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Kategorie: Knowledge.

Eisen – Warum Spinat ein schlechter Eisenlieferant und Eisenmangel kein Vegetarierproblem ist

Man liest immer häufiger von der Volkskrankheit Eisenmangel. Und davon, dass dieser hauptsächlich durch einseitige, mangelhafte Ernährung bei Vegetariern und Veganern ausgelöst wird. Wenn man bedenkt, wie wenig vegetarisch und…

Man liest immer häufiger von der Volkskrankheit Eisenmangel. Und davon, dass dieser hauptsächlich durch einseitige, mangelhafte Ernährung bei Vegetariern und Veganern ausgelöst wird. Wenn man bedenkt, wie wenig vegetarisch und vegan lebende Leute in Europa wohnen, können diese kaum schuld an einer Volkskrankheit sein. Eisenmangel entsteht vor allem bei einer einseitigen, unausgewogenen Ernährung oder bei Blutverlust. Er betrifft Fleischesser genauso wie Vegetarier oder Veganer!

Warum Eisen?

Die wichtigste Funktion des Eisens ist die Blutbildung. Das Blut ermöglicht den Transport des lebenswichtigen Sauerstoffs in die Organe und das Gewebe. Aber nicht nur die blutbildenden Zellen sind auf ausreichend Eisen (Funktionseisen) angewiesen, sondern über hundert weitere Körperfunktionen, wie beispielsweise die Energieproduktion in den Zellen oder die Hormonbildung. Das Funktionseisen kann, im Gegensatz zum Speichereisen (Ferritin) und Hämeisen (im Hämoglobin), im Blut nicht direkt nachgewiesen werden. Wenn es bedingt durch einen starken Eisenmangel zu einer Blutarmut kommt, spricht man von einer Eisenmangelanämie.

Bioverfügbarkeit – Die Eisenmenge, die vom Körper effektiv verwertet werden kann

Bioverfügbarkeit „Häm-Eisen“ (Fe2+): ca. 15 bis 35 Prozent
Bioverfügbarkeit „Nicht-Häm-Eisen“ (Fe3+): ca. 2 bis 20 Prozent

Biochemisch unterscheidet man zwischen zwei- und dreiwertigem Eisen, sprich Eisen kommt in der Nahrung in zwei Formen vor: Zweiwertiges Eisen, das als Bestandteil des Blutfarbstoffs nur in Fleisch und Fisch vorkommt, besitzt eine höhere Bioverfügbarkeit als das dreiwertige Eisen, das sowohl in pflanzlichen als auch in tierischen Lebensmitteln enthalten ist. Man spricht auch von „Häm-Eisen“ im Fleisch (Fe2+) oder „Nicht-Häm-Eisen“ (Fe3+) in allen anderen Lebensmitteln. Das Häm-Eisen im Fleisch wird vom Körper besser aufgenommen (= höhere Bioverfügbarkeit). Weil pflanzliche Quellen das schlechter verwertbare „Nicht-Häm-Eisen“ enthalten, müssen Veganerinnen theoretisch etwa die doppelte Menge an Eisen aufnehmen. Erwachsenen Veganern und Veganerinnen nach der Menopause wird empfohlen, etwa 20 Milligramm (mg) täglich zu sich zu nehmen. Frauen vor der Menopause haben aufgrund der Menstruation einen etwas höheren Tagesbedarf (25 – 30 mg). Erwachsene Männer, die regelmäßig Fleisch essen, benötigen etwa 10 mg Eisen am Tag, Frauen etwa 15 mg. Für Kinder und Schwangere gelten diese Werte nicht.

Bild: Yvonne

Stoffe, die die Eisenaufnahme hemmen oder fördern

Eine optimale Eisenaufnahme erreicht man mit gleichzeitiger Aufnahme von Vitamin C. Das ist auch der Grund, warum viele Eisenpräparate ebenfalls Vitamin C enthalten. Fördernd sind auch weitere organische Säuren wie Weinsäure, Apfelsäure, Zitronensäure, Fructose oder Milchsäure. Die beiden grössten Hemmer für die Eisenaufnahme sind Koffein (in Kaffee, Tee, Kakao, Energy-Drinks, Cola-Getränken etc.) und Milchprodukte! Außerdem hemmt die Oxalsäure die Eisenaufnahme im Darm sehr stark. Oxalsäure kommt vor allem in Spinat, Rhabarber und Kakao vor. Phosphate in Fleisch, Käse oder Lebensmittelzusätzen, säurehemmende Medikamente oder die gleichzeitige Einnahme von Magnesium, Calcium oder Zink beeinträchtigen die Eisenaufnahme ebenfalls.

Symptome eines Eisenmangels

Wer unter Eisenmangel oder Eisenmangelanämie leidet, kann unter anderem folgende Symptome haben: Haarausfall, Probleme mit der Wärmeregulierung („Mir ist ständig kalt.“), ausgeprägte Müdigkeit, Leistungsschwäche, Atemnot, Herzklopfen, Kopfschmerzen, Blasse Haut/Schleimhäute, Unterschenkelödeme (Wasser in den Beinen), Depressionen, brüchige Nägel, Hohlnägel, Mundwinkelrhagaden, brennende Zunge etc.

Blutwerte checken

Es ist wichtig, seine Blutwerte regelmäßig überprüfen zu lassen. Um einen Eisenmangel feststellen zu können, muss sowohl Funktionseisen (meist Standard) als auch der Eisenspeicher (Ferritin) getestet werden. Unterschiedliche Testlabors haben teilweise etwas unterschiedliche oder veraltete Richtwerte. Dennoch sollte man beachten, dass Eisenwerte unter 50 µg/l behandelt werden sollten – vor allem dann, wenn Symptome auftreten. Daher ist es immer ratsam, sich eine Kopie der Blutuntersuchungsauswertung geben zu lassen. Bei einem Mangel sollte aufgrund der oben genannten Punkte unter ärztlicher Aufsicht supplementiert werden. Mit Tabletten oder bei einer Eisenmangelanämie mit Infusionen. Diese sind teuer und nicht komplett nebenwirkungsfrei, aber generell besser verträglich als Tabletten und werden mittlerweile von etlichen Krankenkassen übernommen.

Ärzte raten aus gutem Grund von der unkontrollierten Einnahme von selbst gekauften Eisenpräparaten ab. Eisen ist nicht wasserlöslich und kann auch überdosiert werden. Es gibt neben Eisenmangel auch eine Eisenspeicherkrankheit, die Hämochromatose. Diese muss ebenfalls ärztlich behandelt werden, weil sich dabei überschüssiges Eisen in den Organen ablagert und zu Gewebeschäden oder Vergiftungserscheinungen in Herz, Bauchspeicheldrüse, Hirnanhangdrüse, Leber und den Gelenken führen kann. Oft reicht bei einem Mangel eine einmalige Infusionsserie aus, um diesen in den Griff zu bekommen. Auch Veganer können danach versuchen, ihre Werte mit ihrer Ernährung und allenfalls veganen Präparaten im Normbereich zu halten.Es gibt mittlerweile empfehlenswerte Spezialisten auf dem Gebiet der Eisenmangelbehandlung: eisenzentrum.org

 

Bild: PDPics / pixabay.com

Eisenhaltige Lebensmittel

Wenn ein Eisenmangel festgestellt wurde, gibt es kaum eine Chance, die Speicher über die Nahrung wieder zu füllen. Alles, was über den Tagesbedarf heraus geht, gelangt in den Eisenspeicher. Unter dem Strich bleibt oft kaum etwas übrig, wenn man den Tagesbedarf mit dem Eisengehalt der zu sich genommenen Lebensmitteln vergleicht.

In der folgenden Liste sind einige pflanzliche Lebensmittel aufgeführt. Dabei beschränkt sich die Angabe auf den Eisengehalt. Möglicherweise enthaltene Stoffe, die die Eisenaufnahme fördern oder hemmen, wurden dabei nicht berücksichtigt. Der Eisengehalt ist ein Richtwert und jeweils in mg pro 100g angegeben:

Aprikosen, getrocknet 4
Datteln 3
Erbsen 5
Haferflocken 4,2
Hirseflocken 9
Ingwer 11
Johannisbeeren schwarz 1,3
Kardamom 100
Kürbiskerne 12
Mandeln 4
Melasse (Zuckerrübensirup) 15
Minze, getrocknet 87,5
Mohn 9,5
Petersilie getrocknet 97,8
Petersilie frisch 3,3
Pfifferlinge 6,5
Quinoa 10,8
Rote Beete/Rüben 1
Spinat 2,7
Süßholz 41
Tofu 6
Traubensaft 0,3
Weizenkleie 16
Zimt 38

Und als Vergleich noch einige tierische Lebensmittel, ebenfalls in mg/100g:
Austern 5,8
Blutwurst 6,4
Hühnereigelb 7,2
Kalbsleber 7,9
Lachs 0,7
Putenfleisch 3
Schweineleber 22
Rindfleisch 3

Eine übersichtliche Liste gibt es hier: eisenhaltigelebensmittel.de

Quellen:
http://www.eisenzentrum.org/ez/daten/in … age568.htm
http://www.vegan.ch/vegan-leben/gesund-leben/eisen/
http://www.lzlauftreff.ch/pdf/herunterl … mangel.pdf

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Recycling, Upcycling und Downcycling

An den Adventwochenenden stand ich mit meiner Upcycling-Ware auf einem Kunsthandwerksmarkt und geschätzt alle zehn Minuten kam die Frage: „Was ist denn das überhaupt?“ Oder der belustigt ausgerufene Satz: „Ach,…

An den Adventwochenenden stand ich mit meiner Upcycling-Ware auf einem Kunsthandwerksmarkt und geschätzt alle zehn Minuten kam die Frage: „Was ist denn das überhaupt?“ Oder der belustigt ausgerufene Satz: „Ach, das ist doch so neu-deutsch für Recycling, nicht?“ Am allerbesten hat mir aber gefallen: „Ach, das ist aber eine lustige Idee!“ Mindestens genauso viele Menschen blieben stehen und stellten Fragen, waren interessiert und erfreuten sich an der Kunst. Sie nahmen sich die Zeit um ein Gespräch aufzubauen und sich über Recycling, Upcycling und Downcycling auszutauschen. Viele Menschen sind noch nicht darüber informiert, worum es bei diesen nachhaltigen Systemen geht. Deshalb finde ich es wichtig, einmal zu erklären, was man unter diesen drei Begriffen versteht.

