Beduina für einen Tag

Sunday 28th, April 2013 / 14:57 von
Beduina für einen Tag

“Du bist jetzt eine Beduina”, sagt der Mann in Weiß und drückt mir drei Küsse auf die Wangen. Es ist keine fünf Minuten her, dass ich mich von meinen zu FreundInnen gewordenen KollegInnen verabschiedet habe, am Visitor Center in der jordanischen Steinwüste Wadi Rum. Und jetzt, jetzt sitze ich mit Odeh, seines Zeichens Beduine und Bewohner des gleichnamigen Dorfs, in seinem Jeep. Es geht ins “richtige Wadi Rum”, dorthin, wo – abgegrenzt von den 73% der JordanierInnen palästinensischer Herkunft – ein Teil der ursprünglichen Bevölkerung lebt, mit Kamelen, Schafen, Ziegen und natürlich TouristInnen ihr Geld verdient.

Zumindest war es so, bis die jordanische Regierung 2003 das Visitor Center an den Eingang von Wadi Rum gebaut haben. Seither werden zahlreiche TouristInnen, die vor allem aus Europa und den USA kommen, auch in die luxuriöseren, Nicht-Beduinen-Camps rund um das Dorf Diseh gebracht.

Ein Luxuszimmer im Luxuscamp mit WC und Elektrizität. Foto: Doris

Ein Luxuszimmer im Luxuscamp mit WC und Elektrizität. Foto: Doris

Zuvor hatte ich mit den KollegInnen noch einen Heidenspaß auf den Kamelen. Foto: Doris

Zuvor hatte ich mit den KollegInnen noch einen Heidenspaß auf den Kamelen. Foto: Doris

“Ich zeig´dir das echte Wadi Rum”, lädt mich mein neuer “Bruder” Odeh ein, dessen Verhalten im Laufe des Tages aber ab und an auf ganz unbruderhafte Absichten schließen lässt. Doch vielleicht deute ich ja da auch etwas falsch. “Wir Beduinen arbeiten seit 40 Jahren mit TouristInnen, machen immer Spaß”, erklärt mir der 40jährige, der verheiratet ist und sechs Kinder hat, “das mögen alle.” Wie 1.200 andere seines Stamms lebt er im Dorf Wadi Rum, ca. 10 Minuten vom Visitor Center entfernt.

Odeh zeigt mir Wadi Rum, sein Reich. Foto: Doris

Odeh zeigt mir Wadi Rum, sein Reich. Foto: Doris

“Bist du verheiratet?”, das ist die erste Frage, die mir Hana stellt, als ich mit ihr allein bin. Odeh hat mich kurzerhand ins Haus dieses zierlichen Mädchen gebracht, während er zuhause duscht. Wie für Frauen üblich ganz in schwarz gekleidet, schenkt sie mir gastfreundlich Beduinentee ein – aufgekochtes Zuckerwasser, in das dann Schwarzteeblätter gehängt werden – und löst ihren Schleier. Wir Frauen sind ja unter uns. Seit sechs Monaten lebt die knapp 18-Jährige hier in dem Haus, seit sie mit Odehs Bruder verheiratet wurde – als Erste ihrer Klasse. Meist ist sie allein, ihr Ehemann besucht sie jeden 2. Tag, dann nämlich, wenn er nicht gerade bei seiner ersten Frau samt der Kinder ist. “Wir wohnen im Dorf, da ist das Leben günstig”, erklärt mir Hana, die sich lieber nicht fotografieren lassen möchte, “deshalb können sich hier die Männer mehrere Frauen leisten.” Bis zu vier Gattinnen pro Mann sind üblich, die mit der Nachkommenschaft dementsprechend (finanziell) versorgt werden müssen – bei den hohen Lebenskosten in der Stadt ein Ding der Unmöglichkeit!

Seit 6 Monaten wohnt Hana hier allein. Foto: Doris

Seit 6 Monaten wohnt Hana hier allein. Foto: Doris

In der Zimmerecke rauscht Werbung auf dem Fernsehbildschirm, darauf liegt der Koran. Ja, langweilig ist Hana schon manchmal – so allein. “Aber wenn ich ein kleines Baby habe, bin ich sicher beschäftigt”, meint sie mit schweren dunklen Knopfaugen, und streicht sich das schwarze Haar aus dem Gesicht. Eigentlich wollte sie, die im Dorf aufgewachsen ist, ja weiter in die Schule gehen, aber als verheiratete Frau war das Aufstehen um 6.00 früh nichts für sie – außerdem muss sie sich ja um ihren Ehemann kümmern.

