Nadine sucht das Glück: Weißt du, was Glück ist?

Sunday 16th, February 2014 / 20:01 von
Nadine sucht das Glück: Weißt du, was Glück ist?Bild: Umberto Salvagnin / flickr.com

“Wenn der Regen fällt und du trotzdem was entdeckst, das dich am Leben hält.” So die Worte einer bekannten, deutschen Hip-Hop-Crew (Die Firma – Glücksprinzip). Ein Lied, bestehend aus 837 Wörtern haben sie dem Glück gewidmet. Drei Minuten und 47 Sekunden beschäftigen sie sich mit der Frage, die alle Menschen gleichermaßen betrifft. Was ist Glück? Jeder Mensch, ja sogar jedes Lebewesen, hat seine ganz persönliche Antwort auf diese Frage. Ich habe mich auf die Suche nach diesen Antworten gemacht und auf der Reise viele aufregende Menschen kennen gelernt. Ich durfte mitfühlen, mitlachen, mitleiden. Man hat Erinnerungen mit mir geteilt und mich eingeladen, in der eigenen Gedankenwelt zu verweilen. Ich habe so viele Nuancen von Glück und von Glücklich-Sein miterleben dürfen, dass mir der Gedanke daran ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Eigentlich wollte ich diese Kolumne mit einem Interview beginnen. Ich wollte eine liebe Freundin nach ihren glücklichsten Erinnerungen befragen und ihr ermöglichen, diese zu teilen. Diese wunderbare Dame ist aber leider vor drei Wochen verstorben. Nichtsdestotrotz soll diese Kolumne mit ihrer Geschichte beginnen.

Die Geschichte

Vor zwei Jahren habe ich sie kennen gelernt. Ein zauberhaftes Wesen, ganz klein und zerbrechlich, aber mit so viel Energie und Lachen in den Augen, dass ich sofort von ihr eingenommen war. In den letzten beiden Jahren habe ich sie einmal in der Woche besucht und mit ihr über Gott und die Welt gesprochen. Ich sehe sie vor mir, wie sie von ihrem geliebten Mann erzählt. Ein wahrer Gentleman, ein Charmeur wie er im Buche steht. “Fünf Sprachen hat er gesprochen und jeden Samstag hat er mir einen frischen Blumenstrauß mitgebracht.” Ihre Augen leuchten bei der Erinnerung an die vielen schönen Stunden mit dem geliebten Menschen. Das gemeinsame Abendessen habe er genau so geschätzt wie sie, erzählt die alte Dame. “Auch im Urlaub. Jedes Jahr sind wir mit dem Auto nach Italien gefahren und im selben Hotel abgestiegen. Die haben schon gewusst, was unsere Leibspeise ist. Es gab immer Piccata Milanese. Mit Pizza kann ich nichts anfangen. Ich bin nämlich ein Fleischtiger.” Von geplanten, aber nicht durchgeführten Hundekäufen erzählt sie. Vom Krieg und der Zeit danach, von der schönen Wohnung mit Salon und großen Feiern mit gemeinsamen Freunden. “Mein Mann und ich haben große Gesellschaften veranstaltet. Ich habe gerne gekocht und für die Gäste gesorgt. Getanzt haben wir auch viel. Und wir waren oft in der Oper.” Ein bisschen Sehnsucht schwingt in ihren Worten mit. Der geliebte Mann ist vor 26 Jahren gestorben. “Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke.” Manchmal schweift ihr Blick in die Ferne, gerade so, als ob sie zurückreisen würde in die Zeit, in der sie noch beisammen waren.

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Bild: Jonel Hanopol / flickr.com

Aus den vielen Gesprächen mit ihr bleibt die Quintessenz über: Für sie ist die Liebe das größte Glück. Lieben, sich geliebt fühlen, von lieben Menschen umgeben sein. Das allein hat für die alte Dame Bedeutung. Die letzten zweieinhalb Jahre hat sie in einem Pflegeheim verbracht. Dort haben wir uns auch kennen gelernt. Und auch dort hat sie ihr Glück gefunden. Ein anderes, kleineres, aber genau so wertvolles Glück. Ein Späßchen mit den Pflegern, ein Spaziergang im Garten, die vielen Orchideen in ihrem Zimmer und unzählige Stunden Tagträumereien. Es gab Tage, an denen sie keinen Besuch wünschte. Tage, an denen es ihr gesundheitlich nicht besonders gut ging. Es gab keinen einzigen Tag, an dem ich sie nicht mit einem Lächeln in den Augen angetroffen habe.