Wie definiert sich eigentlich Recycling, Upcycling und Downcycling?

Um diese Frage zu beantworten, muss man zuerst herausfinden, wie das klassische Recycling definiert wird. Grundsätzlich beschreibt dieses Wort das Verwertungsverfahren, durch das Abfälle zu weiterverwendbaren Stoffen oder Materialien werden. Das schließt auch organische Stoffe ein. Rein gesetzlich spricht man erst von Recycling wenn das verwendete Ausgangsmaterial zuvor wirklich Abfall war, zum Beispiel Papiertaschentücher, die zu 100 Prozent aus recyceltem Papier hergestellt werden.

Jetzt zu dem Verfahren, das noch am wenigsten bekannt ist: Downcycling. Davon spricht man, wenn das Material bei der Wiederverwertung nicht mehr die ursprüngliche Qualität erreichen kann. Trotzdem ist es genauso wichtig wie Recycling oder Upcycling, denn die Stoffe werden trotz allem weiterverwendet, wenn auch mit Qualitätseinbußen. Ein Beispiel wären hier Kunststoffflaschen. Bei vertretbarem Aufwand sind sie weiter verwendbar, jedoch nicht unbegrenzt und wie schon erwähnt mit Qualitätsverlust.

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Bild: Shirley / pixabay.com

Last but not least, Upcycling. Hierbei werden Abfallprodukte oder durch ihre bisherige Verwendung nutzlos gewordene Stoffe oder Materialien durch bestimmte Verfahren aufgewertet und zu qualitativ hochwertigeren Stoffen oder Endprodukten gemacht. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, Upcycling kann mit so gut wie jedem Material betrieben werden. Zur Zeit sehr beliebt und ein passendes Beispiel: Möbelstücke aus Europaletten.

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Im Grunde genommen ist es aber egal, was man tut, Hauptsache man tut irgendetwas! Ob es nun Upcycling, Downcycling oder Recycling heißt, jedes Wiederverwertungssystem ist wichtig und sollte ausgeschöpft werden. Dabei kann man auch sehr kreativ sein, die Umwelt schützen und Neues erschaffen, entweder für den Eigengebrauch oder, wie es schon sehr viele tun, zum Weiterverkauf.

Natürlich reichen drei so kurze Absätze nicht, um die komplette Thematik hinter den drei Verfahren komplett zu beschreiben, darum wird es in weiterer Folge von mir noch detailliertere Artikel zu den einzelnen Themen geben. Schließlich ist es nicht nur wichtig, Gutes zu tun, sondern auch wichtig zu wissen, wie man es tut!

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Fundacíon Cisol: Türe öffnen für Straßenkinder in Ecuador

Denke ich an meine Reise durch Ecuador habe ich viele Bilder und Eindrücke im Kopf.  Von holprigen Fahrten in bunt ausgeschmückten Bussen, von Indigenen in ihrer farbenprächtigen Tracht mit weiten…

Denke ich an meine Reise durch Ecuador habe ich viele Bilder und Eindrücke im Kopf.  Von holprigen Fahrten in bunt ausgeschmückten Bussen, von Indigenen in ihrer farbenprächtigen Tracht mit weiten Röcken, bunten Jacken – und natürlich dem obligaten Hut auf dem Kopf; von Menschen, die mich überall ansprechen, mit mir plaudern wollen, die mich an der Hand nehmen und mir den Weg zeigen, wenn ich einmal wieder verloren bin; von Märkten mit Blumen, riesigen Papayas, Bananen und anderen Früchten…

Und Bilder von einem Tag, an dem mich meine CouchSurfing-Hostess Alison in eine Schule in einem indigenen Dorf im Bezirk Chimborazo im Zentrum von Ecuador mitgenommen hat. Alison arbeitete für einen Nonprofit-Organisation, die sich für zweisprachigen Unterricht – Spanisch und Quechua, die Sprache der Eingeborenen – einsetzt, damit die SchülerInnen aus indigenen Bergdörfern auch die Chance haben auf anerkannte Bildung. Damit sie vielleicht eine höhere Schule in der Stadt oder möglicherweise sogar später eine Universität besuchen können.

Zu Besuch in einer Schule in einem indigenen Dorf in Ecuador. Foto: Doris

Zu Besuch in einer Schule in einem indigenen Dorf in Ecuador. Foto: Doris

Der Lehrer stand vorne und sprach. Für sich, so schien es. Die SchülerInnen hörten kaum zu. Wie auch?! Eine 21-Jährige hatte ihr Baby mit in die Klasse genommen. Das wurde von Einem zum Nächsten gereicht. Nur die Hälfte der Kinder, die zwischen 6 und 21 Jahre alt waren – alle in derselben Klasse – hatte Bleistifte und Notizzettel. Sie saßen auf Plastikstühlen aneinander gepfercht im Klassenzimmer.

Die Region Chimborazo in Ecuador, viel Grün und dazwischen ein paar Häuser des Dorfs. Foto: Doris

Die Region Chimborazo in Ecuador, viel Grün und dazwischen ein paar Häuser des Dorfs. Foto: Doris

Ich kann mich nicht mehr an den Namen des Dorfs erinnern, geschweige denn an die Nonprofit-Organisation, für die Alison gearbeitet hat, aber diese Erinnerungen und Bilder, die bleiben! „Ich habe schon einige Schulen besucht, aber so eine schlimme Situation habe ich noch nicht erlebt“, gestand mir auch meine Freundin bei der Heimfahrt – und sie erzählte Erfolgsgeschichten von zwei Mädchen, die aufgrund des Programms jetzt an einer Universität zu studieren begonnen haben. Zwei Seiten, eine Realität – in Ecuador und vielen anderen Ländern Latein- und Südamerikas.

Bildung ist ein unentreissbarer Besitz (Menander)

Schulbildung ist auch ein wichtiger Bereich der Arbeit einer anderen Nonprofit-Organisation, der Fundacíon Cisol, die 1977 von Ecuadorianern in Loja, dem Süden des Landes (bekannt als Tal der Hundertjährigen) gegründet worden ist und sich seither für Kinder und Jugendliche einsetzt, die von Kinderarbeit betroffen sind. Denn das ist ein weiteres Bild, das mich nicht loslässt: Nicht nur in Ecuador, aber auch, sieht man in Süd- und Lateinamerika immer wieder Kinder, die auf der Straße ihre Arbeit anbieten. Ob Schuhe putzen oder Karten verkaufen, ob handgearbeiteten Schmuck anpreisen oder Malereien präsentieren …

Schuheputzen als Job ist üblich - auch in Ecuador.Foto: Cisol Suiza

Schuheputzen als Job ist üblich – auch in Ecuador.Foto: Cisol Suiza

Seit 2000 ermöglicht „Schule Educare“ rund 200 Kindern aus armen Verhältnissen vom Kindergarten bis zum Oberstufe eine Schulausbildung. „Das Hauptprojekt ist zwar die Schule“, erklärt die Schweizerin Tamara Feuz, die selbst als Freiwillige 2007 Englisch unterrichtet und mit den Straßenkindern gearbeitet hat, „aber viele Kinder haben Lernbehinderungen, können sich nicht konzentrieren oder haben gesundheitliche Probleme. So ist es notwendig, dass psychologische, medizinische und auch soziale Hilfe miteinbezogen werden.“ Außerdem gibt es Frühstück und eine warme Mahlzeit, Workshops im Rahmen der „Zukunftsschule“, um den Kindern Alternativen zur Straße zu bieten und Hilfe bei den Hausaufgaben. „Und wer die Schule bei Cisol abschließt, kann anhand eines Stipendiums von Cisol das Gymnasium und die Universität besuchen.“

Sprachs, und schon sind wir mitten im Interview, denn Tamara hat ihr Einsatz in Ecuador nicht los gelassen. Sie unterstützt mit anderen ehemaligen Volontären beim Verein Cisol Suiza die Arbeit in Ecuador und möchte vor allem durch Spendensuchen in der Schweiz mithelfen, die Projekte von Cisol zu finanzieren. 60.000 bis 70.000 CHF oder 35% des Gesamtbudgets fließen so aus der Schweiz nach Ecuador.

Schule Educare bietet seit 2000 ganzheitlichen Unterricht für Kinder und Jugendliche, die auf der Straße arbeiten. Foto: Cisol Suiza

Schule Educare bietet seit 2000 ganzheitlichen Unterricht für Kinder und Jugendliche, die auf der Straße arbeiten. Foto: Cisol Suiza

Wie kam es zu deinem Engagement bei Cisol?

Seit meiner Jugend wollte ich unbedingt persönlich mit Straßenkindern arbeiten, deren Situation kennenlernen, während einer bestimmten Zeit vor Ort mich engagieren. Schlussendlich entschied ich mich für einen Einsatz bei Cisol in Ecuador: Als ich dann 2007 nach Loja reiste, um Englisch zu unterrichten, wurde ich gefragt, ob ich auch direkt auf der Straße mit den Kindern arbeiten könnte. Während einigen Tagen besuchte ich die verschiedenen Arbeitsorte der Kinder und merkte sofort, dass ich mit den Kinder und Jugendlichen, hauptsächlich Jungs, arbeiten möchte. Dies waren Kinder und Jugendliche, welche tagtäglich, meist 7 Tage pro Woche, im Zentralpark Schuhe putzten, um Geld zu verdienen.

