EARTHLINGS – Schau es dir an!

Sunday 28th, June 2015 / 15:00 von
EARTHLINGS – Schau es dir an!Bild: EARTHLINGS

Es sind nur Tiere! Wie viel weißt du tatsächlich darüber? Oder: Fakten die du nie wissen wolltest – Eine Filmkritik

Die Anfrage fing eigentlich ganz harmlos an. Ob nicht irgendwer über den Film EARTHLINGS schreiben wolle. Im Idealfall jemand, der Fleisch isst und nicht Vegetarier oder Veganer ist. In diesem Moment hätte man es ja schon ahnen können. Tat ich aber nicht und nun sitze ich hier. Suche Worte für einen Film, den man in die Welt hinaus schreien muss. Man sollte die Zuschauer ein wenig vorbereiten auf das, was sie erwartet. Vielleicht.

”Dein Fleisch kommt nicht vom Heile-Welt-Bauernhof!”

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Worum geht es in Earthlings?

Der ungefähr 95 Minuten dauernde Dokumentarfilm lässt sich in mehrere Kapitel aufteilen:

Haustiere ab 9:58
Was passiert mit streunenden, ausgesetzten und abgegebenen Haustieren?

Nahrung ab 17:50
Woher kommt das Fleisch, welches wir als Nahrung zu uns nehmen? Wie wird es produziert?

Kleidung ab 46:26
Wie werden Leder und Pelz hergestellt?

Unterhaltung ab 56:41
Was haben Sea World und der Zirkus von nebenan mit EARTHLINGS zu tun?

Wissenschaft ab 1:13:17
Welche Experimente werden für Kosmetikhersteller, Pharmaunternehmen und die Verkehrsforschung durchgeführt?

Es dreht sich alles um den tatsächlichen, realen Umgang des Menschen mit Tieren. Nicht um das schöne Bild, das wir ständig in der Werbung sehen. Keine endlosen Weidegründe mit wenigen Kühen, sondern eng zusammengepferchte Kühe, Schweine und Hühner sind die Realität. Leider ist das immer noch eine Beschönigung der Zustände.

Bevor ich weiter auf den Film eingehen möchte, will ich dir noch kurz drei Fragen mit auf den Weg geben:
Sind Tiere minderwertig?
Ab wann ist ein Tier ein Lebewesen?
Ab wann empfinden Tiere Schmerzen, Leid und Angst?

Du wirst verstörende Bilder zu sehen bekommen. EARTHLINGS wird als “Dicke Berta” der Veganer gegen die Fleischesser beschrieben. Als das schwerste Geschütz, das gegen die Gegner aufgefahren werden kann. Das ist zwar durchaus richtig aber andererseits ist es von den tatsächlichen Anschuldigungen her noch relativ wertungsfrei. Dich werden Bilder erwarten wie fast verhungerte Hunde, die lebend in eine Müllpresse geworfen werden. Hunde werden vor deinen Augen eingeschläfert. Tiere werden aus Kostengründen einfach vergast, weil es bei der Masse an Tötungen nicht mehr möglich ist, alle per Spritze einzuschläfern. Ich bin ehrlich: Das sind noch die harmloseren Bilder.

Ich kannte manche Bilder bereits aus anderen Kampagnen, doch bei EARTHLINGS musste ich mehrfach schlucken. Erst hofft man, es seien Einzelfälle. Doch das sind sie nicht. Der Film berichtet von immer wiederkehrenden Vorfällen – oft aus Kostengründen

Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die Aufnahmen des Bullen, der mit aufgeschlitzter Kehle in seinem eigenen Blut auf dem Boden um seine letzten Augenblicke kämpft. Oder das Tier, welchem man in die Augen mit den langen Wimpern schauen kann, nachdem ihm bei lebendigem Leibe der Pelz vom Körper gerissen wurde. Die Affen, denen in Versuchslaboren bewusst Hirnverletzungen zugefügt werden, um deren Auswirkungen erforschen zu können.

Wirklich, keine schönen Aufnahmen. Doch gerade wenn du FleischesserIn, PelzträgerIn oder begeisterte/r ZirkusbesucherIn bist erwarte ich eines von dir: Schau es dir an!

Ich bin, wie gesagt, selbst Konsument von Fleisch, trage im beruflichen Alltag Lederschuhe und fand Delfin-Shows toll. Genau aus diesem Grund finde ich es wichtig, dass man weiß, unter welchen Umständen all dies entsteht.

