Reisender oder Tourist: Warum Dabeisein eben NICHT alles ist

Saturday 07th, September 2013 / 09:26 von
Reisender oder Tourist: Warum Dabeisein eben NICHT alles istAlle Bilder: Doris

Zuhause ist es doch am Schönsten.

Ein Spruch, den ich im Normalfall nicht unbedingt unterschreiben würde. Im Moment tue ich es doch. Und zwar doppelt und dreifach.

Ein paar Tage Belgien, ein Wochenende in Riga, auf Kurzvisite in Zürich, dann mal eben auf die Alp, Wandertage in Tirol – und einen halben Tag später schon im Flieger nach Alaska sitzen. Mit Zwischenstopp in Seattle, wohlgemerkt. Und das waren bloß die letzten fünf Wochen! In diesem Sommer war ich öfters unterwegs als zuhause. Meine Freunde haben sich kaum noch gemeldet, wohl wissentlich, dass ich ohnehin nicht im Lande wäre. Mein Zimmer habe ich nur betreten, um den Koffer hinein zu stellen und den Rucksack heraus zu nehmen. In meiner Wohnung hat es sich der Staub so richtig gemütlich gemacht, weil ich noch nicht einmal dazu gekommen bin, die Putzfrau anzurufen. Und und und.

Kann man zu viel reisen? Seit dem Sommer weiß ich: Ja, man kann. So sehr ich das Unterwegssein liebe, Hochmomente noch und nöcher hatte, so viele großartige Leute wieder gesehen oder erst kennen gelernt habe, es läuft auf eines hinauf: Ich habe mich übernommen. Schlicht und einfach.

Und doch bin ich sehr froh, diese Grenzerfahrung – andere springen Bungee, ich betreibe Extreme-”Reising” – gemacht zu haben. Mir ist nämlich einiges klar geworden. Einiges, das mir zwar schon bewusst war, das ich aber im Übermut des Reisen-Könnens verdrängt habe. Einiges, das ich mit euch teilen und das ich vor allem für meine zukünftigen Reisen beachten möchte. Ich hab es mir versprochen!

“Wie magst du deine Reisen?”, Dustin hat mir diese Frage per Email gestellt. Er ist einer, den mein Reisepartner Ingo und ich gleich am ersten Tag in Alaska “aufgegabelt” und in den Nationalpark Denali mitgenommen haben. Er ist einer, der schon überall war und noch überall hin möchte. Er ist einer, der mich versteht. “Die meisten meiner Reisen sind, wie ich sie möchte.”, erkläre ich ihm: “Spontan, abenteuerlich, Reisen, auf denen ich vieles erlebe – auch den Alltag, auf denen ich Leute treffe, auf denen positive Überraschungen Platz haben und auf denen ich im Fluss bin und beobachte, wie der Zauber funktioniert.”. Genau, all das ist Reisen für mich.

Dustin sucht auch das Erleben und Erspüren auf Reisen. Ein Grund, warum er mich versteht. Foto: Doris

Dustin sucht auch das Erleben und Erspüren auf Reisen. Ein Grund, warum er mich versteht.

Und wenn nichts davon passiert? Dann fühle ich mich als Tourist, nicht als Reisende. Dann war ich nur dabei, nicht mittendrin. Dann habe ich sicher mindestens einen dieser Faktoren außer Acht gelassen:

1. Ich will (er)leben

Ein Land zu erkunden, das besteht für mich nicht nur aus Autofahren und Foto-Stopps machen. Es heißt für mich auch nicht, am Pool des Hotels zu liegen – so schön dieser auch ist. Ich will raus. Nein, falsch, ich will rein: In die Kultur, unter Menschen, ins Leben. Ich will Berge erklettern und den Fels spüren, nicht nur aus der Ferne bestaunen. Ich will die Sonne mit Yoga begrüßen, nicht nur zuschauen, wie es andere tun. Ich will das Gericht selbst probieren und dann wieder ausspucken (!), nicht nur hören, wie grauenvoll es denn schmecke. Ich will alles versuchen und lieber das Scheitern riskieren, als es gar nicht erst zu tun!

 Ich will alles ausprobieren, riskiere lieber und scheitere (wie in diesem Fall), als es gar nicht zu versuchen. Foto: Conny de Beauclair

Ich will alles ausprobieren, riskiere lieber und scheitere (wie in diesem Fall), als es gar nicht zu versuchen. Foto: Conny de Beauclair

2. Tausche Kamera gegen Herz

Klingt superkitschig, ich weiß, aber ich kann es nicht besser benennen. Ich war lange Foto-Verweigererin: Bin drei Monate lang durch Australien gereist und habe jetzt vielleicht 15 Bilder davon; ganze Beziehungen existieren nicht – zumindest nicht auf Film, in meiner Erinnerung dafür umso stärker. Klar ist das schade und jetzt habe ich auch meist die Kamera oder ein Handy in der Hand, um ein Erlebnis zu dokumentieren. Doch möchte ich eines nicht vergessen: Das Wichtigere ist das Erlebnis selbst, das Gefühl dazu und die Erfahrung, die wir machen. Da verzichte ich lieber auf das perfekte Foto und tauche ein in den Moment – davon habe ich auf längere Sicht mehr. Und jeder andere auch.