Zunächst ging es darum, den Draht zu den Kindern und Jugendlichen zu finden – vor allem durch verschiedene Spiele, aber auch Aktivitäten wie Armbändchen knüpfen. Manchmal haben wir tagelang Armbändchen geknüpft und ich konnte ihr Vertrauen immer mehr gewinnen. Häufig organisierte ich mit anderen Volontären Fußballspiele – so konnten die Jungs auch mal für ein paar Stunden ihr Arbeit und Verantwortung vergessen. Da viele von ihnen aus Geld- wie auch Zeitgründen entweder die Schule abgebrochen hatten oder nahe daran waren, dies zu tun, begann ich mit ihnen über den Schulbesuch zu sprechen. Unterstützt durch Cisol fanden viele Gespräche statt – wir konnten einige wieder für den Schulbesuch begeistern.
Nach meinem ersten Einsatz 2007 reiste ich jährlich bis 2010 in meinen Semesterferien nach Ecuador, um wieder mit den Kindern und Jugendlichen im Zentralpark zu arbeiten und sie für den weiteren Schulbesuch zu animieren. Heute besuchen einige der Jugendlichen, welche ich bereits 2007 betreute, die Universität.

Armbändchen knüpfen: Dabei entstanden viele Gespräche mit den Kindern. Foto: Cisol Suiza

Armbändchen knüpfen: Dabei entstanden viele Gespräche mit den Kindern. Foto: Cisol Suiza

Und jetzt arbeitest du für Cisol Suiza, wie das?

Während einer meiner ersten Einsätze in Ecuador lernte ich den Gründer von Cisol Suiza, Hansruedi Bachmann, kennen. Zurück in der Schweiz lud er mich zu einer Vorstandssitzung von Cisol Suiza ein.

Die Geschichten der Kinder sind hart. Armut, Kinderarbeit, Gewalt, Missbrauch, Schulabbruch, Perspektivlosigkeit, teilweise Drogen, usw. Ich habe Kinder kennengelernt, die vielleicht 10 Jahre alt waren, aber den harten geplagten Gesichtsausdruck eines Erwachsenen trugen. Ich sah, dass die Tätigkeit von Cisol Leben verändert, den Kindern und Jugendlichen neue Perspektiven gibt. Für mich war nach meinem ersten Einsatz in Ecuador klar, dass ich danach nicht einfach nur meinem eigenen Leben nachgehen konnte – ich wollte mithelfen, den Kindern und Jugendlichen, neue Möglichkeiten zu geben. Zumal es mich immer stark belastete, „in der Schweiz zu sitzen“ und nichts für die Kinder und Jugendlichen in Ecuador tun zu können.

2011 gründete ich mit meinem Partner eine eigene kleine Familie – unser Sohn wurde geboren. Seither war es mir nicht möglich, nach Ecuador zu reisen. Umso mehr versuche ich, mich für Cisol Suiza zu engagieren und so aus der Schweiz eine Unterstützung zu sein. Mit vielen Kindern, welche ich bei meinen Einsätzen in Ecuador kennenlernte, habe ich noch heute Kontakt – per E-Mail und teilweise sogar über Facebook.

Hast du ein Projekt, auf das du besonders stolz bist?

Ein Lieblingsprojekt habe ich nicht. Jedes einzelne Projekt ist notwendig, um die Kinder und Jugendlichen darin zu unterstützen, einen anderen Weg – aus der Armut und Perspektivlosigkeit – zu finden. Dabei darf man nicht vergessen, dass Cisol (unterstützt durch Cisol Suiza), den Kindern „nur“ eine Türe in ein anderes Leben anbietet – der Wille, die Arbeit und die Kraft dies auch zu tun kommt von den Kindern und Jugendlichen selber; und dies unter unheimlich schwierigen Verhältnissen.

Viele Momente und Begegnungen sind tagtäglich präsent. Foto: Cisol Suiza

Viele Momente und Begegnungen sind tagtäglich präsent. Foto: Cisol Suiza

Gibt es eine Begegnung, die dir nicht aus dem Kopf geht und die dich vielleicht besonders motiviert?

Da gibt es viele – Begegnungen, Momente und Erinnerungen, welche mir in bestimmten Situationen wieder in den Sinn kommen. Vor kurzen schrieb mir ein Junge am Schluss eines E-Mails: „Eine große Umarmung auch für meinen Bruder“. Ich überlegte und da erinnerte ich mich daran, wie er 2007 mit mir auf einer Bank im Zentralpark saß und mich fragte, was die Kinder und Jugendlichen mir denn bedeuten. Ich, damals auch erst 21 Jahre alt, sagte ihm, dass die Kleinen wie Söhne für mich sind und die Älteren wie Brüder. Er war damals klein und so hat er dies nicht vergessen – er nennt meinen Sohn nun seinen Bruder.
Anderes ist mir täglich präsent. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe und durch die Stadt laufe, erinnern mich bestimmte Gerüche und Geräusche daran, wie ich jeweils am Morgen zu den Kindern in den Park spazierte und daran, dass wir bei Regen unter Bäume flüchteten, um dort weiter UNO zu spielen, Bändchen zu knüpfen oder Gespräche zu führen.

Was ist deiner Meinung nach wichtig, damit eine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Ecuador erfolgreich ist – was ist der größte Bedarf derzeit?

Projekte müssen auf die Situation der Kinder und die Projekte aufeinander abgestimmt sein. Die Situation von jedem Kind ist anders und jedes Kind hat andere Probleme. Cisol bietet den Kindern eine gewisse Rundumbetreuung. Probleme werden angepackt.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die Zusammenarbeit mit den Familien oder Erziehungsverantwortlichen. Es wird mit ihnen über die Wichtigkeit des Schulbesuchs, aber auch Themen wie häusliche Gewalt gesprochen.

Außerdem ist Cisol ein geschützter Ort, wo die Kinder und Jugendlichen sehr viel Liebe, Respekt, ein zuhörendes Ohr erfahren. Ein Ort, wo sie Kind sein können, Lob und Aufmunterung erhalten. Ich glaube, dass dies ein sehr wichtiger Bestandteil ist, damit die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen erfolgreich ist. Sie brauchen Personen, welche ihnen Liebe und Wärme zeigen, sie aufmuntern und stolz auf sie sind.

Erfrischung nach dem Fußballspiel. Foto: Cisol

Erfrischung nach dem Fußballspiel. Foto: Cisol

Was würdest du Reisenden vor einem Besuch nach Ecuador mit auf den Weg geben?

Straßenkinder und -jugendliche werden meist ohne Respekt behandelt. Nicht selten werden sie öffentlich beschimpft oder als kriminell eingestuft. Geht auf die Kinder zu! Setzt euch einfach mal irgendwo auf eine Bank, wartet bis ein Kind euch anspricht. Dafür müsst ihr ihnen nicht extra etwas abkaufen oder die Schuhe putzen lassen. Fragt sie nach dem Namen und wie es ihnen geht. Seid freundlich und herzlich. Erzählt woher ihr kommt. Einige Kinder werden vielleicht davongehen, andere werden gespannt sein, was ihr zu erzählen habt. Und bevor ihr geht, macht ihnen ein Kompliment oder wünscht ihnen alles Gute. Ihr werdet damit den Kindern nicht nur den Tag etwas verschönern – ich bin mir sicher, dass die Kinder diese Begegnung nie vergessen werden.

Danke fürs Gespräch, Tamara!

Wer sich für Cisol Suiza und die Kinder und Jugendlichen in Ecuador einsetzen möchte, kann bei Cisol Suiza spenden. Es gibt auch die Möglichkeit, Mitglied von Cisol Suiza zu werden und uns jährlich mit dem Mitgliederbeitrag zu unterstützen. Man kann auch selbst aktiv werden, und z.B. einen Event planen oder an einer Geburtstagsfeier sammeln.

Mehr dazu auf der Facebook-Page, auf der Website oder im Newsletter.

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Grüne Zeiten bei Fluglinien: Es liegt etwas in der Luft

“Wird Fliegen grüner als Autofahren?” – Die Headline eines der letzten Utopia-Newsletters war so provokant, dass ich sofort drauf geklickt habe. Ja, das Thema beschäftigt mich immer wieder. Sie greift…

“Wird Fliegen grüner als Autofahren?” – Die Headline eines der letzten Utopia-Newsletters war so provokant, dass ich sofort drauf geklickt habe. Ja, das Thema beschäftigt mich immer wieder. Sie greift die Aussage von Air Berlin auf, nur 3,5 Liter auf 100 Kilometer pro Passagier zu verbrauchen. Mit unter 3 Liter Verbrauch pro Passagier auf 100 Kilometer steht die deutsche Fluglinie Condor sogar noch etwas besser dar. “Dass ein Flugzeug Unmengen an Treibstoff verbraucht”, das ist ein Mythos, mit dem Stephan Weidenhiller, Manager Regulatory Affairs & Commercial Airports bei Condor und dort auch mit Nachhaltigkeitsthemen beauftragt, aufräumen möchte, “das Flugzeug ist bereits heute eines der sparsamsten Fortbewegungsarten. Wussten Sie, dass die deutschen Fluglinien mit ihrer heutigen Flotte im Schnitt bereits weniger als 4 Liter Treibstoff / 100km pro Passagier verbrauchen? Ein Wert, von dem die Autoindustrie heute weit entfernt ist.”

Sicher eine der umweltschonendsten Arten sich fort zu bewegen. Leider nicht immer machbar. Foto: David Simoni

Sicher eine der umweltschonendsten Arten sich fort zu bewegen. Leider nicht immer machbar. Foto: David Simoni

Während Fluglinien wie Air Berlin (Nummer 6 der effizientesten Airlines nach dem Airline Index von Atmosfair) und Condor (Nummer 7 der Liste) sich also ihrer Verantwortung offenbar bewusst(er) sind und „grüne Zeiten für die Luftfahrt“ (O-Ton Utopia) versprechen, geht die Rechnung für die gesamte Branche leider nicht ganz so auf. Denn …

  • nicht alle Flugzeuge sind so effizient, ältere Modelle bringen es auf bis zu 10, 5 Liter pro Kopf.
  • Nicht alle Flüge sind ausgebucht: Die Auslastung der Lufthansa-Flotte liegt bei etwa 75%.
  • Flugzeug-Abgase sind 3x schädlicher, weil näher an der Atmosphäre.

 

So die für mich wichtigsten Fakten aus dem Utopia-Beitrag.
Grüner als Autofahren (wobei, ist das grün?!) ist das Fliegen wohl noch nicht.