Im November haben wir ihren 100. Geburtstag gefeiert. Stilecht mit Prosecco und Schokotorte. Sie war ein strahlendes Geburtstagskind. Umgeben von Blumensträussen und Glückwunschkarten saßen wir beisammen und plauderten über alles und nichts. Ich fragte sie, wie sie denn ihren 101. Geburtstag feiern wolle. “Ach, es wär halt ein Glück, wenn der liebe Gott mich vorher heim holen würd’. Ich bin ja schon so müde.” Im ersten Moment war ich erschüttert, war der Tod für mich doch noch so weit entfernt. Doch schon einen Augenblick später verstand ich. Dieses zauberhafte Frauchen vor mir hatte zwei Weltkriege überlebt, eine erfüllte Ehe geführt, genug von der Welt gesehen und alles genossen, was das Leben für sie bereit gehalten hatte. Was für ein Glück, dachte ich mir, dass sie ein so ausgefülltes Leben haben durfte und trotz vieler Regentage nie das Leuchten in den Augen verloren hat. Vor drei Wochen wurde nun ihr Herzenswunsch erfüllt. Sie wurde “heim geholt”. Heim zu ihrem Herzbuben, mit dem sie nun (hoffentlich) wieder in Liebe vereint ist.

Die Conclusio

So einfach und so vielfältig kann Glück sein. Ein liebes Wort, ein Stück Schokolade, ein geteiltes Geheimnis. All das und noch so viel mehr kann uns selbst Jahre später noch zum Lächeln bringen. Wenn man Jahre und Jahrzehnte später noch lächelt, wenn man an früher denkt, dann hat man etwas richtig gemacht. Mir zaubert die Erinnerung an meine liebe Thea ein Lächeln auf die Lippen. So bin ich glücklich und dankbar für unsere Bekanntschaft und behalte das Gefühl der Ruhe, das sie mir vermittelt hat, in Erinnerung. Damit es mir in schwierigen, unruhigen Momenten, die vielleicht noch auf mich zukommen mögen, zur Verfügung steht. Ist es nicht schön zu wissen, wie nachhaltig Glück sein kann?

Was sind eure Glücksmomente? Kennt ihr die Situationen, in denen man an etwas Vergangenes denkt und unweigerlich lächeln muss? Es würde mich glücklich machen, wenn ihr eure Erfahrungen mit mir teilen würdet!

Über den Autor

Nadine lebt in Wien und bezeichnet sich selbst als gnadenlose Optimistin. Sie liebt Bücher, Schokolade und ihre Katzen. Für The bird's new nest fasst sie ihre Gedanken zu den (meist) schönen Dingen des Lebens in Worte.

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7 Comments on “Nadine sucht das Glück: Weißt du, was Glück ist?

  • Liebe Nadine!

    Schön, dass du über Glück schreibst 🙂 Das sollten wir alle viel öfter machen, als darüber zu schreiben wie schlimm die Welt doch ist, doch das Schlimme lesen alle (und auch ich… ).
    Glück? Da gibt es viele Momente, aber wenn ich deine Geschichte lese, dann kenne ich eine Ähnliche: Ich wurde sehr oft von meiner Großmutter “betreut” weil meine Eltern viel arbeiten mussten.. :-(. Als sie dann ins Altersheim kam, da habe ich sie jede Woche besucht oder ich bin mit ihr ins Kaffeehaus gegangen. Es waren schöne Momente mit einer alten vom Leben gezeichneten Frau. Aber was sie mir immer vermittelt hat ist: dass sie an mich glaubt. Eines Tages hat sie dann so starke Aussetzter gehabt, dass ich bei einem Besuch im Alternsheim meine Mutter in der Steiermark angerufen habe und gesagt habe: “Die Oma lasse ich da nicht alleine im Heim, die fällt um und kann sich nicht mehr bewegen…” Also habe ich sie eingepackt – so wie sie es mit mir jede Woche gemacht hat, als ich noch klein war – und habe sie mit zu unserer Familie (Ehefrau und 2 Kinder) genommen. Eine Woche durften meine Familie und ich sie betreuen und es war eine sehr anstrengende aber erfüllte Woche. Wenn ich an diese Woche und an einen speziellen Moment – die Blumenübergabe – zurückdenke, dann bin ich glücklich! Glücklich, dass ich diese “Strapazen” auf mich genommen habe – die es ja für mich nicht waren. Glücklich, mit ihr diskutieren zu können, ob sie nicht doch lieber Windeln nehmen sollte, weil ich sicher 10 mal mit ihr in der Nacht aufstehen musste um auf die Toilette zu gehen… Und glücklich ihr einmal ein violettes Blumenstöckerl schenken zu dürfen. Ja, davon gibt es ein Foto. Ein Foto in meinem Herzen und ein echtes Foto, dass ich im Geldbörserl habe. Jetzt bin ich traurig – und glücklich. Traurig sie nicht mehr bei mir zu haben und glücklich sie gehabt zu haben. Glücklich sie betreut zu haben und glücklich von ihr betreut worden zu sein.