3. Freiheit für den Flow

Ich finde Menschen, die ihre Pläne einhalten, bewundernswert. Solche, die Hotelzimmer buchen und dann auch genau zum angegebenen Zeitpunkt dort sind. Immer. Solche, die Routen für Roadtrips fünf Monate im Vorhinein planen – und vor Ort nicht davon abweichen. Wunderbar. Ich bin keine davon! Ich brauche Freiheit: Freiheit, um meine schon vorhandenen Pläne zu ändern, von ihnen abzuweichen, um in den Fluss zu kommen. Für viele ist das anstrengend, weil ungeplanter, chaotischer. Stimmt alles. Und doch ist es für mich das, was mich das Reisen genießen lässt. Denn immer dann, wenn ich in diesem Flow bin und darauf vertraue, geschehen die Wunder. Dann öffnen sich Türen, die normalerweise verschlossen sind. Dann finden Begegnungen mit Menschen statt, dann passieren die Überraschungen, dann entstehen Geschichten.

Lass dich treiben, genieß den Flow und schau, was passiert. Foto: Doris

Lass dich treiben, genieß den Flow und schau, was passiert.

4. Vorbereitung ist alles

Mag sich jetzt wie ein Widerspruch zu Punkt 2 anhören, ist es aber ganz und gar nicht. Ich liebe es, in einem Land spannende Projekte zu entdecken, mit ähnlich tickenden Menschen in Kontakt zu treten, vielleicht Gesprächspartner zu finden. Was ich dafür brauche? Zeit im Vorfeld. Und die habe ich mir zum Beispiel bei dem Hin- und Hergehopse im Sommer nicht geleistet. Ein Fehler: Dann entdeckt man das interessante Projekt nämlich erst vor Ort – blöderweise dann, wenn die Verantwortlichen Urlaub haben. Oder ich habe schon das Zugticket für die Weiterreise gekauft, ausgerechnet für den Tag, an dem ich die Outdoor-Trekking-Tour machen könnte. Tja, ich lerne (hoffentlich) aus Fehlern!

5. Die Länge ist doch wichtig

Besser gesagt: Für mich ist das schnelle und kurze Reisen nichts. Heute hier, morgen dort und übermorgen wieder fort? Nein, danke! Ich hab es getan, gerade auch jetzt im Sommer. Kurztrips von ein paar Tagen sind großartig, aber sie befriedigen meine Reiseansprüche nicht. Deshalb: Lieber länger und weniger (Länder, Regionen) als kürzer und mehr unterwegs sein.

Das Motto werde ich mir zu Herzen nehmen - gesehen im 25hours Hotel in Zürich. Foto: Doris

Das Motto werde ich mir zu Herzen nehmen – gesehen im 25hours Hotel in Zürich.

6. Pufferzeiten

Mitternacht: Ankunft in Wien. Am nächsten Mittag: Abreise aus Wien. Ich habe mir in diesem Sommer kaum Pufferzeiten gegönnt, hatte oft nur einen halben Tag zuhause, bevor ich wieder weitergezogen bin. Wie wichtig aber gerade diese Zeiten dazwischen sind, ist mir dadurch erst klar geworden. Nicht nur, um ein bisschen zuhause zu sein, sondern vor allem, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Um die angesprochene Planung und Einstimmung auf das nächste Ziel zu haben. Um einfach nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit dem Geist anzukommen und wieder reisefertig zu werden.

7. M… wie Menschen

Ich bin vielleicht eine Kulturbanausin, mag sein. Aber ich lerne ein Land lieber über Menschen als über Museen (oder sonstige Sehenswürdigkeiten) kennen. Letztere sind nämlich ein Stückchen austauschbar. Erstere ganz und gar nicht. Nicht umsonst entstehen meine liebsten Geschichten aus Begegnungen, nicht umsonst bleiben diese mir am meisten in Erinnerung und nicht umsonst prägen diese meine Reisen am meisten.

Für mich sind es immer die Begegnungen, die eine Reise zu etwas Besonderem machen. Foto: Doris

Für mich sind es immer die Begegnungen, die eine Reise zu etwas Besonderem machen.

So, jetzt kennt ihr meine Vorlieben. Bitte erinnert mich daran, sollte ich sie mal wieder vergessen und euch von anderen Reise-Plänen erzählen! Bitte, danke!

Über den Autor

Doris ist Schreibende, Reisende mit Basis in Wien und vor allem eine, die nicht still sitzen kann. Am liebsten schreibt sie inspirierende, mutmachende Geschichten von unterwegs oder daheim. Dabei geht es ihr um Menschen, die die Welt nicht nur entdecken, sondern in ihr auch positive Spuren hinterlassen.

