Zwischen Nostalgie und ökologischem Bewusstsein

Saturday 08th, November 2014 / 12:51 von
Zwischen Nostalgie und ökologischem BewusstseinBild: Daniel Polle

Erst letztens ist es mir wieder passiert: Ein Freund von mir veröffentlichte ein Bild seines neuen Autos. Nichts allzu dramatisches möchte man denken, und bei jedem anderen Auto wäre das vermutlich auch eine Meldung, der ich nicht lange Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Es war allerdings ein alter VW Käfer. Das Auto, welches es mir aus irgendeinem Grund seit jeher angetan hat. Ich weiß nicht warum, vielleicht liegt es daran, dass ich auch in Autos immer noch Parallelen zu menschlichen Gesichtszügen sehe. Die Scheinwerfer werden dabei zu Augen, die Stoßstange ersetzt den Mund, so in etwa. So gibt es Autos, die nach meiner Ansicht sympathisch aussehen, andere eher kühl, manche sogar grimmig. Mein Freund, der sich weitaus mehr für Autos interessiert als ich, schüttelt jedes Mal lachend den Kopf, wenn mein einziges Argument gegen ein Auto, welches er aufgrund technischer Details nahezu hinreißend findet, lautet: „Mir gefällt die Mimik nicht.“

Zurück nun aber zum VW Käfer: Im Affekt direkt erst einmal auf “Gefällt mir” geklickt. Normalerweise bin ich im Netz eher stiller Beobachter, überlege mir mehrfach, ob ich einen Beitrag tatsächlich sichtbar für alle kommentieren soll, oder nicht doch besser eine private Nachricht schreibe. Und so kamen auch nach diesem „Gefällt mir“ die ersten Zweifel: Was sage ich damit eigentlich aus? Offensichtlich natürlich, dass mir dieses Auto gefällt. Vielleicht noch, dass mir gefällt, dass er es sich gekauft hat. Aber nicht auch, dass ich ein Auto toll finde, welches ökologisch gesehen eine kleine Katastrophe ist? Der Energieverbrauch wird von anderen, moderneren Fahrzeugen dieser Zeit klar geschlagen. Außerdem, eigentlich fahre ich doch sowieso nicht gerne Auto. Ich versuche es so gut es geht zu vermeiden, nehme bei annehmbarem Wetter das Fahrrad, ansonsten Bus und Bahn. Kann ich es also tatsächlich gut finden, dass nun weitere Abgase in unser ohnehin schon belastetes Ökosystem geblasen werden? Wo ist die Grenze zwischen Nostalgie und Nachhaltigkeit, ökologischer Verantwortung?

Bei meiner Ernährung fiel es mir recht leicht, auf gewisse Dinge wegen meiner persönlichen moralischen Überzeugung zu verzichten. Ich denke, es geht nicht nur mir so, dass bestimmte Gerichte an Erinnerungen und Gefühle geknüpft sind. Bei mir waren das immer Palatschinken. Für die, die es nicht kennen: Es ist eine Süßspeise. Crêpes werden dabei mit einer Mischung aus Quark, Rosinen und etwas Zitronensaft gefüllt, gerollt, und im Ofen gebacken. Dies war als Kind mein absolutes Lieblingsessen, und eine absolute Besonderheit, denn Palatschinken gab es nur höchst selten, da der Rest der Familie meine Begeisterung nur in Maßen geteilt hat. Da ich für Quark leider bisher noch keinen zufriedenstellenden Ersatz finden konnte, ist das ein Gericht, welches ich mir schon manchmal wünsche. Aber da fällt mir das verzichten Verzichten nicht so schwer. Ich arbeite auch an meiner veganen Quarkversion!

