regelmäßig in Bewegung setzt, geschieht das Gleiche automatisch mit dem Geist. Dazu braucht es nicht viel Aufwand. Man muss sich nicht sofort in einen Fitnessclub einschreiben. Genauso wenig muss man sich mit teurer Sportausrüstung eindecken oder für den nächsten Marathon trainieren. Obgleich natürlich nichts dagegen spricht, wenn man das möchte. Man kann sich körperlicher Aktivität auch ganz entspannt annähern, wie ihr im Folgenden sehen werdet.

Bewegung im Alltag

Ein erster kleiner, aber umso wichtigerer Schritt ist es, den persönlichen Alltag aktiver zu gestalten. Wenn ihr kurz darüber nachdenkt, wie euer ganz normaler Tagesablauf aussieht, findet ihr bestimmt einige Ansatzpunkte, wie ihr künftig bewusster und aktiver durchs Leben schreiten könnt. Ein paar Beispiele gefällig?

Nehmt öfter mal die Treppe! Durch den Verzicht auf Aufzüge oder Rolltreppen spart ihr nicht nur Energie, sondern bietet eurem Körper obendrauf ein effektives Workout. Treppensteigen trainiert die Atmung, das Herz-Kreislauf-System, sowie Po-, Oberschenkel- und Wadenmuskulatur. Aber lauft jetzt nicht gleich davon, das war erst der Anfang! Steigt am Weg zur Arbeit oder nach Hause eine oder zwei Haltestellen früher aus und legt den Rest des Weges zu Fuß zurück. Auch ein Tretroller stellt eine gute Alternative zu öffentlichen Verkehrsmitteln dar, gerade bei etwas längeren Strecken.

Verzichtet vor allem bei kurzen Wegen auf das Auto! Steigt auf das Fahrrad um oder geht zu Fuß. Ist der nächstgelegene Bäcker denn wirklich so weit entfernt, dass man die Entfernung nicht ohne motorisierten Untersatz bewältigen kann? In den meisten Fällen lautet die Antwort vermutlich „Nein“. Wenn ihr auf euer Auto oder öffentliche Verkehrsmittel angewiesen seid, habt ihr trotzdem keine Ausreden mehr! Spannt immer wieder einzelne Muskelpartien für ein paar ruhige Atemzüge oder die nächste Rotphase an der Ampel an, wie beispielsweise im Sitzen die Bauchmuskeln, den Beckenboden oder die Oberschenkel und im Stehen den Po. Das bekommt um euch herum niemand mit und ihr tut eurem Körper etwas Gutes, ohne extra Zeit investieren zu müssen.

Bewegung in der Natur

Die Wenigsten von uns haben das Glück, Tag für Tag Bewegung in der Natur machen zu können, ohne dafür Anfahrtswege auf sich nehmen zu müssen. Dennoch ist es sehr wichtig für Körper und Geist, sich von Zeit zu Zeit bewusst eine Auszeit zu nehmen, in die freie Natur zu gehen und sich wieder zu erden. Auf welche Art und Weise das passiert, bleibt euch selbst überlassen. Ob Wandern, Bergsteigen, Schwimmen, Radfahren, Schifahren, Klettern, eine Fotosafari, eine Bootstour oder Fischen – das Wichtigste ist, dass ihr Spaß daran habt und den Kopf durchlüften könnt. Und das funktioniert am besten, wenn ihr dem Gehirn nicht tagein, tagaus die gleichen visuellen Eindrücke vorsetzt.

Braucht ihr Messungen, um euch zu motivieren und motiviert zu bleiben? Dann legt euch einen Schrittzähler oder eine Smartphone-App (wie zum Beispiel PedometerAccupedo oder Runtastic) mit dieser Funktion zu, legt Tages-, Wochen-, oder Monatsziele fest und steigert sie regelmäßig. Es gibt heutzutage viele günstig oder sogar gratis verfügbare Helferlein, die euch unterstützen, Fitnessübungen in kleinen, realistischen Einheiten zu absolvieren, um euch nicht zu überfordern und euch damit gleich von Anfang an den Spaß zu nehmen.

Probiert es aus und geht ab sofort aktiver durchs Leben. Es kann so einfach sein. Man muss es nur tun.

In meinem nächsten Kolumnenbeitrag werde ich näher auf das Thema „Auszeit“ und die Schaffung von Ruhe-Inseln im Alltag eingehen. Bis dahin wünsche ich euch alles Liebe.

Keine Kommentare zu Sort of Sophie – Dieses Jahr wird irgendwie alles besser.

Wien, ein Narr und Reiswein: Mein Besuch im „echten“ Bhutan

„Es ist unvorstellbar, dass einer, der so aufwächst dann in Europa lebt, herumreist und jedes Jahr wieder hinfliegt.“, bringt meine Kollegin J. auf den Punkt, was wir uns alle denken….