Autos sind grün? Das hier sicher! Foto:Doris

Autos sind grün? Das hier sicher! Foto:Doris

Und doch: „Es gibt gute und schlechte Nachrichten, was Fluglinien und Umwelt angeht”, erklärt mir Christopher Surgenor, Editor der unabhängigen Plattform GreenAir Online (www.GreenAirOnline.com | www.AviationCarbon2013.com), “die schlechte Nachricht ist, dass Fluglinien weltweit jährlich ca. 650 Millionen Tonnen Co2 ausschütten, das sind 2% des globalen Gesamtwerts. Wäre die Flug-Industrie ein Land, wäre es auf Platz 7 der weltweit größten Co2-Emitter, genau hinter Deutschland.” Die gute Nachricht ist, dass auch die Luftfahrtindustrie die Wichtigkeit des Themas sieht und mit eigenen Lösungen ankommt – oder wohl vielmehr ankommen muss: Bis 2020 ist das kurzfristige Ziel der IATA, des globalen Airline-Verbandes, die Effizienz von Treibstoff um 1,5% pro Jahr zu verbessern und somit die Co2-Ausschüttung zu reduzieren. Ab 2020 gilt „Co2-neutrales Wachstum“ (CNG), damit die Nettoemissionen trotz erhöhtem Verkehrsaufkommen gleich bleiben, und bis 2050 soll die Ausschüttung bis zu 50% im Vergleich zu 2005 abgenommen haben.

„Kein anderer Verkehrsträger hat sich so ehrgeizige Klimaziele gesetzt wie der internationale Luftverkehr“, erklärt Stephan Weidenhiller von Condor, wo im Hauseigenen CSR-Programm ConTribute alle Aspekte zum Thema Nachhaltigkeit gebündelt und bearbeitet werden. Außerdem ist die Fluglinie als Gründungsmitglied von aireg (Aviation Initiative for Renewable Energy in Germany) mit der Findung von regenerativen Kraftstoffen für den Luftverkehr beschäftigt. „Zwei der wichtigsten Voraussetzungen sind ausreichend nachhaltige Rohstoffe und die Errichtung von industriellen Bioraffinerien“, Vorhaben, die aireg gemeinsam mit der deutschen Bundesregierung in Angriff nimmt, denn alternativer Treibstoff ist eine wichtige Komponenten für die Energiewende im Luftverkehr. Wenn auch nicht die Einzige.

„Es gibt eine direkte Beziehung zwischen Treibstoffeffizienz und Co2-Emission“, so Christopher Suregon, „nachdem schon jetzt der Preis für Jet-Treibstoff so teuer ist, machen diese Kosten rund ein Drittel der Gesamtkosten von Fluglinien aus.“ Ein Grund, warum sowohl Fluglinien als auch die Maschinenhersteller zusätzlich daran interessiert sind, immer neue, sparsamere Konstruktionen von Flugzeugformen und Triebwerken zu finden. Schon jetzt sind aktuelle Maschinen wie die A380, A350 und Boeing 787 laut Christopher Suregon ökonomischer als früher. Condor setzt darüber hinaus auf die Nachrüstung seiner Flotte mit Winglets, aerodynamischen Tragflächenverlängerungen, durch die der Kerosinverbrauch und der Emissionsausstoß um vier bis fünf Prozent verringert werden. Und „alles was Treibstoff spart, spart auch CO2“, so Stephan Weidenhiller.

Kurzstrecken in kleinen Maschinen sind nicht wirtschaftlich und schon gar nicht umweltschonend. Foto: Doris

Kurzstrecken in kleinen Maschinen sind nicht wirtschaftlich und schon gar nicht umweltschonend. Foto: Doris

Doch nicht nur die Flugindustrie, auch Regierungen spielen eine große Rolle in der Co2-Reduktion, sind sich Fluglinien und Experten einig. „Das europäische Luftnavigationssystem ist zum Beispiel ein Patchwork von nationalen Systemen, das Flugzeuge zwingt, in einem Zick-Zack-Muster durch Europa zu kreisen“, beschreibt Suregon das Problem, „ das bedeutet zusätzlichen Benzinverbrauch und zusätzliche CO2-Ausschüttung.“ Die EU und die Flugzeugindustrie seien seit Jahren an einem gemeinsamen Europäischen Luftraum“ interessiert, so der Fachmann. Eine Forderung, die die Emissionen um ca. 10% verringern würde, die aber einige Länder nicht unterstützen.

Und wir Reisende, was ist unser Beitrag zur zitierten Energiewende?! „Technische Lösungen machen es immer einfacher, das ökologisch und ökonomisch sinnvollste Verkehrsmittel zu wählen und zwischen diesen zu wechseln“, erklärt der Experte von Condor. Wenn ich da an meine Busfahrt von Wien – Lyon denke. Oder mich an quälende Zugfahrten von Wien über die Tschechische Republik nach Berlin erinnere, kann ich nur bestätigen, dass es derzeit selbst auf vergleichsweise kurzen Strecken oft schwer gemacht wird, eine andere Option als das Fliegen in Betracht zu ziehen. Dabei ist „Fliegen auf Strecken unter 400 km in der Tat selten wirtschaftlich“, so Weidenhiller – geschweige denn ökologisch sinnvoll – und fügt hinzu: „Daher kann hier eine bessere Bahnanbindung von Flughäfen zum Beispiel sehr sinnvoll sein.“

Unsere Verantwortung: Das richtige Verkehrsmittel für jede Strecke zu wählen. Foto: Doris

Unsere Verantwortung: Das richtige Verkehrsmittel für jede Strecke zu wählen. Foto: Doris

Abgesehen von Nicht- oder Weniger-Fliegen geht es vor allem um umweltschonende Maßnahmen  auf Langstrecken, auf denen es für Reisende keine Alternative gibt. „Passagiere sollten Fluglinien wählen, die sich ihrer ökologischen Verantwortung bewusst sind“, empfiehlt da Suregon – und ich denke wieder an die Utopia-Liste der effizienten Airlines, „außerdem sollte man stark in Betracht ziehen, seine Emissionen für Flüge zu kompensieren. Wenn die Airline kein eigenes System hat, gibt es einige Anbieter, wo man es online tun kann wie Atmosfair in Deutschland oder myclimate in der Schweiz.“

Nicht eine „Augen-zu“- oder diese “Wenn ich es nicht mache, macht es jemand anders”-Mentalität bringen uns weiter, sondern ein bewusstes Entscheiden. An den Weg zurück zum generellen Nicht-Fliegen, an den glaube ich nicht – dafür ist das Unterwegssein in der Luft viel zu selbstverständlich geworden. Was ich hingegen doppelt unterstreichen kann ist die Aussage von Stephan Weidenhiller, der meint:Mobilität ist eine Errungenschaft, die nicht unterbunden, sondern gestaltet werden muss“ – und das gilt besonders beim Fliegen.

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Im Namen der Schildkröte

„Es gibt so Wahnsinnige, die nur wegen der Schildkröten herauskommen. Und wenn die eine entdecken, dann holen sie sie aus dem Meer, halten sie an einem Bein hoch, posen damit…

„Es gibt so Wahnsinnige, die nur wegen der Schildkröten herauskommen. Und wenn die eine entdecken, dann holen sie sie aus dem Meer, halten sie an einem Bein hoch, posen damit herum, machen Fotos und zeigen die dann stolz auf Facebook ihren Freunden!“ Davids Stimme überschlägt sich, sein Spanisch wird schneller, so schnell, dass ich nur noch hoffen kann, es richtig verstanden zu haben. Aber eigentlich will ich das gar nicht verstehen – schon gar nicht, nachdem ich selbst vollkommen aus dem Häuschen war, als mein Tauchlehrer David Novillo unter Wasser plötzlich seine Hand ausgestreckt und mit dem Finger nach oben gedeutet hat: Eine Schildkröte! Über mir!

Und ich war nicht die Einzige. Kollegin Anja ist beim Ruf „Schildkröte“ vom Boot ins Meer gesprungen, um mit einem der „Green Girls“, wie David und sein Team die sanften Riesen liebevoll nennen, ein Weilchen mit zu schwimmen.

Zwölf dieser Green Girls haben David und seine Kollegen seit 2004 betreut: „Wir wachen über den Tieren, kontrollieren ihr Wachstum,“, erklärt er mir, „und wir retten sie, falls sie einen Unfall oder andere Schwierigkeiten hatten.“ Von letzterem sind wir heute Zeugen geworden: Ein „grünes Mädel“ hatte sich beim Plastikmüll, der – wie so oft – im Meer gelandet ist, geschnitten und musste – auch wie so oft – zur medizinischen Versorgung gebracht werden.

David ist engagierter Umweltschützer. Foto: Doris

David ist engagierter Umweltschützer.

Derzeit gibt es sechs Stück dieser Chelona Mida in Puertito de Adeje im Süden Teneriffas, dort in der touristischen Region der kanarischen Insel, wo auch noch immer umstrittene Walbeobachtungsfahrten angeboten werden. Und wo in der Hochsaison täglich mehr als 150 Menschen mit Booten zur Bucht fahren, um dort zu schnorcheln, zu tauchen, die Unterwasserwelt zu berühren, lautstark zu feiern – und leider gar nicht sorgsam mit der Natur umzugehen. Ebenso verhalten sich leider auch die acht privaten Schnorchelboote, die Touristen alle vier Stunden in die Meeresregion karren.

Über 150 Menschen fahren regelmäßig in das Gebiet, um zu tauchen und zu schnorcheln. Ruhe, denkste! Foto: Doris

Über 150 Menschen täglich fahren regelmäßig in das Gebiet, um zu tauchen und zu schnorcheln. Ruhe? Denkste!

Auch wenn es sich nach wenig anhören mag, sechs Schildkröten sind in dieser Region schon ein positives Zeichen und ein Verdienst, der David und seinen mittlerweile zehn Kollegen der privaten Non-Profit-Organisation Oceáno Sostenible zuzusprechen ist. 2004 hat der PADI Tauchinstrukteur gemeinsam mit anderen in einem Gebiet von 50 Quadratmeter begonnen, eine Meeresschutzzone einzurichten, um die Flora und Fauna der Region von einer zerstörerischen, nicht einheimischen Seeigelplage zu befreien und wieder zu regenerieren. Außerdem arbeitet die Organisation in einem SeaLab, wo sie wissenschaftliche Daten sammelt und auswertet. Mittlerweile hat sich das Gebiet vervielfacht und ist auf über 100.000 Quadratmeter angewachsen. Die Seeigel sind unter Kontrolle, und die sechs Schildkröten sind nicht die einzigen Zeichen, dass sich die Unterwasserwelt wieder etwas erholt: Seepferdchen oder Barrakudas sind bei den Tauch- und Schnorchelgängen zu entdecken.

