Warum ihr nicht ehrenamtlich in Waisenhäusern oder Kinderheimen arbeiten solltet

Friday 27th, May 2016 / 20:58 von
Warum ihr nicht ehrenamtlich in Waisenhäusern oder Kinderheimen arbeiten solltetBild: simple_tunchi0 / pixabay.de

Jedes Jahr reisen rund zehn Millionen Menschen weltweit in ein anderes Land um dort ehrenamtlich zu arbeiten. Ein großer Teil dieser Gruppe arbeitet mit Kindern in Familien-Ersatz-Situationen, wie zum Beispiel Waisenhäuser oder Kinderheime. Die gut gemeinte Hilfe kann den Kindern jedoch in vielerlei Hinsicht schaden. Deshalb empfehle ich jedem, sein Geld, seine Zeit und Mühe an anderer Stelle einzusetzen. Ansonsten verschlimmert ihr die Situation der Kinder vor Ort.

Eine Reise als ehrenamtlicher Helfer zu einem Projekt mit Kindern beinhaltet Risiken, die sich lange über den eigentlichen Aufenthalt hinweg auswirken. Die folgenden Meinungen sind meine eigenen, basieren aber auf solider wissenschaftlicher Forschung. Hier sind vier Gründe, weshalb ich jedem kategorisch abrate, ehrenamtlich in Waisenhäusern zu arbeiten.

1. Ehrenamtliche Arbeit normalisiert unerwünschten Kontakt mit Kindern

In den Niederlanden kann man nicht einfach so in eine Kindertagesstätte hineinwandern. Das wurde beschlossen, um Menschen mit schlechten Absichten daran zu hindern, die Kinder in ihrer schutzbedürftigen Position auszunützen. In anderen Ländern ist der Zugang zu Kindern leichter. Ehrenamtliche Arbeit in Waisenhäusern und Kinderheimen hilft Menschen, die diese Arbeit aus zweifelhaften Motiven machen möchten, den Zugang zu Kindern zu erleichtern und normalisieren. Betrachte deine eigene Reise und multipliziere sie mit hunderttausend. Jetzt stelle dir vor, wie leicht es ist, sich in einer Gruppe dieser Größe zu verstecken. Das ist genau der Grund, weshalb Kinderbetreuung in den Niederlanden von so viel Paranoia umgeben ist. Ehrenamtliche Arbeit in Waisenhäusern ermöglicht Missbrauch.

2. Ehrenamtliche Arbeit stört die Bindung

Kinder bauen relativ schnell Bindungen auf. Eine sichere Bindung zu einem anderen Menschen schafft die Voraussetzung für Glück und mentale Gesundheit. Kinder in Waisenhäusern kämpfen im Vorhinein meistens schon mit unsicheren Bindungen – das letzte, das diese Kinder brauchen, ist eine weitere unsichere Bindung. Ihr werdet euch vielleicht denken: “Was machen diese drei Wochen im Leben eines Kindes denn schon für einen Unterschied?” Jedoch ist ehrenamtliche Arbeit eine gut geölte Maschinerie und ein neues Gesicht folgen auf ein weiteres – und das sehr rasch. Bei so vielen wechselnden Personen fragt man sich zu recht: Wer unterhält hier wen? Ehrenamtliche Arbeit ist dazu da, den Interessen der Kinder zu dienen. Im Falle der vielen kurzen Anwesenheiten schadet eure Arbeit den Kindern aber mehr, als sie nützt.

3. Unzureichendes Wissen und Qualifikation

Die meisten Ehrenamtlichen haben keine entsprechende Ausbildung für den Bereich, in dem sie aushelfen. Das ist weniger schlimm, wenn sie eine Wand bemalen, als wenn sie mit einem Kind in Berührung kommen. In den Niederlanden erlauben wir nur Menschen mit jahrelanger Erfahrung und spezieller Ausbildung, mit Kindern zu arbeiten. Kinder sind – verständlicherweise – sehr viel komplizierter als ein Malerpinsel und ein schlechte Betreuung hat einen viel schwereren und dauerhaften Effekt. Es ist verständlich, dass Menschen sich gerne ausprobieren wollen, um herauszufinden was ihnen liegt und was sie gerne tun. Aber eine Welt, in der Waisenhäuser als Experimentierfeld für Ehrenamtliche herhalten müssen, und so nicht die nötige Betreuung und das wichtige stabile Umfeld bieten, sind – schlichtweg gesagt – äußerst uncool.