Doris

Der Koran, künstliche Blumen und ein Fernseher, in dem Soaps und jede Menge Werbung laufen, viel mehr gibt es in Hanas Zimmer nicht. Foto: Doris

Warum sie mit ihren früheren SchulfreundInnen keinen Kontakt mehr haben kann, diese sie nicht besuchen können? “Es geht einfach nicht” – nur bei ihrer Schwiegermutter sitzt Hana ab und an und trinkt Tee. Da wundert es mich nicht, dass die Ablenkung durch ausländische Gäste wie mich – besonders wenn die dann auch noch so viel plaudern, fragen und erzählen – gelegen kommt. Verstehen kann sie unsere Kultur nicht, genauso wenig wie ich mich in ihre einfühlen kann. Auch wenn ich das schon seit vier Tagen, seit meiner Ankunft in Jordanien versuche – und mich dabei immer wieder beim Gedanken ertappe: Dass die jordanische Kultur wirklich so konservativ ist, hätte ich nicht gedacht…

Heute gab es einmal keinen blauen Himmel. Beeindruckend ist Wadi Rum dennoch. Foto: Doris

Heute gab es einmal keinen durchgängig blauen Himmel. Beeindruckend ist Wadi Rum dennoch. Foto: Doris

Mit dem “Mädchentratsch” ist es jetzt aber vorbei: Odeh kommt und nimmt mich mit. “Du bist mein Freund”, erklärt er und fährt mich für einige Dinare mit dem Jeep die nächsten Stunden durch die Gegend: Wir machen die übliche Tour, ich werde auf Felsen hinauf-, Dünen wieder hinunter gejagt, darf selbst meine Fahrkünste auf Wüstensand erproben und ein paar Minuten lang allein durch die Weite stapfen. Nicht als Einzige: Immer wieder treffen wir auf andere Beduinen, die wohl ihren “Freunden” die Gegend zeigen. Es ist mir aber egal, denn die Wüste, diese schroffen Berge, in denen sich immer wieder mal bedrohliche Fratzen, mal zahmes Getier erahnen lassen, die heute Wolken verhangenen Hügel und Felsgebilde beeindrucken auch dann, wenn an jeder “Haltestelle” Basare bereit stehen, damit TouristInnen ein paar Dinare los werden können.

Die steinige Wüste und mittendrin der Mensch. Foto: Doris

Die steinige Wüste und mittendrin der Mensch. Foto: Doris

Wüstenblumen - es gibt sie doch. Foto: Doris

Wüstenblumen – es gibt sie doch. Foto: Doris

Auf den großen Bogen rauf und wieder runter. Foto: Doris

Auf den großen Bogen rauf und wieder runter. Foto: Doris

Einige Stunden später bringt mich Odeh zum Camp seines Cousins – das Eigene, das er mit einem seiner vielen Brüder betreibt, ist ausgebucht. Dort wartet eine simple, zigfach ausgelegene Matratze und dicke, alte Decken in einer mit Stoff ausgekleideten Holzhütte, eine Tasse des klebrig zuckersüßen Beduinentees samt einem Teller voll mit Sesamkeksen… und ich merke wieder, dass ich wohl auch an diesem Tag nicht zur Beduina geworden bin. Als solche hätte ich mich jetzt nämlich nie bedienen lassen können – von einem Mann noch dazu…

Abends und morgens wurden wir mit Tee, Keksen und Lagerfeuer empfangen. Richtiges Abendessen gab es dann später. Foto: Doris

Abends wurden wir mit Tee, Keksen und Lagerfeuer empfangen. Richtiges Abendessen gab es dann später. Und zum Frühstück sahs wieder so aus. Foto: Doris

Offenlegung: Danke an Jordan Tourism Board für die Unterstützung in den ersten Tagen sowie die Finanzierung des Transports nach/ von Jordanien. Meinungen und Ansichten in dieser Geschichte sind und bleiben meine eigenen.

Über den Autor

Doris ist Schreibende, Reisende mit Basis in Wien und vor allem eine, die nicht still sitzen kann. Am liebsten schreibt sie inspirierende, mutmachende Geschichten von unterwegs oder daheim. Dabei geht es ihr um Menschen, die die Welt nicht nur entdecken, sondern in ihr auch positive Spuren hinterlassen.

