Kann man Glück lernen?

Saturday 30th, April 2016 / 00:47 von
Kann man Glück lernen?Bild: Hans / pixabay.com

Fast jeder Mensch hat sich in seinem Leben schon einmal die Frage gestellt: Was ist das, Glück? Wie kann ich glücklicher werden? Meist denken wir dann an einen kurzen Moment, in dem alles stimmt – ein leckeres Essen, Zeit mit dem Liebsten oder ein schöner Urlaubstag. Alles Situationen, die schnell wieder vorüber sind. Auch der Erwerb materieller Dinge, wie beispielsweise eine neue Handtasche, neue Schuhe, oder etwas Schönes zum Anziehen, kann uns für eine gewisse Zeit tatsächlich glücklicher machen, ohne Frage. Jedoch leider auch nur für kurze Zeit.

Scheinbar ist das Glück ein sehr flüchtiges Phänomen – man kann es nicht festhalten oder einfangen. Wäre es nicht schön, nicht nur kurzfristige Glücksmomente zu erleben, sondern dauerhaft Glück, Lebenszufriedenheit und Erfüllung zu finden? “Nein, das ist nicht möglich”, denken sehr viele Menschen, “solche Momente sind selten und finden im Alltag kaum statt.”

Zwei Arten von Glück

Bei einer Studie über Lottogewinner wurde festgestellt, dass diese zwar, als sie von ihrem Gewinn erfuhren, verständlicherweise ein sehr großes Glücksgefühl empfanden, ein halbes Jahr später allerdings schon nicht mehr glücklicher waren als der Durchschnitt der Bevölkerung. Im Gegenteil, sie konnten sich über kleine Begebenheiten, wie zum Beispiel Aufmerksamkeiten von Freunden, nicht mehr so sehr freuen wie vor dem Gewinn. Wie lange hast du dich nach dem Kauf der Handtasche oder etwas anderem noch darüber gefreut? Das ist die Art von Glück, bei der wir intensive, aber vorübergehende Glücksgefühle empfinden – ein Glück, das an äußere Bedingungen geknüpft ist.

Glücksgefühle haben eines gemeinsam

Die andere Art von Glück liegt in uns selbst und jeder hat dieses Potenzial in sich. Seit einiger Zeit beschäftigt sich die Hirnforschung mit den guten Gefühlen und hat sich auf die Suche gemacht. Durch Experimente wurde festgestellt, wie in uns das Gefühl von Glück entsteht. Dabei stellte sich heraus, dass Glücksgefühlen eines gemeinsam ist: Während wir Glücksmomente erleben, vergessen wir unsere festen Vorstellungen und Konzepte. Unser gewohnheitsmäßiges Denken tritt in den Hintergrund.

Wir denken in diesen Momenten nicht darüber nach, ob wir besser oder schlechter sind als jemand anderes. Wir müssen nicht irgendetwas beweisen oder darstellen, sondern befinden uns ganz im Augenblick, sind frei davon, irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen oder diese auf unsere Mitmenschen zu projizieren. Das Ego hat Pause. Keine Ängste, die aus Erlebnissen aus der Vergangenheit auf gegenwärtige Situationen übertragen werden und keine Befürchtungen über die Zukunft trüben unser momentanes Empfinden. Es gibt ein Muster, das allen erfüllten, glücklichen Momenten zugrunde liegt.

Glück ist lernbar

Eine wirklich verlässliche innere Zufriedenheit zu erlangen, unabhängig von äußeren Faktoren und flüchtigen Glücksmomenten, ist demnach möglich, Glück ist also lernbar. Wir müssen lediglich Eigenschaften kultivieren, die uns Abstand nehmen lassen von unseren steifen Vorstellungen, Projektionen, inneren Filmen und Glaubensmustern. Das geschieht unter anderem dann, wenn wir dankbar sind, jemandem helfen und liebevoll zu uns selbst sind. Mit sich selbst gut Freund sein, sich so zu behandeln, wie man einen guten Freund behandeln würde, bei dem man auch mit einem Augenzwinkern über seine Macken hinweg sieht, damit wäre die Welt schon ein Stück freudvoller.

