selber. machen. denken

Wednesday 26th, February 2014 / 23:02 von
selber. machen. denkenBild: Anie V.

Stell dir vor, du hast zu einem gemütlichen Filmabend eingeladen, sogar irgendwo einen Beamer organisiert um das echte Kinofeeling zu kreieren. Chips und Dips und Popcorn stehen bereit, die DVD ist mittels Konsensentscheidung (Oh, dazu bald einmal mehr) ausgewählt und alle warten gespannt. Und dann – die DVD hakt, obwohl sie ganz neu ist. Muss am Player liegen. Drei andere Menschen versuchen es, aber die beste Technikaura bringt nichts, der Player ist kaputt. “Weiß irgendjemand auf die Schnelle, wie der repariert werden könnte?” “Äh, nee. Musste halt zu Mediamarkt, aber da kannste dir dann auch gleich nen Neuen kaufen.” Deine Gäste sind ganz cool mit der Sache und entscheiden, dann eben noch feiern zu gehen. Dir hat das ganze Ding aber ordentlich die Laune strapaziert. “Ja, nächstes Mal dann, aber wie kann es denn sein, dass so ein kleines technisches Teufelsding mich so zum Narren macht? Wahrscheinlich hängt nur irgendwo ein Kabel schief, aber was weiß ich schon. Und überhaupt, warum weiß ich das nicht? Und was hat mir technischer Fortschritt und Spezialisierungswahn noch alles abgenommen?”

“Wieso genommen? Uns ist heute doch so viel möglich, daran war nie zu denken, nicht mal in den Science-Fiction-Romanen unserer Kindheit. Computer, die so einfach zu bedienen sind, dass so gut wie alle Menschen diese nutzen können; die Möglichkeit für Familien und Freunde über unfassbar weite Entfernungen miteinander in Kontakt zu bleiben; die Welt zu entdecken, ohne dafür Jahre auf Schiffen unterwegs zu sein; unabhängig von Ort und Zeit miteinander zu kommunizieren, Gleichgesinnte zu finden und sich zu organisieren; Autos, die mit Strom oder Mais fahren; kleine Minicomputer, die alles Wichtige deines Lebens in deiner Hosentasche speichern können; stylische Klamotten, die mensch sich auch leisten kann; die Möglichkeit auch um 22 Uhr noch dein neues Lieblingsobst für das morgige Frühstück kaufen zu können – du verstehst was ich meine?”

“Ja, ich verstehe. Und trotzdem! Ganz abgesehen von den Produktionsbedingungen und der Chemie auf meiner Haut, lasse ich mir von H&M vorschreiben, was für Klamotten ich tragen kann. Ich treffe eine Wahl aus einer nicht von mir getroffenen Wahl und manchmal ist das ein echt beschissener Kompromiss. Ich kann mit dir reden, egal, wo auf der Welt du und ich gerade sind. Das ist großartig, aber auch Google und die NSA und was weiß ich noch wer, wissen wo wir sind und wo wir hinwollen. Maracuja ist eindeutig das leckerste Obst, das ich kenne, aber ich hab keine Ahnung wie die Apfelsorte heißt, die bei mir vorm Haus steht. Ich bin superfroh darüber, dass auch meine Mama durch die intuitive Oberfläche ihres Betriebssystems gern die Möglichkeiten des Internets nutzt und Spaß daran hat, Neues zu entdecken, aber mir wird mulmig bei dem Gedanken, dass weder sie noch ich wirklich verstehen und kontrollieren können, was da in diesen Datennetzen wirklich abgeht.
Ich fühle mich manchmal echt machtlos! Ich muss darauf vertrauen, dass da Menschen (oder Dinge?) am Werk sind, die es gut mit mir und der Welt meinen, die mir helfen, wenn das Fernlicht meines Autos kaputt ist, die meinen DVD-Player reparieren und mich nicht zu einem Neukauf überreden, nur weil es für sie rentabler ist. Ich bin so verstrickt in die Strukturen in meinem Alltag und erlebe Bedürfnisse und Wünsche als meine, die mir in einigen lichten Momenten doch eher fremd vorkommen. Ich will das nicht mehr.

Ich hab Bock. Ich hab Bock selber zu denken. Ich will Dinge verstehen und selber machen können. Ich möchte anderen mein Wissen weitergeben können, anstatt mich zu freuen, dass ich mehr weiß, mehr kann und vielleicht sogar mehr Chancen habe als sie. Und was ich nicht verstehen kann, bin ja nu keen Superbrain, das will ich zumindest immer mal wieder kritisch hinterfragen oder schauen, ob ich darauf in meinem Leben und in meinem Glücklichsein wirklich so angewiesen bin. Ich mag Ohnmacht und Unmündigkeit nicht. Ich hab doch eine Stimme und graue Zellen zum Denken und eine Bauch-Herz-Connection für das wirklich Wichtige. Und ich hab Bock auf andere Menschen, die sich auch Fragen stellen, die selber denken und lernen wollen und denen das Leben auf diesem Planeten am Herzen liegt, denn ich glaube gemeinsam geht da was; mehr als ich mir allein vorstellen kann. So stell’ ich mir übrigens Demokratie vor. Wieso Herrschaft? Es geht um Selbstermächtigung, Teilhabe und Gerechtigkeit.” “Klingt voll nach ‘nem Plan. Du solltest darüber schreiben.” Mach ich! Hier. Für euch. Und nun gehen wir feiern und beim nächsten Mal gibt es eine gepflegte Runde Munchkin.

Dies war Ausgabe 1 der Kolumne Anie will selber. machen . denken

Über den Autor

Anie arbeitet und lebt in Rostock. Ihr Herz gehört der politischen Bildung für Kinder und Jugendliche, dem Selbermachen und allem, was nur abseits der ausgetretenen Pfade zu finden ist. Respekt und Achtung gegenüber der Natur und den Menschen versucht sie Tag für Tag zu Leben und in Worte zu fassen. Ganz nebenbei gründet sie ihr eigenes Upcycling-Label Anie und einen etwas anderen Lifyestyleblog. Immer mit dabei: Ihre Hündin "Frau Sonntag".

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