„Es ist unvorstellbar, dass einer, der so aufwächst dann in Europa lebt, herumreist und jedes Jahr wieder hinfliegt.“, bringt meine Kollegin J. auf den Punkt, was wir uns alle denken. Ich sitze mit drei weiteren JournalistInnen in einem typisch bhutanischen Haus in einem Dorf in der Provinz Punakha, zirka drei Stunden von der Hauptstadt Thimphu entfernt. Drei Generationen leben im Haus, das ohne Nägel zusammen gehalten wird und in dessen Fenster es kein Glas, sondern Holzbretter zum Schutz gibt. Zu fünft teilen sie sich zwei Matratzen auf dem Boden; die Küche ist notdürftig mit einem Ofen in der Mitte eingerichtet; der Altar, den jede Familie besitzt, ist dafür umso prächtiger. Es ist das Elternhaus unseres Guides Chencho, der uns hierher eingeladen hat, und er ist es auch, von dem J. spricht.

„Du kommst aus Wien – ich liebe Wien!“, so hat mich der dunkelhäutige, pausbäckige Chencho vor einigen Tagen auf dem Flughafen in Paro in Bhutan begrüßt. Auf diese Standardaussage im Ausland folgt von mir meist eine Standardfrage: „Warst du schon einmal in Wien?“ „Ja, ich habe dort gewohnt!“ Ihr könnt euch meine Überraschung bei seiner Antwort vorstellen! Damit hatte ich an diesem anderen Ende der Welt jetzt wirklich nicht gerechnet. Ein Bhutaner, der schon einmal in Wien, in Österreich war? Wie sich später herausgestellt hat, hat Chencho ein Glück erfahren, von dem viele Jugendliche hier im Land des Donnerdrachens träumen: Als Tourguide ist er von einem reichen Wiener Paar eingeladen worden, einen Sprachkurs in Wien zu machen. Sie haben ihm die Reise finanziert, ihm eine Wohnung und Essen zu Verfügung gestellt und den Kurs bezahlt.

Chencho im Einsatz - beim Erklären des Nationaltiers Takin. Foto: Doris

Monate, die ihn – wie könnte es anders sein – wohl ziemlich geprägt haben. Zuhause in Bhutan hat er eine Reiseagentur gegründet, reist einmal im Jahr nach Berlin zur ITB und arbeitet in unserem Fall mit Bhutan Tourismus zusammen, um uns JournalistInnen sein Land zu zeigen. Und jetzt öffnet er uns sein Elternhaus, in dem ab September acht Gästezimmer Platz haben sollen. „Die TouristInnen wollen genau das, das echte Bhutan erleben.“, weiß der Österreich- und Deutschland-Fan, der als einzige Agentur bereits einen solchen „Farmstay“ anbietet.

Zufriedene glückliche Familien auf dem Land, ist das das "echte Bhutan"? Foto: Doris

Recht hat er. Doch das „echte“ Bhutan besteht schon längst nicht mehr nur aus DorfbewohnerInnen jeglichen Alters, die zufrieden Betelnuss (= Doma) kauend auf dem Reisfeld ihre Arbeit verrichten, auf Decken und Matratzen schlafen, keinen Strom haben und stundenlange Gehwege in Kauf nehmen, um dann auf dem Wahlzettel ein Kreuz bei dem zu machen, der am ältesten und somit am weisesten wirkt. Es sind auch Leute in Thimphu wie der 33jährige Chencho, die schon im Ausland waren, mit Fernsehen, Computer und Internet aufgewachsen sind wie wir, Englisch sprechen, ohne neuestes Handy nicht leben können und sich an den Komfort einer warmen Dusche im Haus mehr gewöhnt haben als an das Zusammenleben und ständige Zusammensein mit der ganzen Familie.

Reisfelder sind im Winter nur braun in braun. Foto: Doris

Dörfer, Märkte an den Straßen, Reisfelder und Chili-Plantagen neben golden geschmückten Tempeln – und doch suchen wir TouristInnen wohl dieses ländliche Bhutan, das – zugegeben – den größten Teil des Landes einnimmt. In der Provinz Punakha ist es zu finden. Die Fahrt führt über den Dochula Pass, den ebenfalls jede/r TouristIn zu sehen bekommt, weil dort 2003 zu Ehren gefallener Soldaten 108 Stupas aufgestellt wurden. Auch deshalb, weil man bei klarem Himmel die Berge des Himalaya-Gebirges sehen kann. Die Freude über diesen sicher atemberaubenden Anblick war uns leider weder bei der Hin- noch bei der Rückfahrt vergönnt. Dafür haben wir bei Letzterer den ersten Schnee erlebt – ein Ereignis, das in Bhutan mit einem Feiertag zelebriert wird und ein Abenteuer für uns, rechtzeitig über den Pass zu kommen.

