Im Namen der Schildkröte

Sunday 14th, July 2013 / 20:24 von
Im Namen der SchildkröteAlle Bilder: Doris

“Es gibt so Wahnsinnige, die nur wegen der Schildkröten herauskommen. Und wenn die eine entdecken, dann holen sie sie aus dem Meer, halten sie an einem Bein hoch, posen damit herum, machen Fotos und zeigen die dann stolz auf Facebook ihren Freunden!” Davids Stimme überschlägt sich, sein Spanisch wird schneller, so schnell, dass ich nur noch hoffen kann, es richtig verstanden zu haben. Aber eigentlich will ich das gar nicht verstehen – schon gar nicht, nachdem ich selbst vollkommen aus dem Häuschen war, als mein Tauchlehrer David Novillo unter Wasser plötzlich seine Hand ausgestreckt und mit dem Finger nach oben gedeutet hat: Eine Schildkröte! Über mir!

Und ich war nicht die Einzige. Kollegin Anja ist beim Ruf “Schildkröte” vom Boot ins Meer gesprungen, um mit einem der “Green Girls”, wie David und sein Team die sanften Riesen liebevoll nennen, ein Weilchen mit zu schwimmen.

Zwölf dieser Green Girls haben David und seine Kollegen seit 2004 betreut: “Wir wachen über den Tieren, kontrollieren ihr Wachstum,”, erklärt er mir, “und wir retten sie, falls sie einen Unfall oder andere Schwierigkeiten hatten.” Von letzterem sind wir heute Zeugen geworden: Ein “grünes Mädel” hatte sich beim Plastikmüll, der – wie so oft – im Meer gelandet ist, geschnitten und musste – auch wie so oft – zur medizinischen Versorgung gebracht werden.

David ist engagierter Umweltschützer. Foto: Doris

David ist engagierter Umweltschützer.

Derzeit gibt es sechs Stück dieser Chelona Mida in Puertito de Adeje im Süden Teneriffas, dort in der touristischen Region der kanarischen Insel, wo auch noch immer umstrittene Walbeobachtungsfahrten angeboten werden. Und wo in der Hochsaison täglich mehr als 150 Menschen mit Booten zur Bucht fahren, um dort zu schnorcheln, zu tauchen, die Unterwasserwelt zu berühren, lautstark zu feiern – und leider gar nicht sorgsam mit der Natur umzugehen. Ebenso verhalten sich leider auch die acht privaten Schnorchelboote, die Touristen alle vier Stunden in die Meeresregion karren.

Über 150 Menschen fahren regelmäßig in das Gebiet, um zu tauchen und zu schnorcheln. Ruhe, denkste! Foto: Doris

Über 150 Menschen täglich fahren regelmäßig in das Gebiet, um zu tauchen und zu schnorcheln. Ruhe? Denkste!

Auch wenn es sich nach wenig anhören mag, sechs Schildkröten sind in dieser Region schon ein positives Zeichen und ein Verdienst, der David und seinen mittlerweile zehn Kollegen der privaten Non-Profit-Organisation Oceáno Sostenible zuzusprechen ist. 2004 hat der PADI Tauchinstrukteur gemeinsam mit anderen in einem Gebiet von 50 Quadratmeter begonnen, eine Meeresschutzzone einzurichten, um die Flora und Fauna der Region von einer zerstörerischen, nicht einheimischen Seeigelplage zu befreien und wieder zu regenerieren. Außerdem arbeitet die Organisation in einem SeaLab, wo sie wissenschaftliche Daten sammelt und auswertet. Mittlerweile hat sich das Gebiet vervielfacht und ist auf über 100.000 Quadratmeter angewachsen. Die Seeigel sind unter Kontrolle, und die sechs Schildkröten sind nicht die einzigen Zeichen, dass sich die Unterwasserwelt wieder etwas erholt: Seepferdchen oder Barrakudas sind bei den Tauch- und Schnorchelgängen zu entdecken.

Da habe ich noch recht waghalsig aus der Wäsche geschaut. Noch. Foto: Doris

Da habe ich noch recht waghalsig aus der Wäsche geschaut, bevor ich dann abgetaucht bin. Noch.

Damit gibt sich Oceáno Sostenible aber natürlich nicht zufrieden – die Arbeit geht weiter: “Unsere wichtigste Arbeit ist es, das Verantwortungsbewusstsein und den Respekt der Tauchzentren und privaten Taucher gegenüber den Schildkröten zu erhöhen,”, erklärt mir David später, “vor allem, weil wir täglich mehrere Male dort hin fahren.” Seine Non-Profit-Organisation selbst hat mit dem FlyOver Tauchunternehmen, das von der Inselregierung und dem Fremdenverkehrsamt Turismo de Tenerife unterstützt wird, ein spezielles Angebot für Touristen geschaffen: Damit auch Anfänger die Unterwasserwelt in Puertito de Adeje kennen lernen können, begleiten erfahrene Taucher wie David Leute ohne Erfahrung – wie mich – nach unten. Die eine Hand auf der Nase (zum Druckausgleich), die andere gehalten von David oder einem seiner Kollegen gibt es das Taucherlebnis sozusagen im Schnelldurchgang – und man erfährt noch dazu etwas über die Unterwasserwelt der Region. Und das Beste: Zehn Prozent der Gewinne von FlyOver gehen wieder an Projekte von Oceáno Sostenible.

