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Kategorie: Initiatives.

Im Namen der Schildkröte

„Es gibt so Wahnsinnige, die nur wegen der Schildkröten herauskommen. Und wenn die eine entdecken, dann holen sie sie aus dem Meer, halten sie an einem Bein hoch, posen damit…

„Es gibt so Wahnsinnige, die nur wegen der Schildkröten herauskommen. Und wenn die eine entdecken, dann holen sie sie aus dem Meer, halten sie an einem Bein hoch, posen damit herum, machen Fotos und zeigen die dann stolz auf Facebook ihren Freunden!“ Davids Stimme überschlägt sich, sein Spanisch wird schneller, so schnell, dass ich nur noch hoffen kann, es richtig verstanden zu haben. Aber eigentlich will ich das gar nicht verstehen – schon gar nicht, nachdem ich selbst vollkommen aus dem Häuschen war, als mein Tauchlehrer David Novillo unter Wasser plötzlich seine Hand ausgestreckt und mit dem Finger nach oben gedeutet hat: Eine Schildkröte! Über mir!

Und ich war nicht die Einzige. Kollegin Anja ist beim Ruf „Schildkröte“ vom Boot ins Meer gesprungen, um mit einem der „Green Girls“, wie David und sein Team die sanften Riesen liebevoll nennen, ein Weilchen mit zu schwimmen.

Zwölf dieser Green Girls haben David und seine Kollegen seit 2004 betreut: „Wir wachen über den Tieren, kontrollieren ihr Wachstum,“, erklärt er mir, „und wir retten sie, falls sie einen Unfall oder andere Schwierigkeiten hatten.“ Von letzterem sind wir heute Zeugen geworden: Ein „grünes Mädel“ hatte sich beim Plastikmüll, der – wie so oft – im Meer gelandet ist, geschnitten und musste – auch wie so oft – zur medizinischen Versorgung gebracht werden.

David ist engagierter Umweltschützer. Foto: Doris

David ist engagierter Umweltschützer.

Derzeit gibt es sechs Stück dieser Chelona Mida in Puertito de Adeje im Süden Teneriffas, dort in der touristischen Region der kanarischen Insel, wo auch noch immer umstrittene Walbeobachtungsfahrten angeboten werden. Und wo in der Hochsaison täglich mehr als 150 Menschen mit Booten zur Bucht fahren, um dort zu schnorcheln, zu tauchen, die Unterwasserwelt zu berühren, lautstark zu feiern – und leider gar nicht sorgsam mit der Natur umzugehen. Ebenso verhalten sich leider auch die acht privaten Schnorchelboote, die Touristen alle vier Stunden in die Meeresregion karren.

Über 150 Menschen fahren regelmäßig in das Gebiet, um zu tauchen und zu schnorcheln. Ruhe, denkste! Foto: Doris

Über 150 Menschen täglich fahren regelmäßig in das Gebiet, um zu tauchen und zu schnorcheln. Ruhe? Denkste!

Auch wenn es sich nach wenig anhören mag, sechs Schildkröten sind in dieser Region schon ein positives Zeichen und ein Verdienst, der David und seinen mittlerweile zehn Kollegen der privaten Non-Profit-Organisation Oceáno Sostenible zuzusprechen ist. 2004 hat der PADI Tauchinstrukteur gemeinsam mit anderen in einem Gebiet von 50 Quadratmeter begonnen, eine Meeresschutzzone einzurichten, um die Flora und Fauna der Region von einer zerstörerischen, nicht einheimischen Seeigelplage zu befreien und wieder zu regenerieren. Außerdem arbeitet die Organisation in einem SeaLab, wo sie wissenschaftliche Daten sammelt und auswertet. Mittlerweile hat sich das Gebiet vervielfacht und ist auf über 100.000 Quadratmeter angewachsen. Die Seeigel sind unter Kontrolle, und die sechs Schildkröten sind nicht die einzigen Zeichen, dass sich die Unterwasserwelt wieder etwas erholt: Seepferdchen oder Barrakudas sind bei den Tauch- und Schnorchelgängen zu entdecken.

Da habe ich noch recht waghalsig aus der Wäsche geschaut. Noch. Foto: Doris

Da habe ich noch recht waghalsig aus der Wäsche geschaut, bevor ich dann abgetaucht bin. Noch.