Da habe ich noch recht waghalsig aus der Wäsche geschaut. Noch. Foto: Doris

Da habe ich noch recht waghalsig aus der Wäsche geschaut, bevor ich dann abgetaucht bin. Noch.

Damit gibt sich Oceáno Sostenible aber natürlich nicht zufrieden – die Arbeit geht weiter: „Unsere wichtigste Arbeit ist es, das Verantwortungsbewusstsein und den Respekt der Tauchzentren und privaten Taucher gegenüber den Schildkröten zu erhöhen,“, erklärt mir David später, „vor allem, weil wir täglich mehrere Male dort hin fahren.“ Seine Non-Profit-Organisation selbst hat mit dem FlyOver Tauchunternehmen, das von der Inselregierung und dem Fremdenverkehrsamt Turismo de Tenerife unterstützt wird, ein spezielles Angebot für Touristen geschaffen: Damit auch Anfänger die Unterwasserwelt in Puertito de Adeje kennen lernen können, begleiten erfahrene Taucher wie David Leute ohne Erfahrung – wie mich – nach unten. Die eine Hand auf der Nase (zum Druckausgleich), die andere gehalten von David oder einem seiner Kollegen gibt es das Taucherlebnis sozusagen im Schnelldurchgang – und man erfährt noch dazu etwas über die Unterwasserwelt der Region. Und das Beste: Zehn Prozent der Gewinne von FlyOver gehen wieder an Projekte von Oceáno Sostenible.

Bording... Foto: Doris

Bording…

Und Projekte gibt es genug:  Es geht nämlich bei Oceáno Sostenible nicht nur darum, Touristen einen nachhaltigen Umgang mit der (Unter-)Wasserwelt zu zeigen, sondern auch Einheimischen – vor allem den Kindern. Um das auch den Kleinen bewusst zu machen, werden ab September wieder Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen in das ebenfalls entstandene Maritime Lernzentrum geladen. Und sie werden kommen – wie schon die über 900 Kinder und Jugendlichen in der Vorsaison, mit denen David gearbeitet hat. Der gibt mir zum Schluss übrigens noch ein Zitat der Native Americans auf den Weg mit: „Das Land ist nicht ein Erbe unserer Eltern, es ist ein Erbstück für unsere Kinder.“ – auch das Wasserland der Schildkröten.

Reisebloggerin MrsBerry war ebenfalls dabei und hat geniale Unterwasser-Bilder gemacht. Dieses Video stammt von ihr.

 

Wer einen FlyOver-Tauchgang versuchen möchte, meldet sich am besten über die Website bei David und seinem Team. Nicht in freier Wildbahn, aber Schildkröten (und mehr) gibt es übrigens auch im Loro Parque im Norden Teneriffas zu sehen.

Offenlegung: Danke an Condor, GCE und Turismo de Tenerife für die Einladung. Die Meinungen und Ansichten in der Geschichte bleiben meine eigenen.

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Helden der Woche: Hannah und ihre Schwestern, die Andersmacher

Unterwegs und auch Zuhause begegne ich vielen Menschen, die mich beeindrucken, mich inspirieren, mir Mut machen oder mich zum Nachdenken anregen. Mal sind es Bekannte oder Leute, mit denen ich…

Unterwegs und auch Zuhause begegne ich vielen Menschen, die mich beeindrucken, mich inspirieren, mir Mut machen oder mich zum Nachdenken anregen. Mal sind es Bekannte oder Leute, mit denen ich mehr Zeit verbringe – ein anderes Mal ist es ein zufälliges, kurzes Zusammentreffen mit einem Fremden, das Spuren hinterlässt. Es ist Zeit, diese – meine – Helden des Alltags vorzustellen.

Wer

FOOTPRINT, das ist ein Wiener Verein, der sich um die Betroffenen von Frauenhandel kümmert, genauer gesagt um „Betreuung, Freiraum & Integration“ derselben. FOOTPRINT, das sind die 26-jährige Gründerin Hannah und ihre 24 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Natürlich sind nicht alle ihre Schwestern (lasst euch vom Titel des Artikels in Anlehnung an den gleichnamigen Film nicht irreführen), es sind nicht einmal alles Frauen. Eine Tatsache, die seit der Gründung für Aufsehen sorgt – richtet sich doch der Verein an durch Frauenhandel oder Gewalt missbrauchte Frauen, und die sind oft gerade durch Männer traumatisiert. „Aber wir wollen hier bei FOOTPRINT keine Parallelwelt aufbauen,“, erklärt Elisabeth, eine der Freiwilligen, die Montag bis Donnerstag von 9.00 bis 20.00 Uhr die Anlaufstelle im dritten Wiener Bezirk offen halten, „es geht darum, dass die Frauen wieder Vertrauen fassen – auch in Männer – und sich so in die Gesellschaft integrieren können.“

Woher die betroffenen Frauen kommen? Hier können sie ihr Land "pinnen". Foto: Doris

Woher die betroffenen Frauen kommen? Hier können sie ihr Land pinnen. Bild: Doris

Frauenhandel in Wien? Ja, den gibt es. Laut Statistik werden in mehr als 400 Wiener „Etablissements“ Frauen Opfer von Menschenhandel; es gibt 7.000 Zwangsprostituierte, wobei der Ausländeranteil bei 90 Prozent liegt und jede dritte Frau in Österreich Opfer von häuslicher Gewalt wird – so die von FOOTPRINT zitierten Zahlen.

Wo wir uns begegnet sind

Am Samstag lädt der Verein FOOTPRINT zu seinem 6. KULLUK -Dinner (Kultur & Kulinarik) und reist mit Ihnen nach Vietnam.“ Im Juni ist mir die Einladung zu dieser monatlichen Veranstaltungsreihe von FOOTPRINT in die Mailbox geflattert. Eine Einladung nach Vietnam – und sei es auch „nur“ kulinarischer Art – schlage ich selten aus, es sei denn, ich bin wieder mal nicht in Wien. So war es dann auch. Meine Aufmerksamkeit aber hatten die Veranstalter dieser monatlichen kulinarisch-kulturellen Reise bereits gewonnen. Und so habe ich sie in ihrem Vereinssitz im dritten Bezirk besucht.

Dort bietet FOOTPRINT Opfern von Frauenhandel und Gewalt nicht nur eine Anlaufstelle, sondern auch gratis Deutschkurse. Außerdem finden öffentlich zugängliche Sportkurse wie Yoga oder Zumba statt: Die Gebühr jeder externen Teilnehmerin macht es möglich, dass auch Betroffene am Sport teilnehmen können.

Das WC als geschützter Raum, in dem die Frauen auch über Verhütung aufgeklärt werden können. Foto: Doris

Das WC als geschützter Raum, in dem die Frauen auch über Verhütung aufgeklärt werden können. Bild: Doris

Womit sie mich beeindrucken

Wo soll ich anfangen? Vielleicht auf der Toilette – dort, wo auch die „Hausführung“ begonnen hat, die Elisabeth und Hannah mit mir gemacht haben. Klingt komisch, aber die Erklärung kommt sofort: Das Thema Verhütung ist gerade bei Frauen, die in der Zwangsprostitution feststecken, noch immer ein Tabu, deshalb wird es an einem privaten, diskreten Ort erklärt – am WC, wo Plakate zur Verwendung von Kondomen hängen und eben solche zur Mitnahme aufliegen.

Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse werden gratis angeboten, auch ein Bewerbungskurs ist dabei. Foto: Footprint

Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse werden gratis angeboten, auch ein Bewerbungskurs ist dabei.

So sensibel und vorsichtig wie mit dem Thema Verhütung geht das Team rund um die 26jährige studierte Afrikanistin Hannah mit allem um. Das liegt vielleicht daran, dass die ehemalige Waldorf-Schülerin im Rahmen ihrer Diplomarbeit rund um Zwangsprostitution afrikanischer Migrantinnen in Österreich einiges in Non-Profit-Organisationen, Frauen- und Schutzhäusern gesehen hat, was sie anders machen wollte. „Aus lauter Wut gegen das System habe ich FOOTPRINT gegründet,“, erklärt die zierliche Blonde über ihr in Wien einzigartiges Angebot, das den Betroffenen Hilfe zur Selbstständigkeit geben möchte, „sofort hatte ich die Unterstützung von zehn Leuten. Als wir gleich in den ersten drei Monaten zwei Preise gewonnen hatten, ging alles ziemlich schnell.“

Sozial- und Rechtsberatung gibt der Verein auch. Kostenlos. Foto: Footprint

Sozial- und Rechtsberatung gibt der Verein auch. Kostenlos.

Geduld hingegen braucht das ausschließlich ehrenamtlich arbeitende Team bei den Betroffenen selbst: „Niederschwellig“ muss das Angebot sein, damit es die verschreckten, traumatisierten Frauen überhaupt in Anspruch nehmen. Viele kommen zuerst zu einem der Gratis-Deutschkurse, die bei FOOTPRINT angeboten werden, und lassen sich später, wenn sie einmal Vertrauen zu Hannah und ihren jungen KollegInnen gefasst haben, auf eine Sozialberatung ein. Oder sie verbringen Zeit im Vereinshaus bei Kaffee und Leckereien, tratschen mit den MitarbeiterInnen und holen sich Sachspenden ab, die aufliegen. Oder sie können sich bei den Sportkursen so richtig austoben und ihre Probleme „rausschwitzen“ – gemeinsam mit „normalen“ Teilnehmerinnen.