In anderen Bereichen bin ich leider noch nicht soweit. Ich liebe beispielsweise CDs. Natürlich, letztendlich landet das Lied als Datei auf einem mobilen Abspielgerät und somit bräuchte ich für Musikgenuss unterwegs nur die mp3-Datei. Dennoch liebe ich es, eine CD in der Hand zu halten, mir das Cover anzusehen, das Booklet durchzublättern, und sie in mein Regal zu stellen. Sie immer mal wieder heraus zu holen, und mich an Momente zu erinnern. Dieses Gefühl können mir Dateien auf meiner Festplatte einfach nicht ersetzen. Gleiches gilt für Bücher: Ich persönlich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich zu lange auf einen Bildschirm schaue. Ich weiß, mittlerweile soll es ziemlich gute E-Book-Reader geben. Diese sind aber, achtet man auf ihre Materialien und darauf wie kurzlebig technische Geräte heutzutage (so alt bin ich noch gar nicht, aber trotzdem!) sind, wohl auch keine echte Alternative. Außerdem ist es irgendwie nicht das gleiche. Ein Buch in der Hand zu halten, die Seiten umzuschlagen, ein Lesezeichen hineinzustecken. Es im Laden auszusuchen, ein paar Zeilen zu lesen, das Cover zu betrachten.Vermutlich wäre ein Bibliotheksausweis die beste Wahl. Man ist natürlich gebunden an Rückgabefristen und eventuell muss man auch warten, bis ein bestimmtes Buch wieder oder endlich überhaupt ausleihbar ist, aber man vermeidet auch, dass Bücher, während sie eben nicht gelesen werden, ungenutzt verstauben.
Mittlerweile gibt es vielerorts auch öffentliche Bücherschränke, an denen sich jeder frei bedienen und etwas herausnehmen oder hineingeben kann. So bekommen Bücher quasi ein “zweites Leben”. Die Auswahl ist natürlich begrenzt und man weiß nie, was einen nun erwartet. Aber das kann auch spannend sein, und vielleicht entdeckt man ja auch den einen oder anderen neuen Autoren für sich. Also: Öffentliches Bücherregal suchen oder bei der nächstgelegenen Bibliothek registrieren. Das Gefühl, ein Buch in das eigene Regal zu stellen, ersetzt das natürlich nicht.

Nostalgie, Entscheidungen aufgrund von Emotionen, zu Zeiten in denen wir immer wieder auf die Knappheit von Rohstoffen hingewiesen werden. Wenn ich ehrlich bin: Die Entscheidung für die CD oder das Buch sind nicht ökologisch. Sie sind auch nicht nachhaltig, oder zumindest ist die Nachhaltigkeit nicht der entscheidende Faktor bei meiner Kaufentscheidung. Es geht um den Mehrwert, um das, was der Kauf in mir auslöst. Um meine Nostalgie. Und das leider auf Kosten der Umwelt.

Wie seht ihr das? In welchen Situationen haltet ihr an einer nostalgischen Idee fest, obwohl es nachhaltigere Alternativen gäbe? Kennt ihr das Gefühl überhaupt? Ich bin noch auf dem Weg. Immerhin: Ich habe meinen Taschenkalender abgeschafft. Dieses Jahr ist das erste, in dem ich keinen verwende und ich habe es auch im nächsten Jahr nicht vor. Die Termine sind nun alle auf meinem Smartphone. So richtig glücklich bin ich damit noch nicht, aber ich merke, wie ich mich daran gewöhne.

Über den Autor

Sabrina will immer alles richtig machen und hat dadurch beizeiten Schwierigkeiten, das Gleichgewicht in ihrem eigenen Wirbel zu halten. Nachhaltiges, bewusstes Leben gibt ihr einen Gewinn an Entschleunigung und damit Lebensqualität.

Alle Artikel von Sabrina

5 Comments on “Zwischen Nostalgie und ökologischem Bewusstsein

  • Oha, ich hatte gar nicht mitbekommen, dass hier eine Autodiskussion im Gange war.
    Um ehrlich zu sein habe ich tatsächlich vorrangig über den Spritverbrauch nachgedacht. Mit den neuen Erkenntnissen kann ich nun also guten Gewissens an meiner Käfer-Liebe festhalten? 😉