Damit gibt sich Oceáno Sostenible aber natürlich nicht zufrieden – die Arbeit geht weiter: „Unsere wichtigste Arbeit ist es, das Verantwortungsbewusstsein und den Respekt der Tauchzentren und privaten Taucher gegenüber den Schildkröten zu erhöhen,“, erklärt mir David später, „vor allem, weil wir täglich mehrere Male dort hin fahren.“ Seine Non-Profit-Organisation selbst hat mit dem FlyOver Tauchunternehmen, das von der Inselregierung und dem Fremdenverkehrsamt Turismo de Tenerife unterstützt wird, ein spezielles Angebot für Touristen geschaffen: Damit auch Anfänger die Unterwasserwelt in Puertito de Adeje kennen lernen können, begleiten erfahrene Taucher wie David Leute ohne Erfahrung – wie mich – nach unten. Die eine Hand auf der Nase (zum Druckausgleich), die andere gehalten von David oder einem seiner Kollegen gibt es das Taucherlebnis sozusagen im Schnelldurchgang – und man erfährt noch dazu etwas über die Unterwasserwelt der Region. Und das Beste: Zehn Prozent der Gewinne von FlyOver gehen wieder an Projekte von Oceáno Sostenible.

Bording... Foto: Doris

Bording…

Und Projekte gibt es genug:  Es geht nämlich bei Oceáno Sostenible nicht nur darum, Touristen einen nachhaltigen Umgang mit der (Unter-)Wasserwelt zu zeigen, sondern auch Einheimischen – vor allem den Kindern. Um das auch den Kleinen bewusst zu machen, werden ab September wieder Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen in das ebenfalls entstandene Maritime Lernzentrum geladen. Und sie werden kommen – wie schon die über 900 Kinder und Jugendlichen in der Vorsaison, mit denen David gearbeitet hat. Der gibt mir zum Schluss übrigens noch ein Zitat der Native Americans auf den Weg mit: „Das Land ist nicht ein Erbe unserer Eltern, es ist ein Erbstück für unsere Kinder.“ – auch das Wasserland der Schildkröten.

Reisebloggerin MrsBerry war ebenfalls dabei und hat geniale Unterwasser-Bilder gemacht. Dieses Video stammt von ihr.

 

Wer einen FlyOver-Tauchgang versuchen möchte, meldet sich am besten über die Website bei David und seinem Team. Nicht in freier Wildbahn, aber Schildkröten (und mehr) gibt es übrigens auch im Loro Parque im Norden Teneriffas zu sehen.

Offenlegung: Danke an Condor, GCE und Turismo de Tenerife für die Einladung. Die Meinungen und Ansichten in der Geschichte bleiben meine eigenen.

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Helden der Woche: Hannah und ihre Schwestern, die Andersmacher

Unterwegs und auch Zuhause begegne ich vielen Menschen, die mich beeindrucken, mich inspirieren, mir Mut machen oder mich zum Nachdenken anregen. Mal sind es Bekannte oder Leute, mit denen ich…

Unterwegs und auch Zuhause begegne ich vielen Menschen, die mich beeindrucken, mich inspirieren, mir Mut machen oder mich zum Nachdenken anregen. Mal sind es Bekannte oder Leute, mit denen ich mehr Zeit verbringe – ein anderes Mal ist es ein zufälliges, kurzes Zusammentreffen mit einem Fremden, das Spuren hinterlässt. Es ist Zeit, diese – meine – Helden des Alltags vorzustellen.

Wer

FOOTPRINT, das ist ein Wiener Verein, der sich um die Betroffenen von Frauenhandel kümmert, genauer gesagt um „Betreuung, Freiraum & Integration“ derselben. FOOTPRINT, das sind die 26-jährige Gründerin Hannah und ihre 24 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Natürlich sind nicht alle ihre Schwestern (lasst euch vom Titel des Artikels in Anlehnung an den gleichnamigen Film nicht irreführen), es sind nicht einmal alles Frauen. Eine Tatsache, die seit der Gründung für Aufsehen sorgt – richtet sich doch der Verein an durch Frauenhandel oder Gewalt missbrauchte Frauen, und die sind oft gerade durch Männer traumatisiert. „Aber wir wollen hier bei FOOTPRINT keine Parallelwelt aufbauen,“, erklärt Elisabeth, eine der Freiwilligen, die Montag bis Donnerstag von 9.00 bis 20.00 Uhr die Anlaufstelle im dritten Wiener Bezirk offen halten, „es geht darum, dass die Frauen wieder Vertrauen fassen – auch in Männer – und sich so in die Gesellschaft integrieren können.“