Dass das FOOTPRINT-Team mit 20 bis 34 Jahren fast im selben Alter wie die durchschnittlich 18 bis 25-jährigen Klientinnen sind, ist sicher von Vorteil. Dass kein Erfolgsdruck da ist, ebenso. „Wir haben keine quantitativ messbaren Ziele – das wäre wohl auch zu frustrierend,“, erklärt Hannah, die wie alle anderen zum Brotverdienen ihrem Beruf im Sozialmanagement weiter nachgeht, „für uns ist es ein Erfolg, wenn das Lächeln der Frauen breiter wird oder ihre Lebensqualität spürbar steigt. Oder wenn sie einfach nicht mehr zu uns kommen, weil sie uns nicht mehr brauchen.“

Jede kann bei den Sportkursen mitmachen – und ermöglicht durch die Teilnahmegebühr, dass auch eine Betroffene Sport machen kann.

Wie du sie treffen kannst

Wer FOOTPRINT unterstützen möchte, der kann das über eine einmalige oder – noch besser – laufende Geldspende (ab 5 Euro im Monat) tun – die Spenden kommen ausschließlich dem Verein zu Gute. Auch Sachspenden sind jederzeit willkommen. Wer darüber hinaus in Wien wohnt, kann einen der Sportkurse (Yoga, Pilates, Bodywork, Zumba…) besuchen und durch die Teilnahmegebühr (10er Block um 80 Euro + 1 Stunde gratis, Schnupperstunde um 9 Euro) einer Betroffenen ebenfalls die Möglichkeit geben, sich beim Sport auszupowern und zu integrieren. Oder du besuchst die Veranstaltungen und weiteren Aktivitäten.

Immer hereinspaziert! Wochentags ist der Verein täglich von 9.00 bis tw. 20.00 besetzt. Foto: Doris

Immer hereinspaziert! Wochentags ist der Verein Montag bis Donnerstag besetzt. Bild: Doris

Mehr zu FOOTPRINT findet ihr auf der Homepage und der Facebook-Seite.

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Wo sich Fuchs und Biber gute Nacht sagen

Die Zähne werden im Kampf gefletscht: Wer ist der Stärkere? Wer kann den ausgelatschten Schuh, den ein Wanderer vor Urzeiten hier verloren hat, an sich reißen? Es ist der alles…

Die Zähne werden im Kampf gefletscht: Wer ist der Stärkere? Wer kann den ausgelatschten Schuh, den ein Wanderer vor Urzeiten hier verloren hat, an sich reißen? Es ist der alles entscheidende Moment. Und ausgerechnet in diesem werden die beiden Fuchswelpen, die sich hier spielerisch aneinander messen, ertappt. Ein Schnappschuss, wie er wohl nur in einem versteckten Winkel eines Waldes auf dem Land oder im Zoo gelingt. Dachte ich. Doch die Initiative Wiener Wildnis beweist das Gegenteil. Mitten in der Großstadt Wien mit ihren fast zwei Millionen EinwohnerInnen findet das Team rund um die Initiatoren, das international bekannte Fotografenehepaar Georg Popp und Verena Popp-Hackner, nicht nur die beiden Fuchswelpen, sondern Biber, Hasen, Rehe, Igel und natürlich unzählige Vögel. Diese „eindrucksvolle urbane Natur Wiens“ (O-Ton Website) möchte das Projekt seit November 2012 den WienerInnen und BesucherInnen der Hauptstadt multimedial näher bringen.

Mehr als 50 Prozent Wiens ist Grünfläche. Auf jeden Bewohner der Stadt fallen rund 120 Quadratmeter Grünfläche. 2.300 Hektar der Lobau, die wiederum ein Drittel des Nationalparks Donau-Auen abdeckt, und 9.900 Hektar des Wienerwalds sind im Wiener Stadtgebiet zu finden. Und in Letzterem gibt es um die 2.000 verschiedenen Pflanzen- und 150 Brutvogelarten. Dass Wien mit seinen Parks, den Gartenanlagen und überall entstehenden Urban Gardening Projekten ziemlich grün ist, ist kaum zu übersehen und macht die Stadt nicht nur für mich besonders lebenswert. Die Eckdaten, die auf der Website der Wiener Wildnis nachzulesen sind, sind aber dann doch noch einmal beeindruckend. Und nachdem ich es liebe, die verschiedensten Seiten meiner Wahl-Heimatstadt zu entdecken – habe ich den Koordinator Michael Ganzwohl zum Projekt befragt.

Neulich am Donaukanal: Biber haben fast alle Reviere der Großstadt besiedelt, Foto © Wiener Wildnis / Popp-Hackner

Neulich am Donaukanal: Biber haben fast alle Reviere der Großstadt besiedelt,
Foto: Wiener Wildnis / Popp-Hackner

Doris: Was genau ist euer Ziel, was steckt hinter der Wiener Wildnis?

Michael: Wir wollen durch unseren Multimediaansatz neue Eindrücke der Stadt zeigen, die so den meisten Menschen nicht bekannt sind. Dadurch führen wir letztendlich zu Themen, Awareness und schlussendlich Engagement. Wir wählen dazu die Visualisierung als Dreh- und Angelpunkt für die Botschaften, die wir vermitteln wollen. Die heutigen Kommunikationswege sind ja bereits stark auf das schnelle Konsumieren ausgerichtet, erst wenn die Hürde des „Wegzappens“ genommen ist, beginnt die nähere Beschäftigung mit einem Thema. Fotografie oder kurze Videos bieten sich an, Menschen zu fesseln und darauf basierend kann nachhaltiges Interesse geweckt werden.

Ein Feld beim Alberner Hafen (11. Bezirk) im Hochwasser. Am Feldrand blühende Mohnblumen waren zum Teil komplett unter Wasser, manche ragten noch durch die Oberfläche. Foto: © Wiener Wildnis/T. Haider

Ein Feld beim Alberner Hafen (11. Bezirk) im Hochwasser. Am Feldrand blühende Mohnblumen waren zum Teil komplett unter Wasser, manche ragten noch durch die Oberfläche.
Foto: Wiener Wildnis / T. Haider

Was sind eure liebsten Stücke Wiener Wildnis – Plätze, Motive? Woran könnt Ihr euch nicht satt sehen?

Es ist aus meiner Sicht nicht so sehr der eine Platz oder ein besonderes Tier, an dem man sich nicht satt sehen kann. Es ist der Blick, den man entwickelt, wenn man sich mit der Thematik auseinandersetzt. Ich als Projektkoordinator bin ja nicht ständig in Wien unterwegs so wie die Wiener Wildnis Fotografen. Aber wenn ich sie begleite oder selbst mit meinen Kindern unterwegs bin, so ist es schlussendlich die Stadt selbst, an der man sich nicht satt sehen kann – weil man eben ständig neue Perspektiven erkennt, anders hinsieht und noch in den kleinsten Ecken die Eroberung der Stadt durch Fauna und Flora erkennt. So wird jeder Ausflug eine Entdeckungsreise.

Igel gehören zu den echten Nachtschwärmern in der Stadt, die man – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nur zur dunklen Nachtzeit antreffen kann. Foto: © Wiener Wildnis / M.Graf

Igel gehören zu den echten Nachtschwärmern in der Stadt, die man – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nur zur dunklen Nachtzeit antreffen kann. Foto: Wiener Wildnis / M.Graf

In wie weit wollt ihr auch aufrütteln – einige Beiträge sind ja sehr stark umweltschützend unterwegs?

Vorab: Wir wollen ein positives Bild der grünen Metropole Wien zeichnen. Wien wird ja regelmäßig als eine der lebenswertesten Städte der Welt ausgezeichnet. Die bekannte Mercer-Studie beispielsweise, vergibt seit Jahren Bestnoten in der Kategorie „Quality of Life“. Das wollen wir vor allem zeigen. Unsere Beiträge sind also eher „umweltzeigend“ als „umweltschützend“. Aber selbstverständlich streifen wir bei unseren Beiträgen auch an sensible Bereiche an der Schnittstelle zwischen Mensch und Natur an. Diese wollen wir keinesfalls aussparen, aber neutral zeigen. Wir trauen es den Menschen durchaus zu, sich dann ein eigenes Bild zu machen.

Wie kann man eurer Meinung nach Wiener Wildnis am besten entdecken?

Einfach die nächste Straßenbahn nehmen und die Augen offen halten… Wir geben auch regelmäßig Ausflugstipps im Rahmen unserer Homepage-Beiträge (Rubrik „Location“ unter Berichte).

Die Donau ist ein Paradies für Tiere - und dafür, Wildnis zu fotografieren. Foto: Wiener Wildnis

Die Donau ist ein Paradies für Tiere – und dafür, Wildnis zu fotografieren. Foto: Wiener Wildnis

Wie kann man bei euch mitmachen?

Wir sind auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen, um die echten Juwelen abseits der bekannten Hotspots, zu erfahren. Auf der Homepage wienerwildnis.at können Location-Hinweise abgegeben werden oder direkt auf wienerwildnis@wienerwildnis.at. Auch auf Facebook wird bereits fleißig mitdiskutiert und kommentiert. Wir wünschen uns, im Forum Geschichten über die Stadt, über den Bezirk, über das eigene „Grätzl“ zu lesen, wenn möglich mit Fotodokumentation von Begegnungen mit der urbanen Natur.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Wer direkt in die Wiener Wildnis eintauchen möchte, wird in Zukunft die Möglichkeit haben mit uns im Rahmen von Exkursionen und Workshops durch die Stadt zu streifen. Der Fokus wird dabei sowohl auf dem Naturerlebnis als auch auf der Fotografie liegen. Das ist aber noch in Planung, und wir werden darüber noch detaillierter informieren. Weiters sind AV-Shows und Ausstellungen geplant. Das langfristige Ziel für Wiener Wildnis ist eine Plattform für die urbane Natur Wiens zu etablieren.

Danke für das Gespräch – ich freue mich auf mehr Wiener Wildnis!