Bording... Foto: Doris

Bording…

Und Projekte gibt es genug:  Es geht nämlich bei Oceáno Sostenible nicht nur darum, Touristen einen nachhaltigen Umgang mit der (Unter-)Wasserwelt zu zeigen, sondern auch Einheimischen – vor allem den Kindern. Um das auch den Kleinen bewusst zu machen, werden ab September wieder Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen in das ebenfalls entstandene Maritime Lernzentrum geladen. Und sie werden kommen – wie schon die über 900 Kinder und Jugendlichen in der Vorsaison, mit denen David gearbeitet hat. Der gibt mir zum Schluss übrigens noch ein Zitat der Native Americans auf den Weg mit: “Das Land ist nicht ein Erbe unserer Eltern, es ist ein Erbstück für unsere Kinder.” – auch das Wasserland der Schildkröten.

Reisebloggerin MrsBerry war ebenfalls dabei und hat geniale Unterwasser-Bilder gemacht. Dieses Video stammt von ihr:

 

Wer einen FlyOver-Tauchgang versuchen möchte, meldet sich am besten über die Website bei David und seinem Team. Nicht in freier Wildbahn, aber Schildkröten (und mehr) gibt es übrigens auch im Loro Parque im Norden Teneriffas zu sehen.

Offenlegung: Danke an Condor, GCE und Turismo de Tenerife für die Einladung. Die Meinungen und Ansichten in der Geschichte bleiben meine eigenen.

Über den Autor

Doris ist Schreibende, Reisende mit Basis in Wien und vor allem eine, die nicht still sitzen kann. Am liebsten schreibt sie inspirierende, mutmachende Geschichten von unterwegs oder daheim. Dabei geht es ihr um Menschen, die die Welt nicht nur entdecken, sondern in ihr auch positive Spuren hinterlassen.

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5 Comments on “Im Namen der Schildkröte

  • Die Schildkröten sind dieses Jahr verschwunden. Der Andrang nahm immer weiter zu, die Tiere wurden bedrängt und private Boot schafften es sogar, dermaßen unvorsichtig in die Bucht zu fahren, dass die Tiere verletzt worden sind. Meine Freunde mussten mich beim Schnorcheln zwei Mal festhalten, damit ich nicht auf einen Vater und ein Mädel mit Selfiestick los gehe. Der Vater musste beweisen, was für ein Held er ist, indem er sich an der Schildkröte festhielt und mit ihr abtauchte, das Mädel ließ eine nicht los, um ein Selfie zu schießen.

    Die Auffangstation hat sie alle wieder eingesammelt, bis auf eine. Die hat sich leider in einer Reuser verfangen und verendete dort 🙁

    Aber ich bin heilfroh, dass die jetzt ein neues, ruhigeres Zuhause bekommen. Noch steht nicht fest wo, aber ich hoffe auf El Hierro im Mar de las Calmas oder so, wo es kaum Tourismus gibt 🙂

    Viele Grüße

    Andi

    Reply
    • Vielen lieben Dank für das Update! Ich finde es sehr schlimm, dass es so schwer ist, Flora und Fauna zu schützen. Ich drücke euch ganz fest die Daumen, dass ihr schnell einen guten und sicheren Platz findet. Wenn wir euch irgendwie helfen können, gebt bitte Bescheid!

      Alles Liebe,
      Edda

      Reply
  • Ich bin beeindruckt. Wunderbare Bilder 🙂 Tauchen muss was tolles sein, leider darf / kann ich es nicht, jedenfalls nicht mit Flaschen.

    Eine schöne Welt, die Du da an die Oberfläche bringst

    Grüße aus München

    Ulrich Eckardt

    Reply
  • Du Glückspilz, ein GreenGirl in freier Natur zu sehen. Das freut mich sehr für dich, da hat sich der Tauchgang doch doppelt gelohnt.

    Ich hätte ja zu gern auch eine Schildkröte gesehen. Also vom Meer aus, am Besten von unten. Leider hatte ich auch nur das Glück sie vom Boot aus zu sehen – aber immerhin, besser als gar keine sehen 🙂 Nächstes mal vielleicht …. (Und ich werde sie auch garantiert nicht aus dem Wasser halten. nur gucken, nicht anfassen!)

    Danke auch für`s Video einbinden.

    Liebe Grüße
    Christina

    Reply

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