Woher die betroffenen Frauen kommen? Hier können sie ihr Land "pinnen". Foto: Doris

Woher die betroffenen Frauen kommen? Hier können sie ihr Land pinnen. Bild: Doris

Frauenhandel in Wien? Ja, den gibt es. Laut Statistik werden in mehr als 400 Wiener „Etablissements“ Frauen Opfer von Menschenhandel; es gibt 7.000 Zwangsprostituierte, wobei der Ausländeranteil bei 90 Prozent liegt und jede dritte Frau in Österreich Opfer von häuslicher Gewalt wird – so die von FOOTPRINT zitierten Zahlen.

Wo wir uns begegnet sind

Am Samstag lädt der Verein FOOTPRINT zu seinem 6. KULLUK -Dinner (Kultur & Kulinarik) und reist mit Ihnen nach Vietnam.“ Im Juni ist mir die Einladung zu dieser monatlichen Veranstaltungsreihe von FOOTPRINT in die Mailbox geflattert. Eine Einladung nach Vietnam – und sei es auch „nur“ kulinarischer Art – schlage ich selten aus, es sei denn, ich bin wieder mal nicht in Wien. So war es dann auch. Meine Aufmerksamkeit aber hatten die Veranstalter dieser monatlichen kulinarisch-kulturellen Reise bereits gewonnen. Und so habe ich sie in ihrem Vereinssitz im dritten Bezirk besucht.

Dort bietet FOOTPRINT Opfern von Frauenhandel und Gewalt nicht nur eine Anlaufstelle, sondern auch gratis Deutschkurse. Außerdem finden öffentlich zugängliche Sportkurse wie Yoga oder Zumba statt: Die Gebühr jeder externen Teilnehmerin macht es möglich, dass auch Betroffene am Sport teilnehmen können.

Das WC als geschützter Raum, in dem die Frauen auch über Verhütung aufgeklärt werden können. Foto: Doris

Das WC als geschützter Raum, in dem die Frauen auch über Verhütung aufgeklärt werden können. Bild: Doris

Womit sie mich beeindrucken

Wo soll ich anfangen? Vielleicht auf der Toilette – dort, wo auch die „Hausführung“ begonnen hat, die Elisabeth und Hannah mit mir gemacht haben. Klingt komisch, aber die Erklärung kommt sofort: Das Thema Verhütung ist gerade bei Frauen, die in der Zwangsprostitution feststecken, noch immer ein Tabu, deshalb wird es an einem privaten, diskreten Ort erklärt – am WC, wo Plakate zur Verwendung von Kondomen hängen und eben solche zur Mitnahme aufliegen.

Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse werden gratis angeboten, auch ein Bewerbungskurs ist dabei. Foto: Footprint

Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse werden gratis angeboten, auch ein Bewerbungskurs ist dabei.

So sensibel und vorsichtig wie mit dem Thema Verhütung geht das Team rund um die 26jährige studierte Afrikanistin Hannah mit allem um. Das liegt vielleicht daran, dass die ehemalige Waldorf-Schülerin im Rahmen ihrer Diplomarbeit rund um Zwangsprostitution afrikanischer Migrantinnen in Österreich einiges in Non-Profit-Organisationen, Frauen- und Schutzhäusern gesehen hat, was sie anders machen wollte. „Aus lauter Wut gegen das System habe ich FOOTPRINT gegründet,“, erklärt die zierliche Blonde über ihr in Wien einzigartiges Angebot, das den Betroffenen Hilfe zur Selbstständigkeit geben möchte, „sofort hatte ich die Unterstützung von zehn Leuten. Als wir gleich in den ersten drei Monaten zwei Preise gewonnen hatten, ging alles ziemlich schnell.“

Sozial- und Rechtsberatung gibt der Verein auch. Kostenlos. Foto: Footprint

Sozial- und Rechtsberatung gibt der Verein auch. Kostenlos.