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Mein Teekränzchen mit den Baum-BesetzerInnen in Bilston

Es ist 17.00 Uhr. Ich komme pünktlich, pünktlich zum Teekränzchen. Nichts Ungewöhnliches, werdet Ihr sagen, schließlich befinde ich mich in Großbritannien – und die Briten (auch die Schotten, ja) lieben…

Es ist 17.00 Uhr. Ich komme pünktlich, pünktlich zum Teekränzchen. Nichts Ungewöhnliches, werdet Ihr sagen, schließlich befinde ich mich in Großbritannien – und die Briten (auch die Schotten, ja) lieben doch ihren Tee. Schon ungewöhnlich, sage ich! Das hat nicht nur mit meinen TischgenossInnen – wobei, einen Tisch haben wir gar nicht – zu tun, sondern vor allem mit der Umgebung. Wir befinden uns in den Wäldern rund um die Kleinstadt Bilston eine zirka 20-minütige Autofahrt von der schottischen Hauptstadt Edinburgh entfernt. Seit 10 Jahren besetzen dort UmweltschützerInnen buchstäblich die Bäume und hausen in der Natur, um gegen die Zerstörung des Waldlandes zugunsten einer Straße zu protestieren.

„Wir sind die BeschützerInnen des Waldes“, erklärt mir Will, der mich mit der Frage „Tee oder Kaffee?“ in der Runde begrüßt hat. Der Brite ist als Forstarbeiter für die Regierung vor rund drei Jahren – oder sind es schon dreieinhalb (!?) – auf die Truppe gestoßen. Die Entdeckung kam gelegen, wurde er ein Monat vorher doch geschieden und hauste in seinem Auto. Statt weiter auf dem Rücksitz zu übernachten, zog er samt vierbeinigem Freund in den Wald, baute sich ein Baumhaus und lebt seither immer wieder hier. „Umweltschützer war ich schon vorher“, erklärt er, während er das Teewasser auf der Feuerstelle aufsetzt, „aber seitdem ich hier in Bilston wohne, bin ich erst so richtig als Aktivist unterwegs.“ Ein Engagement, für das er vor rund einem Monat verhaftet wurde, als er gegen einen nuklearen Reaktor in der Nähe von Glasgow protestiert hat.

Der Eingang zum Camp. Foto: Doris

Der Eingang zum Camp. Foto: Doris

So wie Will sind auch die Spanierin Monika, ein tschechisches Pärchen und der Schotte Chris in den Wäldern gelandet. Jede(r) hat eine andere Geschichte. Jede(r) kommt, geht – und kommt vielleicht wieder. Von denjenigen, die das Camp vor 10 Jahren gegründet haben, ist keine(r) mehr dabei. „Nur diejenigen, denen es ernst ist, überwintern hier“, erklärt mir Will, der in der  internationalen Truppe für die Instandhaltung der Baumhäuser sowie für die Solar-Energie (Wifi gibt es teilweise, Duschen nicht) zuständig ist und fügt hinzu „bei der Kälte und dem Wind muss man sich schon gut um sich selbst kümmern.“ Da gibt es keine Alkoholleichen oder Dauer-Parties.

Manchmal müssen die BewohnerInnen bei Wind unter der Brücke schlafen. Foto: Doris

Manchmal müssen die BewohnerInnen bei Wind unter der Brücke schlafen. Foto: Doris

Anders im Sommer. „Im August findet das Edinburgh Festival statt“, meint der Brite, der bis vor einem Monat noch als Forstarbeiter tätig war, „und da nutzen ganz viele hier die Gelegenheit, gratis zu übernachten, plündern die Gemeinschafts-Kühlschränke, bringen selbst nichts ein, verschwinden in die Stadt und kümmern sich nicht um die anderen.“ Auch sonst wird die Gastfreundschaft des Camps gern (über)strapaziert: „Wir haben um die drei, vier BesucherInnen in der Woche“, so Will – vor allem CouchSurferInnen sind oft in Bilston Glen zu Gast und übernachten in den Baumhäusern. Die gehören übrigens – wie das meiste andere – der Allgemeinheit.

Note to all peeps: This is a protest site after all. Although there is no rent, it is not the reason we are here. If you do not care for the future of the land and just want a free coffee then go find a cardboard box!“ (Schild im Camp)

„Was, du willst schon gehen?“, meinen Aufbruch nach dem einstündigen Teekränzchen sieht Will gar nicht gern, und John, ein weiterer Engländer, der gestern erst ins Camp gekommen ist, bietet mir eine Zigarette sowie belegte Brötchen an. Letztere kommen übrigens wie der Großteil des Essens aus dem Supermarkt, genauer gesagt von dem, was im Supermarkt weggeworfen werden würde. Nein, Dumpster Diving ist in Schottland auch nicht legaler als bei uns – aber in Bilston Glen hat man sich mit der Gemeinde arrangiert. „Früher waren wir nicht gern gesehen“, bestätigt Will meinen Verdacht, „doch nachdem wir seit Jahren friedlich hier leben und nie Anlass zur Aufregung war, schaut sogar die lokale Polizei ab und an vorbei, um zu prüfen, ob alles in Ordnung ist.“

Jedes Baumhaus im Camp sieht anders aus. Foto: Doris

Jedes Baumhaus im Camp sieht anders aus. Foto: Doris

Vielleicht muss sie das gar nicht mehr lange tun: Vor Kurzem hieß es, dass das 10-Millionen-Straßenbauprojekt fallen gelassen wird. Jetzt warten die UmweltschützerInnen auf den endgültigen Bescheid. Was dann aus Bilston Glen wird? „Für wen sollen wir die Baumhäuser stehen lassen? Nein, wir bauen das Camp natürlich ab „, erklärt Will und fügt stolz hinzu, „und wir könnten zeigen, dass man 10 Jahre einen friedlichen Protest aufrecht erhalten und dann verschwinden kann, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Aber selbst wenn die Stunden, Wochen und Monate des Bilston Glen Baumhauslagers – zum Glück – gezählt sind, gibt es noch viel zu tun. Zum Beispiel im „Schwestercamp“ Faslane Peace Camp, dem längsten aktiven Friedenslager der Welt, wo seit 1982 gegen den Einsatz von nuklearen Waffen protestiert wird. Vielleicht verlagern ja Will und die anderen nach dem – friedlichen – Abriss von Bilston Glen ihr Engagement dorthin…

Auf Wunsch von Will und den anderen habe ich auf Fotos verzichtet. 

Mehr über das Projekt gibt es auf der Facebook-Profilseite und auf der Website, die allerdings derzeit wenig genutzt wird. Wegen einer Übernachtung kontaktiert die Gruppe am besten über CouchSurfing – oder macht es so wie ich: Geht einfach hin und lasst Euch auf ein Teekränzchen ein. 

Offenlegung: Danke an VisitScotland, die mir ein Auto zu Verfügung gestellt haben, um Schottland zu erkunden.

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Welcome to the Re:evolution: Globale Freifahrt für alle

Was haben Bangkok und Tallinn gemeinsam? Beide sind Vorreiter im öffentlichen Nahverkehr. Der ist nämlich dort gratis! Klingt zu schön um wahr zu sein? Zugegeben, ganz so paradiesisch sind die Zustände…

Was haben Bangkok und Tallinn gemeinsam? Beide sind Vorreiter im öffentlichen Nahverkehr. Der ist nämlich dort gratis! Klingt zu schön um wahr zu sein? Zugegeben, ganz so paradiesisch sind die Zustände dann doch nicht. Zumindest in der thailändischen Hauptstadt kann ich sagen, dass ich von kostenlosen Öffis vor ein paar Wochen nichts mitbekommen habe. Das liegt wohl daran, dass nicht BTS oder Boote gratis sind, sondern „bloß“ die Hälfte der roten, nicht klimatisierten Busse umsonst benutzt werden können. Gut, die Ersparnis von 0,17 Euro pro Fahrt mag für uns Reisende nicht immens sein – für die lokale Bevölkerung aber sieht die Sache schon wieder anders aus.

Und in Tallinn? Da ist das System des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs seit 1. Januar 2013 im Gang. Nur für die Einheimischen und Leute unter 19 Jahren, wohlgemerkt. Die Bevölkerung zahlt trotzdem: 70 Prozent der Öffi-Kosten werden durch Parkgebühren, Mineralölsteuer oder Umwidmung von Pendlerpauschalen aufgebracht. Finanziert wird es also durch jede(n), egal, ob er/sie öffentlich fährt oder nicht. Eine Idee, die Seattle oder Portland wieder abgesetzt haben – da muss man für früher freie Busse wieder zahlen -, die aber in Estlands Hauptstadt ein voller Erfolg ist – 10 Prozent der Bevölkerung hat ihr Motorfahrzeug stehen lassen, heißt es in Berichten.

Freifahrt ist ökologisch, weil gut für die Umwelt.
Freifahrt ist sozial, weil ein Angebot für alle.
Freifahrt ist machbar, wenn politisch gewollt.

freifahrtlinz.at

Aussagen wie diese könnten genauso gut von Christian Tengblad kommen. Der Schwede ist Teil der Organisation Planka.nu Stockholm, die sich für einen gratis öffentlichen Nahverkehr für alle einsetzt. Vor sechs Jahren haben Christian und seine Freunde den Free Public Transport Day ins Leben gerufen. Mit Aktionen auf der ganzen Welt (nur nicht in Österreich*). „In Stockholm werden wir heuer eine Parade gemeinsam mit verschiedenen Gruppen wie der Piraten Partei, der Feministischen Partei und den Jungen Linken haben.“, erzählt mir Christian von den Plänen und fügt hinzu, „Wir haben schon unser Kontingent an Luftballonen aufgestockt.“ Dass das Thema dennoch noch immer ein globales Randthema ist, frustriert – trotz aller Positivbeispiele. Nicht nur im Großen, sondern auch in kleineren Gemeinden wie der belgischen Stadt Hasselt oder dem schwedischen Kölsillre.