    Das ist Glück, einen Menschen “geschickt” zu bekommen, der sich Zeit nimmt, für dich. Da ist, wann immer du ihn brauchst.

    Danke Oma 🙂 jetzt weiß sogar das WWW von dir 🙂 wie toll du warst!!

    Dein glücklicher Burtzel, der nun sein Glück seinen Kindern weiter geben kann 🙂

    Reply
    • Lieber Klaus,

      genau so sehe ich das auch. Die Zeitungen sind voll von schlechten Nachrichten. Die haben auch ihre Berechtigung, unsere Aufmerksamkeit soll auch dorhin gerichtet sein, wo es Leid und Kummer gibt. Aber nicht nur dorthin. Ab und zu muss man dem Herzen auch eine Auszeit von all den schlechten Dingen gönnen 🙂

      Ich danke dir für deine Geschichte! Ich kann mir gut vorstellen, wie schwierig und gleichzeitig auch schön deine Situation gewesen sein muss. Du hast das wunderbar gemeistert. Jetzt hat deine Großmutter ihr eigenes Denkmal im WWW. Das ist wundervoll 🙂

      Liebe Grüße,
      Nadine

      Reply
  • Sommerabende mit Freunden, das eigene Glück im Herzen, Sonnenaufgänge, kuscheln, Umarmungen, jeden Tag etwas davon.
    Ein Urlaub in Spanien, … eine Party, an viele Dinge habe ich schöne Erinnerungen 🙂
    Liebe Grüße, Elfchen

    Reply
    • Liebes Elfchen,

      danke, dass du deine schönen Erinnerungen mit mir teilst 🙂
      Lauter feine Dinge sind das. Vor allem für die Sommerabende kann ich mich gerade sehr begeistern 😉

      Liebe Grüße,
      Nadine

      Reply
  • Oft weiß man erst, was Glück ist, wenn man sich so wie Thea zurückerinnert. Ich glaube, oft ist man sich seines Glücks gar nicht bewusst. Heute kann ich sagen: ich war in meinem drei Jahrzehnte dauernden (jungen) Leben schon sehr oft sehr glücklich. Diese Momente sind transzendent und schwer zu greifen. Aber mich daran zu erinnern macht mich sehr glücklich.

    Oft bewusst an gute Momente erinnern -> Glück

    Irgendwo hab ich mal gelesen (sinngemäß): “Wir werden erst später verstehen, wie glücklich wir in diesen Momenten waren.”

    Genau so ist es.

    Und um nun so richtig pathetisch zu werden: Meine Tochter Greta beglückt mich seit neun Monaten und ich bin mir dessen sogar bewusst – was bin ich doch ein Glückspilz 🙂

    Reply
    • Liebe Resa,

      das ist wohl wahr. Das Glück des Augenblicks ist anscheinend das am wenigsten sichtbare. Ich nehme mir immer häufiger die Zeit ganz bewusst hinzusehen um mein Glück spüren und genießen zu können. Das fühlt sich an wie Urlaub 🙂

      Wie schön, dass du in allen Zeiten dein Glück gefunden hast. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich freu mich für dich!

      Liebste Grüße,
      Nadine

      Reply

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