Geduld hingegen braucht das ausschließlich ehrenamtlich arbeitende Team bei den Betroffenen selbst: „Niederschwellig“ muss das Angebot sein, damit es die verschreckten, traumatisierten Frauen überhaupt in Anspruch nehmen. Viele kommen zuerst zu einem der Gratis-Deutschkurse, die bei FOOTPRINT angeboten werden, und lassen sich später, wenn sie einmal Vertrauen zu Hannah und ihren jungen KollegInnen gefasst haben, auf eine Sozialberatung ein. Oder sie verbringen Zeit im Vereinshaus bei Kaffee und Leckereien, tratschen mit den MitarbeiterInnen und holen sich Sachspenden ab, die aufliegen. Oder sie können sich bei den Sportkursen so richtig austoben und ihre Probleme „rausschwitzen“ – gemeinsam mit „normalen“ Teilnehmerinnen.

Dass das FOOTPRINT-Team mit 20 bis 34 Jahren fast im selben Alter wie die durchschnittlich 18 bis 25-jährigen Klientinnen sind, ist sicher von Vorteil. Dass kein Erfolgsdruck da ist, ebenso. „Wir haben keine quantitativ messbaren Ziele – das wäre wohl auch zu frustrierend,“, erklärt Hannah, die wie alle anderen zum Brotverdienen ihrem Beruf im Sozialmanagement weiter nachgeht, „für uns ist es ein Erfolg, wenn das Lächeln der Frauen breiter wird oder ihre Lebensqualität spürbar steigt. Oder wenn sie einfach nicht mehr zu uns kommen, weil sie uns nicht mehr brauchen.“

Jede kann bei den Sportkursen mitmachen – und ermöglicht durch die Teilnahmegebühr, dass auch eine Betroffene Sport machen kann.

Wie du sie treffen kannst

Wer FOOTPRINT unterstützen möchte, der kann das über eine einmalige oder – noch besser – laufende Geldspende (ab 5 Euro im Monat) tun – die Spenden kommen ausschließlich dem Verein zu Gute. Auch Sachspenden sind jederzeit willkommen. Wer darüber hinaus in Wien wohnt, kann einen der Sportkurse (Yoga, Pilates, Bodywork, Zumba…) besuchen und durch die Teilnahmegebühr (10er Block um 80 Euro + 1 Stunde gratis, Schnupperstunde um 9 Euro) einer Betroffenen ebenfalls die Möglichkeit geben, sich beim Sport auszupowern und zu integrieren. Oder du besuchst die Veranstaltungen und weiteren Aktivitäten.

Immer hereinspaziert! Wochentags ist der Verein täglich von 9.00 bis tw. 20.00 besetzt. Foto: Doris

Immer hereinspaziert! Wochentags ist der Verein Montag bis Donnerstag besetzt. Bild: Doris

Mehr zu FOOTPRINT findet ihr auf der Homepage und der Facebook-Seite.

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Wo sich Fuchs und Biber gute Nacht sagen

Die Zähne werden im Kampf gefletscht: Wer ist der Stärkere? Wer kann den ausgelatschten Schuh, den ein Wanderer vor Urzeiten hier verloren hat, an sich reißen? Es ist der alles…

Die Zähne werden im Kampf gefletscht: Wer ist der Stärkere? Wer kann den ausgelatschten Schuh, den ein Wanderer vor Urzeiten hier verloren hat, an sich reißen? Es ist der alles entscheidende Moment. Und ausgerechnet in diesem werden die beiden Fuchswelpen, die sich hier spielerisch aneinander messen, ertappt. Ein Schnappschuss, wie er wohl nur in einem versteckten Winkel eines Waldes auf dem Land oder im Zoo gelingt. Dachte ich. Doch die Initiative Wiener Wildnis beweist das Gegenteil. Mitten in der Großstadt Wien mit ihren fast zwei Millionen EinwohnerInnen findet das Team rund um die Initiatoren, das international bekannte Fotografenehepaar Georg Popp und Verena Popp-Hackner, nicht nur die beiden Fuchswelpen, sondern Biber, Hasen, Rehe, Igel und natürlich unzählige Vögel. Diese „eindrucksvolle urbane Natur Wiens“ (O-Ton Website) möchte das Projekt seit November 2012 den WienerInnen und BesucherInnen der Hauptstadt multimedial näher bringen.