Wie können wir zur Initiative beitragen – vor allem, wenn es in unserer Gegend noch keine dementsprechende Organisation gibt? „Ich denke, dass anfangs schon Flugblätter verteilen, darüber bloggen, das Schreiben von Briefen an Medien oder das Zeigen von spannenden Filmen zu dem Thema ein guter Start für jede Kampagne ist.“, meint Christian. Und auf die Frage, ob er schon einmal etwas über eine Aktion aus Österreich gehört hat, meint er „das Schwarzfahren Wien hat sich nach einer interessanten Sache angehört.“

Naja, bei meinem Glück mit den „Schwarzkapplern“ (Für Nicht-Österreicher: So heißen die Kontrolleure umgangssprachlich) blogge ich dann doch lieber darüber…

 

* Auch wenn Free Public Transport nichts davon weiß, gibt es sehr wohl eine – parteipolitische – Initiative in Österreich. In Linz plädiert die KPÖ für freien öffentlichen Nahverkehr: freifahrtlinz.at

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Anheuern auf dem segelnden Öko-Frachter

„Warum müssen wir immer alles haben, zu jeder Zeit? Wie können Bananen im Winter nur ein paar Euros kosten und woher kommen die?“, Andreas Lackner stellt im Sykpe-Gespräch noch einmal…

„Warum müssen wir immer alles haben, zu jeder Zeit? Wie können Bananen im Winter nur ein paar Euros kosten und woher kommen die?“, Andreas Lackner stellt im Sykpe-Gespräch noch einmal klar, ob ich verstanden habe, worum es ihm geht: „Wir müssen solche Prozesse hinterfragen, damit unsere Welt eine Zukunft hat.“ Hinterfragen allein ist dem gebürtigen Steirer und seinen niederländischen Partnern allerdings schon lange nicht mehr genug: Mit dem Segelschiff „Tres Hombres“ transportieren sie seit einigen Jahren fair und biologisch produzierte Waren aus aller Welt über den Ozean – einzigartig ohne Motor, ohne CO2-Emission, ohne einen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen und mit einer Crew, die sich zum Teil aus Freiwilligen und Interessierten wie dir oder mir zusammensetzt.

Schon im Jahr 2000 hat Andreas Arjen van der Veen Jorne Langelaan kennen gelernt – auf einem Schiff, wie könnte es anders sein? Der Steirer aus Stainz bei Straden war auf dem Wasserweg nach Südamerika, die beiden Holländer befanden sich als Lehrlinge der Seefahrtschule mit an Bord eines Dreimasters. „Wir waren die einzigen, die nicht zur Crew gehörten, aber auch keine zahlenden Passagiere waren.“, erzählt mir Andreas, der gerade auf „Heimaturlaub“ ist, und auf den ich aufmerksam geworden bin, weil er bei einer Nachhaltigkeitskonferenz über sein Projekt spricht. Ein Anderssein, das verbindet und ihnen beim Kapitän den Namen „Tres Hombres“ („Drei Männer“) einbrachte.

Drei Männer, eine Idee.

Nicht nur den Namen verdanken sie dieser Zeit: „Als wir ein Frachtschiff überholt haben, weil wir mit viel Wind gefahren sind, ist uns die Idee gekommen, Waren wieder ohne Emission zu transportieren.“ Eine Idee, die anfangs auf viel Unverständnis gestoßen ist und erst 2006 zum Leben erweckt werden sollte. Da haben die beiden Holländer Andreas, der mittlerweile in Kroatien ein Segelboot-Unternehmen führte, besucht. Jetzt war die Zeit reif – und wer an Zeichen glaubt, wird die Geschichte, wie sie „ihren“ Frachter in Holland gefunden haben, lieben: „Wir sind in einen Hafen hinein und da hat jemand gerufen „tres hombres“, wir schauen auf die andere Seite – und da liegt ein Schiff, abgedeckt, verrottet.“, schildert Andreas die schicksalhafte Begegnung mit dem deutschen Schiffsrumpf aus dem Jahr 1943 und fügt hinzu: „Es war außerdem ein österreichisches Modell, das 1935 von einer Wiener Firma gezeichnet wurde.“ Dass das Wrack für läppische 3.000 Euro verkauft wurde, ist natürlich ein weiteres Zeichen…

Segelmacher, die Mannschaft darf arbeiten.

Um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden wie die Vorbesitzer des Schiffs, die sich zu dritt mit dem Herrichten völlig übernommen hatten, machten es die findigen Männer anders: Mit selbst gebastelten, notariell beglaubigten und rechtsgültigen Scheinen verkauften sie Anteile am Schiff und konnten so 350.000 Euro einnehmen, um Material für die Renovierung zu finanzieren. Und sie stellten ein Freiwilligenprojekt auf: 150 Menschen aus 25 Ländern haben zweieinhalb Jahre gebaut, um aus der 80 Jahre alten, 35 Meter langen und 130 Tonnen schwere Zweimast-Brigantine ohne Motor das faire Frachtschiff zu machen. „Manche blieben drei Tage, andere Monate.“ – Andreas schwärmt noch heute von der „besten Zeit seines Lebens“, in denen er Freunde fürs Leben gefunden hat – und eine Crew fürs Schiff. Denn einige von den Leuten haben als Teil der fünfköpfigen fixen Profi-Mannschaft angeheuert, die derzeit mit zehn Euro pro Zwölf-Stunden-Tag sowie Unterkunft und Verpflegung entlohnt werden kann. Der Rest der Arbeit wird von den Freiwilligen erledigt: Zehn Leute werden mitgenommen und dürfen sich auf der „Tres Hombres“ nützlich machen, nicht als Passagiere, sondern als Teil der Crew. Der Frachter ist nämlich als Trainings-Segelschiff geeignet, „Lehrlinge“ aus der Schiffschule in der notwendigen Praxis auszubilden. „Wir hatten aber auch schon einen 76-Jährigen an Bord.“, erzählt mir Andreas davon, dass sie alle Interessierten mitnehmen, die Hand anlegen und mich im gleichen Zug einlädt, auch einmal mitzushippern.

Gruppenfoto der Mannschaft.

50 Prozent der Kosten werden durch diese „Lehr-Crew“ aufgebracht, die andere Hälfte nehmen die Tres Hombres mit dem Verkauf ihrer Fracht ein: Schokoladebohnen, die sie von der Fairtrade Bauerngenossenschaft in der Dominikanischen Republik abholen und zum Produzenten nach Amsterdam schippern, wo die 70 Kilogramm-Säcke mit Transportfahrrädern die letzten zwei Kilometer zur Fabrik gebracht werden, deren Maschinen aus alten spanischen Schokofabriken stammt. 30 Cent bekommen Andreas und Co pro verkauftem Schokoladeriegel. Oder Bio-Portwein aus Portugal, Bio-Bier aus Frankreich, lokalen Madeira Honig von der gleichnamigen Insel und natürlich ihr Hauptprodukt, den acht bis 16-jährigen Tres Hombres Rum: Den kaufen sie von kleinen Herstellern der Dominikanischen Republik oder – heuer zum ersten Mal – der kanarischen Inseln ab, lassen ihn in Holland in Flaschen abfüllen und verkaufen ihn selbst in Europa.

Tres Hombres legt in Porto an.

Seit drei Jahren steuern Andreas und seine beiden Partner eine ähnliche Route mit verschiedenen Häfen an: Im Oktober legen sie von Holland ab, über England, Frankreich, Portugal, Madeira, Kanarische Inseln geht es in die Karibik. Einer der drei Männer ist jedesmal die gesamten acht Monate mit an Bord – der Steirer ist im Februar 2013 wieder auf dem Weg in die Dominikanische Republik, um von dort mit der Tres Hombres in See zu stechen.

Eine Frau ist auch dabei.

Die Tres Hombres selbst ist aber „nur“ Botschafter, den drei Männern geht es um mehr: „16 der größten Frachtschiffe produzieren mehr Schadstoffe als alle Autos zusammen.“, erklärt mir der ehemalige Greenpeace-Mitarbeiter und Weltreisende Andreas und hat auch eine Lösung parat: Segelschiffe statt Motoren – noch dazu ist Wind gratis und eine Umrüstung zahlt sich somit auch wirtschaftlich aus. „Damit wir alle wieder eine gute Luft haben.“, ist die Vision klar, und Andreas fügt hinzu: „Es ist eine gemeinnützige Idee, aber ich tu’s für mich selbst!“ So wollen die drei Freunde mit ihrer Stiftung Atlantis Zeilende Handelsvaart alte Frachtschiffe mit großen Motoren umrüsten und auf Schiffe mit modernen Segeln umbauen. Außerdem haben sie mit dem Jachtproduzenten Dykstra ein Modell für ein 140 Meter langes und mit vier Masten ausgestattetes High-Tech-Segelschiff namens Ecoliner entwickelt, das unzählige Frachtkontainer tragen kann und nur ein Crewmitglied für die Navigation benötigt. Ein Projekt, das bisher – wie ähnliche Projekte in anderen Ländern – ausschließlich auf dem Papier existiert. „Den Ecoliner zu bauen, das würde uns im Moment zu viel Geld kosten.“, ist Andreas realistisch und erzählt gleichzeitig vom EU Programm SAIL, das eine Finanzierung und somit den Baustart für die nächsten Jahre in Aussicht stellt. Kollege Jorne erklärte 2011 bei TEDxAmsterdam: „Damit wir einen Unterschied machen, bräuchte es über 300 Ecoliner in den nächsten fünf Jahren.“

Bis es soweit ist, sind sie mit Tres Hombres – „dem originellsten und schönsten Schiff“ laut Andreas – unterwegs, zeigen vor, dass fairer Transport möglich ist, machen das Projekt noch bekannter und möchten auch für ein Umdenken von uns allen sorgen. Oder, um aus dem TEDxAmsterdam-Talk zu zitieren: „Stell dir vor, was passiert, wenn es weltweit kein günstiges Öl für die Frachtschiffe gibt. Wir müssen darauf achten, was wir verschiffen. Kauf so viele lokale Produkte wie du kannst und transportiere nur die Dinge, die man unbedingt bewegen muss.“ Achja, und „um eine Zukunft von nachhaltigem Transport zu ermöglichen, kaufe unseren Rum, kaufe Anteile an Tres Hombres, nutze unser Schiff, um deine Frachten zu transportieren und spende an FairTransport.“ Oder segle mit! Wird gemacht!

Tres Hombres segelt über das Meer.

Segle mit: Am liebsten ist es Andreas, wenn man die ganze halbjährige Tour mitmacht – auch, weil eine Ozeanüberquerung schon ein oder zwei Wochen länger dauern kann. Buchbar ist aber eine Reisedauer zwischen drei Tage und drei Monate, Kosten: Ab 225 Euro. Mehr zu Fairtransport und Tres Hombres erzählen sie selber in diesem Video (mit englischen Untertiteln).

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