Reflexionen einer Reisenden: Und Indien ist mein gigantischer Spiegel…

Wednesday 02nd, October 2013 / 21:45 von
Reflexionen einer Reisenden: Und Indien ist mein gigantischer Spiegel…

Indien ist ein gigan­ti­scher Spiegel. Jeder darf hin­ein­bli­cken und sich anschauen. Wer das Land im sel­ben Zustand ver­lässt, wie er es betre­ten hat, kam schon als Leiche.

Diese Sätze von Andreas Altmann aus seinem Buch Triffst du Buddha, töte ihn!: Ein Selbstversuch lassen mich seit dem ersten Lesen nicht mehr los. Sie haben mich in das Land begleitet, das der Reiseschreiber-Gott – wie ich ihn immer noch gern nenne – in einem Selbstversuch bereist hat. Ich bin auf seinen Spuren unterwegs oder vielmehr auf meinen, denn schließlich ist es ja meine Reise, mein Indien, MEIN Spiegel.

“Wien, ach da habe ich eine Geschäftspartnerin in der Wipplingerstraße”, verkündet der Mann mit weißem Turban und rot gefärbtem Bart stolz. Im feinsten Deutsch hat er mich angesprochen und gleich seine Lokal-Kenntnisse kund getan. Daneben plaudert ein jüngerer Inder in klassisch gebügeltem, lila Hemd mit Michaela auf Spanisch, und David, unser Betreuer von Shanti Travel, darf sich gerade auf Französisch mit einem anderen glatzköpfigen Mann unterhalten. Die drei haben uns angesprochen, als wir gerade – wegen Gegenlicht vergeblich – versucht haben, den rosa Windpalast in Jaipur in seiner ganzen Größe abzufotografieren. Und sie waren nicht die Einzigen. Überall tönt es “komm in mein Geschäft”, “schau doch in meinen Shop”, “mein Lokal ist das Beste”, … mein, mein, mein.

Jeder hat "seines": Indien ist voller Unternehmer. Foto: Doris

Jeder hat “seines”: Indien ist voller Unternehmer. Foto: Doris

“Wie gehst du mit diesem ständigen Kontakt um?”, frage ich David, der bereits seit 1,5 Jahren in Indien arbeitet und gerade wiederum um ein Jahr verlängert hat (“ich bin mit Indien noch länger nicht fertig”, so die Erklärung). “Das hängt ganz von meiner Stimmung und Einstellung ab”, meint er. Heute scheint die gut zu sein, denn er lässt sich ständig auf ein Gespräch ein, beeindruckt die Inder mit seinen Brocken Hindi, erzählt von seiner jetzigen “Heimat” Delhi und nimmt sogar die Einladung zum Chai an, die wir von den oben erwähnten Geschäftsmännern erhalten. Sie haben uns aufs Dach ihres Geschäftshauses gebeten, um einen besseren Blick auf den Windpalast zu bekommen – und natürlich, um uns später ihre 100%ige Kaschmir-Ware zu zeigen. Wir lehnen ab: Ein Geschäft machen sie mit uns diesmal nicht. Auch kein anderer der Geschäftsleute, von denen Indien voll zu sein scheint. “Gib mir ein bisschen von deiner Zeit”, lockt einer und fügt mit einem Grinsen hinzu: “Und gib mir dein Geld.” Sie sind ganz schön direkt, die Inder.

Zu Chai wird gern geladen - er wird aber auch verkauft. Foto: Doris

Zu Chai wird gern geladen – er wird aber auch verkauft. Foto: Doris

Handleser und Wahrsager dürfen natürlich auch nicht fehlen. Foto: Doris

Handleser und Wahrsager dürfen natürlich auch nicht fehlen. Foto: Doris

Eineinhalb Tage bin ich jetzt im Land. Ich bin mit enormen Respekt hierher gekommen. “Auf Indien kannst du dich nicht vorbereiten”, “Indien ist intensiv”, “überall riecht es nach Pisse”, “ausgestiegen, und schon hat mir eine Frau ihr Baby in den Arm gedrückt”, “bei der Bushaltestelle lag eine verweste Hundeleiche”… Aussagen und Schilderungen wie diese haben mich auf dem Flug hierher begleitet. Ich bin sicher, sie stimmen alle – oder fast alle, denn nach Pisse riecht es nur streckenweise.