Ein Abenteuer: Der Dochula Pass beim 1. Schneefall. Foto: Doris

Im Frühjahr und Sommer dominieren grüne Reisterrassen das Bild der ländlichen Provinz – ein Bild, das wir uns im braunen Winter nur vorstellen konnten. Dennoch waren wir schon wegen der wärmeren Temperaturen glücklich: Es ist gleich ein anderes Gefühl, nur mit zwei statt vier Schichten an Kleidung unterwegs sein zu müssen. Eine Erleichterung im Vergleich zum frostigen, städtischen Thimphu, in dem wir die meiste Zeit unseres Trips verbracht haben.

Reiche Chili-Ernte. Foto: Doris

Doch Punakha ist kein “Geheimtipp” mehr, sondern längst in jeder Tour inkludiert. Schuld daran ist vor allem der heilige Narr, ein Tibeter, der im 15. Jahrhundert nach Bhutan, eben in diese Region, gekommen ist, und mit seinem Penis (!) sämtliche Dämonen erschlagen und alle Frauen beglückt hat. Außerdem ist der Nationalsport Bogenschießen Drugpa Künleg zu verdanken genauso wie das Nationaltier Takin. Dieses hat der “Madman” selbst aus Knochen von Kuh und Ziege zusammengesetzt. Dass dieser Verrückte in Bhutan hoch verehrt wird und in den Tempeln seinen fixen Platz neben Buddha, Guru Rinpoche, Gründervater Shabdrung und dem König hat, macht das Volk für mich ziemlich sympathisch. Und ich bin keine Ausnahme: Natürlich hat Bhutan längst erkannt, wie verzückt TouristInnen sind, wenn sie die Geschichte dieses ungewöhnlichen Heiligen hören, einen Penis als Souvenir kaufen oder Fotos von den riesigen behaarten Gliedern an den Häuserwänden machen können. Letztere sollen übrigens böse Dämonen verscheuchen – wie einst der Penis des Heiligen – und vor Neidern schützen.

Das Nationaltier Takin wurde auch vom Narren erschaffen. Foto: Doris

Auch wir sind zum Tempel des Heiligen “gepilgert”, der in einem Dorf in Punakha zu finden ist. Nicht, ohne zuvor die Souvenirläden namens “Phallus Handicrafts” abgeklappert zu haben – ohne fündig zu werden, wohlgemerkt. Besonders beeindruckt hat mich die Stätte zu der Frauen auch heutzutage noch reisen, um um Kindersegen zu bitten und als letzten Ausweg mit einem gesegneten Holzpenis in der Hand den Tempel umrunden müssen, nicht. Aber ich bin vermutlich die falsche Zielgruppe.

Phallus Handicraft - deutlicher geht´s nicht. Foto: Doris

Da gefällt mir das Sitzen bei Chenchos Familie schon eher – auch wenn sich weder seine Mutter, noch seine 28jährige Schwester mit ihren zwei kleinen Kindern getraut haben, uns Gesellschaft zu leisten. Ich wäre dennoch gern länger dort geblieben, hätte liebend gerne dort übernachtet – in diesem Haus, 20 Minuten von der gleichnamigen Hauptstadt der Provinz Punakha entfernt. Ich bin sicher, durch den Alltag einer lokalen Familie hätte ich mehr über den Buddhismus erfahren als beim Besuch unzähliger Tempel und Dzongs. Und ich bin mir fast noch sicherer, dass wir bei selbst gebrauten Ara (= Reiswein, der mich an verfaulte Äpfel erinnert hat) und den – sehr viel besseren – selbst gemachten Reispops noch so einiges erfahren hätten… haben wir ja schon, beim Kurzbesuch in Chenchos Elternhaus.

Prost, aufs echte Bhutan! Foto: Doris

IMG_0176

IMG_0167

 

Offenlegung: Ich bin von Bhutan Tourismus und Active Bhutan Tours zu einem FamTrip eingeladen. Die Kosten für den Aufenthalt vor Ort werden genauso wie 50 Prozent der Flugkosten von Bangkok nach Paro von den Veranstaltern getragen. Danke dafür! Den Flug von Wien nach Bangkok habe ich selbst bezahlt (danke, Emirates, für die Unterstützung), ebenso die Visum-Kosten von 40 USD. Meinungen und Ansichten bleiben wie immer meine eigenen. 

2 Kommentare zu Wien, ein Narr und Reiswein: Mein Besuch im „echten“ Bhutan

Was möchtest du finden?