Mehr als 50 Prozent Wiens ist Grünfläche. Auf jeden Bewohner der Stadt fallen rund 120 Quadratmeter Grünfläche. 2.300 Hektar der Lobau, die wiederum ein Drittel des Nationalparks Donau-Auen abdeckt, und 9.900 Hektar des Wienerwalds sind im Wiener Stadtgebiet zu finden. Und in Letzterem gibt es um die 2.000 verschiedenen Pflanzen- und 150 Brutvogelarten. Dass Wien mit seinen Parks, den Gartenanlagen und überall entstehenden Urban Gardening Projekten ziemlich grün ist, ist kaum zu übersehen und macht die Stadt nicht nur für mich besonders lebenswert. Die Eckdaten, die auf der Website der Wiener Wildnis nachzulesen sind, sind aber dann doch noch einmal beeindruckend. Und nachdem ich es liebe, die verschiedensten Seiten meiner Wahl-Heimatstadt zu entdecken – habe ich den Koordinator Michael Ganzwohl zum Projekt befragt.

Neulich am Donaukanal: Biber haben fast alle Reviere der Großstadt besiedelt, Foto © Wiener Wildnis / Popp-Hackner

Neulich am Donaukanal: Biber haben fast alle Reviere der Großstadt besiedelt,
Foto: Wiener Wildnis / Popp-Hackner

Doris: Was genau ist euer Ziel, was steckt hinter der Wiener Wildnis?

Michael: Wir wollen durch unseren Multimediaansatz neue Eindrücke der Stadt zeigen, die so den meisten Menschen nicht bekannt sind. Dadurch führen wir letztendlich zu Themen, Awareness und schlussendlich Engagement. Wir wählen dazu die Visualisierung als Dreh- und Angelpunkt für die Botschaften, die wir vermitteln wollen. Die heutigen Kommunikationswege sind ja bereits stark auf das schnelle Konsumieren ausgerichtet, erst wenn die Hürde des „Wegzappens“ genommen ist, beginnt die nähere Beschäftigung mit einem Thema. Fotografie oder kurze Videos bieten sich an, Menschen zu fesseln und darauf basierend kann nachhaltiges Interesse geweckt werden.

Ein Feld beim Alberner Hafen (11. Bezirk) im Hochwasser. Am Feldrand blühende Mohnblumen waren zum Teil komplett unter Wasser, manche ragten noch durch die Oberfläche. Foto: © Wiener Wildnis/T. Haider

Ein Feld beim Alberner Hafen (11. Bezirk) im Hochwasser. Am Feldrand blühende Mohnblumen waren zum Teil komplett unter Wasser, manche ragten noch durch die Oberfläche.
Foto: Wiener Wildnis / T. Haider

Was sind eure liebsten Stücke Wiener Wildnis – Plätze, Motive? Woran könnt Ihr euch nicht satt sehen?

Es ist aus meiner Sicht nicht so sehr der eine Platz oder ein besonderes Tier, an dem man sich nicht satt sehen kann. Es ist der Blick, den man entwickelt, wenn man sich mit der Thematik auseinandersetzt. Ich als Projektkoordinator bin ja nicht ständig in Wien unterwegs so wie die Wiener Wildnis Fotografen. Aber wenn ich sie begleite oder selbst mit meinen Kindern unterwegs bin, so ist es schlussendlich die Stadt selbst, an der man sich nicht satt sehen kann – weil man eben ständig neue Perspektiven erkennt, anders hinsieht und noch in den kleinsten Ecken die Eroberung der Stadt durch Fauna und Flora erkennt. So wird jeder Ausflug eine Entdeckungsreise.

Igel gehören zu den echten Nachtschwärmern in der Stadt, die man – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nur zur dunklen Nachtzeit antreffen kann. Foto: © Wiener Wildnis / M.Graf

Igel gehören zu den echten Nachtschwärmern in der Stadt, die man – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nur zur dunklen Nachtzeit antreffen kann. Foto: Wiener Wildnis / M.Graf

In wie weit wollt ihr auch aufrütteln – einige Beiträge sind ja sehr stark umweltschützend unterwegs?

Vorab: Wir wollen ein positives Bild der grünen Metropole Wien zeichnen. Wien wird ja regelmäßig als eine der lebenswertesten Städte der Welt ausgezeichnet. Die bekannte Mercer-Studie beispielsweise, vergibt seit Jahren Bestnoten in der Kategorie „Quality of Life“. Das wollen wir vor allem zeigen. Unsere Beiträge sind also eher „umweltzeigend“ als „umweltschützend“. Aber selbstverständlich streifen wir bei unseren Beiträgen auch an sensible Bereiche an der Schnittstelle zwischen Mensch und Natur an. Diese wollen wir keinesfalls aussparen, aber neutral zeigen. Wir trauen es den Menschen durchaus zu, sich dann ein eigenes Bild zu machen.

