Die Krux mit dem Überfluss – In Anlehnung an John Naishs „Genug“

Laut Wörterbuch bezeichnet Überfluss den Zustand, wenn eine Menge von etwas vorhanden ist, die viel größer ist als der Bedarf. Soviel zur Erklärung. Die Frage, die sich mir aufdrängt: Wo ist das bei uns der Fall? Wovon haben wir möglicherweise zu viel? Haben wir überhaupt zu viel?

Ausgehend von meinem Leben fiel mir beginnend bei Verschleißmaterial wie Stifte oder Papier über Schmuck und Bücher bis hin zu Dekorationsmaterial gleich mal einiges ein. Und ja, ich denke jeder Mensch der westlichen Gesellschaft besitzt zu viel. Ich habe alleine vier Paar schwarze Stöckelschuhe, wobei ich doch ohnehin nur eines auf einmal tragen kann. Warum kaufe ich mir Bücher anstatt sie auszuleihen, obwohl ich mir nur selten die Zeit nehme, ein Exemplar erneut zu lesen? Aus welchem Grund dekoriere ich mein Heim mit Figuren, wenn ich mich doch insgeheim ärgere, da sie mich auf den Verstaubungsgrad meiner Möbel aufmerksam machen?

Ein großer Schritt, um der eigenen Konsumtretmühle ein Ende zu setzen, ist zu hinterfragen, was mir meine Habseligkeiten bedeuten. Sofern sie für mich emotionalen oder finanziellen Wert oder einen Verwendungszweck haben, werde ich sie behalten. Die Kunst liegt darin, die übrigen Dinge herauszufiltern und sich von ihnen zu trennen. Damit meine ich bedeutungslose Dinge, denen keine Beachtung geschenkt wird und die im Keller verstauben.

Ich persönliche verfolge die Absicht, von Zeit zu Zeit zehn Sachen aus meinem Heim zu entfernen, die ich nicht mehr benötige. Darunter fallen ungelesene Magazine, nie eingelöste Gutscheine, Schmuck und Kleidung, die ich nicht mehr trage – oder auch nie getragen habe – und ähnliches. Des Weiteren kategorisiere ich gerne. Beispielsweise habe ich Kisten mit den Aufschriften „Dinge, die ich liebe“, „Dinge, die einen zweitrangig sentimentalen Wert für mich haben“ und „Dinge, die ich immer mal tun wollte“. Somit fällt es mir leichter, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Weg damit! Aber wohin?

Um den ausgewählten Sachen noch ein zweites Leben einzuhauchen, verschenke ich sie. Dies erfordert zwar Mühe, doch meines Erachtens lohnt sich der Aufwand im Nachhinein sehr. Für Bekleidung und Bettwäsche gibt es in jedem größeren Ort meist Container von Hilfsorganisationen. Bücher können in offenen Bücherregalen einen neuen Besitzer finden – oder ihr ein neues Buch. Für größere oder speziellere Dinge eignen sich Tauschbörsen im Internet oder Share&Care-Gruppen auf Facebook. Durch solche Aktionen bin ich schon vielen Menschen begegnet, die mir durch ihre Dankbarkeit den Aufwand des Verschenkens und den Verlust des Gegenstandes allemal zurückgezahlt haben.

Bereits nach kurzer Zeit machte mir dieses Entrümpeln und Aussortieren viel Spaß. Mittlerweile genieße ich es, mich von alten Dingen zu trennen und sie weiter zu geben. Nachdem ich wieder einmal ein oder zwei Schachteln verschenkt habe, fühle ich mich in meinem Zuhause noch wohler, da den verbliebenen Sachen mehr Ausdruck verliehen wird und sich ein befreiendes Gefühl in mir einstellt.

„Genug – Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen“

Für all jene unter euch, die jetzt auf den Geschmack gekommen sind, kann ich John Naishs „Genug – Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen“ sehr empfehlen. Es behandelt gleich mehrere Aspekte des Überflusses wie Informationen, Essen, Auswahl, Glück und Wachstum. Naish ergründet die menschlichen Verhaltensmuster des Sammelns, zeigt dem Leser Bereiche auf, an die er wahrscheinlich nie gedacht hätte und gibt am Ende jedes Kapitels Anleitungen und Hilfestellungen für sinnvolle Reduktion.

Durch dieses Buch wurde ich sensibilisiert, dass es allerhand neue Technologien gibt, die uns nur suggerieren, dass sie einen positiven Einfluss auf unser Leben haben. Anstatt dessen werden wir subtil davon abhängig. Viel zu oft rauben uns Kommunikationsmittel und Informationsmedien unsere kostbarsten Güter: Zeit, Aufmerksamkeit und Energie. Der Autor stellt die richtige Frage, deren Antwort niemand von uns in einem Katalog oder Einkaufszentrum finden sollte. Was ist wirklich wichtig?

Das Buch ist versehen mit vielen themenspezifischen Zitaten, die zum Nachdenken anregen. Eines davon führe ich hier an: „Sie hatte Freunde, die ernsthaft mit Yoga begonnen hatten oder Antidepressiva schluckten oder Survival-Expeditionen in die Wildnis unternahmen, wo man Trinkwasser gewinnt, indem man Tau auf Plastikplanen sammelt. Sie verstand, dass sie sich selbst nicht genug waren. Dass sie fürchteten, nicht glücklich genug oder wertvoll genug oder hübsch genug zu sein – und nicht genug, um eine Leere auszufüllen.“ Jean Thompson, „Wide Blue Yonder“

Teile diesen Beitrag auf...