Ein mit sich zufriedener Mensch empfindet weniger Neid, Zorn und Missgunst, ist eher bereit anderen ihre Erfolge und ihr Glück zu gönnen. Eigenschaften wie Dankbarkeit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zu pflegen führt dazu, dass wir uns insgesamt zufriedener und glücklicher fühlen und auch unsere Beziehungen von einer tieferen und ausgeglicheneren Qualität sind. Wir haben alle diesen großen Schatz in uns. Wir können unsere positiven Eigenschaften und Gefühle kultivieren und somit unsere gesamte Lebenszufriedenheit und unsere Beziehungen untereinander verbessern. Dieses Glück haben wir somit weitestgehend selbst in der Hand, es ist nicht unbedingt an äußere Bedingungen geknüpft. Positive Gefühle haben messbare Auswirkung auf unser Immunsystem, auf die Stabilität unserer Beziehungen und unser Durchhaltevermögen, was letztendlich eine Voraussetzung von erfolgreichen Unternehmungen ist.

Was kannst du nun konkret tun, um glücklicher und zufriedener zu sein? Es hat wenig Sinn, sich hinzusetzen und auf das Glück zu warten. Kleine wiederkehrende Handlungen, die Gewohnheiten schaffen, sind das Geheimnis. Handlungen, die zu Gewohnheiten werden, die uns letztendlich helfen, das Glas nicht mehr als halb leer anzusehen. Folgende Übungen, am besten täglich durchgeführt, können helfen, dein Glücksempfinden zu trainieren:

1. Positiver Tagesrückblick
In dieser Übung geht es darum, den Tag gut abzuschließen. Mit welcher Einstellung wir in den Schlaf gehen, hat Einfluss auf unsere Schlafqualität und wie wir am nächsten Morgen aufstehen. Diese Übung richtet unseren Fokus auf die positiven Ereignisse des Tages.

Der positive Tagesrückblick beinhaltet zwei Teile:
Teil 1: Du legst dir ein schönes Notizbuch oder -heft zu, in das es dir Freude macht zu schreiben. In dieses Heft schreibst du eine Woche lang jeden Abend mindestens drei Ereignisse auf, die schön waren an diesem Tag. Das müssen keine großen Sachen sein, es können Erlebnisse sein wie ein Sonnenstrahl, der auf deinen Schreibtisch gefallen ist, ein angenehmes Gefühl nach dem Duschen oder Baden, aber auch tolle Erfolge und Begegnungen.
Teil 2: Im zweiten Schritt stellst du dir die Frage: “Was habe ich dazu beigetragen, dass ich diese Erlebnisse als schön und positiv erlebt habe?” Die Antworten schreibst du ebenfalls in dein Buch.
Als Beispiel: “Es war heute schön, dass ein Sonnenstrahl auf meinen Schreibtisch gefallen ist. Was habe ich dazu beigetragen, dass es schön war? Ich habe den Sonnenstrahl wahrgenommen. Ich habe mir Zeit genommen, ihn zu betrachten.” oder “Ich habe mir Zeit genommen ein Bad zu nehmen, ich habe es genossen.” Du wirst merken, wie sich zunehmend positive Gefühle bei dir einstellen.

2. Die Freundlichkeitsübung
Sei mindestens einmal am Tag freundlich zu jemandem. Lasse jemanden an der Kasse vor, trage der Nachbarin die Einkäufe die Treppe hoch oder mache jemandem ein nettes Kompliment.

3. Auszeit im Alltag
Schreibe eine Liste mit mindestens 20 Dingen, die dir wirklich Spaß machen und dir gut tun. Dinge, die du in 15 bis 30 Minuten machen kannst. Dann verabrede dich jeden Tag für 15 oder 30 Minuten mit dir selbst. Diesen Termin schreibe in deinen Terminkalender. Nun suchst du dir jeden Tag für diesen Termin eine Sache aus, auf die du gerade Lust hast. So nimmst du dir jeden Tag eine kleine Auszeit aus deinem Alltag. Du wirst sehen, danach wirst du mit mehr Schwung durch den restlichen Tag gehen.

4. Meditation
Fünf bis zehn Minuten am Tag sind völlig ausreichend. Du brauchst dich auch nicht in komplizierten Schneidersitzpositionen zu verrenken. Es reicht, wenn du dich so hinsetzt, dass es dir bequem ist und nichts weh tut. Das kann auch auf einem Stuhl sein, falls du zum Beispiel Knieprobleme hast. Du kannst mit offenen oder geschlossenen Augen meditieren. Falls du mit offenen Augen meditierst, konzentriere dich auf ein Objekt vor dir. Es ist völlig egal, was es ist. Das Objekt hat lediglich die Funktion, zu erkennen, wann du abgelenkt bist und deine Gedanken dich beschäftigen. Es geht nicht darum, die Gedanken abzuschalten, sondern sie vorbeiziehen zu lassen und ihnen für einen Moment keine Aufmerksamkeit zu schenken. Richte deine Aufmerksamkeit dann immer wieder auf dein Meditationsobjekt. Möchtest du mit geschlossenen Augen meditieren, dann konzentriere dich auf deinen Atem, wie er kommt und geht.