Wie kann man eurer Meinung nach Wiener Wildnis am besten entdecken?

Einfach die nächste Straßenbahn nehmen und die Augen offen halten… Wir geben auch regelmäßig Ausflugstipps im Rahmen unserer Homepage-Beiträge (Rubrik „Location“ unter Berichte).

Die Donau ist ein Paradies für Tiere - und dafür, Wildnis zu fotografieren. Foto: Wiener Wildnis

Die Donau ist ein Paradies für Tiere – und dafür, Wildnis zu fotografieren. Foto: Wiener Wildnis

Wie kann man bei euch mitmachen?

Wir sind auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen, um die echten Juwelen abseits der bekannten Hotspots, zu erfahren. Auf der Homepage wienerwildnis.at können Location-Hinweise abgegeben werden oder direkt auf wienerwildnis@wienerwildnis.at. Auch auf Facebook wird bereits fleißig mitdiskutiert und kommentiert. Wir wünschen uns, im Forum Geschichten über die Stadt, über den Bezirk, über das eigene „Grätzl“ zu lesen, wenn möglich mit Fotodokumentation von Begegnungen mit der urbanen Natur.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Wer direkt in die Wiener Wildnis eintauchen möchte, wird in Zukunft die Möglichkeit haben mit uns im Rahmen von Exkursionen und Workshops durch die Stadt zu streifen. Der Fokus wird dabei sowohl auf dem Naturerlebnis als auch auf der Fotografie liegen. Das ist aber noch in Planung, und wir werden darüber noch detaillierter informieren. Weiters sind AV-Shows und Ausstellungen geplant. Das langfristige Ziel für Wiener Wildnis ist eine Plattform für die urbane Natur Wiens zu etablieren.

Danke für das Gespräch – ich freue mich auf mehr Wiener Wildnis!

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Mein Teekränzchen mit den Baum-BesetzerInnen in Bilston

Es ist 17.00 Uhr. Ich komme pünktlich, pünktlich zum Teekränzchen. Nichts Ungewöhnliches, werdet Ihr sagen, schließlich befinde ich mich in Großbritannien – und die Briten (auch die Schotten, ja) lieben…

Es ist 17.00 Uhr. Ich komme pünktlich, pünktlich zum Teekränzchen. Nichts Ungewöhnliches, werdet Ihr sagen, schließlich befinde ich mich in Großbritannien – und die Briten (auch die Schotten, ja) lieben doch ihren Tee. Schon ungewöhnlich, sage ich! Das hat nicht nur mit meinen TischgenossInnen – wobei, einen Tisch haben wir gar nicht – zu tun, sondern vor allem mit der Umgebung. Wir befinden uns in den Wäldern rund um die Kleinstadt Bilston eine zirka 20-minütige Autofahrt von der schottischen Hauptstadt Edinburgh entfernt. Seit 10 Jahren besetzen dort UmweltschützerInnen buchstäblich die Bäume und hausen in der Natur, um gegen die Zerstörung des Waldlandes zugunsten einer Straße zu protestieren.

„Wir sind die BeschützerInnen des Waldes“, erklärt mir Will, der mich mit der Frage „Tee oder Kaffee?“ in der Runde begrüßt hat. Der Brite ist als Forstarbeiter für die Regierung vor rund drei Jahren – oder sind es schon dreieinhalb (!?) – auf die Truppe gestoßen. Die Entdeckung kam gelegen, wurde er ein Monat vorher doch geschieden und hauste in seinem Auto. Statt weiter auf dem Rücksitz zu übernachten, zog er samt vierbeinigem Freund in den Wald, baute sich ein Baumhaus und lebt seither immer wieder hier. „Umweltschützer war ich schon vorher“, erklärt er, während er das Teewasser auf der Feuerstelle aufsetzt, „aber seitdem ich hier in Bilston wohne, bin ich erst so richtig als Aktivist unterwegs.“ Ein Engagement, für das er vor rund einem Monat verhaftet wurde, als er gegen einen nuklearen Reaktor in der Nähe von Glasgow protestiert hat.