”Wenn du es nutzt, solltest du auch wissen, woher es kommt.”

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Hier kannst du dir die gesamte Dokumentation gratis ansehen:

Earthlings und die KZ-Vergleiche

In der WAZ werden mehrfach die Vergleiche mit einem Konzentrationslager kritisiert.

Zitat:
“Holocaust, Rinderzucht, andere Verbrechen. Alles irgendwie das selbe. Denn zu Beginn des Films werden Aufnahmen einer großen Rinderfarm kurz nach Bildern eines Konzentrationslagers gezeigt. Anschließend bekommt der Zuschauer weitere Verbrechen zu sehen, diesmal wieder an Menschen. Wo und aus welchen Gründen diese geschehen sind bleibt offen. Konzentrationslager, nicht genauer benannte Menschenrechtsverletzung und Massentierhaltung in einer Szene. Das wirkt nicht nur wie ein billiger Versuch Aufmerksamkeit zu erhaschen, sondern ist auch gefährliche Gleichmacherei.

Denn die politische Verfolgung von Millionen Juden hat rein gar nichts damit zu tun, dass Menschen viele Tiere als günstige Nahrungsquelle ausnutzen. Der Holocaust, Rinderzucht, irgendwelche anderen Verbrechen. Bei Earthlings ist das alles irgendwie das selbe. Das ist schade.”

Ich kann verstehen, wenn man im ersten Moment unverständlich den Kopf schüttelt. Verbrechen an Menschen können nicht den gleichen Stellenwert haben wie Verbrechen an Tieren. Doch trotzdem muss ich in ein paar Punkten widersprechen. Greift man zurück auf den Anfang der Dokumentation, findet man dort die Definitionen von Sexismus, Rassismus und Spezieismus. In der NS-Zeit Deutschlands wurden Juden getötet, weil sie Juden waren. In der heutigen Zeit werden Tiere getötet, weil sie Tiere sind. Das eine ist Rassismus, das andere Spezieismus.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, habe ich die Definition von Konzentrationslagern herausgesucht:

“Als Konzentrationslager wurden bisher verschiedene Haftorte in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten bezeichnet. Die lateinische Wortherkunft bedeutet sammeln, zusammenziehen oder zusammenlegen.”

Passt leider besser, als uns lieb sein dürfte. Ich halte es nicht unbedingt für einen “billigen Versuch Aufmerksamkeit zu erhaschen”, sondern für eine Darstellung von den unvorstellbaren Zahlen an Lebewesen die damals wie heute vernichtet wurden. Ich kann mir zum Beispiel nicht die Menge von fünf Millionen Menschen vorstellen. Wie soll ich mir dann die Menge von 66 Millionen Tieren vorstellen, die jeden Tag von Menschen getötet werden. Jeden Tag? Für mich ist das unvorstellbar viel. Das kann nur mit einer Tötungsmaschinerie ablaufen. Und so schließt sich der Kreis zu den KZs.

Mein persönliches Fazit: Ansehen!

Ich finde den Film gut. Sehr gut sogar. Was mir gefällt ist die Tatsache, dass es wirklich eine Dokumentation ist und keine direkte Anklage. Bei Interviews, Dokus und Vorträgen zum Thema Ernährung driftet es leider manchmal schnell in eine Anklage ab. Zuschauer bekommen das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen. Bei Earthlings kam mir das nicht so vor. Das mag auch an dem Satz zum Schluss liegen: Make the connection.

Earthlings für Kinder und Jugendliche? Zu Beginn des Films wird gesagt, dass man den Film auch seinen Kindern zeigen kann. Damit hätte ich, bei meiner Tochter mit neun Jahren, noch Bauchschmerzen. Ich denke den Film sollte man frühestens mit zwölf, besser aber erst mit 16 Jahren sehen. Sicherlich kann und sollte man das Thema “Woher kommt mein Essen?” bei passender Gelegenheit ansprechen, doch solche Bilder müssen für unter 16jährige nicht unbedingt sein. Wo der Film aber gut hin passen würde, wäre im schulischen Bereich der Oberstufe. Man kann damit mehrere gesellschaftliche sowie politische Themen ansprechen.