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16 Comments on “Reisender oder Tourist: Warum Dabeisein eben NICHT alles ist

  • Hey Doris! Es gehört einiges dazu sich das einzugestehen und ich denke die Erkenntnis ist der wichtigste Schritt, es in Zukunft auf jeden Fall besser zu machen und wieder ein tolles Gefühl auf/für Reisen zu bekommen.

    Ich wünsche dir die nötige Erholung und weiter viel Freunde around the world.

    LG Christina

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    • Ach, ich bin doch schon längst wieder im Reisefieber .. nein, Scherz beiseite. Ich denke, alles passiert mit einem Grund, also passt das schon 🙂 Danke für die Wünsche!

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  • Genauso ging es mir auch – vor drei Jahren. Damals habe ich mir auch geschworen, nicht immer alles zu mitmachen … und manchmal habe ich es sogar geschafft 🙂 Die Versuchung, das nächste verlockende Angebot- trotz aller Gelübte, kürzer zu treten – anzunehmen, ist allerdingst immer wieder groß! Vor allem, wenn man gerne reist, hartnäckig-charmant (und nach Absage auch wiederholt) eingeladen wird und gute Geschichten wittert… Aber man braucht wirklich ausreichend Zeit, um die ganzen tollen Eindrücke zu verarbeiten. Viel Glück beim Finden des richtigen Rhytmus und viel Erfolg beim Auchmalneinsagen 🙂

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  • Schöne, ehrliche Worte über das Reisen. Besonders das mit dem Mittendrin – Sein und der Kontakt zu Menschen auf all unseren Entdeckungstouren – genau das macht das Reisen so wertvoll. Ich wünsche Dir das Du wieder die Ruhe findest … aber bestimmt.
    Nein … auf meine Kameras kann ich trotzdem nicht verzichten 🙂
    LG sendet Dir Dani

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  • Ein toller Beitrag, Doris, danke Dir! Ich reise ja deutlich weniger durch die Gegend als ihr Reiseblogger. Dennoch liebe ich gerade auch die Zeit nach einem Urlaub: das Sichten der Fotos, das Zusammenstellen vom Fotoalbum (noch ganz offline bei mir), dem Urlaub insgesamt noch ein bisschen nachhängen und einfach sacken lassen, dabei auch die Eindrücke verstärken.

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  • Genau das hatte ich vor Jahren auch schon ähnlich gefühlt, als ich ein Leben voller Koffer packen führte und irgendwann bemerkte, dass es einfach zuviel wurde, zu beliebig, zu oberflächlich, weil einfach die Zeit fehlte, tiefer einzutauchen und die Zeit, die Erlebnisse und Eindrücke zu verarbeiten.
    LG
    SvL

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    • Ja, genauso ist es. Ich vergesse das immer, weil ich solche Reiselust verspüre und dann zu keinem Angebot “Nein” sagen möchte. Aber es ist ein Blödsinn! Genau das wollte ich mir mit dem Artikel vor Augen halten. Ich bin froh, dass ich dich damit auch angesprochen habe. Danke für deinen Kommentar!

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  • Da gibt es nichts weiter hinzuzufügen. Toller Artikel, der mir aus der Seele spricht. Und genau deshalb habe ich nach meiner Kambodschareise auch die nächsten 1-2 Monate die Heimat erkundet. Und auch das kann ein großes Abenteuer sein 😉
    Liebe Grüße, Jana

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    • Hi Jana, danke – ich bin froh, dass es nicht nur mir so geht, obwohl das auch in Ordnung wäre 🙂 Und ja, ich denke ebenfalls, dass ich derzeit etwas mehr HIER sein muss und möchte! Freu mich auf neue Abenteuer! Doris

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  • Das hast Du sehr schön formuliert. Was das Planen / Spontan-sein anbelangt, kann ich Dir beipflichten, dass beides auf einmal geht. Ich plane immer alles im Voraus, recherchiere, buche Hotels. Denn nur wer plant, weiß überhaupt, was es alles zu sehen und erleben gibt. Allerdings schmeiße ich auch gerne Pläne um, wenn es mir irgendwo nicht gefällt, bzw. ich erst unterwegs merke, was man noch machen könnte.
    Liebe Grüße

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    • Hi, also Hotels buche ich selten vor, aber ich schau, dass ich ueberall Couches habe 🙂 Und im Plaene umschmeissen bin ich auch Expertin 🙂 Gut, dass ich nicht die Einzige bin 😉

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  • .. da hast Du genau aufgeschrieben, warum ich so gerne reise und wie am liebsten. Besser kann ich es auch nicht sagen. Lieben Dank dafür. Ich gönne mir normalerweise mindestens einen, besser 2 Monate Pause zwischen den Reisen: Zeit, die Fotos zu be- und die Eindrücke zu verarbeiten, daraus Artikel und Radiobeiträge zu basteln und, und und, vor allem aber wieder anzukommen: Damit der Körper nicht schneller unterwegs ist als die Seele….

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