4. Ehrenamtliche Arbeit unterstützt ein fehlendes Pflegesystem

Da Waisenhäuser für ehrenamtliche Helfer so beliebte Ziele sind und dadurch so viel Hilfe und finanzielle Unterstützung erhalten, entwickeln sich Alternativen nur sehr langsam. Warum haben wir in den Niederlanden keine Waisenhäuser? Vor langer Zeit fanden wir heraus, dass Pflegefamilien oder direkte Unterstützung von Familien für das Kind viel besser sind. In Ländern, die nicht so viel Geld in solche Systeme investieren können, wird ein System, das durch diese Art von Tourismus Geld einbringt, nicht so schnell geändert oder abgeschafft werden. Da wir aber wissen, dass dieses System nicht funktioniert, haben wir die Verantwortung, es nicht zu unterstützen. Mit ehrenamtlicher Arbeit in einem Waisenhaus oder Kinderheim unterstützt ihr dieses System sowohl direkt als auch indirekt. So verhindert ihr die Entwicklung eines besseren Systems.

Heutzutage haben schon viele ehrenamtliche Helfer die falsche Überzeugung aufgegeben, die Welt retten zu können. Das ist eine wunderbare Entwicklung. Darüber hinaus solltet ihr zusätzlich sicher stellen, dass durch eure Anwesenheit nicht noch mehr Schaden entsteht. Bei ehrenamtlicher Arbeit in Waisenhäusern oder Kinderheimen ist dies praktisch unmöglich, daher rate ich jedem absolut davon ab, dies zu unterstützen.

Die Organisation „Better Volunteering. Better Care.“ hat eine Petition gegen Waisenhaus- und Kinderheim-Tourismus gestartet. Vielen Dank für eure Unterschrift!

 

Dieser Artikel wurde auf Oneworld.nl erstveröffentlicht. Vielen Dank an Moni für die Übersetzung!

Über den Autor

Reiner stammt aus Amsterdam und war Mediendozent, bevor er sich entschlossen hat, die Non-Profit Organisation Volunteer Correct zu gründen. In seinen freien Monaten bereist er Europa per Fahrrad, spielt sowohl Basketball als auch Fußball nach australischen Regeln und liebt seinen morgendlichen Kaffee stark und schwarz.

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4 Comments on “Warum ihr nicht ehrenamtlich in Waisenhäusern oder Kinderheimen arbeiten solltet

  • Von diesen kurzen Aufenthalten in Kinderheimen halte ich selbst auch nicht viel. Es sollte tatsächlich viel mehr darauf geachtet werden, was für Kinder gut ist und nicht was ihnen schadet. Es gibt allerdings z.B in Deutschland ehrenamtliche Mitarbeiter in Kinderheimen, die seit etlichen Jahren dort sind und helfen, ohne genannte Ausbildung. Ich denke, es kommt sehr arg auf den eigenen Wunsch an, was man denn erreichen möchte. Ich hatte vor Jahren auch mal vorgehabt, in einem Kinderheim zu helfen, aber habe es nicht getan, weil ich wusste, dass ich nochmal umziehen werde, weiter weg und es wäre dem Kind bzw. den Kindern nicht geholfen.
    Es gibt sehr viele Möglichkeiten, anderen Menschen zu helfen. In erster Linie, finde ich, Freundlichkeit und mehr Zwischenmenschlichkeit. Würde der Mensch das einmal beachten und umsetzen, hätte das weitreichende, positive Erfolge.

    Liebe Grüße

    Reply
  • Ich sehe das genauso wie du! Ich habe immer automatisch eine Sperre, wenn ich höre das jemand für ein Praktikum ins Ausland geht und irgendwie im Waisenhaus arbeitet. Mir scheint es fast ein Trend zu sein und zum guten Ton dazu zu gehören, so etwas zu machen. Schade.. Dabei kann man Waisenhäuser und Kinder auch ganz anders unterstützen. Wie wäre es z.B. damit, gezielt nach von Einheimischen geführten Heimen zu schauen und die von zu Hause aus zu unterstützen. Wie eine lange, teure Flugreise mit sozialem Engagement zusammen steht, ist nämlich ebenfalls fragwürdig.

    Liebe Grüße,
    Lynn

    Reply
  • Schöner Artikel! Dem würde ich gerne noch hinzufügen, dass die von Agenturen angebotenen Ehrenämterreisen mehr Urlaub als alles andere sind. Ein Großteil des Geldes streichen die Agenturen ein und den Heimen ist kaum geholfen, sie sehen nichts von dem Geld und können mit einer oftmals ungelernten Kraft wenig anfangen (wie du auch schreibst). Wer wirklich helfen möchte, spendet lieber direkt. Viele Grüße!

    Reply
  • “Kinder bauen relativ schnell Bindungen auf”; dem möchte ich widersprechen. Das individuelle Bindungsverhalten wird in den ersten 6 Monaten am stärksten geprägt und entwickelt sich am stärksten im ersten Lebensjahr. Ich würde den Begriff deshalb mit Beziehung ersetzen. Grundsätzlich stimme ich dem Punkt aber zu: diese Beziehungsabbrüche sind für Kinder Gift, insbesondere, wenn sie ohnehin bindungsgestört sind.

    Reply

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