Indien ist ein brutales Pflaster, keine Frage. Foto: Doris

Indien ist ein brutales Pflaster, keine Frage. Foto: Doris

Und auch wenn mir noch kein Kind überreicht wurde (okay, fast, aber nur für ein Foto), ist das Unglaubliche überall wahrzunehmen: Unterernährte Kühe grasen in den Müllhaufen auf den Straßen, Kindfrauen duschen sich unter Regenrinnen mit dunkelbraunem, vor Schmutz starrendem Wasser, andere kommen dir mit Stumpen als Gliedmaßen entgegen, Männer klopfen am Straßenrand Steine in kleine Brocken, die Überquerung der Straße ist eine reine Glückssache und das Dauerhup-Konzert dröhnt dir Tag und Nacht in den Ohren. Und keinen Schritt kannst du durch indische Straßen machen, ohne auszuweichen, aus dem Weg zu springen, angerempelt, angesprochen zu werden, angestarrt zu sein – oder anzustarren. Szenen, die mich an Bolivien, Ecuador, Bhutan oder andere Länder erinnern – nur hier ist alles Mehr, Größer, Schneller, Langsamer, .. Unglaublicher. Indien hat die Superlativen scheinbar für sich gebucht.

Alles ist mehr, größer, lauter, ... Foto: Doris

Alles ist mehr, größer, lauter, … Foto: Doris

“Du kannst nicht einfach nach Hause zurück, das hier macht etwas mit dir”, ist sich David sicher, während wir mehr oder weniger benommen durch die Straßen wanken. Es strengt an, durch eine Großstadt wie Jaipur zu Fuß zu gehen. Ich bin dauermüde. Ich bin überwältigt. Ich bin berührt. Aber ich bin auch überrascht. Nicht unbedingt von den Erlebnissen, sondern darauf, WAS sie mit mir machen. Ich bin nämlich erstaunlich ruhig – oder besser gesagt, erstaunlich im Hier und Jetzt.

Blick von oben auf die Straßen von Jaipur. Foto: Doris

Blick von oben auf die Straßen von Jaipur. Foto: Doris

Das Schäkern mit den Händlern, die manchmal für gelernte Europäerinnen wie mich ganz schön auf die Pelle rücken, der Dreck überall, das ewig-und-drei-Tage-lange Warten für die einfachsten Dinge wie das Einchecken in einem Hotel, ja, selbst den ganzen Tag kein Internet zu haben – ich kann alles sehr gut nehmen. Ohne zu werten, ob etwas gut oder schlecht ist. Es ist so, wie es ist. Vielleicht bin ich noch ein bisschen im Schock. Vielleicht ist der entspannte Einstieg, mit Shanti Travel auf einer Tour mit klimatisierten Auto, Fahrer und angenehm-relaxten Kollegen durch Indien zu fahren und sich im Prinzip um nichts Organisatorisches zu kümmern. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich bis zur letzten Minute vor dem Abflug noch an anderen Baustellen gearbeitet habe (und schlussendlich nicht mal mehr wusste, was ich überhaupt in den Rucksack gesteckt hatte). Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich alles ertragen kann, so lange ich mit Menschen sprechen kann, solange ich Kontakt habe – und ja, den gibt es ja hier in Indien zuhauf. Vielleicht … ach, ich weiß es nicht, woran es liegt: Aber das Spiegelbild, das mir Indien im Moment gerade zeigt, ist zwar chaotisch-dreckig und kann ganz schön nerven, aber ist zum Großteil absolut liebenswert! Mh, ich hätte es schlechter treffen können…

Indiens idyllische Seite(n): Sonnenuntergang beim Tigerpalast bei Jaipur. Foto: Doris

Indiens idyllische Seite(n): Sonnenuntergang beim Tigerpalast bei Jaipur. Foto: Doris

… werde ich vermutlich auch. Nein, ich mach mir nichts vor, ich hege nicht die Illusion, dass Indien reibungslos abläuft. Dass nichts schief geht. Dass ich immer in meiner Mitte bleibe. Dafür kenne ich mich zu gut. Genau deshalb habe ich wahrscheinlich zum Abschluss das 10-tägige Vipassana-Retreat gewählt. So wie übrigens Altmann auch, wie ich heute gelesen habe: Denn er hat sich ebenfalls bei genau diesem Meditationsseminar 10 Tage hingesetzt, geschwiegen, sich selbst jenen Spiegel noch näher an die Nase gedrückt, den ihm Indien so gern schon vorher hingehalten hat.

    Trotz all der Hektk findet doch jeder ein Stück Ruhe für sich.  Foto: Doris

Trotz all der Hektk findet doch jeder ein Stück Ruhe für sich. Foto: Doris

 

Offenlegung: Ich bin 14 Tage mit Shanti Travel auf Blogtrip. Herzlichen Dank für die Einladung. Die Meinungen und Ansichten in der Geschichte bleiben meine eigenen.