    Reply
  • Hey Autoexpert,
    Man muss Bernhard in der Rechnung schon recht geben. Der logistische Aufwand, welcher Betrieben wird,
    um heute Fahrzeuge zu bauen immens. Die Ressourcen aus Lithium aus Südamerika, seltene
    Erden aus China, dort werden auch gleich die Elektronikteile produziert oder das “Schwermetall” Aluminium
    aus Australien, China oder Brasilien.
    Um gleich bei Alu zu bleiben, der Energieaufwand ist um das 10-Fache höher wie die Produktion von Stahl,
    es bleiben zudem äußerst giftige Stoffe zurück, dessen Entsorgung auch noch deutlich problematisch sind
    und mein ABSOLUTER FAVORIT: Mit intelligenten Stahlstrukturen bekommt man zu Carbon- oder
    Aluminiumstrukturen teils gleichschwere, steifere und auch nach Unfällen noch nutzbare Karosserien hin.
    Carbonkarosserien darf man nach bereits leichten Remplern entsorgen, Alu-Spaceframes sind kritisch.
    Heutige CO²-Rechnungen (früher bekannt als L/100km) sind in der Regel auch augenwischerei, deinen blaubewegte
    Polo, Ibiza Ökomotive oder doppelherz Yaris wirst du auch deutlich rasanter und öfter bewegen, wie es damals
    die Bevölkerung brauchte. Während man mit Ausdauer auf Autobahnen mit 100 tuckerte, wird der heutige Fahrer
    wohl eher bei 150 Sachen den Vordermann scheuchen und bei den Geschwindigkeiten ist deine Kurzsichtbilanz
    auch schon wieder über den Haufen geworfen. Deutlich kürzere Nutzungsintervalle – man braucht schließlich alle
    5 Jahre einen neuen und die Energiebilanz ist endgültig im Eimer

    Reply
  • Na ja…. ein Käfer soll eine bessere Energiebilanz haben als ein “sparsamer Neuwagen?” Da rechne nochmal genau nach Bernhard 😉
    Vergleich doch z.B. mal den Käfer mit einem Polo BlueMotion/Ibiza Ecomotive/Yaris Hybrid.
    Vergleich über 10 Jahre und 15.000km im Jahr.
    Ein Käfer schluckt locker 10-12l / 100km!
    Ich würde mich alleine wegen der fehlenden Sicherheit nie in einen Oldtimer wie den Käfer setzen. Ein Unfall mit einer Geschwindigkeit über 70km/h ist der sichere TOT, oder alternativ das weiterleben als Krüppel!!!

    Reply
    • Hallo,

      Wie bereits geschrieben entsteht die höchste Umweltbelastung bei der Produktion, ich kann leider bei Deiner Rechnung nicht erkennen, wo Du diese eingerechnet hast. Ein Käfer wird auch heute keine 15.000 km im Jahr bewegt. Eine gewaltige Batterie eines Hybridautos ist schon bei der Produktion auf Umweltbelastungs-Niveau eines alten Autos. Abgesehen davon sind über sechs Liter Verbrauch für einen Kleinwagen(Yaris Hybrid) keine Meisterleistung. Die Entsorgung der Batterie ist ebenso unklar. Der Raubbau an lithium kann auch kaum in Zahlen festgelegt werden. Es ist also völlig absurd und realtitätfremd nur die Schadstoffe, welche den Auspuff verlassen als Grundlage zu verwenden.

      Reply
  • Hallo Sabrina,

    Ganz im Gegenteil, die Energiebilanz des Käfer ist um Welten besser, als jeder sparsame Neuwagen. Das Gewicht an Rohstoffen ist minimal, seltene Erde & Co nicht verbaut. Die Hauptumweltbelastung entsteht bei der Produktion und die ist beim Käfer schon lange erfolgt. Zwar liegt der Benzinverbrauch deutlich höher aber dieser praktisch in keiner Relevanz zum Produktionsaufwand eines Neuwagens. Tragisch, dass diese große Wegwerfprodukte geworden sind. Gesundheitlich sind jedoch heutige Abgase weniger schädlich.

    LG

    Reply

Kommentar verfassen

Suche

The bird’s new nest auf…

Give-Away.

Give-Away.

Newsletter.

Hier kannst du dich für den wöchentlichen Newsletter von The bird's new nest anmelden:

Schon gelesen?

Ads.

Blogheim.at Logo