Der Eingang zum Camp. Foto: Doris

Der Eingang zum Camp. Foto: Doris

So wie Will sind auch die Spanierin Monika, ein tschechisches Pärchen und der Schotte Chris in den Wäldern gelandet. Jede(r) hat eine andere Geschichte. Jede(r) kommt, geht – und kommt vielleicht wieder. Von denjenigen, die das Camp vor 10 Jahren gegründet haben, ist keine(r) mehr dabei. „Nur diejenigen, denen es ernst ist, überwintern hier“, erklärt mir Will, der in der  internationalen Truppe für die Instandhaltung der Baumhäuser sowie für die Solar-Energie (Wifi gibt es teilweise, Duschen nicht) zuständig ist und fügt hinzu „bei der Kälte und dem Wind muss man sich schon gut um sich selbst kümmern.“ Da gibt es keine Alkoholleichen oder Dauer-Parties.

Manchmal müssen die BewohnerInnen bei Wind unter der Brücke schlafen. Foto: Doris

Manchmal müssen die BewohnerInnen bei Wind unter der Brücke schlafen. Foto: Doris

Anders im Sommer. „Im August findet das Edinburgh Festival statt“, meint der Brite, der bis vor einem Monat noch als Forstarbeiter tätig war, „und da nutzen ganz viele hier die Gelegenheit, gratis zu übernachten, plündern die Gemeinschafts-Kühlschränke, bringen selbst nichts ein, verschwinden in die Stadt und kümmern sich nicht um die anderen.“ Auch sonst wird die Gastfreundschaft des Camps gern (über)strapaziert: „Wir haben um die drei, vier BesucherInnen in der Woche“, so Will – vor allem CouchSurferInnen sind oft in Bilston Glen zu Gast und übernachten in den Baumhäusern. Die gehören übrigens – wie das meiste andere – der Allgemeinheit.

Note to all peeps: This is a protest site after all. Although there is no rent, it is not the reason we are here. If you do not care for the future of the land and just want a free coffee then go find a cardboard box!“ (Schild im Camp)

„Was, du willst schon gehen?“, meinen Aufbruch nach dem einstündigen Teekränzchen sieht Will gar nicht gern, und John, ein weiterer Engländer, der gestern erst ins Camp gekommen ist, bietet mir eine Zigarette sowie belegte Brötchen an. Letztere kommen übrigens wie der Großteil des Essens aus dem Supermarkt, genauer gesagt von dem, was im Supermarkt weggeworfen werden würde. Nein, Dumpster Diving ist in Schottland auch nicht legaler als bei uns – aber in Bilston Glen hat man sich mit der Gemeinde arrangiert. „Früher waren wir nicht gern gesehen“, bestätigt Will meinen Verdacht, „doch nachdem wir seit Jahren friedlich hier leben und nie Anlass zur Aufregung war, schaut sogar die lokale Polizei ab und an vorbei, um zu prüfen, ob alles in Ordnung ist.“

Jedes Baumhaus im Camp sieht anders aus. Foto: Doris

Jedes Baumhaus im Camp sieht anders aus. Foto: Doris

Vielleicht muss sie das gar nicht mehr lange tun: Vor Kurzem hieß es, dass das 10-Millionen-Straßenbauprojekt fallen gelassen wird. Jetzt warten die UmweltschützerInnen auf den endgültigen Bescheid. Was dann aus Bilston Glen wird? „Für wen sollen wir die Baumhäuser stehen lassen? Nein, wir bauen das Camp natürlich ab „, erklärt Will und fügt stolz hinzu, „und wir könnten zeigen, dass man 10 Jahre einen friedlichen Protest aufrecht erhalten und dann verschwinden kann, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Aber selbst wenn die Stunden, Wochen und Monate des Bilston Glen Baumhauslagers – zum Glück – gezählt sind, gibt es noch viel zu tun. Zum Beispiel im „Schwestercamp“ Faslane Peace Camp, dem längsten aktiven Friedenslager der Welt, wo seit 1982 gegen den Einsatz von nuklearen Waffen protestiert wird. Vielleicht verlagern ja Will und die anderen nach dem – friedlichen – Abriss von Bilston Glen ihr Engagement dorthin…

Auf Wunsch von Will und den anderen habe ich auf Fotos verzichtet. 

Mehr über das Projekt gibt es auf der Facebook-Profilseite und auf der Website, die allerdings derzeit wenig genutzt wird. Wegen einer Übernachtung kontaktiert die Gruppe am besten über CouchSurfing – oder macht es so wie ich: Geht einfach hin und lasst Euch auf ein Teekränzchen ein. 