Was hat der Film für Auswirkungen auf mein Konsumverhalten? Da ich schon seit einiger Zeit bewusster auf meinen Konsum achte, ändert sich bei mir langsam etwas. Manche Bilder bleiben im Gedächtnis und kehren auch wieder wenn man zum Beispiel vor der Wurst- oder Käsetheke steht. Dann schaue ich mich eher nach vegetarischen Alternativen um. Mein Fleischkonsum ist nicht komplett eingestellt. Allerdings entwickle ich eine Neugier auf vegetarische bzw. vegane Produkte, mit der ich vorher nicht gerechnet hätte. Auch der Gedanke mich vegetarisch zu ernähren wird immer konkreter.

Privat trage ich kein Leder oder Pelz. Beruflich bin ich aber leider zu Lederschuhen verpflichtet. Daher werde ich mich beim nächsten Kauf von Schuhen auch nach Kunstleder umschauen. Noch besser wäre es natürlich, wenn die jetzigen noch möglichst lange halten. Im Großen und Ganzen hat EARTHLINGS bei mir also eine bewusstere Wahrnehmung meines Konsumverhaltens hervorgerufen.

Nun bist du gefragt! Was denkst du über den Film? Lass es mich wissen und schreibe doch ein Kommentar!

Über den Autor

Jan interessiert sich für asiatische Denkweisen und konkrete Lösungsansätze. Verbringt als Einzelhändler, alleinerziehender Papa und Blogger seine Zeit. Er bloggt des Weiteren in seinem privaten Blog verWandelbar.

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12 Comments on “EARTHLINGS – Schau es dir an!

  • bei der “vegan-polizei”, den vegansten veganern, wird earthlings derzeit als das böse schlechthin gehandelt, eben wegen der hergestellten verbindung zu kz und holocaust. man darf das nicht, sagen sie, weil es zwei völlig verschiedene dinge sind und der holocaust an den juden damit verharmlost wird.
    ich bin eine sehr vegane veganerin, eben weil ich auch in der realität sehr sehr vieles dieses unsagbar grausamen geschehens selbst, mit eigenen augen (und weinendem herzen) gesehen und dokumentiert habe.
    ich habe auch schon als kind und jugendliche mit meinem opa, der in der nsdap war und beim rußlandfeldzug, viel diskutiert und angeklagt, mich mit dem holocaust beschäftigt und kz besucht.
    und mir kann die vegan-polizei den buckel runter rutschen!
    für mich gibt es wenig unterschied!
    deine definition des wortes holocaust habe ich mir auch schon vor langer zeit bewußt gemacht, und damit ist alles gesagt.
    jede politische überkorrektheit ist überflüssig. ein denkender mensch kann sehr wohl unterscheiden zwischen dem an den juden und dem an den tieren verübten verbrechen.
    wobei jedem auch klar sein sollte: wir sind menschliche tiere der gattung säugetiere. wir haben lediglich einige fähigkeiten, die unsere opfer nicht haben. ob das gut ist, sei dahingestellt, denn ohne diese fähigkeiten wären wir zu solchen monstrositäten überhaupt nicht fähig!
    ich finde, für jeden, der tiere in irgendeiner weise nutzt, ist earthlings ein MUSS!
    wer sich an der ausbeutung und vernichtung beteiligt, sollte verdammt nochmal den mumm aufbringen, sich anzusehen an was er da beteiligt ist!

    Reply
  • Sehr guter Artikel. Auch bei mir war der Film der letzte ausschlaggebende Grund warum ich mich zum veganen leben entschieden habe. Zwei, für mich sehr wichtige punkte, die du nicht erwähnt hast möchte ich kurz hinzufügen. Für alle die den Film eventuell schauen wollen, seht den Film unbedingt im englischen o-ton. Ich bin jetzt auch nicht sooo fit im englischen, aber mit den deutschen Untertiteln ist das kein problen. Aber die unglaublich ruhige, nüchterne und rein sachlich bleibende stimme von joaquin phoenix macht die Bilder um einiges erträglicher als die deutsche syncro. Und sehr gut ist die Musik von Moby. Wird bei Dokus oft reißerische und Effekthascherische Musik als Stilmittel benutzt, so sind hier durchgehend beruhigende Klänge zu hören. Stimme und Musik machten es für mich erst möglich mich voll drauf einzulassen.
    ich denke zwar nicht das man nach dem Film automatisch zum Veganer wird, aber ich bin mir sicher daß der film bei jedem nicht ganz gefühlskaltem menschen ein gewisses umdenken anregt. Und wenn man danach einfach bewusster mit dem Thema umgeht ist schon sehr viel gewonnen.
    insofern stimme ich der Aussage voll und ganz zu:
    “schaut euch den Film zumindest mal an!!!”
    😉

    Reply
    • Moin MoE,
      Vielen lieben Dank für das Lob.