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15 Comments on “Beduina für einen Tag

  • Beeindruckende Bilder und Berichte aus Jordanien. Macht Lust auf mehr Wüste, Sand und Kamele. Und spannende Eindrücke aus einer völlig fremde Welt. 🙂

    Reply
  • Tolle Bilder (!) und ein sehr spannender Einblick in ein – zumindest für mich – noch weitgehend unbekanntes Land! Danke dafür!
    EIne Frage bleibt mir aber noch: Pinkelt der Mann da im Canyon? 😉
    Viele liebe Grüße, Melanie

    Reply
  • manu von nebenan

    hallo little miss
    sieht schon so aus, als hättest du probleme mit dieser kultur. vorher nicht erkundigt, reingelesen? für mich sieht das dann so aus, als wäre das interesse an einer fremden kultur und der respekt davor nicht sehr gross. sonst würdest du zum beispiel wissen, dass frau nicht mit nackten armen und eng anliegenden t-shirts in die wüste latscht. ist für die beduinen wie eine einladung….. also bitte nicht wundern, wenn ein freund dir mehr entgegenbringt als nur freundschaft. für ihn bist du wie eine leicht verfügbare frau. ist nicht seine schuld. wer andere kulturen besucht und sich nicht informiert aber daselbe erwartet wie daheim ist schlicht selber schuld. ich war selber als frau schon mehrere male alleine in arabien, auch in jordanien und wadi rum, unterwegs und hatte nie diese probleme, obwohl ich attracktiv bin wie mir meine freunde hier versichern.

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    • Hallo Manu von nebenan,

      danke für dein Feedback und deinen Kommentar. Es tut mir leid, dass du meinen Beitrag so empfunden hattest – das war nicht meine Intention. Ich bin bemüht, nicht zu werten – aber freilich bin ich Europäierin und als solche habe ich auch meine Vorstellungen, das kann ich nicht ablegen, aber ich versuche, damit bewusst umzugehen und das auch zu kommunizieren. Selbstverständlich habe ich mich vorab und auch während meiner Reise über die Kultur und Gepflogenheiten erkundigt und informiert. Wobei ich schon sagen muss, dass ich Jordanien als “westlicher” von außen empfunden habe und doch überrascht war, dass die konservativen Werte (O-Ton Lonely Planet-Nebensatz) so stark präsent sind. Nicht nur bei den Beduinen, wobei das natürlich noch einmal eine völlig andere Gesellschaft darstellt.
      Bzgl. meiner Kleidung: Auch hier habe ich mich erkundigt (und jetzt auch nochmals bei Einheimischen), ob ein Kurzarm-T-Shirt in der Wüste okay ist. Nachdem es weder ein ausgeschnittenes, noch Schulter- oder Bauchfreies T-Shirt war, es sich außerdem um einen touristischen Ort handelt, ist das sehr wohl in Ordnung. Dass ich ins Dorf Wadi Rum kommen würde (das nicht touristisch ist), das war für mich nicht vorhersehbar – da hast du sicher recht, dass ein längerärmeliges T-Shirt besser gewesen wäre. Andererseits kann ich jetzt argumentieren, dass – wie Odeh ja selbst sagt – Wadi Rum ständig mit TouristInnen voll ist und sie auch Erfahrung mit “WestlerInnen” haben. Doch das sei mal dahin gestellt.

      Danke nochmals für deinen Kommentar, liebe Grüße aus Madaba, Doris

      Reply
  • Super spannend, liebe Doris! Wirklich eine total fremde Welt. Ich könnte mir niemals vorstellen, so zu leben – möchte aber noch gaaanz viel darüber erfahren! Und das Kamelreiten ist grandios, ich habe das auch mal auf Djerba ausprobiert 🙂 Liebe Grüße und weiterhin viel Spaß, Martina

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  • Danke für den schönen Bericht & die Bilder dazu. Auch sehr spannend, welche privaten Einblicke du erhalten hast.

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    • littlemissitchyfeet

      danke, robert! das war gestern, also ja, ich bin noch bis 3.5 in jordanien. heute in amman. lg doris

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  • Eine ganz tolle Geschichte, obwohl mir Hana wirklich leid tut. Ich möchte ihr fast ein Paket Bücher schicken…
    Ich bin gespannt auf weitere Berichte! Jordanien würde mich als Reiseland auch sehr reizen und steht direkt hinter Marokko ganz oben auf meiner Liste. Hast Du denn auch in diesen Luxuscamps übernachtet oder eher in der Budget-Version?
    Viele Grüße,
    Carina

    Reply
    • littlemissitchyfeet

      hallo, ich hab im beduinencamp, also dem weniger luxurioesen, geschlafen – siehe bilder. wobei der preisliche unterschied zwischen 35 und 25 jd (ca. gleich wie euro) liegt.
      leid tun ist vielleicht gar nicht der richtige ansatz: es ist ihre kultur, wir haben unsere. richtig/falsch gibts da nicht; aber klar, fuer mich sind gerade die strengen beduinenregeln auch unvorstellbar. lg doris

      Reply

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