In der Meditation wird es dir mit der Zeit immer leichter fallen, Ereignissen, die im Moment nicht von Relevanz sind, keine Bedeutung zu geben. Es wird dir immer leichter fallen, dich gedanklich nicht andauernd in der Vergangenheit oder Zukunft zu bewegen. Häufiges Gedankenkreisen und Grübeln verringern sich und du erfährst mehr innere Ruhe. Die Fähigkeiten, die wir in der Meditation kultivieren, sind auch im täglichen Leben sehr nützlich. So merken wir durch die erhöhte Achtsamkeit schon viel früher, wenn uns wenig nützliche Gefühlsregungen überfallen, und können dadurch zum Beispiel einen sinnlosen Wutanfall im Keim ersticken, bevor er seine zerstörerische Wirkung entfaltet.

5. Echte Begegnungen
Ein Glücksfaktor wird in der heutigen digitalen Zeit immer mehr vernachlässigt: Inspirierende echte Begegnungen mit Menschen. Evolutionär sind wir als soziale Wesen konzipiert. Echte positive Begegnungen setzten in uns Glückshormone frei. Plane daher mindestens einmal in der Woche ein Treffen mit einem guten Freund oder einer guten Freundin ein. Gute Gespräche sind immer energetisierend.

Wenn wir also mehr Glück und Zufriedenheit in unser Leben ziehen wollen, ist es sinnvoll, die oben genannten Eigenschaften zu kultivieren. Wir müssen uns jedoch nicht für das eine entscheiden und das andere aufgeben. An äußere Bedingungen geknüpftes Glück hat genauso seine Berechtigung wie nachhaltiges Glück, welches durch Sinn und Bedeutung entsteht. Verfolgen wir allerdings ausschließlich ein nur an äußere Bedingungen gebundenes Glück und dem Glück verheißenden Konsumtrend, sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Das ist ein auf Sand gebautes, wenig nachhaltiges Glück.

Viel Freude wünsche ich dir beim Trainieren deines Glücksgefühls!

Über den Autor

Edith ist Coach und Therapeutin für hochsensible Menschen und vielbegabte Scannerpersönlichkeiten. Auf ihrem Blog Aufblühen schreibt sie außer zu diesem Themenkreis noch über eigenes Energiemanagement, Selbstfürsorge und gibt leicht anwendbare Lebenstipps. Sie hat eine erwachsene Tochter und lebt mit Hund und Katze am Stadtrand von Berlin.

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2 Comments on “Kann man Glück lernen?

  • Hallo Edith,

    stimmt, man kann es wirklich lernen. So etwas wie den Tagesrückblick brauche ich nicht mehr, aber früher fand ich so etwas auch hilfreich. Früher war ich auch deutlich pessimistischer, heute bin ich eher fröhlich und entspannt – bis auf wenige Ausnahmen, ist ja schließlich niemand perfekt ;-).

    Gerade sich Zeit für sich zu nehmen und die Dinge, die man mag ist sehr wichtig. Und wenn man dran arbeitet, kann man den Blickwinkel gut ins Positive verschieben. Wer es nicht gewohnt ist, auf so etwas zu achten, kann es mit einem Tagesrückblick gut lernen, und irgendwann verfestigt es sich dann auch und ist ganz normal. Ein Beispiel: Wenn mein Zug bei einer Urlaubsfahrt ohne Termindruck verspätet war und der Anschluss durchging, hat mich das früher mal gestresst. Inzwischen suche ich ganz entspannt die nächste Verbindung und überlege, was ich in der Wartezeit auf den Anschlusszug mache.

    Oft sind die Dinge ja auch gar nicht so schlimm, wie manche sie sich denken, oder sie sind eigentlich sogar gut, aber man sieht das nicht vor lauter Negativität. Genau da kann man aber ansetzen. Ist natürlich erstmal ein hartes Stück Arbeit, aus der negativen Gedankenspirale auszusteigen, aber lohnt sich.

    Liebe Grüße

    Claudia

    Reply
  • Sehr gut. Ich bin der Meinung, dass man “nur” durch eine Veränderung der Einstellung viel verändern kann. Das Glück ist nur dann vergänglich wenn man es zulässt.

    Reply

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