      Ich habe genau aus diesem Grund auch die Version Original mit Untertitel verlinkt. Ich finde es sinnvoll den Film im original zu sehen um auch die angedachte Akustik mit vermittelt zu bekommen. Zumal man manche englische Ausdrücke in ihrer Wirkung einfach nur unvorteilhaft ins deutsche übersetzen kann.

      Danke für deinen Kommentar.
      Gruß Jan

      Reply
  • Ein guter Artikel, weil du es zulässt, das, was du selbst tust, als falsch zu betrachten, wozu nicht viele in der Lage sind.
    Wenn du das Gefühl hast, dass du in irgendeiner Form Unterstützung oder Ratschläge brauchst, dann wende dich an irgendwelche Veganer, es wird dir jederzeit sehr gerne geholfen 🙂

    Reply
    • Moin Ochtelkel,

      vielen Dank für für deinen Kommentar.

      Bei Fragen kann ich definitiv auch den einen oder anderen bei The bird’s new nest fragen. Die sind ziemlich fit was dies angeht. und auch nicht all zu missionarisch 😉

      Ansonsten freuen wir uns natürlich auch immer aufs neue über den Austausch mit unseren LeserInnen über das Thema.

      Gruß Jan

      Reply
  • In welche Verzweiflung stürzt ihr die, die das alles nicht wollen, nicht initiiert haben und nicht stoppen können?
    Wieviel Petitionen wurden schon unterzeichnet und das Grauen geht weiter?
    WER will das alles?

    Reply
    • Moin Cara,

      meine Absicht war es zu keinem Moment dichh, odee andere, in die Verzweiflung zu stürzen.

      Meiner Meinung nach können nur aufgeklärte Konsumenten eine wirklich eigene Meinung bilden wie und was sie einkaufen wollen.
      Wenn man sich Earthlings ansieht und sagt “Ok, das ist für mich so in Ordnung.” dann ist das auch eine Meinung die man vertreten kann.

      Zumal ich davon überzeugt bin das die Marktmacht der Konsumenten eine gewichtiger und schnellere Rolle spielt, als jeder politische Druck der beim Thema Ernährung aufgebaut werden kann.

      Was dich vielleicht aus deiner Verzweiflung heraus führen kann sind Gespräche mit deinen Freunden und Verwandten. Wenn mehr Menschen so fühlen wie du, vielleicht ändert sich dann etwas.

      Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Liebe Grüße Jan

      Reply
  • Nein das kann eben nicht mit dem Holocaust gleichgesetzt werden! Die Tier-“tötungsmaschinerie” tötet eben vor allem aus Profitgier, weil Ausbeutung zum kapitalistischen System halt dazugehört und natürlich Tiere bei uns keine Rechte haben. Im Holocaust wurden Menschenleben vernichtet mit dem einzigen Ziel sie zu vernichten! Das ist ein sehr sehr großer Unterschied, der bitte nicht unter den Teppich gekehrt werden sollte.

    Reply
    • Achso, auf den Unterschied kommt es an und dann ist es gleich nicht mehr so schlimm?? Wo sie doch für einen ZWECK unvorstellbares Leid erleben müssen!

      Reply
      • Sophie hat nicht behauptet das es durch den von ihr genannten Unterschied “gleich nicht mehr so schlimm” sei, dass Tiere unvorstellbares Leid erleben müssen. Sie hat lediglich dargestellt das dieser Unterschied existiert und “bitte nicht unter den Teppich gekehrt werden sollte”, was jedoch in meinen Augen bei einer Gleichsetzung mit der “Tier-Tötungsmaschinerie” geschieht.

        Reply
    • Und die Nazis haben nicht Kapital draus geschlagen? Erst wurden die Juden enteignet, dann hat man den toten Juden die Goldzähne entnommen und aus der Haut Lampen gemacht. Obendrein wird nicht der Holocaust mit der Massentierhaltung gleichgesetzt, sondern mit einem KZ – und das ist unglaublich treffend. Aber das wollen viele einfach nicht einsehen, damit sie sich selbst weiter belügen können.

      Reply
  • Ich finde schon, daß man Verbrechen an Tieren mit dem Holocaust gleich setzen kann. Terror, Qual, Mord, Experimente, Vergasung an lebenden, denkenden, fühlenden und träumenden Geschöpfen. Ob es sich um Menschen oder Tiere handelt, finde ich gleich schlimm!!!

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