Offenlegung: Danke an VisitScotland, die mir ein Auto zu Verfügung gestellt haben, um Schottland zu erkunden.

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Welcome to the Re:evolution: Globale Freifahrt für alle

Was haben Bangkok und Tallinn gemeinsam? Beide sind Vorreiter im öffentlichen Nahverkehr. Der ist nämlich dort gratis! Klingt zu schön um wahr zu sein? Zugegeben, ganz so paradiesisch sind die Zustände…

Was haben Bangkok und Tallinn gemeinsam? Beide sind Vorreiter im öffentlichen Nahverkehr. Der ist nämlich dort gratis! Klingt zu schön um wahr zu sein? Zugegeben, ganz so paradiesisch sind die Zustände dann doch nicht. Zumindest in der thailändischen Hauptstadt kann ich sagen, dass ich von kostenlosen Öffis vor ein paar Wochen nichts mitbekommen habe. Das liegt wohl daran, dass nicht BTS oder Boote gratis sind, sondern „bloß“ die Hälfte der roten, nicht klimatisierten Busse umsonst benutzt werden können. Gut, die Ersparnis von 0,17 Euro pro Fahrt mag für uns Reisende nicht immens sein – für die lokale Bevölkerung aber sieht die Sache schon wieder anders aus.

Und in Tallinn? Da ist das System des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs seit 1. Januar 2013 im Gang. Nur für die Einheimischen und Leute unter 19 Jahren, wohlgemerkt. Die Bevölkerung zahlt trotzdem: 70 Prozent der Öffi-Kosten werden durch Parkgebühren, Mineralölsteuer oder Umwidmung von Pendlerpauschalen aufgebracht. Finanziert wird es also durch jede(n), egal, ob er/sie öffentlich fährt oder nicht. Eine Idee, die Seattle oder Portland wieder abgesetzt haben – da muss man für früher freie Busse wieder zahlen -, die aber in Estlands Hauptstadt ein voller Erfolg ist – 10 Prozent der Bevölkerung hat ihr Motorfahrzeug stehen lassen, heißt es in Berichten.

Freifahrt ist ökologisch, weil gut für die Umwelt.
Freifahrt ist sozial, weil ein Angebot für alle.
Freifahrt ist machbar, wenn politisch gewollt.

freifahrtlinz.at

Aussagen wie diese könnten genauso gut von Christian Tengblad kommen. Der Schwede ist Teil der Organisation Planka.nu Stockholm, die sich für einen gratis öffentlichen Nahverkehr für alle einsetzt. Vor sechs Jahren haben Christian und seine Freunde den Free Public Transport Day ins Leben gerufen. Mit Aktionen auf der ganzen Welt (nur nicht in Österreich*). „In Stockholm werden wir heuer eine Parade gemeinsam mit verschiedenen Gruppen wie der Piraten Partei, der Feministischen Partei und den Jungen Linken haben.“, erzählt mir Christian von den Plänen und fügt hinzu, „Wir haben schon unser Kontingent an Luftballonen aufgestockt.“ Dass das Thema dennoch noch immer ein globales Randthema ist, frustriert – trotz aller Positivbeispiele. Nicht nur im Großen, sondern auch in kleineren Gemeinden wie der belgischen Stadt Hasselt oder dem schwedischen Kölsillre.

Wie können wir zur Initiative beitragen – vor allem, wenn es in unserer Gegend noch keine dementsprechende Organisation gibt? „Ich denke, dass anfangs schon Flugblätter verteilen, darüber bloggen, das Schreiben von Briefen an Medien oder das Zeigen von spannenden Filmen zu dem Thema ein guter Start für jede Kampagne ist.“, meint Christian. Und auf die Frage, ob er schon einmal etwas über eine Aktion aus Österreich gehört hat, meint er „das Schwarzfahren Wien hat sich nach einer interessanten Sache angehört.“

Naja, bei meinem Glück mit den „Schwarzkapplern“ (Für Nicht-Österreicher: So heißen die Kontrolleure umgangssprachlich) blogge ich dann doch lieber darüber…

 

* Auch wenn Free Public Transport nichts davon weiß, gibt es sehr wohl eine – parteipolitische – Initiative in Österreich. In Linz plädiert die KPÖ für freien öffentlichen Nahverkehr: freifahrtlinz.at

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