Über den Autor

Doris ist Schreibende, Reisende mit Basis in Wien und vor allem eine, die nicht still sitzen kann. Am liebsten schreibt sie inspirierende, mutmachende Geschichten von unterwegs oder daheim. Dabei geht es ihr um Menschen, die die Welt nicht nur entdecken, sondern in ihr auch positive Spuren hinterlassen.

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10 Comments on “Reflexionen einer Reisenden: Und Indien ist mein gigantischer Spiegel…

  • Hey Doris!
    Ich hab eine Frage: Wo wirst du dein Vipassana Retreat machen? Bzw. wie hast du ausgewählt?
    Ich werde ich aller voraussicht nach auch im Jänner und Februar nach Indien fahren, hauptsächlich um dort auf Contact Improvisation Festivals zu gehen, und möchte auch gegen Ende der Reise noch Vipassana machen… Bin aber momentan total überfordert mit all den Angeboten.. Vielleicht hast du da schon mehr Erfahrungen oder Tipps? Da meine Reiseplanung eh noch total offen ist und auch noch keine Flüge gebucht sind, wärs momentan auch noch egal, wo in Indien das ganze stattfindet.. Ich weiß nur, dass ich am Anfang im Norden sein werde, und dann in Goa, und danach ist alles offen… 🙂

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    • Hallo Margit, alsooo, mir fiel es auch superschwer, Entscheidungen bzgl. der Route zu treffen. Völlige Überforderung, und das ändert sich auch vor Ort nicht – möchte dich dazu gleich warnen. Ich bin jedenfalls jetzt im Nordosten, Westbengal, und werde die Vipassana Geschichte bei Dharamsala (also Norden :)) machen – hat sich einfach vom Termin sehr gut ergeben. Soviel ich weiß, gibt es auch bei Goa ein Zentrum. Schau einfach hier http://www.dhamma.org nach – da sind alle Retreats weltweit verzeichnet. Alles Gute dir!!! Und wies mir im Nordosten hier so geht, das liest du in Kürze 🙂

      PS: Contact Impro – sehr genial! Wusste nicht, dass die Indien auch stattfinden – aber was gibt es hier eigentlich nicht?!

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      • hehe, ja contact impro festivals gibts wohl mittlerweile fast überall auf der welt… in goa gibts sogar ein ziemlich gutes, weithin bekanntes festival und das ganze jahr über eine starke community.. 😉 wenns dich interessiert:
        http://goacontactfestival.com/
        http://www.in-touch.es/en/in-touch-happenings/goa.html
        http://www.contactjourney.com/home.php
        letzteres wird von freunden von mir organisiert und ist besonders verlockend, wie ich finde.. 🙂

        viel spaß noch in indien – bin gespannt auf weitere berichte! 🙂
        das zentrum in dharamsala hat übrigens im jänner/februar geschlossen..
        aber ich werd schon was passendes finden.. 🙂

        PS: ich bin übrigens eine kletterpartnerin von der agatha! sie hat mich auf deinen blog gebracht! 😉

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        • Hi, ach cool – Grüße an Agatha und danke an sie fürs Vernetzen 🙂 Klar, dass das Zentrum geschlossen ist, daran habe ich nicht gedacht. Aber es gibt noch einige Andere in Indien, bin sicher, du findest etwas Passendes. Und wenn nicht in Indien: Vipassana gibts auf der ganzen Welt, bin schon in Österreich gesessen und stand in Kolumbien, Hawaii und Argentinien auf Wartelisten. Hat halt dann nicht geklappt. Die Contact Sachen schau ich mir später gern mal an – für einen nächsten Indien-Trip ;-)) Grüße aus Kurseong aus den Bergen von Darjeeling!

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  • Tolle erste Eindrücke … Indien steht auf meiner Liste ganz oben. Auch in diesem Land wird es wir in Afrika sein “Entweder liebe ich es und der Virus packt mich oder ich reise nur einmal auf diesen Kontinent. Danke und ich freue mich auf die weiteren Eindrücke.
    LG sendet Dani

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  • Hi Doris,
    vielen Dank für deine Tipps, die Seite gucke ich mir auf jeden Fall an. Viel Spaß noch in Indien – übrigens: Falls du Gelegenheit hast, in Jaipur einen Blockbuster im Kino anzugucken, dann mach das unbedingt!
    Grüße, Alex

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    • Hi, gern 😀 Blockbuster in Jaipur klappt nicht, wir sind schon weiter, aber vielleicht passt es anderswo. Alles Liebe und viel Glueck. Doris

      Reply
  • Liebe Doris, vielen Dank das du deine ersten Eindrücke mit uns teilst. Ich bin schon sehr gespannt auf mehr. Ich war noch nie in Indien und bin am überlegen was ich in meinem Spiegel sehen würde. Halt die Ohren steif! Sarah

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