Mit Kutsche durch die Hohe Tatra: Meine 20 Minuten Ruhm

Sunday 18th, November 2012 / 22:51 von
Mit Kutsche durch die Hohe Tatra: Meine 20 Minuten RuhmAlle Bilder: Doris

Blitzlichter überall. Kinder kommen auf mich zugerannt. Kameras werden gezückt und die Wanderer, die sich am vermutlich letzten schneelosen Samstag des Jahres erfreuen, weichen respekthalber einen Schritt zurück. Was für mich ganz schön gewöhnungsbedürftig ist, das ist für Pawel Alltag. Das passiert jedes Mal, wenn er mit seinen weißen Lipizzanerrössern Gäste in der Gegend rund um den Tschirmer See im Nationalpark Hohe Tatra herumkutschiert.

Dementsprechend weiß er damit umzugehen: Sobald ein Klicken zu hören ist, wirft er sich in Pose, hebt gefährlich drohend die Gerte und setzt eine strenge sich seriös gebende Miene auf. Kaum sind die Schaulustigen weg oder bei einem der überladenen Souvenirständen abgelenkt, kann Pawel entspannen.

“Die Pferde sind meine Therapie.”, erzählt er meiner Begleiterin Silvia in schnellem Slowakisch – und das schon seit Jahrzehnten. Nachdem er sich als kleiner Bub bei einem Unfall schwer verletzt hatte, kam er zu Heilungszwecken mit den Pferden zusammen und ist bei ihnen geblieben. Ob als Pferdetrainer in der Armee, mehrfach prämierter Dressurreiter oder um uns TouristInnen zwanzig oder dreißig Minuten um den See zu kutschieren.

Jedes Wochenende kommt Pawel mit zweien seiner sieben Pferde – weitere sieben musste er letzte Woche notgedrungen verkaufen – von der Stadt Poprad hier an den Tschirmer See.  Mit 1.346 Meter einer der höchsten Kurorte Mitteleuropas hat der Ort schon seit jeher Gäste angezogen: 1970 in den Zeiten des Kommunismus fanden die Nordischen Skiweltmeisterschaft statt. Heute erinnern noch zwei Skisprungschanzen, die jetzt für Bungeejumping verwendet werden, und die teilweise leer stehenden Riesenbauten mit – nun ja, wie drücke ich es aus? – “liebloser” Architektur daran.

“Das meiste Geschäft habe ich bei Schlechtwetter.”, erzählt der Mann, den man nicht nur an seiner Kutsche, sondern auch an seinem hündischen Begleiter erkennt. Dann, wenn sich die Bäume im Wind biegen, hat er bis zu sieben Fahrten am Tag – bei trockenem Schönwetter wie heute kommt er nur auf drei.

TouristInnen gibt es auch jetzt noch, oder besser gesagt wieder – und zwar nicht wenige. Auch in dieser Zwischensaison, in der das Sommergeschäft vorbei und das Wintertreiben noch nicht begonnen hat. Viele Slowaken machen einen Tagesausflug hierher: Von Bratislava sind es ja bloß drei Stunden mit dem Auto oder rund viereinhalb Stunden mit der Bahn. Die polnische Grenze ist nah und zieht einige Aktivurlaube, Kletterer, Wanderer in die Region. Tschechen, Deutsche, Österreicher und allen voran die Russen quartieren sich hier gern ein. Letztere kommen vor allem gern zum Skifahren in das eher übersichtliche und je nach Saison durchaus überrannte Gebiet. In den Überbleibsel der glanzvollen kommunistischen Zeiten wie dem Hotel Patria etwa, dessen “Ostschick” dann von denen, die es sich leisten können, gern gegen das Grand Hotel Kempinski oder andere Luxushäuser getauscht wird. Dort steht dann vor allem Wellnessen auf dem Indoor-Programm. Und auch die Sportler kommen wieder: Man sieht sie schon früh am Morgen laufen und ungestört in den Stadien trainieren.

An all dem ziehen wir auch jetzt mit Pawel und seinem Gespann vorbei, eingemummt in Decken und trotzdem im Fahrtwind fröstelnd – und bleiben bei Weitem nicht unbemerkt. Es gibt auch andere Kutschen, die man beim Bahnhof am Tschirmer See buchen kann. Alles Einzelunternehmer, versteht sich. “Doch ich bin der Einzige mit Lipizzanern.”, lasse ich mir von Silvia Pawels Worte übersetzen. Woher es kommt, dass ich ausgerechnet hier in der Slowakei den aus Wien und Piber bekannten Rössern begegne? “Ich habe in der Vergangenheit einfach sehr gut mit ihnen gearbeitet, und mich so an sie gewöhnt.”, meint der “Pferdeflüsterer” schlicht und wirft sich auch schon wieder in Pose.

Und ich mache es ihm nach. Klick! Was tut frau nicht alles für 20 Minuten Ruhm.

Eine Kutschenfahrt mit Pawel ist nur am Wochenende über das Hotel Kempinski zu buchen, wobei er auch persönliche Anfragen entgegen nimmt. Eine 15-minütige Fahrt, zu der es je nach Wetterlage vier verschiedene Routen gibt, kostet 20 Euro. 30 Minuten kommen laut Aussage von Hotel Manager Kathrin Noll auf 30 Euro.

Offenlegung: Ich bin aus beruflichen Gründen Gast im Grand Hotel Kempinski in der Hohen Tatra. Herzlichen Dank für die Einladung! Die Meinungen und Ansichten in den Geschichten bleiben die Meinen. 

Über den Autor

Doris ist Schreibende, Reisende mit Basis in Wien und vor allem eine, die nicht still sitzen kann. Am liebsten schreibt sie inspirierende, mutmachende Geschichten von unterwegs oder daheim. Dabei geht es ihr um Menschen, die die Welt nicht nur entdecken, sondern in ihr auch positive Spuren hinterlassen.

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2 Comments on “Mit Kutsche durch die Hohe Tatra: Meine 20 Minuten Ruhm

  • wunderschöne fotos. ich kann den mann verstehen dass hm die pferde so viel geben … tiere sind immer die beste therapie

    Reply
    • Ja, er hat da seinen Weg gefunden – das war schoen zu erleben. Und da hab ich mich auch gleich wohl gefuehlt auf seiner Kutsche 🙂

      Reply

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